Schweiz [1]

[619] Schweiz (Helvetische Eidgenossenschaft, Geogr), ein aus 22 Cantonen bestehender Bundesstaat in Mitteleuropa, welcher früher Helvetien hieß u. den jetzigen Namen von dem wichtigsten der Urcantone, Schwyz, erhielt; grenzt an Baden, den Bodensee, Tyrol, Liechtenstein, die Lombardei, Piemont u. Frankreich, doch sind an mehren Punkten, namentlich gegen Tyrol, Italien u. Frankreich, die Grenzen noch nicht genau bestimmt. Die S. hat nach den neuesten trigonometrischen Messungen 739,51 QM. (= 40,731 Quadratkilometer) Flächengehalt. Ebenen finden sich icht, nur innerhalb des Jura breiten sich mehre Plateaux, wie das der Freiberge, von Pruntrut, des Rayath aus; wohl aber ist die S. fast in allen Theilen mit Gebirgen erfüllt. Der Jura, welcher sich vom Salève bis zum Rayath in einer Länge von ungefähr 96 Schweizerstunden in nordöstlicher Richtung durch die S. zieht, bildet innerhalb derselben die neun Ketten des Blauen-, Wiesenberg-, Hauenstein-, Paßwang-, Weißenstein-, Chasseral-, Neuenburger-, Waadtländer-, Schaffhauser Jura, erhebt sich im Mittel 2100–3300 Fuß u. erreicht im Waadtländischen Jura seine größte Höhe (Mont Tendre 5180 Fuß ü. M., Dôle 5175 F., Chasseron 4958 F., Suchet 4912 F.). Mit ihm stehen durch langgestreckte Ausläufer, wie die Lägern, die Alpen in Verbindung, welche in drei Hauptketten u. in vorwiegend östlicher Richtung das Land erfüllen. Von diesen erstreckt sich die Gotthardtkette (Penninische u. Lepontische Alpen), der Centralpunkt der Schweizer Alpen, etwa 80 Stunden lang vom Montblanc (14,808 F.) über den Großen St. Bernhard, Matterhorn (13,901 F.), Monte Rosa (12,260 F.), Simplon, über den Nüsenenpaß zum St. Gotthardt, wo sie sich an die lange Adulakette (Piz Val Rhein 10,220 F., Záborthorn 10,220 F., Tambohorn 10,086 F.) anreiht u. am Septimer mit dem Albulazuge zusammentrifft; sie hat eine mittlere Erhebung von 10,000 bis 11,000 F. u. sendet sechs Hauptarme nach Norden u. 10 nach Süden, über sie führen sechs Hauptpässe (Großer St. Bernhard, Simplon, St. Gotthardt, Lukmanier, Bernhardin u. Splügen) u. über 40 Übergänge. Die zweite, die Finsteraarhornkette, welche von der Dent de Morcles (9044 F.) über die Diablerets, die Gemmi, [620] Jungfrau (12,227 F.), das Finsteraarhorn (13,160 F), die Wetterhörner, den Galenstock, Trispalt u. Tödi (11,115 F.) zieht u. in den Ausläufern des Talanda (8840 F.) endigt, hat eine mittlere Erhebung von 8000 bis 9000 F., sendet einen Hauptzweig vom Galenstock über den Titlis zum Urirothstock u. Brienzergrat, einen anderen vom Tödi zum Scheerhorn, Kinzigkulm, Pragel u. Rigi, außerdem Zweige in die Cantone Waadt u. Freiburg u. ist am Nordende von der selbständigen Gruppe des Sentis (7709 F.) umgeben; Hauptpàsse führen über diese Kette nicht, sondern nur Übergänge zwischen den einzelnen Cantonen, wie der Pillon, die Hahnenmöser, der Sanetsch, Rawyl, die Grimsel, der Brünig, Pragel, Albis, Ezel, die Hulftegg. In einem gewaltigen Bogen zieht vom Septimer beginnend über den Julier, Albula, Selvretta u. Rhätikon bis zum Rheine die Albulakette, ein Theil des selbständigen, vielfach verschlungenen Gebirgssystems der Rhätischen Alpen mit einer durchschnittlichen Erhebung von 9000 bis 10,500 F.; durch sie führt der Paß über den Julier. Die Berninaalpen im Südosten der S., ebenfalls eine eigene Gebirgsgruppe bildend, erheben sich durchschnittlich 10,500 Fuß u. breiten sich im Hintergrunde des Fentthales östlich vom Monte dell' Oro beginnend mit ihren unermeßlichen, fast überall zusammenhängenden Gletschern in nach Süden offener Hufeisenform aus; über sie führt der Berninapaß aus dem Engadin ins Puschlav. Die Gebirgsformation der Alpen ist von sehr verwickelter Art; im Allgemeinen besteht die Gotthardtkette aus Urgebirge (Granit, Porphyr, Thon- u. Glimmerschiefer), die Finsteraarhornkette aus Kalkgebilden (Grauwacke, Flötzkalk etc.). Dem Tertiärgebirge, u. zwar der mittleren Abtheilung (Miocän), in der S. häufig Molasse genannt, mit ihren reichen Versteinerungen gehört der Bezirk des Schweizer Hügellandes mit den nördlichen Vorbergen der Alpen an. Der Jura besteht wesentlich aus den Schichten einer mit organischen Resten angefüllten Gebirgsformation, welche von diesem Gebirge den Namen der Juraformation erhalten hat. Die die Berge bedeckenden Gletscher nehmen fast 14 Procent der Gesammtoberfläche des Landes ein, man zählt ihrer 540, von welchen 225 auf den Canton Graubündten, 155 auf Bern, 130 auf Wallis kommen; die meisten derselben (370) gehören dem Rheingebiet an; der mächtigste Gletscherstock ist der Bernina, der größte Gletscher der 8 Stunden lange Aletschgletscher. Die Gewässer der S. gehören den Stromgebieten des Rhein, der Rhône, der Donau u. des Po an. Der Rhein, welcher vom Ursprung seiner Hauptquelle am Adula bis Basel auf 88 Schweizerstunden einen Fall von 7038 F. hat, nimmt alle Gewässer auf, welche von dem südlichen Abhang der Tödikette, des Crispalt u. Badus, von den nördlichen Abhängen der gesammten Adulakette, aus Zweigen der Albulakette, aus der Churfirsten- u. Sentiskette, den Nordgehängen der Finsteraarhornkette u. ihren Verzweigungen herabfließen, nämlich: Glenner, Albula, Davoserlandwasser, Rhin da Surseß, Plessur, Landquart, Tamina, Necker, Sitter, Urnäsch, Töß, Glatt, Aare, Birs; er bildet den Rheinfall bei Schaffhausen. Die Rhone nimmt die von der Südseite der Finsteraarhornkette u. von der Nordseite der Gotthardtkette strömenden Gewässer auf (Visp, Vorgne, Dranse, Grand' Eau, Arve) u. hat auf 39 Stunden 3896 F. Fall. Durch den Inn; welcher in den 19 Stunden seines Laufes durch die S. einen Fall von 3700 F. macht, strömen der Donau die Gewässer vom Südabhange der Albulakette u. von der Nordseite der Berninagletscher zu, unter ihnen bes. der Flatzbach u. Spöl. Der Po erhält durch den Tessin (22 Stunden Lauf, 5698 F. Fall) die Wasser von der Südseite der Gotthardtkette (Brenno, Moesa, Marobbia, Verzasca, Maggia, Rovana), außerdem durch die Adda den Poschiavino. Alle diese Flüsse werden indeß erst jenseit der S. für den Verkehr bedeutend; von größerer Wichtigkeit in dieser Beziehung sind die 9 Procent der Gesammtoberfläche einnehmenden Seen, der Bodensee, Genfer, Vierwaldstätter, Züricher, Neuenburger, Wallenstadter, Thuner, Brienzer, Murtner. Bieler, Zuger, Lungern, Lowerzer, Silvaplaner, Silser, Greifen, Hallwyler, Ägeri, Sempacher, Puschlaversee; auch der Lago maggiore u. der Luganersee erstrecken sich noch in das Gebiet der S., welche außer den genannten noch über 110 kleine Seen hat. Unter den Kanälen sind der Linth-, Glatt- u. Reußkanal zu erwähnen. Mineralquellen zählt man 236, darunter 45 alkalischsalinische Wasser, 4 einfache Warmquellen, 34 Eisenwasser, 27 Salzwasser, 25 Sauerwasser, 108 Schwefelwasser; die besuchtesten sind Leuk, St. Moritz, Pfäffers, Baden, Schinznach, außerdem viele Molkencuranstalten (Gais, Weißbach, Rigi, Weißenstein).

Das Klima ist je nach der Höhe des Ortes über der Meeresfläche, nach der Lage am Nord- od. Südabhange der Alpen, nach der Richtung der Thäler sehr verschieden. Auf den höchsten Berggipfeln herrscht ewiger Schnee u. Eis vor, u. sie sind im Winter ganz unzugänglich, auch im Sommer vielfach nicht zu ersteigen; die Mittelalpen können noch Frühlings- u. Herbstwitterung haben, wenn im Thal zu ihren Füßen der volle Sommer eingezogen ist; so steigt die Temperatur von der Kälte Sibiriens bis zu italienischer Wärme (in Wallis u. Tessin); im Ganzen ist das Klima gesund, Die mittlere Jahrestemperatur ist in Basel 9,35, in Genf 9,3, in Zürich 9,0, in Bern 7,8 in Chur 9,4, in Malix 3,1, in Brévine im Jura 2,7, in Bevers im Engadin 1,8, auf dem St. Gotthard 0,3, auf dem St. Bernhard 1,3 . Einzelne Gegenden, wie in Wallis etc., haben Sümpfe; schneller Wechsel der Temperatur kommt in den Hochalpen u. im Jura am häufigsten vor; Nebel sind in den Mittelalpen seltener als in den Hochalpen. Hauptwinde sind in den westlichen u. nördlichen Theilen der S. der Ost- u. Westwind, in den östlichen u. südlichen der Nord- u. Südwind (Föhn); in den Hochalpen sind Schnee- u.a. Stürme nicht selten, Lawinen am häufigsten in den Hochthälern von Graubündten, Wallis, Uri, Bern, Überschwemmungen in den Thälern des Rhein, der Aare, der Rhone, der Dranse, Borgne, Reuß, Töß, Glenner, Thur, Sernst u. des Tessin; Bergstürze kommen an den Nagelfluhgebirgen vor. Producte: Rücksichtlich der Vegetation gibt es in der ebenen Region Mandelbäume, gute Kastanien, Wein, Mais, Tabak, Weizen, Wallnüsse, Eichen- u. Buchenwälder, in der Hügelregion (1000–2800 F. ü. M.) Wein, gutes Obst, Weizen, Spelt, Buchen, Eichen, Wiesen, in der montanen (bis 4000 Fuß) Buchen, Kirschen u. Zwetschen nur in guten Lagen, Rothe u. Weißtannen, Lärchen, Roggen, Gerste, gute Weiden, in der subalpinen (bis 5500 Fuß, in Graubündten[621] 6500 F.), Weißtannen, Ahorn, Kartoffeln, treffliche Weiden, in der alpinen (bis 7000 Fuß) die besten Weidekräuter, Alpengewächse u. niederes Gestrüpp, in der Schneeregion nur an den Felswänden u. Gletschergeschieben einige Moose u. Flechten. Von Wild gibt es in der S. den Bär nur noch in Graubündten, Wölfe nur selten auf dem Jura, Hirsche, Rehe, Wildschweine, ebenfalls selten, Luchse, Füchse, Dachse, wilde Katzen, Murmelthiere, Gemsen, Steinböcke (nur noch am Monte Rosa), Alpenhasen, Schlafmäuse, Alpenspitzmäuse, Schneemäuse, Lämmergeier, Stein-, See- u. Fischadler, Taubenhabichte, Falken, Uhus, Schnee-, Stein-, Hasel-, Birk-, Urhühner, Schnepfen, Störche, Reiher, Schneefinken, Stein- u. Schneekrähen, Alpensegler, Wildenten, Taucher