Meyer [1]

[741] Meyer, 1) Joseph, Industrieller, Publizist und Verlagsbuchhändler, Gründer des »Bibliographischen Instituts«, geb. 9. Mai 1796 in Gotha, gest. 27. Juni 1856 in Hildburghausen, trat 1809 zu Frankfurt a. M. in die kaufmännische Lehre, nach deren Beendigung er 1813 ins Vaterhaus zurückkehrte, um die merkantile Leitung des väterlichen Schuhgeschäfts zu übernehmen. Bis dahin hatte die Familie sechs Generationen hindurch ausschließlich dem Handwerkerstand (Büttner, Zimmerleute, Schuhmacher) angehört. Da ihm jedoch dieser Wirkungskreis zu eng wurde, wanderte er 1816 nach London. Nach drei Jahren einer bewegten kaufmännischen Laufbahn brachten ihn widrige Konjunkturen in Schulden, aus denen ihn der Vater mit Aufopferung seines Vermögens befreite. Eine auf den Gütern der Herren v. Boyneburg von M. gegründete »Gewerbs- und Hilfsanstalt«, die der dort ansässigen verarmten Weberbevölkerung neue Erwerbsquellen öffnen sollte, ging schon nach drei Jahren durch die Ungunst äußerer Umstände zugrunde. M. kehrte daher nach dem Tode seines Vaters (1823) nach Gotha zurück und gab hier ein »Korrespondenzblatt für Kaufleute« heraus, das rasch Verbreitung fand und ihn auf die Bahn literarischer Unternehmungen führte. Es folgte nun im Henningsschen Verlag zu Gotha seine Bearbeitung von Shakespeare (doch nur »Macbeth«, »Othello« und »Der Sturm« sind aus seiner Feder), und zugleich begann er eine Übersetzung Scottscher RomaneWaverley« und »Ivanhoe«) in einer bis dahin ungewohnt billigen Ausgabe. In eignem Verlag erschienen 1825 die englische belletristische Zeitschrift »Meyer's British Chronicle« und ein »Handbuch für Kaufleute«. Mit diesen Unternehmungen hatte M. dem lieferungsweisen Erscheinen größerer Werke und somit dem Subskriptionswesen, einer in Deutschland noch unbekannten buchhändlerischen Vertriebsmethode, so erfolgreich Bahn gebrochen, daß er die Idee faßte, ein großes Verlagsgeschäft auf diesen Prinzipien zu begründen. So entstand das Bibliographische Institut, aus dessen Pressen zunächst vier verschiedene Ausgaben der ältern deutschen Klassiker in geschickter Auswahl hervorgingen und in Hunderttausenden von Exemplaren abgesetzt wurden. Im Herbst 1828 siedelte M. mit seinem Geschäft nach Hildburghausen über, das fortan sein Wohnsitz blieb. Das bewegungsvolle Jahr 1830 rief ihn, der an den öffentlichen Angelegenheiten den regsten Anteil nahm, auf das politische Gebiet. Zwar wurde das von ihm gegründete politische Blatt »Der Volksfreund« wegen seiner freisinnigen Ansichten bald unterdrückt; aber er schuf sich sogleich ein andres Organ, das durch die Kühnheit, Kraft und Originalität seiner Darstellung weltbekannt geworden ist, das Bilderwerk »Universum«. Das Werk zählte in den 1830er Jahren über 80,000 Abonnenten und erschien zeitweilig in zwölf Sprachen. Zensur und Verbote schmälerten wohl den Absatz, vermochten aber nicht den Geist des Werkes mit den herrschenden Staatsmaximen in Einklang zu bringen. Von den zahlreichen Unternehmungen des Bibliographischen Instituts, die alle Meyers Wahlspruch: »Bildung macht frei!« folgten, sind zu nennen: Ausgaben der griechischen und römischen Autoren (unvollendet), die verschiedensten Ausgaben der Bibel, die M. in Millionen von Exemplaren verbreitete, der »Familientempel«, ein Andachtsbuch, die »Bibliothek der Kanzelberedsamkeit«, die neuen und erweiterten Ausgaben der deutschen Klassiker (»Familienbibliothek«, »Groschenbibliothek«, »Nationalbibliothek«), die »Volksbibliothek für Naturkunde«, die »Geschichts bibliothek« und das »Große Konversations-Lexikon« in 52 starken Oktavbänden mit Tausenden von Bildern und Karten. Daran schlossen sich mehrere geographische Werke, größere und kleinere Kartensammlungen und ein reichhaltiger Kunstverlag, der klassische Kunstwerke, durch namhafte Stecher, wie Amsler, Barth, Fr. Müller, Felsing, Lorrichon, Krüger, Neureuther, Rahl, Schüler, Wagner u. a., vervielfältigte, ebenso zum Gemeingut machen sollte, wie es M. mit den klassischen Schriftwerken gelungen war. Ende der 1830er Jahre, mit dem ersten Erwachen des Interesses am Eisenbahnbau in Deutschland, erfaßte er die Idee eines »zentraldeutschen Eisenbahnnetzes«, die auch 1837 durch Aktienzeichnung realisiert wurde, aber an der Konzessionsverweigerung einer der beteiligten Regierungen (Hannover) scheiterte. Einmal der industriellen Tätigkeit zugewandt, strebte M. durch Aufdecken von Mineralschätzen im Bereich seines Heimatslandes dessen gesunkene Industrie neu zu beleben, und es gelang seiner Energie und Ausdauer, durch langwierige und kostspielige Versuche reichhaltige Steinkohlen- und Braunkohlenwerke, Eisen-, Kupfer- und Silberminen, Kobalt- und Nickelgruben etc. nachzuweisen und zu erwerben. Übergroße Anstrengungen warfen ihn 1842 auf ein langwährendes schweres Krankenlager, von dem er nur erstand,[741] um ein neues großartiges Unternehmen ins Leben zu rufen, das ihm von dem patriotischen Gedanken eingegeben ward, die deutsche Eisenindustrie von der damals allein mächtigen Fremdherrschaft zu emanzipieren und sein engeres Vaterland, Thüringen, zum Sitz und Ausgangspunkt dieser Industrieblüte zu machen. Reichlich vorbereitet und mit allen Faktoren zur Ausführung dieser Absicht in der Hand, trat er 1845 mit seinem Plane der Neuhäuser Deutschen Eisenbahnschienenkompanie an die Öffentlichkeit und begann, auf patriotische Unterstützung und seinen Genius vertrauend, den Bau der Neuhäuser Eisen- und Kohlenwerke. Die Revolution von 1848 aber brachte das halbfertige Unternehmen ins Stocken. Trotz der materiellen Nachteile, die sie ihm zufügte, fand die deutsche Erhebung M. als einen ihrer begeistertsten Anhänger, wie er es denn war, der zuerst die Wünsche des Volkes in einer »Reformadresse« an den Landesfürsten formulierte. Die darauf folgenden Jahre der Reaktion fanden auch ihn unter den Verfolgten, und ein Preßvergehen hatte er im Gefängnis zu büßen. Damals griff er den Plan der Werraeisenbahn auf, dessen Ausführung zu dem Gedeihen oben erwähnter Pläne in engster Beziehung stand. Es gelang ihm auch, die Mittel zu seiner Ausführung zu finden, als im entscheidenden Moment der Plan selbst seinen Händen entwunden ward, um von andern ausgeführt zu werden. Es lag in der Natur dieses weitblickenden Geistes, im Erkennen wirtschaftlicher Keime seiner Zeit um ein Menschenalter voraus zu sein; daher das augenblickliche Mißlingen der Mehrzahl seiner industriellen Unternehmungen, während im großen und ganzen seine grundlegenden Ideen von einer spätern Zeit tatsächlich zur Ausführung gebracht worden sind. Parteihaß, Mißgunst und Unverstand haben selbst den Toten mit Verunglimpfungen nicht verschont; aber seine geniale Begabung, seine unerschöpfliche Tatkraft hat niemand zu leugnen vermocht. Sein Charakter als Mensch war ohne Makel. Über die weitere Entwickelung des Bibliographischen Instituts s. den folgenden Artikel und beifolgende Bildertafel mit Text.

2) Herrmann Julius, Verlagsbuchhändler, Sohn des vorigen, geb. 4. April 1826 in Gotha, arbeitete nach Absolvierung des Gymnasiums zu Hildburghausen in den industriellen und montanen Unternehmungen seines Vaters und ging 1849 als Flüchtling vor der politischen Reaktion nach Amerika, wo er in New York ein Zweiggeschäft des Bibliographischen Instituts gründete. 1856 kehrte er nach Deutschland zurück, übernahm nach dem Tode seines Vaters in Hildburghausen das Verlagsgeschäft des Bibliographischen Instituts, löste es von dem Rest der unglücklich verlaufenen väterlichen Industrieunternehmungen los und gestaltete es durch neue Verlagswerke von Grund aus und in großem Maß um. Joseph M. hatte den Abschluß des von ihm herausgegebenen Großen Konversations-Lexikons in 52 Bänden gerade noch erlebt; Herrmann J. M. veranstaltete in der richtigen Erkenntnis, daß die riesigen Enzyklopädien unmöglich ins große Publikum dringen könnten, 1857 eine kleinere Ausgabe in 15 Bänden, der bereits 1861 die zweite folgte. »Ergänzungsblätter« hielten den Inhalt auf dem Laufenden bis 1871. Daneben aber gingen einher die »Bibliothek der deutschen Klassiker«, die geographische Zeitschrift »Globus« (1862–66), die erste Auflage des von A. Brehm auf Veranlassung Meyers geschriebenen »Tierlebens« (1864–69), die ersten Bände von »Meyers Reisebüchern« (seit 1862), eine weitere deutsche und ausländische Klassikerbibliothek (1865–72) und das einbändige »Handlexikon des allgemeinen Wissens« (1870–72), das als der sogen. »Kleine Meyer« weiteste Verbreitung fand. 1874 verlegte M. das Bibliographische Institut, für dessen Bedarf an Arbeitskräften und technischen Hilfsmitteln das kleine Hildburghausen ganz unzureichend war, nach Leipzig, der Zentrale des deutschen Buchhandels. Hier kam alsbald die 3. Auflage des Konversations-Lexikons in großem Stil zur Ausführung (1874–79) und brachte einen durchschlagenden Erfolg. Immer mehr erweiterte u. verschönerte Auflagen von Brehms »Tierleben«, »Meyers Hand-Lexikon«, »Meyers Reisebüchern« schlossen sich an, auch neue Werke, wie »Meyers Fachlexika«, Neumanns »Geographisches Lexikon des Deutschen Reiches«, Klassikerserien, kamen heraus, und vom Beginn der 1880er Jahre an leitete M. die Verwirklichung seines Planes ein, so wie es ihm mit der Tierwelt in Brehms »Tierleben« gelungen war, auch alle übrigen Naturreiche durch gemeinverständliche schöne und gediegene Darstellungen in Wort und Bild dem großen Publikum nahe zu bringen. Für dieses Unternehmen gewann er nach langem Suchen Fr. Ratzel für eine Völkerkunde, J. Ranke für eine Anthropologie, M. Neumayr für eine Erdgeschichte und A. Kerner v. Marilaun für ein Pflanzenleben u. legte damit den Grund zu der spätern »Allgemeinen Naturkunde«. Auch zu diesem großen Werk wie zu allen seinen andern Verlagsunternehmungen ist die Idee und die Anregung von M. ausgegangen; er war nicht nur Verleger, sondern im bedeutenden Maß auch Mitarbeiter der von ihm selbst erwählten Autoren. In diesem Sinn ist der gesamte Verlag des Bibliographischen Instituts Selbstverlag. Und wie dieses Prinzip den ganzen Verlag des Bibliographischen Instituts von Anbeginn beherrscht hat, so auch das Ziel, das dem Verlag seine Richtung gibt: gediegene wissenschaftliche Kenntnisse sowie edle ethische und ästhetische Bildung in schöner Form über alle Schichten des großen Publikums zu verbreiten. Dieser besondere Charakter des Bibliographischen Instituts wird auch gewahrt, nachdem Herrmann J. M. 1885 die Leitung des Bibliographischen Instituts auf seine Söhne Dr. Hans M. (s. Meyer 3) und Arndt M. übertragen hat, zu denen 1903 noch Dr. Herrmann M. (s. Meyer 4) getreten ist. Die unter der neuen Leitung veranstalteten Neuauflagen der bewährten ältern Werke nicht nur, sondern auch die neu hinzugekommenen Werke, wie »Meyers Volksbücher« (1886), »Meyers Sprachführer« (1886 ff.), Sievers' »Allgemeine Länderkunde« (1891–95), »Meyers Kleiner Handatlas« (1893), Meyers neue Klassiker-Ausgaben (1890 ff.), »Illustrierte Literaturgeschichte« (1896 ff.) u. a., bleiben den alten Selbstverlagsgrundsätzen des Bibliographischen Instituts treu. Zweiggeschäfte bestehen in Wien seit 1890 und Berlin seit 1900; im letztern Jahr erwarb das Bibliographische Institut die nationalpolitische Berliner Tageszeitung »Tägliche Rundschau« (s. d.).

Nach seinem Rücktritt von der Leitung des Bibliographischen Instituts widmete sich Herrmann J. M. ausschließlich der praktischen Lösung sozialer Probleme. Am meisten nahm ihn seit 1888 die Gründung und Leitung des sogen. Vereins zur Erbauung billiger Wohnungen in Leipzig in Anspruch, der mit einem Grundkapital von fast 2 Mill. Mk. auf eignem Areal (2,6 Hektar) in Leipzig-Lindenau ins Leben gerufen wurde. Bis 1900 entstanden 62 Wohnhäuser mit 600 billigen, von 2700 Menschen bewohnten Familienwohnungen.[742] 1900 verwandelte M. den Verein in die Stiftung für Erbauung billiger Wohnungen in Leipzig. 1905 bestanden 144 Wohnhäuser mit 1236 Wohnungen und 5230 Bewohnern auf Grundbesitz (33,2 Hektar) in Leipzig-Lindenau, Leipzig-Eutritzsch (s. Tafel »Arbeiterwohnhäuser II«, Fig. 2 u. 3), Leipzig-Reudnitz, Leipzig-Kleinzschocher, mit drei großen Kinderbewahranstalten, Bädern, Bibliotheken und Wohlfahrtseinrichtungen. Der Mietpreis einer Wohnung beträgt höchstens den siebenten Teil der Jahreseinnahme des Mieters. Der Mietzins wird wöchentlich erhoben. Berücksichtigung fanden Mieter mit Jahreseinnahmen von 900–1800 Mk. Die Verzinsung des Kapitals beträgt 3 Proz. Aus dem Ertrag wird die Anlage unterhalten und erweitert. Das wachsende Gedeihen des Unternehmens beweist, daß die Wohnungsnot der niedern Erwerbsklassen durch gut organisierte gemeinsame Bewirtschaftung bei Verzicht auf jeden Unternehmergewinn sehr wohl beseitigt werden kann. Allerdings gehört dazu, wie der geringe Erfolg ähnlicher Unternehmungen in andern Städten zeigt, eine organisatorische Kraft wie M.

3) Hans, Forschungsreisender, Sohn des vorigen, geb. 22. März 1858 in Hildburghausen, studierte Natur- und Staatswissenschaften in Leipzig, Berlin und Straßburg und unternahm dann eine zweijährige Reise nach Indien, dem Sunda-Archipel, Ostasien und Amerika. Nach seiner Rückkehr wurde er 1884 Teilhaber in dem väterlichen Verlagsgeschäft, dem Bibliographischen Institut in Leipzig (s. Meyer 2), bereiste dann 1887 Südafrika und zog von Mombassa zum Kilimandscharo, den er bis nahe zum Gipfel des eisbedeckten Kibo erstieg. Eine zweite Expedition nach Zentralafrika erfuhr 1888 durch den Araberaufstand unter Buschiri ein vorzeitiges Ende. M. selbst wurde nebst seinem Begleiter O. Baumann (s. d. 4) gefangen genommen, aller seiner Habe beraubt und nur gegen ein hohes Lösegeld freigegeben. Aber schon 1889 unternahm M., begleitet von dem österreichischen Alpinisten L. Purtscheller (s. d.), aufs neue den Marsch von Mombassa zum Kilimandscharo, erstieg 6. Okt. als erster den höchsten Punkt Afrikas, die 6010 m hohe Kaiser Wilhelm-Spitze, entdeckte auf dem Gipfel einen großen Krater und an den Flanken die ersten afrikanischen Gletscher. Im Frühjahr 1894 besuchte M. die Kanarischen Inseln. Auf einer vierten Reise zum Kilimandscharo 1898 von Tanga aus umkreiste er, begleitet von dem Maler E. Platz, das Gebirge in seinen obern Regionen und erstieg den Kibo von der Nordseite aus. 1903 unternahm M., begleitet von dem Maler R. Reschreiter, eine Reise nach Ecuador, auf der er besonders die glazialen Verhältnisse am Chimborazo, Cotopaxi und Antisana untersuchte. Seit 1901 gehört M. dem Kolonialrat an. Er veröffentlichte: »Die Straßburger Goldschmiedezunft von ihrem Entstehen bis 1681« (Leipz. 1881); »Eine Weltreise« (das. 1884); »Zum Schneedom des Kilimandscharo« (das. 1888); »Ostafrikanische Gletscherfahrten« (das. 1890); »Die Insel Tenerife« (das. 1896); »Das Deutsche Volkstum« (das. 1898, 2. Aufl. 1903); »Der Kilimandjaro« (Berl. 1900); »Die Eisenbahnen im tropischen Afrika« (Leipz. 1902); »Reisen im Hochland von Ecuador« (»Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde«, Berl. 1904, Nr. 1); »Die Eiszeit in den Tropen« (»Geographische Zeitschrift«, das. 1904, Heft 11) und eine große Zahl kolonialpolitischer Aufsätze.

