Bauernhaus

[463] Bauernhaus (hierzu die Tafeln »Bauernhaus I bis III«). Über die älteste Gestalt des Hauses geben vielleicht die Hausurnen Aufschluß, die in einigen Gegenden Deutschlands gefunden sind; sie gehören der vorgeschichtlichen Zeit an und sind augenscheinlich Nachbildungen der Wohnstätten ihrer Verfertiger. Es waren Grubenwohnungen, wie sie die Naturvölker noch heute bauen, trichterförmig in die Erde eingegraben und mit Reisig, Mist, Moos und Schilf gedeckt (Tafel I, Fig. 1). Eine Türöffnung in dem hügelförmigen Dache, deren Klappe durch einen vorgeschobenen Block oder Baum geschlossen werden konnte, vermittelte den Verkehr und führte der Grube Licht und Luft zu. Die Hütten der Lappländer und die »Kathen« der Jäger und Köhler geben uns eine Vorstellung von diesen urwüchsigen Wohnstätten. Für Feldfrüchte dürften Gruben vorhanden gewesen sein, wie solche als »Mieten« und »Schober« noch heute gebräuchlich sind. Einen Fortschritt im Hausbau zeigen andre Hausurnen mit Türen in den Seitenwänden. Sie stellen Häuser über der Erde dar und sind rund mit bienenkorbähnlichem Schilfdach, ähnlich den auf der 179 n. Chr. errichteten Antoninsäule abgebildeten Hütten der von den Römern besiegten Quaden (Fig. 2), oder viereckig mit steilem Strohdach (Fig. 3). Diese Hütten bestanden aus einem einzigen Raum, in dessen Mitte das Feuer brannte. Der Herdraum hat sich so als Mittelpunkt des Hauses stellenweise bis ins 18. Jahrh. erhalten. Der Hauptbaustoff war Holz, bis durch römischen Einfluß das Maurerhandwerk, und zwar zunächst an der Westgrenze Deutschlands, Geltung erlangte. Mit den Baumstämmen wurden [463] Blockbauten oder Fachwerkbauten ausgeführt, bei welch letztern die Gesache mit Flechtwerk aus gespaltenen Stäben und Ruten, Lehm und Kieselsteinen ausgestakt, an der Wetterseite auch wohl mit Schindeln bekleidet wurden. Das Dach wurde mit Stroh oder Schindeln gedeckt. Vielen Schmuck besitzt das alte deutsche B. im allgemeinen nicht; es beschränkt sich auf die Ausfüllung der Gefache mit Ziegelmustern (Niederdeutschland), auf Kratzmuster (Hessen), auf schlichte Zimmerarbeit, z. B. Giebelsparrenverzierungen, bei denen sich, vielleicht als letzte Spur des altgermanisch-slawischen Pferdekultus, Nachbildungen von Pferdeköpfen, aber auch stereometrische Motive u. dgl. finden (Tafel I, Fig. 6). Gleichwohl enthält das alte B., insbes. seines malerischen Wertes wegen, außerordentlich viel Vorbildliches auch für die Baugestaltungen unsrer Zeit.

Für das deutsche B. kommen hauptsächlich drei Bauweisen in Betracht: die niederdeutsche oder sächsische, die mitteldeutsch-fränkische und die oberdeutsch-gebirgsländische. Erstere mit friesischer Abart in Hannover, Westfalen, Mecklenburg und Schleswig-Holstein und, beeinflußt durch die mitteldeutsche, im ostdeutschen Koloniallande; die fränkische am Rhein, in Hessen, Thüringen, Franken, Königreich Sachsen, Schlesien, Spreewald und im südlichen Posen sowie in Böhmen und einigen andern österreichischen Kronländern; die gebirgsländische im Schwarzwald, in Bayern, der Schweiz und den österreichischen Alpenländern. Bei der niederdeutschen und gebirgsländischen Bauweise finden wir die Wohn- und Wirtschaftsräume, eng miteinander verbunden, unter einem Dache vereinigt, während bei der mitteldeutsch-fränkischen eine Trennung dieser Räume sowohl im Hause selbst als auch in verschiedene Baulichkeiten auf geschlossenem Hofe stattfindet. Die gebirgsländische Bauart vereinigt die Haupträume teils in verschiedenen Geschossen, teils nebeneinander, die niederdeutsche fast ganz zu ebener Erde.

