Fichte [1]

[536] Fichte (Rottanne, Picea Lk., Abies Don., hierzu Tafel »Fichte I u. II«), Gattung der Koniferen, immergrüne Bäume mit quirligen Haupt- und mehr oder weniger zweizeiligen Nebenästen, spiralig gestellten, allseitswendigen oder an den letzten Zweigen unvollkommen gescheitelten, vierkantigen Nadeln, männlichen Blüten besonders im untern, weiblichen im obern Teil des Baumes u. herabgebogenen oder hängenden Zapfen. Zwölf Arten in der nördlichen gemäßigten Zone. Die gemeine F. (Rottanne, Schwarztanne, Pechbaum, Pechtanne, P. excelsa Link, Pinus Abies L., Pinus Picea Dur., s. Tafel), einer der schönsten Waldbäume, von pyramidenförmigem Wuchs, mit rötlichbraunem Stamm, der schließlich unregelmäßig, aber nie tief gefurcht ist, 44–48, selbst 64 m hoch wird und 2 m Durchmesser erreicht. Die untern Hauptäste hängen oft über, die 15–25 nun langen, geraden oder sichelförmig gekrümmten, spitzen Nadeln bleiben bis zum siebenten Jahre stehen. Die vor dem Aufspringen der Staubbeutel erdbeerähnlichen, roten, oblongen männlichen Blütenkätzchen stehen zu 2–6 an vorjährigen Trieben zwischen den Nadeln, die weiblichen karminroten, bis 5 cm langen Blütenzäpfchen an den Spitzen der vorjährigen Triebe. Die Zapfen sind länglich-walzenförmig, bis 16 cm lang, vor der Reise dunkelviolett oder hellgrün, bei der [536] Reife braun; der geflügelte Same reist im Oktober, fliegt aber meist erst im nächsten Jahr aus, worauf im folgenden Jahre die Zapfen als Ganzes abfallen. Die F. treibt nur horizontale, in sehr geringer Tiefe streichende Wurzeln. Die Keimpflanze hat 6–9 lange Keimnadeln und wächst erst nach dem 4.–6. Jahr auffallend in die Länge; im Stangenalter wächst die F. langsam, und erst nach dem 20.–30. Jahre schneller; sie trägt selten vor dem 50., oft erst im 60. bis 80. Jahre Samen. Samenjahre kehren durchschnittlich nach 5 Jahren wieder. Der Same bleibt 3–5 Jahre keimfähig. Die F. erreicht ein Alter von 600 Jahren, gelangt indes, wie die Lärche, nie zu einer eigentlichen Kronenabwölbung. Sie verlangt frischen, steinigen, humusreichen, nicht zu flachgründigen Boden und viel Luftfeuchtigkeit. In der Ebene kommt sie erst in Nordostdeutschland, besonders in der Niederlausitz, Schlesien, Ostpreußen und jenseit der Weichsel, vor; mehr südlich und westlich ist sie Gebirgsbaum, und in den deutschen Mittelgebirgen ist sie der herrschende Baum. Auch im deutsch-österreichischen Bergland hat sie bedeutende Massenverbreitung und dringt bis in die italienischen Alpen und in Frankreich bis zu den Pyrenäen vor; im Osten erreicht sie in Serbien etwa bei 43° nördl. Br. ihre Südgrenze. In den Alpen steigt die F. viel höher als die Kiefer, auf den Fjelden des südlichen Norwegen kommen dagegen beide bis zu gleichem Niveau vor, und in Lappland geht die F. nur bis 67 oder 69°, während die Kiefer bis zum äußersten Saum der Wälder reicht. Die F. geht im Harz bis 1000 m, im Riesengebirge bis 1200, im Bayrischen Walde bis 1470, in den Bayrischen Alpen bis 1800, im Unterengadin bis 2100 und in den Pyrenäen bis 1625 m ü. M. An ihrer obern Grenze, die in die Knieholzregion hineinreicht, finden sich in den Alpen oft halb oder ganz abgestorbene, knorrige, gebleichte und flechtenbehangene Stämme (Wettertannen). Die F. erscheint ungemein geeignet, verödeten und verwilderten Boden rasch zu decken und zu verbessern. Ihre tief hinabreichende Beastung und bedeutende Nadelmasse, die pyramidale Form ihrer Krone, die selbst im höhern Alter den untern Ästen noch Licht zufließen läßt, ihre Fähigkeit, sich selbst den Fuß zu decken, ein weitverzweigtes Wurzelgeflecht, das dem Stamm einen weiten, wenn auch nicht eben tiefen Wurzelraum zu schaffen geeignet ist, ihre Fähigkeit endlich, langen Schirmdruck, plötzliche Freistellung, ganz freien Wachsraum, diese so verschiedenen Einwirkungen zum mindesten zu ertragen, lassen sie als eine der zähesten Waldbaumarten, ganz besonders aber als geeignet erscheinen, auf kümmerlichen Standorten zu wachsen und der nächsten Generation von Bäumen eine bessere Stätte zu bereiten. Die F. bedarf, soll sie sich überhaupt kräftig entwickeln, nur feuchter Luft und eines frischen Bodens. Daher hat sie in neuerer Zeit ein großes Gebiet allmählich erobert. Ausgedehnte Ödflächen im nördlichen und westlichen Deutschland, in Belgien, Dänemark, England und Schottland sind mit Fichten wieder in Bestand gebracht worden. – Stürme, Schnee, Eis, Rauhreif und Spätfröste schädigen die F. und erleichtern die verderblichen Angriffe des Fichtenborkenkäfers (Bostrichus typographus), des Fichtenrüsselkäfers (Hylobius abietis) und der Nonne (Liparis monacha). Auf sehr fruchtbarem Boden in sehr warmer Lage erkrankt die F. an Kern- und Rotfäule, auf Moorboden wird sie wipfeldürr, und auf sehr trocknem Boden sterben selbst 30jährige Bäume ab. Die schädlichsten Pilze sind Agaricus melleus, Trametes radiciperda, T. pini, Polyporus bo realis und Hysterium macrosporum (s. Tafel »Pflanzenkrankheiten II«, Fig. 5 u. 8). – Fichtenbestände werden meist im 70–120jährigen Umtrieb bewirtschaftet. In Norddeutschland verjüngt man in kleinen Kahlschlägen, mit denen man der herrschenden Windrichtung entgegen fortschreitet. In Mittel- und Süddeutschland findet man noch Fichten-Dunkelschlagwirtschaft als Regel. Die Schläge bebaut man gewöhnlich nach einjähriger Schlagruhe (des Rüsselkäfers wegen) durch Pflanzung. Die Erziehung der erforderlichen Pflanzen erfolgt in Saatbeeten. Aus dem Saatkamp verpflanzt man entweder die drei- oder vierjährigen Rillenpflanzen in schwachen Büscheln (3 bis 4 Pflanzen zusammen) ins Freie, oder verschult die jungen ein- oder zweijährigen Pflänzchen in 15 cm-Quadratverband und pflanzt sie vierjährig (in höhern Gebirgslagen auch 5–7jährig) als Einzelpflanzen ins Freie. Die F. läßt sich zweckmäßig mit Buchen und Tannen mischen.

