Belfort

[590] Belfort (spr. befōr), Hauptstadt des franz. Territoriums B. (s. unten, S. 591) und Festung erster Klasse, liegt 365 m ü. M., am südlichen Fuß der Vogesen, an der Savoureuse, und ist Knotenpunkt der Lyoner und der Ostbahn. B. besteht aus der Zitadelle mit dem dazu gehörigen verschanzten Lager auf der Anhöhe am rechten Ufer der Savoureuse, der am linken Ufer gelegenen eigentlichen Stadt mit der Kirche St.-Denis (18. Jahrh.) und dem Stadthaus, und den westlich und nördlich von letzterer sich ausdehnenden Vorstädten, die mehrere große Industrieetablissements (für Baumwollspinnerei, Zwirnerei und Weberei, Maschinenfabrikation, Drahtzieherei etc.) nebst Arbeiterhäusern umfassen. Die Stadt zählt (1961) 32,564 Einw., die außer der Industrie bedeutenden Handel mit Wein, Branntwein und Getreide betreiben, hat ein Lyzeum, ein Lehrerseminar und ein Handelsgericht. Ihre größte Bedeutung beruht aber auf ihrer Festung, die den Zugang Frankreichs zwischen Jura und den Vogesen (die sogen. Trouée de B.) verteidigt. Den Mittelpunkt derselben bildet die unter Ludwig XIV. durch Vauban angelegte und in neuester Zeit verstärkte Zitadelle (le Château), ein Fünfeck mit nördlich und südöstlich vorspringenden Befestigungswerken. Nordöstlich von der Zitadelle stehen auf felsigen, steil abfallenden Höhen (459, resp. 419 m ü. M.) die Forts La Miotte und La Just ice; im W. der Stadt liegen gleichfalls zwei Forts: Les Barres und Denfert-Rochereau (früher Bellevue). Im S. und O., 1500 m von der Zitadelle, liegen die Forts Hautes-Perches und Basses-Perches, beide in Lünettenform, durch eine Linie von Batterien miteinander verbunden. Zu diesen im Kriege von 1870/71 historisch gewordenen Werken ist seitdem ein neuer, noch weiter vorgeschobener Ring von Forts hinzugekommen, darunter das Fort Roppe (504 m ü. M.) im NO., die Forts von Bessoncourt und Vézelois im O., Bosmont und Bois d'Oye im S., das Fort Mont Vaudois (525 m ü. M.) im SW., das mit der Stadt durch mehrere Werke in Verbindung steht, endlich die Forts von Salbert (647 m ü. M.) und von Servance (1210 m ü. M.) im NW. und von Giromagny (Tête du Milieu) im N. Drei weitere Forts bei Fougerais im S., Haut-Bois im SW. und Chèvremont im O. sind im Bau.

B. war ehemals der Hauptort einer Herrschaft, die im 14. Jahrh. zur deutschen Grafschaft Pfirt (Ferrette), später zum österreichischen Sundgau gehörte und im Westfälischen Frieden an Frankreich kam. 1659 gab sie Ludwig XIV. dem Kardinal Mazarin, und 1781 wurde sie von dem Herzog von Valentinois erworben. Die Stadt wurde im November 1633 von den Spaniern unter dem Herzog von Feria erobert, aber 10. März 1634 vom Rheingrafen Otto den Kaiserlichen wieder entrissen. Am 28. Mai 1635 schlugen hier die vereinigten Franzosen und Schweden unter dem Marschall de la Force den Herzog von Lothringen. 1814 wurde B. von den Bayern, Russen und Österreichern, später von den letztern allein blockiert und 16. April besetzt. Vgl. Liblin, B. et son territoire, recherches historiques (2. Aufl., Mülhausen 1887). Belfort im deutsch-französischen Kriege 1810/11.

Bei Beginn des Krieges von 1870. konzentrierte bei B. Douay das 7. französische Korps, das nach der Schlacht bei Wörth nach Châlons zurückging. In B. blieb Oberst Denfert-Rochereau mit einer Besatzung von 17,000 Mann. Nach dem Fall von Metz unternahm die 1. Reservedivision (Pommern) unter General v. Treskow, verstärkt durch Teile der 4. Reservedivision, zusammen etwa 18,000 Mann, zur Deckung der Operationen des 14. Korps die Belagerung von B. Die Zernierung begann 3. Nov. 1870, 2. Dez. die förmliche Belagerung der Westseite. Jedoch wurde hier kein bedeutender Erfolg erzielt und im Januar 1871 der Angriff auf die Forts Basses-Perches und Hautes-Perches im SO. durch Besetzung der vorliegenden Dörfer Danjoutin und Pérouse 8. und 21. Jan. eingeleitet. Inzwischen war der Anmarsch der Bourbakischen Armee und die dreitägige Schlacht von B. (s. unten) erfolgt. Treskow mußte zwar einen Teil seiner Mannschaft und seiner schweren Geschütze an das Werdersche Korps abgeben, doch die Beschießung der Festung und der Bau der Batterien wurden ununterbrochen fortgesetzt, und der Feind ließ die günstige Gelegenheit zu einem Ausfall unbenutzt. Nach Bourbakis Rückzug ward mit dem Angriff auf die beiden Perches begonnen, aber der Versuch, in der Nacht vom 26. auf den 27. die beiden Forts mit Sturm zu nehmen, mißlang. Der am 27. Jan. abgeschlossene Waffenstillstand betraf B. nicht. Am 8. Febr. wurden die beiden Perches genommen. Nun konnten die Zitadelle und die Forts La Miotte und La Justice wirksam beschossen werden; die Festung konnte sich unmöglich noch lange halten. Da aber das Große Hauptquartier B. vor dem Abschluß der Friedenspräliminarien besitzen wollte, willigte es in die von Frankreich verlangte Verlängerung des Waffenstillstandes nur unter der Bedingung der Übergabe Belforts. Am 16. Febr. wurde der Garnison in Anerkennung ihrer tapfern Verteidigung freier Abzug mit Waffen und Feldgeschützen und sonstigen kriegerischen Ehren bewilligt. Die Franzosen hatten im ganzen 32 Offiziere und 4700 Mann, die Deutschen 88 Offiziere und 2050 Mann verloren; die Stadt B. war zum großen Teil zerstört. Die Besatzung, noch 13,000 Mann stark, zog 18. Febr. ab, und die deutschen Truppen rückten ein. Im Friedensvertrag erhielt Frankreich B. zurück, und 2. Aug. 1873 verließen es die deutschen Truppen. B. wurde Hauptstadt eines besondern Arrondissements, des »Territoriums B.«[590] (s. unten), das den französisch gebliebenen Teil des Elsaß umfaßt, und zu einer großartigen Festung umgewandelt.

[Schlacht bei Belfort.] Die dreitägigen Kämpfe (15.–17. Jan. 1871) des 14. deutschen Armeekorps unter v. Werder gegen die französische Ostarmee unter Bourbaki werden teils als Schlacht bei Montbéliard, teils als Kämpfe an der Lisaine zusammengefaßt, jedoch meist Schlacht bei B. genannt, weil es sich dabei um Aufhebung oder Aufrechthaltung der Belagerung von B. handelte. Bourbaki war in der letzten Woche des Dezembers 1870 mit dem 15., 18. und 20. Korps von Nevers nach Besançon gezogen, wo das in Lyon neuformierte 24. Korps unter General Bressolles und die Division Crémer zu ihm stießen. Diese etwa 150,000 Mann wollten die Aufhebung der Belagerung von B. erzwingen, durch einen Vorstoß gegen Nancy die Hauptverbindungslinien der deutschen Heere unterbrechen und sich mit der Nordarmee unter Faidherbe vereinigen. Beim Marsche von Besançon nach B. stieß Bourbaki auf das 14. Armeekorps unter Werder, das, 33,278 Mann Infanterie, 4020 Mann Kavallerie und 120 Feldgeschütze stark, auf die ersten Gerüchte von Ansammlung feindlicher Streitkräfte bei Besançon Dijon verlassen und sich bei Vesoul aufgestellt hatte. Auf die Nachricht, daß er die ganze Armee Bourbakis vor sich habe, und daß diese die Richtung nach B. einschlage, zog Werder 9. Jan., den Feind durch den Angriff bei Villersexel um ein paar Tage aufhaltend, von Vesoul nach B. und erreichte am Abend des 11. die durch die Taleinschnitte des Lisaine- und Allaine-Baches gebildete Verteidigungsstellung Frahier-Montbéliard-Delle, die, von den Vogesen bis zur Schweizergrenze reichend, 20 km lang, das obere Elsaß deckt. In aller Eile wurde sie befestigt und mit 37 schweren Geschützen von der Belforter Belagerungsartillerie ausgerüstet. Durch die Abteilung des Generals Debschitz wurden die zur Schlacht verwendbaren Truppen auf 43,000 verstärkt.

Der Kampf begann 15. Jan. morgens bei -14°. Die deutschen Vorposten wichen auf die Hauptstellung zurück, Bourbaki nahm Bussurel, konnte aber die Lisaine wegen des Feuers der schweren deutschen Geschütze nicht überschreiten. Am 16. Jan. suchte er Werders rechten Flügel zu umgehen, um die von Frahier über Châlonvillars und Essert nach B. führende Straße zu gewinnen. Die drei badischen Bataillone mit drei Batterien unter General Degenfeld, die auf dem rechten Flügel bei Chénebier standen, mußten nach zehnstündigem Kampfe Chénebier räumen und sich bis vor Châlonvillars zurückziehen. Vergebens erneuerte Bourbaki in der Nacht seine Durchbruchsversuche in der Mitte und versäumte darüber die Ausbeutung des bei Chénebier errungenen Vorteils. Am 17. Jan., morgens 41/2 Uhr, griff die Brigade Keller, beauftragt, ein Vorrücken des Feindes über Frahier hinaus auf jeden Fall zu verhindern, Chénebier an. Den westlichen Teil konnte sie nicht nehmen, mußte sogar auch den östlichen wieder aufgeben, stellte sich aber, 400 Gefangene und viele erbeutete Wagen mit sich führend, dem Dorf unmittelbar gegenüber auf, alle Angriffe zurückweisend. Auch an den übrigen Punkten zeigten sich die Franzosen erschöpft; Bourbaki, dessen Armee infolge des Mißerfolges, der furchtbaren Leiden durch die Kälte und der mangelhaften Verpflegung demoralisiert war, mußte sich am Abend des 17. zum Rückzug entschließen, zumal da er gleichzeitig von der Annäherung der Manteuffelschen Armee Nachricht erhielt. Der Rückzug wurde in der Nacht und am 18. fortgesetzt; zur Deckung ließ er auf den Höhen des rechten Ufers der Lisaine starke Truppenabteilungen bis zum Abend des 18. zurück. Nach einem für die Truppen notwendigen Ruhetag ging Werder 19. Jan. zur Verfolgung über und brachte dem Feinde noch ansehnliche Verluste bei, bis diesem durch Manteuffel der Weg nach Lyon verlegt und nur noch der eine Ausweg in die Schweiz offen gelassen war. So entschied die Schlacht bei B. endgültig den Krieg auf dem östlichen Schauplatz.

Kärtchen zur Belagerung von Belfort 1870–71.
Kärtchen zur Belagerung von Belfort 1870–71.

Die Verluste der Franzosen in den drei Schlachttagen betrugen 6–8000 Mann, die des Werderschen Korps 81 Offiziere und 1847 Mann. Vgl. Wolff, Geschichte der Belagerung von B. im Jahre 1870–71 (Berl. 1875); Castenholz, Die Belagerung von B. (das. 1875–78, 4 Bde.); H. v. Müller, Die Tätigkeit der deutschen Festungsartillerie im deutsch-französischen Kriege, Bd. 3: Die Belagerung von B. (das. 1900); Thiers und de La Laurencie, La défense de B. (5. Aufl., Par. 1897); Belin, Le siége de B. (das. 1871).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 590-591.
Lizenz:
Faksimiles:
590 | 591
Kategorien:

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Clementine

Clementine

In ihrem ersten Roman ergreift die Autorin das Wort für die jüdische Emanzipation und setzt sich mit dem Thema arrangierter Vernunftehen auseinander. Eine damals weit verbreitete Praxis, der Fanny Lewald selber nur knapp entgehen konnte.

82 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon