Moor [1]

[117] Moor (in Norddeutschland auch Mösse, Moosbruch, Luch, Bruch, in Süddeutschland Moos, Fenn, Venn, Fehn, Filz, Ried, Lohden, Wehr etc.), eine fast ausschließlich aus den Resten abgestorbener Pflanzengenerationen bestehende Bodenbildung. Moore entstehen, wo die Bedingungen für ein üppiges Pflanzenwachstum gegeben sind, und anderseits irgend welche Umstände, z. B. größere, die Pflanzenreste umgebende Wassermengen, den Zutritt des Luftsauerstoffs und damit die Verwesung der Pflanzenmasse ganz oder teilweise verhindern. An die Stelle der Verwesung tritt dann ein eigentümlicher chemisch-biologischer Zersetzungsvorgang, die Vertorfung. Unter mannigfaltigen stofflichen Umwandlungen, die mit zunehmender Dunkelfärbung und dem Verlust der wasserlöslich oder luftförmig gewordenen Bestandteile verbunden sind, erfolgt je nach der Widerstandsfähigkeit der Pflanzenteile langsamer oder schneller eine völlige oder teilweise Zerstörung der pflanzlichen Gewebe. Ihre Folge ist eine erhebliche Verdichtung der pflanzlichen Masse, die damit zugleich die Fähigkeit gewinnt, beim Austrocknen zu einer festen, harten, bisweilen nur noch ein Zehntel des ursprünglichen Volumens einnehmenden Masse zusammenzuschwinden (Kontraktionsvermögen). Die in den verschiedensten Stadien der Rückbildung befindlichen, teils noch geformten, teils ganz amorph gewordenen Rückstände bezeichnet man als Tors. Der Torf bildet die Bodensubstanz der Moore. Als zufällige Bestandteile sind ihm häufig Ton und Sand (von außen durch Wasser oder Wind zugeführt) oder auch, als Erzeugnis chemischer oder biologischer Vorgänge, Kalk und Eisenverbindungen, Diatomeenerde u.a. beigemengt (s. unten). Ihre Beschaffenheit richtet sich im wesentlichen nach der Art der moorbildenden Pflanzen und nach deren Zersetzungszustand, und da diese im engsten Zusammenhang mit den Eigenschaften des Bodens und des ihn durchtränkenden Wassers stehen, so läßt sich sagen. die Beschaffenheit eines Moores richtet sich nach der Beschaffenheit des Untergrundes, auf dem es aufgewachsen ist, und nach der Beschaffenheit der Zuflüsse, welche die moorbildenden Pflanzen von außen her erhalten haben. Hiernach lassen sich die meisten Moorbildungen in zwei große Gruppen ordnen. Die Hochmoore entstanden auf armen, nie von fruchtbarem Wasser getränkten Bodenarten aus den Resten anspruchslosester Pflanzen. Unter ihnen nehmen neben heidekrautartigen Gewächsen (Erica [117] tetralix, Calluna vulgaris, Andromeda poliifolia), Gagel (Myrica Gale), Krähenbeere (Empetrum nigrum), Porst (Ledum palustre), Moosbeere (Vaccinium oxycoccos), Sonnentau (Drosera), Rasensimsen (Scirpus caespitosus), Scheidigem Wollgras (Eriophorum vaginatum), verkümmerten Kiefern und Birken, gewisse Torfmoose (Sphagnum medium, Sphagnum fuscum, recurvum, obtusum, cuspidalum, rubellum, imbricatum u.a.) bei weitem die erste Stelle ein. Die natürliche Vegetation der Hochmoore besteht aus den gleichen Pflanzen, denen sie auch den Namen Heidemoosmoor, botanisch Sphagneto-Eriophoreto-Callunetum, verdanken. Da sie sich auf einem über dem gewöhnlichen Grundwasserspiegel belegenen Boden bildeten, heißen sie auch Überwassermoore oder supraaquatische Moore. In ihren tiefsten, dem mineralischen Untergrund oder andern Torfbildungen (s. unten) auflagernden Schichten, dem früher irrtümlich als Heidetorf bezeichneten und wegen seines hohen Kontraktionsvermögens als Brennmaterial geschätzten ältern Moostorf, pflegen sie der Hauptsache nach aus tiefdunkel gefärbten, stark vertorften und fast amorph gewordenen Torfmoosresten zu bestehen. Über diesen und häufig vom ältern Moostorf durch eine aus Wollgras-, Heide- u. Holzresten entstandene dünne Torfschicht (Grenztorf) getrennt, lagert der aus kaum vertorften, noch sperrigen, in trocknem Zustande sehr leichten und wenig kontraktionsfähigen Sphagnumresten bestehende, hier und da mit Wollgräsern und Heidestengeln durchsetzte, jüngere Moostorf, der nach dem Abschluß des Mooswachstums (infolge von Wassermangel) sich allmählich mit einer dunkel gefärbten Verwitterungs- und Heideerdeschicht bezieht. Niederungsmoore bildeten sich nur auf einem an Pflanzennährstoffen und namentlich an Kalk nicht armen Boden oder unter dem Einfluß eines die genannten Stoffe enthaltenden Wassers. An ihrer Entstehung beteiligten sich weit zahlreichere Pflanzenarten, namentlich auch kalkliebende Gräser, so das gemeine Dachrohr (Phragmites), Riedgräser, Binsen, Rohrkolben, Laubmoose, häufig auch Holzgewächse, wie Erlen, Eichen, Weiden etc. Ihre natürliche Vegetation bilden insbes. Gräser (Gramineen und Carex-Arten) und Hypnum-Moose. Daher die Bezeichnung Wiesen- oder Grünlandsmoor, botanisch Gramineto-Cariceto-Hypnetum, oder, falls sich an der Moorbildung überwiegend die Reste von Holzarten beteiligt hatten: Holzmoor oder Arboretum. Die Niederungsmoore entstanden allermeist in geschlossenen Wasserbecken oder im Überschwemmungsgebiet natürlicher Wasserläufe (daher Unterwasser- oder infraaquatische Moore). Durch überflutende Wasser sind die Niederungsmoore während ihrer Bildung nicht selten von Sand und Tonschichten durchsetzt worden. Die Anwesenheit von sehr kalkreichem Wasser hatte den Absatz von Schichten kohlensauren Kalkes (Wiesenmergel, Alm) zwischen dem mineralischen Untergrund und dem M. oder auch zwischen den einzelnen Moorschichten zur Folge, eisenhaltiges Quellwasser führte Ablagerungen von Eisenocker, Eisenkarbonat, Raseneisenstein und Eisenphosphat (Vivianit) im Untergrund und im M. selbst herbei. Auch Überbleibsel tierischen Lebens, Exkremente, Chitinpanzer und andre Reste von Wassertieren sowie Ablagerungen von Kieselgur finden sich in den Niederungsmooren weit häufiger als im Hochmoor. In kalkreichen Seebecken mit flachem Wasserstand gingen häufig Niederungsmoore aus dem üppigen Wachstum des gemeinen Dachrohrs hervor, dessen abgestorbene und vertorfende Reste schließlich das ganze Becken mit Röhrtorf (Dargmoor, Phragmitesmoor) ausfüllten. Bei tiefem Wasserstand konnte die Moorbildung in der Weise vor sich gehen, daß vom Ufer aus Rohr, Binsen, Riedgräser, Laubmoose in die Wasserfläche hineinwuchsen und im Verein mit schwimmenden Wasserpflanzen den See mit einer immer stärker werdenden Moordecke bezogen (schwimmende Moore). Überwehung oder Überschwemmung mit Sand, Ton und andern Bodenarten von außen her sowie die fortschreitende Vertorfung der moorbildenden Pflanzen konnte das Gewicht der pflanzlichen Schicht derartig vermehren, daß sie untersank und neuer Moorbildung Platz machte, so daß allmählich selbst sehr tiefe Wasserbecken mit M. ganz ausgefüllt wurden. Änderten sich während des Aufwachsens eines Moores die ursprünglichen Wachstumsbedingungen, wurde z. B. ein aufwachsendes Hochmoor infolge irgend eines Naturereignisses mit kalkreichem Wasser überflutet, oder erhob sich die Oberfläche eines aufwachsenden Niederungsmoores so hoch über den mineralischen Boden, daß sie dessen und des seitlich zuströmenden Wassers Einfluß entrückt wurde, so änderte sich mit der Art der moorbildenden Pflanzen auch die Art des Moores, im erstern, seltener vorkommenden Fall ging das Heidemoosmoor in ein Wiesenmoor, im letztern das Wiesenmoor in ein Heidemoosmoor über. So lagern zahlreiche Hochmoore Schleswig-Holsteins sowie des südlichen Deutschland, Österreichs und der Schweiz auf Niederungsmoor; auch unter den im Mündungsgebiet der nordwestdeutschen Flüsse belegenen großen Hochmooren (Marschmoore) findet sich vielfach ein aus den Resten üppiger Rohrfelder entstandenes Dargmoor (s. oben). Unter Wachstumsbedingungen, bei denen Hochmoor und Niederungsmoor bildende Pflanzen um den Vorrang streiten konnten, ohne daß die eine oder andre Art zum Unterliegen kam, bildeten sich die Übergangsmoore, die nach Zusammensetzung und sonstigen Eigenschaften bald den Hochmooren, bald den Niederungsmooren näherstehen. Moore entstanden nicht nur in der Ebene, sondern auch auf Bergen, auf denen Gelegenheit zu Wasseransammlungen gegeben war. Auch diese Gebirgsmoore haben, je nach der Beschaffenheit ihres Untergrundes, bald Hochmoor-, bald Niederungsmoorcharakter. Auf den Gipfeln und an den Abhängen der Kalkalpen bildeten sich graswüchsige Wiesenmoore, auf den Granitkuppen des Harzes, Schwarzwaldes, Fichtelgebirges und Riesengebirges nicht selten mächtige Hochmoore, die für die Erhaltung der Gebirgswälder nicht ohne Bedeutung sind.

Die kulturellen Eigenschaften der Moorböden stehen zu ihrer Entstehung in engster Beziehung. Von den gewöhnlichen Bodenarten unterscheiden sie sich namentlich durch das Vorwiegen der organischen, verbrennlichen Bestandteile, durch ihr demzufolge sehr geringes Volumgewicht und den ihrem hohen Wasseraufsaugungsvermögen (Kapillarität und Quellungsfähigkeit) entsprechenden großen Wassergehalt. Sie sind im Naturzustande den nassen und kalten Böden zuzurechnen, schwer durchlässig, daher auch schwer durchlüftbar und zu ungünstigen Zersetzungsprozessen unter Entstehung pflanzenschädlicher Stoffe (Schwefelwasserstoff, Sumpfgas, Schwefeleisen etc.) geneigt. Mit Wasser vollgesaugt, unterliegen sie im Winter sehr leicht dem Auffrieren, im Frühjahr den Spätfrösten. Beim Austrocknen erleiden sie eine starke Raumverminderung (s. oben). Eine regelrechte Entwässerung[118] beeinflußt ihre kulturellen Eigenschaften so günstig, daß man sie bei verständiger Behandlung den dankbarsten Bodenarten zurechnen darf. Namentlich sichert ihnen ihr hohes Wasseraufsaugungsvermögen in trocknen Zeiten den Vorzug vor Mineralboden. Übermäßige Wasserentziehung beeinträchtigt ihre Wasseraufnahmefähigkeit in hohem Grade. Ein stark entwässertes, von seiner natürlichen Pflanzendecke entblößtes M. kann an der Oberfläche zu einer staubigen Masse austrocknen, die nicht mehr vom Wasser benetzt und wie Dünensand vom Winde fortbewegt wird (Moorwehen, Mullwehen). Der Gehalt der Moore an Pflanzennährstoffen richtet sich nach den Pflanzen, aus denen sie entstanden sind, und nach den Umständen, die bei ihrer Entstehung sonst mitgewirkt haben (s. oben). Dementsprechend sind die Hochmoore weit ärmer, und zwar namentlich an Kalk und Stickstoff, als die Niederungsmoore. Im großen Durchschnitt sind in 100 Teilen trockner Moorsubstanz an wichtigern Stoffen enthalten:

