Coblenz

[224] Coblenz, 1) Regierungsbezirk der preußischen Rheinprovinz, gebildet aus dem größten Theile des vormaligen französischen Departements Rhein u. Mosel, das wieder aus Theilen der Erzstifte Trier, Köln u. Mainz, der Kurpfalz, des Fürstenthums Aremberg, der Grafschaften Sponheim u. Niederkatzenellnbogen, Simmern u. Virneburg, der Wild- u. Raugräflichen Lande zusammengesetzt war, dazu kommen noch Theile von Nassau, Neuwied u. Solms, die vormalige freie Reichsstadt Wetzlar u. die Herrschaft Wildenburg; grenzt an die Regierungsbezirke Trier, Aachen, Köln u. Arnsberg, an das großherzoglich hessische Rheinhessen u. Rheinbaiern, die hessen-hamburgische Herrschaft Meisenheim u. das oldenburgische Fürstenthum Birkenfeld; Flächengehalt 1091/2 QM. mit 508,000 Ew., die in den Gebirgsgegenden zum Theil noch ihre eigenthümliche Tracht bewahren, ist größtentheils gebirgig (Westerwald, Eifel u. Hundsrück); Flüsse: Rhein mit der Mosel, Nahe, Nette, Ahr u. Wied, mit vielem Weinbau in den Thälern der ersten 3 Flüsse u. der Ahr; Landseen: Laacher See, Ulmener Maar u.a. kleine Kraterseen in der vulcanischen Eifel. Die Industrie beschränkt sich fast auf die Städte, worunter C. u. Neuwied. Eintheilung: in 12 Kreise: Adenau, Ahrweiler, Altenkirchen, St. Goar, Coblenz, Cochem, Kreuznach, Mayen, Neuwied, Simmern, Wetzlar, Zell. 2) Kreis darin, 5 QM. u. 60,000 Ew. 3) (Confluentes), Hauptstadt des Kreises u. des Regierungsbezirks, Sitz des Oberpräsidenten, Provinzialschul-Collegiums, Consistoriums u. Medicinal-Collegiums der Rheinprovinz, sowie der Bezirksregierung, des Generalcommandos des 8. Armeecorps, eines Landesgerichts, Haupt- u. Rheinzollamts; vormals Residenzstadt des Kurfürsten von Trier; am Einfluß der Mosel in den Rhein, am linken Ufer des Rheins. Über den Rhein führt eine 470 Schritte lange Schiffbrücke mit 37 Pontons u. über die Mosel eine, 1344 erbaute, 475 Schritte lange steinerne Brücke mit 14 Bogen u. die 1858 erbaute Eisenbahnbrücke. Nach dem Frieden von Luneville 1801 geschleift, seit 1817 neu befestigt, bildet C. mit dem am rechten Ufer des Rheins gelegenen festen Ehrenbreitstein u. Asterstein eine Festung ersten Ranges. Der Ehrenbreitstein (s.d.) liegt 377 Fuß über dem Rhein u. ist natürliche Festung, indem der Berg auf 3 Seiten (nach dem Rhein u. gegen S. u. SO.) steil abfällt. Die neuen Festungswerke nehmen den Raum der alten Festung ein, an einigen Stellen mit Benutzung der alten Mauern. Der Asterstein, früher Pfaffendorfer Höhe, ist südlich vom Ehrenbreitstein; seine Befestigung besteht nur aus einigen Montalembertschen Thürmen. Die Schlucht zwischen Ehrenbreitstein u. Asterstein füllt das gleichfalls befestigte Städtchen Thal-Ehrenbreitstein. Auf dem linken Rheinufer wird die Stadt C. nach der Feldseite durch einen Montalembertschen Thurm u. eine casemattirte Umwallung mit Cavalieren als Außenwerke, gegen Rhein u. Mosel aber durch Cavaliere u. Mauerbefestigungen geschützt. Einige 100 Schritt vor dieser Umwallung erhebt sich die ehemalige Karthause mit dem Fort Constantin; darüber auf einer diese dominirenden Höhe des Hunnenkopfes das sehr starke Fort Alexander mit 2 detachirten kleineren Forts. Jenseit der Mosel, auf deren linkem Ufer, erhebt sich auf den Petersberg das Fort Franz. Zu den Seiten desselben liegen 3 Montalembertsche Thürme. Am Fuße des Forts steht das, 1795 aufgestellte Denkmal defranzösischen Generals Marceau. Sämmtliche Fotrs erhalten durch mehr als 100 Fuß tief in den Fels gehauene Brunnen das nöthige Wasser. Die Festung C. ist ein Meisterstück der neueren Befestigung u. vom preußischen General After 1816–26, aufgeführt. C. hat als Festung große strategische Wichtigkeit, als in der Gabel zwischen Mosel u. Rhein, an der Kreuzung mehrerer wichtiger Straßen u. an einem Hauptübergänge über den Rhein gelegen. C. als Stadt besteht aus der Alt- u. Neustadt. Die Altstadt, meist eng u. finster, hat nur einige schöne Straßen, wie der Hauptstraßenzug (Rheinstraße, Firmung etc.) vom Rhein nach der Moselbrücke, Leer- u. Kornpfortstraße, u. Plätze wie der Plan Florinsmarkt, Münzplatz, Hospitalplatz, ehemalige Paradeplatz etc. Die Neu- od. Clemensstadt ist dagegen schön, bes. zeichnet sich die Rheinfronte, der Jesuitenplatz, der Clemensplatz mit mit einem 60 Fuß hohen Obelisk, die Lindenpflanzung, welche jetzt neben dem großen Schloßplatze zum Paradeplatze dient, u. die Schloßstraße aus. C. hat 7 Kirchen, unter ihnen die zu St. Castor (836 gegründet, der jetzige Bau von 1208–1498), die zu Liebfrauen (erbaut 1250–1500), Carmeliter- (früher Hofkirche, jetzt katholische Garnisonkirche), Jesuiten-, Barbara-, die evangelische Kirche zu St. Florian (1102 erbaut) u. die schöne Schloßkapelle (jetzt evangelische Garnisonkirche). Merkwürdige Gebäude: in der Altstadt: mehrere große Adelshöfe, Regierung (von 1729), Deutschordenshaus (ehemalige Landcomthurei, jetzt Magazin) von 1212, das alte Rathhaus (jetzt Kaufhalle) nebst anstoßendem Schöffenhaus von 1480 resp. 1530, der Gildebau der Krämerinnung (jetzt Provinzial-Gewerbeschule), kurfürstliches Hofgericht mit großen Thürmen (jetzt Pfarrei), Kurfürstenburg von 1270, doch 1558 umgebaut (jetzt Blechfabrik); in der Neustadt: das vormalige kurfürstliche Schloß, vom Kurfürsten Clemens von Trier 1778 erbaut, mir Schloßkapelle, 1842 restaurirt, Residenz des Thronfolgers, Prinz von Preußen, im unteren Stock Sitz des Präsidiums der Provinz; Theater, Elzer Gouvernementshaus, [224] Mainzer- u. Löhrthor im römischen Styl, das Jesuitencollegium seit 1580 erbaut; andere 4 ehemalige Klöster der Carmeliter (jetzt Arresthaus), Franziscaner (Hospital), Dominicaner (Militärlazareth) u. Georgenkloster (Evangelisches Stift). Öffentliche u. Unterrichtsanstalten: Wasserleitung vom nahen Dorfe Metternich über die Mosel auf der Moselbrücke, Uferwerfte, Freihafen im Rhein, Sicherheitshafen in der Mosel an der Vorstadt Lützel-C., Gymnasium mit Bibliothek, Musikinstitut, Zucht- u. Arresthaus, großes Bürgerhospital, welches seit 1826 die von Nancy hierher berufenen Barmherzigen Schwestern besorgen, Waisenhaus, Evangelisches Stift, Provinzial-Gewerbeschule. Beschäftigung: Tabak- u. Stockfabriken, Bereitung mussirenden Rheinweins, gute Fabriken in lackirter Blech- u. Papparbeit, Dosen etc.; Handel, begünstigt durch einen Freihafen u. mehrere Chausseen. Gesellschaften: Casino mit Leseinstitut u. der städtischen Gemäldegallerie, Freimaurerloge: Friedrich zur Vaterlandsliebe. Einwohner: ohne Garnison 22,500, das gegenüberliegende Ehrenbreitstein 2145, die Besatzung dieser beiden Festungshälften 6480, der ganze Städtecomplex also 31,125 Ew. C. ist Geburtsort des Fürsten Metternich, des Professors Görres, der Henr. Sonntag (Gräfin Rossi). – Schon die Römer hatten einen Ort Confluentes am Zusammenfluß der Mosel mit dem Rhein. Es war eins der 50 am Rhein von Drusus um das Jahr 9 v. Chr. als Stützpunkte für die römischen Legionen angelegten Castelle u. stand noch mit 10 anderen unter dem Statthalter von Mainz. Im 5. Jahrh. kam diese Gegend unter die Franken, König Childebert II. (585), Theodorich II. (721) von Austrasien u.a. fränkische Könige residirten in C., u. die Stadt wuchs dadurch an Ansehen u. Reichthum u. der alte Königshof (an dessen Stelle noch jetzt die Straße Altenhof erinnert) dort erhielt vorzugsweise den Namen Cobolenze (Cophelenci). Der alte Ort lag eigentlich nur an der Mosel, ohne bis an den Rhein zu reichen, auf einem Hügel, dessen Formen sowie die Begrenzung des römischen oblongen Castrums das Terrain noch jetzt klar erkennen läßt, in einer Länge von 700 u. Breite von 500 Fuß. Der Königshof bestand noch 1400. Karl der Große hielt sich 807, Ludwig der Fromme 823 u. 836 hier auf, dessen 3 Söhne Lothar, Ludwig u. Karl kamen hier theils persönlich, theils durch Gesandte 842, 848 u. 860 zu Friedensabreden zusammen, namentlich wurde der Vertrag von Verdun in der damals noch auf einer Insel vor der Stadt belegenen Castorkirche vorbereitet. Karl der Kahle schloß hier 860 mit Ludwig dem Deutschen Frieden; Karl der Dicke entließ hier sein Heer gegen die Normannen, die bis hierher das Land rheinaufwärts verwüstet hatten. 860 u. 922 wurden hier Kirchenversammlungen gehalten. 1018 ertheilte Kaiser Heinrich II. C. Stadtrecht, da es früher nur ein Flecken gewesen war, u. schenkte Stadt u. Königshof dem Erzbischof Poppo von Trier, Heinrich III. weilte 1056 hier u. Heinrich V. sammelte 1106 hier 20,000 Mann gegen Köln. Am 22. Februar 1138 wurde hier mit Hülfe des Kurfürsten von Trier das Kaiserhaus der Hohenzollern mit Konrad III., der auch 1150 hier war, auf den deutschen Thron erhoben. 1140 wurde der Hillin- od. Helfenstein, d. i. der südliche Vorsprung u. Bastion des Ehrenbreitsteins vom Erzbischof Hillin von Trier erbaut u. später fortwährend verstärkt. Erzbischof Arnold II. umgab 1249–54 C. mit Mauern. Erzbischof Heinrich v. Vinstingen baute 1276 sich dicht an der Stadt die feste Burg, der Aufstand der Stadt hingegen wurde 1283 mit Waffen unterdrückt. Kaiser Adolf von Nassau 1297, Otto IV. u. Kaiser Ludwig v. Baiern residirten hier zeitweise. Dieser hielt 1338 einen Fürstentag, Maximilian I. 1492 einen Reichstag ab; 1606 beriethen sich die 3 geistlichen Kurfürsten hier über Maßregeln gegen die protestantische Union u. stifteten 1609 hier in der Burg die katholische Liga. 1632 begab sich der Kurfürst Philipp unter französischen Schutz u. räumte Ehrenbreitstein den Franzosen ein, indem er den Cardinal Richelieu zum Coadjutor u. Nachfolger ernannte, auch noch 1651 das ganze Erzstift Trier mit Frankreich vereinigen wollte. Die Bürgerschaft litt die Übergabe von C. an die Franzosen nicht, u. der Kurfürst flüchtete nach Ehrenbreitstein. Von dort beschossen die Franzosen u. Schweden C. u. drangen ein, 2/3 der Bürger kamen um od. flüchteten; die Kaiserlichen u. Spanier nahmen den Kurfürsten aber 1635 zu Trier gefangen u. eroberten 1636 C. u. 1637 Ehrenbreitstein wieder. 1688 belagerten u. beschossen es die Franzosen unter dem Marschall von Boufflers vergeblich; dabei wurde aber die vom Grafen Lippe vertheidigte Stadt verbrannt. Der Kurfürst Clemens Wenzeslaus that viel für C. (Bau einer Wasserleitung, des Schlosses, Theaters, der ganzen Neustadt u. Lindenpflanzung) u. sein Minister Duminique zog seit 1790 die französischen Emigranten unter Calonne u. den Prinzen von Provence u. Artois hierher u. ins nahe Landschloß Schönbornstadt. So wurde C. der Ort des Zusammenflusses der französischen Emigranten, u. 1794 wurde die Stadt von den Franzosen eingenommen, Ehrenbreitstein aber vergebens blockirt, ebenso 1796 u. 1797, 1799 aber erobert u. geschleift. Die Stadt wurde durch den Frieden von Campo Formio u. Luneville definitiv französisch u. zwar Hauptort des Departements Rhein u. Mosel. Am 1. Jan. 1814 kam es wieder an Deutschland u. wurde durch den Wiener Congreß Preußen zugetheilt u. zum Hauptort des Regierungsbezirks C. erhoben. Über die Wiederaufnahme der Festungswerke u. die Umschaffung C-s u. Ehrenbreitsteins zur Festung 1. Ranges s. oben.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 4. Altenburg 1858, S. 224-225.
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