Deutschland [1]

[2] Deutschland (alte Geogr.), das alte D., welches mit römischem od. celtischem Namen Germania genannt wurde, hatte im N. u. O. einen weit größeren, im W. u. S. aber einen geringeren Umfang als das heutige, denn im N. u. O. umfaßte es noch die jetzigen Niederlande, Skandinavien, Ostpreußen u. ein Stück von Polen, während das ganze linke Rheinufer zu Gallien gehörte u. das heutige Süd-D. von der Donau an (als Vindelicien, Rhätien, Noricum) besondere römische Provinzen bildete. Darnach gestalteten sich die Grenzen folgendermaßen: im W. der Rhein, im S. die Donau, im N. die Sarmatischen Gebirge u. die Weichsel, im N. das Mare suevicum (Ostsee), der Oceanus septentrionalis (Eismeer) u. das Mare germanicum (Nordsee). Dieses Germanien hieß Germania magna (G. transrhenana, G. barbara), zum Unterschiede von dem zu Gallia belgica gehörigen westlichen Rheinufer, welches größtentheils Germanen bewohnten, u. welches auch Germania hieß, u. zwar sein südlicher Theil G. prima (G. superior) u. der nördliche G. secunda (G. inferior). Die Beschaffenheit von Germania magna wurde erst seit Cäsars Zeit etwas bekannt, da die Phönizier, welche aus dem Norden D-s Bernstein holten, ihre Entdeckungen geheim hielten, u. Pytheas, der auch bis an die Nordküste geschifft war, wenig Nachrichten mitbrachte. Nach römischen Nachrichten war D. ein unwirthbares, rauhes, im N. durch seine Sümpfe, im S. durch die Urwälder unwegsames Land, durch welches kalte Winde wehten, ein fast immer von Schnee u. Eis starrender, unfruchtbarer Boden, in den Wäldern wilde Thiere. Obgleich diese Nachrichten gewiß sehr übertrieben sind u. von den Berichterstattern durch die Vergleichung namentlich mit Italien u. dem schon damals besser cultivirten Gallien so ungünstig gestaltet wurden: so ist doch sicher, daß D. in alten Zeiten wegen seiner dichten Wälder u. großen Sümpfe ein rauheres Klima gehabt hat, als jetzt. Die Größe wird von den Alten sehr verschieden angegeben; nach Strabo war die Breite längs des Rheines 3000 Stadien (75 geogr. Meilen), nach Agrippa bei Plinius von der Donau bis zur Küste der Ostsee 1200 Millien (240 Ml.), die Länge betrug nach ihm im S. (mit Einschluß von Rhätien u. Noricum) 696 Mill. (140 Ml.), im N. nach Marcian 1350 Stad. (34 Ml.); in der Angabe des Umfanges schwankt Letzter zwischen 11, 250 u. 12, 300 Stadien. Gebirge: Hercynia silva (Hercynius saltus), einungeheueres, ganz D. in seiner Breite durchziehendes Waldgebirge, das nach Cäsar 9 Tagereisen breit u. 60 lang war, erstreckte sich von den Grenzen der Helvetier, Nemeter u. Rauraker nach O. hin bis an die Grenze der Sarmaten, umfaßte also den Schwarzwald, Odenwald, Spessart, das Rhöngebirge, den Thüringer Wald, Harz, die Rauhe Alp, den Steigerwald, das Fichtel-, Erz- u. Riesengebirge; einzelne Theile dieses Gebirgszuges waren von W. aus: Abnoba mons (Rauraci montes), der Schwarzwald, auf welchem die Donau entsprang; Alpii montes (Alba od. Marciana silva), die Rauhe Alp u. der südliche.

