[534] Deutschland oder das gegen 11,600 ! M. mit mehr als 35 Mill. Einw. umfassende Gesammtgebiet der gegenwärtig zum deutschen Bunde vereinigten 34 unabhängigen Staaten und 4 freien Städte, liegt in der Mitte von Europa und ist hinsichtlich der Erzeugnisse seines Bodens und der Geschichte und des Charakters seiner Bewohner das ausgezeichnetste Land dieses Erdtheils. Seine nördl. Grenzen sind die Ostsee oder das baltische Meer auf einer Küstenstrecke von mehr als 80 M., Dänemark und die Nordsee oder das deutsche Meer in einer Ausdehnung von etwa 36 M.; gegen W. wird es von den Niederlanden, von Belgien und Frankreich, im S. von der Schweiz, vom lombard.-venetian. Königreiche, 40 M. weit vom adriatischen Meere, von Dalmatien, gegen O. von Kroatien, Ungarn, Krakau, Galizien, Polen und den kön. preuß. Provinzen Posen und Preußen umschlossen. Die Ausdehnung der ganzen Grenzlinie beträgt gegen 600 M. und der nördlichste Punkt derselben ist das Vorgebirge Arkona (s.d.) auf der Insel Rügen; der südlichste liegt bei Pola am adriat. Meere. Seinen natürlichen Bodenverhältnissen nach wird D. gewöhnlich in Ober- oder Süddeutschland, in Mitteldeutschland und Nord- oder Niederdeutschland abgetheilt. Der S. ist der am höchsten gelegene, am meisten gebirgige und waldige Theil des Landes, daher auch, mit Ausnahme der Donau, alle Hauptströme D.'s nach N. fließen. Von der schweizer Grenze östl. durchziehen ihn die verschiedenen Fortsetzungen und Verzweigungen der Alpen (s.d.); der über 12,000 F. hohe Orteles in Tirol, der 12,000 F. hohe Großglockner in Salzburg sind die höchsten Gipfel D.'s, und die Donau kann als allgemeine nördl. Grenze dieser Gebirgsregion gelten. Wo der Rhein, die Schweiz verlassend, sich nördl. wendet, dehnt sich in gleicher Richtung bis zum Neckar der nadelholzreiche Schwarzwald aus, von dem ein nördöstl. ausgehender Zweig die rauhe oder schwäb. Alp heißt. Jenseit des Neckar bis zum Main folgt der Odenwald mit seinen herrlichen Laubhölzern, dem gegenüber auf dem linken Rheinufer das nördl. Ende der Vogesen mit dem romantischen Hardtgebirge in Rheinbaiern sich verbreitet. Nördl. vom Odenwalde folgt das angenehme Waldgebirge Taunus oder die Höhe, und zwischen Rhein, Lahn und Sieg der Westerwald; gegenüber am linken Rheinufer breitet sich über alles Land zwischen der Mosel und Nahe der Hundsrück aus, der nordöstlichste Ausläufer der Vogesen, dessen höchster Punkt der Walderbsenkopf (2526 F.) ist, am linken Moselufer aber liegt, mit Basaltkegeln und alter Lava bedeckt und ein Boden ehemaliger vulkanischer Thätigkeit, die westl. mit den Ardennen zusammenhängende öde und rauhe hohe Eifel, welche nordwestl. zwischen Roer und Ourthe in die gegen 4 M. lange und breite, zwischen 1500–2000 F. sich erhebende, mit Torfmooren, Riedgras und Morästen bedeckte Hochfläche, die hohe Veen genannt, ausläuft. Im Mittelpunkte D.'s an den Grenzen von Baiern, Böhmen und Sachsen erhebt sich das Fichtelgebirge, dessen höchster Gipfel der Schneeberg (3400 F.) ist, verzweigt sich nordwestl. mit dem Thüringerwaldgebirge, an das sich im Südw. die Rhön anschließt, von der wieder südl. der Spessart sich zum Odenwalde hinzieht und nordwestl. das an Spuren vulkanischen Ursprungs reiche Vogelsgebirge durch Oberhessen zum Westerwalde hin sich ausdehnt. Vom Thüringerwalde nordwestl. und am linken Weserufer liegt das vielfach benannte Wesergebirge, welches sich zwischen Rhein und Weser in viele Verzweigungen ausbreitet und auch im Allgemeinen die Sauerländischen Gebirge heißt. Südöstl. vom Fichtelgebirge streicht der finstere Böhmerwald 24 M. lang unter verschiedenen Namen auf der Grenze zwischen Baiern und Böhmen hinunter bis Linz an der Donau und verzweigt sich hier östl. mit dem mähr. Gebirge, welches auf der Grenze zwischen Mähren und Böhmen nordöstl. zu den Sudeten hinzieht. Diese dehnen sich in einer Länge von 50 M. zwischen Mähren, Preußen, Böhmen und Sachsen bis zum rechten Elbufer aus und ihr höchster Theil ist das 11 M. lange Riesen- und Isergebirge, wo sich die Schneekoppe 5000 F. erhebt; am linken Elbufer bildet ein 20 M. langer und 6–7 M. breiter Gebirgszug, seines Metallreichthums wegen das sächs. Erzgebirge genannt, die Verbindung mit dem Fichtelgebirge. Nördl. vom Thüringerwalde und durch ein ansehnliches Thal davon geschieden, erhebt sich das nördlichste deutsche Gebirge, der Harz, mit dem 3500 F. hohen Brocken (s.d.) und endigt nordl. im Deister- und Süntelgebirge, westl. im Sollinger- und Teutoburgerwalde und dem durch das Fürstenthum Waldeck ziehenden Eggegebirge. Nördl. und nordöstl. von diesen Gebirgen breitet sich das über 2900 ! M. umfassende [535] norddeutsche Flachland mit starkem Abhange nach der Ostsee, mit noch stärkerm aber nach der Nordsee aus, deren Küstenländer weite Sümpfe und Torfmoore enthalten und zum Theil durch 10–20 F. hohe Dämme gegen den Andrang der Fluten geschirmt werden müssen; den Ostseeländern sind dagegen zahlreiche Landseen eigen.
D. gehört zu den von Natur am reichlichsten bewässerten Ländern, zählt über 500 Flüsse, unter denen 60 schiffbar und der Rhein, die Weser, Elbe, Oder und Donau (s.d.) die Hauptströme sind, und hat gegen 600 Seen, welche sich vorzugsweise in den südl. und nördl. Gegenden befinden. Zu den ausgezeichnetsten im S. gehören: der Boden see (s.d.), das bairische Meer oder der Chiemsee, der Königs- oder Bartholomäisee, der Wurm-, Ammer-, Kochelsee und andere in Baiern; der Czirknitzersee (s.d.), der Traun-, Alter-, Wörth- und Hallstädtersee im Östreichischen. Viele derselben sind von bedeutender Tiefe und gleich den Schweizerseen, krystallhell und smaragdgrün und von herrlichen Berg- und Felsenufern umgeben; die Seen des nördl. D.'s dagegen sind mehr stehende, dunkle Gewässer, denen die Flachheit des Landes nur geringen Abfluß gestattet, die aber dennoch die Einförmigkeit des ebenen Landes oft sehr angenehm unterbrechen. Zu den bemerkenswerthesten gehören: der Plöner- und der Ratzeburgersee in Holstein und Lauenburg; der Müritz-, Schweriner-, Malchinersee in Mecklenburg; der Madue-, Enzig-, Papenzinersee in Pommern; die Templiner- und Uckerseen, der Ruppiner-, Mügel-, Prenzlower- und Dolgensee in Brandenburg; westl. von der Elbe sind nur das steinhuder Meer in Lippe-Schaumburg; der Dümmersee in Hanover, der Laachersee in Rheinland zu bemerken. Die den nördl. Küsten zufließenden Flüsse erweitern sich ihres trägen Laufes wegen außerordentlich an den Mündungen und bilden zum Theil große Busen und Seen, wie den Dollart an der Mündung der Ems und das große Haff am Ausflusse der Oder. Von den wenigen Kanälen sind die wichtigsten: der Eiderkanal und der die Steckenitz mit der Trave bei Lübeck verbindende Kanal in Holstein; der plauensche, Finow-, Friedrich-Wilhelms- oder Müllroserkanal im Preußischen; der die Isar und Ammer verbindende Kanal in Baiern; die in die Ems gezogenen papenburger Kanäle im Hanöverschen.
