Maria Theresia

Maria Theresia

[57] Maria Theresia, Königin von Ungarn und Böhmen, Erzherzogin von Östreich und gekrönte deutsche Kaiserin, geb. 1717 zu Wien, war die Tochter Kaiser Karl XI., des letzten männlichen Nachkommen des Hauses Habsburg-Östreich und durch den Tod ihres einzigen Bruders Leopold Thronerbin zufolge des von Karl VI. gegebenen neuen Erbfolgegesetzes, der pragmatischen Sanction, für die er so viel als möglich die Gewährleistung der europ. Staaten erlangt hatte.

Nach derselben sollten seine Töchter, dem von seinem Vater Leopold I. errichteten Familienvertrage zuwider, vor den mit den Kurfürsten von Sachsen und Baiern vermählten Töchtern seines 1711 verstorbenen Bruders Joseph I., den östr. Thron erben, und M. gelangte daher durch Karl VI. Tod am 20. Oct. 1740 zum Besitz der drei Kronen von Östreich, Ungarn und Böhmen. Die 24jährige, ebenso schöne, als mit seltenen Eigenschaften des Geistes ausgestattete Fürstin, seit 1736 mit dem Herzoge Franz Stephan von Lothringen vermählt, der 1737 Großherzog von Toscana und am 21. Nov. 1740 von ihr zum Mitregenten erklärt wurde, kam jedoch unter sehr ungünstigen Verhältnissen zur Regierung. Es waren nicht 100,000 Fl. im Schatze, kaum 30000 Soldaten in den deutschen Erblanden, das Land erschöpft, die Hauptstadt misvergnügt wegen Theurung; sehr bald zeigte sich, wie wenig auf die gute Gesinnung der Nachbarn zu zählen sei, und in dieser Bedrängniß fehlten ihr noch obendrein entschlossene und einsichtsvolle Räthe. Kurfürst Karl Albrecht von Baiern ließ alsbald gegen M.'s Besitznahme der Erbschaft feierlich protestiren, weil seine Gemahlin, eine Tochter Joseph I., zwar für sich, aber nicht für ihre Nachkommen ihren Ansprüchen habe entsagen können und dem Hause Wittelsbach schon von Kaiser Ferdinand I., 1558–64, nach dem Ausgehen des östr. Mannsstammes die Nachfolge zugesagt sei. Unterdessen hatte König Friedrich II. von Preußen die Abtretung der vier schles. Fürstenthümer Liegnitz, Brieg und Jägerndorf verlangt und war, damit abgewiesen, schon 1740 in Schlesien eingedrungen. Seine Erfolge machten den andern Feinden der Königin M. Muth und der Kurfürst von Baiern drang mit einem bair.-franz. Heere 1741 in Oberöstreich ein und eröffnete den östr. Erbfolgekrieg; ihm schlossen sich Sachsen, Köln, Pfalz, Spanien und Sardinien an und verhandelten schon die Theilung der östr. Lande. Karl Albrecht ließ sich in Linz als Erzherzog von Östreich huldigen, wendete sich dann nach Böhmen, eroberte Prag und ließ sich als König krönen; im Jan. 1742 ward er auch zum deutschen Kaiser als Karl VII. gewählt. Inzwischen hatte sich aber die Lage der Sachen schon wesentlich geändert und M.'s Beharrlichkeit, die auch in der größten Bedrängniß nicht erschüttert worden war, trug ihre Früchte. Im Sept. 1741 war sie bei dem nach Presburg berufenen ungar. Reichstage, in ungar. Trauerkleidung, auf dem Arme ihren einjährigen Sohn, nachherigen Kaiser Joseph II., und angethan mit der Krone des h. Stephan und dem Königsschwerte, immitten der Versammlung erschienen, hatte dieser in eindringlicher lat. Rede ihre gefährliche Loge geschildert und mit rührenden Worten sich und ihren Sohn dem Schutz der biedern Ungarn empfohlen. Tief ergriffen von dem Unglück, begeistert von den Worten der schönen Herrscherin, rissen Alle die Säbel aus der Scheide und brachen in den einmüthigen Ruf aus: »Moriamur pro rege nostro Maria Theresia!« (Laßt uns für unsern König Maria Theresia sterben!) Ein allgemeines Aufgebot erfolgte und außer vielen tausend Edelleuten, die sich schon im Oct. bewaffnet stellten, strömten große Haufen streitbarer Mannschaft herbei, sodaß zwei Heere gebildet werden konnten. England bewilligte Hülfsgelder und die Feinde wurden nicht blos schnell aus Östreich vertrieben, sondern am Tage nach Karl VII. Kaiserkrönung (12. Febr. 1742) war mit einem großen Theile von Baiern auch München in östr. Gewalt. Sardinien, das durch die versprochene Abtretung einiger Theile von Mailand gewonnen worden war, trat nun auf M.'s Seite, die sich vor der Hand zur Abtretung von Ober-und Niederschlesien an Preußen entschloß, mit dem nun am 11. Jan. 1742 der Friede zu Stande kam, dem Sachsen ohne Entschädigung beitrat. Auch Böhmen ward nun wiedergenommen und M. konnte sich am 12. Mai 1743 zu Prag krönen lassen; zwar gelang es Karl VII. im April nach München zurückzukommen, aber seines Bleibens war nicht von Dauer, denn die Unthätigkeit seiner Bundesgenossen ließ schon im Jun. ganz Baiern in östr. Gewalt fallen, während König Georg II. von England in Person mit einem Heere zu M.'s Beistand am Rhein erschien. Diese hatte sich in Baiern huldigen lassen und dachte vielleicht auf die Erwerbung dieses Landes; auch vermochte keine Vorstellung, selbst ihrer Verbündeten, die Anerkennung des Kaisers und des Reichstags in Frankfurt a. M. von ihr zu [57] erlangen und der König von Sardinien mußte erst eine drohende Haltung annehmen, ehe die ihm von M. gemachten Versprechungen erfüllt wurden. Nun erklärte aber 1744 Frankreich, das bisher nur als Hülfsmacht des Kaisers gehandelt hatte, selbst an Östreich und Großbritannien den Krieg und auch Friedrich II., für die Behauptung Schlesiens besorgt, verbündete sich von Neuem mit Karl VII., mit Hessen-Kassel und der Pfalz zur Herstellung des Friedens und des Kaisers in seinen Erblanden. Die Franzosen drangen in die östr. Niederlande ein, die Preußen nahmen Böhmen, Baiern, Hessen und Franzosen führten im Oct. den Kaiser nach München zurück, wo er aber im Jan. 1745 starb.

Der neue Kurfürst von Baiern, Maximilian III. Joseph, schloß hierauf im Apr. mit M. Frieden zu Füssen, erhielt seine Lande zurück, entsagte allen Ansprüchen an die östr. Erbschaft und versprach dem Gemahl M.'s seine Stimme bei der Kaiserwahl, die auch im Sept. wirklich auf Franz I. von Lothringen fiel. Auch Preußen gewann durch die Erfolge seiner Waffen der auf mehr als die Wiedereroberung Schlesiens sinnenden nunmehrigen Kaiserin im Dec. den Frieden zu Dresden ab und behielt seine Eroberungen. Jetzt ward es möglich, mehr östr. Truppen nach Italien zu schicken und hier 1746 das Übergewicht zu erlangen; dagegen bemächtigten sich die Franzosen der besten Plätze in den Niederlanden, aus denen ein Theil der engl. Truppen heimkehrte, um gegen den Prätendenten Karl Eduard (s.d.) verwendet zu werden. Die Östreicher drangen zwar in die Provence ein, wurden jedoch von den Franzosen wieder vertrieben, die auch holl. Flandern besetzten, aber zur See schwere Verluste erlitten. Obgleich in Folge eines mit Rußland abgeschlossenen Vertheidigungsbündnisses noch ein russ. Hülfscorps von 37,000 M. nach Deutschland kam, führten doch die von Frankreich, England und Holland, welche des Kriegs müde waren, angeknüpften Verhandlungen zum Frieden von Aachen, der am 18. Oct. 1748 nach erfolgtem Beitritt von Östreich, Spanien und Sardinien zu Stande kam. M. wurde darin als Erbin der von Karl VI. hinterlassenen Länder anerkannt, jedoch wurden Schlesien und die Grafschaft Glatz dem König von Preußen, sowie die Herzogthümer Parma, Piacenza und Guastalla dem Infanten Don Philipp zugesichert, dem König von Sardinien die ihm versprochenen Landschaften garantirt und damit der östr. Erbfolgekrieg beendigt.

Jetzt widmete sich die Kaiserin, deren Gemahl auf die Verwaltung ihrer Erbstaaten wenig Einfluß hatte, mit umsichtiger Thätigkeit den innern Angelegenheiten; sie ordnete namentlich die Staatseinkünfte auf eine so glänzende Weise, daß sich ohne Einführung neuer Steuern und nach dem Verlust wichtiger Provinzen, die Einnahme ansehnlich höher stellte, als zu ihres Vaters Zeiten. Das Heerwesen ward unter Anleitung des nachherigen Generalfeldmarschalls Grafen Daun (s.d.) verändert, wichtige Verbesserungen wurden in der Rechtspflege und Policei eingeführt und tüchtige Männer, darunter auch der nachherige Fürst Kaunitz (s.d.), der fast 40 Jahre erster Minister blieb, an die Spitze der Geschäfte gerufen. Von ihm ging auch jene Veränderung der östr. Politik aus, welche nach wiederholten Irrungen mit England und nachdem sich M., trotz ihrer strengen Grundsätze, hatte bewegen lassen, an Ludwig XV. Maitresse, die Marquise von Pompadour, eigenhändig zu schreiben und sie Cousine zu nennen, jenes Bündniß mit Frankreich (am 1. Mai 1756) herbeiführte, dessen unmittelbare Folge der siebenjährige Krieg (s.d.) war. Nach ungeheuern Verlusten für den Wohlstand und die Bevölkerung der östr. Lande setzte ihm der hubertusburger Friede 1763 ein Ziel, ohne daß die beabsichtigte Wiedereroberung Schlesiens gelungen war; Preußen versprach jedoch dabei seine Stimme zur Wahl des Erzherzogs Joseph als röm. König, die auch 1764 auf ihn fiel. Schon im folgenden Jahre wurde auch die Kaiserwürde durch den Tod Franz I. erledigt, welcher M. in die größte Betrübniß versetzte und um den sie zeitlebens Trauerkleider trug. Sie ernannte jetzt ihren Sohn Joseph zum Mitregenten ihrer Erbstaaten, ohne ihm jedoch mehr Antheil an den Geschäften zu verstatten, als seinem Vater, die Armee ausgenommen, in deren Angelegenheiten er freie Hand bekam, und richtete nun besonders ihre Blicke auf Verbesserung der Volkserziehung und Beförderung von Künsten, Wissenschaften und Gewerben, für welche Zwecke auch mancherlei öffentliche Anstalten von ihr gestiftet wurden. Die Folter wurde in allen ihren Staaten abgeschafft und vielen kirchlichen Misbräuchen ein Ziel gesetzt; namentlich wurden die Jesuiten unterdrückt und nicht ferner gestattet, daß Geistliche bei Testamentsverrichtungen zugegen wären. Dessenungeachtet war aber die große Frömmigkeit der Kaiserin nicht mit derjenigen Aufklärung gepaart, welche sie von Handlungen der Unduldsamkeit abhalten konnte, und ebenso ließ sie sich auch von misverstandenem Eifer für Sittenreinheit verleiten, Kundschaftern und Angebern Gehör zu schenken. Die Vermählung von M.'s Tochter Maria Antoinette (s.d.) mit dem Dauphin, nachherigem Könige Ludwig XVI. von Frankreich, schien die Beziehungen beider Höfe so innig als möglich zu knüpfen; gleichwol erlangte Östreich dadurch keineswegs den gehofften Einfluß auf die franz. Politik. Ihre Staaten vergrößerte M. durch den Beitritt zu der von Rußland und Preußen beschlossenen Theilung poln. Provinzen, von denen sie 1774 Galizien und Lodomerien (1280 ! M., 21/2 Mill. Einw.) erhielt, auch trat 1777 die Pforte an Östreich die Bukowina ab, um sich damit dessen Beistand wider Rußland zu sichern. Unter so günstigen Zuständen hätte Joseph II. gern das Ableben des Kurfürsten von Baiern (30. Dec. 1777) zur Erwerbung dieses Landes benutzt, mußte sich aber nach dem kurzen bair. Erbfolgekriege (s. Erbfolgekriege) mit dem Innviertel begnügen. M. starb bald nachher am 29. Nov. 1780 und hinterließ ihre Staaten, die bei ihrem Regierungsantritt dem Untergange nahe waren, als ein durch die eigne Kraft und wichtige auswärtige Verbindungen mächtiges und befestigtes Reich. Sie wollte aufrichtig das Wohl ihrer Unterthanen, und überließ sie sich auch mitunter Anfällen von Heftigkeit, so war sie doch im Allgemeinen wohlwollend und gütig gesinnt und verdient als Gattin und Mutter nicht weniger Achtung, wie als Regentin. Von ihren 16 Kindern überlebten sie vier Söhne: ihr Nachfolger, Kaiser Joseph II.; Leopold, Großherzog von Toscana und Joseph II. Nachfolger; Ferdinand, welcher das Herzogthum Modena erheirathete; Maximilian, letzter Kurfürst von Köln; und sechs Töchter, wovon zwei Äbtissinnen zu Klagenfurt und zu Innsbruck, die andern die Gemahlinnen der Herzoge von Sachsen-Teschen und von Parma und der Könige von Frankreich und von Neapel waren. In der Jugend gehörte M. [58] zu den schönsten Frauen ihrer Zeit, später aber wurden ihre Züge vom Alter und ausnehmender Wohlbeleibtheit, 1767 von den Blattern und bald darauf bei einem Sturz mit dem Wogen, durch starke Verletzungen von Glasscherben entstellt, die ihr beinahe das Gesicht gekostet hätten.

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Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1839., S. 57-59.
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