etc., außerdem giftige Schlangen, Kupferschlangen, Vipern (am häufigsten in Tessin); gezogen werden Pferde, bes. Rindvieh, Ziegen u. Schafe, Bienen u. Seidenwürmer, von den Hunden sind die fast ausgestorbenen St. Bernhardsdoggen am berühmtesten (vgl. Tschudi, Das Thierleben der Alpenwelt, Lpz. 1860). Fische gibt es bei der reichlichen Menge der Gewässer im Überfluß, darunter bes. Lachse, Forellen, Muränen, Blaufelchen, Rheinlanken, Hechte, Karpfen; von Pflanzen bietet das Land außer Getreide, Kartoffeln, Hanf, Flachs, Obst, Wein u. Südfrüchten eine Menge nur den Alpen eigenthümliche Pflanzen, Arznei- u. Futterkräuter, viel Holz. An Mineralien wird wenig Gold aus dem Rhein, der Aare u. den beiden Emmen gewonnen, Bohnerz in Bünden, Wallis, St. Gallen, im Jura etc. (die Gesammtmasse des gewonnenen Eisens beträgt etwa 350,000 Ctnr., im Werthe von 81/2 Mill. Francs, aber mit geringem Reinertrag, u. die Einfuhr übertrifft die Ausfuhr); außerdem Marmor im Melchthale, in Graubündten zu Avers u. Splügen, im Canton Solothurn, Alabaster in Bünden u. im Jura, Gyps bes. in Wallis, Tessin u. Bünden, Lavezsteine, Serpentin in Wallis, Uri, Tessin, Bern, Bünden, Schiefer in Glarus u. Schwyz, Bergkrystalle in Wallis, Bern, Bünden, Glarus u. Tessin, seine Erden u. Thonarten im Jura, Braunkohlen bei Uznach, Steinkohlen in Waadt, Freiburg, Basel, St. Gallen, Aargau, Zürich, Torf am Fuße des Jura, Salzwerke bei Bex (40,000 Ctnr.), Schweizerhall (200,000 Ttnr.), Kaiseraugst (150,000 Ctnr.), Rheinfelden (350,000 Ctnr.), doch reicht der Gewinn aus denselben für den inneren Bedarf, welcher der Viehzucht wegen sehr stark ist, nicht hin; Salzquellen gibt es auch in Wallis, Unterwalden u. Freiburg.

Die Zahl der Einwohner betrug nach der Volkszählung vom 10. Decbr. 1860: 2,534,240, welche in 92 Städten, 63 Flecken u. 10,345 Dörfern u. Weilern wohnen; darunter waren den Confessionen nach 1,483,298 Reformirte u. 1,040,469 Katholiken. Rein katholische Cantone sind Luzern, Uri, Unterwalden, Schwyz, Zug, Tessin u. Wallis, die übrigen sind gemischt, mehre enthalten fast nur reformirte Einw. Am stärksten bevölkert ist der Canton Genf, am schwächsten Graubündten. Die Einw. sind meist deutscher Abkunft, der vierte Theil an der französischen u. italienischen Grenze französischer u. italienischer Abstammung; von ihnen sprachen 1,681,000 Deutsch in mehren Dialekten, 540,000 Französisch (bes. in den Cantonen Neuschatel, Genf, Waadt u. Wallis), 130,000 Italienisch (in dem Canton Tessin), 42,000 Romanisch, auch den Dialekt Ladinisch (bes. in Graubündten). Im Allgemeinen sind die Schweizer ein treues u. biederes Volk, offen u. redlich, thätig u. arbeitsam, mäßig, gastfrei, uneigennützig, lieben die Freiheit u. ihr Vaterland u. empfinden nach letzterem, durch Verhältnisse ins Ausland versetzt, oft eine unbesiegbare Sehnsucht; doch haben sie durch den überhandnehmenden Besuch von Fremden viel von ihren Tugenden verloren, u. gehen wenigstens an den besuchtesten Straßen jetzt zu sehr auf Gewinn, Überlistung u. Übertheuerung des Fremden aus. Nach den verschiedenen Cantonen findet sich rücksichtlich der Sitten u. Gebräuche mancher Unterschied; die italienischen u. französischen Schweizer nähern sich mehr dem italienischen u. französischen Charakter. Ihre Trachten sind originell, bes. die der Mädchen u. Frauen, in jedem Canton aber anders, am merkwürdigsten die der Bernerinnen, welche, bes. im Haslithal, auch wegen ihrer Schönheit berühmt sind. Die Wohnungen erbaut man auf dem Lande meist von Holz, die sehr flachen Dächer sind mit Schindeln gedeckt u. mit großen Steinen belegt, damit sie der Sturm nicht abdecke; sie springen mehre Ellen weit vor u. unter ihnen laufen offene Gallerien rings um das Haus u. von außen hinauf; zierliche Inschriften, fromme Sprüche, Malereien von schweizerischen Helden u. Heiligen zieren das Haus, bes. in Städten, wo übrigens die steinerne Bauart vorherrscht. Kunstloser sind die Sennhütten (s. Sennereien). Die Sitten der Schweizer haben viel Eigenthümliches; sie sind unter andern leidenschaftliche Büchsenschützen u. oft ziehen Schützen von einem festlichen Preisschießen zum andern od. es wird ein gemeinschaftliches Schützenfest (Freischießen) gehalten; die Jagdfreiheit überall lockt sehr zu diesen Vergnügungen; die Bauernbursche ringen oft u. kämpfen mit einander (Schwingfeste), wobei sie einen eisernen starken Schlagring zum kräftigeren Treffen am Finger haben, u. oft endigen solche Kämpfe mit blutigen Köpfen od. dem Tod eines der Kämpfenden. Auch der Kiltgang (s.d.) ist sehr gewöhnlich. Dagegen sind gemeinschaftliche Tänze der Buben u. Mädchen an manchen Orten der S. selten. Fröhlich ist das Erntefest u. das Kirchweihfest.