Von den oben geschilderten Verhältnissen werden natürlich Klima und Anbau vielfach bedingt. Das erstere ist zwar im Durchschnitt gemäßigt zu nennen und wird in den nach S. offenen Thälern von Tirol und am adriat. Meere, wo der gelinde Winter nur zwei Monate dauert, so mild, daß Südfrüchte im Freien gedeihen; allein schon in den nahen Alpenländern ist es theilweise sehr rauh und viele Gipfel deckt hier ewiger Schnee. Mitteldeutschland erfreut sich dagegen wieder eines angenehmen, gemäßigten Himmelstrichs, an den Gestaden der Ostsee aber herrscht der Winter gegen sechs Monate und es gedeiht nur wenig Obst. Überhaupt ist das Klima im ganzen nördl. Flachlande verhältnißmäßig rauh und feucht, indem es den Seewinden von N. und W. und den kalten Ostwinden offen liegt; darum sind aber diese Gegenden keineswegs ungesund zu nennen. Der S. ist reicher bewaldet als der N. und der W., hat mehr Laub-, der O. mehr Nadelholz, die gesegnetsten Gegenden unsers Vaterlandes liegen aber in der Mitte derselben. Ein Theil von Baiern, Hessen, Schwaben, die Main-, Rhein-, Neckar-, Wetter- und Lahngegenden, Thüringen, Sachsen, auch zum Theil Mähren und Böhmen bilden den eigentlichen Garten; allein auch das nördl. Flachland, wo dürrer Sandboden vorherrschend ist, hat deutscher Fleiß ergiebig zu machen gewußt, und da, wo es sich, wie in den Stromthälern und an den Ufern der Nordsee, in fetten Marschboden verwandelt, trägt es üppige Getreidefluren, fette Wiesen und Viehtriften, wie z.B. in den Oder-, Warthe- und Netzbrüchen, im Havellande, Spreewalde, an der Weser im Herzogthume Oldenburg u.s.w.
Von den zahlreichen Landesproducten D.'s gehören zu den vorzüglichsten: Gold, von dem gegen 180 Mark jährlich im Salzburgischen, am Harz und im Sande einiger Flüsse gefunden werden; Silber (123,000 Mark) besonders im Erzgebirge und auf dem Harz; Kobalt (s. Blaufarbenwerke); Blei in Menge; Kupfer; Zinn (8000 Ctr.) und Quecksilber (6000 Ctr.) in Idria und Rheinbaiern; Zink; Eisen; Arsenik; Wasserblei; Graphit (s. Bleistifte); Marmor; Vitriol; Porzellanerde; Schwefel; Braun- und viele Steinkohlen und Torf; Stein- und Quellsalz; mehr als 1000 Mineralquellen; auch finden sich in Salzburg, Böhmen, Sachsen und Schlesien einige Edelsteine, namentlich Topasen, Granaten, Karneol, Amethyste, Smaragde u.s.w. Der Feld- und Gartenbau erzeugt zum Theil reichlich alle in Europa gewöhnliche Getreidearten und Feld- und Gartenfrüchte, das feinere Obst ist jedoch im S. vorzüglich häufig, der Weinbau besonders auf die westl. und südl. Gegenden beschränkt; auch werden Flachs, Taback, Krapp, Hopfen, Cichorien, Waid und viele Arzneipflanzen gebaut. Vortreffliche Pferde werden in Holstein und Mecklenburg gezogen; die Rindviehzucht ist höchst bedeutend und die milchreichen, stämmigen Kühe der Marschgegenden an der Nordsee, namentlich in Ostfriesland, sowie das voigtländische Rindvieh werden nur dem schönern Schweizerschlage nachgesetzt. Am meisten fortgeschritten ist in neuester Zeit die Schafzucht durch die Veredlung des Viehes mittels span. Böcke, sodaß Spanien selbst seine Herden durch sächs. und schles. Zuchtvieh zu verbessern sucht. Die Schweinezucht ist in Baiern und Westfalen vorzüglich bedeutend, die Bienenzucht wird aber nur in wenig Gegenden, z.B. in der lüneburger Haide, in einiger Ausdehnung betrieben. Von dem allgemein verbreiteten Federvieh sind die Gänse für die Ostseeländer besonders wichtig, deren Spulen, Daunen und geräucherte Brüste einträgliche Handelsartikel sind. Seidenbau wird im S., neuerdings auch im Preußischen mit neuem Eifer betrieben. Fische (Störe, Haufen, Hechte, Lachse, Karpfen, Aale, Forellen u.s.w.) sind im nördl. und südl. D. vorzüglich häufig und die Fischerei ein wichtiger Erwerbszweig; Schildkröten gibt es in einigen Seen in Brandenburg und im S.; Wildpret ist in mehren Gegenden noch reichlich vorhanden, und wildes Geflügel, darunter Fasanen, Schnee-, Auer- und Birkhühner namentlich in Böhmen und Östreich häufig. Adler, Geier, Falken und andere Raubvögel nisten auf den Gebirgen und in den größern Waldungen, größere Raubsäugethiere aber sind selten. Nur dann und wann verirrt sich ein Bär in die südl. Gebirgswaldungen, selten wird ein Luchs, Wölfe aber werden westl. vom Rhein und östl. von der Oder schon häufiger gespürt; außerdem gibt es Gemsen, Murmelthiere, einzelne Steinböcke auf den Alpen, Füchse, Marder, wenige wilde Katzen, Fischottern und selten Biber. [536] Von den Bewohnern D.'s sind gegen 28 Mill. deutscher und 5,300,000 slawischer Abkunft; letztere sind Sorben und Wenden in Sachsen, Schlesien, Brandenburg und Steiermark, Czechen in Böhmen, Kassuben in Pommern, Slowaken in Mähren, Kroaten im südl. Östreich, und reden zum Theil noch Mundarten einer Sprache, die mit der der Polen und Russen und anderer slaw. Stämme sehr verwandt ist. Außerdem leben noch in D. über 300,000 Juden; im südl. Tirol und Königreich Illyrien über 200,000 Italiener; 300,000 Franzosen und Wallonen am linken Rheinufer; 5000 Griechen und Armenier und eine kleine Anzahl noch umherziehender Zigeuner. In Bezug auf Religion ist im S. die katholische vorwaltend, zu der sich 19 Mill., sowie 15 Mill. zu der im N. vorherrschenden evangelischen oder protestantischen Kirche bekennen, wozu noch etwa 10,000 Herrnhuter (s. Brüdergemeine), 5000 Mennoniten und Wiedertäufer kommen, auch gibt es im Östreichischen einige Tausend griech. Christen. In der äußern Erscheinung sind höherer Wuchs, hellfarbiges, besonders blondes Haar, blaue und hellgraue Augen bei der Bevölkerung Norddeutschlands vorherrschend, während der des S. kürzere, meist untersetzte Statur, dunkelfarbiges Haar, graue und braune Augen eigen sind. Zu den rühmlichsten Grundzügen des deutschen Charakters gehören Redlichkeit und Treue, hohes Rechtsgefühl, unverdrossene Betriebsamkeit, Besonnenheit, die aber oft in übergroße Bedächtigkeit und in nachtheiliges Festhalten am Herkommen ausartet. Der Deutsche ist ferner weit empfänglicher für das häusliche als für das öffentliche Leben; anspruchslos und bescheiden hinsichtlich eigner Verdienste, überschätzt er häufig das Fremde und wahrer Nationalstolz geht ihm leider ab. Als hauptsächliche Erwerbsquellen sind anzuführen: die Landwirthschaft, in welcher D. im Allgemeinen nur von England übertroffen wird, dagegen aber in der Forstwirthschaft und im Bergbau, der auf dem Harz seit dem 10., im sächs. Erzgebirge seit Mitte des 12. Jahrh. besteht, die Lehrerin aller Nationen ist.
Das deutsche Gewerb- und Fabrikwesen braucht kaum den Vergleich mit England und Frankreich zu scheuen und hat sich von jeher in der Verarbeitung mancher Landesproducte ausgezeichnet. Die schles. und sächs. Leinen- und Damastwebereien thun es noch immer allen zuvor; deutsche Spiel- und Holzwaaren werden nach allen Erdtheilen ausgeführt; an innerm Gehalt ist das sächs. Porzellan, hinsichtlich der Malerei das berliner unübertroffen. Viele wollene Waaren werden von ausgezeichneter Güte hergestellt, und nur in der Tuchfabrikation leisten Engländer und Franzosen Vorzüglicheres. Eisen- und Stahlwaaren liefern Westfalen, Rheinland, Böhmen und Steiermark von großer Güte; Berlin zeichnet sich durch seine seinen gußeisernen Artikel aus; böhm. Glaswaaren sind von jeher berühmt. Außerdem nehmen Spiegel-, Fayence-, Leder-, Taback-, Papier-, Tapetenfabriken, die Verfertigung von Strohhüten, künstlichen Blumen, musikalischen Instrumenten und vielen andern zum Theil sehr wichtigen Handelsgegenständen die vaterländische Gewerbsthätigkeit vielfach in Anspruch, und die Verarbeitung ausländischer Producte wie der Seide und Baumwolle wird in immer zunehmendem Umfange und wachsender Vollkommenheit, namentlich in Preußen und Sachsen, betrieben, sodaß manche deutsche Artikel auf außereurop. Märkten sogar die engl. verdrängt haben. Diese vielseitige Gewerbsthätigkeit muß nothwendig einen lebhaften Verkehr nach außen und im Innern hervorbringen, welcher letztere durch die neuerdings stattgefundene Vereinigung der größern Hälfte D.'s zu einem Zollverbande wesentlich erleichtert worden ist, einer gleichen Vereinigung über Münzen, Maß und Gewichte aber noch entgegensieht, indem selbst das einzige allgemein anerkannte deutsche Längenmaß, die deutsche Meile, im gemeinen Leben nirgend Anwendung findet. Die wichtigsten Ausfuhrartikel sind: Getreide, Holz, Leinwand, Wein, Eisen-, Stahl- und nürnberger Waaren, Porzellan, Glas, Spiegel, Smalte, Blei, Wachs, Leder, Woll- und Baumwollenwaaren, Spitzen, Wolle, Salz, Obst, Vieh, namentlich Zugpferde, geräuchertes und gesalzenes Fleisch u.s.w. Eingeführt werden: Taback, Weine, Liqueur, Südfrüchte, Specereien, Zucker, Kaffee, Thee, Seide, Baumwolle, seine wollene, baumwollene und seidene Zeuche, baumwollene Garne, Mode- und Galanteriewaaren, russ. Leinsaat, Häute, gesalzene und getrocknete Fische u.s.w. Die wichtigsten Seehandelsplätze sind: Hamburg, Altona, Bremen und Emden an der Nordsee; Lübeck, Wismar, Stralsund, Rostock, Stettin am baltischen und Triest am adriatischen Meere; die wichtigsten Handelsplätze im Binnenlande: Braunschweig, Breslau, Frankfurt an der Oder, Magdeburg, Köln, Leipzig im nördl. D.; Augsburg, Botzen, Frankfurt am Main, Mainz, Nürnberg, Prag und Wien im südl. D. Wichtige Messen werden in Leipzig, Frankfurt am Main und Frankfurt an der Oder, Braunschweig, Naumburg und Botzen gehalten; auch besitzt D. viele Banken, Versicherungsgesellschaften und andere den Verkehr befördernde Anstalten.
In Bezug auf allgemeine Bildung und auf Wissenschaft und Kunst im engern Sinne steht D. keinem andern Lande nach. Die erstere befördert namentlich der den untern Volksclassen nirgends in solcher Ausdehnung zu Theil werdende Schulunterricht und der jedes andere Land übertreffende Vorrath von Bildungsmitteln aller Art, die andere pflegen vorzugsweise 23 Universitäten in Berlin, Bonn, Breslau, Erlangen, Freiburg, Gießen, Göttingen, Grätz, Greifswald, Halle, Heidelberg, Jena, Innsbruck, Kiel, Leipzig, Marburg, München, Münster, Prag, Rostock, Tübingen, Würzburg und Wien, von denen 7 katholisch, 3 gemischt und 13 evangelisch sind; sowie viele Gymnasien, gelehrte Schulen, Akademien, gelehrte Gesellschaften und Künstlervereine. Öffentliche Bibliotheken haben 150 Orte; mehr als 40 derselben zählen 25,000 Bände und darüber und zu den ausgezeichnetsten gehören die Centralhofbibliothek in München, die kais. zu Wien, die kön. Bibliotheken zu Berlin und Dresden, die Bibliotheken zu Göttingen, Hamburg, Wolfenbüttel u.s.w. Die Gemäldesammlungen in Dresden, Wien, München, Berlin und Kassel zählt man zu den berühmtesten; ausgezeichnet sind die Antiken- und andern Kunstsammlungen zu Dresden, Wien, München und Berlin; die Naturaliencabinete in Wien, Berlin, Göttingen, München, Hamburg und Neuwied; die berg- und forstwissenschaftlichen Lehranstalten zu Freiberg, Tharandt, Mariabrunn, Dreißigacker und andere werden von Zöglingen aus allen Erdtheilen besucht. Die Zahl der deutschen Schriftsteller wird auf 10,000 angeschlagen; Bücher erscheinen gegenwärtig zwischen 4–5000jährlich, desgleichen an 600 Zeitschriften und den Vertrieb der literarischen Erzeugnisse besorgen gegen 1000 Buchhandlungen; stehende Theater befinden sich in mehr als 50 Städten. [537] Die jetzige Verfassung D.'s beruht auf der zu Wien während des Congresses der europ. Fürsten am 8. Jun. 1815 abgeschlossenen deutschen Bundesacte und auf der Schlußacte der wiener Ministerialconferenzen vom 15. Mai 1820, welche beide als Grundgesetze für den dadurch gebildeten deutschen Staatenbund gelten, sodaß keine Bestimmung der Verfassung eines deutschen Landes mit den dort ausgesprochenen Grundsätzen in Widerspruch stehen darf. Den deutschen Bund bilden gegenwärtig, wie ursprünglich, 34 unabhängige Staaten und vier freie Städte, indem die 1817 durch nachträgliche Aufnahme von Hessen-Homburg eingetretene Vermehrung der Mitglieder durch das Erlöschen des herzogl. Hauses Sachsen-Gotha im J. 1825 wieder ausgeglichen wurde. Diese Mitglieder sind: 1) Östreich wegen des Erzherzogthums Östreich, wegen Steiermark, Tirol mit den vorarlbergischen Herrschaften, Böhmen, Mähren, seinem Antheile von Schlesien und Kärnten, Krain, Triest und Friaul; 2) Preußen mit seinen deutschen Provinzen Brandenburg, Pommern, Schlesien, Sachsen, Westfalen und Rheinland; 3) Baiern; 4) Sachsen; 5) Hanover; 6) Würtemberg; 7) Baden; 8) Kurhessen; 9) Großherzogthum Hessen-Darmstadt; 10) Dänemark wegen Holstein und Lauenburg; 11) die Niederlande wegen Luxemburg; 12) Sachsen-Weimar; 13) Sachsen-Meiningen; 14).Sachsen-Altenburg; 15) Sachsen-Koburg-Gotha; 16) Braunschweig; 17) Mecklenburg-Schwerin; 18) Mecklenburg-Strelitz; 19) Oldenburg; 20) Nassau; 21) Anhalt-Dessau; 22) Anhalt-Bernburg; 23) Anhalt-Köthen; 24) Schwarzburg-Sondershausen; 25) Schwarzburg-Rudolstadt; 26) Hohenzollern-Hechingen; 27) Hohenzollern-Sigmaringen; 28) Liechtenstein; 29) Reuß ältere und 30) Reuß jüngere Linie; 31) Lippe-Detmold; 32) Schaumburg-Lippe; 33) Waldeck; 34) Hessen-Homburg; die freien Städte 35) Lübeck; 36) Frankfurt am Main; 37) Bremen; 38) Hamburg. Da der deutsche Bund kein Bundesstaat, sondern ein Staatenbund ist, so haben alle Bundesglieder als solche gleiche vertragsmäßige Rechte und Pflichten. Die gemeinsamen Angelegenheiten dieses unauflöslichen Staatenbundes, dessen Zweck die Bewahrung der Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit der einzelnen deutschen Staaten und die Erhaltung der innern und äußern Sicherheit Deutschlands ist, werden durch eine beständige Bundesversammlung besorgt, welche ihren Sitz in Frankfurt am Main hat, wo am 5. Nov. 1816 ihre Sitzung oder der Bundestag eröffnet worden ist. Die Bundesversammlung, bei der Östreich den Vorsitz hat, ist aus den Bevollmächtigten sämmtlicher Mitglieder des Bundes gebildet und hält ihre förmlichen