4) Herrmann, Reisender, Bruder des vorigen, geb. 11. Jan. 1871 in Hildburghausen, trieb in Straßburg, Berlin und Jena ethnologisch-geographische Studien. Angeregt durch die Forschungen Karl v. d. Steinens, unternahm er 1895–97, begleitet von dem Arzt und Anthropologen Karl Ranke, eine ethnographische Expedition nach Zentralbrasilien in das Quellgebiet des Xingu, auf der er den Atelchu (von ihm »v. d. Steinenfluß« getauft), einen Nebenfluß des Ronuro, entdeckte und reiches anthropologisches Material zusammenbrachte. Auf einer neuen Reise nach Brasilien 1898–1900 besuchte er zunächst die deutschen Kolonien in Rio Grande do Sul und zog dann mit mehreren wissenschaftlichen Begleitern von Cuyaba zum Oberlauf des Ronuro, den er unter außerordentlichen Leiden und Beschwerden bis zur Mündung in den Xingu hinabfuhr. Um den deutschen Auswanderern in Brasilien ein gedeihliches Fortkommen zu sichern und ihre Sprache und ihr Volkstum zu erhalten, gründete M. aus eignen Mitteln in Rio Grande do Sul die Kolonien Neu-Württemberg (s. d.) und Xingu, die er mit Schulen, Kirche, Werkstätten und technischen Anlagen ausstattete und dauernd weiterbesiedelt. 1905 wurde ihm hierzu die Auswanderungskonzession von der Reichsregierung erteilt. 1903 trat er als Teilhaber in das Bibliographische Institut in Leipzig ein (s. Meyer 2). Er veröffentlichte: »Pfeil und Bogen in Zentralbrasilien« (Leipz. 1895); »Tagebuch meiner Brasilienreise 1896« (das. 1897); »Meine Reise nach den deutschen Kolonien in Rio Grande do Sul 1898–1899« (das. 1899); »Bericht über seine zweite Xingu-Expedition« (»Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde«, Berl. 1900, Nr. 2 u. 3) und »Die Privatkolonien von Dr. Herrmann M. in Rio Grande do Sul (Südbrasilien)« (das. 1901) sowie eine Reihe kolonialpolitischer Aufsätze.

Politiker und Volkswirte.

5) Bernhard, Ritter von, ultramontaner Politiker, geb. 12. Dez. 1810 zu Sursee im Kanton Luzern, gest. 29. Aug. 1876 in Wien, studierte 1832 bis 1835 in Heidelberg, München, Berlin und Paris die Rechte, wurde 1837 zweiter Staatsschreiber in Luzern und trat in der politischen Bewegung erst als Liberaler auf, ging aber allmählich ins Jesuitenlager über. Die ultramontane Regierung wählte ihn 1841 zum ersten Staatsschreiber des Kantons, den er fortan auch auf der Tagsatzung öfters vertrat. Mit Siegwart Müller an der Spitze der »Religionsfreunde« stehend, war er einer der Gründer des Sonderbundes und wurde 1847 nach Wien gesandt, um Waffen und Geld für denselben zu erlangen und bei Metternich die Intervention der Mächte zu betreiben. Nach Niederwerfung des Sonderbundes flüchtete er nach Mailand und begab sich nach Wien, 1848 nach München, von wo er 1851 nach Österreich berufen und Sektionsrat im Ministerium des Innern unter Bach wurde. An den Verfassungsarbeiten des letztern und dem Konkordat hatte er einen bedeutenden Anteil und war Preßleiter. Unter Schmerling ward er in die innere Verwaltung versetzt, von Belcredi aber zum Vorstande des Präsidialbureaus u. Protokollführer der Ministerkonferenz ernannt. Er verfaßte die meisten Thronreden und Manifeste. Unter Beust ließ er sich pensionieren. Vgl. die von seinem Sohn herausgegebenen »Erlebnisse des Bernh. Ritter von M. etc.« (Wien 1875, 2 Bde.), deren erster Band über den Sonderbundskrieg interessantes Material enthält.

6) Alexander, Politiker und Publizist, geb. 22. Febr. 1832 in Berlin, studierte daselbst die Rechte und widmete sich der journalistischen Laufbahn, war 1866–71 Sekretär der Handelskammer in Breslau, dann Generalsekretär des deutschen Handelstags in [743] Berlin und 1876–79 Chefredakteur der »Schlesischen Presse« in Breslau. 1876–88 und 1892–93 war er Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, seit 1881 des Reichstags, wo er anfänglich der nationalliberalen Partei, nach der Sezession der deutschen freisinnigen Partei und schließlich der freisinnigen Vereinigung angehörte. Als seine Wahl 1896 für ungültig erklärt worden war, unterlag er bei der Nachwahl und lebt gegenwärtig als Schriftsteller in Berlin.

7) Rudolf Hermann, volkswirtschaftl. Schriftsteller, geb. 10. Dez. 1839 in der Provinz Brandenburg, gest. 16. Jan. 1899 in Dessau, studierte seit 1858 in Berlin, arbeitete unter H. Wageners Leitung in der konservativen Presse seit 1867 auf dem Gebiete der Sozialpolitik und trat in intime Beziehungen zu Rodbertus, von dem er »Briefe (an M.) und sozialpolitische Aufsätze« herausgab (Berl. 1880–81, 2 Bde.). 1870–74 war er Redakteur der »Berliner Revue«. Wegen Beleidigung des Fürsten Bismarck und der Minister Camphausen und Falk in seiner Schrift »Politische Gründer und die Korruption in Deutschland« (Leipz. 1877) zu Gefängnisstrafe verurteilt, begab er sich ins Ausland und lebte zuletzt in Wien, wo er 1877–82 sowie 1893–94 als Redakteur am »Wiener Vaterland« tätig war. Er schrieb noch: »Der Emanzipationskampf des vierten Standes« (Berl. 1872–74, 2 Bde.; Bd. 1 in 2. Aufl. 1882); »Ursachen der amerikanischen Konkurrenz« (das. 1883); »Heimstätten- und andre Wirtschaftsgesetze der Vereinigten Staaten, von Kanada, Rußland, China, Indien, Rumänien, Serbien und England« (das. 1883); »La question agraire« (Par. 1887) und »Le mouvement agraire« (das. 1889, beide mit G. Ardant); »Der Kapitalismus fin de siècle« (Wien 1894); »Das Sinken der Grundrente« (das. 1894); »Hundert Jahre konservativer Politik u. Literatur« (Bd. 1, das. 1895); »Kolonisation von Arbeitslosen« (das. 1896) u. a.

8) Lukas, Burengeneral, geb. 1846 im Oran je-Freistaat, gest. 8. Aug. 1902 zu Ixelles bei Brüssel, siedelte 1865 nach Transvaal über, beteiligte sich an dem erfolgreichen Burenaufstande von 1881 und wurde Landdrost des Bezirks Utrecht, begründete aber 1884 mit andern die »Nieuwe Republiek«, die den Weg zum Indischen Ozean eröffnen sollte; doch wurde der kleine Freistaat, ohne sein Ziel erreicht zu haben, 1887 als Bezirk Bryheid in die Südafrikanische Republik einverleibt. 1894 dort in den Volksraad gewählt, wurde er später dessen Präsident. Beim Ausbruch des Krieges gegen England rückte er an der Spitze der Burghers von Bryheid und Utrecht 12. Okt. 1899 in Natal ein und kämpfte bei Ladysmith mit. Als Mitglied des Exekutivausschusses der Transvaalregierung beteiligte er sich an den entscheidenden Friedensverhandlungen und ging dann nach Europa.

[Theologen, Philosoph.] 9) Heinrich August Wilhelm, namhafter Theolog, Bruder von M. 1), geb. 10. Jan. 1800 in Gotha, gest. 21. Juni 1873 in Hannover, widmete sich in Jena dem Studium der Theologie und ward 1823 Pfarrer in Osthausen, von wo er 1830 nach Harste bei Göttingen, 1837 als Superintendent nach Hoya und 1841 als Konsistorialrat und Superintendent nach Hannover berufen wurde; 1865 trat er in den Ruhestand. Von seinen Werken sind hervorzuheben eine lateinische Ausgabe der »Symbolischen Bücher« (Götting. 1830), vornehmlich aber sein seit 1832 erscheinender, in seinen einzelnen (16) Bänden fortwährend neu aufgelegter »Kritisch exegetischer Kommentar zum Neuen Testament«, von Lünemann, Huther und Düsterdieck vervollständigt, von B. und J. Weiß unter Mitarbeit von Bornemann, Bousset, Heinrici, Kühl und Spitta fortgeführt.

