Irland

[14] Irland (hierzu Karte »Irland«; engl. Ireland, bei den keltischen Urbewohnern Eirin oder Erin, d. h. Westland, woraus die bei den Alten üblichen Namen Ierne, Ivernia und Hibernia entstanden), ein mit Großbritannien vereinigtes Königreich, umfaßt die westliche der beiden großen britischen Inseln und liegt zwischen 51°26'–55°23' nördl. Br. und zwischen 5°20'–10°26' westl. L.

Tabelle

Lage und Küstenbildung.

Die Insel I. wird von Schottland durch den Nordkanal, von England durch das Irische Meer und den St. Georgskanal getrennt und ist im übrigen vom Atlantischen Ozean umgeben. Die Gestalt der Insel ist in ihrer Grundform als Rautenviereck zu denken. Der nördlichste Punkt ist Malin Head, der südlichste Mizen Head; die Westspitze bildet Dunmore Head, den östlichsten Punkt die Küste südlich von Donaghadee. Die längste, in südwestlicher Richtung durch die Insel gezogene Linie mißt 497 km; die durchschnittliche Breite der Insel beträgt etwa 210 km, ihr Flächeninhalt 84,253 qkm (1530 QM.), oder nach Abzug der Wattflächen und Küstengewässer 83,792 qkm (1521,7 QM.). Die Küste hat eine Ausdehnung von 2254 km, und kein Punkt des Landes ist über 80 km vom Meer entfernt. Was Reichtum an schönen, natürlichen Häfen betrifft, so genießt I. im Vergleich zu Großbritannien entschieden den Vorzug; schade nur, daß die Mehrzahl der besten Häfen an der dem offenen Atlantischen Meer zugewendeten Westküste liegt, wo sie dem Handel nur wenig nützen und eigentlich nur Fischerbooten eine Zufluchtsstätte bieten. Ganz wie in Großbritannien, ist auch in I. die Ostküste im allgemeinen flach und einförmig, die Westküste dagegen steil und vielfach gegliedert. Der einzige gute Hafen an der Ostküste wird durch den Belfast Lough gebildet. An der Nordküste verdient Lough Swilly Beachtung, an der Westküste die durch die 463 m hohe[15] Clareinsel geschützte Clewbai und die durch die Araninseln geschützte Galwaybai mit ihren Unterabteilungen. An der zerrissenen, durch tiefe Fjorde gekennzeichneten Südwestküste sind zu erwähnen: der Valentiahafen, der sicherste in ganz Kerry, die Dinglebai, der tief ins Land eindringende sogen. Kenmare River und die Bantrybai. An der Südküste liegt der sichere und geräumige Hafen von Cork.

Physische Verhältnisse.

Bodengestaltung. Der größte Teil der Insel besteht aus einer welligen Tiefebene, reich an Seen, Sümpfen und Torfmooren. Diese Tiefebene erstreckt sich von der Ostküste bei Dublin ununterbrochen bis zur Westküste und dringt auch an andern Stellen bis an die Küste vor, so daß 77 Proz. der gesamten Oberfläche der Insel eine Meereshöhe von weniger als 150 m haben. Nehmen wir an, daß das Meer bis zu dieser Höhe stiege, dann würde sich I. in einen Archipel auflösen, bestehend aus zahlreichen Inseln, deren höchste, in Kerry, 890 m über den neuen Meeresspiegel sich erheben würde. Die Berge sind meist nackt und ohne Gehölz, oft wild und felsig und fast stets von malerischen Formen. Sie haben im allgemeinen die Normalstreichlinie der Berge von Wales oder Schottland und bilden keine eigentlichen Ketten, sondern einzelne Gruppen. Die wichtigsten dieser Gruppen sind in Nordirland: die Berge von Antrim, im nordöstlichen Teil der Insel, die im Trostan 549 m hoch ansteigen und in steilen Basaltmassen ins Meer abfallen (s. Giant's Causeway); die Mourne Mountains, südlich von den vorigen, in der Grafschaft Down (mit dem 852 m hohen Slieve Donard), die in den in südwestlicher Richtung streichenden Hügelzügen, die gleich ihnen vorherrschend aus silurischem Gestein bestehen, eine Fortsetzung finden; die Sperrin Mountains, auf der Grenze von Londonderry und Tyrone, von den Bergen Antrims durch das Tal des Bann, von jenen Donegals durch den Fluß Foyle getrennt (im Mount Sawel 672 m hoch); die Berge von Donegal, im nordwestlichsten Winkel der Insel, ein zerklüftetes Gebirgsland mit tiefen Tälern und kleinen malerischen Seen, mit dem Errigal (750 m) und Bluestack (674 m hoch); die Berge von Dowbally, in Leitrim und Cavan, von den vorigen durch den Fluß und See Erne geschieden (im Cuilcagh 667 m hoch); die Nephinberge, an der Westküste, in der Grafschaft Mayo, und nördlich von der Clewbai (806 m); die Hochlande von Connemara (die Twelve Pius von Bennebeola, bis 730 m) und die von ihnen durch die tief ins Land eindringende fjordartige Killerybai geschiedenen Gebirge im S. der Clewbai (Muilrea 817 m, Croagh Patrick 765 m). Im S. steigen an der Ostküste, dicht bei Dublin, die Berge von Wicklow an, berühmt durch landschaftliche Schönheiten, im Lugnaquilla 926 m hoch. Sie setzen sich in südwestlicher Richtung in einem Höhenzug fort, in dem die Berge Leinster und Blackstairs zu 793 und 734 m ansteigen. Ferner sind hier zu nennen: die Comeragh- und Knockmealdownberge (753 und 795 m hoch), die sich von der Südküste ins Innere erstrecken und von den Flüssen Suir und Blackwater begrenzt werden; die Berge von Kerry im äußersten Südwesten, die Irische Schweiz, mit den Seen von Killarney und aus mehreren Gebirgszügen bestehend, zwischen denen die See tief eindringt und Fjorde bildet. Sie erreichen ihren Höhepunkt im Carrantuohill in den Macgillicuddy Reeks, der 1040 m hoch ansteigt. Außer diesen Küstengebirgen erheben sich im Innern des Landes mehrere Höhenzüge, unter denen die Galtymore- (947 m), Silvermine- (Keeper 692 m) und Slieve Bloomberge (522 m) die bedeutendsten sind.

Geologische Bodenbeschaffenheit. Der Untergrund der irischen Ebene besteht wesentlich aus Kohlenkalkstein, dem ausgedehnte Torfmoore und Geschiebelehm und Moränen der Eiszeit ausgelagert sind; über diese ragen die aus älterm Gestein bestehenden Gebirgszüge hervor, die eine Fortsetzung der Berge von Schottland und Wales sind. Die Mehrzahl der Gebirgszüge wird von silurischen Schichten gebildet, die von Granit vielfach durchbrochen und metamorphosiert worden sind. In Antrim tritt Basalt sehr verbreitet auf, von Lias, Kreide und Tertiär umlagert, während im nordwestlichen I. kristallinische Schiefer mit dem gleichen Streichen wie die schottischen, und ebenfalls von Granit und Quarzporphyr durchbrochen, herrschen. Die Gebirge des südlichen I. zeigen, in Übereinstimmung mit denjenigen von Wales, besonders paläozoische Bildungen (Old red und Kohlenkalk) entwickelt; in den Galtymorebergen treten auch devonische Sandsteine auf. An nutzbaren Mineralien ist I. nicht sehr reich. Silber-, Blei- und Kupfererze finden sich in den Wicklowbergen südlich von Dublin; Eisenerze in Antrim, Steinsalz bei Carrickfergus; Steinkohlen sind nur in geringer Menge vorhanden. Marmor wird bei Kilkenny, Connemara und Donegal gewonnen.

Gewässer. I. ist gut bewässert; nicht weniger als 237 Flüsse und Flüßchen (ohne die Nebenflüsse) eilen dem Meere zu. Ihr Lauf ist nicht reißend, häufig erweitern sie sich zu Seen, und viele unter ihnen sind fast bis zu ihrer Quelle schiffbar. Die wichtigsten sind: Shannon, Barrow (mit Suir und Nore) und Bann (Näheres s. in den besondern Artikeln). Größe des Flußgebiets und Länge des Laufes der bedeutendern Flüsse gibt die folgende Tabelle:

Tabelle

Der ansehnlichste unter den zahlreichen Seen ist der Lough Neagh (397 qkm oder 7,2 QM.), den der Bann durchfließt. Ihm an Größe zunächst stehen der Lough Corrib (176 qkm oder 3,2 QM.), die beiden vom Erne gebildeten Seen (zusammen 149 qkm oder 2,7 QM.), Lough Ree (129 qkm oder 2,3 QM.) und Lough Derg (93 qkm oder 1,7 QM.). Die Seen von Killarney sind berühmt wegen ihrer romantischen Umgebungen.

Das Klima von I. ist ozeanisch mild und feucht. An der Westküste sind die Regenmengen bedeutender als an der Ostküste (Winter- und Herbstregen). Die mittlere jährliche Regenmenge beträgt für Ostirland 70–100, für Westirland bis über 120 cm. Die große Feuchtigkeit der Luft ist einesteils dem Ackerbau nicht günstig, erzeugt aber andernteils in Verbindung mit der reichlichen Bewässerung jenes immer frische Grün, dem das Land den Namen der »grünen Insel« oder der »Smaragdinsel« (Emerald Isle) verdankt. Selten bleibt, selbst auf den Bergen, der Schnee längere[16] Zeit liegen. Die mittlern Jahresextreme in Dublin sind 25° und -5°. An der Südwestküste fällt das Thermometer nur in seltenen Fällen unter den Gefrierpunkt. Das Januarmittel beträgt in Belfast 4°, Dublin 5° und Valentia 7°. Die Flora Irlands hat die meisten Züge mit der Englands (s. d., S. 797) gemeinsam, unterscheidet sich aber durch noch größere Zahl von atlantischen Arten, wie Arbutus unedo, Saxifraga Geum, S. hirsuta, S. umbrosa etc. Auch ist I. reich an arktisch-alpinen Pflanzen, die z. B. im nordwestlichen Donegal fast bis zum Meeresniveau hinabsteigen, aber auch den schottischen und englischen obersten Gebirgsregionen nicht fehlen. Die aus Nordamerika eingewanderte Iridazee Sisyrinchium Bermudiana wächst auch in England sowie an der deutschen Nordseeküste. I. ist so tierarm, wie kein andres entsprechendes Gebiet. Um so bemerkenswerter ist das Vorkommen des irischen Riesenhirsches noch in vorgeschichtlicher Zeit, dessen Skelette sich häufig in den Mooren der Insel finden. Der irische Hase wird als eine Abart des gewöhnlichen Hafen betrachtet. Von der Vogelwelt ist hervorzuheben, daß auch die Nachtigall bis I. geht. Von Reptilien finden sich in I. nur die Ringelnatter und die Bergeidechse und von Amphibien nur der Streifenmolch und der Schweizer Molch.

Die erste genauere Bevölkerungsangabe, von 1695, kennt 1,034.102 Bewohner Irlands; um 1750 war die Volkszahl schon auf 2,372,634,1811, wo regelmäßige Zählungen begannen, auf 5,937,856,1845 auf 8,295,061 gestiegen. Damit hatte sie aber ihren Höhepunkt erreicht. Zwei Jahre hintereinander versagte die Kartoffelernte, und Hungersnot sowie Krankheiten forderten Tausende von Opfern.

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Dazu kam nun eine immer rascher sich steigernde Auswanderung nach Großbritannien und namentlich nach Nordamerika, und so ist es erklärlich, daß 1851 die Bevölkerung auf 6,574,278,1861 auf 5,798,967,1871 auf 5,412,377,1881 auf 5,174,836,1891 auf 4,704,750 und 1901 auf 4,456,546 Seelen gesunken ist, die sich nach vorläufiger Feststellung auf die einzelnen Grafschaften, wie vorstehend angegeben, verteilen.

Während der Jahre 1851–1902 wanderten 3,788,789 Irländer nach dem Ausland aus (74,290 im jährlichen Durchschnitt), doch hat die Auswanderung neuerdings erheblich abgenommen (1902: 42,256). Aber auch in Großbritannien haben viele Irländer eine neue Heimat gefunden, denn 1901 zählte man der Geburt nach 4,958,576 Irländer im Vereinigten Königreich, von denen nur die oben angegebene Zahl in I. wohnte. Dagegen lebten in I. nur ca. 28,000 geborne Schotten und 76,977 geborne Engländer. Zeitweise gehen etwa 15,000 Irländer jährlich nach Schottland und England, um dort bei der Ernte zu helfen. Nach dem Zensus von 1901 leben durchschnittlich 53 Menschen auf 1 qkm, und die Bevölkerung ist am dichtesten in Ulster (71 auf 1 qkm) und in den Grafschaften Dublin, Antrim, Down und Armagh mit bez. 487,149,116 und 94 auf 1 qkm. I. ist kein Land großer Städte wie England. Nur Dublin und Belfast haben je über 100,000 Einw., während es außer ihnen nur 16 Städte von über 10,000 Einw. gibt, darunter Cork, Londonderry, Limerick, Rathmines (mit Rathgar), Waterford und Pembroke mit mehr als 25,000 Einw. Bewohnte Häuser zählte man 1901: 858,158 (um 12,420 weniger als 1891). Die Zahl der Haushaltungen betrug 910,256. Über die Bewegung der Bevölkerung liegen keine zuverlässigen Angaben vor. Im Durchschnitt der Jahre 1893–1902 sollen auf 1000 Lebende nur 22,8 Geburten und 17,8 Todesfälle und 4,9 Eheschließungen gekommen sein, und diese Zahlen werden anscheinend gerechtfertigt durch die Angaben über den Zivilstand, denn 1901 kamen auf 1000 männliche Personen 263 Verheiratete, 40 Verwitwete, 697 Unverheiratete; auf 1000 weibliche Personen 262 Verheiratete, 93 Verwitwete, 645 Unverheiratete. Auf 1000 Männer kamen 1901: 1027 Frauen. Von den Geburten sind nur 2,4 Proz. unehelich. Nach der Berufszählung von 1901 empfangen wir von der Bevölkerung Irlands folgendes Bild. Es waren 1901: 3,565,183 Personen über 10 Jahre alt; davon waren 1,949,607 erwerbstätig (547 pro Mille, und zwar bei den Männern 803, bei den Frauen 302 pro Mille), 1,615,576 ohne Beschäftigung. Unter den Erwerbstätigen waren in der Landwirtschaft beschäftigt 859,525 Personen (241 pro Mille der über 10 Jahre alten Einwohner), in der Fischerei 10,434, im Bergbau 6512, in der Metallindustrie und dem Maschinenbau 29,080, im Schiffbau 6234, mit der Verarbeitung edler Metalle 2249, in der Elektrizitätsindustrie 899, im Bauwesen 60,977, in der Holzverarbeitung 11,040, in der Ton- und Glasindustrie 1381, in der chemischen 2896, in der Leder -4267, in der Papierindustrie 11,563, in der Textilindustrie 110,208 (31 pro Mille), ferner in der Kleiderkonfektion 141,588 (40 pro Mille), in der Nahrungs- und Genußmittelindustrie 75,148; ferner waren Arbeiter verschiedener Gattung 177,516 (41[17] pro Mille); mit Handel waren beschäftigt 39,323, im Verkehrswesen 71,255, häusliche Dienstboten 202,238 (57 pro Mille), Beamte 34,281, Angehörige des Heeres und der Flotte 27,698, Geistliche, Gelehrte, Künstler etc. 55,715.

Nationalität, Religion.

Die Bevölkerung Irlands hat wohl zum größten Teil keltisches Blut in den Adern. Jedenfalls haben sich die Nachkommen der schottischen und englischen Kolonisten den eingebornen Kelten derart assimiliert, daß sie in Charakter und Sinnesart als Kelten, d. h. als echte Iren, gelten müssen. In I. wie im Osten Europas bildet aber nicht die Nationalität, sondern die Religion die Scheidewand unter der Bevölkerung. Nicht Kelte und Sachse stehen sich hier gegenüber, sondern Protestant und Katholik, Orangeman und Papist. Bei gewissen nationalen Fragen gehen jedoch beide Parteien oft Hand in Hand, nur daß der protestantische Ire, seinem Ursprung getreu, besonnener und in seinen Ansprüchen gemäßigter ist als der beweglichere Kelte. Von einer keltischen Nationalsprache kann kaum noch die Rede sein, und die Bemühungen der Society for the preservation of the Irish language (s. Keltische Sprachen) werden ohne nachhaltigen Erfolg bleiben, obgleich es ihr gelungen ist, Irisch als Unterrichtsgegenstand in einigen Schulen einzuführen. Indes bedienten sich 1891 immerhin noch 680,174 Menschen der irischen Sprache (gegen 1,204,684 in 1851), aber nur 38,121 Menschen waren des Englischen unkundig. Am zahlreichsten ist diese irisch sprechende Bevölkerung im W. und SW. des Landes und namentlich in Donegal, in Mayo, Galway und Clare, in Kerry und den abgelegenen Gegenden von Cork und Waterford. Die sächsische Rasse bildet die Mehrzahl im westlichen Ulster, wo namentlich Schotten und neben ihnen auch Engländer den Hauptstamm der Bevölkerung ausmachen. Sie erstreckt sich auch von Dublin aus durch die Mitte des Landes bis nach Tipperary hinein und zum Shannon; ferner hat sie in Wexford und Waterford festen Fuß gefaßt. Mit ihr vermischt leben die Abkömmlinge der skandinavischen Eroberer aus frühester Zeit. Von untergeordneter Bedeutung waren die Spanier, die sich in Galway und Kinsale niederließen, und die protestantischen Pfälzer (Palatines), die Lord Southwell im 17. Jahrh. bei Limerick einführte. Beim keltischen Grundstock der Bevölkerung lassen sich zwei Typen unterscheiden. Die sogen. Milesier (der Sage nach von den aus Spanien herübergekommenen Söhnen des Königs Milesius abstammend) haben schwarzes Haar, glänzende, dunkle Augen, ovales Gesicht, sein gebildete und nervige Formen. Sie herrschen im W. und S. vor. Das mittlere I. und die Bergbezirke bewohnen die echten Iren, mit hohen Backenknochen, stumpfer Nase, rundem Gesicht, grauen Augen, grobem braunen Haar, muskulösem Körper und untersetztem Wuchs. Diese sämtlichen Elemente sind aber derart verschmolzen, daß man füglich von einer irischen Nationalität sprechen kann.

Der Charakter der echten Iren ist ein höchst eigentümliches Gemisch von allerlei einander großenteils widersprechenden Eigenschaften. Ein beweglicher, leichter Sinn bildet die Grundlage des irischen Charakters, und derselbe zeigt fast alle Tugenden, die mit solchem vereinbar sind, während seine Fehler meist in entsprechendem Mangel an Besonnenheit, Ausdauer und Selbstbeherrschung beruhen. Dichterische Begabung, Kunstsinn, Liebe zur Musik und Beredsamkeit lassen sich dem Irländer nicht absprechen. Er ist wißbegierig, schlau, scharfsinnig und witzig. Aber bei allen geistigen Anlagen fehlt ihm die Tiefe; oberflächlich in seinem Tun und Denken, unzuverlässig bei der Arbeit, wenig ausdauernd und flatterhaft, ist er großen Aufgaben nicht gewachsen. »Paddy« (wie man den Iren nach dem oft vorkommenden Namen Patrick nennt) ist gutherzig und vertrauensvoll, verdient aber selbst kein Vertrauen. Verräterei hat in allen irischen Erhebungen stets eine traurige Rolle gespielt. Mit der Wahrheit nimmt er es bei großer Einbildungskraft nicht sehr genau. Reizbar, zur Rauferei und zu Gewalttätigkeiten geneigt, liebt er auch laute Lustbarkeit. Ebenso leicht, wie er sich der Völlerei ergibt, erträgt er auch den Mangel und ist zufrieden, wenn er nur Kartoffeln hat, das Leben zu fristen.

