Marienburg

[295] Marienburg, 1) Kreisstadt im preuß. Regbez. Danzig, liegt in fruchtbarer Gegend an der Nogat, über die hier eine eiserne Gitterbrücke auf betürmten Pfeilern, eine neue eiserne Eisenbahnbogenbrücke und eine Pontonbrücke führen, im Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Schneidemühl-Güldenboden, Kulmsee-M., M.-Mlawa u. a., 15 m ü. M. Sehenswert ist der Markt, dessen Häuser an ihren Giebelfassaden mit bedeckten Gängen (Lauben) versehen sind.

Wappen von Marienburg.
Wappen von Marienburg.

Am Markt steht auch das Rathaus, ein Bau aus dem 15. Jahrh. Gottesdienstlichen Zwecken dienen eine evangelische und eine kath. Kirche sowie eine Synagoge. M. besitzt ein Denkmal Friedrichs d. Gr. und ein Blumedenkmal. Ein ganz besonderes Interesse gewährt das Schloß M. (s. unten). Die Zahl der Einwohner beträgt (1900) 10,735, darunter 4030 Katholiken und 145 Juden. Die Industrie beschränkt sich auf Maschinen-, Tonwaren- und Wattefabrikation, Müllerei und Ziegelbrennerei, der Handel, unterstützt durch eine Reichsbanknebenstelle, auf Getreide, Holz und Leinwand.[295] M. hat ein Amtsgericht, Gymnasium, Landwirtschaftsschule, Schullehrerseminar und eine Taubstummenanstalt. Zur Stadt gehört die Vorstadt Kalthof, westlich von der Nogat.

Das Schloß M. wurde im 8. Jahrzehnt des 13. Jahrh. durch den Deutschen Ritterorden (vgl. Deutscher Orden, S. 735, und Ostpreußen) gegründet, und 1280 ward der Massivbau begonnen. Die Burg war der Sitz eines Konvents von zwölf Ritterbrüdern und bildete als Bollwerk einen Stützpunkt für die damals wichtigste Straße des Landes, den Wasserweg Thorn-Königsberg auf Weichsel, Nogat und dem Frischen Haff. Politisch war das Schloß der Sitz der Verwaltung für den Komtureibezirk M., der auch das fruchtbare Mündungsgebiet der Weichsel, das große Marienburger Werder, umfaßte. 1309 machte der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen das Schloß zum Ordenshaupthaus, wodurch ein über 50 Jahre dauernder Umbau und zugleich eine Erweiterung des Schlosses nötig wurden. Die zweite Hälfte des 14. Jahrh. bedeutet für das Schloß die Zeit des höchsten Glanzes, denn die Landesregierung hatte hier ihren Sitz und auch der mit fürstlicher Würde bekleidete Hochmeister residierte hier.

Grundriß des Schlosses Marienburg.
Grundriß des Schlosses Marienburg.

1410 wurde die M. mannhaft und erfolgreich durch den Komtur von Schwetz, Heinrich Vogt von Plauen, verteidigt, aber seit Beginn des 13jährigen Krieges mit Polen (1454) belagert und gelangte 1457 in den Besitz des polnischen Königs, dem die Söldner des Ordens das Schloß verkauften. Die Stadt M. ergab sich den Polen erst nach dreijähriger rühmlicher Verteidigung 1460; ihr Bürgermeister Bartholomäus Blume und zwei Ratsherren wurden hingerichtet. Durch den zweiten Thorner Frieden 1466 gelangte Westpreußen dauernd in den Besitz der Krone Polen, und die Könige hielten im Schloß M. bis ins 18. Jahrh. oft Hof. Das Mittelschloß wurde Sitz der Verwaltungs- und Gerichtsbehörden, und die Marienkirche, zunächst königliche Schloßkapelle, ward im 17. Jahrh. den Jesuiten eingeräumt. Die äußern Schicksale des Landes während der mehr als 300jährigen polnischen Herrschaft trafen auch das Schloß, das 1626 und 1656 durch einen äußern Wall und Graben mit bastionären Werken verstärkt wurde und ein für Verteidiger und Angreifer strategisch gleich wichtiger Platz blieb. Während der beiden schwedischen Erbfolgekriege und im Nordischen Kriege fiel die M. jedesmal für mehrere Jahre in schwedischen Besitz. Am 14. Sept. 1772 wurde M. von den Truppen Friedrichs d. Gr. besetzt und wieder mit Preußen vereinigt; im großen Remter des Schlosses huldigten 27. Sept. die westpreußischen Stände der Krone Preußen. Das Schloß blieb nun nur Sitz der örtlichen Verwaltungsbehörden, und die leerstehenden Teile des Hoch- und Mittelschlosses wurden zu einer Kaserne umgebaut. Für monumentale Zwecke kaum noch brauchbar, wurde es dann 1799–1803 zum Proviantmagazin eingerichtet; bei diesem Umbau sind wertvolle Teile abgerissen worden und denen, die noch standen, drohte das gleiche Geschick. Da machte 1803 ein Zeitungsartikel des damals 19jährigen Max von Schenkendorf auf den hohen geschichtlichen und künstlerischen Wert des Schlosses aufmerksam, und schon im nächsten Jahre wurde die Erhaltung des Schlosses von den Behörden verfügt und seine Instandsetzung eingeleitet. Doch erst 1817–31 erfolgte die planmäßige Wiederherstellung durch den Oberpräsidenten von Schön, aber es kam damals nur zu der Wiederherstellung des Hochmeisterpalastes und der Marienkirche durch A. Gersdorff. Erst in jüngster Zeit veranlaßte das allseitig dem Schloß entgegengebrachte Interesse eine durchgreifende und archäologisch getreue Wiederherstellung, die 1882 unter Leitung Steinbrechts begann und noch nicht zum Abschluß gelangt ist.

Die gesamte Anlage (s. den Grundriß) gliedert sich in drei von gemeinsamen Mauern und Gräben umgebene Teile. 1) Das Hochschloß war der Sitz des Konvents und enthält die Schloßkirche St. Marien, die hochmeisterliche Gruftkapelle zu St. Anna, den Kapitelsaal, ferner die Wohn- und Schlafräume der Ordensbrüder, die Küchen- und Wirtschaftsräume des Konvents und die Magazinräume für die Kriegsausrüstung. 2) Das Mittelschloß enthält den Palast des Hochmeisters (s. Tafel »Burgen II«, Fig. 6), in der die drei alten Remter (der große, der Sommer- und der Winterremter) von besonderm Interesse sind; außerdem befanden sich im Mittelschloß die Gastkammern für auswärtige Ordensbrüder und die Infirmerie für die siechen Brüder. 3) In der Vorburg waren die Ställe, Scheunen und Kornspeicher, die Brauerei, sämtliche Werkstätten und Bauhöfe, die jetzt zum größten Teil verschwunden sind; erhalten und auch wiederhergestellt sind nur der Karwan (das Zeughaus für das Belagerungsgerät) und die Lorenzkapelle. Vgl. Frick, Schloß M. in Preußen (Berl. 1799, mit vorzüglichen Kupferätzungen von Gilly dem Jüngern und Frick); Büsching, Das Schloß der Deutschen Ritter zu M. (das. 1823); Voigt, Geschichte Marienburgs, der Stadt und des Haupthauses des Deutschen Ritterordens in Preußen (Königsb. 1824); v. Eichendorff, Die Wiederherstellung des Schlosses der Deutschen Ordensritter zu M. (das. 1844); v. Quast, Beiträge zur Geschichte der Baukunst in Preußen (in den »Neuen preußischen Provinzialblättern«, 11. Bd., das. 1851); Steinbrecht, Schloß[296] M. in Preußen (8. Aufl., Berl. 1905) und Die Wiederherstellung des Marienburger Schlosses (das. 1896); Schwandt, Marienburg (2. Aufl., Danzig 1905).

2) Schloß im preuß. Regbez. Hannover, Kreis Springe, in schöner Lage auf dem Schulenberg, an der Leine und unweit des Bahnhofs Nordstemmen (an der Staatsbahnlinie Hannover-Kassel), wurde von Hase und Oppler im mittelalterlichen Stil erbaut (Eddafries von Wilh. Engelhard) und gehört der verwitweten Königin Marie von Hannover -3) Schloß im preuß. Regbez. Hildesheim, 4 km südöstlich von Hildesheim, nach dem der Kreis M. benannt ist. M. ist Güterhaltestelle an der Staatsbahnlinie Hildesheim-Grauhof. – 4) Ruine eines 1515 aufgehobenen, in eine Burg verwandelten Augustinerklosters auf einem Bergrücken, um den die Mosel eine große Schlinge bildet, bei Zell an der Mosel, einer der schönsten Punkte des Moseltals. In der Ruine befindet sich eine Wallfahrtskirche und ein Gasthaus. Vgl. Clausen, Die M. (Trier 1903). – 5) (magyar. Földvár, spr. földwār) Großgemeinde im ungar. Komitat Kronstadt (Siebenbürgen), an der Mündung des Burzenbaches in die Aluta und der Staatsbahnlinie Klausenburg-Tövis-Kronstadt, mit Ruinen einer 1222 erbauten Felsenfeste der Deutschen Ritter, denen im 13. Jahrh. das Burzenland gehörte, einer Ackerbauschule und (1901) 2527 meist rumänischen und deutschen (griechisch-orientalischen und evang.) Einwohnern. In der Nähe der Badeort Elöpatak (s. d.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 295-297.
Lizenz:
Faksimiles:
295 | 296 | 297
Kategorien:

Buchempfehlung

Angelus Silesius

Cherubinischer Wandersmann

Cherubinischer Wandersmann

Nach dem Vorbild von Abraham von Franckenberg und Daniel Czepko schreibt Angelus Silesius seine berühmten Epigramme, die er unter dem Titel »Cherubinischer Wandersmann« zusammenfasst und 1657 veröffentlicht. Das Unsagbare, den mystischen Weg zu Gott, in Worte zu fassen, ist das Anliegen seiner antithetisch pointierten Alexandriner Dichtung. »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.«

242 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon