Reiterei

[771] Reiterei (Kavallerie, franz. Cavalerie, v. ital. cavallo, lat. caballus, Pferd); die zu Pferd fechtende Truppe, Hauptwaffe neben Infanterie und Artillerie. Sie ist schwierig zu beschaffen, kostspielig zu erhalten und langsam auszubilden. Der Gebrauch der R. beruht auf Ausnutzung der Kraft und Schnelligkeit des Pferdes, ihre Bewaffnung aus Säbel, Degen oder Pallasch, einer meist kurzen Feuerwaffe (Karabiner) und in den Heeren, wo man der Kavallerie zutraut, daß sie jede Gelegenheit zum Angriff zu Pferde suchen und ausnutzen wird, der Lanze. Der Karabiner (s. d.) kann nur wirksam zur Anwendung kommen, wenn der Reiter als Fußkämpfer auftritt, weshalb jetzt in allen Armeen eine sorgfältige Ausbildung zu Fuß stattfindet. Durch ihre Schnelligkeit ist die R. unentbehrlich für das rasche Einholen von Nachrichten und Überbringen von Meldungen und Befehlen für Sicherheits-, Aufklärungs- und Kundschaftsdienst, wozu sie deshalb auch überall gebraucht wird, wo irgend ein Pferd noch gut fortkommen kann, während bei guten Wegeverbindungen maschinelle Einrichtungen: Fahrrad, Motorwagen u. a., für diesen Dienst eintreten. In der Marschleistung übertrifft R. das Fußvolk bei Zurücklegung kürzerer Strecken und bei Gewaltmärschen auf einige Tage; auf längere Dauer aber widersteht das Pferd weniger den erschöpfenden äußern Einflüssen und gleicht die Ausdauer der Infanterie die Schnelligkeit der Pferde wieder aus. Im Kampf soll die R. durch die Wucht, welche die aufs höchste entwickelte Schnelligkeit des Pferdes erzeugt, im »Chok«, sowie durch geschickten Gebrauch der Lanze den Gegner überrennen. Wirksam ist der Chok aber nur, wenn[771] die R. in geordneten, geschlossenen Abteilungen auftritt, und wenn der Gegner womöglich überrascht wird. Zur vollen Ausnutzung der Kraft der Pferde und Geltendmachung aller Waffen muß die R. in entwickelter Linie attackieren, vorher, um überraschend den Gegner in ungünstiger Lage, womöglich in Flanke und Rücken, anfallen zu können, verdeckt in leicht beweglichen Formationen manövrieren und zur Attacke rasch aufmarschieren, nachher, wenn durch den Angriff die eigne Ordnung gelöst ist, womöglich die Spitzen der fliehenden Feinde überholen, dabei aber gegen das Auftreten neuer feindlicher R. durch geschlossen folgende Reserven gedeckt sein. Dies sind die Hauptgesichtspunkte der Führung, deren schwere Kunst im richtigen Erkennen und raschen Ausnutzen der schnell vorübergehenden günstigen Momente für das Auftreten der R. besteht, die aber dann eines gewaltigen moralischen Eindrucks gewiß sein kann. Zur vollen Ausnutzung kommt die R. nur, wo sie freie Umsicht, Raum zur Entwickelung und zum Anlauf sowie möglichst ebenen, festen Boden unter sich hat. Nebel und Dunkelheit machen im allgemeinen ihre Bewegungen unsicher, können aber auch wertvoll für die Annäherung an den Feind sein. Nach dem Schlag der Pferde und Menschen teilt man die R. in leichte und schwere; die letztere hat schwerere Pferde und Reiter. Die Husaren, Dragoner und Chevau-legers haben die leichtesten. Die gesamte deutsche R. ist mit Lanzen, Karabinern und Degen bewaffnet, Unteroffiziere und Offiziere mit Pistole, Unteroffiziere ohne Lanze. Der Unterschied zwischen leichter und schwerer R. bezieht sich nicht auf eine verschiedene Verwendung. Alle Regimenter müssen gleichmäßig für die Attacke wie für das Gefecht zu Fuß ausgebildet sein. Letzteres ist für die Kavallerie ein Notbehelf, der nicht gescheut werden darf und, wenn ergriffen, kräftig gebraucht werden muß. In zukünftigen Kriegen wird auch die deutsche Kavallerie, schon weil der Gegner dies tun wird, häufig zum Gefecht zu Fuß absitzen. Verwendungseinheit (taktische Einheit) der R. ist die Eskadron von 100–150 Pferden, darüber Regimenter von meist 4 Eskadrons. Zu höhern Verbänden ist die R. in Brigaden (meist 2 Regimenter) und in selbständigen Divisionen (meist 3 Brigaden mit reitenden Batterien, Pionieren und Maschinengewehrabteilungen) vereinigt. Die einzige Verwendungsart der R. im Gefecht zu Pferde ist die Attacke, die Form dazu die Linie, bei größern Abteilungen in mehreren Treffen zur Flankendeckung und zur Verwendung an entscheidender Stelle. Nur wo zum Aufmarsch kein Raum oder keine Zeit ist, attackiert die R. in Kolonnen und da, wo der Gegner nicht mehr in geschlossenen Abteilungen gegenübersteht, es also mehr auf rasches Einholen des wankenden Feindes ankommt, in aufgelöster Ordnung. Ein Angriff in Staffeln (Echelons) (s. d.), jedes in sich in Linie, ergibt sich stets da, wo die Zeit fehlt, in Einer Linie aufzumarschieren. Im Gefecht wie im Sicherheitsdienst ist endlich zu unterscheiden die Verwendung der R. in unmittelbarer Verbindung mit den andern Waffen als Divisionskavallerie und in größern selb ständigen Kavalleriedivisionen oder -Korps, die vor und nach den Schlachten um Tagemärsche dem Heere voraus den Gegner aufsuchen und die Bewegungen des eignen Heeres verschleiern, also eine hauptsächlich operative Tätigkeit ausüben, hierbei jedoch, ebenso wie in der rangierten Schlacht, zum Gefecht in großen Verbänden gelangen. Das Stärkeverhältnis der R. zur Infanterie, nach Zeit und Ländern vielfach wechselnd, ist in den europäischen Heeren seit den Napoleonischen Kriegen ziemlich gleichmäßig mit 1/5 bis 1/7 der Infanterie festgehalten worden, im deutschen Friedensheere zur Zeit 1/5-1/6, im Feldheer bedeutend weniger.

Geschichte. In den organisierten Heeren des Altertums überwog die R. an Stärke und Bedeutung, wo Kulturverhältnisse und Pferdezucht darauf hinwirkte. Im alten Griechenland verhält sich die R. zum Fußvolk wie 1:11. Den 4–6000 Mann zählenden römischen Legionen waren dauernd 300 Reiter und die Reiter der Bundesgenossen zugeteilt. Überall bildete in den mächtigsten Staaten das Fußvolk die ausschlaggebende Waffe, wenn auch die Kriegsgeschichte von manchen rühmlichen Erfolgen der R. berichtet. Bei den germanischen und gallischen Völkerschaften kommt organisierte R. nur bei einigen Stämmen vor. Diese kämpfte, wie auch bei den Römern, häufig abgesessen, gewissermaßen also eine Vorgängerin der heute oft genannten berittenen Infanterie. Der Siegeslauf der asiatischen Reitervölker, Hunnen und Avaren, gab den Völkern Europas den Anstoß zur Schaffung von R., und gestützt auf das Lehnssystem, bildeten bis zur Einführung der Schußwaffen die schwergepanzerten Ritter mit ihren bewaffneten Knechten zu Pferde den Kern der Heere. Mit der Vervollkommnung der Feuerwaffen verschwand allmählich die schwere Rüstung, und die Lanze machte der Pistole, dann der Arkebuse und dem Karabiner Platz. In übertriebener Wertschätzung des Feuergefechts verleugnet die damalige R. den geschlossenen Anprall und den Nahkampf, sie führt den Kampf mit der Feuerwaffe zu Pferde, die französischen Dragoner und Karabiniers traten als berittene Infanterie in der Mitte des 17. Jahrh. vorübergehend in die Erscheinung. Erst Gustav Adolf brachte den Einfluß der R. auf den Gang und Ausfall der Schlacht wieder zur Geltung. Seine sehr bewegliche R. stürzte sich in vollem Lauf auf den Gegner, das erste und zweite Glied feuerte in nächster Nähe vom Pferde, das dritte brauchte die blanke Waffe, diese soll entscheiden. Die englische R. unter Cromwell kämpft mit Erfolg nach ähnlichen Grundsätzen, sonst aber ist ein allgemeiner Rückgang der Bedeutung der R. zu bemerken.

In Preußen betrug die R. unter dem Kurfürsten Georg Wilhelm nicht über 1000 Pferde, der Große Kurfürst vermehrte sie auf 32 Eskadrons Kürassiere und 8 Eskadrons Dragoner. Beim Tode Friedrich Wilhelms I. zählte die R. schon 60 Eskadrons Kürassiere, 45 Eskadrons Dragoner und 9 Eskadrons Husaren, die Eskadron 50–60 Reiter. Friedrich II. vermehrte die Husaren, stellte der R. wieder ihre wahre Gefechtsausgabe, den geschlossenen Ansturm, das rücksichtslose Reiten und Einhauen mit der blanken Waffe, und sicherte ihr, von Führern wie Zieten und Seydlitz unterstützt und mit klarem Blick die Schwächen der Lineartaktik (s. d.) erkennend, im Siebenjährigen Kriege die allbekannte Überlegenheit. Sein Grundsatz, daß R. sich nie darf stehenden Fußes attackieren lassen, sondern jedem Angreifer entgegenzugehen hat, ist noch heute die Grundlage für die Taktik der Waffe. Die zweigliederige Ausstellung der R. wurde von allen Heeren angenommen. In den Napoleonischen Kriegen spielt die französische Kavallerie eine hervorragende Rolle. Napoleon weist ihr neue wichtige Aufgaben auf dem Gebiete der strategischen Aufklärung zu, in der die R. nunmehr den Hauptwert ihrer kriegerischen Wirksamkeit erkennt. Unter Führern wie Murat, Bessières etc. übt sie auch auf den Schlachtfeldern, wenn[772] auch an Stärke und Ausbildung der gegnerischen Kavallerie kaum gewachsen, oft einen entscheidenden Einfluß auf den Ausgang der Schlacht aus. Die preußisch-deutsche Kavallerie steht in ihrer Ausbildung und ihren Gefechtsgrundsätzen auf dem Boden der friderizianischen Überlieferungen. Deutsch land hat Kürassiere, Dragoner, Husaren, Ulanen, Reiter (Sachsen), Chevau-legers (Bayern) und Jäger zu Pferde (s. d.; vgl. Deutschland, S. 792 ff.); Italien: Lancieri, Cavallegieri (s. Italien, S. 80), ebenfalls mit Säbel, Lanze und Karabiner; Österreich: Dragoner, Husaren, Ulanen, mit Säbel und Karabiner bewaffnet (s. Österreichisch-Ungarische Monarchie, S. 212 f.); England: Kürassiere, Dragoner, Lanciers (Ulanen), Husaren (s. Großbritannien, S. 376 f.); Frankreich: Kürassiere, Dragoner, Jäger (chasseurs à cheval), Husaren, Chasseurs d'Afrique und Spahis (s. Frankreich, S. 866 ff.); Rußland: Kürassiere, Dragoner, Ulanen, Husaren, bei den Kavalleriedivisionen nur Dragoner und Kosaken, sämtlich (mit geringen Ausnahmen) mit Säbel und Dragonergewehr bewaffnet (s. Russisches Reich). Die Mißerfolge mangelhaft geführter R. gegenüber einem modern bewaffneten unerschütterten Gegner in den Kriegen in Südafrika und Ostasien haben zu einer übertriebenen Wertschätzung des Gefechtes der R. zu Fuß und zu einer weitverbreiteten Scheu davor geführt, die R. im Kampf mit der blanken Waffe starken Verlusten auszusetzen, wobei die Kostspieligkeit der Waffe und die Schwierigkeiten des Ersatzes der Abgänge erheblich die Meinungen beeinflussen. Am rückhaltlosesten zog England die Folgerungen aus seinen gegenüber den vortrefflich schießenden Buren allerdings sehr trüben Erfahrungen, indem es die Lanze ganz abschaffte und in dem neuen Reglement außerordentlichen Wert auf das Gefecht zu Fuß legte. Wenn nun dieses auch sehr wichtig ist und der Führer oft dazu wird greifen müssen, so kann man jene Mißerfolge in den beiden Kriegen doch, soweit Nachrichten vorliegen, stets Fehlern zuschreiben, welche die Führung gemacht hat. Diese ist allerdings sehr schwierig und bedarf, da die Gelegenheiten zu Erfolg in der Attacke sehr schnell vorüberzugehen pflegen, kalten Blutes, rücksichtslosen schnellen Entschlusses und schnellster Durchführung desselben. Wo diese Eigenschaften vorhanden sind, werden sich Gelegenheiten zu erfolgreichen Attacken auch heute noch bieten, ohne die keine ausgiebige Aufklärung möglich ist. Daran hält man in Deutschland fest; um dem Führer zu Beginn des Feldzugs eine voll brauchbare Truppe in die Hand zu geben, vermeidet man Neuzusammenstellungen ausrückender Reitereitruppenteile, speziell auch die Ergänzung durch Ankaufspferde, behält die Lanze bei, sorgt aber auch für gute Ausbildung im Schützengefecht. Die Uniformen der R. dürften für den Krieg noch vielfach zu auffällig sein.

Vgl. Jähns, Roß und Reiter (Leipz. 1872, 2 Bde.); Denison, History of cavalry (Lond. 1877; deutsch von Brix, Berl. 1879); v. Haber, Geschichte der Kavallerie des Deutschen Reichs (Rathenow 1881) und Die Kavallerie des Deutschen Reichs (das. 1886); v. Schmidt, Instruktionen der R. (2. Aufl., Berl. 1886); verschiedene Schriften von v. Pelet-Narbonne (s. d.); v. Bissing, Massen- oder Teilführung der Kavallerie (das. 1900); v. Freytag-Loringhofen, Beispiele strategischer Kavallerieverwendung unter Napoleon (5. Beiheft zum »Militärwochenblatt«, 1900); v. Kleist, Die Offizierpatrouille (5. Aufl., Berl. 1902); v. Bernhardi, Unsere Kavallerie im nächsten Kriege (2. Aufl., das. 1903); v. Vollard-Bockelberg, Die Verwendung und Führung der Kavallerie (das. 1903); Kähler, Die preußische R. von 1806–1876 (das. 1879); »Die Tätigkeit der Kavalleriedivisionen im Kriege« (das. 1884); Prinz Hohenlohe-Ingelfingen, Militärische Briefe über Kavallerie (2. Aufl., das. 1886) und Gespräche über Reiterei (das. 1887); v. Mühlwerth-Gärtner, Die österreichische Kavallerie in Feldzügen des 18. Jahrhunderts und der neuesten Zeit (Wien 1881); v. Suttner, Reiterstudien. Beiträge zur Geschichte der Ausrüstung etc. (das. 1880); v. Rotenhan, Die neuere Kriegsgeschichte der Kavallerie (seit 1859, Münch. 1891, 2 Bde.); Kunz, Die deutsche R. in den Schlachten und Gefechten des Krieges von 1870/71 (Berl. 1895); Cardinal v. Widdern, Verwendung und Führung der Kavallerie 1870 bis zur Kapitulation von Sedan (das. 1902–06, 7 Bde.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 771-773.
Lizenz:
Faksimiles:
771 | 772 | 773
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Anders als in seinen früheren, naturalistischen Stücken, widmet sich Schnitzler in seinem einsamen Weg dem sozialpsychologischen Problem menschlicher Kommunikation. Die Schicksale der Familie des Kunstprofessors Wegrat, des alten Malers Julian Fichtner und des sterbenskranken Dichters Stephan von Sala sind in Wien um 1900 tragisch miteinander verwoben und enden schließlich alle in der Einsamkeit.

70 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon