Palästīna

[319] Palästīna (hierzu die Karte »Palästina«), griechisch-röm. Name für das hebräische Pleschet, das ursprünglich nur die Küstenebene der Philister südlich von Joppe (Jafa) bezeichnete, also mit Philistäa gleichbedeutend ist. Schon früh wurde der Name P. als geographischer Begriff auf das ganze Land der Juden ausgedehnt, und dieser Sprachgebrauch hat sich bis heute erhalten, während die Bibel Ausdrücke braucht, wie Land der Hebräer, Land Israels, Juda (nachexilisch), Jehovas Land, Heiliges Land, Land der Verheißung (Gelobtes Land) etc. Kanaan hieß nur das Westjordanland; im engern Sinne bezeichnete es Philistäa und die nördlich anstoßende phönikische Küste. Letztere beiden Gebiete gehörten jedoch nur zeitweilig zu P., dessen Westgrenze im wesentlichen mit dem Beginn des Hügellandes zusammenfällt. Die nördliche Grenze lag bei Rama (Rame) und Dan (Tell el Kadi) am Fuße des Hermon,[319] die östliche etwa unter 36° östl. L., wo sich der rötliche, ackerbaufähige Boden scharf vom östlichen Weideland der Steppe abhebt, die südliche etwa unter 311/4° nördl. Br. beim heutigen Bir es Seba'a und im Ostjordanland unter 311/2° am Fluß Arnon (Wadi Modschib). Somit beträgt die größte Breite Palästinas im S. etwa 133 km, die geringste im N. 60–70 km, die größte Länge von Bersaba bis Dan 230, vom Arnon bis Dan 200 km. Der Flächeninhalt belief sich rund auf 25,000–27,500 qkm.

[Bodengestaltung.] Das so umgrenzte Gebiet zerfällt in vier von Natur scharf geschiedene Teile: die Ebene am Meer, das westjordanische Hochland, die Jordaneinsenkung und das ostjordanische Hochland. Die Ebene am Meer hat vom Vorgebirge Karmel im N. bis Gerar (Umm Dscherâr) im S. 165 km Länge und 15 km durchschnittliche Breite. Das Gestade selbst ist flach, mit Dünen besetzt und zu Landungsplätzen wenig geeignet. Erst nördlich von Cäsarea (Kaisarîe) wird die Küste stellenweise steiler und buchtenreicher, bis nördlich vom 33. Breitengrad Steilküsten die Regel bilden. Jene Ebene, das eigentliche Kanaan, ist ein besonders in der nördlichen Hälfte ungemein fruchtbarer Alluvialboden, der im Altertum die meisten und größten Städte ganz Palästinas trug. Ihre südliche Hälfte hieß Sephela, ihre nördliche Saron; Jafa oder etwa der 32. Breitengrad bildete zwischen beiden die Grenze. Auf diese Ebene folgt östlich ein terrassenförmiges Hügelland von derselben Breite wie die Ebene und von 200–500 m Meereshöhe und, damit zusammenhängend, das westjordanische Hochland von 600–900 m Höhe. Erst in der Tertiärzeit oder noch später wurden das west- und ostjordanische Plateau durch einen tiefen Einbruch des dazwischenliegenden Teiles, des jetzigen Jordantals (Ghor), voneinander getrennt. Das beweisen die auf dieser Spalte hervortretenden heißen Quellen und die häufigen Erdbeben. Erstere sprudeln in Hamath (jetzt Hamam) bei Tiberias, in Amatha beim heutigen Mkes und in der Kallirrhoe im Tal des Wadi Zerka Ma'in. Die geologische Zusammensetzung dieser Plateaus ist im großen folgende: Urgebirgsmassen (Granit, Gneis und Glimmerschiefer) sowie Porphyre bilden die beiden Ufer des Roten Meeres und die südliche Sinaihalbinsel und reichen nördlich vereinzelt bis in die Nähe des Toten Meeres. Diese Gesteine werden im N. von einem harten, braunroten bis schwärzlichen Sandstein überlagert, der nordwärts bis aus Südostufer des Toten Meeres reicht, an den Westabhängen des Libanon und Antilibanon wieder zutage tritt und mit dem nubischen Sandstein verglichen wird. Diesem Sandstein ist ein Kalkstein turonischen Alters ausgelagert, der die Hauptmasse des Libanon und Hermon, das ganze oft- und westjordanische Plateau und die nördliche Hälfte der Sinaihalbinsel bildet und noch im Niltal weit nach S. hinausreicht. Als höchste Glieder folgen dann bituminöse Schiefer und Kalksteine und weiße Kreide, ferner eocäner Nummulitenkalk. Der quartären Formation gehören die Ebenen, wie Jesreel (s. unten), Sephela und Saron, das Ghor u.a., an, während vulkanische Gesteine im N. auftreten. Vulkanisch (basaltisch) sind der Dschebel Hauran mit seinen zahlreichen Eruptionskegeln und das Lavaplateau Trachon (Ledscha), ferner die Landschaft Gaulonitis (Dscholân) westlich vom Bahr el Hule und Tiberiassee, mit doppelter, nordsüdlich verlaufender Vulkanreihe, sowie westlich vom Jordan einzelne Gegenden bei Nazareth, Tiberias und Safed. Vgl. Asien, S. 859.

