Heraldik

[39] Heraldik, im allgemeinen die Lehre von den Wappen; der Name leitet sich von Herold ab. Unter Wappen versteht man die nach bestimmten Grundsätzen gestalteten Abzeichen, die Personen, Familien oder Körperschatten verstehen wurden. Die Heraldik selbst ist später entstanden und wird in die Wappenkunde und Wappenkunst eingeteilt; erstere beschäftigt sich mit den Regeln der Wappendarstellung und Wappenführung, letztere mit dem Entwerfen und Zeichnen der Wappen [1].

Man unterscheidet Urwappen, die zu der Zeit entstanden sind, als die Wappenführung aufkam und die sich der Besitzer selbst beilegte, und Briefwappen, die von fürstlichen Personen mittels eines Wappenbriefes erteilt wurden. Die Führung des Wappenwesens wurde den Herolden übertragen. In der Entwicklungszeit der Heraldik (vom 11. bis 13. Jahrhundert) stellte der Schild allein mit seinem Zeichen das Wappen dar; in der Blütezeit (vom 13. bis 15. Jahrhundert) bestand das Wappen aus Schild, Helm und Helmschmuck zum tatsächlichen Gebrauche; in der Verfallzeit (vom 16. Jahrhundert bis heute) hörte das Tragen des Helmes und Schildes mit den Abzeichen auf. Die Bildung der Wappen paßte sich an die Stilrichtung der Zeit an, und in diesem Sinne muß man gotische, Renaissancewappen, moderne Wappen u.s.w. unterscheiden. – Zur Farbengebung (Tinktur) wurden in der guten heraldischen Zeit zwei Metalle (Gold und Silber) und vier Farben (Rot, Blau, Schwarz und Grün) verwendet. Später kamen dann noch die sogenannten Naturfarben hinzu, insbesondere Aschgrau, Eisenfarbe, Purpur und Braun. Wo die Wappen nicht in Farben durchgeführt sind, z.B. in den Büchern, wurden die Tinkturen durch Punktieren und Schraffieren angedeutet (Fig. 1). Aehnliche Bezeichnungen erhielt auch das bei Wappen übliche Pelzwerk. Zuweilen erhielten einzelne Felder ein geometrisches oder ein Rankenornament, welche Zeichnung Damaszierung genannt wurde. – Die Formen der Wappenschilde waren sehr verschieden. Die älteste ist die Dreiecksform (Fig. 2), die im 12.–14. Jahrhundert im Gebrauch war. Später erhielt dieser Schild einige Abänderungen[39] nach Fig. 3 und 4. Rein heraldischer Natur und nicht geeignet zum Tragen sind die Formen nach Fig. 55 b. Später kamen die Stich- und Rennschilde, die sogenannten Tartschen, auf, die einen seitlichen Ausschnitt besitzen, der zum Einlegen der Lanze bestimmt war (Fig. 6–6c). Zu Ende des 15. Jahrhunderts beherrschen die sogenannten Kartuschenschilde die Heraldik; sie waren keine Gebrauchsschilde mehr, sondern nur Ornament (Fig. 7 und 7a).

Das auf den Wappen Dargestellte teilt sich in Heroldsbilder oder Heroldsstücke und in gemeine Figuren. Unter Heroldsbildern verficht man die geometrischen Figuren, die den Schild teilen (Fig. 8 und 8a), während unter gemeinen Figuren die Zeichnungen in den einzelnen Schildfeldern zu verstehen sind. Man unterscheidet natürliche, erdichtete und künstliche Figuren. Die gemeinen Figuren erscheinen streng stilisiert und gestalten sich nach der Stilrichtung der Zeit wesentlich verschieden; der Gegenstand wird, zumeist im Profil, energisch konturiert und in einer Farbengebung, die der Naturform nicht entspricht, dargestellt. Von Tieren kommen namentlich der Löwe (Fig. 9) und der Adler sehr häufig vor, außerdem noch der Eber, der Delphin, das Pferd, der Steinbock, die Schlange u.s.w. Seltener wird die menschliche Gestalt verwendet; als Beispiele mögen gelten: der Mönch (Münchner Kindl, Fig. 10), der Mohrenkopf und das Triquetra (Don Bemo mit gebogenem Knie), ferner Engel, Jungfrauen, Ritter, Arme, Beine, Schwurhände u.s.w. Von Pflanzen kommen namentlich häufig die Rose als Rosette (Fig. 11), die Lilie, das Kleeblatt, der Granatapfel, die Distel, der Pinienzapfen u.s.w. vor. Aber auch Phantasiegebilde sind nicht selten im Gebrauch; dazu gehören insbesondere der Greif, der Drache, der Doppeladler, das Meerweib u.s.w. Der Kreis der gemeinen Figuren erweitert sich durch Verwendung von Himmelskörpern und Naturerscheinungen, so kommen namentlich sehr häufig die Sonne, der Mond und die Sterne vor, außerdem noch Wolken und der Regenbogen. Schließlich werden auch Geräte, Kriegs- und Handwerkszeuge nicht selten angewendet, z.B. zwei gekreuzte Schwerter, die Axt, der Eisenhut, das Rad, das Malteserkreuz u.s.w. [2].