Religion. Im J. 1901 zählte man 3,310,028 Katholiken (74,2 Proz.), 579,385 Mitglieder der bischöflichen Kirche (13,0 Proz.), 443,494 Presbyterianer (9,9 Proz.), 61,255 Methodisten, 56,703 andre Dissidenten und 3769 Juden. Dagegen bildeten die Katholiken 1731 nur 65 Proz., 1834 aber 81 Proz. der Bevölkerung. Die ehemalige protestantische Staatskirche wurde 1871 aufgehoben, ihr Vermögen (16,5 Mill. Pfd. Sterl.) eingezogen und aus ihm den Geistlichen etc. Leibrenten (zusammen 228,856 Pfd. Sterl.) ausgesetzt oder eine einmalige Entschädigung gezahlt. Ferner wurde der aus der ehemaligen Staatskirche hervorgegangenen Church of Ireland 1 Mill. Pfd. Sterl. als Entschädigung für Privatstiftungen gewährt; das katholische Maynooth College erhielt 372,330 Pfd. Sterl., die Presbyterianer 751,625 Pfd. Sterl., die ehemaligen Kirchenpatrone 740,510 Pfd. Sterl. Der Überschuß (etwa 5,2 Mill.) wird für allgemeine Zwecke verwendet. An der Spitze der »Kirche von I.« stehen 2 Erzbischöfe (zu Armagh und Dublin) und 11 Bischöfe. Ihre Synode besteht aus 2 Häusern, deren erstem die Bischöfe, dem zweiten 208 Geistliche und 416 Laien angehören, während der aus ihr hervorgegangene Representative Church Body außer den Bischöfen aus 52 Mitgliedern besteht; er verwaltet das Kirchenvermögen (jetzt über 8 Mill. Pfd. Sterl.). Die römisch-katholische Kirche steht unter 4 Erzbischöfen (Armagh, Dublin, Cashel, Tuam) und 23 Bischöfen. Sie unterhält 2420 Kirchen mit 3525 Geistlichen, 97 Mönchs- und 270 Nonnenklöster.

Bildung.

Die Volksschule steht unter der Aussicht einer Kommission (Commissioners of national education), deren Mitglieder (20, je zur Hälfte Protestanten und Katholiken) vom Lord-Lieutenant ernannt werden. Bei weitem am zahlreichsten sind die mit Staatszuschuß ausgestatteten konfessionslosen Nationalschulen, die seit 1845 eingerichtet sind. 1902 waren in den 8712 Nationalschulen 737,086 Kinder eingeschrieben, im Durchschnitt wurden sie aber nur von 487,098 Kindern besucht. Neben ihnen bestanden (Ende 1901) 267 Klosterschulen, in denen 108,606 Kinder eingeschrieben waren, von denen aber nur 74,358 die Schule besuchten. Von den 490 Sekundärschulen sind 52 Stiftungsschulen, 26 geistliche, 92 klösterliche, 226 Privatschulen und 16 Colleges. Universitätsbildung gewähren: die 1591 gestiftete Dubliner Universität (Trinity College), jetzt allen ohne Unterschied des Glaubens zugänglich, die drei konfessionslosen Queen's Colleges in Belfast, Cork und Galway, die katholische Universität von Dublin, mit 6 affiliierten Colleges, darunter das katholische Priesterseminar Maynooth College. Die 1880 errichtete Royal University von I. ist nur Prüfungsbehörde. Außerdem sind zu erwähnen:[18] die Technische Schule (School of science) in Dublin, die landwirtschaftliche Akademie in Glasnevin, eine Kunstakademie, eine Akademie der Musik. An der Spitze der gelehrten Gesellschaften stehen die Royal Society von Dublin und die Royal Irish Academy. Daß der Unterricht gute Früchte trägt, beweist die Tatsache, daß 1891 nur 18,4 Proz. der über 5 Jahre alten Bewohner nicht lesen konnten, während sich 1861: 38,7 Proz. in der gleichen Lage befanden. In den letzten Jahrzehnten hat die Zahl der Verbrechen abgenommen, doch war dabei nicht ohne Einfluß, daß gerade viele der schlimmsten Elemente auswanderten. 1851 wurden 24,684 Personen vor die Geschwornengerichte gestellt, 1881 noch 5311, 1902 nur 1717, von denen 620 freigesprochen wurden. Es bestehen 9 Zuchthäuser und 25 Gefängnisse, 7 Besserungsanstalten (reformatories) und 74 Industrieschulen (für verwahrloste Kinder).

Landwirtschaft, Fischerei, Bergbau.

Den Haupterwerbszweig bildet die Landwirtschaft, deren Entwickelung indes durch die Eigentumsverhältnisse wie infolge der Zerstückelung des Bodens gehemmt worden ist. Unter Elisabeth, Jakob I. und deren Nachfolgern kamen neun Zehntel des Landes durch Konfiskation in die Hände von Eigentümern, von denen viele bereits in England große Güter hatten. Die Bewirtschaftung ihrer neuen irischen Besitzungen überließen sie Mittelsmännern, die Einkünfte aber verzehrten sie im Ausland. In neuerer Zeit sind durch Vermittelung des Encumbered Estates Court viele verschuldete Güter zerstückelt und verkauft und auch ein Teil der Kirchengüter veräußert worden. 1875 gab es nur 68,716 Grundeigentümer, von ihnen hatten 36,144 einen Besitz von unter 1 Acre (40 Ar), während fast die Hälfte des ganzen Landes sich im Besitz von 744 Eigentümern, nahezu zwei Drittel in dem von 1942 Eigentümern befanden. Dazu kommt, daß ein großer Teil der Großgrundbesitzer außerhalb des Landes wohnt und reiche Einkünfte dem Land entzieht (s. Absentismus). Erst in den letzten Jahrzehnten ist durch die Gesetzgebung die Lage der Pächter gebessert und ihnen seit 1891 der Landankauf erleichtert worden. Ein Garantiefonds von 33 Mill. Pfd. Sterl. ist geschaffen, aus dem der Kaufpreis vorgeschossen wird; letzterer soll den 20fachen Betrag des Reinertrags der Pacht betragen. Der Käufer hat jährlich 4 Proz. dieses Preises für Zinsen, Amortisation etc. zu zahlen und erwirbt nach einem Zeitraum von 49 Jahren das freie Eigentum seines Pachtguts. Eine weitere Erleichterung des Landankaufs ist durch die Landakte von 1903 herbeigeführt worden (Weiteres s. Großbritannien, S. 417).

Die Zahl der ländlichen Besitzungen betrug 1901: 590,175, darunter hatten 74,328 einen Umfang von weniger als 40 Ar (1 Acre), 62,855 von 40 Ar bis 2 Hektar, 154,418 von 2–6 Hektar, 134,090 von 6–12 Hektar, 74,255 von 12–20 Hektar, 57,407 von 20–40 Hektar, 23,107 von 40–81 Hektar, 8186 von 80–202 Hektar, 1528 über 202 Hektar. Bei der früher rasch anwachsenden Bevölkerung und dem Mangel an anderweitigen Erwerbsquellen hatte sich in I. eine Zwergwirtschaft herausgebildet, wie sie wohl in keinem andern Lande zu finden ist. Hungersnot, Auswanderung und auch die früher recht zahlreiche Ausschließung der Pächter haben indes zusammengewirkt und bessere Zustände geschaffen. Die Zahl der Eigentümer betrug 1901: 543,238 oder, wenn man die Zwergwirtschaften von weniger als 1 Acre wegläßt, 470,004. Die Zahl der Farmen im Umfange von 40 Ar bis 2 Hektar hat sich seit 1841 um 79,8 Proz., die zwischen 2 und 6 Hektar um 39 Proz. vermindert, dagegen die von 6–12 Hektar um 69 Proz., die über 12 Hektar um 238 Proz. vermehrt.

Welche Wandlungen die Landwirtschaft in I. seit 1841 durchgemacht hat, zeigt die folgende Tabelle:

Tabelle

Also auch in I. zeigt sich wie in Großbritannien eine Zunahme der Weiden auf Kosten des Ackerlandes und der Anpflanzungen (plantations) von Wald, gleichzeitig aber seit 1871 eine bedauerliche Abnahme der gesamten landwirtschaftlich verwerteten Fläche. Immerhin aber kamen 1851 auf 100 Acres Ackerland noch 108 Bewohner, 1902 nur 96, während gleichzeitig die Weiden um 29 Proz. zugenommen hatten.

Hauptprodukte des Ackerbaues sind: Hafer, Kartoffeln, Rüben und Futterkräuter. Der Anbau von Weizen nimmt neuerdings etwas zu, bleibt aber unbedeutend, denn man sieht ein, daß I. schon seines feuchten Klimas halber nicht mit Amerika als Getreidekammer konkurrieren kann, und daß es lohnender ist, die benachbarten großbritannischen Märkte mit Schlachtvieh, Butter und Speck zu versehen. Auch der Flachsbau hat trotz der von der Regierung bewilligten Unterstützungen seit einem Jahrzehnt bedeutend abgenommen. 1902 waren bebaut mit Getreide 527,896, mit Bohnen und Erbsen 1079, mit Kartoffeln 254,779, mit Rüben und Kohl 135,480, mit Flachs 20,138, mit Klee, Luzerne etc. 244,319 Hektar. 2119 Hektar lagen brach, 4,305,839 bestanden aus Weiden, 633,602 waren Grasland, 122,681 waren bewaldet. Die Ernte lieferte 1902: 528,171 hl Weizen, 2,887,702 hl Gerste, 19,555,471 hl Hafer, 37,253 hl Bohnen, 2,726,000 Ton. Kartoffeln, 4,946,800 T. Futterrüben, 1,463,200 T. Runkelrüben, 5,2 Mill. T. Heu.

Der Viehstand nahm seit 1851 (außer bei den Pferden) bedeutend zu und hat gegenwärtig folgenden Umfang:

Tabelle

Außerdem gab es 1901: 28,882 Maulesel, 238,980 Esel und 312,409 Ziegen, ferner 18,810,717 Stück Geflügel und 33,171 Bienenstöcke, davon 16,754 mit beweglichen Waben (Ertrag 283,000 kg Honig).

Die Fischerei ist für I. von Bedeutung und könnte es in noch höherm Grade werden, denn das umgebende Meer wimmelt von Fischen aller Art: Kabeljaus, Rotaugen (hakes), Lengs, Heringen, Makrelen etc., und in den großen Flüssen, namentlich im Bann, Foyle, Boyne und Shannon, wird die Lachsfischerei mit Erfolg betrieben. Die Austernzucht (an der Küste von South Wicklow) hat man zu heben gesucht, doch ohne wesentlichen Erfolg. Die Seefischerei wurde 1903 von 27,758 Menschen mit 7472 Booten betrieben, ihr Ertrag ward 1902 auf 296,600 Pfd. Sterl. geschätzt; daran hatten Makrelen und Heringe den größten Anteil.

[19] Es fehlt zwar I. nicht an nützlichen Metallen und Steinkohlen, aber der Bergbau ist nur wenig entwickelt und wird nur von 1,8 pro Mille der über 10 Jahre alten Bevölkerung betrieben (gegenüber 31,8 in England, 38,4 in Schottland). Am wertvollsten sind noch die Steinkohlen (Ertrag 1902: 108,737 Ton.), die in sieben getrennten Feldern auftreten. Am ausgedehntesten ist das große Kohlenfeld von Munster (den ganzen Südwesten umfassend, und getrennt davon das in der Grafschaft Tipperary); ein kleineres Kohlenfeld liegt in Leinster (Grafschaft Kilkenny). Die in den erwähnten Revieren gefundenen Kohlen sind Anthrazit, dagegen kommen in den drei kleinen Kohlenfeldern von Ulster und in demjenigen von Connaught (in der Nähe vom Lough Allen) bituminöse Kohlen vor und in letzterm außerdem Massen von Eisenerz. Braunkohlen finden sich am Lough Neagh. Torfmoore (bogs) kommen in großen Massen vor. Sie bedecken 6077 qkm (111 QM.) Flachland und 2486 qkm (45,1 QM.) Hügelland. Erstere sind selten über 2 m mächtig, letztere bis 10 m. Sie sind z. T. rotbraun und mit Heidekraut bedeckt, z. T. schwarz und fest, in der Tiefe aus fester, pech- oder kohlenartiger Substanz bestehend, dem gewöhnlichen Brennmaterial des Landvolkes. Manchmal enthalten sie Holzreste (bogwood), die zur Anfertigung von Schmucksachen verwendet werden. Ein Teil der Torfmoore ist bereits entwässert worden und dient als Weide- oder selbst als Ackerland. Eisenerze finden sich in Antrim (Ertrag 1902: 81,762 Ton.), Raseneisenstein (4905 T.) in verschiedenen Teilen des Landes. Steinsalz kommt bei Carrickfergus vor (Ausbeute 68,224 Ton.), ferner 12,063 T. Sudsalz. Außerdem werden gewonnen: Kupfererz (444 Ton.), Schwefelkies (1617 T.), Schwerspat (1218 T.), Ocker (544 T., in der Grafschaft Wicklow), Bauxit (9045 T.), ferner Ton, feuerfester Ton, Sandstein, Kalkstein, Schiefer.

Industrie, Handel, Nationaleinkommen.

Die Industrie Irlands steht bei weitem hinter der in den übrigen Teilen des Vereinigten Königreichs zurück; während 1901 in England 302 pro Mille, in Schottland sogar 347 pro Mille der über 10 Jahre alten Bewohner in der Industrie tätig waren, waren es in I. kaum 181. Daß I. kein Fabrikstaat geworden, erklärt sich hinreichend durch die geringen natürlichen Hilfsmittel des Landes im Vergleich mit denjenigen des benachbarten Großbritannien. Allerdings trat England 1698–1779 der natürlichen Entwickelung der irischen Wollindustrie durch Ausfuhrverbote entgegen, die es zugunsten seiner eignen Fabrikanten erließ, doch hatte um die Mitte des 19. Jahrh., als I. noch über 8 Mill. Einw. zählte, sich eine bedeutende Textilindustrie entwickelt, die 1841: 696,000 Personen beschäftigte, davon waren in der Leinweberei 135,300, in der Wollwarenindustrie 80,800, in der Flanellweberei 23,000 Personen tätig, während 441,000 Personen als Spinner und Weber bezeichnet werden. Von jener blühenden Industrie hat sich gegenwärtig nur die Leinweberei in einiger Bedeutung erhalten; denn von den 110,208 Personen, die 1901 in der Textilindustrie beschäftigt waren, gehörten der Leinweberei 72,099 (darunter 48,900 weibliche Personen) an, der Wollweberei 5197, der Seidenindustrie 188, und die Flanellweberei war ganz eingegangen. Die Strumpfwirkerei, die 1851: 35,600 Arbeiter beschäftigte, wurde 1901 nur von 619 betrieben, die Baumwollweberei von 2023 (1851 noch von 16,100), die Fabrikation von Krepp, Gaze, Schals und Modeartikeln von 3800 Personen (1851 von 64,000). Auch die Musselinstickerei (etwa 4200 Personen) ist zurückgegangen, dagegen die Spitzenfabrikation (2118) seit 1891 erheblich gestiegen. Mit Bleicherei, Färberei und Druckerei beschäftigten sich 11,978 Personen (gegen 25,709 im I. 1881). Von den 1,016,111 Spindeln und 28,612 mechanischen Webstühlen, die sich 1890 in sämtlichen 263 Textilfabriken Irlands befanden, entfielen 87 Proz. auf Leinwandfabriken. Hauptsitz der gesamten Textilindustrie ist die Provinz Ulster und namentlich Belfast, aber auch in Dublin, Limerick und bei Cork bestehen Fabriken. Wichtig sind außerdem: die Maschinenfabriken, Werften und Nagelschmieden von Belfast, die Tabakfabriken von Dublin und Limerick, die Branntweinbrennerei und die Bierbrauerei (in Dublin berühmter Stout). Vgl. Großbritannien, S. 368.

Der Handel Irlands ist wesentlich ein Handel mit der Nachbarinsel. Die Einfuhr vom Ausland betrug 1903 nur 14,338,341 Pfd. Sterl., und die direkte Ausfuhr ist ganz unbedeutend (1903: 169,964 Pfd. Sterl.), da die Ausfuhr irischer Produkte fast ausschließlich durch Liverpooler und Glasgower Häuser vermittelt wird. Zur Einfuhr gelangen namentlich Getreide, Flachs, Leinengarn, Kolonialwaren, Petroleum, Tabak, Wein, Spirituosen; ausgeführt werden Schlachtvieh (besonders lebende Schweine nach England), Pferde, Butter, Speck, Schmalz, Leinenwaren, Whisky und Bier. Die Ausfuhr von ausländischen und Kolonialprodukten betrug 1903: 1,086,925 Pfd. Sterl. Den Handel fördern Eisenbahnen in einer Länge von 1902: 5172 km und Kanäle (zusammen 560 km), wovon zwei, der Grand und der Royal Canal (s. d.), Dublin mit dem Shannon verbinden, während der Ulsterkanal von Belfast zum Lough Neagh führt. Seeschiffe besitzt I. 1903: 944 mit einem Gehalt von 296,059 Ton., darunter 370 Dampfer von 243,058 T. 1903 liefen 1080 Schiffe von 1,152,342 T. vom Ausland und 31,570 Schiffe von 6,491,346 T. im Küstenhandel ein. Die Post beförderte 1902: 150 Mill. Briefe, 20 Mill. Postkarten, 57 Mill. Kreuzbandsendungen und 1,5 Mill. Pakete, und es wurden Geldanweisungen im Betrage von 2,360,000 Pfd. Sterl. ausgestellt.

Nationaleinkommen. Im Vergleich mit England darf man wohl I. ein armes Land nennen, immerhin haben sich die Verhältnisse seit der Hungersnot in den 1840er Jahren bedeutend gebessert. Das Kapital der Sparkassen ist 1851–1902 von 1,359,103 auf 11,489,422 Pfd. Sterl. gestiegen; das steuerpflichtige Einkommen belief sich 1862 auf 23,5 Mill. Pfd. Sterl., 1901/02 aber auf 34,3 Mill. Pfd. Sterl., obgleich in ersterm Jahr auf alle Einkommen über 100 Pfd. Sterl., in letzterm nur auf solche von über 160 Pfd. Sterl. Steuern gezahlt wurden und die Bevölkerung von 5,775,000 auf 4,458,775 Seelen gefallen war. Eine Übersicht des Einkommens (in Tausenden von Pfund Sterling) bietet die folgende Tabelle:

Tabelle

[20] Wenn nun jedenfalls nach obigen Zahlen I. im ganzen wohlhabender geworden ist, so hat doch die Zahl der Armen nicht abgenommen wie in den benachbarten Königreichen, im Gegenteil, im Verhältnis zur Bevölkerung ist dieselbe gewachsen. 1861 erhielten 50,683 Arme Unterstützung (einschließlich 10,422 arbeitsfähige Erwachsene), 1871: 74,692; 1881: 109,655; 1891: 107,129; 1903: 103,228 (4920 arbeitsfähig), und es kam in den genannten Jahren bez. 1 Armer auf je 114,72,47,44 und 43 Bewohner.

Verwaltung, Rechtspflege etc.

Seit Auflösung des irischen Parlaments 1799 bildet I. einen Teil des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und I. und ist im Reichsparlament durch 28 Peers und 103 Vertreter der Gemeinen vertreten (s. Großbritannien, S. 373 f.). An der Spitze der Verwaltung steht der von dem jeweiligen Ministerium ernannte Lord-Lieutenant-General oder Generalgouverneur als Vertreter der Krone, der einen Gehalt von 20,000 Pfd. Sterl. bezieht und von einem förmlichen Hofstaat umgeben ist. Ihm zur Seite stehen der Staatssekretär für I. (Chief Secretary, gewöhnlich Kabinettsminister) und ein Geheimer Rat, dessen Wirksamkeit indes sehr beschränkt ist, ferner ein Lord-Kanzler und ein Attorney-General für I. Die obersten Gerichtshöfe sind denjenigen Englands nachgebildet. Es sind ein Appellhof, der High Court of Justice in vier Abteilungen, ein Admiralitätsgericht und ein Gericht für Bankrottsachen. Die Verwaltung der Grafschaften (S. 16) liegt in den Händen der Lieutenants, die sämtlich vom Lord-Lieutenant-General ernannt werden, und von Friedensrichtern, die der Lord-Kanzler von I. ernennt. Sie bilden die sogen. Grand Jury, welche die Grafschaftssteuern erhebt und verwaltet. Ein besoldeter Richter (stipendiary magistrate) führt bei den Verhandlungen den Vorsitz. Die Verwaltung des Armenwesens liegt in den Händen von Guardians, die von den höher Besteuerten gewählt werden, zu denen aber auch die Friedensrichter ex officio gehören. Durch ein Gesetz von 1898 wurde die Lokalverwaltung ähnlich geordnet wie in den andern Königreichen; es bestehen ein Local Government Board unter dem Vorsitz des Staatssekretärs, Grafschaftsräte, städtische und ländliche Bezirksräte. Elf Städte haben eine Munizipalverfassung, 108 andre erfreuen sich beschränkterer städtischer Rechte, aber in allen ist die Wählerschaft sehr beschränkt. Für Aufrechthaltung der öffentlichen Ruhe sorgen eine militärisch organisierte Constabulary (1902: 11,134 Mann) und eine Schutzmannschaft in Dublin (1173 Mann). I. ist in vier Militärdistrikte (Dublin, Curragh, Cork und Belfast) eingeteilt. An Militär stehen in I. 26 Bataillone und 8 Depots Infanterie, 6 Regimenter Reiterei, 10 Batterien Artillerie und 5 Kompagnien Pioniere, zusammen 26,963 Mann. In I. rekrutieren sich aber 18 Batterien Küstenartillerie, 17 Linien- und 27 Milizbataillone.

Als I. mit Großbritannien zu einem Königreich vereinigt wurde, bestimmte man, daß es 2/15 der gemeinschaftlichen Ausgaben zu decken habe; jetzt beträgt sein Beitrag aber nur etwas über 2/34. Die hauptsächlichsten Ausgaben für I. waren 1903/04: Bauverwaltung 216,128 Pfd., Eisenbahnen 107,214 Pfd., innere Verwaltung 352,635 Pfd., Gerichtswesen und Polizei 2,142,313 Pfd., Unterricht u. Kunst 1,356,538 Pfd. Sterl. Die Einnahmen der Lokalbehörden beliefen sich 1901/02 auf 6,501,293 Pfd. Sterl. (darunter 3,173,621 Pfd. Sterl. an Mietssteuern und Einnahmen städtischer Gas- und Wasserwerke, 362,762 Pfd. an Chausseegeldern und Marktgebühren, 251,628 Pfd. an Renten und Zinsen, 1,298,204 Pfd. als Staatszuschuß, 127,232 Pfd. an Sporteln, 943,875 Pfd. Sterl. aus Anleihen). – Das Wappen Irlands ist eine goldene Harfe mit silbernen Saiten in blauem Feld (s. Tafel »Wappen II«, Fig. 3), Badge oder Kennzeichen ist das Kleeblatt. Nationalfarbe ist eigentlich Hellblau, doch ziehen die Nationalgesinnten Grün vor, die prononcierten Protestanten aber Orange (zur Erinnerung an Wilhelm von Oranien). Alles übrige s. Großbritannien.

[Geographisch-statistische Literatur.] Vgl. außer den ältern Reiseschriften von Clement, Kohl, Venedey, V. A. Huber, Helfferich, Rodenberg (»Die Insel der Heiligen«, Berl. 1860, 2 Bde.): Hull, Physical geology and geography of Ireland (2. Aufl., Lond. 1891); Kinahan, Geology of Ireland (das. 1878); Murphy, Ireland industrial, political and social (das. 1870); Trench, Realities of Irish life (das. 1868 u. ö.); Sullivan, New Ireland (7. Aufl., das. 1882); v. Lasaulx, Aus I. Reiseskizzen und Studien (Bonn 1877); Dennis, Industrial Ireland (Lond. 1887); »Ireland industrial and agricultural« (amtlich, Dublin 1902); Curtin, Myths and folklore of Ireland (das. 1890); Mac Donagh, Irish life and character (das. 1898); Morris, Ireland of today (das. 1898); T. O. Russell, Beauties and antiquities of Ireland (das. 1897); Murray, Handbook for travellers in Ireland (das.). – Von Karten werken sind zu nennen: die sogen. »Six inch map« (1: 10,560, in 1907 Blättern, seit 1864) und die »One inch map« (1: 63,360, in 205 Blättern), die beide auf der in den Jahren 1825–46 erfolgten Landesaufnahme beruhen; Stanfords »London Atlas maps of Ireland«. Die geologischen Aufnahmen sind zum größten Teil abgeschlossen, zugrunde gelegt ist ihnen die »One inch map«; vgl. ferner: Hull, Geological map of Ireland, 1: 486,830 (Lond. 1893,2 Blatt); Bartholomew, General map of Ireland, 1: 633,600 (Edinburg).

Geschichte.

Die älteste Geschichte der Insel ist in Dunkel gehüllt; sie heißt bei den Griechen und Römern Ierne, Ivernia (Hibernia); mit Ierne hängt die Bezeichnung Erin zusammen; die Namen Iren und Irland sind von den Angelsachsen gebildet. Ihre Bewohner waren die Skoten, ein Volk keltisch-gadhelischen Stammes, dessen Name später auf Schottland übertragen ist. Das Land zerfiel in Gaue (Tuath), an deren Spitze Häuptlinge (Ri) standen; mehrere Gaue bildeten einen Obergau unter einem Oberhäuptling; an der Spitze der ganzen Insel stand der Oberkönig, der ursprünglich in Tara residierte, dessen Krongut die Landschaft Meath war, und unter dem Unterkönige die Provinzen Ulster, Leinster, Munster, Connaught beherrschten. Ein genealogischer Verband war der Clan (Stamm), der einen oder mehrere Gaue umfaßte. Die Religion der Iren war ein Kultus der personifizierten Naturkräfte; die Priester und Zauberer (Druiden), Richter (Brehone) und Sänger (Barden) übten großen Einfluß aus. Dem römischen Reiche hat I. nie angehört; und auch von der angelsächsischen Eroberung blieb es lange unberührt. Das Christentum scheint schon im 4. Jahrh. in I. von Britannien aus weit verbreitet gewesen zu sein. Um die Insel für die römische Kirche zu gewinnen, sandte 431 Papst Cölestin I. den Diakon Palladius, und mit diesem identifiziert die neueste Forschung den britischen Priester[21] Sucat, später Patricius (St. Patrick) genannt, der zuerst die Gründung eines nach römischer Ordnung eingerichteteten Bistums in I. versuchte, aber, ohne große Erfolge erzielt zu haben, 459 starb; erst spätere entstellte Überlieferung ließ Patrick ganz I. zuerst bekehren; er wurde als Heiliger verehrt und Schutzpatron der Insel. Im 6. und 7. Jahrh. stand die christliche Kultur in hoher Blüte; zahlreiche Kirchen und Klöster erfüllten die Insel, und ein Strom von Missionaren ging aus ihnen hervor, die in Britannien und auf dem Festland mit irischen Mönchen besetzte sogen. Schottenklöster gründeten. Unter ihnen zeichnete sich besonders der heil. Columba aus, der sich 563 auf der zum schottischen Königreich Dalriada gehörigen Insel Hy oder Jona niederließ und hier ein Kloster gründete, das bald ein Mittelpunkt der Missionstätigkeit wurde. Andre hervorragende Missionare waren im 7. Jahrh. der heil. Columbanus, der Gründer von Luxeuil und Bobbio, der heil. Gallus, von dem St. Gallen den Namen hat, der heil. Kilian, Patron von Würzburg, u. a. m. Der christlichen irischen Kirche gehören auch die berühmten runden Türme an, von den Eingebornen clochach (Glockenhäuser), von den Engländern steeples genannt, zylindrische Gebäude mit 6 oder 7 Stockwerken und einem kegelförmigen Dach, deren man in I. über 100 gezählt hat.