Das westjordanische Plateau fällt gegen W. und O. mit scharfen Rändern ab; diese Naturform war es, welche die Isolierung des Landes begünstigt und somit einen wesentlichen Einfluß auf die Entwickelung des jüdischen Volkes ausgeübt hat. Von S. (Idumäa) ist der Aufstieg zum Gebirge Juda nicht so steil. Das Plateau steigt nördlich von Hebron zu 1027 m, westlich von Bethlehem zu 993 m, in Jerusalem zu fast 790 m an. An fruchtbaren Ebenen besitzt dieses Gebirge nur das Tal Rephaim, südwestlich von Jerusalem. Berühmt ist der Dschebel Karantel (s. Quarantana). Dieser Berg gehört schon zum Gebirge Ephraim, das alles Land von Kiriath Jearim (Kariet el Enab) und Jerusalem bis zum Gebirge Karmel und der Ebene Jesreel umfaßt. Es ist ziemlich fruchtbar und angebaut, umschließt auch, besonders in seinem nördlichen Teil, der Landschaft Samaria (s. d.), mehrere kleinere Ebenen, wie die Ebene von Samaria (390 m). Gegen den Jordan hin sind seine Abhänge kahl, die Felsschluchten wild und von jeher ein Zufluchtsort für Räuber. An einzelnen Bergen sind hier zu nennen: der Ebal (938 m) und Garizim (868 m), nördlich und südlich von Sichem. An das Gebirge Ephraim schließen sich nördlich die Gebirge Gilboa (518 m, heute Dschebel Fukua) und Karmel an, welche die Ebene Jesreel von S. einschließen und die Grenze zwischen Samaria und Galiläa bilden. Der Karmel (jetzt Eliasberg genannt) ist reich an Quellen und Vegetation, erhebt sich bis zu 551 m Höhe, ist 50 km lang und stürzt schroff zum Meer ab. Auch die Ebene Jesreel (Esdrelon), ein Einsturzbecken, erstreckt sich von SO. nach NW. und ist, vom Kison (Nahr el Mukatta'a) durchflossen, heute zwar stellenweise sumpfig, aber sehr fruchtbar. Gegen O. steht sie durch den Einschnitt zwischen dem Gebirge Gilboa und dem Kleinen Hermon (515 m) mit dem Jordantal bei Bethsean (Besan) in Verbindung. Infolgedessen kreuzen sich hier wichtige Straßen, und die Ebene diente häufig als Schlachtfeld. Nördlich von ihr erhebt sich das fruchtbare Hügelland von Galiläa, der beste Teil Palästinas, der im S. von Ebenen durchsetzt ist, im N. sich als Plateau an den Libanon anschließt. Auf den Kleinen Hermon folgen nördlich der kegelförmige Tabor (562 m), die Berge von Nazareth (560 m), die nördlich die fruchtbare Ebene Sebulon (heute Battauf) begrenzt; dann die Berge über Tiberias (316 m) und das Asamongebirge (1199 m) westlich von Safed. Dann wird das Gebirge zum Fluß Lita (Litani) hin wieder niedriger.

