Gemse

[540] Gemse (Gems, Capella Blas. et Keys.). Huftiergattung aus der Familie der Horntiere und der Unterfamilie der Antilopen (Antilopina), mit der einzigen Art C. rupicapra Blas. et Keys. (s. Abbild.). Diese wird 1 m lang, mit 8 cm langem Schwanz, am Widerrist 75 cm hoch und 40–45 kg schwer. Sie ist gedrungen gebaut, mit ziemlich schlankem Hals, nach der Schnauze hin stark verschmälertem Kopf, spitzigen Ohren von nahezu halber Kopfeslänge, langen, starken Füßen, ziemlich plumpen Hufen und 25 cm langen, drehrunden, schwarzen, geringelten, gerade aufsteigenden, an der Spitze glatten, glänzenden, rückwärts gebogenen Hörnern (Krickeln) bei beiden Geschlechtern. Hinter letztern befindet sich eine in einen Drüsensack[540] führende Höhle (Brunstfeige), aus der sich zur Brunstzeit eine schmierige, übelriechende Masse absondert. Im Sommer ist die G. schmutzig rotbraun, unterseits hell rotgelb, auf dem Rücken mit schwarzbraunem Streifen, an der Kehle fahlgelb, im Nacken weißgelblich. Die Hinterseite der Schenkel ist weiß, der Schwanz auf der Unterseite und an der Spitze schwarz. Von den Ohren verläuft über die Augen hin eine schwarze Längsbinde. Im Winter ist die G. oben dunkelbraun oder braunschwarz, am Bauch weiß, an den Füßen und am Kopfe gelblichweiß, auf dem Scheitel und an der Schnauze etwas dunkler. Jäger unterscheiden das große, dunkelbraune Waldtier von dem kleinen, rotbraunen Grattier. Die G. bewohnt die Alpen, findet sich von Savoyen bis Südfrankreich, in den Abruzzen, in Dalmatien, Griechenland nordwärts bis zu den Karpathen, auch in den Pyrenäen (Isard), im Kaukasus (Atschi), in Taurien und Georgien.

Gemse (Capella rupicapra).
Gemse (Capella rupicapra).

In Oberbayern, Salzburg und dem Salzkammergut, in Steiermark und Kärnten ist die G. ungleich zahlreicher als in der Schweiz. Die G. bewohnt am liebsten den obern Waldgürtel, steigt im Sommer aber häufig weiter empor (auf den »Grat«, daher Grattier) und lebt, wo sie viel gestört wird, in den unzugänglichsten Bezirken, von wo aus sie dann mit Anbruch des Tages die Grasplätze zwischen den Felsen besucht. Gegen den Winter rückt sie weiter in die Wälder herab. Sie lebt in Rudeln von oft sehr großer Zahl, und nur die alten Böcke halten sich außer der Brunstzeit isoliert. Sie frißt junge Triebe der Alpensträucher (Alpenrose, Erle, Weide, Wacholder, Kiefer), Alpenkräuter und Gräser, im Winter auch Moos und Flechten; Wasser ist für sie Bedürfnis und Salz eine große Leckerei. Sie klettert, springt und läuft sicher und schnell, besonders wenn sie verfolgt wird, und schwimmt auch vortrefflich. Ihre Sinne sind ungemein scharf; die G. ist das Sinnbild der Wachsamkeit, sie ruht selbst in einer Lage, daß sie augenblicklich die Flucht ergreifen kann. Beim Weiden und Ausruhen übernimmt das Leittier (die Vorgeiß) das Wächteramt und pfeift hell auf, sobald es Gefahr ahnt. Auf den sogen. freien Bergen und an Orten, wo keine G. geschossen werden darf, sind sie weniger scheu und fast zutraulich. Ihre Brunstzeit fällt in die zweite Hälfte des Novembers und Anfang Dezember; Ende Mai oder Anfang Juni wirft die G. ein, selten zwei oder drei Junge, die bald der Mutter folgen und sechs Monate saugen. Im dritten Jahr ist das Junge ausgewachsen. Die Gemsen erreichen ein Alter von 20–25 Jahren. Jung eingefangen, lassen sie sich mit Ziegenmilch ernähren und werden sehr zahm, bisweilen pflanzen sie sich in der Gefangenschaft fort. Auf den Alpen sollen Ziegen von Gemsböcken beschlagen werden und Bastarde liefern, die sich schwer ausziehen lassen. Die Jagd auf Gemsen wird durch Ansitz, Birsche, Riegeln und Treiben ausgeübt und erfordert noch mehr als beim übrigen Hochwild genaue Kenntnis des Geländes und der Gewohnheiten des Wildes sowie stete Beachtung des Windes. Besonders die Birsche ist sehr mühsam, am bequemsten das von größern Jagdgesellschaften angewendete Treiben, bei dem bedeutende Flächen von einer zahlreichen Treibwehr abgetrieben werden. Das Fleisch der G. ist wohlschmeckend; das Fell gibt schönes Leder, vorzüglich zu Beinkleidern und Handschuhen. Die Hörner dienen zu Stockgriffen und die Haare auf dem Widerrist als Hutschmuck (s. Gemsbart). In dem Magen der G. findet man zuweilen Gemsballen (Gemskugeln, deutscher Bezoar), die wegen vermeintlicher arzneilicher Wirksamkeit sonst teuer bezahlt wurden, aber wertlos sind. In der Volksdichtung der Alpenbewohner spielt die G. etwa die Rolle wie die Gazelle bei den Morgenländern; viele Sagen knüpfen sich an ihr Leben, und der Aberglaube findet dabei reichliche Nahrung. Vgl. Keller, Die G. (Klagenfurt 1885–87).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 7. Leipzig 1907, S. 540-541.
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