Castlereagh

[805] Castlereagh (spr. kaßl-rē), Henry Robert Stewart, Marquis von Londonderry, engl. Staatsmann, geb. 18. Juni 1769, gest. 13. Aug. 1822, studierte, wurde 1793 Mitglied des irischen Parlaments und unter dem Vizekönig Lord Camden, seinem Verwandten, Obersekretär für Irland. Er half Pitts Unterdrückungssystem gegen seine Landsleute durch führen und trug dazu bei, die Union Irlands mit England durchzusetzen. Danach trat er 1801 in das englische Parlament ein, wurde 1802 Chef des in dischen Kontrollamts und 1805 Minister des Krieges und der Kolonien im Ministerium Pitt, trat nach dessen Tode (1806) zwar ab, übernahm aber schon 1807 in Portlands Kabinett wieder das Kriegsministerium. Die von ihm veranstaltete verfehlte Expedition nach Walcheren führte 21. Sept. 1809 zum Zweikampf zwischen C. und Canning und zum Austritt beider aus dem Ministerium. 1812 zum Minister des Auswärtigen berufen, entwickelte er eine außerordentliche Tätigkeit zum Sturz Napoleons. Sein Haß gegen alles aus der französischen Revolution Hervorgegangene, sein Eifer für die Legitimität und seine Unkenntnis festländischer Verhältnisse verwickelten C. oft in Widersprüche. Auf dem Wiener Kongreß ließ er sich schließlich von Talleyrand und Metternich ins Schlepptau nehmen und schloß 3. Jan. 1815 mit diesen ein Bündnis gegen Preußen und Rußland, das ersteres zum Verzicht auf die Hälfte Sachsens nötigte, während letzteres Polen erhielt. Nach der Rückkehr Napoleons bot C. zwar alles zu dessen abermaligem Sturz auf, verhinderte aber die preußischen, auf eine dauernde Schwächung Frankreichs gerichteten Absichten. Nach dem Frieden bewegte sich seine auswärtige Politik im Fahrwasser der durch die Heilige Allianz angebahnten Reaktion. Unpopulär machte er sich auch durch seine Nachgiebigkeit gegen den König beim Prozeß der Königin Karoline und durch die harten Maßregeln, mit denen er der Unzufriedenheit der niedern Stände entgegentrat. Darob verfiel er in eine innere Aufregung, in der er überall Feinde und Verfolger erblickte, bis er, im Begriff, zum Kongreß von Verona zu reisen, seinem Leben ein Ende machte. Seine »Correspondence, despatches and other papers« gab sein Halbbruder Ch. W. Vane, Marquis von Londonderry, heraus (Lond. 1847–53, 12 Bde.; deutsch bearbeitet von Frankenberg, Hamb. 1853-[805] 1854, 5 Bde.). Vgl. Alison, Lives of Lord C. and Sir Ch. Stewart (Lond. 1861, 3 Bde.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 805-806.
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