Kreuz

[692] Kreuz, jede Form, die aus zwei quer übereinander gelegten Teilen gebildet ist; es erscheint in den verschiedenartigsten Ausbildungen. Als Sinnbild des Opfertodes Christi hat es in der christlichen Kunst eine Wichtigkeit erlangt, die sich in der mannigfachsten Weise und Gestaltung ausspricht und zur weitesten Anwendung in der Baukunst, Bildhauerei, der kirchlichen Kleinkunst u.s.w. sowie der Heraldik geführt hat.

Von den vielfältigen Formen seien als hauptsächlichste erwähnt und zur Darstellung gebracht: Die einfachste ursprüngliche Form erscheint im griechischen Kreuz (Fig. 1) mit vier gleichlangen Armen; es bildet bei den Kirchen zentraler Anlage die Grundform. Das lateinische oder Passionskreuz (Fig. 2), bei welchem der untere senkrechte Stamm länger ist als die übrigen Teile, wird in dem Grundplan der Kirchen in Basilikenform (s. Basilika) zum Ausdruck gebracht. Das Andreas- oder Schrägkreuz (Fig. 3) findet zuerst als Namenszug Christi (x) seine Bedeutung; heute kommt es namentlich im Fachwerkbau vor. Das Antonius- oder ägyptische Kreuz (Fig. 4) ist ein Kreuz ohne Oberarm. – In der weiteren Ausbildung sind die Arme vermehrt oder deren Enden auf verschiedene Weise gestaltet. So das Doppelkreuz (Fig. 5), welches durch Zusammensetzung eines griechischen und eines Andreaskreuzes gebildet ist. Das lothringische Kreuz (Fig. 6) mit zwei gleichlangen Querarmen; das Patriarchen- oder Kardinalskreuz (Fig. 7) mit doppelten Armen, die in Kleeblattform endigen. Das päpstliche Kreuz (Fig. 8) mit drei Querarmen, von welchen die untersten die längeren sind. Das Malteser- oder Johanniterkreuz (Fig. 9) mit sich verbreiternden Armen, die an den Enden stumpfwinklig ausgeschnitten sind. Das Krückenkreuz (Fig. 10), dessen vier Arme je ein Antoniuskreuz, also eine Krücke bilden. Das Gabelkreuz (Fig. 11) mit zwei schräggestellten Armen. Das Ankerkreuz (Fig. 12), dessen Arme in je zwei ausgebogene Enden auslaufen.

Zu Zwecken kirchlicher Verwendung kommen hinzu: das Weihekreuz (Fig. 13) mit gleichen Armen von einem Kreis umgeben, als Zeichen bischöflicher Weihe, nur auf die Wand gemalt oder in Flachrelief. Das Altarkreuz, ein lateinisches Kreuz, reichgeschmückt, an den [693]

Endungen die Evangelistenzeichen (Fig. 14), unten mit kandelaberartigem Fuß. Das Reliquienkreuz, in reichem Schmuck zur Auf Heilung auf Altären, oder kleiner, an einem Bande getragen, als Brustkreuz (Pektorale) für Bischöfe, Aebte u.s.w., ferner das Vortrag- oder Prozessionskreuz, auf einer Stange getragen mit prachtvoller Ausschmückung (Fig. 15; vgl. a. [2], 32. Jahrg. 1903, Bd. 377, S. 37).

In der kirchlichen Baukunst finden wir das Kreuz, außer der bereits erwähnten symbolischen Verwendung oder als Wandschmuck, am Aeußern der Gebäude als bekrönenden Abschluß von Kirchengiebeln (Fig. 16 und 17) oder als oberste Endung der Turmspitzen. Letztere Ausbildung erfolgt bei Steinhelmen ebenfalls in Stein, bei hölzernen Turmhelmen jedoch in Schmiedeeisen (Fig. 18). Um diese hochragenden Kreuze gegen die Wirkungen des Sturmwindes zu sichern, bedarf es besonderer Vorsichtsmaßregeln, bestehend in weit herabführenden Bändern, Verschraubungen und umschließenden Bünden [1].

Außerdem sehen wir das Kreuz seit den Zeiten des Mittelalters als eine selbständige Denksäule errichtet, als Feldkreuz, Votivkreuz oder Bildstock an Kreuzwegen oder zum Andenken an eine Begebenheit, auch an einem weithin sichtbaren Orte. Ein solches besteht meistens aus einem hohen, weithin sichtbaren Kreuz aus Holz oder Stein auf Sockel oder Stufenkranz. Im ersten Falle kommt des vergänglichen Stoffes wegen ein schützendes Dach zur Anwendung (Fig. 19). In Stein gebildet erscheint es oft als Spitzsäule, die oben mit einem Tabernakel und einem Kreuze endigt (Fig. 20) [4]. In sehr weitgehender Verwendung findet sich das Grab- oder Friedhofkreuz, auf den Gräbern in vielfältigster Größe und Gestaltung errichtet. In den meisten Fällen frei stehend, sind sie den Unbilden der Witterung voll ausgesetzt und können daher nur aus den unvergänglichsten Stoffen, Stein oder Schmiedeeisen hergestellt werden (Fig. 21). Vgl. a. Kleeblattkreuz, S. 507.


Literatur: [1] Viollet-le-Duc, Dictionnaire raisonné de l'architecture, Paris, Bd. 4, S. 417 ff., Artikel Croix. – [2] Raquenet, A., Matériaux et documents d'architecture et de sculpture, Paris. – [3] Meyer, F.S., Handb. d. Ornamentik, Leipzig 1886. – [4] Small, J., Scottish market cross, Stirling 1900. – [5] Stockbauer, Kunstgeschichte des Kreuzes, 1870.

Weinbrenner.

Fig. 1., Fig. 2., Fig. 3., Fig. 4.
Fig. 1., Fig. 2., Fig. 3., Fig. 4.
Fig. 5., Fig. 6., Fig. 7., Fig. 8., Fig. 9., Fig. 10., Fig. 11., Fig. 12., Fig. 13., Fig. 14., Fig. 15., Fig. 16., Fig. 17., Fig. 18., Fig. 19., Fig. 20., Fig. 21.
Fig. 5., Fig. 6., Fig. 7., Fig. 8., Fig. 9., Fig. 10., Fig. 11., Fig. 12., Fig. 13., Fig. 14., Fig. 15., Fig. 16., Fig. 17., Fig. 18., Fig. 19., Fig. 20., Fig. 21.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 5 Stuttgart, Leipzig 1907., S. 692-694.
Lizenz:
Faksimiles:
692 | 693 | 694
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon