Augenheilkunde

[106] Augenheilkunde (Ophthalmiatrik, Ophthalmologie, griech.), die Lehre von den Krankheiten des Auges und seiner Nebenorgane. Schon bei Ägyptern, Indern, Griechen und Römern gab es Ärzte, die sich mehr oder weniger ausschließlich mit Augenkrankheiten befaßten, vorzugsweise aber nur die äußerlich sichtbaren Entzündungen und die Verletzungen des Auges behandelten. Hippokrates, Celsus und Galen hatten eingehende Kenntnis von den Augenkrankheiten und ihrer Behandlung, und Aetius und Paul von Ägina haben die Augenkrankheiten vortrefflich abgehandelt. Unker den arabischen Ärzten sind Avicenna, Avenzoar und Abulkasem als Augenärzte ausgezeichnet. Nach dem Verfall der arabischen Medizin geriet die A. in die Hände unwissender Routiniers, die Ärzte betrachteten die A. als ein ihrer unwürdiges Studium. Das Unwesen der Starstecherkunst herrschte während des 16.–17. Jahrh. fast durch ganz Europa. Erst im 18. Jahrh. begann man wieder Aufmerksamkeit auf die A. zu verwenden; Maître-Jean in Frankreich war einer der ersten, die manchen glücklichen Kunstgriff in der Kur der Augenkrankheiten ausübten. Eine systematische Ordnung, Beschreibung und rationellere Abhandlung der Augenkrankheiten lieferte Boerhave. In Frankreich machte die A. erfreulichere Fortschritte, erhielt aber bald eine zu mechanische Tendenz, und man beschäftigte sich vorzüglich mit Augenoperationen. In Deutschland blieb die A. lange zurück; Bartisch, Schurig, Widemann waren mehr Augenoperateure als Augenärzte. Barth in Wien, der Lehrer Beers, Ad. Schmidts, Lefébures u. a., und Richter in Göttingen gaben die erste Anregung zur Hebung der A.; der letztere gab die A. wieder der Medizin und den Ärzten zurück. Richters Beispiel folgten Conradi, Kortum, Arnemann u. a.; ganz vorzüglich aber wirkten J. A. Schmidt, Himly und Beer erfolgreich zum Aufblühen der A. in Deutschland. In Göttingen wurde unter Richters Leitung eine Augenklinik errichtet, die das Vorbild für ähnliche Anstalten an fast allen Universitäten Deutschlands wurde. Die erste ausschließlich für A. bestimmte Klinik entstand durch Beers Bemühungen in Wien. Später erhielt Wien eine zweite Augenklinik unter Leitung Friedrich Jägers, der sich[106] unter anderm besonders Verdienste durch Verbesserung der Staroperation erwarb. Staunenswerte Fortschritte brachten der A. in den letzten Jahrzehnten die Physiologen. Helmholtz erfand 1851 den Augenspiegel und gab damit das Mittel, die krankhaften Veränderungen der tiefern Augengebilde (der brechenden Medien und der Netzhaut) genau zu erkennen. Mit der Ausbildung des physiologischen Teiles der A., an der namentlich noch Donders in Utrecht den rühmlichsten und fruchtbarsten Anteil genommen hat, ist auch die Forschung auf dem Gebiete der mikroskopischen und pathologischen Anatomie des Auges wesentlich gefördert worden. Nicht geringere Fortschritte hat der eigentlich kurative, zumal der operative Teil der A. gemacht. Die Technik der Augenoperation hat hohe Vollendung erreicht, zahlreiche neue Operationsweisen und mehrere neue wertvolle Arzneimittel sind in die Praxis der A. eingeführt worden. Der hervorragendste Repräsentant der A. in allen ihren Richtungen war Albrecht v. Gräfe in Berlin (gest. 1870). Ferner sind zu nennen: Stellwag von Carion und Arlt in Wien, Coccius in Leipzig, Leber in Heidelberg, Mooren in Düsseldorf, Gräfe in Halle, Pagenstecher in Wiesbaden, Bowman und Liebreich in London, Knapp in New York u. a. Vgl. die Lehrbücher von Ruete (2. Aufl., Braunschw. 1854–55, 2 Bde.), Arlt (5. Aufl., Prag 1861–63, 3 Bde.), Seitz (fortgesetzt von Zehender, Erlang. 1855–69), Stellwag von Carion (5. Aufl., Wien 1882), Wecker u. LandoltTraité complet d'ophthalmologie«, Par. 1880–1889, 4 Bde.), Schweigger (6. Aufl., Berl. 1893), v. Michel (3. Aufl., Wiesbad. 1900), Fuchs (9. Aufl., Wien 1902), Schmidt-Rimpler (7. Aufl., Berl. 1901), Gräfe und Sämisch (Leipz. 1874–80, 7 Bde.; 2. Aufl. 1898 ff.); Hirschberg, Einführung in die A. (das. 1892 ff.); Derselbe, Geschichte der A. (im Handbuch von Gräfe und Sämisch); »Enzyklopädie der A.«, herausgegeben von Schwarz (das. 1902 ff.); Magnus, Die A. der Alten (Bresl. 1901); »Archiv für A.« (Wiesbad., seit 1870); Gräfes »Archiv für Ophthalmologie« (Leipz., seit 1854); »Zentralblatt für praktische A.« (das., seit 1877); »Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte der Ophthalmologie« (Tübingen, seit 1870).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 106-107.
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