Stil

[34] Stil bezeichnet im allgemeinen die Art und Weise der künstlerischen Gestaltung eines Stoffes. Die Etymologie des Wortes (v. lat. stilus, »Griffel«, dann: das Geschriebene, auch die Schreibart) zeigt, daß der Begriff ursprünglich nur auf die künstlerisch geformte Sprache angewandt worden ist; bald aber wurde er auch auf die andern Künste übertragen; niemals kann man jedoch von dem S. eines Naturproduktes reden; vielmehr ist es die Voraussetzung aller Stilgebung, daß sich in ihr die schaffende Tätigkeit des Menschen geltend mache. Diese beginnt bereits bei der Auffassung des Gegenstandes: der Schaffende kann von dem Stoff, den ihm die Wirklichkeit bietet, manches hinwegnehmen, andres zu ihm hinzutun, wieder andres umbilden und verändern; kurz, seine Gestaltung des Lebensstoffes ist keine Nachbildung des Gegebenen, sondern eine an das Gegebene sich anschließende Neuschöpfung. In dieser schöpferischen Stilgebung kann man eine objektive und eine subjektive Seite unterscheiden. Die erstere, durch die der objektive S. entsteht, erstreckt sich auf die Auffassung und Gestaltung der irgendwie gegebenen Gegenstände des Lebens; die letztere, durch die der subjektive S. entsteht, erstreckt sich auf die subjektiven Zutaten des Schaffenden. Sas höchste Ziel des objektiven Stils ist es, den Gegenstand sich gesetzmäßig, seinen Lebensbedingungen entsprechend, von innen heraus entwickeln zu lassen. Sorgt der Schaffende für Entfernung alles Trüben und Zufälligen der Lebenseindrücke, so entsteht der klare S., liebt er zerfließende Umrisse, so wird er den verschwimmenden S., liebt er die treue Wiedergabe der jeweils sich ihm darbietenden Lebenseindrücke mit den Trübungen, aber auch charakteristischen Stimmungen des Wirklichkeitsbildes, so wird er den impressionistischen S. pflegen. In der Wortkunst ist das Maß der Anschaulichkeit und die logische Folgerichtigkeit des Vorstellungsverlaufes noch ein weiteres wichtiges Merkmal des objektiven Stils. In der Musik treten die objektiven Bestandteile gegenüber denjenigen der subjektiven Auffassung fast ganz in den Hintergrund. In dem subjektiven S. werden sich zunächst allgemeine, formale Haupteigentümlichkeiten der Gefühle und Willensimpulse des Schaffenden geltend machen. Die hohe Reizbarkeit des Gefühls erzeugt den sensitiven S., die Weichheit den sentimentalen, die Fülle der Affekte den affektvollen S.; die Eigenschaften des Charakters gelangen in dem energischen, nachdrucksvollen und wahrhaftigen S. zum Ausdruck. Aber auch die besondern Inhalte der Gefühle, Willensrichtungen und Gesinnungen spiegeln sich im S.: so geben das Selbstgefühl (mit seinen Steigerungen des Stolzes und der Überhebung), die mannigfaltigen Formen der Sympathiegefühle, das erotische Gefühl, das religiöse und das Nationalgefühl dem S. sehr bemerkenswerte Färbungen; vor allem aber tritt die gesellschaftliche Haltung des Menschen in dem vornehmen, unflätigen, nachlässigen S. und ähnlichen Formen bedeutsam in die Erscheinung. Zu allen diesen Stilunterschieden[34] kommen nun noch als wichtigste Ergänzung die hinzu, deren wir innewerden, wenn wir die Beziehungen von Ideal und Wirklichkeit betrachten, die sich in dem Stilprodukt nach der Seite des Inhalts wie der Form offenbaren. Auch hier sind wieder objektive und subjektive Faktoren zu unterscheiden. Will der Schaffende in dem künstlerischen Erzeugnis vor allem die idealen Werte des Schönen (s. Schön, S. 945) oder des Erhabenen (s. d.) zur Geltung bringen und liegt ihm die treue Wiedergabe der Wirklichkeit fern, so entsteht der idealistische S., der sich bei völliger Abweichung von der Wirklichkeit zum phantastischen S. steigert. Will er dagegen, unter völligem oder partiellem Verzicht auf das Schöne und Erhabene, vor allem die bezeichnenden Eigentümlichkeiten und Einzelheiten des wirklichen Lebens herausarbeiten, so entsteht der realistische oder charakteristische S., der sich bei völligem Verzicht auf idealistische Läuterung zum naturalistischen S. verflacht. Subjektiv tritt dieser Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit dadurch im S. in die Erscheinung, daß der Schaffende den unzulänglichen Gebilden der Wirklichkeit gegenüber die Interessen des Ideals geltend macht. Hebt er das Ideal rühmend und affektvoll hervor, so entsteht der pathetische S., wendet er sich tadelnd gegen die entartete Wirklichkeit, so entsteht der satirische und der ironische S., beklagt er den Verlust des Ideals, so entsteht der elegische S., und sucht er endlich den Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit durch die Erwägung, daß alles menschliche Tun eitel und Stückwerk sei, innerlich zu überwinden, so entsteht der im höchsten Sinne humoristische S. Bringt der Künstler nach Inhalt und Form das geistige Leben der Volksgemeinschaft zur Geltung, so schafft er im typisch-volkstümlichen S., verharrt er bei der hergebrachten Anschauungsweise und Kunstübung eines begrenzten Kreises, so wird sein S. konventionell, betätigt er dagegen individuelle Eigenart, so erhebt er sich zum höchsten, zum individuellen S. – Derjenige S., in dem sich ein innerliches Verhältnis zwischen dem Inhalt, den der Schaffende verkörpern will, und der Form offenbart, heißt der innere S., derjenige dagegen, in dem dieses Verhältnis von Gehalt und Form gelöst ist, der äußere S.; ästhetischen Wert besitzt nur der erstere. Wesentlich für allen S. ist die Einheitlichkeit und Harmonie seiner Bestandteile; ein Gebilde, dem diese Einheitlichkeit fehlt, heißt stillos. Von großer Bedeutung ist ferner das Material, in das der S. hineingelegt wird: ein jedes Stilgebilde muß der Leistungsfähigkeit des jeweils vorliegenden Materials angepaßt sein. Malerischer S. in der Plastik oder in der Poesie, poetischer in der Malerei. musikalischer in der Dichtkunst sind von Übel. Aus der großen Mannigfaltigkeit der Stilarten erklären sich endlich die besondern historischen Stile, wie sie etwa im antiken, romantischen und modernen S., im Barock und im Rokoko in die Erscheinung getreten sind. – In der bildenden Kunst versteht man unter S. die in einem Kunstwerk zur Darstellung gebrachte Anschauung, wie sie bei einem Volk oder in einer gewissen Zeit für die verschiedenen Künste als maßgebend angesehen ward, dann auch die individuelle, sich von der allgemeinen Richtung in Einzelheiten unterscheidende Darstellungsweise eines einzelnen Künstlers. – Ebenso bezeichnet S. in der Musik sowohl die für eine Kompositionsgattung oder für bestimmte Instrumente erforderliche Schreibweise (Opernstil, Klavierstil, Kirchenstil, Vokalstil etc.) als auch die eigentümliche Schreibweise eines Meisters. Auch spricht man von einem strengen oder gebundenen S. und versteht darunter die Schreibweise mit reellen Stimmen unter Beobachtung der für den Vokalstil gültigen Gesetze, und von einem freien oder galanten S., der sich nicht an eine bestimmte Anzahl Stimmen bindet, sondern dieselben nach Belieben vermehrt oder vermindert etc. – Endlich heißt auch S. die verschiedene Rechnungsart nach dem julianischen und gregorianischen Kalender. Man unterscheidet alten S., nach dem julianischen (noch jetzt bei den Russen gebräuchlich), und neuen S., nach dem gregorianischen Kalender, die beide jetzt um 13 Tage voneinander abweichen; daher datiert man meist 12./25. Dez. 1907, d. h. 12. Dez. nach dem alten und 25. Dez nach dem neuen S. (vgl. Kalender, S. 456).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 34-35.
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