10) Christian Friedrich, evang. Geistlicher, geb. 20. Okt. 1840 zu Annaberg in Sachsen, wurde 1865 Oberlehrer am Realgymnasium in Chemnitz, 1867 Diakonus in Meerane, 1870 Oberpfarrer in Dohna, 1876 Pfarrer und 1883 Superintendent in Zwickau. Seit 1881 ist er Mitglied der sächsischen Landessynode, seit 1896 des ständigen Synodalausschusses. 1902 wurde er von der Universität Halle zum Doktor der Theologie promoviert. Meyers Hauptarbeit gilt dem Evangelischen Bund (s. d.), in dessen sächsischem Landesverein er seit 1889 den Vorsitz führt, und neuerdings der evangelischen Bewegung in Österreich (s. Los von Rom-Bewegung). In der Wochenschrift »Die Wartburg« (seit 1902) schuf M. ein Zentralorgan für die Vertretung der evangelischen Interessen in und außerhalb des Reiches. Auch hat er die »Sächsische kirchliche Konferenz« ins Leben gerufen und das »Neue Sächsische Kirchenblatt« begründet.

11) Jürgen Bona, philosoph. Schriftsteller, geb. 25. Okt. 1829 in Hamburg, gest. 22. Juni 1897 in Bonn, studierte in Bonn und Berlin Naturwissenschaften und Philosophie, ward 1862 Privatdozent der Philosophie und Lehrer an der Kriegsakademie in Berlin, 1868 ordentlicher Professor der Philosophie in Bonn. Von seinen zahlreichen Schriften sind hervorzuheben: »De principiis Aristotelis in distributione animalium adhibendis« (Berl. 1854); »Aristoteles' Tierkunde« (das. 1855); »Die Idee der Seelenwanderung« (Hamb. 1861); »Über Fichtes Reden an die deutsche Nation« (das. 1862); »Kants Psychologie, dargestellt und erörtert« (Berl. 1869); »Philosophische Zeitfragen. Populäre Aufsätze« (Bonn 1870, 2. Aufl. 1874); »Zum Bildungskampf unsrer Zeit« (das. 1875); »Leitfaden zur Geschichte der Philosophie« (das. 1882); »Probleme der Lebensweisheit« (Berl. 1887). M., der zur kantischen Richtung gehört, hat sich vornehmlich um die Würdigung des Aristoteles als Naturforscher sowie um pädagogische, Schul- und Universitätsreformen Verdienste erworben.

[Rechtslehrer.] 12) Hugo von, Kriminalist, geb. 11. Febr. 1837 in Stettin, gest. 29. Mai 1902 in Tübingen, habilitierte sich 1860 in Göttingen, ward 1866 ordentlicher Professor des Strafrechts in Halle und ging 1870 in gleicher Eigenschaft nach Erlangen, 1874 nach Tübingen. Er schrieb: »Tat- und Rechtsfrage im Geschwornengericht« (Berl. 1860); »Das Strafverfahren gegen Abwesende« (das. 1863); »Die Frage des Schöffengerichts, geprüft an der Aufgabe der Geschwornen« (Erlang. 1873); »Die Mitwirkung der Parteien im Strafprozeß« (das. 1873); »Lehrbuch des deutschen Strafrechts« (das. 1875, 5. Aufl. 1895, sein Hauptwerk); »Grundzüge des deutschen Strafrechts unter Berücksichtigung ausländischer Rechte« (Leipz. 1877); »Der Anfang der Ausführung« (Tübingen 1892) sowie zahlreiche Abhandlungen in juristischen Zeitschriften. Auch bearbeitete er mehrere Materien in Holtzendorffs »Handbuch des deutschen Strafprozeßrechts«.

13) Georg, Staatsrechtslehrer, geb. 21. Febr. 1841 in Detmold, gest. 28. Febr. 1900 in Heidelberg, habilitierte sich 1868 an der Universität Marburg, ward 1872 hier zum außerordentlichen Professor ernannt, 1875 als Ordinarius nach Jena und 1889 nach Heidelberg berufen. 1881–90 war er Mitglied des deutschen Reichstags und gehörte hier der nationalliberalen Partei an. Unter seinen Schriften sind[744] hervorzuheben: »Das Recht der Expropriation« (Leipz. 1868); »Grundzüge des norddeutschen Bundesrechts« (das. 1868); »Staatsrechtliche Erörterungen über die deutsche Reichsverfassung« (das. 1872); »Das Studium des öffentlichen Rechts und der Staatswissenschaften in Deutschland« (Jena 1875); »Lehrbuch des deutschen Staatsrechts« (Leipz. 1878; 6. Aufl. von G. Anschütz, 1905); »Lehrbuch des deutschen Verwaltungsrechts« (das. 1883–84, 2 Bde.; 2. Aufl. 1893–94); »Die staatsrechtliche Stellung der deutschen Schutzgebiete« (das. 1888); »Der Anteil der Reichsorgane an der Reichsgesetzgebung« (Jena 1889); »Rechtsgutachten für die Fürsten und Herren v. Schönburg« (Ettling. 1891); »Der Staat und die erworbenen Rechte« (Leipz. 1895, in den von ihm mit Jellinek herausgegebenen »Staats- und völkerrechtlichen Abhandlungen«). In Marquardsens »Handbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart« bearbeitete er das Staatsrecht des Großherzogtums Sachsen-Weimar (Freiburg 1884).

[Philologen, Historiker.] 14) Leo, Sprachforscher, geb. 3. Juli 1830 in Bledeln bei Hannover, studierte seit 1849 in Göttingen und Berlin, habilitierte sich 1856 in Göttingen und wurde 1862 außerordentlicher Professor daselbst, 1865 ordentlicher Professor der deutschen und vergleichenden Sprachkunde in Dorpat; 1899 aus seinem Amt entlassen, kehrte er als Honorarprofessor nach Göttingen zurück. M. hat sich besonders auf dem Gebiete der vergleichenden Sprachwissenschaft Verdienste erworben. Er veröffentlichte zu den klassischen Sprachen: »Der Infinitiv der Homerischen Sprache« (Götting. 1856); »Bemerkungen zur ältesten Geschichte der griechischen Mythologie« (das. 1857); »Gedrängte Vergleichung der griechischen und lateinischen Deklination« (Berl. 1862); »Vergleichende Grammatik der griechischen und lateinischen Sprache« (das. 1861–65, 2 Bde.; Bd. 1 in 2. Aufl., 1882–84); »Griechische Aoriste« (das. 1879); »An im Griechischen, Lateinischen und Gotischen« (das. 1880); »Handbuch der griechischen Etymologie« (Leipz. 1901–02, 4 Bde.); zu andern Sprachen: »Über die Flexion der Adjektiva im Deutschen« (Berl. 1863); »Die gotische Sprache, ihre Lautgestaltung insbes. im Verhältnis zum Altindischen, Griechischen und Lateinischen« (das. 1869); »Livländische Reimchronik« (Paderb. 1876).

15) Elard Hugo, Germanist, geb. 6. Okt. 1837 in Bremen, studierte deutsche Philologie und germanische Mythologie, wurde Lehrer an der Handelsschule in Bremen, war 1875–82 deren Leiter und ist seit 1890 ordentlicher Honorarprofessor an der Universität zu Freiburg i. Br. Er hat sich als Forscher auf dem Gebiete der deutschen Mythologie und Volkskunde einen geachteten Namen gemacht. Von seinen Werken nennen wir: »Johann Martin Lappenberg« (Hamb. 1867); »Der abenteuerliche Simplicius Simplizissimus« (Volksschrift, Brem. 1875); »Indogermanische Mythen«, Bd. 1: Gandharven, Kentauren (Berl. 1883), Bd. 2: Achilleis (das. 1887); »Homer und die Ilias« (das. 1887); »Völuspa« (das. 1889); »Die eddische Kosmogonie« (Freiburg 1891); »Germanische Mythologie« (Berl. 1891); »Mythologie der Germanen, gemeinfaßlich dargestellt« (Straßburg 1903); »Deutsche Volkskunde« (das. 1898); »Badisches Volksleben im 19. Jahrhundert« (das. 1900). Auch gab er A. Wuttkes Werk: »Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart«, in der dritten Bearbeitung heraus (Berl. 1900).

16) Paul, franz. Philolog, geb. 17. Jan. 1840 in Paris, besuchte die Ecole des chartes, wurde 1863 Kustos der Manuskripte der großen Bibliothek in Paris, 1866 Archivar am Reichsarchiv, 1876 Professor am Collège de France und an der Ecole des chartes, 1882 Direktor der letztern. Auf wiederholten Reisen nach England erforschte er die französischen Handschriften der dortigen Bibliotheken. Er schrieb: »Recherches sur l'épopée française« (1867); »Alexandre le Grand dans la littérature française du moyenâge« (1886, 2 Bde.). Auch gab er eine Anzahl provenzalischer und altfranzösischer Werke heraus, z. B. »Flamenca« (1865, 2. Aufl. 1901), »La Chanson de la croisade contre les Albigeois« (1875–79, 2 Bde.), »Daurel et Beton« (1881), »Raoul de Cambrai« (1882), eine Übersetzung des »Girart de Roussillon« (1884), »L'Histoire de Guillaume le Maréchal« (1891–1901, 3 Bde.) sowie den »Recueil d'anciens textes bas-latins, provençaux et français« (1874–77, 2 Tle.) u. a. 1872 begründete er mit G. Paris die Zeitschrift »Romania«.

17) Gustav, Sprachforscher, geb. 25. Nov. 1850 zu Großstrelitz in Oberschlesien, gest. 29. Aug. 1900 in der Irrenanstalt zu Feldhof, studierte in Breslau, promovierte daselbst 1871, war 1871–74 Lehrer am Gymnasium in Gotha, habilitierte sich 1876 an der Universität Prag, wurde 1877 zum außerordentlichen, 1881 zum ordentlichen Professor für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft in Graz ernannt. Seit 1875 unternahm er wiederholte Studienreisen nach Italien, Griechenland und dem Orient. Er hat sich besonders um die Erforschung der alt- und neugriechischen und der albanesischen Sprache verdient gemacht. Seine Hauptwerke sind: »Die mit Nasalen gebildeten Präsensstämme« (Jena 1873); »Griechische Grammatik« (Leipz. 1880; 3. Aufl., das. 1896); »Albanesische Studien« (Wien 1883–95, 4 Tle.); »Essays und Studien zur Sprachgeschichte und Volkskunde« (Berl. 1885; 2. Bd., Straßb. 1892); »Reiseskizzen aus Griechenland und Italien« (Graz 1886); »Kurzgefaßte albanesische Grammatik« (Leipz. 1888); »Griechische Volkslieder in deutscher Nachbildung« (Stuttg. 1890); »Etymologisches Wörterbuch der albanesischen Sprache« (Straßb. 1891); »Neugriechische Studien« (Wien 1894–95, 4 Tle.).

18) Eduard, deutscher Geschichtsforscher, geb. 25. Jan. 1855 in Hamburg, studierte in Bonn und Leipzig Philologie und Altertumswissenschaft, habilitierte sich, nachdem er einige Jahre in Konstantinopel gelebt hatte, 1879 für alte Geschichte in Leipzig, ward 1885 ordentlicher Professor in Breslau, 1889 in Halle und 1902 in Berlin. Er schrieb: »Geschichte des Altertums« (Bd. 1–5, Stuttg. 1884–1902); »Geschichte des alten Ägyptens« (in Onckens »Allgemeiner Geschichte in Einzeldarstellungen«, Berl. 1888); »Forschungen zur alten Geschichte« (Halle 1892–99, 2 Bde.); »Untersuchungen zur Geschichte der Gracchen« (das. 1894); »Die wirtschaftliche Entwickelung des Altertums« (Jena 1895); »Die Entstehung des Judentums« (Halle 1896), dazu Erwiderung an Jul. Wellhausen (das. 1897); »Zur Theorie und Methodik der Geschichte« (das. 1902); »Ägyptische Chronologie« (Berl. 1904).

19) Richard Moritz, Literarhistoriker, geb. 5. Juli 1860 in Berlin, studierte in Leipzig, Berlin und Straßburg, besonders angeregt durch W. Scherer, und habilitierte sich 1886 als Privatdozent in Berlin, wo er 1903 zum außerordentlichen Professor befördert wurde. Er schrieb: »Jonathan Swift und G. C. Lichtenberg« (Berl. 1886), »Grundlagen des mittelhochdeutschen[745] Strophenbaues« (Straßb. 1886), »Die altgermanische Poesie, nach ihren formelhaften Elementen beschrieben« (Berl. 1889), »Deutsche Charaktere« (das. 1897), »Vierhundert Schlagworte« (Leipz. 1900), »Gestalten und Probleme« (Berl. 1905). Seine Hauptwerke sind: »Goethe« (in Bettelheims »Geisteshelden«, Berl. 1895, 3 Bde.; 3. Aufl. 1905) und »Die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts« (das. 1900, 3. Aufl. 1905), nebst dem diese Darstellung ergänzenden »Grundriß der neuern deutschen Literaturgeschichte« (das. 1902). Auch gab er W. Scherers »Poetik« (Berl. 1888) aus dessen Nachlaß heraus.

[Kunstschriftsteller.] 20) Heinrich, Kunst- und Altertumsforscher, vertrauter Freund Goethes, geb. 16. März 1760 in Zürich, gest. 14. Okt. 1832 in Weimar. widmete sich der Malerei zuerst unter Füßli in Zürich, seit 1784 in Rom, Neapel und Venedig, hielt sich 1788 in Rom auf, wo Goethe ihn kennen lernte, ging 1789 nach der Schweiz und erhielt durch die Vermittelung Goethes 1792 eine Professur an der neuerrichteten Zeichenakademie in Weimar. 1795 ging er abermals nach Italien, bis ihn 1797 der Einmarsch der Franzosen zur Rückkehr zwang. Er begab sich zunächst nach der Schweiz, wo er mit Goethe zusammenkam und den Plan zu den »Propyläen« entwarf, sodann wieder nach Weimar. Der Umstand, daß ihm 1806 in den Kriegsunruhen eine Mappe mit seinen wertvollsten Skizzen entwendet wurde, veranlaßte ihn, sich fortan vorwiegend mit der Geschichte der alten Kunst zu beschäftigen. Er wurde 1807 Direktor der Zeichenakademie in Weimar, welche Stelle er bis an seinen Tod bekleidete. In seinem Testament vermachte er der Stadt Weimar 33,000 Tlr. zur Gründung einer Armenstiftung, die den Namen Meyer-Amalien-Stiftung erhielt. M. schrieb: »Über die Altargemälde von Lukas Cranach in der Stadtkirche zu Weimar« (Weim. 1813) und »Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen« (fortgesetzt von Riemer, Dresd. 1824–36, 3 Bde.), gab mit Fernow, dann mit Johann Schulze Winckelmanns Werke (das. 1808–20, 8 Bde.) heraus und nahm großen Anteil an den »Horen«, den »Propyläen« und an Goethes »Kunst und Altertum«. Eine Auswahl aus seinen »Kleinen Schriften zur Kunst« hat P. Weizsäcker (Heilbr. 1886) herausgegeben. Vgl. auch A. Dürr in der »Zeitschrift für bildende Kunst«, 1885.

21) Julius, Kunstschriftsteller, geb. 26. Mai 1830 in Aachen, gest. 16. Dez. 1893 in München, bezog 1848 die Universität Göttingen, lebte dann in Paris und trieb in Heidelberg von 1852 an philosophische und literarische Studien. 1859 siedelte er nach München über, widmete sich hier immer mehr dem Kunststudium und trat 1861 in den »Grenzboten« mit den ersten Artikeln über moderne Kunst auf. Im Herbst 1872 ward er als Direktor der königlichen Gemäldegalerie nach Berlin berufen und später daselbst zum Geheimen Regierungsrat und Professor ernannt. 1891 legte er wegen Krankheit sein Amt nieder. Er schrieb: »Geschichte der modernen französischen Malerei seit 1789« (Leipz. 1866–67); »Correggio« (das. 1871). Auch gab er den Katalog der Gemäldegalerie des Berliner Museums (3. Aufl., Berl. 1891) heraus und begann mit Bode die groß angelegte Publikation der Berliner Gemäldegalerie (das., seit 1886). Seine gesammelten Aufsätze gab K. Fiedler heraus: »Zur Geschichte und Kritik der modernen deutschen Kunst« (Leipz. 1895).

22) Franz Sales, kunstgewerblicher Schriftsteller, geb. 9. Dez. 1849 zu Kenzingen in Baden, bildete sich nach dem Besuch des Lehrerseminars in Meersburg seit 1867 an der Polytechnischen Hochschule in Karlsruhe, wurde 1871 daselbst als Lehrer an der Kunstgewerbeschule angestellt und 1879 zum Professor ernannt. Er veröffentlichte: »Ornamentale Formenlehre« (Leipz. 1886, mit 300 Tafeln); »Handbuch der Ornamentik« (das. 1888–90; 7. Aufl., das. 1903); »Handbuch der Schmiedekunst« (das. 1888, 2. Aufl. 1893); »Handbuch der Liebhaberkünste« (das. 1889, 3. Aufl. 1902); »Vorbilder für häusliche Kunst arbeiten« (das. 1888–90); »Musterbuch moderner Schmiedeeisenarbeiten« (Karlsr. 1888–92, 3 Tle.); »Die Feuerwerkerei als Liebhaberkunst« (das. 1898); »Die Gartenkunst in Wort und Bild« (das. 1904); außerdem mit Theod. Krauth das »Schreinerbuch« (4. u. 3. Aufl., Leipz. 1899, 2 Abtlgn. in 4 Bdn.), das »Schlosserbuch« (2. Aufl., das. 1897, 2 Bde.), das »Zimmermannsbuch« (3. Aufl., das. 1899), und das »Steinhauerbuch« (das. 1896, 2 Bde.); mit K. Eyth das »Malerbuch« (3. Aufl., das. 1899, 2 Bde.), mit Bischoff: »Architektonische Formenlehre« (das. 1906) u. a.

23) Alfred Gotthold, Kunstschriftsteller, geb. 1. März 1864 in Berlin, gest. 17. Dez. 1904 in Charlottenburg, studierte von 1884–89 in Berlin und Leipzig und war später als Dozent an der königlichen Kunstschule in Berlin und an der Technischen Hochschule daselbst tätig, an der er 1897 zum Professor ernannt wurde. M. hat sich besonders um die Erforschung der italienischen Plastik der Renaissance verdient gemacht. Er veröffentlichte: »Das venezianische Grabdenkmal der Frührenaissance« (Leipz. 1889); »Lombardische Denkmäler des 14. Jahrhunderts. G. di Balduccio da Pisa und die Campionesen« (Stuttg. 1893); »Zur Geschichte der Renaissanceherme« (Leipz. 1894); »Oberitalienische Frührenaissance« (Berl. 1897–1900, 2 Bde.); »Die Certosa bei Pavia« (das. 1900); »Tafeln zur Geschichte der Möbelformen« (3 Serien, Leipz. 1902–04); ferner in Knackfuß' »Künstlermonographien« die Bände: »Reinhold Begas« (2. Aufl., Bielef. 1901), »Canova« (das. 1898) und »Donatello« (das. 1903). Seine »Gesammelten Reden und Aufsätze« wurden von L. Kämmerer herausgegeben (mit Nachruf von J. Lessing, Berl. 1905).

[Naturforscher.] 24) Christian Erich Hermann von, Naturforscher, geb. 3. Sept. 1801 in Frankfurt a. M., gest. 2. April 1869, studierte seit 1822 in Heidelberg Kameralwissenschaften und in München Mineralogie, ward 1834 Mitglied der ständigen Bürgerrepräsentation seiner Vaterstadt, 1837 Kontrolleur bei der deutschen Bundeskassenverwaltung, 1863 Bundestagskassierer und trat 1866 in den Ruhestand. M. entfaltete die regste Tätigkeit als Paläontolog und schrieb: »Palaeologica zur Geschichte der Erde und ihrer Geschöpfe« (Frankf. 1832); »Die fossilen Knochen von Georgensgmünd« (das. 1834); »Neue Gattungen fossiler Krebse« (Stuttg. 1840); »Beiträge zur Paläontologie Württembergs« (mit Plieninger, das. 1844); »Zur Fauna der Vorwelt« (Frankf. 1845 bis 1860, 4 Abtlgn.); »Homoeosaurus und Rhamphorhynchus« (das. 1847); »Die Reptilien und Säugetiere der verschiedenen Zeiten der Erde« (das. 1852). Auch gründete er 1846 mit Dunker die oft durch eigne Beiträge bereicherten »Palaeontographica« (Kassel, seit Meyers Tod redigiert von Dunker und Zittel). Vgl. Zittel, Denkschrift auf M. (Münch. 1870).

25) Georg Hermann von, Anatom, geb. 16. Aug. 1815 in Frankfurt a. M., gest. daselbst 21. Juli 1892, studierte seit 1833 in Heidelberg und Berlin, habilitierte sich 1840 als Privatdozent in Tübingen,[746] ging 1844 als Prosektor nach Zürich und erhielt dort später die Professur für Anatomie und die Direktion des Anatomischen Instituts. 1889 siedelte er nach Frankfurt a. M. über. M. wurde durch seine Arbeiten über die Statik und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes und seine Entdeckung der innern Architektur der Knochen der Begründer der physiologischen Richtung der Anatomie. Er schrieb: »Anleitung zu den Präparierübungen« (Leipz. 1848, 3. Aufl. 1873); »Lehrbuch der Anatomie des Menschen« (das. 1856, 3. Aufl. 1873); »Die wechselnde Lage des Schwerpunkts in dem menschlichen Körper« (das. 1863); »Statik und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes« (das. 1873); »Unsre Sprachwerkzeuge und ihre Verwendung zur Bildung der Sprachlaute« (das. 1880); »Studien über den Mechanismus des Fußes« (Jena 1883–88,3 Hefte); »Mißbildungen des Beckens unter dem Einfluß abnormer Belastungsrichtung« (das. 1886); »Über Sinnestäuschungen« (2. Aufl., Berl. 1872); »Die Entstehungen unsrer Bewegungen« (das. 1868); »Stimm- und Sprachbildung« (2. Aufl., das. 1881); »Die richtige Gestalt des menschlichen Körpers« (Stuttg. 1874); »Der Mensch als lebender Organismus« (das. 1877); »Die Ortsbewegung der Tiere« (Hamb. 1890). Seine Schrift über »Die richtige Gestalt der Schuhe« (Zür. 1858) wurde der Ausgangspunkt einer allgemeinen Reform der Fußbekleidung.

26) Heinrich Adolf, Zoolog, geb. 10. Sept. 1822 in Hamburg, gest. 1. Mai 1889 auf Forstek bei Hamburg, trat in das Stockgeschäft seines Vaters, gründete in Amerika eine Filiale desselben, übernahm nach dem Tode des Vaters 1848 das weitverzweigte Geschäft, zog sich aber Ende der 50er Jahre von dessen Leitung zurück, zweigte von ihm das Elfenbeingeschäft ab und erbaute für letzteres 1864 in Barmbeck eine Fabrik, die Weltruf erlangt hat. Seit Ende der 50er Jahre studierte M. in Kiel und Berlin Naturwissenschaft und wandte sich dann der Erforschung des Meeres und seiner Bewohner zu. 1870 wurde M. Mitglied der Ministerialkommission zur Erforschung der deutschen Meere, der er lange Jahre präsidierte. Seine Apparate und Untersuchungsmethoden sind von fast allen Kulturvölkern angenommen worden, die sich mit Meeresuntersuchungen beschäftigen. 1848 gehörte M. der verfassunggebenden Versammlung Hamburgs, und seit 1877 dem Reichstag an. Er schrieb: »Die Fauna der Kieler Bucht« (mit Möbius, Leipz. 1865–72, 2 Bde.).

27) Lothar, Chemiker, geb. 19. Aug. 1830 in Varel a. d. Jade, gest. 11. April 1895 in Tübingen, studierte seit 1851 Medizin in Zürich und Würzburg, seit 1854 Chemie und Physik in Heidelberg und seit 1856 in Königsberg. 1858 habilitierte er sich in Breslau als Dozent für Chemie und Physik und übernahm 1859 die Leitung des chemischen Laboratoriums im dortigen Physiologischen Institut. 1866 wurde er Professor an der Forstakademie in Eberswalde, 1868 am Polytechnikum in Karlsruhe und 1876 in Tübingen. M. lieferte Untersuchungen über die Beziehungen der spezifischen Wärme zum Atom- und Molekulargewicht, über das Avogadrosche Gesetz, über Isomorphismus zwischen salpetersaurem Natron und kohlensaurem Kalk, über unvollständige Verbrennung und besonders über die Natur der chemischen Elemente, wobei er die Eigenschaften der Elemente als periodische Funktionen der Atomgewichte darzustellen suchte. Seine Schrift »Die modernen Theorien der Chemie« (Bresl. 1864, 6. Aufl. 1896) ist als ein wesentlicher Schritt auf dem Wege zur Auffassung der Chemie als der Wissenschaft einer besondern Bewegungsart des Stoffes zu betrachten. Mit Seubert gab er heraus: »Die Atomgewichte der Elemente, aus den Originalzahlen neu berechnet« (Leipz. 1883); »Das natürliche System der Elemente« (Wandtafel, 2. Aufl., das. 1896); außerdem schrieb er: »Grundzüge der theoretischen Chemie« (das. 1890; 3. Aufl. von Rimbach, 1902). In Ostwalds Klassikern (Heft 68) gab Seubert seine »Abhandlungen über das natürliche System der chemischen Elemente« heraus.

28) Oskar Emil, Physiker, Bruder des vorigen, geb. 15. Okt. 1834 in Varel, studierte in Heidelberg und Zürich Medizin, dann in Königsberg Mathematik und Physik, habilitierte sich 1862 als Privatdozent in Göttingen und wurde 1864 Professor der Physik in Breslau. 1904 trat er in den Ruhestand. Er arbeitete über Reibung von Flüssigkeiten und Gasen, über die Theorie der innern Reibung, über anomale Dispersion, die Theorie der elastischen Nachwirkung, über den Beweis des Maxwellschen Gesetzes für das Gleichgewicht von Gasmolekülen etc. und schrieb: »Die kinetische Theorie der Gase« (Bresl. 1877, 2. Aufl. 1895–99; engl., Lond. 1899); auch gab er Franz Neumanns »Vorlesungen über die Theorie der Elastizität« (Leipz. 1885) heraus.