Der dritte Hauptteil von P. ist das Tal des Jordans (s. d.), im Altertum Aulon, heute El Ghor genannt, durchweg eben, an den Mündungen der größern Zuflüsse, wie des Jarmuk (Scheriat el Menadhire), Jabbok (Wadi Zerka), Wadi Kefren, am See Genezareth (s. d.), um Bethsean (s. oben) und namentlich um Jericho etc., fruchtbar, wenn auch wenig bebaut, sonst aus Steppe bestehend. Der Jordan, der einzige namhafte Fluß Palästinas, entspringt am Hermon, durchfließt den Bahr el Hule und den See Genezareth, tritt dann in die Talspalte des Ghor ein und mündet endlich in das 394 m unter dem Meer gelegene Tote Meer (s. d.). Die Gebirge des Ostjordanlandes, unter dem Namen Gilead zusammengefaßt, steigen vom Toten Meer und dem Ghor aus steil an und verflachen sich ostwärts allmählich in das Steppen- und Wüstengebiet Nordarabiens. Von den einzelnen Teilen sind zu nennen: das Gebirge Abarim in Moab mit dem Fluß Arnon (Wadi Modschib), die Gebirge Pisga mit dem Berg [320] Nebo (806 m) und Mizpe (1096 m); dann nördlich vom Jabbokfluß das eigentliche Gebirge Gilead bis zum tief eingeschnittenen Tal des Jarmuk und nördlich davon bis zum Hermon und der Nordgrenze Palästinas die vulkanische Landschaft Golan (Dscholan), im Tell esch-Schecha zu 1294 m ansteigend. Im allgemeinen ist das Ostjordanland besser bewaldet und bewässert als das Westjordanland und hat fruchtbare Ebenen, wie die um Medaba und Baal Me'on (heute Madeba und Ma'in), im Tal des Jabbok und die nicht mehr zum eigentlichen P. gehörige, noch heute Korn ausführende weite Ebene Basan (jetzt En Nukra), westlich vom Hauran. – Unter Wüsten, von denen die Heilige Schrift spricht, ist Steppenland zu verstehen, das nur im Winter von Nomaden beweidet wird. So beschaffen ist der größte Teil des Ghor und namentlich die Wüste Juda, die zwischen dem Toten Meer im O. und den Orten Herodion, Thekoa, Kapharbarucha, Arad und Aroer im W. sich hinzieht, nördlich von der Straße von Jerusalem nach Jericho, südlich etwa vom 31. Breitengrad begrenzt wird.

Der Unterschied im natürlichen Reichtum Palästinas von einst und jetzt ist nicht so bedeutend, als viele glauben. Einerseits sind die Schilderungen der Bibel (»das Land, wo Milch und Honig fließt«) von orientalischer Phantasie eingegeben, anderseits ist P., wenngleich es früher eine größere Einwohnerzahl ernährte, wie die überall zahlreichen Reste von Ortschaften beweisen, noch heute fruchtbar und für den Anbau von Wein, Öl, Gemüsen und allerhand Früchten, weniger von Getreide (wegen der zuweilen großen Trockenheit und der Heuschrecken) sehr geeignet. Nur fehlen ihm menschliche Kräfte und vor allem eine geordnete Verwaltung, um wieder aufzublühen. Waldreich war das Westjordanland (von Teilen seines westlichen Abfalles abgesehen) wohl nie, und darum sind auch seine Bäche nie viel wasserreicher gewesen als jetzt. In der Regenzeit tosende Gießbäche, trocknen sie schon im April und Mai fast völlig aus. Nach dem Meer fließen nur kleine Küstenflüßchen von 35–45 km Länge, wie Kison (Nahr el Mukatta'a), Kana (Wadi e' Scha'ir), Nahr el Audsche bei Jafa u.a. Die westlichen Nebenflüsse des Jordans und des Toten Meeres sind noch kürzer; darunter der bei Jerusalem entspringende und ins Tote Meer mündende Kidron (Wadien Nar). Bedeutender sind die östlichen Zuflüsse, wie Jarmuk (Scheriat el Menadhire), Wadi Adschlun, Jabbok (Wadi Zerka), Wadi Zerka Ma'in und Arnon (Wadi Modschib).

[Klima.] Der Frühling, von Mitte März bis Mitte Mai, ist die angenehmste Jahreszeit. Im März und April fallen die zum Gedeihen des Getreides und der Weide unentbehrlichen Spätregen. Von Anfang Mai bis Ende Oktober ist der Himmel fast ohne Ausnahme wolkenlos. Der Wind kommt im Sommer aus NW. und tritt sehr heftig auf, im Herbst wehen warme Südostwinde; Ostwind bringt Dürre, während der ermattende, heiße Südwind (Chamsin) immer nur wenige Tage anzuhalten pflegt. Schon Mitte Mai bekommt das Land infolge des Regenmangels ein vertrocknetes Ansehen, und nur bei künstlicher Bewässerung erhält sich die Vegetation noch frisch. Die »Wüste« ist im Sommer völlig verdorrt, so daß die Nomaden in die Berge ziehen. Gegen Ende Oktober zeigen sich zuerst wieder Wolken, und es fallen einige Gewitter- und Frühregen, worauf das Pflügen und Säen beginnt. Die Regen, von einigen schönen Tagen noch unterbrochen, werden häufiger. Zu Anfang Novemver entlauben sich die Bäume; der Dezember ist stürmischer, nebelig und regnerisch, und schon gegen Ende des Jahres fällt auf den Bergen etwas Schnee. Januar und Februar sind kalt und bilden den eigentlichen Winter; sie bringen Schnee, der sich aber nur auf den Bergen länger als 24 Stunden hält, und spärliches, rasch schmelzendes Eis auf den Gewässern. Jerusalem: Mitteltemperatur im Jahr 17,1°, Januar 8,4, Juli 24,3°, mittlere Jahresextreme 38,7 und 0,2°; Regenmenge: Jahr 64,7 cm (davon gegen zwei Drittel auf den Winter, ein Viertel auf das Frühjahr). Ganz abweichende Verhältnisse zeigt wegen seiner tiefen Depression das Jordantal, wo die Hitze schon zu Anfang Mai bis über 40° steigt und die Ernte bereits Mitte April beginnt.

[Pflanzen- und Tierwelt.] Die westlich vom Jordantal liegenden Landstrecken gehören dem Gebiete der Mittelmeerflora an, während die östlichen die Steppenvegetation Westasiens aufweisen. Judäa erzeugt nur in den Tälern, die fließendes Wasser führen, die Kulturpflanzen Südeuropas, Oliven und Wein, dagegen hat Samaria eine reiche Vegetation, und seine Gebirge sind bis zum Gipfel mit Wald bedeckt. Üppiges Kulturland mit südlicher Vegetationsfülle und reichem Weideland breitet sich an den Berghängen Galiläas aus. Die Bewaldung des Libanon, zwar zum großen Teil vernichtet, zeigt immerhin auf der Westseite über einer bis 500 m hoch reichenden immergrünen Region einen Gürtel von niedrigen Eichen, dem bis über 1000 m Höhe Kiefernwald und noch weiter hinauf Zypressen (Cupressus horizontalis) folgen nebst Überresten der Libanonzeder (Cedrus Libani). Ackerbau wird bis an die Grenzen der alpinen Region getrieben. Die nördlichen Terrassen des Libanon tragen den Maulbeerbaum (Morus alba). In den geschützten Tälern des Landes gedeihen neben Dattelpalmen, Bananen, Zuckerrohr, Feigen, Ölbäumen, Pistazien, Johannisbrotbäumen auch Mandeln, Granaten, Quitten und Walnußbäume. Die Bergbäche des Jordans umsäumen Oleanderbüsche, im Tale Rizinusstauden und Papyrusgräser. Mannigfaltige Wacholderarten, Zypressen, Lebensbäume (Thuja aphylla) wachsen neben Fichten, Ahornen, Erlen, Platanen, Pappeln und Trauerweiden an den höhern Berghängen und Haselsträucher neben Buchsbaum, Rosen, Myrten, Berberitzen, pontischen Azaleen und Gummi liefernden Akazien an den tiefern. Unter den zahlreichen Kräutern sind die mediterranen Typen die vorherrschenden: viele Liliengewächse, Malvazeen, Papaverazeen, Kruziferen und namentlich zahlreiche Caryophyllazeen und Labiaten. – Mit seiner Tierwelt gehört P. zur mediterranen Subregion der paläarktischen Region. Von einheimischen Tieren sind die großen Raubtiere, wie Löwe, Leopard, Bär, jetzt ganz oder fast ganz ausgerottet; im Libanon finden sich Steinböcke; zur interessantesten Form gehört der Klippschliefer (Hyrax). Eine bedeutende Rolle spielt in P. die Viehzucht. Heute wie vorzeiten gibt es zahlreiche Schaf- und Ziegenherden, die neben Hühnern ausschließlich die Fleischnahrung liefern. Das Rind diente mehr zum Pflügen und Dreschen; der zahme Büffel wird jetzt im Jordantal gehalten; Kamele finden sich mehr im Ostjordanland und in der südlichen Wüste als im W. Pferde sind gegenwärtig häufiger als in alter Zeit, dafür waren damals Esel und Maultiere weit mehr im Gebrauch als jetzt. Schweine fanden sich nur bei den heidnischen Bewohnern des Ostjordanlandes. Der Hund und die erst spät gezähmte Katze lebten stets in P. in halbwildem Zustand. Von [321] Ausbeutung etwa vorhandener Metalle ist in P. nie die Rede gewesen. – Von den verschiedenen, zum Teil sehr verheerenden Landplagen Palästinas stehen die häufigen Erdbeben obenan, deren in der Heiligen Schrift mehrere erwähnt werden. Heiße, versengende Ostwinde, Hagelwetter, Wolkenbrüche, Heuschreckenzüge, allgemeine Dürre behaupten noch jetzt ihre Gewalt und vermehren die Unsicherheit der Existenz in dem Grad, als ihnen eine geregelte Kultur durch geeignete Vorkehrungen nicht mehr entgegenwirkt.

[Bevölkerung.] Heute wird P. gebildet durch das Mutesarristik El-Kuds oder Jerusalem, das Wilajet Beirut (nördliches Westjordanland) und das Wilajet Syrien (Ostjordanland), deren Gesamtbevölkerung, soweit jene Bezirke Teile des alten P. umfassen, höchstens 650,000 Seelen beträgt, also 26 auf 1 qkm. Dagegen lassen die (freilich gewaltig übertriebenen) Angaben der Bibel (4. Mos. 1,46 und 26,51) schließen, daß die Juden etwa in der Stärke von 21/2 Mill. einwanderten und in der Zeit der Richter das Doppelte (!) zählten. Immerhin mag das Land einst stärker wie heute bevölkert gewesen sein. Ethnographisch setzt sich die heutige Bevölkerung aus Syrern und Arabern zusammen, wozu in kleinerer Zahl noch Griechen, Türken, Juden und Franken (Deutsche in Sarona, Haifa, Jafa, Jerusalem) kommen. Nach der Religion scheiden sie sich in Mohammedaner (80 Proz.), Christen der verschiedenen Riten (meist griechisch-orthodoxe) und Juden. Neuerdings ist manches zur Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse getan worden. In den deutschen und jüdischen Kolonien bei Haifa, Sarona blüht der Weinbau, und bei Jafa dehnen sich die Orangengärten immer mehr aus. In P. werden jährlich für rund 800,000 Mk. sogen. Devotionalien (Rosenkränze, Kruzifixe etc.) aus Olivenholz und Perlmutter hergestellt und zum größern Teil nach Europa und Amerika ausgeführt. Aus Anlaß des Besuches des deutschen Kaisers wurden 1898 die Straßen Jafa-Jerusalem, Jerusalem-Bethlehem-Hebron, Jerusalem-Jericho, Haifa-Nazareth-Tiberias ausgebessert oder vollendet, neugebaut Haifa-Jafa, Jerusalem-Ölberg und Jericho-Jordan-Totes Meer. An Eisenbahnen wurden gebaut die Linien Jafa-Jerusalem, Beirut-Damaskus, Damaskus-Hauran und die Bahnen Haifa-Damaskus und die Mekkabahn (s. d.) in Angriff genommen.

Geschichte.

