Wien

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[715] Wien, die Haupt- und Residenzstadt des östr. Kaiserthums und insbesondere die Hauptstadt des Landes unter der Ens oder von Niederöstreich, ist die größte und eine der ältesten deutschen Städte und liegt mit Ausnahme von zwei Vorstädten am südl. Ufer der Donau, in welche sich das durch die Stadt fließende Flüßchen Wien bei der Weißgerbervorstadt, sowie der Alferbach und der neustädter Kanal ergießt, 522 F über dem Meere.

Es trennt die eigentliche Stadt, welche kaum eine Stunde im Umfang hat, von den östl. gelegenen Vorstädten, deren überhaupt 34 sind und mit denen W. einen Umfang von 31/2 M. und gegen 350,000 Einw. hat. An der Landseite ist ganz W. von sogenannten Linien, d.h. einem 12 F hohen Wall und breitem Graben umschlossen und zwischen der eigentlichen Stadt und den Vorstädten liegt das 600 Schritt breite Glacis, ein durch Baumgänge, öffentliche Gärten und dergleichen Anlagen sehr anmuthiger Raum, von welchem zwölf Thore in die innere Stadt führen, die kaum den zehnten Theil des Ganzen einnimmt. Diese, sowie die Fahrstraße um das Glacis und die Hauptstraßen der Vorstädte sind jetzt mit Granitwürfeln gepflastert, und der lästige Staub hat sich daher sehr vermindert, über den man früher so klagte, als Glacis und Vorstädte noch chausseeartig waren. Die Reinlichkeit wird durch unterirdische Kanäle befördert, die aus der Stadt und den meisten Vorstädten in die Donau geleitet sind. Die innere Stadt hat 55,000 Einw., meist enge und krumme Straßen und Gassen und sehr viel hohe Häuser von 5–7 Stockwerken. Manche derselben sind zugleich von ungewöhnlichem Umfange, wie z.B. das Trattner'sche, in welchem gegen 400 Menschen wohnen, und das seit 1785 zu Wohnungen eingerichtete Bürgerspital mit zehn Höfen, welches des Jahrs 170,000 Gldn. Conv.-Münze Miethe einbringt. Von den öffentlichen Plätzen ist nur der sogenannte Hof von bedeutendem Umfange, hält 213 Schritte in die Länge und 46 in der Breite und hat zwei mit Statuen verzierte Springbrunnen, sowie eine von Leopold I. errichtete, metallene Säule zu Ehren der unbefleckten Empfängniß der Mutter Jesu. Mit schönen Gebäuden umgeben ist der Josephsplatz, mit dem 1806 vollendeten Denkmale Joseph II. von Zauner, einer kolossalen ehernen Reiterstatue auf einem schönen granitnen Fußgestell, an dessen Seiten auf ehernen Tafeln die Thaten des Kaisers in halberhabener Arbeit sinnbildlich dargestellt sind. Der schönste Platz ist der neue Burg- oder Paradeplatz, welcher 400 Schritte lang und 120 breit ist, und südl. an die kais. Burg stößt, zu welcher hier das 1824 vollendete, 228 F. breite neue Burgthor mit fünf Eingängen führt. Eigentlich nur breite Straßen und zugleich die lebhaftesten und elegantesten Stadttheile sind der auf S. 717 abgebildete Graben mit einer von Leopold I. in Folge eines Gelübdes bei einer Pest 1679 errichteten Dreifaltigkeitssäule, und der [715] daranstoßende Kohlmarkt, wo sich zahlreiche und glänzende Kaufmannsläden befinden. Von S. nach N. geht mitten durch die Stadt die sehr lebhafte kärntner Straße nach dem sogenannten Stock am Eisen. Dies ist ein alter Baumstamm, der für einen Überrest des vordem bis hierher gegangenen wiener Waldes ausgegeben wird, mit einem Band und Vorlegeschloß an ein nahes Haus angeschlossen und voller Nägel ist, welche sonst die nach W. eingewanderten Schlossergesellen einschlugen. Das Schloß soll nach der Sage einst von einem Schlosserlehrling mit der Bedingung verfertigt worden sein, daß er sogleich