Sitzungen in doppelter Form, nämlich als engerer Rath und als allgemeine Versammlung, voller Rath oder Plenum, in denen alle Mitglieder theils mehre, theils einzelne und Gesammtstimmen führen. Im engern Rathe werden in der Regel die zur Besorgung der Bundesangelegenheiten nöthigen Beschlüsse, insofern sie nur Anwendung bereits feststehender Gesetze und Grundsätze und keine durch die Bundesacte und spätere Beschlüsse davon ausgenommene Gegenstände betreffen, durch unbedingte Mehrheit der Stimmen gefaßt, deren sämmtliche 38 Bundesmitglieder hier 17 abzugeben haben; nämlich die 11 Staaten Östreich, Preußen, Baiern, Sachsen, Hanover, Würtemberg, Baden, Kurhessen, Großherzogthum Hessen mit Hessen- Homburg, Holstein, Luxemburg jedes eine Einzelstimme, die 12. aber wird von den großherzoglich und herzoglich sächs. Häusern, die 13. von Braunschweig und Nassau, die 14. von Mecklenburg-Schwerin und Strelitz, die 15. von Oldenburg, den drei anhalt. und zwei schwarzburg. Häusern, die 16. von Hohenzollern-Hechingen und Sigmaringen, Liechtenstein, Reuß, Lippe und Waldeck, die 17. von den vier freien Städten gemeinschaftlich geführt. Der engere Rath hat in zweifelhaften Fällen auch darüber zu entscheiden, ob sich Gegenstände zur Beschlußnahme im Plenum eignen, auch bereitet er die der Entscheidung desselben zu unterziehenden Gegenstände so weit vor, daß nur die Abstimmung darüber übrigbleibt, da im Plenum keine Erörterungen und Berathungen stattfinden. Das Plenum versammelt sich nur, wenn Beschlüsse über Annahme neuer Grundgesetze des Bundes oder Abänderung der geltenden, über organische Einrichtungen oder bleibende Anstalten als Mittel zur Erfüllung der ausgesprochenen Bundeszwecke, über Aufnahme neuer Mitglieder, über eine Kriegserklärung oder Friedensschlußbestätigung und andere in der Bundesacte angeführte Gegenstände gefaßt werden sollen, worüber hier 70 Stimmen entscheiden, indem mit Rücksicht auf die verschiedene Größe der Bundesstaaten Östreich, Preußen, Sachsen, Baiern, Hanover und Würtemberg jedes vier; Baden, Kurhessen, Großherzogthum Hessen, Holstein und Luxemburg jedes drei; Braunschweig, Mecklenburg-Schwerin und Nassau jedes zwei; die 24 übrigen Bundesglieder jedes eine; die drei herzogl. sächs. Häuser aber noch eine Gesammtstimme für die 1825 erloschene Linie Sachsen-Gotha abzugeben haben. Ein gültiger Beschluß im Plenum kann nur von wenigstens zwei Drittheilen der Stimmen und in manchen Fällen, z.B. über Annahme neuer oder Abänderung bestehender Grundgesetze, über organische Einrichtungen, Aufnahme neuer Mitglieder und Religionsangelegenheiten, blos durch Stimmeneinhelligkeit gefaßt werden. Außer den förmlichen Sitzungen hält die Bundesversammlung auch vertrauliche, in welchen vorläufige Besprechungen stattfinden; Protokolle werden nur in der erstern aufgenommen und bis ins Jahr 1824 sind die meisten derselben veröffentlicht worden, was seitdem nur mit wenigen geschah.
Da der Bundesversammlung auch die Vermittelung etwaiger Streitigkeiten zwischen einzelnen Bundesstaaten obliegt, so hat sie, wenn eine Beilegung derselben durch einen dazu bestellten Ausschuß nicht zu Stande kommt, eine richterliche Entscheidung derselben durch ein Austrägalgericht (s.d.) zu bewirken. Es können bei ihr ferner Beschwerden wegen erlittener Rechtsverweigerung angebracht werden, sowie wegen solcher Foderungen von Privatpersonen, deren Erfüllung zwischen mehren Bundesgliedern zweifelhaft oder bestritten ist. Unter die für die Verfassung des deutschen Bundes wesentlichen Bestimmungen der Bundesacte gehören ferner die im 13. Artikel angeordneten landständischen Verfassungen für alle Bundesstaaten, die auch jetzt fast in allen Bundesstaaten bestehen. Die Fürsten dürfen aber durch dieselben in der Erfüllung ihrer Pflichten gegen den Bund nicht behindert, namentlich dürfen ihnen zufolge der nähern Bestimmung der Bundesbeschlüsse vom 28. Jun. 1832 die Stände nicht die Mittel zu Führung einer den Bundeszwecken [538] und der Verfassung des Landes gemäßen Regierung verweigern, oder deren Bewilligung von der Gewährung anderweitiger Wünsche abhängig machen. Da die Gesetzgebung der einzelnen Bundesstaaten den Bundesgesetzen nicht entgegen sein darf und um dem vorzubeugen und den Gang der landständischen Verhandlungen im Allgemeinen zu beobachten, ordneten dieselben Beschlüsse die Einsetzung einer Commission von Bundestagsgesandten an, welche über etwaige bundeswidrige Fälle Anträge an die Bundesversammlung zu machen hat. Dagegen wurde durch Bundesbeschluß vom 11. Nov. 1834 die Bildung eines Schiedsgerichts zur Beseitigung der zwischen Regierungen und Ständen oder in den freien Städten zwischen Senat und bürgerlichen Behörden etwa entstehenden, auf gewöhnlichem Wege nicht zu erledigenden Irrungen verordnet, zu dem jede der 17 Stimmen des engern Rathes von drei zu drei Jahren zwei geeignete Männer zu ernennen hat. Aus diesen 34 Schiedsmännern werden in vorkommenden Fällen zwei bis acht, die Hälfte von der Regierung, die Hälfte von den Ständen gewählt, die dann unter Vorsitz eines von ihnen aus den übrigen Schiedsmännern gewählten Obmannes den streitigen Fall durch Stimmenmehrheit zu entscheiden haben, welche Entscheidung nöthigenfalls von der Bundesversammlung in Kraft gesetzt wird. Schon in der Bundesacte wurde ausgesprochen, daß die Verschiedenheit der christlichen Religionsparteien in den Bundeslanden keinen Unterschied im Genuß bürgerlicher und politischer Rechte begründe, und den Unterthanen die Auswanderungsfreiheit, der Besitz von Grundeigenthum in jedem deutschen Staate, Befreiung von Abzugsgeldern und die Befugniß zugesichert, in Civil- und Militairdienste jedes Bundesstaates zu treten, wenn keine Verbindlichkeit zum Militairdienst gegen das bisherige Heimatland entgegensteht. Die militairischen Angelegenheiten ordnet am Sitze der Bundesversammlung eine Militaircommission, das Bundesheer selbst aber zählt ohne die Reserve fast 300,000 Mann und 600 Geschütze; es besteht aus 10 Armeecorps und wird von den Contingenten der Bundesstaaten gebildet, zu denen ein Mann vom Hundert der Einwohnerzahl gestellt werden und deren Ausrüstung so weit vollendet sein muß, daß jedes Corps binnen vier Wochen ins Feld rücken kann. Ostreich stellt die drei ersten Corps, 94,822 M., Preußen die drei nächsten, 79,234 M., das siebente Corps wird von Baiern mit 35,000 M., das achte von Sachsen, Kurhessen und Nassau mit 25,000 M., das neunte von Würtemberg, Baden und Hessen-Darmstadt mit 37,346 M., das zehnte von Hanover, Holstein, den beiden Mecklenburg, Oldenburg, Braunschweig, Bremen, Hamburg und Lübeck mit 34,741 M. gestellt. Dazu kommt als elftes eine Reservedivision von 11,366 M. Infanterie, welche aus den Contingenten der herzogl. sächs., der anhalt. und schwarzburg. Häuser, der beiden Hohenzollern, von Liechtenstein, Waldeck, der beiden Reuß und beiden Lippe, von Hessen-Homburg und Frankfurt bestehen, und ein von Luxemburg gestelltes Reservecorps von 2556 M. zur Besetzung der Bundesfestung Luxemburg, welche nebst den beiden andern Bundesfesten Mainz und Landau freilich blos die westl. Grenze D.'s schützen hilft. Die jährlichen Geldbeiträge der Bundesstaaten zur Unterhaltung der Bundeskanzlei in Frankfurt, welche durchschnittlich über 22,000 Gulden erfodert, werden ebenfalls nach Maßgabe der Einwohnerzahl geleistet.