Die Bodenfläche vertheilt sich auf 20 Procent Alpen- u. Weideland, 17 Procent Waldungen, 11 Procent Ackerland, 20 Procent Wiesen, 1 Procent Weinberge, 31 Proc. Unland. Der Boden steht in hohem Preise, gibt aber höchstens 4 Proc. Reinertrag; Bodencultur wird von 4/5 der Bevölkerung getrieben, daher sind große Güter nicht vorhanden, die größten finden sich im Emmenthale; die Landwirthschaft ernährt 1,900,000 Menschen; das Ackerland beträgt etwa 21/4 Millionen Morgen Land. Der zweckmäßig betriebene Ackerbau liefert bes. Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, aber für den Bedarf nicht zureichend; Gemüse, Faser- u. Färbepflanzen u. Tabak werden in unbedeutender Menge gebaut; viel Obst wird im Thurgau, Zürich, Baselland, Solothurn, Zug gewonnen u. zur Erzeugung von Cider-, Perry- od. Birnwein u. Kirschwasser verwendet (Kirschwasser wird jährlich über 300 Centner ausgeführt); auch die Fabrikation des Extrait d'Absinthe im Traversthale in Neuenburg, von welchem 1853 2278 Ctnr. ausgefahren wurden, bildet einen nicht unbedeutenden Handelsartikel. Der Weinbau, auf 120,000 Morgen Weingärten ausgeübt, gibt jährlich durchschnittlich[622] 900,000 Hectolitres Wein im Werthe von 18 Mill. Francs; die besten Weine erzeugt Genf, Waadt (Ryffwein u. Coteweine, Vin de la Côte), Wallis (die von Marque), Neuenburg, Graubündten, stellenweise auch Tessin, Zürich, Schaffhausen, Thurgau; auch werden gegen 150,000 Flaschen Schweizer Champagners ausgeführt. Hopfen wird nur hier u. da in größeren Mengen gebaut. Es gibt über 1500 große Branntweinbrennereien. Der Waldcultur wird in neuester Zeit eine größere Sorgfalt gewidmet als früher, da auf eine solche die Zunahme der Verheerungen durch Lawinenstürze, der Wasserbrüche u. Bergschlipfe hingewiesen hat; die Waldungen, welche annähernd 2,400,000 Morgen anfüllen, liefern mehr als den Bedarf an Brennmaterial, aber die Ausfuhr an Holz ist gering, weil vieles verschwendet, vieles zum Häuserbau gebraucht wird u. viele Wälder nothwendige Schutzwehren gegen Lawinen sind. Das Weiden- u. Alpenland nimmt den fünften Theil der Gesammtoberfläche ein; die größten u. besten Alpenweiden gibt es in Glarus, Graubündten, Appenzell, Bern, Tessin u. Wallis; die Kuhalpen ziehen sich bis 6500 Fuß, die Schafalpen durchschnittlich bis 7000 Fuß hinaus. Der Wiesenbau wird neuerdings mehr gepflegt als früher, die Wiesen nehmen ebensoviel Land ein als die Weiden u. Alpen, die künstlichen Weiden gegen 900,000 Morgen. Den Haupterwerbszweig der Einw. bildet Viehzucht u. Alpenwirthschaft. Nach den neuesten Angaben hat die ganze S. annähernd 850,000 Stück Hornvieh (nämlich 475,000 Kühe, 85,000 Ochsen u. 290,000 Rinder), 104,000 Pferde, Esel u. Maulthiere, 469,000 Schafe, 347,000 Ziegen u. 318,000 Schweine; ausgeführt werden jährlich 85,000 Stück Vieh, darunter 50,000 Stück Rindvieh, eingeführt 180,000 Stück, darunter 80,000 Stück Rindvieh. Jährlich bereitet man 600,000 Centner Käse, wovon 130,000 Ctnr. ausgeführt werden. In den ebneren Gegenden hat bei der eingeführten Stallfütterung die Viehzucht sehr zugenommen, in den Alpen dagegen bei schlechter Wirthschaft u. Verschlechterung der Weiden durchschnittlich abgenommen. Von den ausgezeichneten Schweizer Rindvieharten sind die berühmtesten die im Simmenthale, in der Landschaft Saanen u. im größten Theile des Cantons Freiburg mit einer Milchergiebigkeit von 1300 Maß (à 4 Pfund) jährlich, außerdem das Rindvieh vom Grindelwald, Oberhasli, Lauterbrunnen, Entlibuch, Zug u. Schwyz, Appenzell. Die Schweizerkühe, deren eine im Lande selbst etwa 140 Thaler kostet, geben mehr Milch als die der Lombardei, wo sie sehr gesucht sind; in manchen Districten geben 40 Kühe täglich einen Käse von 45 Pfund. Im Sommer sind die Kühe auf der Alp, die Auffahrt dahin gewöhnlich im Mai ist ein großes Fest (s.u. Sennerei). Die besten Schweizerkäse sind die Emmen-, Saanen-, Simmenthaler, Greyerzer u. Urserner. Pferdezucht wird bes. in Freiburg, Waadt, Bern, Solothurn u. Schwyz getrieben; die schönsten u. ausdauerndsten Pferde liefert Freiburg, die stärksten Bern u. Solothurn, Esel bes. Tessin. Die Schafzucht, welche im Ganzen nicht sehr bedeutend ist, erzeugt gewöhnliche schwäbische, flämische od. holländische, Bergamasker, spanische od. Merinoschafe. Mit Jagd u. Fischerei beschäftigen sich Viele. Honig u. Wachs wird in Bern, Bünden, Neuenburg, Appenzell, Tessin, Seide bes. in Tessin gewonnen. Die Industrie, welche sich seit etwa 150 Jahren in der östlichen, sodann auch in der nördlichen u. westlichen S. entwickelt hat, während sie in Graubündten u. in den italienischen Cantons fast ganz fehlt, ist die Nahrungsquelle für etwa 330,000 Menschen, davon 180,000 in den Fabriken, die übrigen Handwerker. Die eigentlichen Fabrikcantons sind Appenzell-Außerrhoden, St. Gallen, Thurgau, Zürich, Aargau, Basel, Genf u. Neuenburg. Die Baumwollenindustrie, welche bes. in Appenzell-Außerrhoden, Zürich, Aargau, St. Gallen, Glarus betrieben wird, hat 135 Spinnereien, 18 mechanische Webereien u. etwa 4000 Webstühle mit einer Arbeiterzahl von ungefähr 20,000 Menschen. Die Handweberei, bes. in Zürich, St. Gallen, Glarus, Aargau, Thurgau, beschäftigt etwa 38,000 Personen; Kattundruckereien gibt es 110, unter welchen sich die von Neuenburg durch glänzende Farben auszeichnen, Appreturen 60, größere Färbereien gegen 300 (bes. sind die Türkischrothfärbereien in Glarus berühmt); die Musselinfabrikation u. Stickerei (z.B. Gardinen) wird namentlich in St. Gallen u. Appenzell betrieben; Seidenspinnerei u. Weberei in Zürich, Aargau, Bern, Solothurn (glatte Zeuge) u. Basel (Bänder) treiben gegen 50,000 Menschen, u. es wird der jährliche Reinertrag dieser Industrie auf 76 Mill. Francs geschätzt. Die Strohflechterei u. Strohhutfabrikation wurde vor Kurzem bes. in Aargau, Luzern, Baselland, Tessin, Freiburg u. Solothurn betrieben, ist aber seit 1854 gesunken, doch ist dieser Zweig noch immer für etwa 25,000 Menschen die, wenn auch geringe Erwerbsquelle; 1853 wurden noch 5264 Centner Strohhüte u. Geflechte ausgeführt. Gleiches gilt von der Leinwandindustrie, wichtig ist sie noch in dem Canton Bern, außerdem in Zürich, St. Gallen, Thurgau, Neuenburg. Die Spitzenfabrikation, ehemals für Neuenburg u. Waadt von großer Bedeutung, ist durch die Uhrenfabrikation theilweise verdrängt. Uhren- u. Bijouteriefabrikation in Genf, Neuenburg, Waadt, Bern, Solothurn, Aargau, beschäftigen über 36,000 Personen, welche jährlich etwa 500,000 Uhren (3 goldene auf 4 silberne) verfertigen. Bedeutend sind auch die Gerbereien, bes. durch Bereitung von Sohlleder. Wollfabrikation wird in Zürich, Glarus, Solothurn u. Bern in 32 größeren Fabriken getrieben, doch muß an Wollenzeugen fast die Hälfte des Bedarfs eingeführt werden. Außerdem beschäftigt man sich mit Holzschnitzerei, Maschinenfabrikation (in 18 Fabriken), Verfertigung von Zündnadelgewehren u. Glas (in 14 Hütten); es gibt 20 Eisenschmelzen, Papierfabriken, Buchdruckereien, Lithographische Anstalten etc. Die jährliche Gesammtproduction der Industrie wird auf 225 Mill. Francs veranschlagt, der innere Verbrauch auf 115 Mill.; Einfuhr 320 Mill. Francs, Ausfuhr 290 Mill. Viele Zweige der Industrie werden nicht in geschlossenen Anstalten, sondern in den Wohnungen der Arbeiter betrieben, so, mit Ausnahme der Jacquardstühle, die Seidenweberei, ferner die Bandweberei u. die Uhrenverfertigung. Das Zunftwesen besteht nur noch in Basel u. Schaffhausen in gemilderter Form fort. Die ersten Gewerbsausstellungen fanden in Zürich u. st. Gallen statt. Die S., obgleich umgeben von schutzzöllnerischen Staaten, huldigt dem Systeme des freien Verkehrs, u. obgleich vom Meere abgeschnitten, hat ihre Industrie dennoch Absatz in weite Fernen gefunden[623] (bes. rohe Tücher u. Musseline). Der Handel der S. hat sich in Folge der wohlfeilen Administration u. wegen der völligen Handels- u. Zollfreiheit bedeutend entwickelt, bes. auch seit 1849 alle Binnenzölle, Weg- u. Brückengelder weggefallen sind, wofür die Cantone jährlich vom Bund eine Entschädigung von 2,350,000 Francs erhalten. Auch durch das Zollgesetz vom 1. Sept. 1848 ist der Handelsfreiheit kein wesentlicher Eintrag geschehen, indem dadurch in der Hauptsache nur geringe Finanzzölle im Interesse der Eidgenossenschaft eingeführt wurden. Ausgeführt wird bes. Vieh (jährlich 85,000 Stück, darunter 50,000 Stück Rindvieh), Käse (im Jahre 1856 147,259 Centner), Seidenstoffe (1856 34,397 Ctnr.), Baumwollenwaaren (1856 165,032 Ctnr.), Uhren, Spieldosen, Bijouterien, Strohgeflechte, Spitzen, Häute, Metallwaaren, Holt u. Holzkohlen (1856 für 6,966,511 Thaler), Obst, Wein, Liqueure, Kräuter; eingeführt: Getreide u. Hülsenfrüchte (1856 2,271,780 Ctnr.), Satz ((Mill. Ctnr. jährlich), Vieh (jährlich 180,000 Stück). Rohstoffe für die Industrie, Eisen- u. Metallwaaren, Droguen, Färbestoffe, Öl, Wein, Branntwein, Colonial- u. Luxuswaaren etc. Der Binnenhandel übertrifft weit den auswärtigen Handel; er setzt jährlich eine Waarenmasse von 675 Mill. Francs an Werth in Bewegung. Für den überseeischen Absatz sind Nordamerika, Brasilien u. die Levante die wichtigsten Märkte; der Werth des auswärtigen Handels ist 450 Mill. Francs, ungerechnet den sehr bedeutenden Schleichhandel. Die Durchfuhr betrug 1853 357,368 Centner an Vieh u. Waaren Haupthandelslinien sind: vom Bodensee nach Genf, von Schaffhausen u. Basel nach Genf, bes. aber von Basel über Luzern, den St. Gotthardt, nach Mailand u. Genua; od. von Basel über Zürich, durch Graubündten, über den Splügen nach der Lombardei u. Triest. Zollwesen: Nach Einführung des Zollgesetzes vom 1. Sept. 1849 ist für den inneren Verkehr eine vollständige Freiheit eingetreten, dagegen sind die Grenzzölle, die früher, mehr nominell, 1 Batzen für den Centner Rohgewicht forderten, in steigende Tarifsätze von 1, 2, 5, 10, 15, 20, 25, 50 u. 100 Batzen verwandelt, übrigens aber noch immer sehr niedrig gegriffen, so daß sie nur als Finanz-, nicht als Schutzzölle betrachtet werden können. Die Aus- u. Durchfuhrzölle sind noch ungleich niedriger von 1/4 bis 20 Batzen angesetzt. Die neuen Zölle berühren überhaupt die nothwendigsten Lebensbedürfnisse höchst unbedeutend u. die Luxusgegenstände nicht erheblich. Zur Überwachung des Zollwesens ist die ganze S. in 6 Zollgebiete, deren jedem ein Zolldirector vorsteht, mit den Directionssitzen in Basel, Schaffhausen, Thur, Lugano, Lausanne u. Genf, eingetheilt. Ein Handelsvertrag mit Sardinien wurde am 29. Juli 1851 ratificirt. Banken gibt es 12, in Bern, Zürich, St. Gallen, Basel, Frauenfeld, Lausanne, Glarus, 2 in Genf, die Cantonale Bank u. die Handelsbank, dann eine in Freiburg, Aarau u. Baselland; das Actiencapital derselben betrug 1854 25,862,373 Francs.

Verkehrsmittel. Die wohl unterhaltenen Landstraßen, Brücken u. Wasserbauten, welche wegen der Schwierigkeit des Terrains oft Riesenbaue erfordert haben stehen unter Aufsicht des Bundes, werden jedoch von den Cantonen besorgt u. unterhalten. An Cantonalstraßen besitzt die S. ungefähr 3000 Kilometer. Die vielen Seen unterhalten einen lebhaften Schiffsverkehr u. 11 derselben werden mit 30 Dampfbooten befahren. Auch die Kanäle (s. oben) fördern den Handel. Das Fahrpost u. Extrapostwesen ist jetzt gut eingerichtet. Durch Bundesbeschluß vom Nov. 1848 wurden die Posten im ganzen Umfange der S. vom 1. Jan. 1849 an von der Eidgenossenschaft übernommen u. dem Bundesrathe die Leitung des Postwesens übergeben. Den ersten Postvertrag nach Einführung der neuen Ordnung schlossen die Bundesbehörden mit Belgien, welches ihn im Nov. 1849 ratificirte; diesem folgte der mit Frankreich im Juni 1850 u. mit Österreich u. dem Deutschen Postverein am 23. April 1852 zu Lindau abgeschlossen u. am 15. Oct. ins Leben getreten; s.u. Post S. 427. Je länger die S. mit Einführung der Eisenbahnen gezögert hatte, um so lebhafter u. allgemeiner wurde diese Angelegenheit ergriffen, nachdem der Bundesbeschluß vom 28. Juli 1852 dieselbe den Cantonen anheimgestellt u. diese zur eigenen Ausführung od. zur Bestätigung von Baugesellschaften unter vor behaltener Zustimmung des Bundes ermächtigte. Die Cantone bauen nicht selbst, sondern betheiligen sich nur bei den gebildeten Actiengesellschaften. Es bestehen in der S. folgende Eisenbahnen: Die Walliser Bahn war von St. Gingolph am südlichen Ufer des Genfersees über Bouveret im Rhonethale hin bis Visp u. Brieg mit allfälliger Verlängerung über den Simplon nach Piemont projectirt, führt aber bis jetzt nur von Bouveret über St. Maurice u. Martigny bis Sion. Die Genf-Lyoner Bahn geht von Genf bis zur Schweizergrenze bei Dardagny, außerdem führt ein Zweig dieser Bahn nördlich nach Versoix zum Anschluß an die Westbahn. Die Westbahn erstreckt sich von Versoix bis Morges am Westufer des Genfersees entlang, vereinigt sich dann bei Bussigny mit der von Lausanne kommenden Zweiglinie u. führt nach Yverdon; von hier ist sie weiter westlich am Neuenburgersee hin über Grandson u. Neuenburg nach St. Blaise fortgesetzt, wo sie mit dem Solothurnischen Zweig der Centralbahn zusammentrifft Von Lausanne aus ist eine Bahn über Vevey nach Villeneuve projectirt, von wo sie bis Bex weiterführt u. bei St. Maurice in die Walliser Bahn münden soll. Die Verrièresbahn ist von Verrières an der französischen Grenze über Travers u. Neuenburg nach St. Blaise zum Anschluß an die Centralbahn projectirt. Die Jurabahn führt von Locle über Chaux de Fonds nach Neuenburg. Die Freiburger Bahn von Lausanne über Freiburg nach Bern. Die Centralbahn beginnt in Basel, geht über Liestal, Sissach an den untern Hauenstein, welchen sie durchbricht, überschreitet die Aare unterhalb Olten u. bildet in Olten einen Hauptknotenpunkt. Hier theilt sie sich in mehre Zweige, welche theils nach Wöschnau bei Aarau, theils über Aarburg, Zofingen u. Sursee nach Luzern, theils nach Solothurn u. Biel, theils nach Burgdorf u. Bern (mit Zweigbahn nach Thun) führen. Die Nordostbahn geht von Wöschnau bei Aarau von der Centralbahn aus über Brugg, Baden, Zürich, Winterthur, Frauenfeld, Weintelden bis Romanshorn am Bodensee u. hat eine Zweigbahn von Baden nach Coblenz am Rhein zum Anschluß an die Badensche Staatsbahn. In Walliselen schließt sich diese Bahn an die Glattthalbahn u. in Winterthur gleichzeitig an die Rheinfallbahn u. an die St. Gallen-Appenzeller Bahn. Die Glattthalbahn geht bei Walliselen von der Nordostbahn aus über Greifensee u. Uster nach Rapperswyl.