losgesprochen werden solle, wenn kein Meister dasselbe werde öffnen können. Der Teufel soll ihm dabei geholfen und ihn auch hinterher entführt haben. Zu beiden Seiten des Paradeplatzes liegen der Volksgarten mit einem Theseustempel, dessen Statue von Canova ist, und der Kaisergarten mit einem prächtigen Gartengebäude. Hier auch liegt an der Südseite der Stadt die kais. Burg, ein unregelmäßiges, zum Theil alterthümliches, sehr weitläufiges Gebäude und als kais. Residenzschloß ziemlich unansehnlich, von der Stadt her über den hier mit der prächtigen kais. Reitschule abgebildeten Michaelsplatz zugänglich. Der östl. Theil heißt die alte Burg oder der Schweizerhof von der daselbst im Hofe sonst befindlichen Schweizerwache, und wurde vom Herzog Leopold III. zu Anfang des 12. Jahrh. aufgeführt. Der westl. im 17. Jahrh. erbaute Flügel heißt von der Witwe Joseph I., welche hier wohnte, Amalienhof; die Nordseite bildet die sogenannte Reichskanzlei, ist mit Bildsäulen verziert, welche die Herculesarbeiten vorstellen, und von Fischer von Erlach erbaut, der auch den schönsten, südl. Theil des Kaiserschlosses vollendet hat, in welchem sich die Säle und Prachtgemächer zu den Hoffesten befinden und deren Fenster meist nach dem Glacis und auf das prächtige neue Burgthor hinausgehen. In der kais. Burg werden aber auch kostbare Naturaliensammlungen, das Antikencabinet, die berühmte Münzsammlung verwahrt; es befinden sich darin die Schatzkammer und die kais. Bibliothek (360,000 Bände, 120,000 Landkarten, 300,000 Kupferstiche und Holzschnitte) ist an dieselbe angebaut, sowie das kais. Burg- oder Nationaltheater und die Augustinerkirche. Unweit der Burg liegt der schöne Palast des Erzherzogs Karl, welcher dem verstorbenen Herzog von Sachsen-Teschen gehörte, mit einer ausgezeichneten Kupferstich- und Handzeichnungssammlung, und in der Nähe das Theater am Kärntnerthore. Ausgezeichnete Paläste und Gebäude sind ferner der Hofkammerpalast; das Majoratshaus und der Sommerpalast des Fürsten Liechtenstein; die ungar. und siebenbürg. Staatskanzlei; die Münze, welche ehemals die Wohnung des Prinzen Eugen war; die Gebäude des Hofkriegsraths, der Nationalbank, die 1365 gestiftete Universität (bei der seit 1819 auch eine protestantisch-theologische Facultät besteht), das Rathhaus in der wiplinger Straße, die östr.-böhm. Hofkanzlei; das kais. Zeughaus, in welchem die angebliche Rüstung Attila's, der von Gustav Adolf von Schweden in der Schlacht bei Lützen getragene Koller und viele andere kriegerische Merkwürdigkeiten verwahrt werden; das bürgerliche Zeughaus, wo der Kopf des Großvezier Kara Mustapha gezeigt wird, welcher nach mislungener Belagerung von W. erdrosselt und von den Östreichern später ausgegraben worden ist. Die herrlichste Kirche W.'s und eine der schönsten in der Welt ist der auf S. 718 abgebildete Dom zu St.-Stephan am Stephansplatze; gegründet vom ersten Babenberger Heinrich Jasomirgott im J. 1144, ist derselbe im J. 1529 zu seiner jetzigen Vollendung [716] gebracht worden. Er gehört zu den prächtigsten Denkmälern gothischer Baukunst, ist ganz von Quadern aufgeführt, 333 F. lang, 222 breit und 105 F. hoch, hat fünf Eingänge, 18 hohe Säulen, 31 Fenster mit Glasmalerei, 38 marmorne Altäre, unter welchen sich besonders der schwarze marmorne Hochaltar auszeichnet, eine herrliche Kanzel und vortreffliche Orgel. Er enthält ferner schöne Gemälde und zahlreiche Grabmäler, darunter das des Prinzen Eugen, den herrlichen Marmorsarkophag Kaiser Friedrich III. von Lerch, die Gräber des Bürgermeisters Spießhammer und mehrer Cardinäle. Fünf Stockwerke tiefe Gewölbe sollen den Grund bilden, allein die drei untern werden der Sage nach nie geöffnet. Die obern zwei dienten als Grüfte, in welchen die Leichen aber nicht verwesen, sondern vertrocknen. Sie wurden in den Raum zwischen je zwei Pfeiler geschichtet und dieser vermauert, wenn er ausgefüllt war. Zwischen diesen versperrten Grüften führen Gänge zu der in der Mitte gelegenen kais. Gruft, in welcher seit Ferdinand II. die Eingeweide der Verstorbenen aus der kais. Familie in kupfernen Urnen beigesetzt werden. Gedeckt ist die Kirche mit buntglasirten Ziegeln und ihr berühmter 428 F. hoher Thurm gilt für den stärksten in Europa, wurde 1360 von Meister Wenzla aus Klosterneuburg begonnen und 1433 von H. Buchsbaum vollendet. Eigentlich waren dem Dome zwei Thürme zugedacht, allein der zweite ist nur 160 F. aufgeführt worden. Der vollendete liegt an der Südseite und bildete eine mit gothischen Verzierungen geschmückte Pyramide mit einen kupfernen Doppeladler und Kreuze darüber auf der Spitze, und man gelangte auf 753 Stufen und mittels dreier Leitern in seinen Knauf. Die Spitze hatte jedoch im Verlaufe der Zeit sehr gelitten und sich nördl. geneigt, daher man 1839 davon 101/2 Klafter lang abgetragen hat, um sie, dem genommenen Modell gleich, dauerhaft wiederherzustellen. Die 402 Ctr. schwere, 10 F. weite Glocke, welche im Thurme hängt, ist 1711 aus eroberten türk Geschützen gegossen worden. Außerdem sind anzuführen die an die kais. Burg grenzende Hofpfarrkirche der Augustiner, welche 1339 vollendet wurde und wo in der Lorettokapelle die Herzen der verstorbenen kais. Familienglieder in silbernen Gefäßen verwahrt werden; auch befindet sich in derselben das von Canova (s.d.) gearbeitete, berühmte Grabmal der Erzherzogin Christine, Gemahlin des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen, sowie Denkmäler Kaiser Leopold II., des Feldmarschalls Daun und das Grab von Abraham a Santa-Clara (s.d.). Ein 180 F. hoher, schöner Thurm zeichnet die 1412 erbaute und in neuerer Zeit hergestellte Kirche der Redemptoristen (s.d.) zu Maria-Stiegen aus; unter der kleinen Capucinerkirche am Neumarkt befindet sich seit Kaiser Matthias die Gruft, wo die Leichname der kais. Familie beigesetzt werden. Die Peterskirche ist nach dem Muster der gleichnamigen in Rom aufgeführt; die Schottenabtei und Kirche enthält sehenswerthe Denkmäler.

Weit freundlicher als die Stadt nehmen sich die seit 1683 angebauten Vorstädte W.'s aus, wo man schöne, breite Straßen, freie Plätze, auch viele Gärten und selbst ansehnliche Stücke Feld findet; die Seitenstraßen sind hier noch nicht gepflastert, sondern nur als Chaussee unterhalten. Nördl. liegen, durch einen schmalen Donauarm von der Stadt geschieden, auf einer Insel die Leopoldstadt und Jägerzeil, der schönste Theil W.'s, mit stattlichen Palästen. Auch die zwei vornehmsten Vergnügungsorte der Wiener, der Prater, gegen 11/2 St. lang und eine Stunde breit, und der Augarten liegen hier, an den westl. die Brigittenau grenzt. Der erste besteht aus Wald und Wiesen, wird von herrlichen Alleen durchschnitten und ein Theil desselben, der »Wurstlprater« ist ein ganzes Dorf von Wirthshäusern, Schaubuden und ähnlichen Etablissements. Im höchsten Glanze zeigt sich das öffentliche Leben W.'s hier im Frühjahre, ehe der reiche Adel auf seine Güter geht, wo die im Glanz der Livreen, Pferde und Wagen wetteifernden Spazierfahrer zuweilen vom Stephansplatze bis zum Ende der Allee eine zwei Stunden lange, sich in der strengsten von Reiterwachen aufrecht gehaltenen Ordnung langsam fortbewegende Reihe bilden, welcher auch die Hofwagen sich anschließen. An der in den Prater führenden Straße liegt das leopoldstädter Theater, welches Lustspiele, Local- und Zauberpossen und Parodien aufführt. Kaffeehäuser und Restaurationen sind überall gastlich geöffnet; ein Platz ist besonders für Feuerwerke bestimmt und eingerichtet und an den besuchtesten Tagen finden sich hier gegen 150,000 Menschen zusammen. Weit kleiner und auch zierlicher gehalten ist der links hinter Leopoldstadt gelegene Augarten mit prächtigen Baumpartien und Anlagen, wo ebenfalls Gasthäuser sind. An ihn grenzt die Brigittenau, eine große Wiese, auf welcher jährlich am Brigittentage eine Kirmse oder Art Volksfest begangen wird. Der Leopoldstadt gegenüber liegt die Vorstadt Rossau, wo sich die kaiserl. Porzellanfabrik und ein Sommerpalast des Fürsten Liechtenstein, welchem diese und die Vorstadt Lichtenthal gehört, mit einer berühmten Gemäldegalerie befindet. In den Vorstädten Währingergasse und Alsergasse liegt die große Caserne für 3–4000 M., dahinter das große Militairlazareth und weiterhin das von Joseph II. aus der Stadt hierher verlegte Krankenhaus, welches 3000 Kranke aufnehmen kann, der Narrenthurm, dem Krankenhause gegenüber aber das große Findelhaus. Ferner befinden sich für die schönen Gebäude der me dicinisch-chirurgischen Josephsakademie, welches auch dazu gehörige Sammlungen und namentlich die berühmten Wachspräparate von Fontana und Mascagni aus Florenz enthält; eine Gewehrfabrik und das 1836 neuerbaute Criminalgebäude. Die von Joseph I. angelegte Josephsstadt enthält das Piaristenkloster, das josephstädter Theater (welches die Mitte zwischen Lustspiel und Volksschauspiel zu halten sucht); in dem weiter östl. gelegenen St.-Ulrich sind viele Sommerpaläste, der Palast der ungar. adeligen Garde, in Neubau und Schottenfeld viele Fabriken, in Mariahilf der Esterhazy'sche Garten und der prächtige Apollosaal, sowie die Frauenkirche mit einem wunderthätigen Gnadenbilde, in Lehmgrube die Ingenieurakademie, eine Infanteriecaserne, die Cadettenschule und der kais. Marstall für 400 Pferde anzumerken. Die größte Vorstadt ist die Wieden, wo dicht am linken Ufer des Wienflusses das Theater an der Wien, das größte in W., liegt, welches Spektakel-, Zauber- und Singspiele gibt. Hier sind ferner sehenswerth das Theresianum (eine Bildungsanstalt für junge Adelige), die Kanonengießerei, das gräfl. Starhemberg'sche Freihaus mit 800 Wohnungen, verschiedene Paläste, die Pfarrkirche zum heiligen Karl Borromäus, welche zu den schönsten von W. gehört und in Folge eines von Karl VI. zur Abwendung einer in W. herrschenden Pest gethanen Gelübdes 1736–37 erbaut worden ist. Sie liegt frei auf einer Höhe mit der Fronte nach der Stadt, hat ein von sechs korinthischen Säulen getragenes Portal, zu welchem elf Stufen hinausführen und [719] an dessen beiden Seiten sich freistehende dorische Säulen von 41 F. Höhe und 13 F. Durchmesser erheben, in welchen Treppen bis zu dem auf dem Capitäl befindlichen Thürmchen führen, wo zwei kleine Glocken hängen und um welche vier eherne Adler mittels ihrer ausgebreiteten Flügel ein Geländer bilden. Rund um die Säulen winden sich aufwärts in halberhabener Arbeit Darstellungen des Lebens und Todes des h. Karl Borromäus (s.d.). Das Hauptgebäude der Kirche prangt mit einer hohen, achteckigen Kuppel und den Hochaltar bildet der auf Wolken knieende h. Borromäus aus weißem Marmor; in der Kirche befindet sich auch das 1813 dem dramatischen Dichter Heinr. von Collin errichtete Denkmal. Nahebei liegt die neue polytechnische Lehranstalt. Die östl. Vorstädte Margarethen, Neuwieden, Landstraß, Erdberg und Weißgerbervorstadt reichen mit der letztern bis an das Donauufer und enthalten unter andern das Invalidenhaus, das kais. Lustschloß Belvedere auf dem Rennwege, welches aus zwei vom Prinzen Eugen erbauten Palästen besteht und 1776 vom Kaiser angekauft wurde, und wo sich die kais. königl. Gemäldesammlung (2500 Nummern), sowie die 1805 aus dem Schlosse Ambras in Tirol nach W. gebrachte ambraser Sammlung von alten Waffen, Kunstwerken und Seltenheiten, endlich der auf Franz I. Befehl angelegte botanische Garten der östr. Flora befinden. Die Gemäldesammlung wurde von Ferdinand III. begonnen, von Karl VI. wesentlich vermehrt, zuerst unter Maria Theresia 1775 im Belvedere aufgestellt und ist besonders an ital. und niederländ. Werken reich. Ferner sind hier der fürstl. Schwarzenberg'sche Sommerpalast und öffentliche Garten, der botanische Garten, das Elisabethinernonnenhospital, die Thierarzneischule, die 1836 neugebaute Münze. Einen Theil dieser Vorstädte trennt der Fluß Wien und der hier in ein großes Bassin endigende wiener-neustädter Kanal von der innern Stadt, welcher für die Zufuhr von Lebensmitteln und Feuerung sehr wichtig ist.

Unter den zahlreichen und freigebig ausgestatteten Bildungsanstalten W.'s steht die von Rudolf 1365 gestiftete, 1622 unter die Leitung der Jesuiten gestellte, 1756 durch van Swieten umgestaltete Universität voran, bei der sich auch eine protestantisch-theologische Lehranstalt befindet und welche Bibliotheken und berühmte Sammlungen mannichfaltiger Art besitzt. Eine Akademie der morgenländ. Sprachen besteht seit 1754; es gibt eine Akademie der bildenden Künste (1704 von Leopold I. gestiftet und von Franz I. im J. 1812 erneuert, die auch eine Gemäldesammlung besitzt), ein vaterländisches Conservatorium der Musik, sowie überhaupt wissenschaftliche, künstlerische und gewerbliche Bildungsanstalten aller Art, und für den Jugendunterricht ist ebenfalls umfänglich gesorgt. Außerdem bestehen gelehrte und gemeinnützige Gesellschaften und Vereine für die vielseitigsten Zwecke, z.B. für Blumistik, die Gesellschaft der Musikfreunde des östr. Kaiserstaats, der Verein für Kirchenmusik, ein kaufmännischer Verein, ein Verein für Wettrennen. Zahlreich und ausgezeichnet sind die Gesundheits- und Wohlthätigkeitsanstalten, wie das allgemeine Krankenhaus mit einem Gebär-, Irren- und Findelhause, das Militairhospital mit 934 Betten, die Hospitäler der barmherzigen Brüder, der Elisabethinerinnen, das Waisenhaus (welches 3400 Kinder erzieht), das kais. Armeninstitut, das Taubstummen-, Blindeninstitut u.s.w., wozu eine große Anzahl wohlthätiger Privatvereine und Anstalten, eine Spar, und Versorgungskasse, ein Leihhaus, zwei Invalidenhäuser und andere kommen. Das Policeiwesen wird mit außerordentlicher Aufmerksamkeit verwaltet, sodaß Fremde selbst unvorsichtige Äußerungen zu vermeiden haben, da sie leicht von geheimen Policeiagenten (von den Wienern Naderer genannt) vernommen und Veranlassung zu Unannehmlichkeiten werden könnten. Das Klima ist ziemlich unbeständig und windstille Tage sind selten; die gesundeste Lage haben die südl. und westl. Vorstädte, welche auf Abhängen des Wiener- und Kahlenberges liegen, auch Überfluß an den in mehren andern Stadttheilen fehlendem guten Trinkwasser besitzen.