In der ältesten Heraldik findet sich bloß der Schild, später enthielt das vollständige Wappen noch den Helm mit der Helmzier. Unter den verschiedenen Helmformen finden namentlich die Turnierhelme die häufigste Anwendung. Zu unterscheiden sind: der Topfhelm (Fig. 12), der die Gestalt eines Topfes annimmt; der Kübelhelm (Fig. 13), dem ersteren ähnlich, jedoch im unteren Teile zylindrisch, im oberen abgestutzt konisch; der Stechhelm (Fig. 14), bereits einen größeren Schwung in der Formenbildung zeigend und der Rundung des Kopfes besser angepaßt, auch mit horizontalem Spalt zum Durchsehen; der Spangenhelm, der sich von dem vorigen namentlich dadurch unterscheidet, daß der Sehausschnitt sich zu einer breiten Oeffnung umgestaltet, die mit senkrechten Spangen vergittert erscheint; der Rosthelm (Fig. 15), dem vorigen sehr ähnlich, nur daß die Sehöffnung noch eine Quervergitterung erhält; der Visierhelm (Fig. 16) mit Visier, aber als unheraldisch geltend und selten vorkommend [3]. Ein vollständiger heraldischer Helm erhält überdies noch eine Helmzier, auch Helmkleinod genannt, und eine Helmdecke. Die Helmzier ist dadurch entstanden, daß der Helm tatsächlich gewisse plastische Ornamente erhielt, die in der Regel im bildlichen Zusammenhange stehen mit den Darstellungen auf dem Wappen; namentlich häufig werden angewendet: Flügel, Hörner, Hüte, menschliche Halbfiguren (Fig. 17) u.s.w. Die Helmdecke hat den wesentlichen Zweck, eine ornamentale Verbindung des Helmes mit dem Schilde herzustellen. In der ältesten Zeit wurden Tücher oder Bänder zur Helmdecke verwendet; später wurden die Decken aus ausgeschnittenem, gestreiftem Zeug, aus Leder oder Blech hergestellt. In der Renaissancezeit aber wurden die Helmdecken bandartig geschnitten und als Blattwerk, namentlich akanthusblattartig, behandelt (vgl. Fig. 17); dabei sind die Helmdecken selten ein- oder mehrfarbig, am häufigsten zweifarbig gehalten.

Zur Heraldik gehören ferner die Rang- und Würdezeichen, als da sind: Rangkronen,[40] Hüte, Mützen, Stäbe, Schwerter, Schlüssel, Orden u.s.w. Alle Abzeichen, die auf das Haupt gesetzt werden können, werden an Stelle des Helmes auf den Schild gesetzt. Die Rangzeichen haben in der Regel eine konventionelle Form; in einzelnen Fällen erhalten sie aber auch eine besondere Gestalt, wie dies namentlich bei der deutschen und österreichischen Kaiserkrone der Fall ist. Die hervorragendsten oder am häufigsten vorkommenden Rangzeichen sind: die deutsche Kaiserkrone (Fig. 18), die österreichische Kaiserkrone (Fig. 19), die allgemeine Königskrone (Fig. 20), die großherzogliche Krone (Fig. 21), der Herzogshut (Fig. 22), der Fürstenhut (Fig. 23), die Erlauchtkrone (Fig. 24), die Grafenkrone (Fig. 25), die Freiherrnkrone (Fig. 26), die Adelskrone (Fig. 27). Hierzu kommen noch die Rangzeichen der geistlichen Würdenträger.

Schließlich wären noch die sogenannten heraldischen Prachtstücke zu erwähnen, die nicht wesentlich zu dem Wappen gehören, sondern als ornamentale Ausschmückungen derselben anzuseilen sind; dazu gehören insbesondere die Schildhalter, Zelte, Wappenmäntel, Devisen, Sinnsprüche und andres dekoratives Beiwerk (Künstlerwappen, Fig. 28).


Literatur: [i] Handb. der Ornamentik von Franz Sales Meyer, Leizig 1888. – [2] Warnecke, F., Heraldisches Handbuch, illustr. von Döpler d. J., 6. Aufl., Frankfurt a.M. 1893. – [3] Sacken, E. v., Katechismus der Heraldik, 5. Aufl., Leipzig 1893.


Fig. 1.
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Fig. 2., Fig. 3., Fig. 4., Fig. 5., Fig. 5a., Fig. 5b., Fig. 6., Fig. 6a., Fig. 6b., Fig. 6c.
Fig. 2., Fig. 3., Fig. 4., Fig. 5., Fig. 5a., Fig. 5b., Fig. 6., Fig. 6a., Fig. 6b., Fig. 6c.
Fig. 7., Fig. 7a.
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Fig. 8., Fig. 8a.
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Fig. 9., Fig. 10., Fig. 11.
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Fig. 12., Fig. 13., Fig. 14., Fig. 15., Fig. 16., Fig. 17.
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Fig. 18., Fig. 19., Fig. 20.
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Fig. 21., Fig. 22.
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Fig. 23., Fig. 24., Fig. 25., Fig. 26., Fig. 27., Fig. 28.
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Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 5 Stuttgart, Leipzig 1907., S. 39-41.
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