Kopp

[469] Kopp, 1) Joseph Eutychius, hervorragender schweizer. Geschichtsforscher, geb. 25. April 1793 zu Beromünster im Kanton Luzern, gest. 25. Okt. 1866 in Luzern, studierte in Luzern und Freiburg i. Br. Theologie und Philologie und wurde 1819 Professor der griechischen Sprache am Lyzeum in Luzern. Schon 1828 zum Mitgliede des Großen Rats und 1831 des Verfassungsrats gewählt, wurde er bei der Bewegung von 1841 abermals seiner wissenschaftlichen Arbeit durch die Wahl zum Verfassungs-, Kantons- und Regierungsrat entfremdet. Nachdem er sich vergeblich gegen die Berufung der Jesuiten gestemmt, die er trotz seiner konservativ-katholischen Gesinnung als den »Anfang eines nicht zu berechnenden Unglücks« erklärte, trat er 1845 wieder ins Privatleben zurück, unternahm Reisen nach Wien und Rom zum Zweck archivalischer Forschungen, wurde 1846 korrespondierendes Mitglied der Akademie in Berlin und 1859 derjenigen zu Wien. Obwohl Autodidakt in der Geschichtsforschung, ist K. der Niebuhr der Schweizergeschichte geworden. Von unbedingter Verehrung für J. v. Müller ausgehend, entdeckte er bei eindringendem Studium des urkundlichen Materials, daß dessen auf Tschudi fußende Darstellung der Entstehung der Schweiz, die Erzählungen vom Rütlibund, von Tell, der Vertreibung der Vögte etc. unhaltbar seien, und lieferte durch seine ausgedehnten Forschungen die Bausteine zur wirklichen Geschichte derselben. Zu bedauern ist, daß K. mit der Sicherheit seiner Methode und seiner ebenso gründlichen wie ausgedehnten Gelehrsamkeit nicht auch das Talent eines Geschichtschreibers verband. Neben seinem Hauptwerk: »Geschichte der eidgenössischen Bünde« (Luzern, Leipz. u. Berl. 1845–62, 5 Bde.), eigentlich einer gelehrten, aber weitschweifigen und wenig übersichtlichen deutschen Reichsgeschichte bis zum Tode Friedrichs des Schönen 1330 (fortgesetzt von Lütolf, Buffon und Rohrer), sind zu erwähnen seine »Urkunden zur Geschichte der eidgenössischen Bünde« (Bd. 1, Luz. 1835; Bd. 2, Wien 1851); »Geschichtsblätter aus der Schweiz« (Luz. 1854–56, 2 Bde.); »Amtliche Sammlung der ältern eidgenössischen Abschiede, 1291–1420« (das. 1839). Seine »Dramatischen Gedichte« (darunter »König Rudolf I.«) erschienen gesammelt in 4 Bänden (Luz. 1855–66). Vgl. Lütolf, Joseph Eutychius K. (Luz. 1866).

2) Hermann, Chemiker, geb. 30. Okt. 1817 in Hanau, gest. 20. Febr. 1892 in Heidelberg, studierte in Heidelberg und Marburg, habilitierte sich 1841 in Gießen als Privatdozent und wurde 1843 Professor der Physik und Chemie daselbst, 1864 in Heidelberg. K. arbeitete besonders über die Beziehungen zwischen den physikalischen Eigenschaften und der Zusammensetzung[469] der Körper sowie über die Geschichte der Chemie. Er schrieb: »Geschichte der Chemie« (Braunschweig 1843–47, 4 Bde.) mit einem die ältesten Perioden spezieller behandelnden Nachtrag: »Beiträge zur Geschichte der Chemie« (das. 1869–75,3 Stück), ferner »Die Entwickelung der Chemie in der neuern Zeit« (Münch. 1871–73, 2 Tle.); »Aurea catena Homeri« (Braunschw. 1880); »Die Alchimie in älterer und neuerer Zeit« (Heidelb. 1886, 2 Bde.). Mit Buff und Zamminer schrieb er: »Lehrbuch der physikalischen und theoretischen Chemie« (Braunschw. 1857, 2. Aufl. 1863); »Über die Modifikationen der mittlern Eigenschaft oder über die Eigenschaften von Mischungen« (Frankf. a. M. 1841); »Über das spezifische Gewicht der chemischen Verbindungen« (das. 1841); »Einleitung in die Kristallographie und in die kristallographische Kenntnis der wichtigern Substanzen« (Braunschw. 1849, mit Atlas; 2. Aufl. 1862); »Einiges über Witterungsangaben« (das. 1879). Mit Liebig gab er seit 1847, mit Will 1857–62 den »Jahresbericht über die Fortschritte der Chemie, Physik, Mineralogie und Geologie« heraus und redigierte 1851–71 mit Liebig und Wöhler die »Annalen der Chemie und Physik«.

3) Joseph, österreich. Politiker, geb. 1827 in Wien, studierte hier die Rechte und wurde Advokat. 1868 ward er in den niederösterreichischen Landtag und 1873 in Wien in das Abgeordnetenhaus erwählt, wo er einer der Führer der Fortschrittspartei war. Als Jurist und Verteidiger in zahlreichen politischen Prozessen hat er sich einen guten Ruf gemacht; der neue österreichische Strafgesetzentwurf fand an ihm seinen Anwalt im Parlament.

4) Georg, Kardinal und Fürstbischof von Breslau, geb. 27. Juli 1837 in Duderstadt als Sohn eines Webers, besuchte das Gymnasium in Hildesheim, war 1856–58 Telegraphist im hannoverschen Staatsdienst, studierte 1858–61 in Hildesheim Theologie und ward 1862 Priester. Nachdem er Schulvikar in Henneckenrode und Kaplan zu Detfurt gewesen, ward er 1865 Hilfsarbeiter am Generalvikariat in Hildesheim, 1872 Generalvikar und Domkapitular und 1881 Bischof von Fulda. Trotz der gehässigsten Anfeindungen seitens der ultramontanen Presse bemüht, ein friedliches Verhältnis der Kirche zur preußischen Regierung herzustellen, unterstützte er den Papst Leo XIII. bei den Verhandlungen über die Revision der Maigesetzgebung. Zum Mitgliede des Herrenhauses ernannt, nahm er 1886–87 an den Beratungen über die neuen Kirchengesetze vom 21. Mai 1886 und 30. April 1887 hervorragenden Anteil, gab auch im Namen des Papstes bindende Erklärungen ab. Der Papst ernannte ihn 1887 mit Zustimmung der preußischen Regierung zum Fürstbischof von Breslau, 1893 zum Kardinal.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 469-470.
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