Moltke

[44] Moltke, mecklenburg. Adelsgeschlecht, wird schon im 13. Jahrh. erwähnt und teilt sich in zwei Hauptlinien: die seit 1770 gräfliche ältere (mecklenburgische) und die schon 1750 in den dänischen Lehnsgrafenstand erhobene jüngere (dänische). Vgl. Langhorn, Historische Nachrichten über die dänischen M. (Kiel 1871). Die namhaftesten Sprößlinge des Geschlechts sind:

1) Adam Gottlob, Graf, dän. Staatsmann und Stifter der jüngern Linie, geb. 10. Nov. 1709 in Riesenau (Mecklenburg), gest. 25. Sept. 1792, kam früh nach Dänemark, wo er von Friedrich V., seinem[44] besondern Gönner, 1750 in den Grafenstand erhoben wurde. 1763–66 war er Staatsminister. Seine 22 Söhne gelangten fast alle zu hohen Stellungen.

2) Joachim Godske, Graf, dän. Staatsmann, Sohn des vorigen, geb. 27. Juli 1746, gest. 5. Okt. 1818, wurde 1781 Finanzminister, aber 1784 beim Sturze Guldbergs entlassen und widmete sich hierauf der Bewirtschaftung seiner Güter. Seit 1813 war er abermals Staatsminister.

3) Adam Gottlob Detlev, Graf, Politiker, geb. 15. Jan. 1765 in Odense, gest. 17. Juni 1843, nannte sich zur Zeit der französischen Revolution Citoyen M. und unterstützte 1815–23 die Bestrebungen der schleswig-holsteinischen Ritterschaft zur Erlangung einer Verfassung. Außer mehreren Dichtwerken veröffentlichte er: »Einiges über die Verfassung Schleswig-Holsteins« (Lüb. 1833).

4) Magnus, Graf, Politiker, Bruder des vorigen, geb. 20. Aug. 1783, gest. 12. März 1864 in Kiel, rief durch seine streng konservative Broschüre »Über den Adel und dessen Verhältnis zum Bürgerstand« (Hamb. 1830) Kahldorfs Gegenschrift »Über den Adel, an den Grafen Magnus v. M.« (das. 1831) hervor, vertrat aber in den spätern Schriften: »Über das Wahlgesetz und die Kammer mit Rücksicht auf Schleswig und Holstein« (das. 1834) und »Über die Einnahmequellen des Staats« (das. 1846), eine freisinnige Politik, sprach sich als Präsident der schleswigschen Provinzialstände für Preßfreiheit und Ordnung in den Finanzen aus und forderte Trennung der schleswig-holsteinischen Finanzen von den dänischen sowie einen verantwortlichen Finanzminister. Beachtenswert ist auch seine Broschüre: »Die schleswig-holsteinische Frage« (Hamb. 1849).

5) Adam Wilhelm, Graf, dän. Staatsmann, Sohn von M. 2), geb. 25. Aug. 1785, gest. 15. Febr. 1864 in Kopenhagen, wurde 1831 Finanzminister, 1845 Präsident der Rentenkammer, trat, als die Eiderdänen (s. d.) zur Herrschaft gelangten, 22. März 1848 an die Spitze des »Kasinoministeriums« und blieb bis Ende Januar 1852 Ministerpräsident. Bis Mitte November 1848 war er zugleich Finanzminister, hierauf (bis November 1850) Minister des Äußern. 1854 bis 1863 führte er im Reichsrat den Vorsitz.

6) Karl, Graf, dän. Politiker, Sohn von M. 3), geb. 15. Nov. 1798 in Kiel, gest. 12. April 1866, war anfangs den schleswig-holsteinischen Interessen zugetan, später aber Anhänger der Gesamtstaatspartei und wurde 1846 zum Präsidenten der schleswig-holsteinischen Kanzlei ernannt. Im Frühjahr 1848 kurze Zeit Staatsminister, weilte er 1849 als Gesandter in Wien, war 1851 (auch 1864–65) vorübergehend Minister ohne Portefeuille und gab als Minister für Schleswig (Januar 1852 bis Dezember 1854) seiner Abneigung gegen die partikularistischen Tendenzen in den Herzogtümern mehrfach durch drückende Maßregeln Ausdruck.

7) Helmuth Karl Bernhard, Graf von, preuß. Generalfeldmarschall, geb. 26. Okt. 1800 zu Parchim in Mecklenburg-Schwerin, gest. 24. April 1891 in Berlin, der Sohn des damaligen preußischen Hauptmanns a. D., spätern dänischen Generalleutnants Viktor von M. (gest. 1845) und Henriettens, geborne Paschen (gest. 1837), besuchte 1811–17 die dänische Landkadettenakademie in Kopenhagen, ward 1819 dänischer Leutnant und trat 1822 in das preußische Heer. Zuerst beim 8 Leibregiment in Frankfurt a. O. eingestellt, kam M. 1832 in den Generalstab, unternahm 1835 eine Reise in den Orient, die ihn dem Sultan Mahmud nahebrachte, so daß er, für mehrere Jahre beurlaubt, der Ratgeber des Sultans bei den von diesem beabsichtigten militärischen Reformen wurde. Auch an dem türkischen Feldzuge gegen Mehemed Ali (1839) nahm M. teil, wo der türkische Oberbefehlshaber, seinen Rat verschmähend, bei Nisib geschlagen wurde. Über den Aufenthalt in der Türkei (vgl. Reinh. Wagner, M. und Mühlbach zusammen unter dem Halbmonde 1837–1839, Berl. 1893) schrieb er: »Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835–1839« (das. 1841, 6. Aufl. 1893) und »Der russisch-türkische Feldzug in der europäischen Türkei« (das. 1845, 2. Aufl. 1877). Nach Mahmuds Tod 1839 heimgekehrt, trat M. wieder in den Generalstab des 4. Armeekorps, ward 1842 Major und erlangte unterm 21. Okt. 1843 die Erlaubnis, das Freiherrenprädikat fortzuführen, machte jedoch nur selten Gebrauch davon. Seit 1845 Adjutant bei dem in Rom lebenden Prinzen Heinrich von Preußen und nach dessen Tod Ende 1846 Adjutant beim Generalkommando am Rhein, wurde M. 1848 zum Abteilungsvorstand im Großen Generalstab ernannt; 1849–55 war er Chef des Generalstabs des 4. Armeekorps und dann Adjutant des Prinzen Friedrich Wilhelm (spätern Kaisers Friedrich). 1858 an die Spitze des Generalstabs der Armee getreten und 1859 Generalleutnant geworden, erwarb er sich um die Ausbildung der Generalstabsoffiziere durch eigne Vorträge wie durch stete Leitung und Überwachung ihrer Arbeiten große Verdienste. Er verfaßte großenteils den Operationsentwurf für den deutsch-dänischen Krieg und wurde Ende April 1864 Generalstabschef des Prinzen Friedrich Karl, des Oberbefehlshabers der Alliierten. Im Juni 1866 zum General der Infanterie ernannt, begleitete er den König in den böhmischen Feldzug, wohnte der entscheidenden Schlacht von Königgrätz bei, leitete dann den Vormarsch der Preußen gegen Wien und Olmütz und führte die Verhandlungen in Nikolsburg, denen der Waffenstillstand vom 2. Aug. folgte. Vom König mit dem Schwarzen Adlerorden ausgezeichnet, erhielt M. von der Nation eine Dotation. Unermüdlich betrieb er sofort die Beseitigung aller Mängel in der Organisation und Taktik der Armee, die sich namentlich bei der Kavallerie und Artillerie herausgestellt hatten, bereitete zugleich alles für den erwarteten Entscheidungskampf mit Frankreich vor und arbeitete bereits 1868 einen genauen Mobilmachungs- und Feldzugsplan aus, der sich bei dem Ausbruch des Krieges 1870 glänzend bewährte. Die ohne Störung bewerkstelligte Beförderung der Heeresmassen auf der Eisenbahn, der Aufmarsch der drei Armeen am Rhein sowie die Leitung der Kriegsoperationen selbst erfüllten alle Welt mit Bewunderung und Vertrauen in seine Leitung. »Getrennt marschieren, vereint schlagen« war sein leitender Grundsatz. Am 28. Okt. 1870 wurde M. in den Grafenstand erhoben, 22. März 1871 erhielt er das Großkreuz des Eisernen Kreuzes und wurde 16. Juni Generalfeldmarschall; er erhielt auch eine bedeutende Dotation, die er zur Stiftung eines Familiensideikommisses verwandte, und ward von zahlreichen Städten zum Ehrenbürger ernannt. Nie verließen ihn aber seine Bescheidenheit und seltene Anspruchslosigkeit. Seit 1867 ununterbrochen dem Reichstag, seit 28. Jan. 1872 dem preußischen Herrenhaus angehörig, erfüllte er mit unermüdlicher Gewissenhaftigkeit seine Pflichten als Abgeordneter. Eine Sammlung seiner parlamentarischen Reden erschien in der »Kollektion Spemann« (Stuttg. 1889). Auf[45] sein dringendes Verlangen 9. Aug. 1888 als Chef des Generalstabs entlassen, wurde er zum Präses der Landesverteidigungskommission ernannt. Sein 90. Geburtstag 26. Okt. 1890 wurde mit besondern Ehren gefeiert. Seine Leiche ward auf seinem Gute Kreisau in Schlesien beigesetzt. Vermählt (aber kinderlos) war er seit 1841 mit der Stieftochter seiner Schwester, Marie v. Burt, geb. 5. April 1825, gest. 24. Dez. 1868 (vgl. Frh. v. Brockdorff, Marie v. M., ein Lebens- und Charakterbild, Leipz. 1893, 2. Aufl. 1901). Der Grafentitel nach dem Rechte der Erstgeburt ist mit dem Besitz des Fideikommisses Kreisau verbunden, ging nach des Feldmarschalls Tod auf dessen ältesten Neffen Wilhelm (geb. im September 1845, gest. 12. Jan. 1905 als Kommandeur der 20. Division in Hannover) und danach auf dessen ältesten Sohn, Graf Helmuth (geb. 1876), über.

Moltkes vielseitige, tiefe und edle Geistesbildung prägt sich auch in seinen Werken aus. Die vom preußischen Generalstab unter seiner Leitung herausgegebenen Werke über den italienischen Feldzug 1859, den Krieg von 1866, den deutsch französischen Krieg 1870/71 und den deutsch-dänischen Krieg sind auch stilistisch mustergültig. Die »Briefe aus Rußland« (Berl. 1877, 4. Aufl. 1892) sind eine Übersetzung der 1856 an seine Gattin in Dänemark gerichteten und damals in »Dagens Nyheder« veröffentlichten Tagebuchblätter Moltkes. Das »Wanderbuch« (Berl. 1879, 6. Aufl. 1891) enthält Aufzeichnungen aus Rom, Spanien und Paris, auch eine Karte von Konstantinopel und dem Bosporus und eine der Umgebung von Rom gab er heraus. Die »Gesammelten Schriften und Denkwürdigkeiten des Generalfeldmarschalls Grafen Helmuth v. M.«, darunter eine »Geschichte des deutsch-französischen Kriegs 1870/71« und 3 Bände Briefe, erschienen in 8 Bänden (Berl. 1891–93); ihnen folgten die »Militärischen Schriften« (das. 1892 bis 1904), herausgegeben vom Generalstab in drei Abteilungen, I:»Militärische Korrespondenz« (4 Tle. in 6 Bdn.); II: »Die Tätigkeit als Chef des Generalstabes der Armee im Frieden« (2 Tle.); III: »Kriegsgeschichtliche Arbeiten« (2 Tle.). Eine Volksausgabe seiner »Schriften« in 3 Bänden (Berl. 1899) enthält 2 Bände Briefe (auch besonders, 1901) und die »Geschichte des deutsch-französischen Krieges«. Vgl. Müller-Bohn, Graf M., ein Bild seines Lebens und seiner Zeit (3. Aufl., Berl. 1893); M. Jähns, Feldmarschall M. (in dem Sammelwerk »Geisteshelden«, das. 1894–1900, 3 Tle.; 1. Teil in 2. Aufl. 1903); Bigge, Feldmarschall Graf M., ein militärisches Lebensbild (das. 1900, 2 Bde.); kleinere Lebensbeschreibungen von W. Müller (3. Aufl., Stuttg. 1889), v. Fircks (2. Aufl., Berl. 1887), F. von der Goltz (das. 1903); Dreßler, M. in seiner Häuslichkeit (das. 1904); Kowalewski, M. als Philosoph (Bonn 1905); »M. in der Bearbeitung und Durchführung der Operationen«, herausgegeben vom Großen Generalstab (Berl. 1905). – Moltkes Namen führt seit 1873 das Fort Nr. 2 (früher Reichstett) von Straßburg, seit Oktober 1887 eine Kriegskorvette, seit 1889 das schlesische Füsilier-Reg. Nr. 38. – Die ersten Bildnisse Moltkes von Künstlerhand kamen nach dem Kriege von 1866 in die Öffentlichkeit (Lithographien von Süßnapp und Engelbach in Berlin) und wurden dann nach 1870 sehr zahlreich, auch auf größern Geschichtsbildern. Die ersten sind die von A. v. Werner (M. vor Paris, M. in seinem Arbeitszimmer in Versailles), der später noch die Einzelfiguren von M. für das Rathaus in Saarbrücken und M. in russischer Generalfeldmarschallsuniform und Moltkes neunzigster Geburtstag (Gruppenbild, für Kaiser Wilhelm II.) gemalt und M. auf dem Totenbett gezeichnet hat. Von Einzelbildnissen sind noch die von J. Schrader (gestochen von Hans Meyer) und die zahlreichen von F. Lenbach (darunter auch M. ohne Perücke), der am tiefsten in das geistige Wesen Moltkes eingedrungen ist, zu nennen. – Sehr zahlreich sind auch die plastischen Darstellungen, Büsten (von R. Begas in der Nationalgalerie zu Berlin, von A. Donndorf in Stuttgart, von Otto Lessing), Statuetten (von Silbernagel und C. v. Uechtritz) und Denkmäler. Zu Moltkes Lebzeiten wurden ihm Denkmäler in seiner Geburtsstadt Parchim (von Brunow) und in Köln (von Schaper) errichtet. Es folgten später Zerbst (von Fr. Pfannschmidt), Schweidnitz (von E. Seger), Breslau (von C. v. Uechtritz), Mannheim (von Uphues). 1905 wurde das vom deutschen Heere gestiftete Moltkedenkmal in Berlin (ebenfalls von Uphues, s. Tafel »Berliner Denkmäler I«, Fig. 3) enthüllt. Als Nebenfigur erscheint M. bei dem Siegesdenkmal in Leipzig (Reiterstatue von R. Siemering) und bei den Kaiser Wilhelm-Denkmälern in Görlitz (von Pfuhl), in Chemnitz (von Ruemann) u. Prenzlau (von Schilling).

8) Helmuth Johannes Ludwig von, preuß. General, zweiter Sohn des einzigen Bruders des vorigen, geb. 23. Mai 1848 in Gersdorf (Mecklenburg), wurde 1870 Offizier, besuchte 1876–79 die Kriegsakademie, war ein Jahr beim Großen Generalstab tätig, wurde 1881 Hauptmann und war 1882–91 zweiter Adjutant des Feldmarschalls Grafen von M. 1888 Major geworden und nach des Feldmarschalls Tod zum diensttuenden Flügeladjutanten des Kaisers ernannt, wurde M. bald auch Kommandeur der Schloßgardekompanie, führte, seit 1895 Oberst, 1896–99 das Kaiser Alexander-Gardegrenadierregiment Nr. 1 und 1899–1902 als Generalmajor die 1. Gardeinfanteriebrigade. 1902 erhielt M. unter Beförderung zum Generalleutnant und Generaladjutanten das Kommando der 1. Gardedivision, wurde im Februar 1904 unter Ernennung zum Generalquartiermeister zum Generalstab der Armee kommandiert und erhielt 1. Jan. 1906 als Nachfolger des Grafen von Schlieffen (s. d.) den Posten eines Chefs des Generalstabs der Armee.

9) Friedrich von, Oberpräsident von Ostpreußen, geb. 1. Mai 1852 in Ranzau (Kreis Pinneberg), Bruder des vorigen, studierte die Rechte, trat 1877 in den Justizdienst, ging 1880 zur Verwaltung über, war 1885–90 Landrat im Kreise Tost-Gleiwitz in Oberschlesien, kam dann als Hilfsarbeiter in das Kultusministerium und wurde dort 1893 vortragender Rat. Seit 1897 Geheimer Oberregierungsrat, ward er 1898 auf den Posten des Regierungspräsidenten zu Oppeln berufen, den er 1900 mit dem zu Potsdam vertauschte, um Ende 1903 das Amt des Oberpräsidenten von Ostpreußen in Königsberg zu übernehmen.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 14. Leipzig 1908, S. 44-46.
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