Gustav

[535] Gustav (schwed. Gustaf, altnord. Gûdstafr, »Kriegsstab«, d. h. Held). Von Trägern dieses Vornamens seien genannt:

1) G. I. (G. Eriksson Wasa), König von Schweden, geb. 3. Mai 1497 auf Lindholmen (Upland) als ältester Sohn des Reichsrats Erik Johansson aus dem Hause Wasa (s. d.), gest. 29. Sept. 1560 in Stockholm, kam früh an den Hof Sten Stures des jüngern (s. d.), mit dem er mütterlicherseits verwandt war. Nach der siegreichen Schlacht bei Brännkyrka (1518), wo er das schwedische Banner trug, von Christian II. (s. Christian 9) verräterisch als Gefangener nach Kalö (Nordjütland) gebracht, entkam er im Herbst 1519 nach Lübeck und landete, vom lübischen Rat unterstützt, 31. Mai 1520 wieder in Schweden, das sich damals fast ganz in dänischer Gewalt befand. Nach dem Stockholmer Blutbad (November), dem sein Vater und sein Schwager Joach. Brahe zum Opfer fielen, mußte er verkleidet in Dalekarlien umherirren und entging mehrmals nur wie durch ein Wunder den Spähern Christians. Im Januar 1521 forderte er in Mora die Dalekarlier zum Kampfe gegen die dänische Fremdherrschaft auf, worauf ein paar hundert Bauern ihn zum »Hauptmann« wählten. An ihrer Spitze brachte er binnen kurzem einen großen Teil Mittelschwedens in seine Gewalt, wurde schon im August auf dem Herrentag zu Wadstena zum Reichsverweser, 6. Juni 1523 auf dem Reichstag zu Strengnäs zum König ausgerufen, eroberte mit lübischer Hilfe im Sommer 1523 Stockholm, Kalmar sowie die letzten dänischen Stützpunkte in Finnland und machte so der skandinavischen Union ein Ende. Nachdem er sich hierauf (1524) gegen Christian II. durch ein Bündnis mit dessen Nachfolger Friedrich I. (s. Friedrich 17) gesichert hatte, führte er im Innern einen entscheidenden Schlag gegen die unionistisch gesinnte katholische Hierarchie, indem er 1527 auf dem Reichstag zu Westerås die Reformation einführte. Infolge der Einziehung der Klöster und Kirchengüter war er in der Lage, die bei Lübeck gemachten Schulden zu tilgen und eine starke Kriegsflotte zu schaffen. Durch seine Teilnahme an der Grafenfehde (s. d.) befreite er Schweden für immer von der drückenden kommerziellen Vorherrschaft der Hansa. Mit Dänemark, seinem damaligen Bundesgenossen, geriet er später in ein gespanntes Verhältnis. 1555–57 führte er einen ergebnislosen Krieg mit Rußland. Seine Versuche, die Bevölkerung seines Reiches an Gesetzlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, führte anfangs wiederholt (1524–25, 1527–28, 1531–33, 1542–43) in Dalekarlien, bez. Småland zu gefährlichen Bauernaufständen. Gleichwohl hat er durch Vermehrung des Kronguts und der Regalien, Regelung des Steuerwesens, Umwandlung Schwedens in eine Erbmonarchie (1544) und Anbahnung einer zentralen Behördenorganisation den Grund zu einem mächtigen Königtum gelegt. Acker- und Bergbau, Handel und Gewerbe nahmen unter ihm einen großen Aufschwung. G. war mit Katharina von Sachsen-Lauenburg, Margarete Leijonhufvud und deren Nichte Katharina Stenbock vermählt. Seine erste Gattin gebar ihm Erich XIV. (s. d.), seine zweite zehn Kinder, unter andern Johann III. (s. d.) und Karl IX. (s. d.). Vgl. »Konung Gustaf I.'s registratur« (hrsg. von Granlund, O. Berg und Almquist, Stockh. 1861–1903, 21 Bde., die Jahre 1521–50 umfassend), »Svenska riksdagsakter 1521–1560« (hrsg. von Alin und E. Hildebrand, 1887–88); Edén, Gustaf Vasa. Valda bref 1538–1560 (1902); Fryxell, Leben und Taten Gustavs I. Wasa (deutsch, Neust. a. d. O. 1831); Forssell, Sveriges inre historia från Gustaf I (Stockh. 1869–75, 2 Bde.); Watson, The swedish revolution under Gustavus Vasa (Boston 1889); E. Hildebrand, Gustaf Vasa, hans personlighet och hans betydelse (Stockh. 1896); Sjögren, Gustaf Vasa, ett 400 årsminne (1896); Edén, Om centralregeringens organisation 1523–1594 (Ups. 1899).

2) G. (II.) Adolf, König von Schweden, geb. 19. (9.)Dez. 1594 in Stockholm, gest. 16. (6.) Nov. 1632, Enkel des vorigen, genoß eine ausgezeichnete wissenschaftliche und militärische Erziehung, die seine hervorragenden Anlagen zur glänzendsten Entwickelung brachte. Als er nach einer kurzen Vormundschaftsregierung im Dezember 1611 seinem Vater Karl IX. (s. d.) folgte, war das schwedische Reich zu gleicher Zeit in drei gefährliche Kriege verwickelt. Der Krieg gegen die Dänen, die bei seinem Regierungsantritt ganz Südschweden besetzt hielten, endete damit, daß Schweden im Frieden von Knäröd (30. Jan. 1613) Elfsborg und einige andre Gebiete für 1 Mill. Tlr. zurückkaufen mußte, was sich wegen der kurzen Zahlungsfrist (6 Jahre) und der Erschöpfung des Staatsschatzes nur durch persönliche Opferwilligkeit des Königs und seiner Untertanen erreichen ließ. Der Krieg gegen die Russen, dessen Leitung G. Adolf 1614–15 selber übernahm, verlief dagegen glücklich und führte im Frieden zu Stolbowa (9. März 1617) zur Einverleibung von Karelien und Ingermanland. Mit seinem polnischen Vetter, dem katholischen Wasasproß König Siegmund III. (s. d.), der sein Anrecht auf den schwedischen Thron bestritt, stand G. Adolf, trotz wiederholter Waffenstillstände, von Anfang an auf gespanntem Fuße. Nachdem schon 1617 Pernau in seine Hand gefallen war, landete er im Sommer 1621 an der Dünamündung und brachte in mehreren Feldzügen (1621–22, 1625–26) Livland, Kurland und Esthland sowie die wichtigen preußischen Städte Memel, Pillau, Braunsberg und Marienburg in seine Gewalt. Zu diesen auswärtigen Errungenschaften gesellte sich eine nicht minder erfolgreiche Reformtätigkeit im Innern. Für die Hebung des Volkswohlstands wurde durch Unterstützung von Handel, Gewerbe und Schiffahrt, Verbesserung der Verkehrswege, Städtegründungen, Berufung kundiger Ausländer zur Einführung neuer Industrien etc. trefflich gesorgt, die Organisation der Zentral- und Lokalbehörden neu geregelt, die Rechtspflege durch Einführung einer neuen Prozeßordnung (1614) sowie durch Errichtung von Hofgerichten in Stockholm (1614), Åbo (1623) und Dorpat (1629) wesentlich verbessert, die geistige Bildung auf mannigfaltige Art gefördert, die Kompetenz der Volksvertretung durch die Reichstagsordnung von 1617, die den Reichstag in vier Stände einteilte, gesetzlich festgelegt, der Adel durch neue Vorrechte (Ritterhausordnung von 1626) völlig für das Königtum gewonnen, dessen Hauptstütze er fortan im Heer wie in der Verwaltung bildete. So hatte G. Adolf in wenigen Jahren nicht nur das Ziel seiner auswärtigen Politik, die Ostseeherrschaft, fast erreicht, sondern auch ein blühendes nordisches Reich geschaffen, dessen gewaltige, in vielen Schlachten erprobte und von tüchtigen Feldherren geleitete Kriegsmacht bald eine hervorragende Rolle in der Geschichte Europas zu spielen berufen sein sollte.[535]

Schon während des polnischen Krieges war G. Adolf ein aufmerksamer Beobachter des Krieges gewesen, der seit 1618 Deutschland verheerte, zumal der Kaiser den Polen offen Beistand leistete, selber die Ostseeherrschaft zu erlangen suchte und die in Schweden regierende protestantische Wasalinie bedrohte. Infolge der Ablehnung aller schwedischen Friedensvorschläge polnischerseits hatte er jedoch die wiederholte Aufforderung Frankreichs und der Niederlande, sich an die Spitze der deutschen Protestanten zu stellen, ablehnen müssen und den Hilferufen seiner verjagten mecklenburgischen Verwandten, des Böhmenkönigs Friedrich V. von der Pfalz sowie der Stadt Stralsund nur teilweise entsprechen können (s. Dreißigjähriger Krieg, S. 190 f.). Erst der durch französische Vermittelung 26. Sept. 1629 in Altmark (Westpreußen) auf sechs Jahre abgeschlossene schwedisch-polnische Waffenstillstand ermöglichte es ihm, nach Vollendung seiner Rüstungen sich mit Zustimmung des Reichstages nach Deutschland zu wenden. Es waren nicht bloß religiöse, aber auch keineswegs lediglich politische Beweggründe, die ihn zu diesem Schritt bestimmten, vielmehr gingen beide Motive nebeneinander her.

