Karlsruhe

[658] Karlsruhe, 1) (hierzu der Stadtplan, mit Registerblatt) Haupt- und Residenzstadt des Großherzogtums Baden, im gleichnamigen Kreis, der 1527 qkm (27,73 QM.) mit (1900) 368,750 Einw. umfaßt, liegt in der Oberrheinischen Tiefebene, 8 km vom Rhein und 115 m ü. M. Die Altstadt umgibt in einem großen Halbkreis das am Saume des Hardtwaldes gelegene Schloß und ist in Gestalt eines Fächers angelegt. 14 Straßen gehen radienförmig vom Bleiturm des Schlosses aus und werden durch die von O. nach W. ziehende Kaiserstraße und deren Parallelstraßen geschnitten. Die Fächerform ist indessen in den neuen Stadtteilen aufgegeben.

Wappen von Karlsruhe (Baden).
Wappen von Karlsruhe (Baden).

An kirchlichen Bauwerken (6 evangelische, 4 katholische, eine altkath. Kirche und 2 Synagogen) sind zu erwähnen: die evangelische Stadtkirche mit der Fürstengruft, die evangelische Christuskirche, die katholische Stadtkirche und die katholische Bernharduskirche. Unter den Profanbauten ist zunächst hervorzuheben das 1751–76 im altfranzösischen Stil erbaute Residenzschloß. Vor dem Schlosse liegt der mit Anlagen und dem Denkmal des Großherzogs Karl Friedrich (von Schwanthaler) geschmückte Schloßplatz, und hinter demselben dehnt sich der Schloßgarten mit dem Denkmal des Dichters Hebel, der Steinhäuserschen Gruppe Hermann und Dorothea, einem reichgeschmiedeten Rokokotor und verschiedenen Wasserkünsten aus, an den sich der Wildpark und der sogen. Fasanengarten mit dem 1893–94 erbauten Mausoleum anschließt. Östlich vom Schlosse liegt der Marstall, westlich das von Hübsch erbaute Hoftheater mit dem dahinter sich ausbreitenden botanischen Garten, dem Wintergarten, der Orangerie und der Kunsthalle. Nach S. wird der Schloßgarten im Bogen geschlossen[658] durch die Gebäude verschiedener Ministerien, das Palais der Frau Prinzessin Wilhelm und stattliche Privatbauten. Die Kaiserstraße rechtwinklig schneidend, führt die Karl Friedrich-Straße vom Schloßplatz über den Marktplatz zum Bahnhof, vorüber an der dem Gründer der Stadt errichteten Pyramide, dem Standbilde des Großherzogs Ludwig und dem »dem Gründer der Verfassung«, dem Großherzog Karl, gewidmeten Obelisken, die evangelische Stadtkirche und das markgräfliche Palais zur linken, das Rathaus auf der rechten Seite lassend. Ist der Marktplatz das Zentrum der Stadt und die genannte Straße die eine Achse, so ist die Kaiserstraße die andre. Sie führt in gerader Richtung, bei einer Länge von 2200 m und einer Breite von 23 m, vom neu angelegten Durlachertorplatz bis zum Kaiserplatz hin, auf dem das Kaiser Wilhelm-Denkmal (von Heer, 1897) errichtet ist. Von öffentlichen Gebäuden liegen unter andern an ihr: die Technische Hochschule, das Oberpostdirektionsgebäude, während das von Durm erbaute Palais des Prinzen Max und der Leopoldsplatz mit Monumentalbrunnen (von Strieder) wenig seitwärts liegen. Vom Durlachertor nach O. hat sich ein neuer Stadtteil mit radial auslaufenden Straßen entwickelt, darunter die Durlacher Allee, mit der Artilleriekaserne (ehemalige Benediktinerabtei Gottesau) und der neuen, mustergültigen Vieh- und Schlachthofsanlage, sowie die Karl Wilhelm-Straße, die zum neuen Friedhof mit dem Krematorium führt. Anderseits setzt sich die Kaiserstraße nach W. als Kaiserallee bis zum Stadtteil Mühlburg fort, durch den die Rheinstraße zum Rheinhafen führt. Ihr zur Seite liegen die Oberrealschule, das Gebäude der Landes-Versicherungsanstalt Baden, das Ludwig Wilhelm-Krankenheim und die Dragonerkaserne, sämtlich großartige Neubauten. Parallel zur Kaiserstraße zieht sich im NW. die Moltkestraße mit der Baugewerkschule, der Kunstgewerbeschule, der Kadettenanstalt und der neuen Infanteriekaserne hin. Zwischen der Moltke- und Bismarckstraße hat sich ein größeres Villenviertel entwickelt, das auch das Gebäude des Generalkommandos, das Gymnasium, die Turnhalle, die Akademie der bildenden Künste, das Atelierhaus und den Kunstschulplatz mit dem Scheffeldenkmal (von Volz) einschließt. Die Kriegstraße, im S. parallel zur Kaiserstraße laufend und mit ihr durch die elegante Westendstraße verbunden, ist mit ihren Villen, dem erbgroßherzoglichen Palais, dem Erbprinzengarten und der Nymphengruppe (von Weltring), dem Drais-, Krieger- und Winterdenkmal, dem Malschbrunnen etc. eine Zierde der Stadt. Im Innern der Stadt ziehen vom Rondelplatz nach den Enden der Kaiserstraße die Erbprinzen- und Markgrafenstraße, die erstere über den Friedrichsplatz am Generaldirektionsgebäude, Sammlungsbau, Staatsministerium, Ständehaus etc. vorüber, die andre über den Lidellplatz in das sogen. Dörfle, den Rest des frühern sogen. Kleinkarlsruhe, führend. Die Ettlinger Straße ist die Fortsetzung der Karl Friedrich-Straße über die Bahnlinie. Zwischen ihr und der Rüppurrer Straße im O. liegt der seit 1870 entstandene Bahnhofsstadtteil (Südstadt), während anderseits ein ähnlicher Stadtteil zwischen der Krieg-, Garten-, Kurven- und Südendstraße um die Hirschstraßenbrücke sich gebildet hat. Der die Südstadt spaltende Keil zwischen der Ettlinger und Beiertheimer Allee beginnt mit einem Schmuckplatz, der vom Panorama, der Ausstellungshalle, der Festhalle und dem städtischen Vierordtsbad umschlossen wird, und auf dem sich das Bismarckdenkmal befindet. Hinter diesen Gebäuden liegt das Sallenwäldchen (mit Tritonengruppe von Möst) und der reizend angelegte Stadtgarten. Eine neue Straßenbrücke verbindet den letztern mit dem Tiergarten und dem als Hochreservoir künstlich aufgeführten, 42 m hohen, aussichtsreichen Lauterberg mit Schwarzwaldhaus und künstlicher Ruine.

Die Zahl der Einwohner beläuft sich (1900) mit der Garnison (ein Grenadierregiment Nr. 109, ein Dragonerregiment Nr. 20 und 2 Feldartillerieregimenter Nr. 14 und 50) auf 97,185 Seelen, davon 50,630 Evangelische, 43,063 Katholiken und 2576 Juden. Die Industrie ist sehr lebhaft. K. hat eine Munitions- und Waffenfabrik, eine Maschinenbaugesellschaft, Nähmaschinen-, Zementwaren-, Glacéleder-, Zigarren-, Silberwaren-, Werkzeugmaschinen-, Parfümerie-, Seifen-, Tapeten-, Kartoffelmehl-, Wagen- und Möbelfabriken, Erz- und Eisengießerei, Steinsägerei und -Schleiferei, Färberei, eine Gesellschaft für elektrische Industrie, Stein- und Buchdruckerei, Dampfroßhaarspinnerei, große Bierbrauereien, eine Münzstätte (Münzzeichen G) etc. Der Handel wird durch eine Handelskammer, eine Reichsbankstelle (Umsatz 1903: 1965,6 Mill. Mk.), die Badische Bank, die Rheinische Kreditbank, Vereinsbank, Oberrheinische Bank und andre Geldinstitute unterstützt. Dem Verkehr in der Stadt und mit der Umgebung dient eine elektrische Straßenbahn, für den Verkehr auf dem Rhein ein Hafen (1901 eröffnet). Für den Eisenbahnverkehr ist die Stadt Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Mannheim-Konstanz, Mannheim-Wintersdorf, K.-Maxau und K.-Graben-Neudorf sowie der Lokalbahnen K.-Durmersheim, K.-Spöck und K.-Herrenalb. An Bildungsanstalten und ähnlichen Instituten hat K. eine Technische Hochschule mit Forstakademie und Elektrotechnischem Institut (s. die Tafel in Bd. 5, S. 691), eine Akademie der bildenden Künste, eine Malerinnenschule (davor seit 1897 ein Denkmal von W. Lübke), eine Kunstgewerbe- und eine Baugewerkschule, ein Konservatorium und eine allgemeine Musikbildungsanstalt, Kadettenanstalt, Gymnasium, Mädchengymnasium, Real- und Reformgymnasium, Oberrealschule, Realschule, ein evangelisches und ein paritätisches Lehrer- und ein Lehrerinnenseminar, Turnlehrerbildungsanstalt, landwirtschaftliche Winter-, Obstbau- und Wiesenbauschule, eine Kunststickerei-, eine Haushaltungs- und Kochschule etc., ferner: ein Hoftheater, Bildergalerie und Skulpturensammlung, Kupferstichkabinett, ethnographische und Altertümersammlung, Naturalienkabinett, Kunstgewerbemuseum, Landesgewerbehalle, Hof- und Landesbibliothek und General-Landesarchiv, chemische und agrikulturchemische Versuchsstation, großes städtisches Spital mit Diakonissenanstalt, Waisenhaus sowie zahlreiche Vereine für Kunst und Wissenschaft, Wohltätigkeit etc. K. ist Sitz der großherzoglichen Regierung mit zahlreichen Staats- und Hofbehörden, der Landstände, eines Kreis- und eines Bezirksamtes, einer Oberrechnungskammer, des Verwaltungsgerichtshofs, des evangelischen Oberkirchenrats, eines Oberrabbinats, des Oberschulrats, einer Zoll-, Steuer-, Domänen- und Baudirektion, eines Landesversicherungsamts, Oberbergamts, Oberlandes- und Landgerichts, einer Generaldirektion der Staatseisenbahnen, Oberpostdirektion, Bezirksforstei etc.; ferner der 5. Armeeinspektion, des Stabes des 14. Armeekorps, der 28. Division, der 55. Infanterie-, der 28. Kavallerie- und 28. Feldartilleriebrigade. Die städtischen Behörden zählen 25 Magistratsmitglieder und 96 Stadtverordnete. Unter den[659] zahlreichen Spaziergängen der Umgegend nehmen außer dem Stadtgarten das Sallenwäldchen und der Schloßgarten eine hervorragende Stelle eine, an letztern schließt sich der ausgedehnte, schattenreiche Hardtwald unmittelbar an. Andre beliebte Ausflugsorte sind Ettlingen mit dem Hellberg und Durlach mit dem durch eine Drahtseilbahn zugänglich gemachten Turmberg. – Zum Landgerichtsbezirk K. gehören die elf Amtsgerichte zu: Baden, Bretten, Bruchsal, Durlach, Eppingen, Ettlingen, Gernsbach, K., Pforzheim, Philippsburg und Rastatt. – K. ist eine Schöpfung fürstlicher Laune. Markgraf Karl Wilhelm, auf seine Residenz Durlach erzürnt, erbaute sich 1715 im Hardtwald ein Jagdschloß. Nach dem Strich der Windrose wurden 32 Alleen, vom Schloß auslaufend, durch den Wald gehauen und Aufforderungen zur Ansiedelung erlassen. Die Hofkanzlei und die Regierung, 1724 auch das Gymnasium wurden von Durlach dorthin verlegt. 1751 wurde vom Markgrafen Karl Friedrich an der Stelle des Jagdschlosses das jetzige Schloß ausgeführt. Immer mehr vergrößerte sich seitdem die Stadt, sie zählte 1812 bereits 13,727 Einw. 1848 und 1849 war K. der Schauplatz erst der Volkserhebung und dann der Gegenrevolution (s. Baden, S. 253). Vgl. Fecht, Geschichte der Haupt- und Residenzstadt K. (Karlsr. 1887); Weech, K., Geschichte der Stadt und ihrer Verwaltung (das. 1893–1902, 3 Bde.); Führer durch K. von Bielefeld, Beckmann u. a.; »Hygienischer Führer durch K.« (Festschrift, das. 1897); »Der Rheinhafen K.«, Festschrift zur Eröffnung (das. 1902); »Chronik der Haupt- und Residenzstadt K.« (seit 1885 jährlich); Naeher, Die Umgebung der Residenz K. (das. 1888).

2) K. in Schlesien, Flecken im preuß. Regbez. und Landkreis Oppeln, an der Staatsbahnlinie Oppeln-Namslau, hat eine evangelische und eine kath. Kirche, ein schönes Schloß mit herrlichem Garten und Parkanlagen, in denen ein künstlich aufgeschüttetes Gebirge (das »schlesische Siebengebirge«) sich befindet, Synagoge, Amtsgericht, Waisenhaus, Zwangserziehungsanstalt, Kiefernnadelbad, Waldwollen-, Kiefernnadelöl- und Spritfabrikation, Ziegelbrennerei und (1900) 2108 Einw. K. ist Majorat des Königs von Württemberg. In dem Park ein Denkmal des 1857 hier gestorbenen Herzogs Eugen von Württemberg (s. Eugen 3) und zahlreiche andre Denkmäler. K. wurde 1748 von Herzog Karl Christian Erdmann von Württemberg-Öls gegründet.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 658-660.
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