Chronologie

[129] Chronologie (griech., Zeitkunde), die Wissenschaft von der Zeiteinteilung und Zeitrechnung, durch die in die Reihenfolge der historischen Ereignisse Ordnung und Klarheit gebracht wird. Die sicherste Grundlage für die C. bilden die regelmäßigen periodischen Erscheinungen am Himmel, die bestimmte Haltepunkte für die Aufeinanderfolge der Begebenheiten darstellen. Die astronomische C. beschäftigt sich mit den von der Astronomie gelehrten Bewegungen der Himmelskörper, sofern sie auf die Bestimmung und Vergleichung der Zeiteinheiten Bezug haben; die historische oder technische C. lehrt, wie bei den verschiedenen Völkern die Zeit eingeteilt war, und wie hiernach die historischen Begebenheiten in ein richtiges Zeitverhältnis zu bringen sind. Als die natürlichsten Zeitabschnitte wurden von allen Völkern eingeführt: der Tag, bestimmt durch die Zeit zwischen zwei aufeinander folgenden Kulminationen der Sonne; der Monat, bestimmt durch die Phasen des Mondes; das Jahr, bestimmt durch den Kreislauf der Erde um die Sonne. Man unterscheidet aber Sonnen- und Mondjahre, je nachdem der Lauf der Sonne allein oder auch die Erscheinungen des Mondes zu Grunde gelegt werden. Die Mondjahre wurden von den meisten Völkern zuerst eingeführt, sie enthielten anfänglich 12 Monate zu je 80 Tagen; da jedoch bald erkannt wurde, daß der Mondwechsel nur wenig mehr als 291/2 Tage beanspruchte,[129] so wurde das Jahr zu 6 Monaten mit 30 Tagen und 6 Monaten mit 29 Tagen gerechnet, enthielt also 354 Tage, war mithin 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr. Hierdurch trat eine Verschiebung der jährlich wiederkehrenden Witterungsverhältnisse und Erscheinungen der Pflanzenwelt ein, die bald die meisten Völker zur Einführung des Sonnenjahres führte.

Die Ägypter gingen, hauptsächlich durch die jährlich fast unmittelbar nach der Sommersonnenwende wiederkehrenden Überschwemmungen des Nils veranlaßt, schon früh zum Sonnenjahr von 365 Tagen über, das 12 Monate mit 30 Tagen und 5 Ergänzungstage enthielt und mit dem heliakischen Ausgang des Sirius (Hundsstern) begann. Weil aber in Wirklichkeit das Jahr um 1/2 Tag zu kurz gerechnet war, so mußte sich nach 4 Jahren der heliakische Ausgang des Sirius um einen Tag verschoben haben und nach 4 × 365 = 1460 Jahren um ein ganzes Jahr, so daß 1461 ägyptische Jahre 1460 wirklichen Jahren entsprachen. Dieje Periode wurde die Hundssternperiode (Sir in s- oder Sothisperiode, Cyclus canicularis) genannt. Eine andre Periode war die Phönixperiode, die zur Ausgleichung des siderischen mit dem kirchlichen Jahre diente. Von Ägypten aus verbreitete sich diese Methode der Zeitrechnung mit Modifikationen über die damalige gebildete Welt, zunächst zu den Babyloniern und Chaldäern. Beide Völker begannen ihren bürgerlichen Tag mit Sonnenaufgang; für die Einteilung des Tages und der Nacht in je 12 Stunden bedienten sie sich der Sonnen- und Wasseruhren. Die Juden besaßen das alte Mondjahr zu 354 Tagen, dem sse jedoch, um den Jahresanfang an eine bestimmte Jahreszeit zu knüpfen, Schaltmonate hinzufügten und auch einzelne Tage aus- und einschalteten, so daß ihr Jahr zwischen 354 und 385 Tagen schwankte. Den Jahresanfang bildete (wenigstens im bürgerlichen Leben) der Monat Tischri; den Tag begannen sie mit dem Abend. Die Einteilung von Tag und Nacht in je 12 Stunden war den Juden ohne Zweifel von Babylon her bekannt. Gewöhnlich teilte man den Tag in vier, die Nacht in drei Teile. Sieben Tage bildeten eine Woche, die mit dem Sabbat endigte. Den Anfang des Monats bestimmte der Neumond, der mit religiöser Feier begangen wurde.

Die Araber gründen ihre Zeiteinteilung ausschließlich auf den Mondlauf. Sie beginnen ihre Monate, wie die Juden, mit dem ersten Erscheinen der Mondsichel in der Abenddämmerung; 12 solcher Monate bilden ein freies Mondjahr, das mit dem Sonnenjahr nicht ausgeglichen wird, daher der Jahresanfang in einem Zeitraum von 33 der unsern durch alle Jahreszeiten zurückgeht. Der bürgerliche Tag mit veränderlichen Stunden beginnt mit Untergang der Sonne; der Gebrauch der siebentägigen Woche ist uralt. Von Mohammed bestätigt und dem Religionskultus angepaßt, ging diese Zeitrechnung zu allen mohammedanischen Völkern und auch zu den Persern über; bei den Türken ist aber auch das julianische Jahr, das sie mit dem 1. März beginnen, im Gebrauch.

Die Griechen hatten ursprünglich das sogen. gebundene Mondjahr von 354 Tagen, bei dem jedoch die bald fühlbar werdende Verschiebung der Jahreszeiten zur Einführung von Schaltmonaten führte, bis es 483 p. Chr. dem Athener Meton gelang, durch Einführung seines Zyklus von 235 auf 19 Jahre verteilten Monaten (vgl. Kalender) die Zeitrechnung nach Sonne und Mond in Übereinstimmung zu bringen. Eine bei den Griechen auch häufig gebrauchte Zeitrechnung ist die nach Olympiaden, die je einen Zeitraum von 4 Jahren umfaßten und von Timäus im 3. Jahrh. v. Chr. in Anlehnung an das alle 4 Jahre in Olympia gefeierte Nationalfest eingeführt wurden, wobei er die erste Olympiade 776 v. Chr. beginnen ließ. Die Römer hatten ursprünglich ebenfalls ein Mondjahr von 354 Tagen, bei dem jedoch 4 Monate je 31 Tage zählten, 7 andre je 29 und der zwölfte Monat nur 27 Tage; später versuchte man durch Einschaltung von 22 und 23 Tagen in jedem zweiten Jahre eine Übereinstimmung der Jahreszeiten herbeizuführen, bis 46 v. Chr. Julius Cäsar den nach ihm benannten julianischen Kalender einführte, der ein Jahr von 3651/4 Tagen im Mittel hat und auch in die Christenheit überging. Die Abweichung des julianischen Jahres vom Sonnenjahr, die in 129 Jahren ungefähr einen Tag beträgt, veranlaßte 1582 die Kalenderverbesserung des Papstes Gregor XIII. (s. Kalender).

Der Jahresanfang, gegenwärtig im christlichen Kalender der 1. Januar, war früher ziemlich verschieden. Bei den griechischen Stämmen sing das Jahr bald mit der Herbstnachtgleiche, bald mit der Sommer- oder Wintersonnenwende an. Den Römern diente zuerst der 1. März, später der 1. Januar als Jahresanfang, und die Juden wählten den Neumond dazu, der dem Herbstäquinoktium zunächst liegt (vgl. Neujahr). Das Kirchenjahr beginnt noch jetzt in der griechischen Kirche mit dem 1. September, in der abendländischen mit dem Advent. Den Tag fängt man mit Mitternacht an und zählt die Stunden in doppelter Reihe von 1–12; nur in Italien zählt man von 1–24. Eine oft gebrauchte Berechnung ist die nach Generationen, deren man gewöhnlich drei auf ein Jahrhundert rechnete. Die Zählung der Jahre von einem bestimmten, durch ein merkwürdiges Ereignis bezeichneten Termin an heißt eine Ära (s.d.).

In älterer Zeit erwarben sich um die wissenschaftliche Behandlung der C. namentlich Verdienste: Joseph Justus Scaliger durch sein Werk »De emendatione temporum« (zuerst 1583) und seinen »Thesaurus temporum« (1606), Calvisius durch sein »Opus chronologicum« (1605), Petavius durch sein Werk »De doctrina temporum« (1627), die »Tabulae chronologicae« (1628) und das »Rationarium temporum« (1630) und die Verfasser der »Art de vérifier les dates« (neu hrsg. von Courcelles, Par. 1821 bis 1841, 19 Bde.). Von den neuern die gesamte C. behandelnden Handbüchern vgl. Ideler, Handbuch der mathematischen und technischen C. (Berl. 1825 bis 1826, 2 Bde.; neuer Abdruck, Bresl. 1883); Derselbe, Lehrbuch der C. (Berl. 1831); Matzka, Die C. in ihrem ganzen Umfang (Wien 1844); Brinckmeier, Handbuch der historischen C. (2. Aufl., Berl. 1882); Brockmann, System der C. (Stuttg. 1883); Lersch, Einleitung in die C. (2. Aufl., Freiburg 1899); Schram, Hilfstafeln für C. (Wien 1883); Wislicenus, Astronomische C. (Leipz. 1895). Über die C. der alten Völker schrieben Seyfarth, Gumprecht, v. Gutschmid, Niebuhr (Leipz. 1896), Ginzel (»Kanon der Sonnen- und Mondfinsternisse 900 vor bis 600 nach Christi«, Berl. 1899); über die ägyptische speziell Lepsius, Brugsch, Dümichen; über die babylonische E. Mahler (Wien 1892–95), F. X. Kugler (»Babylonische Mondrechnung«, Freiburg 1900); über die biblische C. und Zeitrechnung der Hebräer E. Mahler (Wien 1886); über die griechische besonders Böckh, A. Mommsen, Bergk, Ad. Schmidt (»Handbuch der griechischen C.«, Jena 1888); über die römische C. [130] Mommsen, Matzat (Berl. 1883 u. 1889), Holzapfel (Leipz. 1885), Soltau (Freiburg 1889). Für die C. des Mittelalters vgl. Weidenbach, Calendarium historico-christianum medii et novi aevi (Regensb. 1855); Grotefend, Handbuch der historischen C. des deutschen Mittelalters und der Neuzeit (Hannov. 1872); Derselbe, Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit (das. 1891–98, 2 Bde.) und Taschenbuch dazu (das. 1898); Rühl, C. des Mittelalters und der Neuzeit (Berl. 1897); Da bis, Abriß der christlichen und römischen Zeitrechnung (Berl. 1872). Vergleichungstabellen der mohammedanischen und christlichen Zeitrechnung hat Wüstenfeld gegeben (Leipz. 1854; Fortsetzung von Mahler, das. 1887).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 129-131.
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