Wunde

[766] Wunde (Vulnus), jede mechanische Trennung or ganischer Teile. Man unterscheidet nach der Art der verletzenden Gewalt Schnitt-, Hieb-, Stich-, gequetschte, gerissene Wunden, Schuß- und Bißwunden. Am gefährlichsten sind Wunden, die in die großen Körperhöhlen (Kopf-, Brust- und Bauchhöhle) dringen und gleichzeitig in diesen die lebenswichtigsten Organe in Mitleidenschaft ziehen, ferner solche, welche die großen Blutgefäße oder Nerven treffen und durch Blutverlust oder Lähmungen tödlich wirken, sowie endlich auch die oft durch langwierige Eiterung erschöpfenden Splitterwunden der Knochen. Die Ausdehnung einer W. ist nicht maßgebend für die Beurteilung ihrer Gefährlichkeit, z. B. ist eine ausgedehnte flache Hautwunde relativ ungefährlich gegenüber einer kleinen Stichwunde, die möglicherweise weit in die Tiefe reicht. Die Merkmale einer W. sind in allen Fällen: Schmerzen, Blutung und Klassen der Wundränder. Die Schmerzen entstehen durch die Durchtrennung der sensibeln Nerven und sind um so größer, je mehr die W. und damit auch die Nerven gequetscht und gerissen sind (Quetschwunden), während sie bei glatten Schnittwunden viel geringer sind. Bei hochgradiger psychischer Erregung, z. B. in der Schlacht, auf der Mensur, in einer Schlägerei, werden oft die Schmerzen beim Empfang der W. gar nicht gespürt. Heftigen Wundschmerz mildert man durch Morphiumeinspritzung. Vgl. auch Blutung. Das Klassen der Wundränder beseitigt man bei kleinen Wunden durch Kollodium, Englisches oder Heftpflaster. Bei größern Wunden vereinigt man die Ränder durch die Naht (Seide), jedoch nur dann, wenn die W. als nicht verunreinigt gelten kann und daher ungestörte Heilung ohne stärkere Eiterung erhofft werden darf. In diesem Fall heilt die W. per primam reunionem (p. p. intentionem), indem die Ränder miteinander verkleben, nur wenig helles Sekret (Lymphe) absondern und so schnell fest verheilen, daß schon nach wenigen Togen die Nähte entfernt werden können. Die vernarbte W. sieht anfänglich rot aus, was von der reichlichen Bildung feinster Blutgefäße in derselben herrührt, später aber veröden die letztern, und die Narbe erhält ein derbes, weißes Aussehen. Mißlingt diese ungestörte Heilung, oder muß von vornherein bei sehr großen Wunden, bei Quetschung der Wundränder oder bedeutender Verunreinigung von der Naht abgesehen werden, so tritt die Heilung per secundam reunionem ein, indem in der W. Granulationen unter bald sparsamerer, bald reichlicherer Eiterbildung sich bilden, die aus der Tiefe hervorwachsen und allmählich die W. ausfüllen, während sich gleichzeitig von den Seiten her eine Überhäutung mit frisch gebildeter Epidermis über die W. ausbreitet. Das Allgemeinbefinden bleibt dabei in der Regel ungestört.

Der normale Heilungsverlauf setzt voraus, daß von der W. alle Schädlichkeiten, insbes. die Infektion durch eitererregende Mikrobien (durch Asepsis, s. d.), ferngehalten werden. Geschieht dies nicht, so infiziert sich jede W. mit den überaus weitverbreiteten eitererregenden Kokken (Strepto- und Staphylokokken); sie sondern ein (septisches) Produkt ab, dessen Aufsaugung und Übernahme in den Körper Fieber, unter Umständen die Symptome der Blutvergiftung hervorbringt. Zunächst wirken diese septischen oder Fäulnisstoffe örtlich entzündungserregend, es bildet sich eine Schwellung, Odem, in höherm Grad Eiterinfiltration aus, die zu weitgehender Einschmelzung der Gewebe führen kann. Ferner gelangen die eitererregenden Bakterien und ihre Produkte (Toxine) durch den Lymph- und Blutstrom in den Körper, und es erfolgt die Allgemeininfektion (Wundfieber, Faulfieber, septisches Fieber, Blutvergiftung, s. Pyämie). In andern Fällen ist die Infektion eine zwar mit allgemeinem Fieber verbundene, aber an sich doch mehr örtliche, und es entsteht die Rose (s. d.), die Phlegmone (s. d.) etc. Um dem Eintreten dieser Wundinfektionskrankheiten vorzubeugen, um den Wundverlauf aseptisch zu gestalten, wendet man eine ausgedehnte Reinigung und Desinfektion besonders da an, wo man die W. selbst erst schafft, d. h. beim Operieren, und wo man bei dem heutigen Stande der Wissenschaft ganz und gar diese Verhältnisse zu beherrschen vermag. Nachdem zuvor der Operateur selbst und seine Gehilfen sich durch Waschen der Hände, Ausbürsten der Nägel gereinigt haben, wird das Operationsfeld abgeseift, rasiert, mit Alkohol und dann mit Sublimatlösung abgespült. Zum Desinfizieren gebraucht man Lösungen antiseptischer (fäulniswidriger) Mittel, wie Karbolsäure, Sublimat, Salizylsäure, Borsäure etc. Damit die W. nur von ganz reinen Instrumenten und Verbandstoffen berührt wird, kocht man die Instrumente unmittelbar vor dem Gebrauch in kochendem Wasser aus, oder man sterilisiert dieselben wie auch die anzuwendenden Verbandstoffe (s. d.) in strömendem Dampf. Unter diesen Maßregeln können die meisten bei Operationen geschaffenen Wunden als aseptisch behandelt werden. Bereits infizierte Wunden sicher zu reinigen, etwa durch Bespülung mit antiseptischen Flüssigkeiten, ist unmöglich. Manchmal gelingt es, frische verunreinigte Wunden in reine zu verwandeln, indem man Grund und Ränder ausschneidet, also eine größere, aber günstigere Wunde schafft. Auch infizierte Wunden können aber, wenn die Mikroorganismen nicht zu zahlreich oder zu bösartig sind, vermöge der bakterientötenden Fähigkeit der Körperzellen und des Wundsekrets ohne schwerere Infektionserscheinungen heilen, wenn sie zweckmäßig behandelt werden. Die W. wird mit trockenen aseptischen Tupfern möglichst gereinigt, zur Ableitung des Sekrets werden Drains (durchlöcherte Röhrchen, meist aus Kautschuk) namentlich[766] in die tiefern Buchten der W. eingelegt und die W. mit dicken Lagen aseptischen, alle Flüssigkeit aufsaugenden Verbandmulls bedeckt, über den Watte zu liegen kommt; der Verband wird durch Bindenwickelungen festgehalten. Größere Wundhöhlen werden mit Gaze (Jodoformgaze) locker ausgestopft (tamponiert), um Sekretstockung vermittelst der Saugkraft der Gaze hintanzuhalten. Sie dürfen, auch wenn sie aseptisch, nicht zugenäht werden. Feuchte Verbände (Mullkompressen mit schwacher Lösung von essigsaurer Tonerde getränkt) können vorteilhaft sein, wo sehr zäher Eiker von Wunden abgesondert wird. Solche Wunden können auch mittels schwacher Kochsalzlösungen öfter ausgespült werden. Bei aseptischen Wunden, die viel weniger ab sondern, können Verbände viel länger (8–10 Tage und länger) liegen bleiben (Dauerverband). Der Verband dient teils zur völligen Fernhaltung der außerhalb befindlichen Keime, teils zur Aufsaugung der Wundflüssigkeit, die im Verband langsam eintrocknet. Solche Verbände sind namentlich für Feldzugszwecke sehr praktisch, indem sie längere Reisen und Abführung der Verwundeten nach der Heimat ermöglichen. Die durch die modernen Gewehre erzeugten Wunden können vielfach als aseptisch behandelt werden und werden daher möglichst ohne weitere Maßnahmen als Reinigung der Umgebung mit Dauerverbänden bedeckt. Bei sehr staubfreier trockener Luft, wie namentlich im Hochgebirge, können oberflächliche Wunden auch ohne jeden Verband behandelt werden, wobei die Licht- und Luftwirkung der Ansiedelung von Mikroben geradezu schädlich und daher für die Heilung sehr förderlich ist. Oft bestäubt man oberflächliche Wunden mit stark desinfizierenden, aber nicht chemisch reizenden Pulvern, wie Airol, Jodol, Jodoform etc., die eine Beschränkung der Absonderung herbeiführen. Ähnlich wirkt bei schlecht heilenden Wunden (Unterschenkelgeschwüren) die Bedeckung mit gepulvertem weißen Ton (Bolus alba). Der Hauptpunkt in der ganzen modernen Wundbehandlung ist also peinlichste Sauberkeit der W., des Operateurs, des Operationsraumes, des zu Operierenden und des ganzen Operationsmaterials. Auch schon infizierte Wunden sollen nur mit aseptischen Instrumenten und Verbandstoffen in Berührung kommen, da keine neuen Keime in die W. gebracht werden dürfen.

Die Allgemeinbehandlung eines Verwundeten besteht in Darreichung kräftiger, leichtverdaulicher Diät, Milch, Eiern, Bouillon, Wein etc. Ein ganz geringes, bedeutungsloses (sogen. aseptisches) Fieber tritt zuweilen in den ersten Tagen auch bei normalem Wundverlauf auf und rührt von einer Aufsaugung des normalen Wundsekrets in das Blut her. Außer den obengenannten Eiterkokken können in eine W. auch die Bazillen des Starrkrampfes, des Rotzes, des Milzbrandes, der Tuberkulose sowie das Gift der Syphilis, der Hundswut, unter Umständen auch Leichengift eindringen und die jeweilig entsprechenden Krankheitssymptome hervorrufen (s. Starrkrampf). Das Prinzip der modernen Wundbehandlung ist wesentlich von o. Bergmann in Berlin und Schimmelbusch begründet worden. Vgl. Thiersch, Klinische Ergebnisse der Listerschen Wundbehandlung (Leipz. 1875); Volkmann, über den antiseptischen Okklusivverband (das. 1876); Bardeleben, Über die Theorie der Wunden etc. (Berl. 1878); Billroth, Die Verletzungen der Weichteile (im »Handbuch der Chirurgie« von Pitha und Billroth, Stuttg. 1878); Billroth und Winiwarter, Allgemeine chirurgische Pathologie und Therapie (16. Aufl., Berl. 1906); Nußbaum, Leitfaden zur antiseptischen Wundbehandlung (5. Aufl., Stuttg. 1887); Neuber, Anleitung zur Technik der antiseptischen Wundbehandlung (Kiel 1883); Schimmmelbusch, Anleitung zur aseptischen Wundbehandlung (2. Aufl., Berl. 1893); Jaffé, Prinzipien und Technik der heutigen Wundbehandlung (Leipz. 1894); Schleich, Neue Methoden der Wundheilung (2. Aufl., Berl. 1900); Marchand, Der Prozeß der Wundheilung (in der »Deutschen Chirurgie«, Stuttg. 1901); Graser, Über die Grundlagen, Hilfsmittel und Erfolge der modernen Wundbehandlung (Leipz. 1901).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 766-767.
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