Am 5. Juli 1630 mit 13,000 Mann auf deutschem Boden gelandet, bemächtigte er sich der Inseln Usedom, Wollin und Rügen sowie, nach Unterwerfung des Herzogs Bogislaw XIV. von Pommern, der Stadt Stettin (vgl. Bogislaw 2). Hierauf durch Zuzüge aus den Ostseeprovinzen auf 40,000 Mann verstärkt, begann er schrittweise die Eroberung ganz Pommerns, Mecklenburgs sowie Brandenburgs und erhielt durch den Vertrag von Bärwalde (23. Jan. 1631) von Frankreich die zur Fortführung des Krieges erforderlichen Hilfsgelder zugesichert. Sein Plan, Magdeburg zu entsetzen, wurde durch Brandenburg und Sachsen, die ihm den Durchmarsch verweigerten, vereitelt. Vergebens machte er, um Tilly abzulenken, im April eine Demonstration gegen Schlesien und erstürmte Frankfurt a. O. sowie Landsberg a. W. Als sein brandenburgischer Schwager, Kurfürst Georg Wilhelm (s. Georg 4), sich endlich (14. Mai) durch schwedische Gewaltmaßregeln genötigt sah, den Schweden vertragsmäßig den Durchzug durch sein Gebiet zu gestatten und ihnen die Festung Spandau als militärischen Stützpunkt einzuräumen, war es schon zu spät. Gerade die Zerstörung Magdeburgs (20. Mai) führte indessen eine für G. Adolfs Bestrebungen günstige Wendung herbei. Die Bildung einer protestantischen Mittelpartei war fortan unmöglich. Vielmehr schlossen Brandenburg (21. Juni) und Sachsen (11. Sept.), dessen Kurfürst Johann Georg I. seine Lande, trotz seiner Neutralitätserklärung, durch Tilly hart bedrückt sah, ein Bündnis mit G. Adolf, der in Sachsen einrückte. Der am 17. Sept. erfochtene glänzende Sieg des Schwedenkönigs bei Breitenfeld (s. d.) über Tilly befreite mit Einem Schlage ganz Norddeutschland von den Kaiserlichen. Die deutschen Fürsten, von denen sich ihm bisher, außer Landgraf Wilhelm von Hessen und Herzog Bernhard von Weimar, nur die aus ihren Ländern vertriebenen angeschlossen hatten, suchten nunmehr eifrig seinen Schutz oder sein Bündnis, und die evangelische Bevölkerung, besonders die Bürgerschaft der Reichsstädte, begrüßte ihn als Befreier. Als er im Herbste durch Thüringen nach Franken und dem Mittelrhein zog, stieß er fast nirgends auf erheblichen Widerstand. Würzburg, Hanan und Frankfurt fielen rasch in seine Hand, Nürnberg begab sich in seinen Schutz, und die fränkischen Stände huldigten ihm als Herzog von Franken. In Mainz, wo er während des Winters blieb, faßte er den Plan, den Evangelischen einen für immer gesicherten Frieden zu erkämpfen und sie zu einem Bund unter Schwedens Führung zu einigen. Zu diesem Zwecke vereinigte er sich im März 1632 bei Kitzingen mit seinem General Horn, folgte Tilly über Nürnberg und Donauwörth zum Lech, dessen Übergang er erzwang, und hielt Mitte Mai seinen Einzug in München. Erst das Wiederauftreten Wallensteins setzte seinem weitern Vordringen ein Ziel. Zwei Monate lang standen beide in befestigten Lagern bei Nürnberg einander gegenüber. Nach einem vergeblichen Versuch, das feindliche Lager zu erstürmen, wandte sich G. Adolf Anfang September nach Schwaben, rückte aber, infolge der Kunde von Wallensteins Einfall in Sachsen, in Eilmärschen dorthin, um seine eigne Stellung in Norddeutschland zu sichern und Kurfürst Johann Georg vom Abfall abzuhalten, und vereinigte Anfang November seine Streitkräfte in Erfurt. Wenige Tage später fiel er in der Schlacht bei Lützen (s. d.).

Für den Glanz seines Namens starb G. Adolf zur rechten Stunde: er strahlte fortan im Andenken der Protestanten als Glaubensheld, der für das Evangelium den Heldentod erlitten. Dieser Nimbus wäre aber zweifellos verblichen, hätte er seinen Plan, durch Eroberungen an Deutschlands Küsten die Alleinherrschaft im Baltischen Meer (dominium maris baltici) zu erringen, verwirklicht, wodurch er so manche Interessen verletzen und große Schwierigkeiten hervorrufen mußte. Gleichwohl war sein Tod für die Sache des deutschen Protestantismus, dem von nun an eine einheitliche, zielbewußte Leitung fehlte, wie für die junge schwedische Großmacht ein unersetzlicher Verlust. – In religiöser Hinsicht fromm, aber nicht unduldsam, als Staatsmann besonnen und umsichtig, war er als Krieger tapfer bis zur Tollkühnheit, aber gerade deshalb bei seinem Heer wie beim deutschen Volk sehr beliebt. Seine Leistungen in der Taktik, seine Neuerungen in der Bewaffnung, Einteilung und Ausstellung der einzelnen Truppengattungen sowie im Geschützwesen waren epochemachend, seine Soldaten in bezug auf Manneszucht und moralische Tüchtigkeit damals unerreicht. Feldherren wie Johan Banér, Nils Brahe, Gustav Horn, Torstensson und Karl Gustav Wrangel waren seine militärischen Schüler, während er selber in der Politik den Reichskanzler A. Oxenstierna (s. d.) zum Lehrmeister hatte. – Seit 1620 mit der brandenburgischen Prinzessin Maria Eleonora vermählt, hinterließ er nur eine Tochter, Christine (s. d.). Außerdem hatte er einen unehelichen Sohn, den spätern Grafen G. Gustafsson von Wasaborg (geb. 1616 oder 1617, gest. 1653). In Schweden und Deutschland wurden ihm mehrere Denkmäler errichtet. Ein dauerndes Andenken fand er in Deutschland durch den Gustav Adolf-Verein (s. d.). Sein Bildnis s. auf Tafel »Feldherren des Dreißigjährigen Krieges« (Bd. 5).

Die Literatur (s. auch Dreißigjähriger Krieg, S. 192) über G. Adolf, von der es noch keine Bibliographie gibt, ist so umfangreich, daß hier nur die allerwichtigsten Arbeiten erwähnt werden können. Quellen: »Konung Gustaf II Adolfs skrifter« (hrsg. von Styffe, Stockh. 1861); »Schriftstücke G. Adolfs, zumeist an evangelische Fürsten Deutschlands« (hrsg. von G. Droysen, Halle u. Stockh. 1877); »Konung Gustaf II Adolfs bref och instruktioner till A. Oxenstierna« (hrsg. von Sondén, Stockh. 1888). – Darstellungen: Hallenberg, Svea rikes historia under Gustaf Adolf den Stores regering (bis 1626 reichend, Stockh.[536] 1790–96, 5 Bde.); Gfrörer, G. Adolf, König von Schweden, und seine Zeit (Stuttg. 1835,4. Aufl. 1863, ultramontan); Flathe, G. Adolf und der Dreißigjährige Krieg (Dresd. 1840–41, 4 Bde.); Fryxell, Geschichte G. Adolfs (schwedisch oft aufgelegt; deutsch, Leipz. 1852); Helbig, G. Adolf und die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg 1630–1632 (das. 1854); Schriften von Hammarstrand (s. d.); Cronholm, Sveriges historia under Gustaf II Adolfs regering (Stockh. 1857–72, 6 Bde. in 8 Tln.; Auszug von Helms: »G. II. Adolf in Deutschland«, Leipz. 1875); v. Soden, G. Adolf und sein Heer in Süddeutschland (Erlang. 1865–69, 3 Bde.); G. Droysen, G. Adolf (Leipz. 1869–70, 2 Bde.); Wittich, Magdeburg, G. Adolf und Tilly (Bd. 1, Berl. 1874); J. L. Stevens, Life and times of Gostavus Adolphus (New York 1885); Fletcher, Gustavus Adolphus and the struggle of protestantism for existence (das. 1890); Björlin, Gustaf II Adolf (Stockh. 1890); Lamparter, G. Adolf (Barm. 1892); Stavenow, Gustaf Adolf, hans personlighet och betydelse (Stockh. 1894); Forssell, Gustaf II Adolf (1894); M. Weibull, Gustaf II Adolf (1881, 2. Aufl. 1894); Ålund, Gustaf II Adolf (1894); C. Fey, G. Adolf im Lichte der Geschichte (Leipz. 1894); Gutjahr, König G. II. Adolfs Beweggründe zur Teilnahme am deutschen Kriege (das. 1894); Struck, Das Bündnis Wilhelms von Weimar mit G. Adolf (Strals. 1895); Varenius, G. Adolfs schwedischer Nationalstaat (schwed. 1900; deutsch von Arnheim, Leipz. 1901); Hjärne, Gustaf Adolf, protestantismens förkämpe (Stockh. 1901, auch deutscher Auszug); Egelhaaf, G. Adolf in Deutschland 1630–1632 (Halle 1901); Kretzschmar, G. Adolfs Pläne und Ziele in Deutschland und die Herzoge zu Braunschweig und Lüneburg (Hannov. 1904).

3) G. III., König von Schweden, geb. 24. Jan. 1746 in Stockholm als ältester Sohn Adolf Friedrichs (s. Adolf 9) und der Schwester Friedrichs d. Gr., Luise Ulrike, gest. daselbst 29. März 1792, war als Knabe (1756) Zeuge der tiefsten Demütigung seiner Eltern, übte seit 1768 auf die französisch gesinnten »Hüte« (s. d.) einen großen Einfluß aus und verpflichtete sich während eines Aufenthalts in Paris (1771) durch einen Geheimvertrag zur Beseitigung der bestehenden Verfassung. Seit 12. Febr. 1771 König, suchte er scheinbar die »Hüte« mit den russisch gesinnten »Mützen« (s. d.) zu versöhnen und erheuchelte dem Ausland gegenüber völlige Gleichgültigkeit in betreff seiner Herrscherrechte, indem er die Versicherungsakte vom 4. März 1772 unterzeichnete, welche die Königsgewalt noch mehr beschränkte. Im geheimen aber stachelte er Volk und Militär durch Flugschriften sowie durch seine glänzende Überredungskunst gegen die im Reichstag und Reichsrat herrschenden »Mützen« auf, stiftete im Juli 1772 einen Aufstand in Schonen an und machte der Freiheitszeit (s. d.), mit Hilfe der durch seine Beredsamkeit gewonnenen Offiziere, Soldaten und Bürger, durch den Stockholmer Staatsstreich vom 19. Aug. ohne Blutvergießen ein Ende. Der von G. damals befürchtete Angriff Rußlands, Dänemarks und Preußens wurde durch die europäische Gesamtlage vereitelt. Anfangs machte G. von der großen Gewalt, die ihm die neue Verfassung vom 21. Aug. verschaffte, einen segensreichen Gebrauch. Durch Abschaffung der Tortur, Erlaß eines neuen Preßgesetzes, Errichtung von Wohlfahrtsanstalten, Förderung der Künste und Wissenschaften, Hebung von Ackerbau, Handel und Industrie, Erleichterung der Lage des Bauernstandes, Verbesserung des Gesundheits-, Verkehrs-, Finanz- und Münzwesens erwarb er sich überall Liebe und Volkstümlichkeit. Erst seit dem Reichstag von 1778 trat allmählich eine Wendung ein. Das Zerwürfnis mit seiner Mutter (1778–82), die seinen Sohn G. Adolf (s. unten 4) öffentlich einen Bastard nannte, mehrere durch seine Prachtliebe und Verschwendung veranlaßte Finanzmaßregeln, seine veränderte auswärtige Politik sowie einige reaktionäre Anzeichen minderten die Anhänglichkeit der niedern Stände und ermutigten den ihm feindlichen Adel unter Führung F. A. v. Fersens (s. d. 1) zu scharfer Opposition auf dem Reichstag von 1786. Der ohne Zustimmung der Stände im Sommer 1788 von G. begonnene russische Krieg führte zu einer förmlichen Rebellion mehrerer in Finnland befindlicher Offiziere (s. Anjalabund) und brachte den König persönlich in eine gefährliche Lage, aus der ihn jedoch bald die dänische Kriegserklärung rettete. Nach Schweden zurückgekehrt, nötigte er Dänemark schnell zum Frieden und gewann durch seine kluge, männliche Haltung von neuem das Vertrauen der untern Klassen. Auf die Volksgunst gestützt, berief er Anfang 1789 einen Reichstag nach Stockholm, wo er die Annahme eines neuen, ihm selber völlige Souveränität und unbedingte Verfügung über die Staatseinkünfte, den drei bürgerlichen Ständen aber mehrere Rechte auf Kosten des Adels verleihenden Grundgesetzes (Vereinigungs- und Sicherheitsakte vom 21. Febr.) sowie die Bewilligung außerordentlicher Steuern zur Deckung der schon entstandenen und noch zu bestreitenden Kriegskosten durchsetzte. Der nunmehr nachdrücklich fortgesetzte Krieg mit Rußland endete 1790, trotz mehrerer schwedischer Seesiege, mit Wiederherstellung des frühern Besitzstandes. Mit dem französischen Königspaar befreundet und seit 1784 durch einen Vertrag, der ihm die westindische Insel St. Barthélemy verschaffte, mit Frankreich verbündet, versuchte G. fortan eine europäische Koalition gegen die französische Revolution zustande zu bringen, schloß zu diesem Zweck einen Freundschaftsvertrag mit Rußland (1791) und plante längere Zeit eine bewaffnete Diversion an der französischen Küste. Der im Januar 1792 von ihm nach Gefle einberufene Reichstag verlief ruhig. Bald darauf bildete sich aber eine Adelsverschwörung wider sein Leben, und in der Nacht vom 16./17. März ward er auf einem Maskenball im Opernhaus von Anckarström (s. d.) durch einen Pistolenschuß tödlich verwundet. Aus seiner Ehe mit der dänischen Prinzessin Sophie Magdalene gingen zwei Söhne hervor: G. IV. Adolf (s. unten) und Karl G. (1782–83). – G., der eine vortreffliche Erziehung genossen und die Vorliebe seiner Mutter für die französische Bildung geerbt hatte, erwarb sich um die geistige und künstlerische Entwickelung Schwedens im »Gustavianischen Zeitalter« sehr bedeutende Verdienste. Ein begeisterter Freund der Künste und Wissenschaften, gründete er 1771 die Musikalische Akademie, 1773 ein schwedisches Nationaltheater und die Akademie der Künste, 1786 die (jetzt mit Erteilung des literarischen Nobelpreises beauftragte) schwedische Akademie. Auch als Redner und Schriftsteller leistete er Hervorragendes. Eine Auswahl seiner Elegien und Schauspiele übersetzte Eichel (Leipz. 1843). Eine Sammlung seiner »Œuvres politiques, littéraires et dramatiques« gab Dechaux (Par. 1805, 5 Bde.; deutscher Auszug von Rühs, Berl. 1805–08, 3 Bde.), Fragmente seines schriftlichen Nachlasses in der Upsalaer Bibliothek[537] E. G. Geijer (s. d.) heraus. Sein Leben ist oft in Dramen, Romanen und Opern behandelt worden. Vgl. Geffroy, Gustave III et la cour de France (Par. 1867, 2 Bde.); Ehrensvärd, Dagboksanteckningar förda vid Gustaf III's hof (hrsg. von Montan, Stockh. 1878, 2 Bde.); Reumont, G. III. in Aachen (Aach. 1880); Odhner, Sveriges politiska historia under Gustaf III.'s regering (Stockh. 1885–96, 2 Bde., bis 1787 reichend); N. Åkeson, Gustaf III's förhållande till franska revolutionen (Lund 1885–87); Levertin, Teater och drama under Gustaf III. (Stockh. 1889); Mellin, Verschwörung und Mordattentat gegen G. III. (1890); E. Tegnér, Från Tredje Gustafs dagar (1891–94, 6 Bde.); Arnheim, Friedrich d. Gr. und G. III. vor und nach dem Stockholmer StaatsstreicheDeutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft«, 1892); Hüffer und Arnheim, Das Zerwürfnis Gustavs III. mit seiner Mutter Luise Ulrike (Leipz. 1893); Bain, Gustavus III. and his contemporains (Lond. 1894, 2 Bde.); Levertin, Gustaf III. som dramatisk författare (Stockh. 1894) und Frau Gustaf III's dagar (1896, 2. Aufl. 1897); Crüwell, Die Beziehungen Gustavs III. zu Marie Antoinette (Berl. 1897); »Lettres de Gustave II à la comtesse de Boufflers 1771–1791« (hrsg. von Vivie, Bordeaux 1900); Stavenow, Konung Gustaf III (Gotenb. 1901); Hamilton, Anekdoter till svenska historien under Gustaf III's regering (hrsg. von Levertin, Stockh. 1901); Adlerbeth, Gustaf III's resa i Italien (hrsg. von H. Schück, 1902).

4) G. IV. Adolf, König von Schweden, Sohn des vorigen, geb. 1. Nov. 1778 in Stockholm, gest. 7. Febr. 1837 in St. Gallen (Schweiz), stand anfangs unter Vormundschaft seines Oheims Karl (s. Karl XIII.), der auch die Regentschaft führte, übernahm 1. Nov. 1796 die Regierung und vermählte sich 31. Okt. 1797 mit der Prinzessin Friederike von Baden, einer Schwägerin Kaiser Alexanders I. Durch mehrere Notjahre wurde er Anfang 1800 zur Einberufung eines Reichstags nach Norköping gezwungen, wo er mit einer scharfen Adelsopposition zu kämpfen hatte. Ende 1800 trat er der bewaffneten Neutralität bei, blieb aber im Frühjahr 1801 bei dem englischen Angriff auf Kopenhagen untätig. 1803 verpfändete er, um die Finanzlage des Reiches zu ordnen, Wismar auf 100 Jahre an Mecklenburg-Schwerin. Die gerade während seiner Anwesenheit in Karlsruhe (seit Sommer 1803) erfolgte völkerrechtswidrige Entführung und Hinrichtung des Herzogs von Enghien (s. d.) rief bei G. eine fanatische Erbitterung gegen Napoleon I. hervor, die sich auf alle Weise kundgab, so durch Überreichung verschiedener Protestnoten auf dem Regensburger Reichstag und durch Rücksendung des preußischen Schwarzen Adlerordens nach dessen Verleihung an Napoleon. Ende 1804 aus Deutschland nach Schweden heimgekehrt, schloß sich G. der Koalition gegen Frankreich an, vermochte aber nur wenig auszurichten und die Überschwemmung Vorpommerns mit französischen Truppen (1807) nicht zu hindern. Seine hartnäckige Weigerung, dem Bündnis mit England zu entsagen und dem Kontinentalsystem beizutreten, hatte Anfang 1808 einen Einfall der Russen in Finnland (s. d., S. 590) sowie die Kriegserklärung Dänemarks zur Folge. Der teilweise durch G. selbst verschuldete unglückliche Verlauf des Feldzugs in Finnland, Schonen und an der norwegischen Grenze brachte die seit langer Zeit bei einem Teil des Volkes und Militärs herrschende Gärung (trotz der Bemühungen eines E. M. Arndt und G. M. Armfelt) zum offenen Ausbruch. Adlersparre (s. d.) gab 7. März 1809 das Zeichen zur Revolution. Am 13. März ward G. von Adlercreutz (s. d.) im Stockholmer Schloß verhaftet. Zuerst nach Drottningholm, dann nach Gripsholm geführt, suchte er vergebens 29. März durch freiwillige Thronentsagung die Krone für seinen Sohn zu retten. Der von der interimistischen Regierung einberufene Reichstag erklärte 10. Mai G. und dessen Nachkommen für immer der Krone verlustig und übertrug diese seinem Oheim Karl (s. Karl XIII.). Im Dezember mit seiner Familie nach Deutschland gebracht, lebte er 1810 in Bruchsal, Basel, Berlin und London, 1811 in Schleswig, wo er sich Graf von Gottorp nannte, in der Schweiz etc., ließ sich 1812 von seiner Gattin scheiden, machte 1814 auf dem Wiener Kongreß vergeblich die Rechte seines Sohnes auf den schwedischen Thron geltend und plante 1815 einen abenteuerlichen Kreuzzug nach Palästina. Später lebte er, da er nur ein geringes Privatvermögen besaß und von der schwedischerseits ihm bewilligten Apanage, bez. Abfindungssumme nichts annehmen wollte, bescheiden, ja kümmerlich unter dem Namen Oberst Gustavsson in Basel, Leipzig, Holland und St. Gallen. Außer G. 7) hatte er vier Kinder. Erwähnt seien: Sophie Wilhelmine (1801–65), Gattin Großherzog Leopolds von Baden, und Cäcilie (1807 bis 1844), Gemahlin Großherzog Augusts von Oldenburg. Er schrieb (ursprünglich französisch): »Betrachtungen über meine ersten Kriegstaten« (Jena 1817); »Memorial des Obrist Gustavs« (Leipz. 1829); »Über die unbeschränkte Preßfreiheit« (Aachen 1833); »Der 13. März oder die wichtigsten Tatsachen der Revolution von 1809« (St. Gallen 1835). – Vgl. [Granberg], Historisk tafla af Gustaf IV Adolfs senaste regeringsår (Stockh. 1810–11, 3 Bde.); Crusenstolpe, Historisk tafla af Gustav IV Adolfs första lefnadsår (1837); E. M. Arndt, Schwedische Geschichten unter G. III. und G. IV. (Leipz. 1839); Adlerbeth, Historiska anteckningar från Gustaf III's och Gustaf IV Adolfs regeringstid (hrsg. von G. Andersson, Örebro 1856–57, 3 Bde.); Kleinschmidt, Die Irrfahrten G. IV. AdolfsHistorisches Taschenbuch«, 1887); Brißman, Sveriges inre styrelse under Gustaf IV Adolfs förmyndareregering (Lund 1888); H. Larsson, Sveriges deltagande i den väpnade neutraliteten 1800–1801 (das. 1888); K. Key-Åberg, De diplomatiska förbindelserna mellan Sverige och Storbritannien 1805–1809 (Upsala 1890–91, 2 Bde.); Hjelmérus, Gustaf IV Adolfs frierier (Lund 1891); N. Åkeson, Förmyndarestyrelsens planer rörande Gustaf IV Adolfs förmälning (das. 1891); J. W. Nilsson, De diplomatiska förbindelserna mellan Sverige och Frankrike under Gustaf IV Adolf (Upsala 1899); Grimberg, De diplomatiska förbindelserna mellan Sverige och Preussen 1804–1808 (Gotenb. 1903).

5) G., Kronprinz von Schweden und Norwegen, geb. 16. Juni 1858 auf Drottningholm (bei Stockholm) als ältester Sohn Oskars II. (s. d.), erhielt eine ausgezeichnete wissenschaftliche Erziehung, wurde 1875 Leutnant und ist seit 1898 General. Norwegischer Vizekönig vom März 1884 bis zur Aufhebung dieser Würde (1891), erregte er durch seine unionspolitische Haltung bald das Mißfallen der radikalen Storthingsmehrheit, die 4893–98 seine Apanage von 80,000 auf 30,000 Kronen herabsetzte. Seit 1899 führte er öfters die Regentschaft für seinen[538] Vater (s. auch Schweden und Norwegen, Geschichte). Seit 20. Sept. 1881 mit einer Enkelin Kaiser Wilhelms k., Prinzessin Viktoria von Baden (geb. 7. Aug. 1862 in Karlsruhe), vermählt, hat er drei Söhne: Gustav Adolf (geb. 11. Nov. 1882), Wilhelm (geb. 17. Juni 1884) und Erich (geb. 20. April 1889).

6) G. (Erichson Wasa), Prinz von Schweden, Sohn Erichs XIV. (s. d.), geb. Anfang 1568 in Nyköping, gest. 1607 in Kaschin (Rußland), 1568 zum Thronerben erklärt, folgte seinem Vater in die Gefangenschaft, ward seit 1575 in preußischen Jesuitenschulen erzogen, lebte längere Zeit am Hofe Kaiser Rudolfs II., dessen alchimistische Neigungen er teilte, und ging später nach Polen. 1600 folgte er einer Einladung des Zaren Boris Godunow nach Moskau, wurde aber von diesem, da er sich nicht zum Werkzeug der antischwedischen Politik Rußlands machen lassen wollte, später vorübergehend auch vom falschen Demetrius in Gefangenschaft gehalten.

7) G., schwedischer Kronprätendent, geb. 9. Nov. 1799 in Stockholm als ältester Sohn von G. 4), gest. 4. Aug. 1877 in Pillnitz, genoß in Schweden und Baden eine treffliche Erziehung, trat später in österreichischen Militärdienst, wo er sich anfangs »Prinz von Schweden«, seit 1829 Prinz von Wasa nannte, avancierte 1836 zum Feldmarschalleutnant, protestierte 1844 gegen die Thronbesteigung Oskars I. (s. d.) und lebte meist in Wien. Seit 1830 mit seiner Cousine Luise von Baden vermählt, hatte er nur eine Tochter, die jetzige Königin-Witwe Carola von Sachsen (geb. 5. Aug. 1833 zu Schönbrunn), auf deren Wunsch seine Leiche nebst der seines Vaters 1884 in der Wasagruft der Stockholmer Riddarholmskirche beigesetzt wurde.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 535-539.
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