Als Handels- und industrieller Platz nimmt W. den ersten Rang in der östr. Monarchie ein und der Gewerbfleiß hat in der jüngsten Zeit einen neuen Aufschwung genommen. Haupterzeugnisse sind Seiden-und Baumwollenwaaren, Shawls, Galanteriewaaren, Uhren, Wagen, Fortepianos, Bleistifte, Metallwaaren und Hüte. Für den innern Handel ist W. der Mittelpunkt und der bedeutende Durchgangshandel nach Ungarn und dem Morgenlande nimmt seit Einführung der Dampfschiffahrt auf der Donau und durch die 1840 zum Theil (13 M. lang) eröffnete Kaiser-Ferdinands-Nord- (Eisen-)-Bahn, die bis Bochnia in Galizien gehen wird, und die Eisenbahn über Wienerisch-Neustadt nach Raab fortwährend zu; wichtig ist auch der Verkehr mit Triest, Deutschland und Rußland und die Bedeutung W.'s als europ. Wechselplatz ist sehr groß. Beförderungsmittel des Verkehrs sind die Börse, an der vorzüglich ein großer Umsatz in Staatspapieren stattfindet, und die seit 1817 errichtete Nationalbank. Dieser Verkehr führt in W. Repräsentanten der verschiedenen Nationen des südl. Europas und der Levante, namentlich Slawen aller Stämme, Magyaren, Griechen, Türken, Italiener zusammen, wie dies in solchem Umfange in keiner andern deutschen Stadt der Fall ist. Die große Masse der Einw. zeichnet sich durch Gutmüthigkeit, Hang zum sinnlichen Lebensgenuß, zum Essen, Trinken, Schauen, Musik und Tanz aus, und W. ist berühmt wegen seiner zahlreichen Vergnügungsorte und gutes Essen und Trinken. Der jährliche Bedarf der Stadt an Nahrungsmitteln beläuft sich auf 90,000 Ochsen, 70,000 Schweine, 125,000 Kälber, 116,000 Schafe, 256,000 Stück Geflügel, 42 Mill. Eier, 340,000 Ctr. Gemüse, 18,000 Ctr. Getreide, 876,000 Ctr. Mehl und Brot, 355,000 Eimer Wein, 600,000 Eimer Bier, 1900 Eimer Branntwein u.s.w. Das Bürgermilitair besteht aus einem Grenadierbataillon, zwei Regimentern, dem Schützen- und Künstlercorps, zwei Escadrons Reiterei und einem Artilleriecorps mit sechs Kanonen. – Die nächste Umgebung W.'s erhält nächst der Donau und ihren reizenden Inseln durch einen mit Wald und Wein bestandenen Gebirgsrücken etwas besonders Anmuthiges, welcher in geringer Entfernung von der Stadt sich am Donauufer erhebt und von NO. gegen SW. hinzieht. Die zunächst an der Donau steil aufsteigende Höhe heißt Leopoldsberg, trägt ein Schloß und Wirthshaus, von dem man einer herrlichen Aussicht genießt, und ist gegen W. mit Buchen, an den andern Seiten mit Reben bewachsen. Durch eine Schlucht davon getrennt folgt der Kahlenberg, an dessen Fuße die vorzüglichsten und einträglichsten östr.[720] Weinpflanzungen liegen. Ferner gehören zu den reizendsten Orten in der Nähe die kais. Luftschlösser Schönbrunn und Laxenburg, die Dörfer Penzing, Maria Hitzing, Meidling, Nußdorf, Briel, Dornbach, der Galizinberg u.s.w. Der weibliche Theil der Bevölkerung W.'s zeichnet sich durch schlanken Wuchs und volle Formen, heitern Ausdruck der Gesichtszüge aus, steht aber in Hinsicht der geistigen Ausbildung den norddeutschen Frauen nach. Die Tracht der untern Stände und vieler Bürgerfrauen hat noch manches Eigenthümliche von früherer Zeit beibehalten, wohin namentlich die goldbrokatenen wiener Hauben und der Spencer gehören, welcher den Oberleib bekleidet. Aber mehr als an vielen andern Orten gehorcht man hier der Sinnlichkeit vor der Sittlichkeit. Der Hof macht sich durch außerordentlichen Prunk und Festlichkeit nur bei besondern Gelegenheiten bemerklich.

W. gehört zu den ältesten deutschen Städten, und zur Zeit der Römer besaßen diese hier ein Castell, welches Vindobona hieß und ein Standquartier röm. Legionen war, um das sich frühzeitig die Eingeborenen angesiedelt haben mögen. Die auf diese Art entstandene Stadt ward im 5. Jahrh. von den Römern verlassen, dann von Rugiern, Gothen, Avaren und Hunnen besessen und verheert. Karl der Große vertrieb die letztern 791 aus Östreich, wo er Markgrafen einsetzte, welche Stelle im Hause Babenberg erblich wurde. Von diesen auch wurde W. wieder hergestellt, und Heinrich II. Jasomirgott, erster Herzog von Oestreich, legte 1144 den Grund zur Stephanskirche und ließ 1160 eine Burg oder Residenz in der Stadt aufführen, welche an der Stelle der jetzigen Kriegskanzlei stand. Kaiser Friedrich II. ertheilte im 13. Jahrh. der Stadt die Reichsfreiheit, welche aber 1245 schon wieder verloren ging, und seit Maximilian I. war sie beständige Residenz der deutschen Kaiser. Von den Türken wurde W. 1526 und 1683 belagert und das letzte Mal durch den Herzog Karl von Lothringen, Johann Sobieski von Polen, die Kurfürsten von Baiern und Sachsen entsetzt. Die damals sämmtlich verheerten Vorstädte wurden nun neu aufgebaut, und 1704 mit den noch bestehenden Linien (Wälle und Graben) zum Schutze wider die bis W. streifenden ungar. Insurgenten versehen. Als 1797 W. von den Franzosen bedroht war, wurde ein Corps Freiwilliger von den angesehensten Einw. gebildet, das auch ausmarschirte, allein nicht mehr zum Kämpfen gelangte; am 13. Nov. 1805. ging jedoch W. ohne Vertheidigung an die Franzosen verloren, die es erst am 12. Jan. 1806 nach dem presburger Frieden wieder räumten. Im Kriege 1809 ward es im Mai, nachdem es eine Nacht lang beschossen worden, abermals von den Franzosen besetzt und erst nach dem wiener Frieden am 27. Nov. wieder verlassen, nachdem sie vorher noch einen Theil der Festungswerke zerstört hatten. Diese sind zwar hergestellt, allein später auch wieder in Spaziergänge umgestaltet worden und W. hat aufgehört, Festung zu sein. Im J. 1815 fand der Wiener Congreß (s.d.) hier statt, dem 1819 noch ein Ministercongreß folgte; 1832 und in den nächstfolgenden Jahren raffte die Cholera (s.d.) hier viele Opfer hin. – Der sogenannte Wiener oder Schönbrunner Friede vom 14. Oct. 1809 machte dem von Östreich im Apr. 1809 ohne Bundesgenossen mit Frankreich begonnenen, unglücklichen Kriege ein Ende, nachdem Wien und die Schlacht bei Wagram (s.d.) verloren waren und zunächst der Waffenstillstand von Znaim den Feindseligkeiten Einhalt gethan hatte. Die Unterhandlungen waren in ungar. Altenburg am 17. Aug. begonnen worden, aber erst am 14. Oct. wurde der Friede in W. unterzeichnet, in welchem Östreich an Baiern das Innviertel, Salzburg mit Berchtoldsgaden und einem großen Theile des Hausruckviertels, ferner die zum Gouvernement Illyrien von Napoleon vereinigten Gebiete Götz, östr. Friaul, Krain, Triest, den villacher Kreis, Dalmatien und einen Theil von Kroatien, an das Herzogthum Warschau das westl. Galizien mit Krakau und dem östr. Antheile an Wieliczka, überhaupt mit noch einigen andern Landestheilen 2000 ! M. mit 3,254,000 Einw. abtrat und 85 Mill. Kriegssteuer zahlen sollte. Außerdem mußte es die Aufhebung des deutschen Ordens in den Rheinbundsstaaten und die franz. Umgestaltungen in Spanien, Portugal und Italien anerkennen und dem Continentalsystem beitreten. Die südl. und westl. Militairgrenzen und alle Seehäfen gingen für Östreich verloren, welches daher die Sicherheit seiner Länder und ihre freie Benutzung zugleich einbüßte. – Die sogenannten Wiener Tränkchen sind ein bekanntes Abführmittel; das Wiener Grün eine von Mittis in W. erfundene grüne Öl- oder Wasserfarbe, die aus arseniksaurem Kupferoxyd besteht, und das Wiener Schwarz, ein vom Professor Jasunger aus Torf und Steinkohlen bereitetes, rußartiges Kohlenschwarz.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 715-721.
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