Seit 795 machten die Normannen (Ostmannen) verheerende Einfälle in I., und im 9. Jahrh. drangen sie von den Flußmündungen aus ins Innere vor, um sich hier dauernd niederzulassen. 852 gründete Anlaf (Amlaib) das normannische Königreich in Dublin; sein Verbündeter war Ivar, der Sohn des Ragnar Lodbrog, der etwas später das normannische Königreich Northumberland errichtete. Ivars Nachkommen gewannen auch die Herrschaft in Dublin, so daß beide Königreiche lange von denselben Männern oder wenigstens von Angehörigen desselben Geschlechts beherrscht wurden. Diese hatten fortgesetzt mit den Iren zu kämpfen, denen 919 König Sithric von Northumberland das von ihnen genommene Dublin wieder entriß. König Anlaf Cuaran von Dublin, der 938 von Ethelstan von England in der Schlacht von Brunanburg besiegt worden war, trat 943 zum Christentum über; aber ein großer Teil der Normannen blieb noch heidnisch, und erst 1038 wurde ein Ostmanne Bischof von Dublin. Inzwischen dauerten die Kämpfe mit den Iren fort. 980 besiegte ihr König Maelseachlainn (Malachias) den Anlaf Cuaran; entscheidend war aber erst der Sieg, den die Iren 1014 unter König Brian bei Clontarf erfochten, von dem die Normannen sich nicht mehr völlig erholt haben, wenngleich sie, da Brian bei Clontarf umgekommen war und sein Reich alsbald verfiel, noch lange einen gewissen Einfluß auf der Insel behaupteten.

Eine Wendung in den Zuständen Irlands trat im 12. Jahrh. ein. Die kirchlichen Verhältnisse wurden 1152 auf der Synode zu Kells unter Leitung eines päpstlichen Legaten geregelt und der Erzbischof von Armagh zum Primas von I. erhoben. Für die politischen Zustände war die Einmischung Englands verhängnisvoll. 1166 war der Fürst Dermod (Diarmaid) von Leinster vertrieben worden und nach England geflüchtet. 1169 führte ihn der englische Baron Robert Fitz-Stephen zurück, und ihm kam 1170 der Graf Richard Strongbow zu Hilfe, der Dublin einnahm und den letzten Ostmannenfürsten zur Flucht nötigte. Heinrich II. von England, dem schon 1155 oder 1156 Papst Hadrian IV. die Belehnung mit der Insel versprochen hatte, war mit dem Vorgehen seiner Vasallen unzufrieden und beschloß, sich selbst I. zu unterwerfen. Am 17. Okt. 1171 landete er zu Crook in Waterford; Strongbow, der das Erbe des 1171 gestorbenen Dermod angetreten hatte, huldigte ihm für das Königreich Leinster, der Klerus erklärte sich für ihn, 11. Nov. zog er in Dublin ein und erklärte sich zum Herrn von I. (Lord of Ireland). Er hob die irische Stammesverfassung auf, führte das Lehnswesen ein und vergab reiche Lehen an seine englischen Barone, ohne Rücksicht auf die eingeborne Bevölkerung, so daß durch ihn die erste Grundlage zu dem unversöhnlichen Haß der Iren gegen Engländer gelegt wurde. Nach Heinrichs Abzug brach 1174 eine Empörung unter dem Oberkönig Roderik O'Conor aus; 1175 schloß dieser ein Abkommen mit Heinrich, durch das er als Herr über alle irischen Fürsten mit Ausnahme der Heinrich und seinen Baronen unmittelbar gehörenden Gebiete anerkannt wurde, so daß die Insel fortan in einen unabhängigen und einen englischen Teil zerfiel: in jenem kämpften die Fürsten und Stammeshäuptlinge untereinander und mit den Engländern, dieser war eine Kolonie Englands unter einem Statthalter (King's Lieutenant), der zu Dublin residierte. Der englische Teil war in Grafschaften eingeteilt, und seit dem 13. Jahrh. bestand hier ein Parlament, das die geistlichen und weltlichen Lehnsleute des Königs, später auch Abgeordnete der Städte umfaßte. Zu Anfang des 14. Jahrh. versuchten die Iren, sich von der englischen Herrschaft zu befreien, indem sie die Krone dem König von Schottland, Robert Bruce, antrugen. Dieser sandte 1315 seinen Bruder Edward und kam 1316 selbst nach I., kehrte aber, nachdem Edward bei Dundalk 1318 geschlagen und gefallen war, nach Schottland zurück. Während der Bürgerkriege in England, namentlich während des Krieges der Rosen, sank die englische Macht in I. Um die Insel wieder zu unterwerfen, sandte König Heinrich VII. den Statthalter Edward Poynings, der 1494 durch die sogen. Poynings-Akte bestimmte, daß der Statthalter nur mit Genehmigung des Königs ein Parlament versammeln dürfe und die Gesetzvorschläge von der englischen Regierung bestätigt werden müßten. Heinrich VIII., der 1542 den Titel »König von I.« annahm, wollte seine Kirchenreform auch nach I. verpflanzen, stieß aber bei den Iren sowie auch bei einem Teil der Engländer auf Widerstand, und zu dem nationalen Gegensatz zwischen Iren und Engländern gesellte sich fortan noch die religiöse Feindschaft zwischen Katholiken und Protestanten. Nach der kurzen Reaktion unter Maria rief die unter der Königin Elisabeth 1560 beschlossene Einführung der englischen Kirchengesetze in I. neue Aufstände hervor, die durch den Papst, durch flüchtige Engländer und durch Spanier geschürt wurden. Viele Iren wanderten aus und nahmen in Spanien und Frankreich Kriegsdienste. Vergebens bemühte sich der Statthalter Sir John Perrot (1584), die Iren durch Leutseligkeit und Milde zu gewinnen; seine Reformpläne scheiterten an dem Widerstande der anglikanischen Geistlichkeit und der eingewanderten Engländer. Der zum Grafen von Tyrone erhobene Häuptling O'Neal stellte sich nach Perrots Abberufung an die Spitze einer neuen Empörung und schlug die Engländer 1598 bei Blackwater. Gegen ihn wurde Graf Essex 1599 mit einem Heer abgeschickt, mußte aber mit O'Neal einen Waffenstillstand schließen. Dieser erhielt Hilfe von Spanien, wurde jedoch von dem englischen Feldherrn Mountjoy 24. Dez. 1601 bei Kinsale völlig besiegt, worauf die Spanier I. verlassen[22] und O'Neal sich ergeben mußte. Nun wurde ganz I. unterworfen und 600,000 Morgen Landes zugunsten englischer Kolonisten konfisziert.

Unter König Jakob I. fanden nach dem Plan des Statthalters Lord Chichester neue Konfiskationen statt; das eingezogene Land wurde an englische und schottische Kolonisten überlassen, welche die Stadt Londonderry und andre Ortschaften in Ulster anlegten. Dadurch wurde der Haß der Irländer gegen die Fremdherrschaft noch gesteigert, und nach der Abberufung Straffords (1640) benutzten die Iren die Verfassungskämpfe in England zu einem neuen Aufstand, der im Oktober 1641 in Ulster ausbrach und an dessen Spitze die Nachkommen alter Stammeshäuptlinge, Roger Moore, Sir Phelim O'Neal und Lord Cornelius Macguire, standen. Das englische Parlament konfiszi