Tabelle

Im natürlichen Zustand kommen auf 1 Hektar Bodenfläche bis zur Tiefe von 20 cm in Kilogramm:

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Geht der verschiedene Kulturwert der beiden Moorarten schon aus diesen Zahlen deutlich hervor, so beanspruchen die Niederungsmoore auch deswegen einen erheblichen Vorzug vor den Hochmooren, weil ihre moorbildenden kalkreichen Pflanzenreste schon unter dem Einfluß des Luftsauerstoffs sich leicht in einen milden Humus umwandeln, dessen Nährstoffe den Kulturgewächsen weit zugänglicher sind als die des schwerer zersetzlichen Hochmoortorfs. Eine Bedeckung oder Vermischung der obern Moorschicht mit mineralischen Bodenarten (Sand, Lehm) macht den von Natur weichen und losen Moorboden fester und zugänglicher für die landwirtschaftliche Bearbeitung, schützt ihn gegen Feuersgefahr und verbessert seine Wasser- und Temperaturverhältnisse. Ein an der Oberfläche mit Sand gemischter, und mehr noch ein mit Sand bedeckter Moorboden verliert weit weniger Wasser durch Verdunstung als das nackte M., darf also und muß stärker entwässert werden als das letztere. Infolge der herabgesetzten Verdunstung und der geringern Wasserkapazität der obern Schichten ist die Durchschnitts temperatur des besandeten Moores höher als die des nackten. Als durchschnittliche Jahrestemperatur, bei 11 cm Tiefe, wurden von der Moorversuchsstation gefunden

Tabelle

Auf diesen günstigen Wirkungen der Besandung beruhen im wesentlichen die Vorteile der holländischen Veenkultur und der Rimpauschen Moordammkultur (s. unten).

Der Gesamtumfang der in Deutschland vorhandenen Moore darf nach ungefährer Schätzung zu 16,500 qkm (300 QM.) angenommen werden. Besonders reich an ausgedehnten Hochmooren ist der Nordwesten uno der Nordosten. Die Niederungsmoore bilden meist kleinere Komplexe als die Hochmoore. Nach einer (nur annähernden) Statistik besteht der Boden des Königreichs Preußen zu 5,2 Proz. aus Moorboden (etwa 260 QM.). Davon entfallen allein auf die Provinzen Hannover und Schleswig-Holstein etwa 130 und auf Ostpreußen etwa 50 QM. (in allen drei Provinzen zum größern Teile Hochmoor). Oldenburg enthält 17,2 QM. (18,6 Proz. der Bodenfläche) überwiegend Hochmoor. Zahlreiche Niederungsmoore finden sich namentlich in den preußischen Provinzen Pommern, Brandenburg, Posen, Sachsen sowie in Mecklenburg. Weit geringer ist die Anzahl der Moore in Mittel- und Süddeutschland. Bayern enthält etwa 11,8 QM. Von außerdeutschen Ländern besitzen Holland (in seinen östlichen Provinzen), Irland, Dänemark (in Jütland), Schweden und Norwegen, Finnland, die russischen Ostseeprovinzen, Böhmen, Galizien, die Schweiz eine große Anzahl von Hoch-, Niederungs- und Übergangsmooren. Vgl. Moorkolonien; v. Fischer-Benzon, Die Moore der Provinz Schleswig-Holstein (Hamb. 1891); M. Fleischer, Mitteilungen über die Arbeiten der Moorversuchsstation (hrsg. von Tacke, bisher 4 Berichte); Protokolle der Zentral-Moorkommission und »Mitteilungen des Vereins zur Förderung der Moorkultur« (Berl., seit 1883); Früh, Über Torf und Dopplerit (Zürich 1883); Griesebach, Bildung des Torfs in den Emsmooren (Götting. 1846); Jentzsch, Die Moore der Provinz Ostpreußen (Königsb. 1878); F. Senft, Die Humus-, Marsch-, Torf- und Limonitbildungen (Leipz. 1862); C. A. Weber, Vegetation und Entstehung des Moores von Augstumal (in den Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen).

[Moorkultur.] Eins der ältesten Verfahren, das Hochmoor landwirtschaftlich zu nutzen, ist höchst wahrscheinlich die Moorbrennkultur, Brandkultur, die im Anfang des 18. Jahrh. von Holland aus in den ostfriesischen Hochmooren sich Eingang verschaffte. Hierbei wird die Narbe des oberflächlich entwässerten Moores umgehackt und, nachdem im Frühjahr die Moorschollen abgetrocknet sind, Feuer angelegt, das, vom Winde getrieben, sich über die Moorfläche ausbreitet und einen Teil der Moorsubstanz in Asche legt. In diese wird meist Buchweizen, seltener Hafer, eingesät und das Verfahren so oft (6–8 Jahre) wiederholt, bis der Acker »totgebrannt« ist und ohne Düngung keine Frucht mehr hervorbringt. Erst nach 30–40 Jahren, wenn sich über dem Moostorf die durch das Brennen zerstörte Heideerde- und Verwitterungsschicht von neuem gebildet hat, ist der Boden wieder brennfähig. Ein maßvolles Brennen, das die Nährstoffe des Bodens ausschließt und sie den Kulturgewächsen zugänglich macht, ist als Einleitung zu einer rationellen Dungkultur auf vielen Hochmooren nicht zu verwerfen. Als ausschließliche Kultur betrieben, wird das Brennen zu einem Raubsystem, das namentlich für die ostfriesischen Hochmoorkolonien verhängnisvoll geworden ist. Eine weit sicherere Grundlage für die landwirtschaftliche Nutzung des Hochmoores stellt die in den Veenkolonien der holländischen Provinz Groningen ausgebildete holländische Veenkultur (Veen = Moor) dar. Das ursprüngliche Verfahren setzt ein Austorfen des Hochmoores bis auf den Untergrund fand voraus. Nachdem der ältere Moostorf (s. oben) vollständig abgestochen, wird der vorher abgeräumte (abgebunkte) jüngere Moostorf auf den sandigen Untergrund zurückgeworfen, sorgfältig planiert, mit[119] einer 5–12 cm starken, aus den Entwässerungsgräben oder von sandigen Erhebungen entnommenen Sandschicht bedeckt und eine starke Düngerschicht (mit Vorliebe die in den holländischen Städten sorgfältig gesammelten und zu Kompost verarbeiteten städtischen Auswurfsstoffe) übergebreitet und durch wiederholtes Eggen und Pflügen M., Sand und Dünger innig vermischt. Die hohen Kosten der Urbarmachung machen sich durch den Torfverkauf meist reichlich bezahlt. In neuerer Zeit werden in Nachahmung des deutschen Vorganges auch in Holland erhebliche Mengen Kunstdünger (Kalisalze, Phosphate, Chilisalpeter) auf den Veenkulturen verwendet. Bei reichlicher Düngung werden auf den Veenäckern sehr hohe Erträge an Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Bohnen, Erbsen, Raps, Klee, Kartoffeln und Rüben erzielt. Das Verfahren ist durch die Hollandgänger auch in diejenigen deutschen Hochmoore eingeführt worden, bei denen die Gelegenheit zu reichlichem Torfabsatz vorhanden war. Es läßt sich auch auf nicht ausgetorftem Hochmoor ausführen, falls Sand in der Nähe zu haben ist.

Hochmoorkultur ohne Sand. In denjenigen nordwestdeutschen Hochmooren (im jetzigen Regbez. Osnabrück, Stade, Lüneburg, Aurich), in denen die Vorbedingungen für das »Verveenen« des Moores, die Möglichkeit der Abtorfung größerer Moorflächen bis auf den Untergrund oder der Gewinnung von Höhensand fehlten, hat man schon vor langer Zeit den unausgetorften (vorher meist durch Brennkultur genutzten) Hochmoorboden in Stalldungkultur genommen. Bei dem großen Mangel an Dünger und an Naturwiesen, woran unsre Hochmoorgegenden im Gegensatz zu den holländischen kranken, blieb die Ausdehnung der Ackerflächen überall gering, auch mußte man sich auf den Anbau möglichst anspruchsloser Früchte (Roggen u. Kartoffeln) beschränken. Erst durch die Versuchstätigkeit der Moorversuchsstation (s. Moorkolonien, S. 124) wurde die Möglichkeit geschaffen, die Hochmoorkultur beliebig zu erweitern und viel intensiver zu gestalten. Ihr gelang der Nachweis, daß die sogen. künstlichen Dungmittel: Kalisalze, Phosphate, Chilisalpeter, Ammoniaksalze in Verbindung mit kalkreichen Stoffen, wie gebrannter Kalk, Mergel, der an den Mündungen der nordwestdeutschen Ströme und in deren Häfen in großen Massen ausgebaggerte Seeschlick, nicht nur auf altem Hochmoorkulturboden, sondern auch auf neu urbar gemachtem, besandetem oder nicht besandetem Hochmoor gleiche und höhere Erträge an den wichtigsten Feldfrüchten liefern als der früher ausschließlich benutzte Stalldung, daß die zielbewußte Verwendung dieser Hilfsmittel es ermöglicht, mit dem in den alten Hochmoorkolonien üblichen ewigen Roggenbau und seinen unliebsamen Folgen zu brechen, an seiner Stelle einen rationellen Wechsel zwischen Getreide, Knollenfrüchten und Leguminosen zu setzen und dadurch gleichzeitig eine erhebliche Ersparnis an Düngerstickstoff herbeizuführen. Auf dem nach den Methoden der Moorversuchsstation behandelten abgetorften und nicht abgetorften Hochmoorboden läßt sich endlich ein höchst ergiebiger Klee-Grasbau treiben, der namentlich durch die auf Grund der Hellriegelschen Untersuchungen von A. Salfeld in die Praxis der Hochmoorkultur eingeführte Bodenimpfung (mit geringen Mengen von kleewüchsigen Bodenarten) noch sehr an Sicherheit gewonnen hat. Bei der Kultur des unbesandeten Hochmoors wird der Grundwasserstand auf 40–60 cm unter die Oberfläche gesenkt. Die Breite der zwischen zwei Gräben liegenden Beete beträgt 8–15 m. An Dünger werden für das Hektar gegeben: 40–80 Ztr. gebrannter Kalk oder eine entsprechende Menge Mergel, 100–200 kg Kali, 75–150 kg Phosphorsäure; zu Körner- und Hackfrüchten außerdem 15–60 kg Stickstoff.

Die Niederungsmoore werden entsprechend ihrer natürlichen Vegetation zum weitaus größten Teil als Wiesen und Weiden genutzt. Durch zweckmäßige Entwässerung, Düngung mit Kompost, kräftiges Eggen und Neuansaat ihren von Natur meist minderwertigen Pflanzenwuchs in hochwertige Futterbestände umzuwandeln, hat vornehmlich der Landrat v. Saint-Paul auf Jäcknitz in Westpreußen in der Mitte des 19. Jahrh. gelehrt; während die Moorversuchsstation zuerst nachwies, daß dabei der Kompost mit großem Vorteil durch Kalisalze und Phosphat, auf phosphorsäurereichen Mooren allein durch Kalisalz (Kainit, Carnallit, konzentriertes Kalisalz) ersetzt werden kann. Zweckmäßige Düngung für das Hektar: 16 Ztr. Kainit und 4–8 Ztr. Thomasphosphat. Die Entwässerung wird durch offene Gräben oder in neuerer Zeit mit Vorliebe durch Drainage (Röhren-, Strauch-, Latten-, Torfdrains) hergestellt. Behufs des Anbaues von Ackerfrüchten sind auch die Niederungsmoore früher mehrfach gebrannt worden, mit auffällig gutem augenblicklichen Erfolg, aber zum Nachteil für die dauernde Ertragsfähigkeit. Auch die Behandlung des Niederungsmoors mit Stalldünger zeitigt bei genügender Entwässerung und bei günstigen Witterungsverhältnissen nicht selten erhebliche Erträge an Wurzelgewächsen und andern Sommerfrüchten, bringt aber meist nur leichtes Korn. Stets bleibt hierbei das Niederungsmoor ein höchst unsicherer Boden, auf dem Winterfrüchte wegen des Auffrierens nicht immer gedeihen, die Sommerung sehr häufig durch Spätfröste zerstört wird, das Unkraut üppig wuchert, der zu nassen Zeiten vom Zugvieh kaum betreten werden kann und in trocknen Jahren leicht an Dürre leidet.

Alle diese Nachteile werden auf das Glücklichste bekämpft durch die von H. Rimpau (1822–88) auf seinem Gute Cunrau im Drömlingsmoor in der Altmark seit 1862 erprobte Moordammkultur (Sanddeckkultur). Sie besteht in der Bedeckung des vorher durch offene Gräben in 25–50 m breite Beete (Dämme) gelegten und hierdurch oder auch durch Drainage bis auf mindestens 100 cm, lieber noch tiefer entwässerten Moores mit einer 10–12 cm starken Schicht mineralischer Bodenarten (Sand, Lehm). Nur die letztere wird beackert. Das Bedeckungsmaterial wird entweder nach Rimpaus Vorgang, wenn der Moorstand flach und der Untergrund frei von pflanzenschädlichen Stoffen ist, aus den zu diesem Zweck entsprechend breit angelegten Dammgräben oder aus der Umgebung des Moores entnommen. Als geeignete Bodenarten für die Herstellung der Kulturen werden die mittel- bis grobkörnigen Sande angesehen, ein Gehalt an kohlensaurem Kalk ist erwünscht, ein größerer Tongehalt nur dann, wenn die Moordämme als Wiese benutzt werden sollen. In letzterm Falle darf die Stärke der Sanddecke sowie auch die Grabentiefe herabgemindert werden. Ängstlich zu meiden sind Untergrundsande, die Schwefeleisen enthalten. Letzteres geht an der Luft in Schwefelsäure und Eisenvitriol über, die alle Vegetation für längere Zeit völlig vernichten können. Gedüngt werden die Moordämme ausschließlich mit Kalisalz (z. B. 12–24 Ztr. Kainit auf das Hektar) und Phosphat (z. B. 4–8 Ztr[120] Thomasphosphat auf das Hektar). Bei gewissen Früchten, z. B. bei Zuckerrüben, scheint sich auch eine schwache Zugabe von Chilisalpeter zu empfehlen. Auf Moordammkulturen sind bisher mit gutem Erfolg gebaut worden: Winter- und Sommergetreide, Raps, Erbsen, Bohnen, Klee, Kartoffeln, Futter- und Zuckerrüben, Mais, Mohn etc. Die Kosten der Moordammanlagen schwanken in sehr weiten Grenzen (400–1000 Mk. für das Hektar). Die Bewirtschaftungskosten dürften sich im großen Durchschnitt etwa auf 230 Mk. für das Hektar stellen. Im ganzen wurden 1890 (jedenfalls zu niedrig): 16,395 Hektar Moordammkultur in Deutschland gezählt. Vgl. Literatur bei Artikel »Moorkolonien«.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 14. Leipzig 1908, S. 117-121.
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