Der Nutzwert der F. ist überaus groß, der finanzielle Abschluß der Fichtenwirtschaften wird kaum von einer andern Holzart erreicht. Die Massenerzeugung reiner Fichtenbestände bewegt sich bei 100jährigem Umtrieb zwischen 4 und 10 Festmeter auf 1 Hektar und Jahr und beträgt auf den mittlern Fichtenstandorten gewöhnlich 6 Festmeter. Die in den Durchforstungen zu gewinnenden schwachen Sortimente sind als Bohnenstangen, Heckenstöcke, Hopfenstangen absetzbar und erhöhen den Reinertrag der Fichtenwirtschaften. Die F. ist auch eine gute Heckenpflanze, wenn man die sehr dicht nebeneinander gepflanzten Stämmchen gut unter Schnitt hält. Die vielen Seitenknospen sorgen gut für große Verdichtung der Hecke. Fichtenholz ist weißer als Kiefernholz, ohne eigentlichen Kern, weich, grob, glänzend, leicht spaltbar; es ist etwa so dauerhaft wie Tannenholz, steht aber dem Kiefern- und Lärchenholz weit nach; es findet ausgedehnte Verwendung als Brenn- und Nutzholz, zu Mastbäumen, Brettern, Resonanzböden, Latten, Schachteln, Spielwaren, Zündhölzchen, Holzwolle, Holzstoff, Zellulose etc. Die Rinde nicht zu alter Bäume dient zum Gerben, der ganz junge Splint wird in Lappland und Schweden gegessen; er enthält Koniferin, aus dem das Vanillearoma (Vanillin) dargestellt werden kann. Vielfach werden Harz und Terpentin, Pech und Teer aus der F. gewonnen, aus den Nadeln Waldwolle, Fichtennadelextrakt und Fichtennadelöl. Mit dem Blütenstaub verfälscht man Lykopodium, und mit Fichtensprossen bereitet man in England ein bierähnliches Getränk (Sprossenbier, Tannenbier).

Die F. ist sehr formenreich, viele Varietäten kommen wild vor, und eine große Anzahl wird als Ziergehölze kultiviert. Nach dem Wuchse werden unterschieden die Hängefichte (lusus viminalis Caspary, Fig. 1 [S. 538] mit stark überhängenden, schnurdünnen Zweigen, mit den Übergangsformen der Zottelfichte, Schindeltanne, Haselfichte, im Bayrischen und Böhmerwald, deren Holz als Zargenholz für Resonanzböden sehr geschätzt ist), Trauerfichte (l. pendula Jacques et Hérincq, Fig. 3 u. 4), Vertikalfichte (l. erecta Schröter). Schlangenfichte (l. virgata Jacques et Caspary, Fig. 2), mit sehr langen, wenig oder kaum verästelten und zum Teil überhängenden Zweigen mit etwas anliegenden Nadeln, astlose F. (l. monstrosa London), Säulenfichte (l. columnaris Carrière). Kugel- oder Hexenbesenfichte (l. globosa Link), Zwergfichte (l. nana Carrière); nach der Rinde die dickrindige F.[537] (l. corticata Schröter) und Zitzenfichte (l. tuberculata Schröter); nach den Nadeln: die kurznadelige F. (l. brevifolia Cripps), Doppeltanne (l. nigra Willkomm), Goldfichte (l. aurea Carrière), Buntfichte (l. variegata Carrière).

