Lager [1]

[44] Lager (lat. Campus), Unterbringung einer Truppe außerhalb bewohnter Orte.

Plan eines römischen Lagers. (Die Maße sind Fuß).
Plan eines römischen Lagers. (Die Maße sind Fuß).

Man unterscheidet Biwaks (s. d.), Hütten-, Zelt- und Barackenlager. Eine Erweiterung der L. sind die stehenden oder Übungslager oder Truppenübungsplätze der neuesten Zeit. Über verschanzte L. s. Feste Stellungen. Die Zeltlager bedingen durch Mitführung der Zelte eine die Beweglichkeit der Truppe beschränkende Vermehrung des Trains. Ist es nötig, gegen Witterungseinflüsse einen Schutz zu schaffen, den das Biwak nicht gewährt, so werden Hüttenlager errichtet. Die Hütten (s. d.) werden je nach der Zeit, Zweck und Material in verschiedenen Größen und Formen gebaut. Bleibt die Truppe längere Zeit auf der Stelle, z. B. vor Festungen, so werden hier dauerhaftere Hütten erbaut. Je nachdem die Zelt- oder Hüttenreihen senkrecht zur Lagerfront stehen oder ihr parallel laufen, unterscheidet man Gassen- und Linienlager. Bei jenen werden zwei Zeltreihen immer von demselben Truppenteil belegt und stehen mit den Zeltöffnungen sich gegenüber; der Zwischenraum von etwa 20 m bildet die Lager- (Kompanie-) Gasse. Die Rücken der Zelte zweier benachbarter Lagergassen haben nur einen Abstand, die Brandgasse. Für die Pferde wird eskadron- und batterieweise in Verlängerung der Zeltreihe nach der Front zu mittels der Pikett- (Kampier-) Pfähle, die durch eine Stall- (Kampier-) Leine verbunden werden, der Stall aufgeschlagen. Die Pferde werden an der Stalleine angebunden. Übungslager haben den Zweck, größere Truppenabteilungen in der Stärke von Divisionen oder Armeekorps auf längere Zeit zu gemeinschaftlichen taktischen Übungen zu vereinigen.

Bei den Griechen wurde der Lagerplatz in bezug auf natürliche Verteidigungsfähigkeit mit großem Verständnis im Gelände ausgesucht. Das spartanische L. war kreisrund. Bei den Römern hatten die Taktik wie die täglichen Märsche ein befestigtes L. zur Basis. Sie unterschieden Winterlager (castra hiberna) und Sommerlager (castra aestiva); letztere waren die beständigen Stützpunkte der Operationen und wurden am Abend jedes Marschtages nen errichtet. Nach Polybius bildete das L. (s. den Plan) ein Quadrat, die Front gegen den Feind, in derselben das Haupttor (porta praetoria), durch das eine Straße zum Feldherrnzelt (praetorium) u. zum Tor in der Rückfront (porta decumana) führte. Vor dem Prätorium führte die via principalis parallel der Front quer durch das L. nach den Seitentoren (porta principalis dextra und sinistra). Die Zelte, aus Leder, waren gewöhnlich für 10 Mann und ihren Dekanus berechnet. Die Verschanzung bestand aus Graben und dahinterliegendem Wall, der nicht Schutz, sondern erhöhte Stellung gewähren sollte; auf seiner Krone standen Kämpfer und Geschütze (Katapulten) hinter einer Palisadenbrustwehr (torica). In den Winter- oder Skandlagern wurden diese Brustwehren durch Erdvorlagen widerstandsfähiger gemacht und Türme, meist mit Geschützen armiert und durch Wachen besetzt, angelegt; statt der Zelte wurden Holz- oder Erdhütten gebaut. War es nötig, zur Sicherung der Herrschaft in dem besetzten Lande diesen Lagern größere Dauer zu geben, so wurden Steinbauten ausgeführt, und so entstanden die festen L., aus denen sich dann, wie namentlich die Limes-Forschung ergeben hat, viele jetzt blühende Städte am Rhein entwickelt haben. – Die Marschlager[44] der Germanen waren Wagenburgen, aus den Karren des Trosses hergestellt, Rad an Rad nebeneinander mit aufgehobener Deichsel in konzentrischen Ringen aufgestellt; sie dienten als Schutzwall, der jedoch bei Standlagern durch Palisadierungen etc. verstärkt wurde. Ähnlich waren die L. zur Zeit der Kreuzzüge. Einen eigentümlichen Charakter erhielt das Lagerwesen durch die Hussiten (Anfang des 15. Jahrh.), die mit ihren ganzen Familien auf Wagen ins Feld zogen. Auf der Verwendung dieses großen Wagentrosses mit verhältnismäßig zahlreichen Geschützen als Wagenburg (Tabor, daher Taboriten) beruhte die von Ziska ausgebildete Kampfweise der Hussiten. Die Wagen fuhren in vier Reihen hintereinander; die über die innern Reihen übergreifenden Flügel der äußern (ersten und vierten) Reihe wurden, um das L. oder den Tabor zu bilden, zusammengezogen. Diese Kampfweise wurde auch von den Deutschen im 15. Jahrh. angenommen. Die L. der Landsknechte waren ähnlich den römischen eingerichtet; innerhalb derselben waren die Nationen, wie Reiter und Fußvolk voneinander getrennt; letzteres zunächst dem Feinde, dahinter der Feldherr. Die Geschütze standen am Lärmplatz, die Troßwagen mit Fuhrleuten in besondern Quartieren oder außerhalb. Die Wagenburgen hielten sich noch bis Mitte des 17. Jahrh. Der Lineartaktik (18. Jahrh.) waren die Zeltlager in Verbindung mit der Magazinverpflegung eigentümlich, welche die Bewegungen ungemein erschwerte. Die schnellen Operationen der französischen Revolutionsheere schafften die Zelte ab und führten das Biwakieren und Kantonieren ein.

Das erste Übungslager wurde von Napoleon I. 1804 bei Boulogne für etwa 100,000 Mann errichtet. Das nächste ist das L. von Châlons, das zuerst 1857 bezogen wurde, und für das Napoleon III. sich besonders interessierte. Für alle Staaten, mit Ausnahme Preußens, diente das L. von Châlons mit seinen Einrichtungen als Muster. Hatte man indessen Offiziere und Truppen damit an das Feldleben gewöhnen wollen, so erkannte man bald die Täuschung. Das Lagerleben entsittlichte. Die stets in gleichem bekannten Gelände stattfindenden Übungen zogen eine schematische Ausbildung groß. Man erkannte in französischen Offizierkreisen diese Schäden offen an. Wenn heute noch L. ähnlicher Art bei St.-Maur, Satory, Sathonay, Lannemegan, St.-Medard, Calais etc. errichtet worden sind, sprechen dabei wohl mehr politische als militärische Gründe mit. In großartigerer Weise finden, veranlaßt durch die Zersplitterung der Truppenteile auf viele Garnisonen, Zusammenziehungen von Truppenmassen in Übungslagern in Rußland statt. Das bedeutendste L. ist das bei Krasnoje Seló, 25 km südwestlich von Petersburg. Alle Fußtruppen lagern in viereckigen Zelten, die Kavallerie und reitende Artillerie kantonieren auf den umliegenden Ortschaften, weil das Klima für das Lagern der Pferde im Freien nicht günstig ist. Die L. bei Warschau, Moskau, Wilna, Kowno, Grodno, Kiew, Luzk, Beuder, Tschugujew und Ielissawetgrad sind von ganz ähnlicher Einrichtung. Österreich hat ein Übungslager bei Bruck a. d. Leitha errichtet, in dem ein Teil der Mannschaften in Holzbaracken, der andre Teil in Zelten von so außerordentlicher Größe untergebracht ist, daß 35 Mann in einem Zelt liegen und jede Kompanie nur vier Zelte hat. Die Pferde stehen im Freien an hölzernen Barrieren befestigt. Außerdem bestehen L. für die Ausbildung von Landwehrformationen in Pilis-Csaba etc., Artillerie-Schießplätze in Steinfeld, Hajmáskér bei Veßprém etc. In England sindÜbungslager nach französischem Muster bei Aldershot (s. d.) und Curragh angelegt. In Preußen, wo man dem Prinzip der fortschreitenden Manöver treu blieb, fanden deshalb die vorgenannten Übungslager keine Nachahmung. Indessen machen ökonomische Gründe bei Zusammenziehung der Artillerie zu den jährlichen Schießübungen und die gesteigerte Schießausbildung der Infanterie die Anlage von Barackenlagern auf Truppenübunsplätzen nötig. Auch das Exerzieren der Infanterie bis zum Brigadeverbande, größere Exerzitien andrer Waffengattungen, niemals aber Manövrierübungen mit gemischten Waffen finden hier statt. Mit wenigen Ausnahmen haben (1905) alle Armeekorps diese Truppenübungsplätze. Für die Fußartillerie ist schon seit längerer Zeit der Schießplatz in Wahn bei Köln (8.) und Thorn (17. Armeekorps) eingerichtet worden. Die Lagerkommandanturen verwalten den staatlichen Besitz und regeln die Lagerordnung, Verteilung des Übungsplatzes nach Zeit und Raum. Die Kommandanten sind Obersten oder Generalmajors. Vgl. Jähns, Geschichte des Kriegswesens (Leipz. 1880).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 12. Leipzig 1908, S. 44-45.
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