Von den frühesten Zuständen D.'s und seiner in der Schreibekunst mindestens noch höchst unerfahrenen Bewohner enthalten griech., vornehmlich aber röm. Schriftsteller einzelne Nachrichten, von den letztern widmete jedoch in der zweiten Hälfte des 1. Jahrh. n. Chr. der Geschichtschreiber C. Cornelius Tacitus demselben ein eignes, glücklicherweise erhaltenes Werk. D. heißt darin Germanien und seine Bewohner werden Germanen genannt, was man mit Wehrmänner für gleichbedeutend hält, der Gesammtname Deutsche wird aber von dem Gott Tuisko oder Teut abgeleitet, und wenn er vielleicht auch in den ältesten Zeiten schon Gemeingut der zahlreichen deutschen Völkerschaften war, gerieth er wenigstens mehre Jahrhunderte über die Einzelnamen derselben in Vergessenheit und kam erst bei der Vereinigung derselben zu einem Volke im 9. Jahrh. wieder allgemein in Gebrauch. Zum erstenmal traten die Deutschen in den Stämmen der Teutonen und Cimbern (s.d.) 114 v. Chr. kämpfend gegen die Römer auf und der Schrecken, welcher damals vor ihnen herging, mochte durch spätere Erfahrungen nicht sehr vermindert worden sein, denn noch in I. Cäsar's (s.d.) Legionen machte man Testamente, wenn eine Schlacht mit den Deutschen bevorstand. Wol mochte der seines schönen Italiens gewohnte Römer nicht ohne Grauen an ein Land denken, das er von Jugend auf das große, das barbarische Germanien hatte nennen hören, das nach der gangbaren Schilderung 9 Tagereisen breit war und das 60 Tagereisen lange Sümpfe und Wälder bedeckten, in dessen geheimnißvollem Dunkel ihm an Körperkraft und Größe weit überlegene Menschen, ausgezeichnet durch blondes Haar und blaue Augen, und ihm zum Theil ungewohnte wilde Thiere, Auerochsen, Bäre, Wölfe, Rennthiere, Elenthiere und andere hausten, die jetzt nur in den dichtesten östl. Waldungen und in den nordischen Ländern unsers Erdtheils zu finden sind. Die Grenzen dieses Germaniens waren für die Römer im S. die Donau, westl. der Rhein, nördl. die Nord- und Ostsee, östl. ungefähr die Weichsel und das Karpatengebirge, auch wurden Dänemark, Norwegen und Schweden nicht davon geschieden, da die Bewohner aller dieser Länder, soweit sie den Römern bekannt geworden, in Gestalt, Sprache und Sitte gemeinsamen Ursprungs schienen. Während wir, durch sprachliche Verwandtschaft und uralte Sagen bewogen, in den ältesten Deutschen Einwanderer aus Asien sehen, hielten die Römer sie für Urbewohner des Landes, weil nach ihrer Meinung wol schwerlich Fremdlinge von einem so kalten, rauhen, von Morästen durchschnittenen Lande angezogen werden konnten, dessen Boden freiwillig blos kaum genießbares wildes Obst, Waldbeeren, Pastinakwurzeln, Rettige und einige andere Wurzeln hervorbrachte. Dessenungeachtet befanden sich aber die Deutschen, als sie den Römern bekannt wurden, keineswegs auf der niedrigsten Stufe der Cultur, obgleich diese je nach Lage und Beschaffenheit der Wohnsitze der fast 100 deutschen Völkerschaften höchst verschieden gewesen sein mag. Feste Wohnsitze hatten wol die meisten, waren es auch nur einzelne Höfe; die Anwohner der nördl. Meeresküste, der Seen und großen Flüsse wendeten sich natürlich zu Fischerei und Schiffahrt und von den erstern tauschten schon die Phönizier Bernstein und vielleicht Pelzwerk ein. Andere lebten vorzugsweise von der Jagd, noch andere von der Viehzucht, denn die Deutschen besaßen Pferde, Rinder [539] und Schafe, obgleich unansehnlich von Gestalt, sowie Schweine und Gänse, auch trieben sie nebenbei etwas Ackerbau, dessen Haupterzeugnisse Gerste und Hafer, wenig Roggen und Weizen und außerdem Hanf und Flachs waren, und kannten die Bereitung einer Art Bier und der Butter. Von Handwerken und Künsten übte Jeder, was er fürs Haus brauchte, namentlich verfertigte der Mann seine Waffen selbst und die Frauen webten die neben den Pelzen für den Winter zu ihrer und der Männer Bekleidung nöthige Leinwand. Mit Staunen rühmen die Römer die Einfachheit und Reinheit german. Sitten, die Keuschheit der Frauen, für deren Preisgebung es keine Sühne gab; die Heilighaltung der Ehe, die hohe Achtung, in der das weibliche Geschlecht bei den Germanen stand, die etwas Geheimnißvolles, Heiliges in der Natur der Frauen sahen, deren viele als Weissagerinnen weit und breit geehrt wurden. Außerdem waren sie ihren Männern wahre Gefährtinnen in Freud und Leid, folgten ihnen mit ihren Kindern sogar in den Krieg, ermuthigten sie durch ihre Gegenwart und ihren Zuruf, pflegten die Verwundeten nach dem Siege, und im Fall einer Niederlage tödteten sie oft sich und ihre Kinder, um nicht mit ihnen in Feindeshände zu fallen. Überhaupt war Liebe zur Freiheit und Unabhängigkeit ein Hauptzug im Charakter der Deutschen, der selbst von ihren Feinden als treu, bieder, arglos und wohlwollend gegen Freunde, gastfreundlich im höchsten Grade, muthvoll und tapfer gegen Feinde geschildert wird. Daneben war aber der Deutsche, wenn nicht Jagd und Krieg ihn anregten, auch ungemein träge, dem Trunke und Würfelspiele so leidenschaftlich ergeben, daß er mitunter sein höchstes Gut, die Freiheit, eingesetzt und wenn er sie verloren, sich willig der Knechtschaft hingegeben haben soll, die außerdem nur das Loos der Kriegsgefangenen war. Außer der Bewaffnung, ohne die kein Freier öffentlich erschien, waltete jedoch im Äußern kein Unterschied zwischen Herrn und Diener, aber der letztere gehörte nicht zur Gemeinde, in die auch der freie Jüngling erst dadurch aufgenommen wurde, daß er Spieß und Schild in öffentlicher Versammlung empfing. Diese war entweder eine Gauversammlung und bestand dann aus allen freien Männern eines Gaues, d.h. eines durch Flüsse, Berge oder Wälder begrenzten Landstrichs, dessen Bewohner im Kriege zunächst zusammenhielten und im Frieden unter dem Vorsitze eines durch Alter und Erfahrung ausgezeichneten Aufsehers das Gemeinbeste wahrnahmen und Streitigkeiten Einzelner schlichteten. Mehre Gauen, deren Bewohner einander besonders nahe verwandt in Sitte und Lebensweise waren, bildeten eine Völkerschaft, die zu Schutz und Trutz verbunden, in allgemeiner Volksversammlung über Krieg, Frieden und Bundesgenossenschaft mit andern und über Wahl der Anführer im Kriege entschied, wobei jedoch die Freiheit der einzelnen Gauen ungeschmälert blieb In den Volksversammlungen machte sich von selbst das Ansehen geltend, welches Alter, Kriegserfahrung, Klugheit und erworbene Verdienste um das Gemeinbeste verliehen und das die Dankbarkeit auch auf die solcher Männer nicht unwürdigen Söhne übertrug. Dadurch entstanden angesehenere, später adelige Geschlechter, aus denen die Fürsten oder Könige gewählt wurden, deren Würde meist, jedoch nur durch Wahl des Volkes, auf ihre Söhne überging. Geschriebene Gesetze gab es nicht und die wenigen allgemein gültigen betrafen meist richterliche, Kriegs, und Religionsgebräuche und gingen von den Priestern aus, die allein im Namen der Götter einem Freien körperliche Strafen auferlegen konnten. Das Leben ward nur durch Feigheit und Verrath verwirkt, außerdem konnte jede Beleidigung durch eine Strafe an Vieh und dergl. und selbst der Todtschlag noch durch eine Entschädigung an die Verwandten gesühnt werden.
Ungemein dürftig sind die Nachrichten, welche von der Religion der alten Deutschen sich erhalten haben, auch mag das Nähere ihres Götterdienstes bei den verschiedenen Stämmen sich sehr abweichend voneinander dargestellt haben. Im Allgemeinen erhellt jedoch, daß sie ihren Göttern die höchste Güte, Schönheit, Tapferkeit und Kraft und keineswegs menschliche Schwachheiten beilegten, auch nicht an bildliche Darstellung derselben dachten, also weit erhabenere Vorstellungen von ihnen hegten, als die Römer von den ihrigen. Auch verehrten sie dieselben nicht in Tempeln, sondern sie errichteten ihnen Altäre und Opferstätten in heiligen Hainen die nur die geweihten Priester betreten durften. Dort wurden die Fahnen und Feldzeichen aufbewahrt, den Göttern das Beste, in Kriegszeiten freilich auch Menschen geopfert, daneben sprach sich indessen doch auch die Idee eines höchsten Wesens, Wodan und Allvater, sowie der allgemeine Glaube an eine Fortdauer nach dem Tode aus. Freilich mußten aber bei einem solchen Volke kriegerisches Leben und der Heldentod am ersten dazu befähigen, eine seinen Begriffen angemessene Seligkeit in Walhalla, seinem Heldenhimmel, zu genießen, wo es nur Kämpfe, Jagd und frohe Mahle gab. Auch den Gestirnen und dem Feuer ward göttliche Verehrung erwiesen, und Weissagungen und Zeichendeuterei, z.B. des Fluges der Vögel, des Wieherns der Pferde, standen in großem Ansehen. Die Todten wurden verbrannt, Vornehmere mit besonderm Holze von heiligen Bäumen und den Kriegshelden wurden Roß und Waffen, den Frauen ihre Rocken mitgegeben. Asche und Überreste sammelte man in Aschenkrüge, umstellte diese mit Steinen und über ihnen wurden, je verdienstvoller die Verstorbenen gewesen, desto höher die Grabhügel errichtet, deren sich sehr viele bis auf die Gegenwart erhalten haben.
Das ganze deutsche Volk wurde in drei Hauptstämme, die Ingävonen, Istävonen und Hermionen getheilt, welchen Namen man die Bedeutungen Meeranwohner, Westlich- oder Niedrigwohnende und Hochwohnende unterlegt, und die der Sage nach von den drei Söhnen des Mann, einem Sohne Tuisko's, hergeleitet werden. Ingävonen hausten vorzüglich an der Nordsee und zu ihnen werden Friesen, Cimbern, Angeln, Sachsen und Chaucen gezählt; die Istävonen sind am Rhein entlang zu suchen und zu ihnen gehörten Sigambrer, Bructerer, die wegen ihrer Reiterei berühmten Tencterer, Marsen und andere; den Süden und die Mitte des Landes nahmen die Hermionen, wahrscheinlich der Hauptstamm und auch Semnonen und Teutonen genannt, ein, denen die Cherusker (s.d.), die Sueven, die Chatten im heutigen Hessen, südöstl. die Hermunduren und Markomannen, die Quaden im heutigen Mähren, die Gothinen und Burier etwa in Schlesien, die Longobarden an der Elbe beigezählt werden; an der Ostsee wohnten Variner, Rugier und Veneder, als die östlichsten Deutschen werden aber die Peuciner [540] und Bastarner genannt, deren Sitze bis zu den Donaumündungen gereicht haben mögen. Die kleinern Stämme hielten sich immer zu den mächtigern, verbündeten sich mit ihnen zu gemeinschaftlicher Vertheidigung, und die Römer hatten mit mehren solchen Völkerbünden zu kämpfen, als sie darauf ausgingen, die Grenzen Italiens und der gallischen Provinzen durch Unterwerfung der zunächst nördl. von den Alpen und östl. vom Rheine wohnenden Völker zu sichern. Als Anfang der darum fast vier Jahrh. lang geführten Kriege ist der Kampf zu betrachten, welchen der im südl. Gallien befehligende I. Cäsar (s.d.) mit den unter Anführung des Ariovist den Sequanern wider die Äduer über den Rhein zu Hülfe gezogenen Deutschen bestand, die aus den Bundesgenossen die Gebieter der Sequaner und benachbarten keltischen Völkerschaften werden wollten. Diese foderten nämlich den I. Cäsar auf, sie von den Deutschen zu befreien, der auch unweit der heutigen Stadt Besançon den Ariovist besiegte (58 v. Chr.) und dann über den Rhein zurücktrieb. Als er hierauf ganz Gallien eroberte, gerieth er dadurch wiederholt in Krieg mit den Deutschen am Rheine, den er auch zweimal überschritt, um jene von ihren oft wiederholten Unternehmungen auf Gallien abzuschrecken, jedoch immer nur kurze Zeit am rechten Rheinufer verweilte. Auf dem letzten Zuge unterstützten ihn sogar die Ubier, eine am linken Rheingestade hausende deutsche Völkerschaft, und dies war das erste Beispiel, daß Deutsche mit Fremden verbündet wider Deutsche fochten; auch traten seitdem viele in röm. Dienste und wurden so mit Sitte und Kriegskunst der Römer vertraut, die erst nach Beendigung der Rom damals zerrüttenden innern Kämpfe auf neue Unternehmungen wider D. sannen. Nachdem aber Cajus Octavius Augustus (s.d.) Herr des röm. Reichs geworden, gerieth bis 15 v. Chr. Süddeutschland bis zur Donau unter röm. Botmäßigkeit und ward in die Provinzen, Noricum östl., Vindelicien westl., Rhätien südl., eingetheilt. Nun erst drangen von 12–9 v. Chr. die Römer vom Rhein her unter August's Stiefsohne, Nero Claudius Drusus, auch ins nordwestl. D. vor und kamen im vierten Feldzuge bis zur Elbe. Drusus ließ am rechten Rheinufer viele feste Plätze, sowie Heerstraßen und selbst einen Kanal aus dem Rhein in die Yssel zur Erleichterung der Verbindungen anlegen, starb aber mitten in diesen Vorbereitungen zur dauernden Behauptung des Landes, welche die häufige Uneinigkeit der deutschen Völkerschaften erleichtern half. Des Drusus Bruder und Nachfolger im Heerbefehl am Rhein, Tiberius, gewann mehr durch List und Verhandlungen als durch Gewalt und die Römer näherten sich mit kluger Berücksichtigung der Eigenthümlichkeit der Deutschen immer mehr ihrem Ziele, als diese plötzlich durch das gewaltthätige und habsüchtige Benehmen des röm. Feldherrn Quintilius Varus über die ihnen nahe Unterjochung aufgeklärt wurden und von Hermann (s.d.), dem Fürsten der Cherusker, zum Kampfe angespornt und geführt, die zur Unterdrückung eines Aufstandes aus ihrem festen Lager mit Varus ausgerückten röm. Legionen im teutoburger Walde im heutigen Fürstenthume Lippe-Detmold von allen Seiten angriffen und nach dreitägigem Streite bis auf wenige Flüchtlinge vernichteten (9 n. Chr.), sodaß der verzweifelnde Varus sich selbst den Tod gab. Schrecken erfüllte Rom bei der Nachricht von diesem Unglücke und neue Legionen wurden eilig gerüstet und an den Rhein gesandt, um die gefürchtete Rache der Deutschen abzuwenden, die sich je, doch mit Zerstörung der röm. Festen im Lande begnügten und der wiedergewonnenen Freiheit freuten. Auch ward diese nicht dadurch geschmälert, daß der röm. Feldherr Germanicus, des Drusus Sohn, nicht ohne Unterstützung deutscher Stämme in drei Feldzügen während der Jahre 14–16 die Cherusker mehrmals besiegte, denn er wagte dessenungeachtet nicht, sich an der Weser wieder festzusetzen und trat seinen Rückzug zur See an, wobei er durch Stürme fast die ganze Flotte verlor.
Bald störten aber Bruderkriege den innern Frieden D.'s, zuerst zwischen den Cheruskern und ihren Bundesgenossen, und den Markomannen, deren in Rom gebildeter König Marbod im heutigen Böhmen ein Reich gestiftet hatte und von da aus auf Unterwerfung der Nachbarn ausging. Dem widersetzten sich aber die Cherusker unter Hermann's Führung und die 19 n. Chr. am nördl. Abhange des Erzgebirges von Beiden gelieferte Schlacht ward durch den Abfall der Longobarden zum Nachtheil Marbod's entschieden, den bald nachher sein eignes Volk nöthigte, eine Zuflucht bei den Römern zu suchen. Solche Kriege zwischen deutschen Völkerschaften waren im 1. Jahrh. nicht selten und fanden willige Beförderer in den Römern, gegen die jedoch fortwährend unterworfene deutsche Stämme von Neuem die Waffen ergriffen, wie z.B. die Friesen im I. 20, und die frühzeitig am linken Rheinufer angesiedelten Bataver im I. 70 unter dem Cohortenführer Claudius Civilis. Überhaupt war jetzt das Streben der Römer fast ausschließlich auf Behauptung ihrer westl. und südl. Grenzen gerichtet und Kaiser Hadrian (117–138) ließ deshalb von der Donau an in der Nähe der Mündung der Altmühl einen großen Wall mit Thürmen und Graben bis zum Main anlegen, dessen Spuren noch vorhanden sind und der später den Namen Teufelsmauer erhielt. Hinter solchen Schutzwehren fußte denn auch schnell röm. Cultur; Heerstraßen und Städte entstanden, Handel, Verkehr und röm. Luxus verbreiteten sich, daher unermeßliche Beute gemacht wurde, als während der Regierung des Kaisers Mark Aurel, 161–180, die verbündeten deutschen Nachbarvölker plötzlich über die Donau losbrachen und zum Theil bis nach Italien vordrangen. Von dem Hauptvolke der Bundesgenossenschaft heißt dieser Krieg der markomannische und nur mit der äußersten Anstrengung und mit großen Summen gelang es Rom, den Frieden und die Behauptung seiner alten Grenzen zu erkaufen. Durch dergleichen nun häufiger und dauernder werdende Bündnisse verschwinden die Namen vieler deutscher Stämme, deren auch während der innern Kriege mancher untergegangen sein mag, von jetzt an aus der Geschichte, indem natürlich das angesehenste oder mächtigste Volk dem Bunde den Namen gab. Insbesondere waren es die vier großen Bündnisse der Alemannen und Sueven im südwestl., der Franken im nordwestl., der Sachsen im nördl. D. und der östl. bis ans schwarze Meer reichende Bund der Gothen, die zuletzt den Untergang des abendländischen röm. Reichs herbeiführten.
Die Einfälle deutscher Völker in das röm. Gebiet wiederholten sich immer häufiger; von den Küsten Galliens und Britanniens waren die Seeraub treibenden Sachsen kaum abzuwehren und am Rhein und an der Donau wurden die Eindringenden nur mit großer Mühe und oft durch Anwendung von Wortbruch und Verrath und in röm. Solde stehende [541] Deutsche wieder auf ihre alten Sitze beschränkt, bis gegen Ende des 4. Jahrh. das Vordringen der Hunnen von Mittelasien aus nach W. die Lage der Dinge gänzlich veränderte. Im heutigen Südrußland wurden von ihnen die Alanen, dann die Ostgothen überwunden, was, ohne daß die Hunnen jetzt weiter vordrangen, die benachbarten Westgothen so besorgt machte, daß sie bei den Römern um Aufnahme am rechten Donauufer anhielten, die ihnen nur unter so schmählichen Bedingungen gewährt wurde, daß die Vollziehung derselben die bittend Gekommenen in Feinde verwandelte. Später wendeten sie sich unter Alarich (s.d.) nach Italien und von da nach dem südl. Gallien und Spanien, wo sie ein westgothisches Reich stifteten. Um dieselbe Zeit strömten auch in gewaltigen Zügen Vandalen, Sueven, Quaden, Alanen und Gothen über den Rhein nach Gallien und nach dessen Ausplünderung über die Pyrenäen nach Spanien, wo sie sich niederließen und von wo aus die Vandalen (s.d.) sogar auf der Nordküste von Afrika (435) ein Reich gründeten. Die Burgundionen ertrotzten sich von den Römern Wohnsitze im südöstl. Gallien (s. Burgund), Angeln und Sachsen eroberten den größten Theil des heutigen Englands, die Franken bemächtigten sich der Länder am Niederrhein und der Schelde. Endlich drangen auch die Hunnen unter Attila (s.d.) verheerend durch das südl. und mittlere D., und durch deutsche Stämme verstärkt, nach Gallien, wo sie jedoch durch ein Heer von Römern und noch mehren Deutschen bei Chalons an der Marne 451 geschlagen und nach dem erfolgten Tode Attila's von den ihrer Herrschaft sich schnell entledigenden deutschen Völkerschaften bis ans schwarze Meer zurückgetrieben wurden. Die Sieger wählten sich dann Wohnplätze an den röm. Grenzen, so die Gepiden, Ostgothen, Heruler, Rugier u.a. im jetzigen Siebenbürgen, Ungarn und Östreich. Endlich machte in Rom selbst Odoaker, der Oberbefehlshaber der deutschen Truppen, denen man die verlangten Ländereien in Italien abschlug, dem abendländischen Reiche ein Ende, indem er 476 den letzten Kaiser entthronte und sich zum Könige von Italien aufwarf.
Während die Deutschen auf diese Weise neue Reiche außerhalb ihrer bisherigen Wohnsitze gründeten, wurden diese zum Theil von slawischen Stämmen eingenommen, die in das heutige Böhmen und die Gegenden an der Oder entlang bis zum baltischen Meere einwanderten. Im übrigen D. finden sich zu Anfange des 6. Jahrh. nur die Friesen nach wie vor in ihren alten Sitzen an der Nordsee; die Sachsen hatten den größern Theil des nördl. D.'s inne; südl. von ihnen bestand zwischen Elbe, Harz und Main das Königreich Thüringen (s.d.), in den Donauländern aber wohnten bis zum Lech Bojoarier (s. Baiern), und jenseit des Lech Sueven und Alemannen. Die wichtigste Rolle in der Geschichte war jedoch zunächst den Franken am Niederrhein und im nördl. Gallien vorbehalten, von wo aus König Clodwig (s.d.) Stifter des großen Frankenreichs wurde, dem seit 496 die Alemannen, seit 530 die Thüringer sich unterwarfen und an dessen Spitze nach langen innern Zerrüttungen endlich Karl der Große, 768–814, trat. Ihm gelang nach dreißigjährigen blutigen Kämpfen die von seinen Vorgängern bisher vergeblich versuchte Unterwerfung und Bekehrung der Sachsen zum Christenthume, des letzten deutschen Stammes, welcher Unabhängigkeit und uralte freie Verfassung noch bewahrt hatte. Auch fanden während seiner Regierung viele Kriege mit den slawischen Nachbarn der Deutschen und mit den räuberischen Avaren (s.d.) statt, von denen das südl. D. eine Zeit lang verheert wurde. Von Karl's Nachfolgern besaß aber keiner Talent genug, das weite Reich mit Kraft und Würde zu beherrschen, und nachdem seine drei Enkel mit ihrem Vater, Ludwig dem Frommen, gest. 840, erst um die Theilung, dann unter sich um den Besitz der Erbschaft seines Reichs gestritten, kam endlich 843 zu Verdun jener berühmte Theilungsvertrag zwischen ihnen zu Stande, zufolge dessen Ludwig, genannt der Deutsche, alles östl. vom Rheine unter fränk. Botmäßigkeit stehende Land und außerdem, damit es dem Reiche auch an Weinbergen nicht fehle, die Städte und Gauen Mainz, Worms und Speier am linken Rheinufer erhielt und erster König der Deutschen wurde. Mit ihm beginnt daher im engern Sinne die Geschichte des deutschen Reichs, dessen damalige Grenzen ungefähr mit denen des heutigen D. übereinstimmten. Bis dahin waren in der ursprünglichen Landesverfassung und in den Zuständen der Bewohner D.'s höchst wichtige Veränderungen eingetreten, welche natürlich von dem herrschenden Volke, den Franken, ausgingen, die in dem eroberten Gallien bald das dort vorgefundene Christenthum annahmen, auch von den röm Regierungsformen viel beibehielten. Dabei wurden jedoch Leute gebraucht, welche geläufig schreiben, lesen und rechnen konnten, mit welchen Fertigkeiten vorzugsweise der geistliche Stand vertraut war, und daher schnell zu wichtigem Einflusse gelangte. Die fränk. Könige strebten daneben, sich zu unbeschränktern Gebietern zu machen, als sie zeither waren und benutzten die ihnen durch Eroberung zugefallenen Ländereien und die Einführung neuer, den röm. nachgeahmter Hofämter, um viele und besonders die einflußreichsten Männer an ihr Interesse zu fesseln, indem sie dieselben damit gegen Angelobung von Gehorsam und Treue gegen den König beliehen, mit Verletzung dieser unbedingten Pflichten aber Verlust von Gut und Würden und Strafen verbanden. Wie sehr sich in Folge dessen Alles gegen früher veränderte, erhellt daraus, daß unter Karl und Ludwig selbst die großen Vasallen, wenn sie den König anredeten, ihm die Füße küssen mußten. Das Christenthum hatte bei den Gothen unter allen deutschen Völkern zuerst und schon im 4. Jahrh. Eingang gefunden und vielleicht auch in den an das röm. Gebiet grenzenden Gegenden manchen Bekenner erworben, bevor es im Laufe des 7. und 8. Jahrh. durch die frommen Bemühungen vorzüglich engl. Geistlicher, unter denen Bonifacius (s.d.) der wichtigste war und von denen so mancher zum Märtyrer wurde, im S. und in Mitteldeutschland allgemeiner verbreitet und später im N. durch Karl's des Großen Waffen eingeführt ward. Mitunter mag auch der fromme Eifer der Apostel der Annahme der neuen Religion nachtheilig geworden sein, wie z.B. bei den Friesen, deren Herzog Radbod schon mit einem Fuße im Wasser stand, um die Taufe zu empfangen und seinem Volke dadurch ein Beispiel zu geben, als ihm aber die Frage: wo sich seine ungetauften Vorfahren befänden, mit »in der Hölle« erwidert wurde, mit der Erklärung zurücktrat: er wolle bei den übrigen Fürsten seines Volks sein. Auch waren die Abgaben keine Empfehlung derselben, welche an die zur Befestigung des Christenthums neugestifteten Bisthümer und Klöster entrichtet [542] werden mußten, die übrigens zugleich Stützen der kön. Gewalt abgaben. Freilich wurden sie auch die Träger milderer Sitten, allgemeinerer Cultur, allein wie langsam es damit ging, dafür spricht, daß noch der solche Zwecke eifrig befördernde Karl der Große selbst in der Schreibekunst unerfahren war; wie sehr man sich aber mehr an den Wortglauben als an das Leben im Geist und in der Wahrheit hielt, lassen die wegen Mord und anderer schwerer Verbrechen zahlreich vorkommenden kirchlichen Stiftungen, durch die Alles abgebüßt wurde, und Karl's des Großen geschärfte Verordnungen wider den immer häufiger werdenden Meineid vermuthen. Hörigkeit und Leibeigenschaft griffen dabei immer mehr um sich und Sklaven hatten noch nicht aufgehört, ein Gegenstand des Handels nach dem Auslande zu sein.
Das bei Ludwig's des Deutschen Regierungsantritte durch die langen Unruhen geschwächte Reich war an den Ost- und Nordgrenzen den Angriffen der Slawen, Dänen und Normänner ausgesetzt, mit denen daher fast ununterbrochene, jedoch meist glückliche Kriege geführt und gegen die zuletzt vom adriatischen Meere bis an die Eider eine Reihe von Grenzmarken unter streitbaren Markgrafen errichtet wurden. Allein auch zwei von Ludwig's Söhnen, Karlmann und Ludwig der Jüngere, empörten sich wider ihren Vater, der sich indessen zu fest benahm, um sie nicht zu baldiger Unterwerfung zu nöthigen, dann aber mit Nachsicht behandelte, ihre Anhänger jedoch desto strenger strafte. Er vergrößerte D. durch Köln, Trier, Aachen, Utrecht, Metz, Strasburg und andere Gebiete am linken Rheinufer, welche ihm aus der Erbschaft seines 869 ohne rechtmäßige Erben gestorbenen Neffen, Lothar II., zufielen. Bevor aber nach Ludwig des Deutschen Ableben, 876, seine Söhne sich in das Reich theilen konnten, mußten sie mit ihrem Oheim, Karl dem Kahlen von Frankreich, kämpfen, der davon an sich zu reißen suchte, was er konnte, jedoch bei Andernach entscheidend besiegt wurde. Karlmann nahm hierauf Baiern, Kärnten mit den dazu gezogenen slaw. Ländern, Ludwig der Jüngere Franken, Sachsen, Thüringen und Deutsch-Lothringen, Karl der Dicke Elsaß und Alemannien oder Schwaben, mit der nachmaligen Schweiz bis zum Jura in Besitz. Die Theilung war indeß von kurzer Dauer, denn Karlmann starb 880 und hatte nur einen unehelichen Sohn, Arnulf, der blos das Herzogthum Kärnten erhielt, und der Tod des ebenfalls erbenlosen Ludwig des Jüngern machte 882 Karl den Dicken, den geistlosesten der drei Brüder, der auch 880 die Kaiserwürde in Rom erworben hatte, zum Gebieter von ganz D., und da ihn auch die Franzosen mit Übergehung des fünfjährigen rechtmäßigen Thronerben 884 zu ihrem Könige wählten, war Karl des Großen Reich beinahe gänzlich wieder unter einem Scepter vereinigt. Der einsichtslose Karl verstand aber seine Macht nicht zu brauchen, konnte nicht einmal die räuberischen Einfälle der Normannen abwehren, denen er schmählichen Tribut zahlte, und machte sich aller Achtung bald so verlustig, daß die Franzosen so wenig länger mit ihm zu thun haben wollten, wie die Deutschen, welche an seiner Statt auf dem Reichstage zu Tribur am Rheine 886 den als weise und tapfer bekannten Arnulf von Kärnten zu ihrem Könige wählten. Nur einige Güter zum Unterhalt bat sich der feige Karl von ihm aus, die er auch erhielt, jedoch schon 888 starb. Arnulf demüthigte die Normannen und den von ihm selbst erst mächtig gemachten, dadurch aber bis zur Empörung übermüthig gewordenen Mährenfürsten Zwentibold, gegen den er sich leider auch mit den räuberischen Ungarn verband, die aus O. in die Niederdonauländer eingewandert waren und denen er dadurch den Weg nach D. zeigte. Sodann zog er nach Italien, mußte aber Rom mit Sturm nehmen, bevor ihm 895 dort die Kaiserkrone zu Theil wurde. Krankheit bewog Arnulf zur schleunigen Heimkehr, was die Römer zu schnellem Verrath an der ihm gelobten Treue ungestraft benutzten, da der Kaiser keinen Zug mehr wider sie thun konnte und 899 mit Hinterlassung eines rechtmäßigen Sohnes, des sechsjährigen Ludwig, genannt das Kind, starb. Zwar wurde dieser als deutscher König anerkannt und Otto der Erlauchte, Herzog von Sachsen, mit dem Erzbischof Hatto von Mainz, der freilich als ein herrschsüchtiger und hinterlistiger Mann geschildert wird, übernahmen in seinem Namen die Reichsverwaltung, vermochten aber weder Frieden und Recht im Innern zu schützen, wo die Großen ihre Macht während des Königs Unmündigkeit und mit Hintenansetzung ihrer Pflichten gegen das Reich auf jede Weise zu erweitern suchten, noch den wiederholten Einfällen der Ungarn zu begegnen, welche Baiern, Franken, Thüringen, einen Theil von Sachsen und Schwaben aufs Unmenschlichste verwüsteten. Bei diesem allgemeinen Elende ging auch das Meiste der aufkeimenden Bildung wieder unter und die Trostlosigkeit und Entmuthigung stieg zuletzt so weit, daß Besitz und Leben dem gepeinigten Volke fast werthlos schienen. So war der Zustand des Vaterlandes, als König Ludwig im 19. Jahre unvermählt und plötzlich starb (911) und die Reihe der deutschen Nachkommen Karl's des Großen beschloß.
Während jetzt mehre deutsche Fürsten nach Gewinnung von Unabhängigkeit trachteten, traten Sachsen und Franken zur Wahl eines neuen Königs zusammen, die nach erfolgter Ablehnung der Krone von Seiten des Sachsenherzogs Otto des Erlauchten, auf den mächtigen fränk. Grafen Konrad fiel. Vergeblich trachtete dieser als König Konrad I. danach, die übermüthigen Großen dem Reichsoberhaupte wieder gehorsam zu machen, da nur mit vereinter Kraft etwas zu gründlicher Besserung der allgemeinen Noth auszurichten war. Allein zur Behauptung seines Ansehens wider die meisten und auch noch zum Kampfe mit den Ungarn und Slawen reichte seine Macht nicht hin, sein redlicher Wille ließ ihn aber noch bei seinem Tode (918) dafür sorgen, daß Heinrich von Sachsen, obgleich einer seiner mächtigsten Widersacher, sein Nachfolger werde, der auch durch Wahl der