29) Adolf Bernhard, Zoolog und Anthropolog, geb. 11. Okt. 1840 in Hamburg, studierte seit 1862 in Göttingen, Wien, Berlin, Zürich Medizin und Naturwissenschaft und ging 1870 nach Celebes, den Philippinen und Neuguinea, von wo er 1873 zurückkehrte. 1874 folgte er einem Ruf an das königliche Naturhistorische Museum in Dresden, das er neu organisierte und zu einem der bestgeleiteten Deutschlands gestaltete. M. gilt als Autorität auf dem Gebiete der Museumskunde. 1905 trat er in den Ruhestand. Er veröffentlichte: »Das Hemmungsnervensystem des Herzens« (Berl. 1869); Auszüge aus seinen Neuguinea-Tagebüchern (Dresd. 1875); »Mitteilungen aus dem königlichen zoologischen Museum zu Dresden« (das. 1875–78,3 Hefte); »Abbildungen von Vogelskeletten« (das. 1879–97, 2 Bde.); »Publikationen des königlichen ethnographischen Museums zu Dresden« (das. 1881–1903, 14 Bde.); »Die Hirschgeweihsammlung zu Moritzburg« (das. 1883–87, 2 Bde.); »Album von Philippinentypen« (das. 1885 bis 1904, 3 Bde.); »Gurina im Obergailtal, Kärnten« (das. 1885, Nachtrag 1886); »Das Gräberfeld von Hallstatt« (das. 1885); »Unser Auer-, Rackel- und Birkwild und seine Abarten« (Wien 1887); »Album von Celebestypen« (Dresd. 1889) »Album von Papuatypen« (das. 1894–1900, 2 Bde.); »The birds of Celebes« (Berl. 1898, 2 Bde.); »The distribution of Negritos« (Dresd. 1899) u. a. Auch übersetzte er Werke von Darwin, Wallace, Sclater und gab die »Abhandlungen und Berichte des königlich zoologischen und anthropologisch-ethnologischen Museums in Dresden« (Berl., seit 1886) heraus.

30) Viktor, Chemiker, geb. 8. Sept. 1848 in Berlin, gest. 8. Aug. 1897 in Heidelberg, studierte seit 1865 in Berlin und Heidelberg, wurde 1867 Assistent Bunsens, 1871 Professor am Polytechnikum in Stuttgart, 1872 in Zürich, 1885 in Göttingen und 1889 als Nachfolger Bunsens in Heidelberg. M. lieferte epochemachende Arbeiten über Nitroverbindungen der Fettsäurereihe, über die Verschiedenheiten der primären, sekundären und tertiären Nitroverbindungen, über gemischte Azoverbindungen, über Valenz und Verbindungsfähigkeit des Kohlenstoffs und über die Nitrosoverbindungen, er entdeckte die Aldoxime, Ketoxime[747] und das Thiophen, studierte die langsame Verbrennung von Gasgemischen, verbesserte die Methoden der Dampfdichtebestimmung und entdeckte die Zerlegung der Halogenmoleküle bei hohen Temperaturen. Er schrieb: »Pyrochemische Untersuchungen« (mit Langer, Braunschw. 1885); »Chemische Probleme der Gegenwart« (Heidelb. 1890); »Ergebnisse und Ziele der stereochemischen Forschung« (das. 1890); »Tabellen zur qualitativen Analyse« (mit Treadwell, 5. Aufl., Berl. 1904); »Die Thiophengruppe« (Braunschweig 1888); »Aus Natur und Wissenschaft« (Heidelberg 1892); »Lehrbuch der organischen Chemie« (mit Jacobson, Leipz. 1891–96, Bd. 1 u. 2,1. Abt.; 2. Abt. mit Reissert, 1903; 2. Aufl. von Jacobson, 1906 f.); »Märztage im Kanarischen Archipel« (das. 1893); »Probleme der Atomistik« (Heidelb. 1896). Vgl. Th. Curtius, Viktor M. (aus der Festschrift »Heidelberger Professoren«, Heidelb. 1903).

31) M. Wilhelm, Astronom, geb. 15. Febr. 1853 in Braunschweig, studierte in Göttingen, Leipzig und Zürich Astronomie, habilitierte sich 1876 in Zürich als Privatdozent, wurde 1877 Observator an der Sternwarte in Genf, siedelte 1883 nach Wien und später nach Berlin über und wurde 1888 Direktor der Gesellschaft Urania für populäre Naturwissenschaft, deren Zeitschrift »Himmel und Erde« er 1889 begründete. 1897 legte er diese Stellung nieder. Er schrieb: »Die Königin des Tages und ihre Familie« (2. Aufl., Teschen 1900); »Die Entstehung der Erde und des Irdischen« (Berl. 1888, 5. Aufl. 1903); »Mußestunden eines Naturfreundes« (das. 1891); »Das Weltgebäude« (Leipz. 1898); »Der Untergang der Erde und die kosmischen Katastrophen« (Berl. 1902); »Die Naturkräfte« (Leipz. 1903) u. a. Mit Schwalbe gab er die neuern Auflagen von Diesterwegs »Populärer Himmelskunde« (20. Aufl., Berl. 1903) heraus.

Dichter, Schriftsteller.

32) Friedrich Ludwig Wilhelm, Schriftsteller, geb. 28. Jan. 1759 in Harburg, gest. 1. Sept. 1840 auf seinem Gute Großbramsted in Holstein, erhielt 1785 eine Stelle an der Bibliothek in Göttingen und lebte seit 1789 mehrere Jahre auf Reisen in England, Frankreich und Italien. Außer vergessenen Schau- und Lustspielen schrieb er die vortreffliche Biographie des Schauspieldirektors F. L. Schröder (Hamb. 1819, 2 Bde.; 2. Ausg. 1823). Vgl. »Zur Erinnerung an F. L. W. M.«, Lebensskizze nebst Briefen von Bürger, Forster u. a. (Braunschw. 1847).

33) (M.-Ziegler) Konrad Ferdinand, hervorragender deutsch-schweizer. Dichter und Schriftsteller, geb. 11. Okt. 1825 in Zürich, gest. 28. Nov. 1898 in Kilchberg bei Zürich, Sohn des auch als Geschichtschreiber bekannten Regierungsrats Ferdinand M., verbrachte einen Teil seiner Jugend in der französischen Schweiz (Genf und Lausanne), wobei er sich viele Kenntnisse in der französischen Sprache und Literatur erwarb. Er studierte in Zürich die Rechte, ohne aber von dieser Wissenschaft gefesselt zu werden, und ergab sich darauf in vollster Unabhängigkeit viele Jahre lang autodidaktischen Geschichtsstudien; so erlangte er jenen Reichtum an historischen Anschauungen und Kenntnissen, der seinen Dichtungen das ihnen eigentümliche Gepräge gibt. Auch machte M. mehrere längere Reisen, 1857 nach Paris, 1858 nach Rom, ließ sich aber hierauf dauernd in der Heimat nieder und siedelte sich in Kilchberg bei Zürich an. In die literarische Welt trat M. erst im reisen Mannesalter ein. Seine Erstlinge: »Zwanzig Balladen« (Stuttg. 1864) und »Romanzen und Bilder« (Leipz. 1871), fanden noch keine sonderliche Beachtung. Um so rascher stieg sein Ruhm, als er auf die originelle Dichtung: »Huttens letzte Tage« (Leipz. 1871), ein lyrischepischer Kranz von Gedichten, und auf das idyllischepische Gedicht »Engelberg« (das. 1872) seine kraftvollen, farben- und stimmungsreichen Erzählungen und Novellen folgen ließ: »Das Amulett« (das. 1873); »Jürg Jenatsch, eine Bündnergeschichte« (das. 1876); »Der Heilige«, Novelle (das. 1880), eine der vollendetsten historischen Erzählungen der neuern Literatur; »Der Schuß von der Kanzel« (1878), »Gustav Adolfs Page« (1882), »Plautus im Nonnenkloster« (1882), »Die Leiden eines Knaben« (1883), »Die Hochzeit des Mönchs« (1884), »Die Richterin« (1885), »Die Versuchung des Pescara« (1887), »Angela Borgia« (1890). Die genannten kleinern Erzählungen erschienen auch gesammelt als »Novellen« in 2 Bänden (Leipz. 1885 u. ö.). In der Form ist M. ein Meister der objektiven Kunst: er drängt sich nicht persönlich zwischen seine Gestalten und den Leser, er macht keine Bekenntnisse, sondern stellt rein gestaltend dar und läßt die Dinge allein wirken. Ausgezeichnet ist er in der Charakteristik nicht bloß der Zeitalter, sondern auch der Individuen; neben seinem »Heiligen« Thomas Becket ist sein Dante in der »Hochzeit des Mönchs« am meisten berühmt. M. ist die männlichste, energiereichste Gestalt unter den neuern Novellisten Deutschlands, und diesen Charakter einer ehernen Energie besitzen auch seine »Gedichte« (Leipz. 1882), deren Mehrzahl auch epischer Art, Balladen und Romanzen sind. Als Balladendichter gilt er als einer der größten deutschen Meister. Alle Dichtungen und Erzählungen Meyers erschienen in zahlreichen Auflagen. Vgl. Reitler, Konrad Ferdinand M. (Leipz. 1885); Mauerhof, Konr. Ferd. M. oder Die Kunstform des Romans (2. Aufl., Zür. 1897); Stickelberger, Die Kunstmittel in K. F. Meyers Novellen (Burgdorf 1897); Trog, Konr. Ferd. M., sechs Vorträge (Basel 1897); A. Frey, Konr. Ferd. M. Sein Leben und seine Werke (Stuttg. 1899); Betsy Meyer, Konr. Ferd. M. in der Erinnerung seiner Schwester (Berl. 1903); Langmesser, Konr. Ferd. M. Sein Leben, seine Werke und sein Nachlaß (das. 1905); Stößl, Konr. Ferd. M. (das. 1905); Moser, Wandlungen der Gedichte K. F. Meyers (Leipz. 1900); Kraeger, Konr. Ferd. M. Quellen und Wandlungen seiner Gedichte (Berl. 1901); Blaser, K. F. Meyers Renaissance-Novellen (Bern 1905), und die Vorträge und Essays über M. von Franzos (Berl. 1899), W. Uhl (Hamb. 1900) und Eug. Wolff (Berl. 1903). Meyers Briefwechsel mit Luise von François wurde von A. Bettelheim herausgegeben (»Ein Briefwechsel«, Berl. 1906). – Ein andrer Konrad M., geb. 3. Sept. 1824 zu Winkel im Kanton Zürich, gest. 31. März 1903 in Zürich, veröffentlichte: »Gedichte in schweizer-deutscher Mundart« (Zür. 1844; 3. Ausg., Basel 1899); »Die Jungfrau von Orléans«, Heldengedicht (Zür. 1854); »Lieder der Armut« (das. 1856); die preisgekrönte Jugendschrift »Die Schulreife« (das. 1857, 4. Aufl. 1900) u. a.

Maler, Kupferstecher, Schauspieler.

34) Johann Georg, Maler, geb. 28. Okt. 1813 in Bremen, daher M. von Bremen genannt, gest. 4. Dez. 1886 in Berlin, bildete sich seit 1834 in Düsseldorf bei Sohn und Schadow, malte seit 1841 daselbst im eignen Atelier und siedelte 1853 nach Berlin über. Er behandelte anfangs biblische Stoffe, seit 1842 aber Szenen aus dem Volksleben, besonders dem hessischen, später vorwiegend heitere und elegische [748] Szenen aus dem Familienleben: das Jubiläum eines hessischen Pfarrers (1843), der Weihnachtsabend, die Wochenstube, die Heimkehr des Kriegers, die Überschwemmung (1846), die reuige Tochter (1852, Kunsthalle in Bremen). Seit seiner Übersiedelung nach Berlin malte er mit Vorliebe und zuletzt fast ausschließlich Szenen aus dem Kinderleben, das er mit gemütvollem Humor auffaßte. Seine bedeutendsten Bilder dieser Gattung sind: ein Märchen erzählendes Mädchen, die Blindekuh spielenden Kinder, das bescherende Christkindlein unter Kindern, an einem Bach ausruhende Kinder, Großvater und Enkelin, das jüngste Brüderchen, die dem Begräbnis ihres Mannes aus der Ferne zusehende Witwe, die Waise, Naschkätzchen, Willkommen, die feindlichen Nachbarskinder, Hausmütterchen (Berliner Nationalgalerie), die junge Mutter, Vorbereitung zum Feste, die Modellpause. Eine dritte Gruppe seiner Gemälde besteht aus Einzelfiguren junger Mädchen oder aus Gruppen von Figuren (die Erwartung, die Liebeserklärung, die heimliche Korrespondenz, die Liebesbriefleserin). Meyers Bilder zeichnen sich durch Anmut, Lieblichkeit und sorgfältige Durchführung aus.

35) Klaus, Maler, geb. 20. Nov. 1856 in Linden bei Hannover, besuchte 1875–76 die Kunstschule in Nürnberg, dann die Kunstakademie in München, wo er Wagner und Löfftz zu Lehrern hatte. Durch das Beispiel und die Unterweisung des letztern auf das Studium der alten, insbes. der niederländischen Meister des 17. Jahrh. gelenkt, eignete er sich schnell eine solche Feinheit des Kolorits und Schärfe der Charakteristik an, daß er in der Darstellung einer holländischen Wohnstube mit zwei Figuren in der Tracht des 17. Jahrh. (holländisches Genre, 1882) den besten niederländischen Genremalern gleichkam. Am meisten erinnert dieses Bild an Pieter de Hooch und van der Meer von Delft, nur daß M. statt des goldigen, warmen Tones des erstern mehr einen kühlen, dämmerigen Silberton bevorzugt. Ein zweiter Schritt auf dem Gebiete der Interieurmalerei. aus dem Beginenkloster (1883), brachte ihm auf der Münchener internationalen Kunstausstellung die große goldene Medaille ein. Er malte ferner in ähnlicher Art: im Quartier, die Klosterschüler, die Kannegießer und seit 1883: musizierende Klosterfrauen, Rauchkollegium, alte und junge Katzen (1885, in der Dresdener Galerie), die Würfler (1886, Berliner Nationalgalerie), der Raucher, die Kleinkinderschule (1888), die Urkunde (1889), der Spion (eine Szene aus dem deutsch-französischen Kriege), die Briefleserin (1892); das dreiteilige Bild: die Nachbarskinder, die junge Frau (1901), der zwölfjährige Jesus im Tempel (1902) und bei den Beginen (1904). Von 1891–95 war M. Lehrer an der Kunstakademie in Karlsruhe. Mitte 1895 wurde er Lehrer und Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo ihm später die Ausschmückung des Schlosses Burg an der Wupper mit Wandgemälden (in Gemeinschaft mit W. Spatz) übertragen wurde. Er besitzt auch die große goldene Medaille der Berliner Ausstellung.

36) Hans, Kupferstecher, geb. 26. Sept. 1846 in Berlin, wurde Schüler von E. Mandel, bei dem er sieben Jahre arbeitete, und besuchte gleichzeitig die Kunstakademie. Seine ersten selbständigen Arbeiten waren einige gestochene Porträte nach Photographien und ein Stich des Bildnisses der Infantin Maria Margarete von Velazquez im Louvre. 1871 und 1872 hielt er sich in Italien auf, wo unter anderm die Stiche von zwei Studienköpfen (jungen Neapolitanerinnen) entstanden. Nach seiner Rückkehr in die Heimat führte er einen Stich nach Julius Schraders Bildnis des Grafen Moltke aus, der ihm die Mittel zu einer zweiten Reise nach Italien (1874–75) gab, wo er untern anderm eine Zeichnung von Raffaels Poesie in den Stanzen des Vatikans anfertigte. Der Stich danach, der die Figur zum erstenmal inmitten ihrer dekorativen Umrahmung wiedergibt, beschäftigte ihn bis 1884. Diesem folgten der Stich Maria und Elisabeth mit dem Christuskind und dem kleinen Johannes nach dem Gemälde Morettos im Berliner Museum und die Radierungen nach den Angelischen Bildnissen des deutschen Kronprinzenpaares (1883). 1884 wurde ihm der Unterricht im Kupferstechen und Radieren an der Hochschule für die bildenden Künste in Berlin übertragen. Von seinen übrigen graphischen Arbeiten sind der Stich nach van Dycks Dame mit dem Handschuh im Louvre, eine Radierung nach Rubens' Perseus und Andromeda im Berliner Museum, die Stiche nach E. Geselschaps Malereien im Kuppelraum des Berliner Zeughauses, Trotzköpfchen (Stich nach L. Knaus) und Bildnisse eines genuesischen Senators und seiner Frau (Radierungen nach Gemälden van Dycks im Kaiser Friedrich-Museum zu Berlin) hervorzuheben. Er ist königlicher Professor und besitzt die kleine Medaille der Berliner Ausstellung. Als selbständig schaffender Künstler hat er in einem 19 Bleistiftzeichnungen umfassenden Zyklus: ein Totentanz (auch später von nun radiert), eine reiche Erfindungsgabe gezeigt und seit dem Anfang der 1890er Jahre auch eine große Zahl von Landschaften aus Süddeutschland und Italien in Aquarell und Tempera gemalt.

37) Klara, Schauspielerin, geb. 1848 in Leipzig, trat, nachdem sie schon früh in Statistenrollen am Theater ihrer Vaterstadt mitgewirkt, zuerst im Düsseldorfer Stadttheater auf, wo sie mit der Preziosa ihre schauspielerische Laufbahn eröffnete, ging dann als erste tragische und sentimentale Liebhaberin an das deutsche Theater in Amsterdam, wirkte von 1866–71 am Dessauer Hoftheater und gastierte im Mai des letztern Jahres als Julia, Emilia Galotti und Vicomte von Létorières im königlichen Schauspielhaus zu Berlin, an das sie nach Lösung ihres Kontraktes mit Dessau sogleich engagiert wurde. Sentimentale und elegisch gefärbte Rollen (Julia, Klärchen, Hero, Maria Stuart u. a.) fanden in ihr eine vortreffliche Vertreterin. Doch bewährte sie sich auch später in leidenschaftlichen Frauenrollen des modernen Schauspiels und im Fach der Salondamen (Minna von Barnhelm). 1891 schied sie aus dem Verbande des königlichen Schauspielhauses, dessen Ehrenmitglied sie wurde. Nachdem sie noch eine Zeitlang gastiert, zog sie sich ins Privatleben zurück.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 741-749.
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