Die Schwarzfichte (P. nigra Lk., Black Spruce, Double Spruce), etwa 25 m hoch, mit schwärzlicher Rinde, dunkelgrünen, durch die weißlichen Spaltöffnungsreihen blaugrün erscheinenden Nadeln und 3 cm langen, in der Jugend schön violetten Zapfen, wächst im östlichen Nordamerika zwischen 44 und 53° nördl. Br., ausgedehnte Wälder bildend, und kam um 1700 nach Europa. Sie liefert sehr gutes Nutzholz; in Kanada bereitet man aus jungen Zweigen das Fichtenbier (spruce beer). Rotfichte (P. rubra Lk., Red Spruce), bis 20 m hoch, mit rötlichem Holz und frischgrünen Nadeln, wächst im nordöstlichen Nordamerika und erreicht an der Hudsonbai in buschigen Zwergformen die Grenze des Baumwuchses. Seit 1755 in Europa. Die Weißfichte (Schimmelfichte, P. alba Lk., White Spruce), bis 25 (50) m hoch, mit graugrünen, blaugrün erscheinenden Nadeln und 3–4 cm langen Zapfen, scheidet sehr viel Harz aus, wächst im östlichen Nordamerika von Kanada bis Carolina, gedeiht auch an den Seeküsten, an der Nordseite der Dünen; ihr Holz ist minder dauerhaft als das der Schwarzfichte.

Fichtenformen. 1 Hängefichte (Picea excelsa Lk. lusus viminalis Casp.). – 2 Schlangenfichte (P. excelsa Lk. lusus virgata Jacques et Casp.). – 3 u. 4. Trauerfichte (P. excelsa Lk. lusus pendula Jacques et Hérincq).
Fichtenformen. 1 Hängefichte (Picea excelsa Lk. lusus viminalis Casp.). – 2 Schlangenfichte (P. excelsa Lk. lusus virgata Jacques et Casp.). – 3 u. 4. Trauerfichte (P. excelsa Lk. lusus pendula Jacques et Hérincq).

Sie kam 1700 nach Europa. P. pungens Engelm., von sehr regelmäßigem Wuchs, mit starken, dornig gespitzten Nadeln, wechselt in der Farbe sehr stark, und die blauen (P. p. glauca) und silbergrauen (P. p. argentea) Formen sind wohl die schönsten und auffallendsten Koniferen. Sie wächst im Felsengebirge zwischen 2000 u. 2800 m, aber nie in ganzen Beständen, und kam 1863 nach Europa. Die Attaifichte (sibirische F., 1'. obovata Ledeb.), in Skandinavien, Nord- und Ostrußland und in ganz Nordasien bis über 69° nördl. Br., gilt vielfach als klimatische Varietät unsrer F. Die morgenländische F. (Sapindusfichte, P. orientalis Lk.), 30 m hoch, mit dichter, seiner Verzweigung, sehr dicht stehen den, kurzen, glänzend dunkelgrünen Nadeln und sehr harzreichem Holz, bildet auf dem Taurus und Kaukasus dichte Wälder. Die an den Zweigen sich ausscheidenden Harztropfen heißen Sapindustränen. P. Alcockiana Carr., in Japan, seit 1861 in Europa, 40 m hoch, mit dunkelgrünen, unterseits bläulichgrünen Nadeln, eine unsrer schönsten Fichten, liefert sehr gutes Nutzholz. Die Omorikafichte (P. Omorica Pancic), über 40 m hoch, von sehr schlankem Wuchs, mit silberweißen Streifen auf den glänzend dunkelgrünen Na dein, wächst in Serbien, Bosnien, Montenegro, Bulgarien, bildete früher große Wälder, ist jetzt auf wenige Standorte beschränkt. Vgl. Baur, Die F. in bezug auf Ertrag, Zuwachs und Form (Berl. 1877); Derselbe, Formzahlen und Massentafeln für die F. (das. 1890); Schiffel, Form und Inhalt der F. (Wien 1899); Lorey, Ertragstafeln für die F. (Frankf. a. M. 1899); Kunze, Die absoluten Formzahlen der F. (Dresd. 1899); Schröter, Über die Vielgestaltigkeit der F. (Zürich 1898); Schwarz, Physiologische Untersuchungen über Dickenwachstum und Holzqualität der F. (Berl. 1899). – Im Volksmund, besonders im nordöstlichen Deutschland, ist F. häufig soviel wie gemeine Kiefer (Pinus silvestris).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 6. Leipzig 1906, S. 536-538.
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