[624] Die Rheinfallbahn führt von Schaffhausen oberhalb des Rheinfalls über den Rhein durch einen Tunnel des Felsens von Laufen über Marthalen u. Andelfingen nach Winterthur, wo sie sich mit der St. Gallen-Appenzeller Bahn u. der Nordostbahn vereinigt. Die St. Gallen-Appenzeller Bahn beginnt in Winterthur u. geht über Elgg, Wyl, Flawyl u. st. Gallen nach Rorschach an die von hier ausgehende Südostbahn u. wird mittelst Dampfbooten mit den deutschen Eisenbahnen in Friedrichshafen u. Lindau in Verbindung gesetzt. Die Südoftbahn geht von Rorschach dem Rheinthale entlang bis Sargans, von wo der eine Zweig, die Linthlinie, über Wallenstadt, Wesen (mit Zweigbahn nach Glarus), Uznach u. Schmerikon nach Rapperswyl an die Glattthalbahn, der andere über Ragatz u. Mayenfeld nach Chur führt. Von hier soll die Bahn weiter das Rheinthal hinauf bis Disentis u. durch das Medelserthal über den Lukmanier fortgesetzt werden, um durch das Val Leventina mit Italien in Verbindung gesetzt zu werden. An den Erdarbeiten dieser Lukmanierbahn wurde am 29. April 1861 zwischen Biasca u. Bellinzona begonnen. Die Badensche Staatsbahn u. die Ostfranzösische Bahn berühren das Schweizergebiet nur auf kurzen Strecken, erstere die Cantone Basel u. Schaffhausen, letztere den Canton Basel. Die Anlegung von Telegraphen ist nach dem im Decbr. 1851 angenommenen Telegraphengesetz Staatsangelegenheit, u. die Telegraphenlinien von Zofingen, wo das Hauptbüreau sich befindet, ausgehend, durchziehen die ganze S. nach folgenden Richtungen: nach Basel-Chaux de Fonds-Genf zum Anschluß an Frankreich u. Sardinien; Bern. Sion; Luzern-Airolo-Chiasso (Mailand); Zürich-St. Gallen-Splügen-Bellinzona- Locarno. Durch einen Telegraphenvertrag mit Österreich wurde der Anschluß der gegenseitigen Telegraphen bei Bregenz, Feldkirch u. Como verabredet u. die Anlegung von Linien dahin bestimmt. Mit Frankreich, Belgien u. den Deutschen Staaten trat die S. am 7. Februar 1853 von Basel aus in telegraphische Verbindung.

Die intellectuelle u. moralische Bildung betreffend war bis 1830 vom Staate wenig Sorge dafür getragen worden; es erwarben sich in dieser Zeit Private, namentlich Salis von Marschlins, Nesemann von Reichenau, Niederer von Yverdun, Fellenberg u. Pestalozzi, Verdienste um das Unterrichtswesen. Dasselbe nahm seit 1830 einen großen Aufschwung, u. die Bildung verbreitet sich durch alle Schichten des Volkes. In den meisten Cantonen stehen gewählte Behörden (Erziehungsräthe) dem Unterrichtswesen vor, welchen Schulvorstände untergeordnet sind. Es gibt 5500 Schulen, welche den größten Theil des Jahres von 350,000 Schülern besucht werden; ihre Kosten bezahlen die Cantons mit 41/2 Mill., der Staat mit 900,000 Francs; das jährliche Schulgeld beträgt in der Regel 3–6 Frcs. Secundärschulen, welche an manchen Orten mit Realschulen verbunden sind, gibt es 150; Gymnasien u. Lyceen 26, zu ihnen kommen noch die Cantonsschulen in den Cantonen Zürich, Bern, Luzern, Freiburg, Baselland, Schaffhausen, St. Gallen, Graubündten, Aargau, Thurgau, Waadt, Genf. In 10 Seminaren werden Schullehrer, in 4 Lehrerinnen gebildet. Landwirthschaftliche Schulen sind zu Oberstraß, Altenryf, Kreuzlingen, Wettingen, in den Cantonen Waadt u. Genf; Industrieschulen od. Technische Realschulen in Aargau, Bern, Basel, St. Gallen, Chur, Thurgau, Waadt u. Genf, meist mit den Cantonsschulen verbunden. Die 3 Universitäten Basel, Bern u. Zürich haben zusammen an 90 Professoren u. 400 Studenten. Zu Genf u. Lausanne sind zwei sogen. Akademien mit theologischen, philosophischen u. juristischen Facultäten, mit 40 Professoren u. an 300 Studenten. Seit 1855 ist zu Zürich ein akademisches Polytechnicum mit 45 Docenten. Forstcurse gibt es in Chur, Hebammencurse fast in allen Cantonen. Für den Unterricht zahlen die Staatskassen 21/2 Mill. Francs. Viele Lehrer u. Lehrerinnen kommen aus der S. nach dem Norden, bes. zum Unterricht ertheilen in der Französischen Sprache; sowie auch die französischen Pensionen in der Französischen S. vom Auslande sehr besucht sind. Zeitungen: Im Jahre 1852 erschienen 226 Zeitungen u. Zeitschriften, darunter 150 politische, 14 religiöse u. theologische, 13 belletristische, 10 Handels- u. industrielle Blätter, ebensoviel ökonomische, 4 pädagogische etc. Der Buchhandel blüht bes. in den reformirten Cantonen u. ist dem deutschen fast gleich zu stellen. Gesellschaften u. Vereine bestehen viele, so Literarische Gesellschaften, die Helvetische Gesellschaft (gestiftet 1763), die Schweizer gemeinnützige Gesellschaft, die Naturforschende Gesellschaft, Bibelgesellschaften, Missionsanstalten (Basel). In Genf wurde durch Gesetz vom 7. Mai 1852 das Institut national Genevois gegründet, bestimmt alle ähnlichen Privatgesellschaften in sich aufzunehmen u. in 5 Abtheilungen Naturwissenschaften, Geschichte u. Archäologie, Literatur, Schöne Künste, Landbau u. Gewerbfleiß zu fördern u. am 1. Sept. in das Leben zu treten. Künstlergesellschaft, Gesellschaft von Ärzten, viele landwirthschaftliche u. industrielle Vereine, Allgemeine Schweizer Musikgesellschaft, Eidgenössischer Sängerverein, Verein von Milizoffizieren, Militärische Cantonalvereine, Schützengesellschaften, bes. die Große eidgenössische Schützengesellschaft mit zweijährigem Freischießen. Die größte Bibliothek (von 40,000 Bänden) ist in Genf; es gibt Botanische Gärten, Sternwarten, Kunst- u. Naturaliensammlungen, jährlich finden Gemäldeausstellungen statt; ein stehendes Theater gibt es nicht, größere Schauspielhäuser sind in Basel, Bern, Genf, Zürich, Lugano. Die sittlichen Zustände in der S. sind befriedigend; im Durchschnitte kommen jährlich 2 Hinrichtungen vor; an Verurtheilungen: 60 wegen Brandstiftung, 20 wegen Raubes, 30 wegen Tödtung, 300 wegen Gewaltthat, 1000 wegen Diebstahls. Gut eingerichtete Gefängnisse sind namentlich in Genf, Lausanne, St. Gallen, Bern. Aus öffentlichen Mitteln Unterstützte gibt es gegen 130,000, welche eine Summe von 51/2 Mill. Francs, zum großen Theile aus dem Ertrage von Armengütern, erhalten; große Spitäler, welche auch ihre eigenen Güter haben, sind in Bern, Zürich, Lausanne, Basel, Genf etc. Kaum ein anderer Staat ist an Stiftungen für milde u. gemeinnützige Zwecke so reich als die S. In kirchlicher Hinsicht sind die beiden Hauptconfessionen die Reformirte u. die Römisch-katholische. Die Reformirte ist vorwaltend in den Cantonen Zürich, Bern, Glarus, Basel, Schaffhausen, Appenzell-Innerrhoden, Thurgau, Waadt, Neuenburg; die Römisch-katholische in Luzern, den Urcantönen, Zug, Freiburg, Solothurn, Appenzell-Außerrhoden, St. Gallen, Tessin, Wallis; ziemlich im Gleichgewicht, doch mit Überzahl der Reformirten, ist das Verhältniß in Graubündten, [625] Aargau u. Genf. Die Reformirte Kirche hat in einigen Cantonen eine presbyterianische Verfassung, in andern nähert sie sich mehr dem Episkopal- od. Consistorialsystem; sie haben einen Antistes (obersten Geistlichen) u. Dekane od. Kirchenräthe; es gibt 943 reformirte Pfarreien. Die Katholiken unterstehen in ihren 1120 Pfarreien den 7 Bischöfen von Sitten, Freiburg, Basel, Chur, St. Gallen, Mailand u. Como. Klöster gibt es 73, nämlich 27 Kapuziner-, 6 Benedictiner-, 40 Frauenklöster, dazu 9 Chorherrnstifte, im Ganzen mit etwa 1700 Inwohnern.

Die 22 einzelnen Cantone, in welche die S. eingetheilt wird, sind ihrem Alter, ihrer Größe u. der Einwohnerzahl (nach Volkszählung vom 19. Decbr. 1860) nach folgende: Die alten Vororte: Zürich (seit 1351), 31,01 geogr. QM. mit 257,941 Ew., Bern (seit 1353), 123,02 QM., 468,516 Ew.; Luzern (seit 1332), 22,59 QM., 130,965 Ew. Die Urcantone (sämmtlich seit 1308): Uri, 19,67 QM., 14,761 Ew.; Schwyz, 16,83 QM., 45,191 Ew.; Unterwalden, seit 1114 u. 1150 in Obwalden (8,73 QM., 13,399 Ew.) u. Nidwalden (5,26 QM., 11,561 Ew.) getheilt. Die späteren ältesten Cantone: Glarus (seit 1352), 12,11 QM., 33,459 Ew.; Zug (seit 1362), 4,26 QM., 19,667 Ew. Die alten Cantone: Freiburg (seit 1481), 29,47 QM., 105,970 Ew.; Solothurn (seit 1481), 13,73 QM., 69,527 Ew.; Basel (seit 1501), ist seit 1833 in Baselstadt, 0,69 QM., 41,25 Ew., u. Baselland, 7,79 QM., 51,773 Ew., getheilt; Schaffhausen (seit 1501), 5, 55 QM., 35,646 Ew.; Appenzell (seit 1513), ist seit 1597 in Appenzell-Außerrhoden, 4,81 QM., 48,604 Ew., u. Appenzell-Innerrhoden, 2,88 QM., 12,020 Ew., getheilt. Die neuen Cantone (alle seit 1798 u. 1803): St. Gallen, 36,71 QM., 181,091 Ew.; Graubündten, 127,29 QM., 91,177 Ew.; Aargau, 25,31 QM., 114,600 Ew.; Thurgau, 18,07 QM., 90,347 Ew.; Tessin 50,89 QM., 131,396 Ew.; Waadt, 57,66 QM., 213,606 Ew. Die neuesten Cantone (sämmtlich seit 1815): Wallis, 94,82 QM., 90,880 Ew.; Neuenburg, 14,51 QM., 87,847 Ew.; Genf, 5, to QM., 83,345 Ew.

Verfassung. Die am 12. Septbr. 1848 gesetzlich verkündete Bundesverfassung bestimmt: die 22 Cantone üben alle nicht der Bundesgewalt ausdrücklich übertragenen Souveränetätsrechte selbst aus. Dem Bunde liegt die Wahrung der Unabhängigkeit nach außen, Handhabung von Ruh