In der Geschichte des vordern Orients spielt P. schon lange vor der Besiedelung durch die Israeliten eine nicht unbedeutende Rolle. Biblischer Bericht und archäologischer Befund weisen auf eine in rohem Naturzustand lebende Urbevölkerung (Riesengeschlechter, Höhlenbewohner u.a.) hin. Sie wurde von den semitischen, vom Persischen Meerbusen her in das Land einfallenden Kanaanitern vernichtet. Nach diesen wanderten von Kastor (Kreta) die Philister ein und nahmen die südwestliche Küste in Besitz, drangen oft erobernd vor, bis sie David demütigte. Während der 18.–20. ägyptischen Dynastie kamen Cheta (Hettiter), die das mächtigste Reich in Vorderasien bildeten, in das Land. Sie gingen aber später in den vordringenden Aramäern auf. Diese semitischen Völkerschaften wurden wesentlich von ägyptischer und babylonischer Kultur beeinflußt. Nach ägyptischen Denkmälern des 15. Jahrh. v. Chr. scheint P. eine Provinz Ägyptens zu sein. Die Tontafeln von El-Amarna (s. Amarna) zeigen jedoch, daß diese Herrschaft nicht unbestritten war, und Ramses II. gegen die nach Norden vordringenden Cheta schwer zu kämpfen hatte. Mehr als Ägypten gab Babylon der Gesittung und dem Kultus der vorisraelitischen Stämme, die in kleinen Gebieten unter Stadtkönigen lebten, ein einheitliches Gepräge. Um 1250 fielen die Israeliten, mit denen nach ägyptischer Inschrift der Pharao Merenptah gekämpft hat, unter Josua in Kanaan ein, eroberten Jericho und besiegten in der Schlacht bei Gibeon die fünf Stadtkönige von Jerusalem, Hebron, Jarmut, Lachisch und Eglon. Hierauf eroberten sich die Stämme (Ruben, Gad, halb Manasse blieben auf dem östlichen Jordanufer) in Einzelkämpfen ihre Gebiete; lange Zeit blieben noch Reste der alten Einwohner unter den Israeliten wohnen. Die Philister behaupteten nicht nur ihre Unabhängigkeit, sondern eroberten sich in den Zeiten der Spaltung der Israeliten einen großen Teil des Landes, und erst unter David wurde ihre Macht gebrochen und die Unterwerfung von ganz P. unter die Herrschaft der Israeliten vollendet, die sich im 10. Jahrh. v. Chr. in die Reiche Juda und Israel teilten. Im Verlauf der geschichtlichen Entwickelung erlitt die alte Einteilung Palästinas (s. Artikel »Juden«, S. 330 ff., und Textkärtchen, S. 331) bedeutende Abänderungen. Seit der Babylonischen Gefangenschaft verlor die Unterscheidung von zwölf Stammgebieten alle Bedeutung. Vielmehr zerfiel seit jener Zeit der westliche, zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan gelegene Teil des Landes in die drei Distrikte Judäa, Samaria und Galiläa. Judäa, der südlichste und größte Teil des Westjordanlandes, zwischen dem Mittelmeer, dem untern Jordan und dem Toten Meer, wurde zu Jesu Zeiten in das nördliche oder eigentliche Judäa und in das südliche Judäa oder Idumäa eingeteilt. Johannes Hyrkanos (135–106) hatte letzteres erobert, die Idumäer zur Annahme des Judentums gezwungen und die Länder zu einem Ganzen vereinigt. Mit Herodes d. Gr. gelangte sogar eine idumäische Dynastie zur Herrschaft. Peräa oder das gesamte Ostjordanland Palästinas zerfiel in die Provinzen: Trachonitis, die nördlichste, am Antilibanon und südwärts nach dem Gebirge Gilead zu, nebst Ituräa, Gaulonitis, an der Ostküste des Sees Genezareth, Batanäa, südlich vom vorigen, und das eigentliche Peräa, die alten Stammgebiete von Gad und Ruben. Im J. 70 n. Chr. eroberten die Römer nach dreijährigem Kampfe P., das nun, losgelöst von Syrien, eine römische Provinz unter dem Namen Judäa wurde. Der Name Syria P. datiert seit Hadrian. Im 4. Jahrh. n. Chr. teilte man P. mit Zurechnung von Arabia peträa ein in: P. prima, Nordjudäa und Samaria umfassend, mit der Hauptstadt Cäsarea; P. secunda, das alte Galiläa mit der ganzen Umgegend des Sees Genezareth, sowohl an der Ost- als an der Westseite, und der Hauptstadt Skythopolis; P. tertia (P. salutaria), Südjudäa, Idumäa und das Peträische Arabien, mit der Hauptstadt Petra. Bei der Teilung des römischen Reiches (395) fiel P. dem morgenländischen Kaisertum zu und teilte dessen Schicksale. 636 bemächtigte sich der Kalif Omar Palästinas, das nun aus den Militärbezirken Felastin und El-Urduna (Jordan), mit den Hauptstädten Ludd und Tabarije, bestand. Nur auf kurze Zeit unter dem Königreich Jerusalem und den andern christlichen Feudalstaaten (1099–1187) ward das unter fast 500jährigem Druck seufzende Land, das alle Geschicke der wechselnden Herrschaft der sarazenischen Oberhäupter in Ägypten teilte, durch die christlichen Kreuzfahrer von der Herrschaft der Ungläubigen befreit. Von nun an war P., schon seit dem Anfang der Kreuzzüge jammervoll verheert,[322] der stete Schauplatz wütender Kämpfe zwischen den Sarazenen und den christlichen Kreuzfahrern, die bis 1291 die Wiedereroberung desselben vergeblich versuchten, sowie zahlreicher Eroberungszüge asiatischer Horden, bis es 1517 durch Sultan Selim I. in die Hände der osmanischen Türken kam. 1799 fiel Napoleon I. von Ägypten aus in P. ein, zog sich aber nach vergeblicher Belagerung von Akka (St.-Jean-d'Acre) wieder zurück. Nachdem 1831 Mehemed Ali von Ägypten P. besetzt hatte, kam es 1840 durch Vermittelung Englands und Österreichs wieder an die Türkei. Hatte die Mißwirtschaft der türkischen Regierung früher die Bildung kleinerer Reiche gezeitigt, wie das des Drusenfürsten Fachr ed-Din zu Anfang des 17. Jahrh., des Zachr el Amr um 1756 und des Achmed ed-Dschezzar 1775, so haben sich doch seit 1840 durch Reformen, Hebung des Schulwesens, des Verkehrs, durch Eisenbahnbau u.a., besonders aber durch die Tätigkeit der Missionen die politischen und sozialen Verhältnisse bedeutend gebessert. Die heutige politische Einteilung des Landes stellt den nördlichen Teil des Westjordanlandes unter den Statthalter (Wali) von Beirut, während der südliche Teil das Mutesarriflik El-Kuds oder Jerusalem bildet und das Ostjordanland zum Wilajet Syrien gehört.

Die Erforschung des Heiligen Landes ist seit den letzten Jahrzehnten eifrig fortgesetzt worden. Unter den Leistungen nach dieser Richtung verdienen nächst Seetzen (s. d.) und J. L. Burckhardt (s. d. 2) vor allen die von Tobler (seit 1835) und Robinson (1838 und 1852) als epochemachend genannt zu werden. Andre wichtige Reiseunternehmungen der Neuzeit sind die von Roth (1837, 1856, 1858), Russegger (1838), Symonds (1841), E. G. Schultz (1843), Sepp (seit 1845), Lynch (1848), de Saulcy (1850–51,1863), van de Velde (1851 s. und 1861), Smith (1852), de Vogüé (1853 und 1861), V. Guérin (seit 1854), G. Rosen (seit 1855), G. Rey (seit 1857), Cyrille Graham (1857), Wetzstein (1858), Herzog von Luynes (1864); in neuerer Zeit besonders Baurat Schick, Ingenieur Schumacher, Stübel, Noetling, Guthe, Blankenhorn u.a.

[Literatur.] Die ältern Reisen finden sich verarbeitet in Ritters »Erdkunde von Asien«, Bd. 15–17. Die gesamte Literatur über P. bis 1866 (gedruckte Bücher, Handschriften, Karten und Bilder) hat Titus Tobler in der »Bibliographia geographica Palaestinae« (Leipz. 1867), sodann Röhricht in der »Bibliotheca geographica Palaestinae« (Berl. 1890, bis 1878 reichend) zusammengestellt. Von neuern Schriften seien genannt: V. Guérin, Description géographique, historique et archéologique de la Palestine (Par. 1868–80, 7 Bde.); Duc de Luynes, Voyage d'exploration à la Mer Morte, etc. (das. 1871–76, 3 Bde.); Furrer, Wanderungen durch P. (Zürich 1865, 2. Aufl. 1891); Sepp, Jerusalem und das Heilige Land (2. Aufl., Schaffh. 1876, 2 Bde.); Orelli, Durchs Heilige Land (4. Aufl., Basel 1890); Ebers und Guthe, P. in Bild und Wort (2. Ausg., Stuttg. 1886, 2 Bde., Prachtwerk); Tristram, Bible places; topography of the Holy Land (13. Aufl., Lond. 1897) und The land of Israel (4. Aufl., das. 1906); Lortet, La Syrie d'aujourd'hui (Par. 1886, Prachtwerk); Röhricht, Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Land (Gotha 1889); Le Strange, Palestine under the Moslems (Lond. 1891); G. A. Smith, Historical geography of the Holy Land (das. 1894); Schlatter, Zur Topographie und Geschichte Palästinas (Kalw 1893); Fischer, Palästina (in »Mittelmeer-Bilder«, Leipz. 1906); Buhl, Handbuch der alten Geographie Palästinas (Freiburg i. Br. 1896); Cuinet, Syrie, Liban et Palestine (Par. 1896–1901); Mac Coun, The Holy Land in geography and history (Lond. 1899, 2 Bde.); Macphail, Historical Geography of the Holy Land (Edinb. 1899); Cooke, Palestine in geography and history (Lond. 1901, 2 Bde.); Mjednikow, P. von der Eroberung durch die Araber bis zu den Kreuzzügen (russ., Petersb. 1901); Wimmer, Palästinas Boden mit seiner Pflanzen- und Tierwelt (Köln 1902); K. Bädeker, P. und Syrien (bearbeitet von Socin, 6. Aufl., Leipz. 1904); Meyers Reisebücher: »P. und Syrien« (4. Aufl., das. 1904). Am wichtigsten sind jedoch die Arbeiten des 1865 in London gebildeten Palestine Exploration Fund, der mit großen Mitteln eine genaue systematische Erforschung zunächst des Westjordanlandes, dann 1881–1882 des Ostjordanlandes durchgeführt und auch in spätern Jahren an verschiedenen Stellen Ausgrabungen veranstaltet hat. Der deutsche Verein zur Erforschung Palästinas, 1877 gegründet von Zimmermann, Kautzsch und Socin, liefert in seiner seit 1878 vierteljährlich zu Leipzig erscheinenden »Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins« und seinen zweimonatlich seit 1895 erscheinenden »Mitteilungen und Nachrichten des Deutschen Palästinavereins wertvolle« Beiträge zur Landeskunde und alljährliche Übersichten der gesamten Literatur über P. Vgl. auch das »Palästina-Jahrbuch« des deutschen evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes zu Jerusalem (Berl., seit 1905). Die seit 1882 bestehende Kaiserlich russische orthodoxe Palästina-Gesellschaft gibt seit 1881 den »Sbornik«, seit 1886 »Mitteilungen« und Einzelschriften heraus. Seit 1902 erscheint »Palästina«, Zeitschrift für die kulturelle und wirtschaftliche Erschließung des Landes (Berlin-Halensee), fortgesetzt u. d. T.: »Altneuland«, Organ der Zionistischen Kommission zur Erforschung Palästinas (Berl.). Von den Kartenwerken über P. sind namhaft zu machen: v. Rieß, Bibelatlas (3. Aufl., Freiburg 1895); »Reduced map of Western Palestine« (6 Blatt, Lond.); Fischer und Guthe, Neue Handkarte von P., 1: 700,000 (Leipz. 1890) und Wandkarte von P. (6 Blatt, das. 1896); Kuhnert und Leipoldt, P. bis zur Zeit Christi, 1: 150,000 (4 Blatt, Dresd. 1903); Kiepert, Neue Wandkarte von P., 1: 200,000 (8. Ausg., Berl. 1900, 8 Blatt); v. Haardt, Schulwandkarte von P., 1: 200,000 (Wien 1897); Faßbinder, Karte von P. zur Zeit Jesu Christi, 1: 305,000 (4 Blatt, Trier 1899); Bartholomew, Map of Palestine, 1: 253,440 (Edinburg 1901).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 319-323.
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