Liebhaberkünste

[531] Liebhaberkünste, dekorative und Kleinkünste, die, ursprünglich von Dilettanten zur Unterhaltung gepflegt, später von kunstübenden Frauen als Erwerbszweig betrieben wurden und in neuerer Zeit zu einer so starken Produktion geführt haben, daß sie zu kommerzieller Bedeutung gelangt sind, besonders nachdem das Dilettantische, d.h. künstlerisch Unvollkommne, von ihren Erzeugnissen abgestreift worden. Da der häusliche Bedarf die Massenproduktion nicht mehr aufnehmen konnte, mußte sie nach einem Abfluß suchen, der ihr durch Begründung von besondern Basaren für alle Erzeugnisse der L. in den größern Städten eröffnet wurde. Während die zu wirklicher Künstlerschaft gelangten Damen mit ihren Arbeiten in den Jahresausstellungen der Kunststädte und in den Ausstellungsräumen der Kunsthändler Aufnahme gefunden haben, sind jene Verkaufsstellen die Sammelplätze für Arbeiten der routinierten Handwerkerinnen, die in der Ausübung der L. ihren Erwerb gefunden haben, wie der Anfängerinnen, die ihn erst suchen wollen. Der Betrieb der L. hat somit auch eine ernste soziale Bedeutung gewonnen. Die L. umfassen ein sehr weites Gebiet, da sie sich aller Stoffe bemächtigt haben, die für eine Ausschmückung durch Stift, Pinsel, Radiernadel, Ätzung, Einwirkung von Feuer und Dämpfen empfänglich sind. Man teilt sie am besten nach dem Material ein, wobei die hervorragendste Rolle dem Holze zugefallen ist. Kerbschnitt (Näheres s. d.), Holzbrandtechnik (Brandmalerei) und Holzmalerei, die die Einlegearbeit in verschiedenfarbigen Hölzern nachzuahmen sucht, sind die beliebtesten L. Für die Erlernung der Kerbschnittechnik, die nach alten Mustern zu großer Vielseitigkeit entwickelt worden ist, besteht sogar in Berlin eine eigne, von Klara Roth geleitete Unterrichtsanstalt. Eine neuerdings aufgetauchte Abart der Holzbrandtechnik, die Pyroskulptur, besteht darin, daß die Konturen der Zeichnung auf einem kräftig gemusterten, gepunzten Hintergrund sehr tief eingetragen werden, und daß sich von diesem Grunde, der leicht getönt wird, aber nur so, daß die Holzmaserung durchscheint, die Ornamente plastisch abheben. Die Technik eignet sich besonders für größere Holzflächen, also vorzugsweise zur Dekoration von Möbeln. Vier Hefte Vorlagen dazu hat H. v. Weißenbach (Leipz. 1899) herausgegeben. Andre Techniken zur Verzierung des Holzes sind der schon im Mittelalter geübte Flachschnitt, der darin besteht, daß das Ornament in der Ebene des Holzes stehen bleibt, während der Grund herausgestochen oder durch Punzen tiefer gelegt wird, wobei der Grund zur stärkern Hervorhebung des Ornaments farbig bemalt werden kann, und die Ein legearbeit (Intarsia), die jedoch, wenn sie kunstgerecht gehandhabt sein will, eine lange Vorübung und äußerste Genauigkeit der Arbeit erfordert. Vgl. die besondern Artikel: »Holzverzierungen, Holzmalerei, Intarsia«.

Eine zweite Gruppe der L. bilden die Malereien zur Dekoration gewebter Stoffe: die Seidenmalerei, die hauptsächlich zur Dekoration von Fächern, von Einlagen für Buch- und Albumdeckel u. dgl. mit Aquarell- und Gouachefarben geübt wird; die Gobelinmalerei, die einen Ersatz für die sehr kostspieligen echten Gobelins (Wandteppiche) bieten will und demnach auf einem in der Textur den Gobelins ähnlichen, ripsartigen Stoffe mit gewöhnlichen Wasserfarben, aber auch mit Tempera- und Ölfarben ausgeführt wird; die Bronze- oder Brillantmalerei und die Kensingtonmalerei. Letztere beiden suchen die Plattstickerei auf Samt, Plüsch, Seide, Atlas, seinem Tuch durch ein wohlfeileres Verfahren zu ersetzen, wobei die erstere unter Anwendung verschiedenfarbiger Metallbronzen die Goldstickerei, die letztere durch Malerei in Ölfarben die farbige Stickerei nachahmt.

Zur Verzierung des Leders dient einerseits der Lederschnitt (s. d.) oder die Lederplastik und das ungemein schwierige, aber in seiner Wirkung äußerst reizvolle Ledermosaik, das mit der Einlegearbeit in Holz verwandt ist (s. Mosaik).

Einer fast ebenso großen Beliebtheit wie die der Dekoration des Holzes gewidmeten L. erfreuen sich die Ton-, Fayence-, Porzellan- und Majolikamalerei (s. d.), bei denen freilich nur die Bemalung der Gefäße, Schalen, Teller etc. Sache der Dilettanten ist, während das Einbrennen der Farben von Technikern, gewöhnlich von den Geschäften, bei denen die Ware Absatz findet, besorgt wird. Zur Bemalung von Tongefäßen, die in besonderer Herstellung für diesen Zweck im Handel zu haben sind, werden Aquarell- und Ölfarben, bei Porzellan- und Fayencemalereien Schmelzfarben, bei Majolikamalerei besondere, mit Metalloxyden versetzte Farben verwendet, die, mit Öl angerieben, in Tuben oder Fläschchen verkäuflich sind.

Eine fünfte Gruppe bilden die verschiedenen Ätzarbeiten auf Metall, Stein, Elfenbein und Glas. Endlich sind als seltener geübte L. noch die Glasradierarbeit, die Nagelarbeit, d.h. die Dekoration von Holzarbeiten durch Einschlagen von verzierten Nägeln nach geometrischen Mustern, die Spritzarbeit (s. d.), die Korkplastik und die Delfte-Malerei zu nennen, die in Nachahmung der echten Delfter Blaumalerei in Wasser- oder Ölfarben auf eigens angefertigten Malplatten aus Marmorguß oder aus Holz mit porzellanartigem, weißem Überzug ausgeführt wird. Diese Malereien (eckige Platten oder Teller) dienen ausschließlich als Wandschmuck. Vgl. F. S. Meyer, Handbuch der L. (3. Aufl., Leipz. 1902) und Vorbilder für häusliche Kunstarbeiten (das. 1888–90); Friedrich, Katechismus der L. (2. Aufl., das. 1905); Moser, Das Buch der L. (Wien 1897); Lichtwark, Vom Arbeitsfelde des Dilettantismus (2. Aufl., Berl. 1902); Schendler, Das große Buch der L. (das. 1903); Bergmeister, Die vorzüglichsten Beschäftigungen des Dilettanten (5. Aufl., Münch. 1903); Zeitschrift: »Liebhaberkünste« (das. 1892 ff.; seit 1902 hrsg. von Köstler, Darmst.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 12. Leipzig 1908, S. 531.
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