1) Das westfälische oder niedersächsische B. (Tafel I, Fig. 4–7, Tafel II, Fig. 1–4, u. Tafel III, Fig. 4 u. 5) gruppiert die für Menschen, Viehstand und Vorräte bestimmten, sämtlich unter Einem Dach untergebrachten Räume um einen Mittelraum, die Diele (Dähle), dessen Mittelpunkt der Herd bildet. Die Wohnräume sind an der hintern Schmalseite, die Stallungen an den beiden Langseiten so angebracht, daß die zwischen ihnen gelegene Diele eine T-förmige Gestalt erhält und mit drei Eingängen, zweien an den beiden Langseiten und einem an der vordern Schmalseite, versehen ist. Der Eingang an der Giebelseite wird durch ein breites Tor gebildet, durch das ein beladener Erntewagen hindurchfahren kann. Das an den Giebelsparren mit Pferdeköpfen oder andern Verzierungen geschmückte hohe Strohdach ist gelegentlich abgewalmt und springt über dem Einfahrtstor wohl auch weit vor, eine Vorhalle (Vorschuppen) bildend. An der hintern Schmalseite der Diele steht der Herd; an einer ihrer Langseiten befinden sich die Pferde- und diesen gegenüber die Kuhställe. Über den Wohnräumen liegen Kammern und der Boden, von der Diele hier und da durch eine Treppe und Galerie zugänglich. Der Rauch zog früher aus dem Einfahrtstor oder einer Öffnung im Giebel, der Ulenflucht, ab (Tafet 1, Fig. a); heute ist fast durchweg ein Schornstein eingebaut. Fig. 4 der Tafel III gibt einen Blick in die Diele des in kräftiger Holzkonstruktion errichteten Eigenwohnhauses Nr. 117 in Huttfleth im Alten Lande bei Hamburg. Der Raum dient in diesem Teile vornehmlich Küchenzwecken. Die Feuerstätte mit den Geschirrborden, die Treppenleiter nach den Bodenstuben zeigen sich auf der einen, die Aufwaschbank, der Wirtschaftstisch, eine Stalltür auf der andern Seite des nach einer Naturaufnahme gefertigten Bildes. Fig. 5 zeigt die Prunkstube eines reichen bäuerlichen Anwesens (Peter Hatt) aus der Wilstermarsch (Holstein). Der stattlich getäfelte, in der Nähe des mit einer Wärm- u. Trockenvorrichtung versehenen Ofens mit Fliesen ausgekleidete Raum ist jetzt in das Altonaer Museum übergeführt.

2) Das fränkische B. (Tafel I, Fig. 8, Tafel II, Fig 5,6 u. 8) behält in der Regel den Pferdestall in dem (im Gegensatze zum niederdeutschen Hause) durch Scheidewände parallel zum Giebel dreigeteilten Hause. Der mittlere Abschnitt enthält Flur und Küche, der Giebelabschnitt an der Straße die Wohnräume. Bei größerm Ackerbesitz schließen sich die Scheune (im Hintergrunde des Gehöftes), der Kuhstall (parallel dem Wohnhause) und ein Durchfahrtsschuppen (an der Straße) zu einem geschlossenen Hofe zusammen. Kleinere Bauern (Kossäten, »Gärtner« in Schlesien) begnügen sich mit dem Hause allein: Pferde-, Kuhstall und Scheuer liegen in dem der Straße abgewendeten Abschnitte. Die Düngerstätte, ein kostbarer Besitz des Bauernhauses, befindet sich in möglichst geringer Entfernung vor den Stalltüren. Im Hintergrunde des Flurs (des »Eren«) mit den Treppen, auf denen man in den Keller und Dachraum gelangt, liegt die einen kleinen Sommerherd und Backofen enthaltende Küche, neben dem Flur die große, mit Kochofen und Ofenbank ausgestattete Wohnstube, deren Fenster sowohl auf den Hof als auf die Straße gehen, und daneben meist eine Kammer, oben Schlafräume, Knechte- und Mägdekammern. Kleinere Häuser stehen parallel zur Straße, große nie. Im Bergland ist das fränkische Haus meist zweigeschossig, kleinere haben eine vorgebaute Laube mit Oberstube.

3) Das gebirgsländische B. (Tafel I, Fig. 9 u. 10, Tafel II, Fig. 7 u. 9, Tafel III, Fig. 1–3) zeigt, wenn auch die Räume zumeist unter einem Dach vereinigt sind, die vollständige Trennung der Wohnung, die außer mehreren Wohnräumen auf einer Schmalseite einen kleinen Hausflur und eine eigne Küche besitzt, von Stallung und Scheune. Die Stallung hat einen Eingang sowohl von dem Hausflur als von außen, die Scheune ihre besondere Einfahrt an der dem Hauptzugang zur Wohnung gegenüberliegenden Schmalseite. Das schweizerische B. besitzt (wie häufig das fränkische) beinahe durchgängig zwei Stockwerke für die Wohnungen. Zum untersten Stockwerk über den Kellerräumen führen freiliegende, vom Dach überragte Treppen und Seitenlauben. Das Erdgeschoß enthält die meist gegen S. angelegte Wohnstube mit Kachelofen und einem wie beim fränkischen B. an zwei Seiten mit festen Bänken umgebenen Tisch. eine Schlafstube und die Küche mit zwei einarmigen zu den Kellerräumen und dem obern Stockwerk führenden Treppen. Der Oberstock enthält außer den Bodenräumen zwei am vordern Giebel angebrachte Schlafkammern. Vorzugsweise im Berner Oberland und auch im Schwarzwald findet sich noch ein Typus verbreitet, der die Küche in die Mitte des Hauses verlegt; von ihr und dem kurzen anstoßenden Gange aus hat man Zutritt zu den umliegenden Zimmern und Kammern.

Während in der Zentralschweiz und in höher liegenden Tälern und Gebirgsgegenden das Wohnhaus meist von dem Heuspeicher und der Stallung getrennt ist, schließen sich in den Kantonen des Flachlandes,[464] besonders im Aargau, auch im Engadin, Scheuern und Stallungen unter gleichem Dach an die Giebelseite des Hauses an. Hier wiederholtsich auf der Traufseite des Hauses nicht selten die gleiche Einrichtung in umgekehrter Ordnung für eine zweite Familie und deren Viehstand. Dann bildet die von den Wohnzimmern der beiden Familien eingenommene Traufseite die Hauptfront gegen den Hofraum. Seitwärts vom Eingang, vor der Stallung und mit gemeinsamer Dunggrube ist wegen der hier meist fehlenden Seitenlauben der Abort in Verbindung mit dem Schweinestall unter dem weit ausladenden Strohdach mit besonderm Dach versehen. Oft liegt auch die Tenne in der Mitte des Hauses über den Stallungen, und man fährt, wie bei den Häusern im Schwarzwald und bayrischen Hochland, auf einer Rampe über eine hölzerne oder gewölbte Brücke in den hohen Dachraum. Kleinere, zur Aufbewahrung von Käse, Obst etc. bestimmte Gebäude werden zum Schutz gegen Feuersgefahr meist freistehend rings um die Wohnung angelegt. Die Wandungen der Schweizerhäuser sind Block-, Ständer- oder Fachwände, die Eindeckung der Dächer ist meist durch steinbelastete, auf Schalung genagelte Schindeln oder durch Ziegel bewirkt; in letzterm Fall wird die Dachneigung steiler, ohne daß sich die landesübliche Bauweise im übrigen ändert.

[Literatur.] Vgl. Meitzen, Das deutsche Haus in seinen volkstümlichen Formen (Berl. 1882); Gladbach, Die Holzarchitektur der Schweiz (2. Aufl., Zürich 1885); Fritze, Fränkisch-thüringische Holzbauten (Meining. 1892); Meiborg, Das B. im Herzogtum Schleswig (Schlesw. 1836); Koßmann, Die Bauernhäuser im badischen Schwarzwald (Berl. 1894); Deininger, Das B. in Tirol und Vorarlberg (Wien 1897 f.); Eigl, Das Salzburger Gebirgshaus (das. 1894); Zell, Bauernhäuser etc. im bayrischen Hochland (Frankf. 1900); Ausleger, Bauernhäuser in Oberbayern etc. (Münch. 1900 ff.); »Das B. im Deutschen Reiche etc., in Österreich-Ungarn, in der Schweiz« (drei Wecke, hrsg. vom Verbande deutscher Architekten- und Ingenieurvereine, Dresd. 1901 ff.); Lutsch, Neuere Veröffentlichungen über das B. in Österreich-Ungarn und der Schweiz (Berl. 1897).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 463-465.
Lizenz:
Faksimiles:
463 | 464 | 465
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Robert Guiskard. Fragment

Robert Guiskard. Fragment

Das Trauerspiel um den normannischen Herzog in dessen Lager vor Konstantinopel die Pest wütet stellt die Frage nach der Legitimation von Macht und Herrschaft. Kleist zeichnet in dem - bereits 1802 begonnenen, doch bis zu seinem Tode 1811 Fragment gebliebenen - Stück deutliche Parallelen zu Napoleon, dessen Eroberung Akkas 1799 am Ausbruch der Pest scheiterte.

30 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon