Draht [1]

[160] Draht, Faden von größerer oder geringerer Dicke aus dehnbarem Metall: Eisen, Stahl, Kupfer, Messing, Tombak, Neusilber, Silber, Gold, Phosphorbronze, Platin, Aluminium, Zink, Zinn und Blei. Gewöhnlicher D. ist auf dem Querschnitt kreisrund in Dicken von 5 mm abwärts; Façon- oder Dessindraht hat ovalen, vier- und dreieckigen, halbrunden, sternförmigen etc. Querschnitt. Die Herstellung des Drahtes findet durch Ziehen, Walzen und Pressen statt. Beim Ziehen werden durch Gießen oder Walzen vorbereitete Stangen oder quadratische Blechstreifen durch eine Anzahl von etwas konisch erweiterten Löchern gezogen, die in einer Stahlplatte (Zieheisen) oder bei sehr seinem D. in harten Steinen (Rubin, Saphir; Steinlöcher) angebracht sind.

Drahtleier.
Drahtleier.

Zum Ziehen des Drahtes dienen besondere Ziehzangen auf einfachen Ziehbänken oder das Leierwerk Das Walzen erfolgt bis ca 5 mm Dicte abwärts auf dem Drahtwalzwerk mit seinem Kaliber. Die Kaliber sind abwechselnd oval und quadratisch, und erst das letzte Paar gibt dem D. den gewünschten Querschnitt. Der Walzdraht wird z. T. ohne weiteres benutzt (z. B. zu elektrischen Leitungen aller Art, zu Drahtseilen u. dgl.) oder auf dem Leierwerk (Drahtleier, Drahtzug) weiter gezogen. Die Drahtleier (s. Abbildung) führt ein Zieheisen A, das in dem Gestell D auf der Tischplatte BC befestigt ist. Auf dem Haspel H befindet sich der zu ziehende D., dessen angespitztes Ende durch das größte Loch des Zieheisens, das aber einen kleinern Durchmesser hat als der D, hindurchgesteckt und von einer Zange ergriffen wird, die an einem stumpfen Kegel K befestigt ist. Dieser Kegel wird durch die Zahnräder a b in Umdrehung versetzt und dadurch der D. mit Gewalt durch das Loch des Zieheisens gezogen. Nachdem er 3–4 Löcher passiert hat, muß er ausgeglüht werden, um ihm die Härte zu nehmen. Dies Ausglühen geschieht in geschlossenen Zylindern, Glühtöpfen oder Tiegeln; dabei bedeckt sich besonders Eisendraht mit einer Oxydschicht, die mechanisch oder durch Beizen mit Säuren entfernt werden muß, weil sie ihrer Härte zufolge die Zieheisen stark angreifen würde. Dann wechselt das Ziehen mit dem Glühen und Reinigen fortwährend ab, bis der D. die gewünschte Feinheit erreicht hat. Mancher D., z. B. Façondraht aus Stahl, Triebdraht aus Messing etc., wird nur in kürzern Stücken auf der Ziehbank hergestellt, auf welcher der D. nicht aufgewickelt, sondern geradlinig durch das Zieheisen gezogen wird, indem man eine sogen. Ziehzange mit einer Kette oder einem Gurt verbindet, die man auf eine Trommel wickelt. Die Durchmesserabnahme der gewöhnlichen Ziehlöcher, der sogen. Verdünnungskoeffizient, beträgt durchschnittlich 0,89. Eine eigentümliche Ziehbank von Fulton zieht den D. unmittelbar hintereinander durch sechs Löcher. Zum Pressen von Blei- und Zinndraht dient eine hydraulische Presse, die, wie beim Pressen von Röhren, das Metall durch eine konische Öffnung als D. herauspreßt.

Zum Messen der Drahtstärken dienen Drahtlehren (s. Lehren) und zu ihrer Benennung Drahtnummern, die nach Ländern, Provinzen, Ortschaften, selbst nach Fabriken verschieden sind und einen Vergleich verschiedener Nummern untereinander sowie eine Kontrolle der Nummern ausschließen. Nur deutsche und österreichische Fabriken haben die metrische Drahtlehre (Normallehre) eingeführt, bei der jede Nummer den Durchmesser des Drahtes in Zehntelmillimetern, z. B. Nr. 100 D. von 10 mm, Nr. 60 D. von 6 mm, Nr. 5 D. von 0,5 mm Dicke, angibt. Bei den feinern Drahtsorten ist das Maß von Hundertstelmillimetern eingeführt und zwar in der Weise, daß die Zehntelmillimeter als Zähler, die Hundertstel als Nenner des Bruches geschrieben werden. In England gelten allgemein die Drahtlehren von Birmingham und Halifax (Birmingham, Halifax wire gauge), in Frankreich die Pariser Lehre (jauge de Paris). Einen Vergleich zwischen den üblichen Drahtnummern gewährt nebenstehende Tabelle.

Eisendraht wird in großer Menge zu Telegraphen- und Fernsprechleitungen, zu Drahtseilen, Drahtstiften, Drahtgeweben, in der Blumenfabrikation und zu zahl reichen andern Zwecken benutzt. Bisweilen wird Eisendraht in schwache Kupfervitriollösung gelegt und dadurch dünn verkupfert, um ihn vor Rost zu schütten, oder häufiger zu demselben Zweck verzinkt, verzinnt oder verbleit. Von Eisendraht, der 1 mm dick ist, gehen etwa 162 m auf 1 kg. 50 kg Materialeisen liefern 45–46 kg Walzdraht und 50 kg von diesem 42–45 kg gezogenen D. – Stahldraht hat erst seit Einbürgerung des Flußstahls eine bedeutende Rolle übernommen; am wichtigsten ist seine Benutzung zu Drahtseilen, Klaviersaiten, Bürsten, Kratzen, Nadeln. Die Darstellung der Saiten geschieht durch Ziehen, erfordert aber eine außerordentliche Sorgfalt in Auswahl und Behandlung des Materials. Der gezogene Stahldraht kommt in Ringen und kurzen, geraden Stücken als Rundstahl im Handel vor; stärkere Sorten sind gewalzt. Eigentümlich geformte Arten von Stahldraht sind: der viereckige, auf dem Querschnitt quadratische oder flache Stahl, der Triebstahl, der Sperrkegelstahl, der Brillendraht etc. Triebstahl und Sperrkegelstahl werden zur Verfertigung kleiner Räder angewendet und haben im Querschnitte die Gestalt eines Getriebes mit 6, 7, 8, 10 oder 12 Zähnen, so daß jeder Abschnitt ein entsprechendes Rädchen bildet. Bei Verfertigung wird Rundstahl durch Zieheisen gezogen, deren Löcher am Rand eine angemessene Anzahl Schneiden enthalten, die nach jedem Zug mittels Schrauben weiter gegen den Mittelpunkt vorgeschoben werden, bis die von ihnen eingeschnittenen Furchen[160] die gehörige Tiefe erlangt haben. Die Vollendung erhalten die Stangen durch ein gewöhnliches Zieheisen mit in der erforderlichen Weise gestalteten Löchern. Kupfer- und Messingdraht wird aus gegossenen und gewalzten Stücken (Zainen) oder aus schmalen Blechstreifen (Regalen) gezogen. Die Möglichkeit, auf galvanischem Weg nahtlose Röhren aus Kupfer herzustellen über Formstäben, hat in neuerer Zeit auch zur Bildung von D. durch Abdrehen der Röhren auf einer Art Drehbank geführt.

Tabelle

Man benutzt den Kupferdraht hauptsächlich für elektrische Apparate, Messingdraht zu Drahtgeweben, Kratzbürsten etc. Von 1 mm dickem Kupferdraht wiegen etwa 142 m, von Messingdraht etwa 148 m 1 kg. Neusilber- und Zinkdraht wird wie Messingdraht hergestellt, hat aber wenig Bedeutung. Der Gold und Silberdraht wird, sowohl rund als geplättet (Lahn) und von mancherlei andern Formen, zumeist von Gold- und Silberarbeitern zur Verfertigung von Schmucksachen (Ringen, Uhr- und Halsketten, Nadeln, Filigranarbeiten etc.) verwendet und in der Regel auch im kleinen aus einem Stab auf einer Ziehbank, zuletzt mit einer Zange aus freier Hand gezogen. In größerer Menge werden die seinen Gold- und Silberdrähte fast nur zu Tressen, Gold- und Silbergespinsten etc. fabriziert (s. Leonische Ware). Platindraht läßt sich aus Stäbchen oder aus Blechstreifen sehr sein ausziehen.

D. wurde bereits im Altertum durch Hämmern und Feilen hergestellt. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. soll ein Nürnberger, Rudolf, das Drahtziehen auf Handziehbänken erfunden haben. Indessen werden auch 1351 Drahtzieher und Drahtmüller in Augsburg erwähnt, und 1370 gab es in Nürnberg ein Drahtziehhammerwerk, das in allen Metallen arbeitete. Die Verarbeitung von Gold und Silber wurde in Frankreich ausgebildet und kam erst im 16. Jahrh. nach Deutschland, nämlich 1570 durch Tournier nach Nürnberg und von da später nach Allersberg; hier gelangte sie durch Häckhel (1689), dann wieder in Nürnberg zu hoher Blüte. Nach England kam das Drahtziehen im 16. Jahrh.; das Walzen des Drahtes jedoch stammt aus dem Anfang des 19. Jahrh. Vgl. Japing, D. und Drahtwaren (Wien 1884); Fehland, Fabrikation des Eisen- und Stahldrahtes (Weim. 1886); J. Bucknall Smith, Wire, its manufacture and uses (New York 1891).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 5. Leipzig 1906, S. 160-161.
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