Theil des Schwarzwaldes; Bacenis silva, im Gebiet der Chatten, wahrscheinlich der westliche Theil des Thüringer Waldes; Melibocus mons mit Semanus silva, wahrscheinlich der Harz; Sudeti montes, das Erzgebirge; Gabreta silva, der Böhmerwald; Luna silva, das Böhmisch-mährische Gebirge mit Eisenbergwerken; Sarmatici montes, die Karpathen u. der östliche Theil der Mährischen Gebirge; Orcynius saltus, Asciburgicus mons, die Sudeten; Vandalici montes, das Riesengebirge, mit den Quellen der Elbe. Andere von dem Hercynischen Wald unterschiedene Gebirge waren: Taunus mons, noch jetzt so genannt; Rhetico mons, vielleicht das jetzige Siebengebirge; Silva Teutoburgiensis (Saltus Teut.), berühmt durch die Niederlage, welche Hermann dort den Römern unter Varus beibrachte. Als große Wälder werden außerdem noch genannt: Caesia silva, die Waldhöhen zwischen der Lippe u. Yssel; Lucus Baduhennae, in Westfriesland; Herculis silva, in der Gegend von Minden; Naharvalorum silva, westlich von der Weichsel; Semnonum silva, wahrscheinlich zwischen Elster u. Spree; u. der Hain der Hertha (Castum nemus Terrae matris), auf einer unbestimmten Insel des Oceans (vielleicht Rügen). Ströme: Rhenus (Rhein), welcher die Grenze zwischen Gallien u. Germanien bildete, entspringend auf dem Adula mons in den Lepontischen Alpen, floß durch den Lacus Venetus (Bodensee) u. erst nach W., dann nach N. gewendet in das Mare germanicum u. berührte auf seinem Laufe die Völkerschaften der alemannischen u. fränkischen Stämme; seine Nebenflüsse auf dem germanischen Ufer waren: Nicer (Neckar), Mönus od. Mönis (Main), Laugona (Lahn), Siga (Sieg), Rura (Ruhr), Luppia (Lippe); Danubius (Donau), welchen schon die ältesten Griechen von Hesiodos an unter dem Namen Ister, freilich mit sehr falschen Vorstellungen, kannten, entsprang auf dem Abnoba mons u. bildete die Südgrenze von D.; seine Nebenflüsse auf germanischer Seite waren: Nablis (Naab), Reganum (Regen), Cusus (wahrscheinlich Waag), Marus (March), Granua (Gran); Vistula od. Bisula (Weichsel), der Grenzfluß Germaniens gegen die Sarmaten, kam von dem Orcynius saltus u. mündete in den Oceanus Sarmaticus; Amisia (Ems), entsprang im Lande der Bructerer u. ergoß sich in das Mare germanicum; sie trug Schiffe; Drusus besiegte auf ihr im Jahre 12 v. Chr. die Bructerer in einer Schiffsschlacht; Visurgis (Weser) mit dem Nebenfluß Adrana (Edder); Albis (Elbe), auf den Vandalici montes entspringend, theilte Germanien in zwei Hälften u. mündete in das Mare germanicum; Nebenfluß: Salas (Saale); Viadus (Oder), den Alten wenig bekannt. Seen: Lacus Brigantinus (L. Venetus, Bodensee), 460 Stadien lang, von dichten Wäldern umgeben, durch welche die Römer eine Straße gebahnt hatten, wurde von den Helvetiern, Rhätiern u. Vindeliciern umwohnt; außerdem werden die Sümpfe Suesia, Estia u. Melsagium (wahrscheinlich Mecklenburgische Seen) erwähnt. Producte waren: Auerochsen, Eleunthiere, Bären, Wildschweine u.a. [1] Wild; Runder, Pferde, Jagdhunde, Schweine, Schafe, Ziegen; Adler, Gänse, Krammetsvögel, Bienen, Fische, viel Holz, wilde Baumfrüchte, Weizen, Gerste, Hafer, Hirse, Flachs, Rüben, Pastinaken, Rettige, Spargel, Bohnen; Silber, Eisen, Kupfer, Galmei, Krystalle, Onyxe, Türkise, Opale, Diamanten, Bernstein. Auch Heilquellen besaß D., wie die Fontes Mattiaci, mit großen von den Römern erbauten Badeanlagen, Aquae Aureliae (j. Baden), blühend unter M. Aurel, Antonin u. Caracalla. Inseln, an der Nordseite: Actania (j. Schelling), Austeravia (Glessaria, jetzt Ameland), Burchana (Fabaria, Borkum), Insulae Saxonum, am Ausfluß der Elbe; die Insel der Hertha, deren Lage sich nicht bestimmen läßt. Auch das jetzige Schweden u. Norwegen hielten die Alten für eine Insel. Halbinseln: Chersonnesus Cimbrica (das heutige Jütland). Die Bewohner D-s zerfielen in drei Hauptgruppen: Ingävonen, die am Meere wohnenden; Hermionen, im Innern des Landes; Istävonen, in den übrigen Theilen; zu welchem dieser Stämme aber die einzelnen Völkerschaften gerechnet wurden, läßt sich nicht entscheiden, s.u. Deutschland (Gesch.). Diese Völkerschaften waren: an der Nordküste von W. nach O.: Friesen, zwischen Rhein u. Ems; Chauken, im heutigen Oldenburg u. Hannover; Angrivarier, südlich von den Vorigen; Saxonen, zwischen Elbe u. Trave, im heutigen Holstein; Cimbern, im heutigen Jütland u. Schleswig; zu ihnen gehörten die Sigulonen, Sabalinger, Cobander, Chalen, Phundüser u. Charuder; Reudigner, Avionen, Angeln; Variner, ein suevischer Volksstamm, von der Mündung der Trave bis zur Warne wohnhaft; Eudosen, Suardonen, Nuithonen, sämmtlich südöstlich von den Saxonen auf dem rechten Ufer der Elbe; weiter nach O. saßen die Teutonen, Avarner, Sidiner, Rugier, Lemovier, Turcilinger; von den genannten südlich in der Richtung von O. nach W. wohnten die Helveconen, Burgundionen, ein vandalischer Stamm; Semnonen, ein suevischer Stamm; Longobarden, Fosen, Bructerer; südlich von den genannten saßen von W. nach O. gerechnet die Usipeter u. Tenchterer, Sigamber, Mattiaker, Catten, Chasuärer, Tubanten, Marsen, Ansibarier, Dulgibiner, Chamaver, Cherusker, Silinger, Marsigner, Lygier (zu welchen die Manimer, Duner, Elysier, Burier, Arier u. Naharvaler gehörten); endlich im südlichen Theile des alten D-s wohnten von O. nach W. die Oser, Quaden, Markomannen, Narisken, Hermundurer, Alemannen, Franken. In Skandinavien saßen die Chädini, Gutä, Dauciones, Favonä, Firâsi u. Levoni, welche Pliniusunter dem Namen Hilleviones zusammenfaßt u. Tacitus in Suiones u. Sitones theilt. Über die Sitten u. Gebräuche der alten Deutschen, s.u. Deutschland (Antiqu.). Ortschaften u. Städte. Die eigentlichen Städte in D. waren Gründungen der Römer; die hauptsächlichsten waren: im Gebiet der Frisier: Narvalia, Amtsia, Munimentum Corbulonis, Ilevum; im Gebiet der Chauker: Teuderium, Tecelia, Tuliphurdum, Phabiranum, Leuvana (wahrscheinlich das heutige Lüneburg); im Gebiet der Angrivarier: Ascalingium u. Tulisurgium; im Gebiet der Saxonen: Treva; im Gebiet der Variner: Marionis (vielleicht Hamburg), Lirimiris, Marionis altera (nahe an der Mündung der Trave, wahrscheinlich Lübeck), Cönoenum, Laciburglum, Bunitium (Bützow); im Gebiet der Sidiner: Viritium (Wrietzen an der Oder), Virunum; im Gebiet der Rugier: Rugium (Regenwalde); im Gebiet der Helvecouen: Scurgum; in dem Gebiet der Burgunder: Ascaucalis; im Gebiet der Semnonen: Limiosaleum; im Gebiet der Longobarden: Mesuium; im Gebiet der Bructerer: Mediolanium; im Gebiet der Usipeter: Misum (am Rhein, j. Alsum bei Holten); im Gebiet der Tenchterer: Budoris (am Rhein), Divitia (ein Castell, j. Deutz); im Gebiet der Mattiaker, außer den Fontes Mattiaci (s. oben): Artaunum (eine römische Grenzseste), Mattiacum (Marburg?), Munimentum Trajani; im Gebiet der Chatten: Mattium, Nuäsium, Melocavus, Gravionarium; im Gebiet der Tubanten: Canduum, Aliso ein von Drusus gegründetes Castell, wahrscheinlich das heutige Elsen am Zusammenfluß der Alme u. Lippe; im Gebiet der Marser: Stereontium, Bogadium (Münster?); im Gebiet der Cherusker: Luppia (am Harz), Argelia (bei Artern an der Unstrut), Calägia (Halle an der Saale?), Lupphurdum, Bicurgium (Erfurt?); im Gebiet der Silinger: Susudata Zittau?), Cotancorum, Stragona; im Gebiet der Lygier: Calisia (Kalisch), Lugidunum (Liegnitz), Arsonium, Hegetmatia, Budorigum, Leucaristus, Carrhodunum, Asanca (Stary Schanza); im Gebiet der Quaden: Setuia, Eburum, Parienna, Arsicua, Singone, Anabum, Celamantia, Anduätium, Eburodunum, Meliodunum, Felicia, Coridorgis, Phurgisatis, Medoslanium; im Gebiet der Markomannen: Nomisterium, Redintuinum, Marobudum (Residenz des Marbod, wahrscheinlich j. Budweis), Abiluum, Usbium; im Gebiet der Hermunduren: Menosgada, Bergium, Devona, Lacoritum, Segodunum; in den Agri decumates (s.d.): Castellum Valentiniani, Lupodunum, Sanctio, Solicinium, Bibium, Cana (Cannstadt am Neckar?), Aquae Aureliae (s. oben), Tarodunum, Arae Flaviae (Rotweil), Sumiocenull (Sulchen bei Rottenburg am Neckar), Clarennt ad Lunam (Lonsee im Oberamte Ulm), Aquileia, Opie (Bopfingen), Septemiaci (Maihingen), Mediana (Medingen), Iciniacum (Itzing), Celeusum (Ötling). Vgl. Cluver, Germania antiqua, Leyden 1516, Fol., u.ö.; Wilhelmi, Germanie u. seine Bewohner, 1823; Reichard, Germanien unter den Römern, Nürnb. 1826; Ukert, Germania, Weim. 1843.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 5. Altenburg 1858, S. 1-2.
Lizenz:
Faksimiles:
1 | 2
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde

Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde

Als einen humoristischen Autoren beschreibt sich E.T.A. Hoffmann in Verteidigung seines von den Zensurbehörden beschlagnahmten Manuskriptes, der »die Gebilde des wirklichen Lebens nur in der Abstraction des Humors wie in einem Spiegel auffassend reflectirt«. Es nützt nichts, die Episode um den Geheimen Hofrat Knarrpanti, in dem sich der preußische Polizeidirektor von Kamptz erkannt haben will, fällt der Zensur zum Opfer und erscheint erst 90 Jahre später. Das gegen ihn eingeleitete Disziplinarverfahren, der Jurist Hoffmann ist zu dieser Zeit Mitglied des Oberappellationssenates am Berliner Kammergericht, erlebt er nicht mehr. Er stirbt kurz nach Erscheinen der zensierten Fassung seines »Märchens in sieben Abenteuern«.

128 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon