[80] Frankreich (das Königreich) umfaßt gegenwärtig ungefähr 10,000 ! M., auf welchen über 32 Mill. Menschen wohnen. Der Boden ist von mehren Gebirgen durchzogen, und da, wo diese aufhören, meist Hügelland. Durch seine Lage an vier Meeren: dem atlant., dem Kanal, der Nordsee und dem mittelländ. Meere, ist es ebenso zum Seehandel geeignet, als durch seine Angrenzung an Spanien, Italien, die Schweiz, Deutschland und Belgien zur Theilnahme an dem allgemeinen europ. Völkerverkehr bestimmt. Natürliche Häfen bieten die Küsten F.'s in Menge dar, vorzüglich die Nordwestküste des atlant. Meeres. Bemerkenswerthe Busen sind: der biscayische Busen in Gascogne, die Bai von Morbihan, St.-Brieux, Douarnenez und Cancale in der Bretagne und vor allen der 220 M. große Golf de Lions (Löwenbusen) im Mittelmeere. Die Küsten sind meist flach und sandig und nur da felsig, wo sie tiefer in das Meer hineinragen, also in der Provence, Bretagne und Normandie. Die Hauptgebirge sind im S., daher gehen auch die meisten Flüsse nach N. oder W. Von Spanien wird es durch die hohe Kette der Pyrenäen getrennt, deren höchste Spitze, Maladetta (gegen 11,000 F.), auf span. Gebiete liegt; aber auch die zu F. gehörenden Spitzen: der Montperdu, Vignemale, Pic du Midi, Canigou steigen zum Theil bis zu 10,500 F. hinan und bilden die reizendsten Thäler, unter denen das Campanerthal, in welchem der Badeort Bagnères liegt, das berühmteste ist. Am Fuße der Pyrenäen liegt ein weinreiches Hügelland. Daran schließt sich zunächst in nordöstl. Richtung das Lozère-Gebirge von mäßiger Höhe, von welchem zwei Hauptbergreihen ausgehen: im Nordwesten das Gebirge von Auvergne, meist aus ausgebrannten Vulkanen bestehend, von denen der Cantal, Mont d'or und Puy de Dôme eine Höhe von 4500–5700 F. erreichen; nach Nordosten das Cevennengebirge mit Bergen von 4–6000 F, das nördl. in die Côte d'or ausläuft, wo der feurige Burgunderwein wächst. Dies reizende Hügelland geht, noch weiter nach N., in den Argonner- und Ardennerwald über; zwei niedrige Gebirge, die durch das Flußthal der Maas getrennt werden und bis in Belgien hineinragen. Von diesem Gebirgssysteme ganz getrennt sind die hohen Ketten der Alpen, die wie eine hohe Mauer zwischen Italien und F. sich erheben und die Flußgebiete der Rhone und des Po von einander trennen. Mehre Zweige dieser Alpen lagern sich über das südöstl. F. bis an die Ufer der Rhone und des Genfersees, wo das Juragebirge sich anschließt, das längs der Grenze Helvetiens hinstreicht und dessen höchste Spitze, der Reculet, eine Höhe von 5200 F. hat. Wo der Jura aufhört, beginnt das Gebirge der Vogesen, welches den gartenreichen Elsaß von Lothringen trennt und nördl. in den Donnersberg übergeht. Unbedeutender sind die Bergreihen, welche das nordwestl. F. durchziehen und zum Theil weite Ebenen einschließen. Merkwürdig ist das weite Haideland (les Landes) im Südwesten längs der Küste zwischen den Mündungen der Garonne und des Adour, wo nur wenige [81] Menschen wohnen und diese auf hohen Stelzen den tiefen Sand durchschreiten. Ganz eigenthümlich ist auch die Beschaffenheit der Crau, einer ganz mit glatten Steinen bedeckten Ebene an den Mündungen der Rhone.
Die Fruchtbarkeit F.'s hängt großentheils von seiner vorzüglichen Bewässerung ab. Die Garonne, Loire und Seine gehören mit ihrem ganzen Flußgebiete hierher, die Rhone größtentheils und der Rhein und die Schelde nur dem kleinern Theile nach. Zu dem Flußgebiete der Garonne, die auf den Pyrenäen im Thal Arran auf span. Gebiete entspringt, gehören die Flüsse Arriège, Tarn, Lot und Dordogne, die sie rechts, und der Gers, den sie links aufnimmt. Von der Mündung der Dordogne nimmt sie den Namen Gironde an, und steht durch. den großen Südkanal (Canal de Languedoc), der bei Toulouse anfängt, mit dem See Thau, einem kleinen Meerbusen des mittelländ. Meers, in Verbindung. Noch größer ist das Flußgebiet der Loire, die auf den Cevennen entspringt und rechts die Nièvre und Mayenne (mit dem Loir und der Sarthe), links den Allier, Loiret, Cher, Indre, die Vienne und Sèvre nantoise aufnimmt, und wie die Garonne ins atlant. Meer geht. Die Seine, die das dritte große Flußgebiet ausmacht, entspringt auf der Côte d'or und bringt rechts die Aube, Marne und Oise, links die Yonne und Eure mit und mündet in den Kanal. Die Rhone, welche bald nach ihrem Ausflusse aus dem Genfersee in F. eintritt, empfängt rechts den Ain, die Saone, Ardèche und den Gard, links die Isère, Drôme und Durance, bildet bei ihrer Mündung ein Delta, die Camargue, und fließt ins mittelländ. Meer. Das Flußgebiet des Rheins gehört nur dem kleinern Theile nach zu F. Er selbst berührt es nur längs des Elsaß; aber seine Nebenflüsse Ill und die von den Vogesen kommende Mosel mit der Meurthe gehören ganz oder größtentheils zu F. Die Maas (la Meuse), die an der Côte d'or entspringt, kann auch als Nebenfluß des Rheins betrachtet werden, da ihre Mündungen sich mit denen des Rheins vermischen. Außer diesen Hauptflüssen hat F. viele Küstenflüsse, von denen der Adour, die Charente, die Sèvre niortoise, die Vilaine mit der Ille in das atlant. Meer, die Orne und Somme in den Kanal, die Schelde in die Nordsee, und der Var, der Argens, der Herault und die Aude ins mittelländ. Meer gehen. Der innere Verkehr wird durch die Kanäle, welche die Flußgebiete miteinander in Verbindung setzen, sehr befördert. Die Schelde und Seine werden durch den Kanal von St.-Quentin, der zum Theil unterirdisch ist, verbunden; die Seine und Loire durch den Kanal von Orleans und den von Briare; die Loire und Rhone durch den Kanal du Centre; die Seine und die Rhone durch den Kanal de Bourgogne, der aus der Yonne in die Saone geht; die Saone und der Doubs mit der Ill und dem Rheine durch den Kanal des Doubs; von dem Südkanal ist schon gesprochen worden.
Die Luft des nördl. und mittlern F.'s ist wie im nördl. und südl. Deutschland; doch ist der Winter weniger lang dauernd und streng als bei uns. Das südl. F. hat ein herrliches Klima, wo die feinern Obstsorten: die Granate, die Feige, die Olive und der süße Wein trefflich gedeihen, ohne daß die Hitze drückend würde, weil die nahe See die Luft abkühlt. Nur wehen hier zuweilen der Mistral und die Bise, jener aus Nordwest, dieser aus N., zwei heftige und rauhe Winde. Bei der glücklichen Lage F.'s kann es nicht fehlen, daß es eine Menge Erzeugnisse hervorbringt. Obenan steht der Wein, der im größten Theile des Landes, am meisten aber in den südl. Gegenden wächst, besonders in dem Hügelland im Flußgebiete der Garonne, der Rhone und selbst der obern Seine. Wir nennen unter den trefflichen Weinsorten nur die Bordeauxweine, den feurigen und süßen Lünel und den Frontignan in Languedoc, den gediegenen Burgunder und den brausenden Champagner. Ebenso hat es einen Überfluß an Obst jeder Gattung, das nicht nur frisch verbraucht, sondern auch eingemacht oder getrocknet ins Ausland geführt wird. In den nördl. Gegenden werden viel Flachs und Hopfen, in den mittlern viel Runkelrüben gebaut. An Metallen ist F. im Allgemeinen nicht sehr reich; am meisten noch wird Eisen im Jura, in den Vogesen, in den Cevennen und Ardennen gewonnen; dagegen ist es reich an Flintensteinen, Salpeter und Salz. Die Viehzucht ist nicht ausgezeichnet; die Pferde und Rinder sind meist schlecht, die Ziegen und Schafe aber in manchen Gegenden veredelt. Seide wird in den südl. Gegenden sehr viel erzeugt und die Küsten liefern viele Fische und Austern. Unter den Naturerzeugnissen, die F. ausführt, stehen Wein und Öl obenan. Die Fabriken sind in F. ausgezeichnet. Die wichtigsten sind die, welche Seiden- und Baumwollenwaaren, Tuche, Waffen, Galanteriearbeiten, Modewaaren, Uhren, Papier, Porzellan, Tapeten und Essenzen liefern. Mit allen diesen und andern Waaren wird ein ausgebreiteter Handel bis in die entferntesten Erdtheile getrieben. Unter den Seestädten zeichnen sich besonders aus: 1) an der Nordsee Dünkirchen; 2) am Kanal: Dieppe, Havre und St.-Malo; 3) am atlant. Meere: L'Orient, Nantes, la Rochelle, Bordeaux und Bayonne; 4) am mittelländ. Meere: Cette, Marseille und Toulon. Im Innern dagegen treiben den stärksten Verkehr: Paris, Lyon, Orleans, Strasburg, Toulouse, Beaucaire, wo die berühmten Messen, Montpellier, Abbeville und Amiens. Mit England geht der sehr starke Verkehr meist über Calais, zum Theil auch über Boulogne und die andern Häfen des Kanals. Der Handel wird besonders durch die franz. Colonien begünstigt. Die außereurop. Besitzungen F.'s sind: Cayenne (1300 ! M. und 22,000 Einw.); die Antillen: Martinique, Guadeloupe, Desirade, Marie Galante und Les Saintes (54 ! M. und 222,000 Einw.); die Insel Bourbon (112 ! M. und 75,000 Einw.); in Ostindien das Gebiet von Pondichery, Karikal und Mahé, Comptoire zu Yamaon und Chandernagor, Handelslogen zu Patna, Cassimbazar, Balasore, Dacca, Surate und Siuthyia (29 ! M., 100,000 Einw.). Algier (s.d.) wird auf 5000 ! M. mit 1,800,000 Einw. gerechnet.
Die Franzosen sind ein gemischtes Volk; denn mit den alten Galliern haben sich im Laufe der Zeiten Italiener, mehre deutsche Stämme (Franken, Gothen und Burgunder), Normänner u. A. vermengt. Ihre Sprache, eine der ausgebildetsten, gilt in ganz Europa als Sprache der Höfe, der Diplomatik und als Mittel der Verständigung der Gebildeten aller Nationen. Der gemeine Mann spricht in einigen Provinzen Frankreichs ein verdorbenes Französisch, das Patois. Auch ist der Dialekt in Languedoc und Provence etwas abweichend. Im Elsaß wird noch viel Deutsch geredet. Die Einwohner der Bretagne sind Nachkommen der ums I. 450 [82] aus England eingewanderten Briten und nennen sich Bretons oder Breyzards, und in den Pyrenäen wohnen noch Nachkommen der alten Spanier, die Basken, die wie jene eine eigenthümliche Sprache haben. In den Pyrenäen finden sich noch viele Zigeuner und eine entartete Gattung Menschen, die sogenannten Cagots (s. Kretins.) Juden sind überall im Lande verbreitet. Die Mehrzahl der Franzosen sind Katholiken; die Evangelischen bilden ungefähr den siebenten Theil der Bevölkerung, doch herrscht allgemeine Glaubensfreiheit, und alle Franzosen haben, welchem Glauben sie auch angehören, gleiche bürgerliche Rechte. Wissenschaften und Künste werden nicht nur sehr geschätzt, sondern wurden auch von jeher mit großem Erfolge betrieben, und namentlich in den Naturwissenschaften, der Mathematik, der Medicin und Chirurgie und der Geschichte haben sich die Franzosen ausgezeichnet, während sie in den streng philosophischen Wissenschaften den Deutschen bedeutend nachstehen. In der Poesie und Malerei haben sie mehr als in der Bildhauerkunst und in der ernsten Musik geleistet. Der Unterricht ist im Allgemeinen noch schlecht eingerichtet; besonders fehlt es an Volksschulen, sodaß nur der kleinere Theil der Kinder aus den untern Ständen Unterricht erhält. Doch sind in neuester Zeit Schritte zur Vermehrung und Verbesserung dieser Schulen nach dem Muster der deutschen gethan. Universitäten, wie die deutschen eingerichtet, haben die Franzosen nicht, wol aber eine Behörde, Universität genannt, an deren Spitze ein Großmeister steht, welche die Aufsicht über die höhern wissenschaftlichen Anstalten, sowie über die mittlern und niedern Schulen führt. Nur die Militair-, Ingenieur-, Schiffahrts-, Bergwerks- und Thierarzneischulen stehen nicht unter dieser Behörde. Zur Ausbildung der jungen Leute, die sich den Wissenschaften widmen, gibt es Akademien für bestimmte Zwecke; so sind medicinische Schulen in Paris, Montpellier und Strasburg; Rechtsschulen in Paris, Caen, Rennes, Poitiers, Dijon, Grenoble, Strasburg, Aix und Toulouse. Am ausgezeichnetsten sind die Kunst- und Gewerbeschulen und die Militair-, Artillerie- und Ingenieuranstalten.
F. ist eine eingeschränkte Monarchie. Sie wird von einem Könige, jetzt Ludwig Philipp (s.d.), aus dem Hause Orleans, regiert, der durch die Charte, die Ludwig XVIII. gegeben, und die nachmals, bei der Berufung des jetzigen Königs, einige Abänderungen erfahren hat, eingeschränkt ist. Zu den Prärogativen der Krone gehören: Ernennung der Pairs auf Lebenszeit, Entschließung über Krieg und Frieden, Abschließung von Verträgen mit andern Mächten, Wahl der Minister, Ertheilung von Ämtern und Würden und das Recht der Begnadigung. Die Civilliste des Königs beläuft sich auf 12 Mill. Francs. Er hat die ausübende Gewalt; die gesetzgebende dagegen theilt er mit den beiden Kammern, die er zusammenberufen und entlassen kann. Die erste Kammer, die der Pairs, besteht aus mehr als 200 Mitgliedern; die zweite Kammer, die der Deputirten, die zwischen 250–300 Mitglieder zählt, ist die eigentliche Vertreterin des Volks. Die Deputirten werden auf fünf Jahre von den Wahlcollegien der einzelnen Departements ernannt; doch sind nur die höchst Besteuerten und somit die Wohlhabendern wählbar. Jede der Kammern hat das Recht, Gesetzvorschläge zu machen, die zum Gesetze werden, wenn sie von beiden Kammern und vom Könige genehmigt sind. Ein Hauptvorrecht der Kammern ist die Bewilligung der Steuern. Der König ernennt zwar die Minister, aber die Behauptung ihrer Stellen hängt hauptsächlich von ihrer Einigkeit mit der Majorität (Mehrzahl) der Deputirtenkammer ab. Durch die Juliusrevolution wurde die Souverainetät des Volks deutlich ausgesprochen, durch Gesetze jedoch eingeschränkt; dasselbe ist mit der Presse geschehen, die durch jene Revolution für frei erklärt, durch spätere Gesetze aber wieder einigermaßen beschränkt wurde. Die Staatsschuld betrug 1833: 4,423,378,700 Fr. Die Staatseinkünfte belaufen sich auf ungefähr 1,131,000,000 Fr. Früher führte der Thronerbe den Titel, »Dauphin« und der älteste Bruder des Königs hieß »Monsieur«; beide Titel sind, seit die ältere Linie der Bourbons vom Throne ausgeschlossen worden, aufgehoben. Ebenso hat man das Symbol der Bourbons, die Lilie und die weiße Fahne, überall abgeschafft und die Nationalfarben der Revolutionszeit und des Kaiserthums, Roth, Weiß, Blau, sind wieder eingeführt worden. Das Staatssiegel ist ein Schild, auf welchem ein offenes Buch mit der Inschrift »La charte de 1830« liegt und über dem eine geschlossene Krone mit Scepter und Hand der Gerechtigkeit angebracht ist, während die Unterschrift: »Louis Philipp I., König der Franzosen« lautet. An unbeweglichen Gütern gehören der Krone seit der Juliusrevolution: der Louvre, die Tuilerien, das Elisée-Bourbon, die Schlösser, Häuser u.s.w. von Versailles, St.-Cloud, St.-Germain en Laye, Compiegne, Fontainebleau, Pau und Meudon, die Porzellanmanufactur von Sèvres, die Gobelinsfabrik und die Manufacturen von Beauvais, das Gehölz von Boulogne und Vincennes und der Wald von Senart. Auch die Kostbarkeiten, Kunstschätze, Alterthümer und Bibliotheken der kön. Paläste gehören zum Schatz der Krone.
Vor der Revolution von 1798 war ganz F. anfangs in 17, nachher in 34 Provinzen getheilt und seit 1790 ist es mit Inbegriff der Insel Corsica in 86 Departements geschieden. Die einzelnen Departements werden von Präfecten verwaltet. Jedes derselben enthält drei oder vier Arrondissements mit Unterpräfecten, welche wieder in Cantons und Gemeinden, beide unter Schultheißen oder Maires, zerfallen. Die bedeutendsten der vielen reichbevölkerten Städte F.'s sind nach den 86 Departements folgende. Im Dep. Seine: die Hauptstadt F.'s, Paris (s.d.), eine der wichtigsten Städte der Welt; die Abtei St.-Denis (s.d.). Im Dep. Pas de Calais: das fabrikreiche Arras mit 22,000 Einw., der Geburtsort Robespierre's (s.d.); Boulogne mit 20,000 Einw.; Calais (s.d.) und das durch seinen Schnupftaback bekannte St.-Omer mit 20,000 Einw. Im Nord-Departement: die stark befestigte Handelsstadt Lille mit 80,000 Einw.; die Festung Cambray (s.d.); die Hafenstadt Dünkirchen mit 25,000, die Festung Valenciennes mit 21,000 Einw., Batistfabriken und Steinkohlengruben. Im Dep. Aisne: das fabrikreiche St.-Quentin mit 18,000 Einw. Im Dep. Ardennen: die Festungen Charleville mit 8000, und Sedan mit 12,000 Einw. Im Dep. der Maas: die Festung Verdun mit 12,000 Einw., bekannt durch den Vertrag daselbst 843. Im Dep. der Mosel: das stark befestigte alterthümliche Metz mit 43,000 Einw., an der Mosel, mit den Trümmern einer alten röm. Wasserleitung. Im Meurthe-Departement: Nancy an der Meurthe, eine zum Theil wunderschön gebaute Stadt in einer reizenden Gegend mit 30,000, und Luneville [83] mit 12,000 Einw. und reichen Fabriken (bekannt durch den Frieden von 1801). Im Dep. Niederrhein: das einst deutsche Strasburg (s.d.). Im Dep. Oberrhein: das gewerbthätige Mühlhausen (s.d.). Im Dep. Doubs: Besançon am Doubs, eine Festung mit 32,000 Einw., vielen wissenschaftlichen Anstalten, starkem Handel und blühenden Fabriken, besonders von Uhren. Im Dep. Jura: Dole mit 10,000 Einw. Im Dep. Somme: die alte Hauptstadt der Picardie, Amiens (s.d.); das durch Tuchfabriken bedeutende Abbeville mit 19,000 Einw., die nie eroberte Festung Peronne und das feste Schloß Ham. Im Dep. Oise: Beauvais (s.d.). Im Dep. Seine und Oise: Versailles (s.d.). Im Dep. Seine und Marne: Fontainebleau an der Seine, mit 7000 Einw., in dessen Nähe ein kön. Lustschloß liegt, welches Franz I. zu bauen anfing und Heinrich IV., Ludwig XIV. und XV. vollendeten. In demselben hielt sich Papst Pius VII. von 1809 –14 auf; auch unterzeichnete hier am 11. Apr. 1814 Napoleon die Thronentsagung. Im Dep. Marne: Chalons, eine Festung mit 13,000 Einw., berühmt durch die Schlacht auf den catalaunischen Feldern 451; Epernay mit 5000 Einw., welches den meisten Champagner versendet, und Rheims (s.d.). Im Dep. Ober marne: Chaumont mit 7000 Einw., bekannt durch den 1814 zwischen Östreich, Rußland und Preußen abgeschlossenen Vertrag. Im Dep. Aube: Troyes, sonst Hauptstadt der Champagne, mit 26,000 Einw., starkem Weinhandel und Baumwollenfabriken. Im Dep. der Vogesen: Domremy la Pucelle (s.d.), der Geburtsort der Jungfrau von Orleans, und Epinal mit 8000 Einw. Im Dep. Ober-Saone: Vesoul mit 5500 Einw. Im Dep. Yonne: Auxerre mit 13,000 Einw. Im Dep. Côte d'Or: das gutgebaute Dijon mit 25,000 Einw., welche viele Fabriken betreiben, hat eine Universität, eine Societät der Literatur, der Künste und Wissenschaften. Unter seinen 8 Kirchen zeichnet sich die Notre Dame als eins der schönsten gothischen Bauwerke aus. In der Umgegend von Beaume mit 10,000 Einw., in demselben Dep., wachsen die besten Burgunderweine. Im Dep. Saone und Loire: Chalons am Kanal du Centre und an der Saone, mit 11,000 Einw., lebhaftem Handel und Fabriken. Im Dep. Ain: Bourg en Bresse mit 8500 Einw. Im Dep. Isère: Grenoble an der Isère, einst Hauptstadt der Dauphiné, mit 24,000 Einw., ist eine starke Festung gegen Sardinien, hat Leder- und Tuchfabriken und handelt mit Liqueuren und Handschuhen; es hat ferner eine Akademie, eine medicinische, eine Rechts-, eine Zeichnen-, eine Hebammen-und eine Artillerieschule, ein Seminar und eine öffentliche Bibliothek mit 60,000 Bänden. Bayard (s.d.) wurde hier geboren und liegt hier begraben; auch ist ihm 1820 eine Statue errichtet worden. Vienne, am linken Rhoneufer, mit 14,000 Einw. und zahlreichen Fabriken. Im Dep. Oberalpen: Gap mit 7000 Einw. Im Dep. Niederalpen: Digne mit 4000 Einw. Im Dep. Var: Toulon (s.d.). Im Dep. Rhone: Lyon (s.d.). Im Dep. Drome: Valence mit 12,000 Einw. Im Dep. Ardèche: Privas mit 4000 Einw. Im Dep. Vaucluse: Avignon (s.d.). Im Dep. Rhonemündungen: Marseille (s.d.), eine der blühendsten Städte F.'s; Arles mit 22,000 Einw. und vielen röm. Alterthümern; Tarascon an der Rhone mit 10,000 Einw. Von hier führt eine Kettenbrücke nach Beaucaire (s.d.) im Dep. Gard; Nimes (s.d.) in demselben Dep. Im Dep. Lozère: Mende mit 5500 Einw. Im Dep. Cantal: Aurillac mit 10,000 Einw. Im Dep. Ober-Loire: Le Puy en Velay mit 15,000 Einw., einer Kathedrale mit einem wunderthätigen Marienbilde und wichtigen Spitzenmanufacturen. Im Dep. Loire: St.-Etienne (s.d.), eine der wichtigsten Fabrikstädte. Im Dep. Puy de Dome: Clermont Ferrand mit 30,000 Einw., die alte Hauptstadt der Auvergne. In der Vorstadt befindet sich die versteinernde Quelle Saint-Alyre. Die Stadt hat eine Akademie, reiche Fabriken und lebhaften Handel; im J. 1095 wurde hier eine Kirchenversammlung gehalten, auf welcher der erste Kreuzzug gepredigt und verabredet wurde. Im Dep. Herault: Montpellier (s.d.); Cette mit 10,000 Einw., das starken Handel mit Wein und Südfrüchten treibt, und Beziers mit 16,000 Einw., am Kanal von Languedoc. Im Dep. Aude: Carcassonne an der Aude, mit 18,000 Einw., Leder-, Wollen- und Seifenfabriken, und das alte Narbonne mit 10,000 Einw., röm. Alterthümern und einem herrlichen Dome. Im Dep. Ost-Pyrenäen: die Festung Perpignan mit 16,000 Einw., hat Seidenbau und seit 1814 Kaschmirziegen. Im Dep. Arriège: Foix mit 5000 Einw. Im Dep. Ober-Pyrenäen: Tarbes mit 8000 Einw. Im Dep. Nieder-Pyrenäen: Bayonne (s.d.). Im Dep. Gironde: Bordeaux (s.d.). Im Dep. Haiden: Dax am Adour, mit 4500 Einw., berühmt durch seine warmen Bäder. Im Dep. Aveyron: Villefranche mit 10,000 Einw. Im Dep. Tarn: Alby [von dem die Albigenser (s.d.) den Namen] mit 12,000 Einw. und mehren Fabriken, und Castres mit 16,000 Einw. Im Dep. Tarn und Garonne: Montauban mit 25,000 Einw., hat eine Facultät der reformirten Theologie, Tuch- und Seidenfabriken, starken Weinhandel und einen alten Dom. Im Dep. Ober-Garonne: die alte Hauptstadt Languedocs, Toulouse (s.d.). Im Dep. Gers: Auch (spr. Aüsch) mit 10,000 Einw. Im Dep. Lot: Cahors mit 12,000 Einw. Im Dep. Lot und Garonne: Agen mit 12,000 Einw. und berühmten Segeltuchfabriken. Im Dep. Corrèze: Tulle mit 8000 Einw. Im Dep. Dordogne: Perigueux mit 9000 Einw., bekannt durch Rebhühner- und Trüffelpasteten. Im Dep. Charente: Angoulême mit 15,000 Einw., Pulver-, Papier- und Wollfabriken und Niederlagen von Wein und Branntwein, und das durch seinen Branntwein berühmte Cognac (s.d.). Im Dep. Unter-Charente: die beiden mächtigen Städte La Rochelle mit 12,000 Einw., die starke Festung, welche bis 1628 der Stützpunkt der Hugenotten war, eine starken Handel treibende Hafenstadt, und Rochefort mit 15,000 Einw., gleichfalls befestigt, mit einem trefflichen Kriegshafen, großen Seemagazinen und Werften. Im Dep. Vendée: Bourbon Vendée mit 3000 Einw. Im Dep. Nieder-Loire: Nantes (s.d.). Im Dep. Morbihan: L'Orient mit 14,000 Einw., eine der schönsten Städte F.'s, liegt am Meere und hat einen trefflichen Kriegshafen; es treibt namentlich nach Ostindien Handel. Im Dep. Finisterre: die befestigte Seestadt Brest mit 30,000 Einw., an einer Bai, hat ein großes Seearsenal, prachtvolle Quais, eine Seefahrerschule und treibt starken Fischfang, namentlich von Sardellen. Im Dep. Ille und Vilaine: Rennes, die [84] alte Hauptstadt der Bretagne mit 30,000 Einw., hat bedeutende wissenschaftliche Anstalten, Leinwandfabriken und Wachsbleichen; St.-Malo (s.d.) Im Dep. Nordküsten: St.-Brieux mit 10,000 Einw. Im Dep. Manche: Cherbourg mit 17,000 Einw., eine wichtige Seestadt, weil sie den einzigen befestigten Hafen (mit einem 1/2 M. langen Damme) am Kanale hat. Im Dep. Calvados: Caen an der Orne, mit 40,000 Einw., ist eine reiche Fabrik- und Handelsstadt und hat unter andern wissenschaftlichen Anstalten eine Akademie mit drei Facultäten. Im Dep. Eure: Evreux mit 10,000 Einw. Im Dep. Nieder-Seine: Rouen (s.d.); Havre de Grace, eine befestigte Seestadt an der Mündung der Seine, mit 30,000 Einw., von wo aus Dampf- und Packetboote nach allen Weltgegenden ausgehen, und Dieppe, gleichfalls eine Seestadt mit 20,000 Einw. und zahlreichen Fabriken. Im Dep. Orne: Alençon mit 14,000 Einw. und vielen Fabriken. Im Dep. Mayenne: Laval mit 16,000 Einw. und verschiedenen Fabriken. Im Dep. Mayenne und Loire: Angers mit 30,000 Einw., hat ein Felsenschloß, große Schieferbrüche und Mineralquellen. Im Dep. Sarthe: Le Mans mit 20,000 Einw., hat Flaggentuch-, Papier- und Wachstuchfabriken. Im Dep. Eure und Loir: Chartres mit 15,000 Einw. und einer schönen Kathedrale. Im Dep. Loiret: Orleans mit 40,000 Einw., an der Loire, über welche eine schöne Brücke führt. Die unvollendete herrliche Kathedrale zeichnet sich unter den 52 Kirchen der Stadt aus. Dieselbe hat mehre wissenschaftliche Anstalten, wichtige Seidenfabriken und ist berühmt durch die Belagerung, in der sie durch Jeanne d'Arc (s.d.) 1429 befreit wurde. Ein Denkmal erinnert an die Jungfrau von Orleans. Im Dep. Loir und Cher: Blois mit 15,000 Einw., einer langen Brücke über die Loire, ansehnlichen Fabriken und Handel mit Wolle und Wein, und Vendome am Loir, mit 7500 Einw. und großen Handschuhfabriken. Im Dep. Indre und Loire: Tours mit 23,000 Einw., liegt in einer herrlichen fruchtbaren Gegend, dem Garten von Frankreich. Sie ist der Sitz eines Erzbischofs, ist schön gebaut, hat namentlich eine schöne Kathedrale und eine herrliche Brücke über die Loire; auch ist sie reich an wissenschaftlichen Anstalten. Im Dep. beider Sèvres: Niort mit 15,000 Einw., Fabriken und Bleigruben. Im Dep. Vienne: Poitiers, einst Hauptstadt von Poitou, mit 22,000 Einw., hat eine juristische Akademie und andere wissenschaftliche Anstalten, celtische Alterthümer und gehört zu den ältesten Städten des Reichs. Im Dep. Indre: Chateauroux mit 11,000 Einw. Im Dep. Creuse: Gueret mit 4000 Einw. Im Dep. Allier: Moulins mit 14,000 Einw., Stahl- und Messerfabriken. Im Dep. Ober-Vienne: Limoges mit 26,000 Einw., hat ansehnliche Gebäude, unter denen sich die Kathedrale auszeichnet; auch hat sie eine Akademie, ein Seminar, eine Bibliothek u.s.w., sowie ausgebreiteten Handel und berühmte Pferderennen. Im Dep.Nièvre: Nevers mit 16,000 Einw., hat Fayence- und Emaillefabriken und eine schöne Kathedrale. Auf der Insel Corsica (s.d.), welche ein eignes Departement bildet, die Hauptstadt Ajaccio (s.d.). Die Namen der alten 17 Groß-Provinzen waren: Isle de France; Picardie; Champagne mit Brie; Lyonnais mit Bourbonnais, Auvergne und Marche; Bourgogne; Dauphiné; Provence mit Orange, Avignon und Venaissin; Languedoc mit Foix und Roussillon; Guyenne und Goscogne mit Limosin, Saintonge, Bearn u.s.w.; Orléannais mit Maine, Perche, Touraine, Anjou, Poitou, Berry und Nivernais; Bretagne; Normandie; Flandern, Hennegau u.s.w.; Franche Comte; Lothringen; Elsaß; Corsica.
Das Land, welches wir jetzt F. nennen, hieß im Alterthume Gallien und wurde in vier Theile getheilt: das celtische Gallien nahm den nordwestl. Theil zwischen der Garonne, Seine und dem Meere ein; das belg. Gallien umfaßte den nordöstl. Theil zwischen der Seine und dem Rheine; das narbonensische Gallien war der südöstl. Theil zwischen den Cevennen, den Seealpen und dem mittelländ. Meere, und Aquitanien hieß endl. der südwestl., zwischen der Garonne und den Pyrenäen liegende Theil. Recht bekannt wurde das Land erst seit Cäsar's (s.d.) Zeit, der hier zwischen 59 und 49 v. Chr. röm. Statthalter war. Schon hundert Jahre vor ihm hatten die Römer das narbonensische Gallien erobert; er aber machte ganz Gallien zur röm. Provinz, die es unter den röm. Kaisern blieb. Innerhalb 400 Jahren gewöhnten sich die Gallier nach und nach an röm. Herrschaft, Sprache, Sitte, Religion und Cultur. Als durch den Anstoß der asiat. Horden, der Hunnen, 374 n. Chr. die große Völkerwanderung (s.d.) begann, wurde auch Gallien von der allgemeinen Bewegung cherührt. Die deutschen Völker drängten sich nach W. Die Westgothen nahmen das Land zwischen der Loire und den Pyrenäen ein; die Burgunder besetzten den Raum zwischen der Rhone und dem Jura; die Franken (von denen später das ganze Land den Namen erhielt) bemächtigten sich des nördl. F.'s, und von England aus setzten die Briten über und ließen sich im nordwestlichsten Theile, in der jetzigen Bretagne, nieder, sodaß die Römer nur ein kleines Stück in der Mitte Galliens behielten. Vergebens drangen die wilden Hunnen unter Attila (s.d.) über den Rhein in Gallien ein. Die vereinigten Völker maßen sich mit ihnen in der blutigen Schlacht bei Chalons an der Marne und zwangen sie 451 zum Rückzuge. Eine große Umwandlung erhielt Gallien durch den mächtigen Eroberer, den Frankenkönig Clodwig (s.d.) aus dem Königsgeschlechte der Merovinger, welcher von 482–511 regierte und dadurch, daß er den Römern ihre letzte Besitzung in Gallien nahm, die Alemannen am Rhein besiegte, die Westgothen und Burgunder einschränkte und die andern fränk. Stämme am Niederrhein sich unterwarf, der Stifter des großen Frankenreichs wurde. So roh die Franken auch damals waren, so wurden sie doch nach und nach durch die christliche Religion, welche Clodwig 496 annahm, gesitteter gemacht. Nach Clodwig's Tode verfiel die Macht der fränk. Könige, denn seine Söhne zersplitterten dieselben durch Theilungen, noch mehr aber dadurch, daß sie ihren Kriegern Stücke Landes zur Benutzung übergaben. Dadurch wuchs das Ansehen dieser kön. Leute (Leudes), die bald das Erbrecht auf die ihnen überlassenen Ländereien ansprachen. Besonders mächtig aber wurden die Anführer der Leudes, die Majores Domus, deren Ansehen bald das der Könige überstrahlte. Das Reich zerfiel in drei Reiche: Austrasien an der Maas und dem Rheine, Neustrien im nordwestl. F. an beiden Seiten der Seine, und Burgundien, den südöstl. Theil; bald wurden aber die beiden letztern vereinigt, sodaß nur noch die beiden großen Reiche Neustrien und Austrasien übrigblieben, deren jedes einen besondern Major Domus hatte. Unter den mächtigen Majores Domus zeichnete sich [85] Pipin von Heristal so aus, daß er alleiniger Major Domus wurde und der König neben ihm in den Schatten trat. Noch höher stieg das Ansehen seines Sohnes Karl Martell, der sich zum Herzog von Neustrien machte, die Araber, welche 732 unter ihrem Khalifen Abdorrahman über die Pyrenäen gekommen waren, in einer großen Schlacht bei Tours besiegte, und nach des schwachen Königs Tode demselben vier Jahre lang keinen Nachfolger gab, indem er ohne kön. Titel die Regierung allein führte. Als Karl Martell 741 gestorben war, traten seine Söhne, Karlmann in Austrasien und Pipin der Kurze in Neustrien an seine Stelle. Elf Jahre regierte Pipin als Major Domus, dann beschloß er, nachdem Karlmann Mönch geworden war, auch den kön. Namen zu führen. Mit Vorwissen des Papstes schickte er den letzten merovingischen König Childerich III. ins Kloster und erhob sich und sein Haus 752 auf den fränk. Thron. Von ihm stammt die Dynastie der Karolinger, die in F. bis 987 regiert hat. Nach Pipin's Tode, 768, bestieg Karl der Große den Thron, ein Mann, durch dessen geistige Kraft und weltliche Macht die Zukunft Europas bestimmt wurde. Er machte dem Longobardenreiche ein Ende und vereinigte es mit dem seinigen, bezwang nach 32jährigem Kriege die unbändigen Sachsen, dehnte sein Reich bis an den Ebro, die Eider, die Raab und die Tiber aus, verband die verschiedenartigen Völker zu einem Ganzen, erneuerte die Würde eines röm. Kaisers und machte Künste und Wissenschaften in seinem Reiche heimisch. (S. Karl der Große.) Als er 814 starb, sank die Macht der Karolinger zusehens durch die Schwäche seines Sohnes Ludwig des Frommen und die Uneinigkeiten der Söhne Ludwig's unter sich und mit dem Vater. Auch nach dem Tode Ludwig's, 840, wurde der Bruderkrieg fortgesetzt, bis der Vertrag von Verdun 843 jedem der drei Brüder ein eignes Besitzthum festsetzte. Deutschland, Italien und F. wurden voneinander getrennt, das große fränk. Reich löste sich auf und die Geschichte F.'s als eines abgesonderten Königreichs beginnt mit jenem Vertrage von Verdun.
Durch jenen Vertrag fiel F. Karl dem Kahlen, 843–77, zu, einem ruhmlosen Könige, dessen Macht im Innern desto mehr verfiel, je mehr er nach Erweiterung des Reichs strebte. Er riß die Provence, halb Lothringen, zuletzt sogar Italien und die Kaiserwürde an sich, und doch mußte er seinen großen Vasallen eine Urkunde ausstellen, daß deren Ländereien und Amtsstellen vom Vater auf den Sohn erben sollten, wodurch die Gewalt des Königs vom Willen seiner Großen ganz abhängig gemacht wurde. Zugleich bauten diese feste Burgen, angeblich zum Schutz gegen die Anfälle der Normänner, die um diese Zeit ihre Angriffe gegen die Küste zu machen anfingen, eigentlich aber zum Trotze gegen den König. Unter Karl verbreitete sich auch die franz. Sprache über ganz F., die man bisher nur in Neustrien, im westl. Theile, geredet hatte, weil man sich ihrer bei Hofe und in den öffentlichen Verhandlungen bediente. Vorher hatte man sich meist der deutschen Sprache bedient.
Ohne Kraft und Ansehen regierten nach Karl dem Kahlen dessen Sohn und zwei Enkel. Da riefen die franz. Großen, in der Hoffnung, besser regiert zu werden, den Karolinger Karl den Dicken, der König in Deutschland und ein Urenkel Ludwig's des Frommen war, auf den franz. Thron. So wurde noch einmal die Herrschaft Karl's des Großen in ihrer ganzen Ausdehnung hergestellt. Aber die Zeit der Regierung dieses Königs war eine höchst unglückliche. Er war ohne Regententugenden, ohne Geisteskraft, vielleicht auch ohne den Willen, seine Völker glücklich zu machen; dazu kamen die Verheerungen der franz. Küsten durch die Normänner, die bis Paris vordrangen. In Deutschland setzte man Karl 887 ab; in F. geschah dies zwar nicht, aber man fragte nicht mehr nach ihm. Burgund (s.d.) trennte sich von F. und als Karl der Dicke 888 starb, übertrugen die franz. Großen dem Grafen von Paris Odo oder Eudo die Krone; doch kehrten sie nachher zum Karolingischen Hause zurück und erkannten Karl den Einfältigen als König an, dessen Beiname hinlänglich seine Ohnmacht bezeichnet. Die Normänner setzten ihre Einfälle fort, bis Karl, um Ruhe vor ihnen zu haben, den kriegerischen Häuptling derselben, Rollo, zum Eidam annahm und ihm die Normandie als Lehn übergab. Ebenso elend war die Regierung des Sohnes, des Enkels und des Urenkels Karl's. Das schwache Königshaus der Karolinger wurde nur geduldet, aber die Macht lag allein in den Händen der mächtigen Vasallen. Als aber 987 Karl des Einfältigen Urenkel, Ludwig V. oder der Faule, starb, gelang es Hugo Capet, dem mächtigen Grafen von Paris, sich zum Könige zu erheben.
So ging das Geschlecht Karl's des Großen 987 in F. unter und das Haus der Capetinger, von welchem noch heute die Könige von Frankreich, Spanien und Neapel abstammen, bestieg den franz. Thron. Anfangs besserte sich dadurch die Lage F.'s wenig; die Vasallen waren mächtiger als der König, den sie als ihres Gleichen betrachteten; Jeder suchte nur seinen Einfluß zu vermehren, unbekümmert um das Wohl des Volkes, nach welchem Niemand fragte. Noch verwickelter wurden die Verhältnisse, als der Herzog der Normandie, Wilhelm der Eroberer, Englands sich bemächtigte und dieser franz. Vasall nun mächtiger als sein Lehnsherr wurde. Die Capeting. Könige gingen zunächst darauf aus, die Macht der übermüthigen Großen zu brechen. Einen großen Schritt hierzu that Ludwig VI. der Dicke (st. 1137), dessen weiser Minister, Suger, Abt von St.-Denis, dem Könige rieth, den Leibeigenen auf den kön. Gütern die Freiheit zu geben und den Städten Vorrechte zu ertheilen, wodurch das kön. Ansehen bedeutend gewann und die Vasallen genöthigt wurden, ihren Unterthanen ähnliche Freiheiten zu bewilligen. Desto mehr verlor F. unter dessen Sohne Ludwig VII., der einen nachtheiligen Kreuzzug unternahm und sich unklugerweise von seiner Frau Eleonora, der Besitzerin von Guyenne, schied, die nun den mächtigen franz. Vasallen, Heinrich Plantagenet, Herzog von Anjou, Maine und Normandie, heirathete, welcher König von England wurde. Das Streben der franz. Könige, die Besitzungen der Engländer in F. an sich zu reißen, führte lange Zeit hindurch hartnäckige Kriege herbei; zuerst unter Philipp II. August, 1180–1223, welcher Miethstruppen einführte, die Engländer in einer großen Schlacht bei Bovines 1214 besiegte und mehre engl. Provinzen in F. an sich riß. Dagegen wütheten er und sein Sohn Ludwig VIII. gegen ihre eignen Unterthanen, indem sie aus falschem Religionseifer die von dem kirchlichen Glauben abweichenden Albigenser im südl. F. mit Grausamkeit verfolgten. Einen großen Fortschritt [86] machte die kön. Macht unter Philipp IV. dem Schönen, 1285–1314, der mit kräftiger Hand den Anmaßungen des Adels wie der Geistlichkeit entgegentrat und den Bürgerstand begünstigte, dessen Abgeordnete er als dritten Stand zu den Reichstagen zuließ.
Mit seinen drei Söhnen starb 1328 der Hauptstamm der Capetinger aus und die Nebenlinie, das Haus Valois, 1328–1589, bestieg mit Philipp VI. den Thron. Sogleich erneuerten sich wieder die Kämpfe mit England, denn der König dieses Landes, Eduard III., war ein Sohn der Tochter Philipp's des Schönen und machte als solcher Ansprüche auf den franz. Thron. Diese Kriege waren für F. sehr unheilbringend. In den großen Schlachten bei Crecy 1346, bei Maupertuis 1356, wo König Johann von F., Philipp's Sohn, sogar in engl. Gefangenschaft gerieth, sank die Blüte der franz. Ritterschaft, während kecke Volksaufwiegler sich gegen den Regenten, des Königs Johann ältesten Sohn, erhoben, und unbezahlte Soldatenhaufen (die Malandrinen oder Kameradschaften) das Land plündernd durchzogen. Unter Johann's Sohn, Karl V., dem Weisen, 1364–80, wurde die Lage des Landes in jeder Beziehung verbessert, besonders durch den kriegserfahrnen Connetable Bertrand du Guesclin, der den Engländern ihre Eroberungen wieder abnahm. Desto tiefer sank das Reich unter Karl VI., 1380–1422, der als Kind den Thron bestieg und unter welchem die Parteikämpfe der Häuser Burgund und Orleans entbrannten, die Engländer nach ihrem großen Siege bei Azincourt (1415) den größten Theil F.'s einnahmen und selbst die Königin Isabeau ihren eignen Sohn, den Dauphin (Thronerben) Karl, verließ und sich den Engländern anschloß. Der schmähliche Vertrag von Troyes (1420) sollte F. an das engl. Königshaus bringen. Da rettete die Erscheinung der Jungfrau von Orleans (s. Jeanne d'Arc) 1429 den bedrängten Karl VII.; die Engländer verloren ihre Besitzungen in F. bis auf Calais, und die Ruhe nach außen erlaubte dem schlauen Ludwig XI., 1461–83, auf Erweiterung der kön. Gewalt zu denken. Wie Philipp der Schöne, nur in größerm Maßstabe, weil die Zeiten ihm günstiger und seine Arglist größer war, drückte er die großen Vasallen zu unterthänigen Dienern herab, indem er abwechselnd Gewalt oder List anwendete und das Volk mehr hob, sodaß er als der eigentliche Wiederhersteller der kön. Gewalt zu betrachten ist. Bei Karl des Kühnen, Herzogs von Burgund, Tode riß er einige burgund. Provinzen an sich und hinterließ F. so kräftig, daß seine Nachfolger im Stande waren, an Eroberungen in Italien zu denken. Mit seinem Sohne Karl VIII. starb die Hauptlinie der Valois aus und die Regierung ging mit Ludwig XII. auf das Haus Orleans, einer Seitenlinie der Valois, über.
Franz I. (s.d.), 1515–47, der Zeitgenosse des großen Kaisers Karl V., mußte diesem in der Bewerbung um die deutsche Kaiserkrone nachstehen, daher die Eifersucht zwischen Beiden, durch welche vier Kriege hervorgerufen wurden, die im Ganzen zum Nachtheil F.'s endeten. Dagegen erfreute sich dieses, nachdem die Kriege mit England erloschen und die letzte engl. Besitzung in F., die Festung Calais, erobert war, der Ruhe im Innern und die kön. Gewalt wurde unumschränkt. Aber schon unter den Regierungen des folgenden Königs, Heinrich II., 1547–59, und seiner drei Söhne, Franz II., Karl IX. und Heinrich III., 1559–89, wurde die innere Ruhe durch die Verfolgungen der Anhänger der reformirten Lehre, der Hugenotten, gestört. Während das Haus Guise an der Spitze der katholischen Partei stand, wurden die Hugenotten von dem Hause Condé vertreten. Nachdem der Hof unter Karl IX. drei Religionskriege gegen die Hugenotten geführt hatte, ohne sie vernichten zu können, wurde auf Anstiften der Königin Mutter, der nichtswürdigen Katharina von Medici, die Ermordung sämmtlicher Hugenotten in der blutigen Bartholomäusnacht 1572 (s. Bluthochzeit) beschlossen und zum Theil ausgeführt. Die Strafe für diese Greuelthat waren vieljährige Unruhen, in welche das Land durch die Parteiungen der Großen gestürzt wurde. Die Sitten verfielen zusehens, Ränkesucht verdrängte allen Sinn für moralische Größe; die Familie der Guisen strebte nach der Herrschaft und die beiden Religionsparteien kämpften gegeneinander; als die Verwirrung ihren höchsten Grad erreicht hatte, wurde Heinrich III. von einem fanatischen Mönche durch einen Messerstich ermordet.
Mit Heinrich III. ging die Regierung zum Hause Bourbon über. Der treffliche Heinrich IV. (s.d.), 1589–1610, bestieg den Thron; doch kämpfte gegen ihn, den ehemaligen Hugenotten, die von den Spaniern unterstützte katholische Partei so lange, bis er sich mit dem Papste aussöhnte und halb mit List, halb mit Gewalt Paris einnahm. Er heilte dann, von dem wackern Sully, seinem Minister, unterstützt, die Wunden des Landes durch weise Gesetze, durch treffliche Verwaltung der Finanzen und durch Belebung der Gewerbe und des Handels. Das schönste Denkmal aber setzte er sich 1598 durch das Edict von Nantes, durch welches er den Hugenotten gleiche Rechte mit den Katholiken sicherte. Seine Ermordung durch Ravaillac machte seiner glücklichen Regierung ein Ende, die den Franzosen um so segensreicher erschien, da die folgende seines Sohnes Ludwig XIII., 1610–43, überaus nachtheilig war. Die ganze Verwaltung wurde durch seine Mutter, Maria von Medici, welche vier Jahre lang die Regentschaft führte, zum Nachtheil des Reichs verändert. Als Ludwig die Regierung selbst übernahm, wurde es noch schlimmer; zwar versammelte er, zum letzten Male bis zur Revolution, die Reichsstände 1614, aber ohne daß etwas Gutes bewirkt wurde. Er ließ sich von Günstlingen leiten, deren einer den andern stürzte, bis endlich der schlaue Cardinal, Herzog von Richelieu (s.d.), den Platz behauptete, 1624–42. So groß auch der Verstand dieses Mannes war, so fehlte ihm doch die Erkenntniß, daß nur durch die Wahl offener und rechtlicher Mittel das Glück der Staaten wie einzelner Menschen gefördert werden könne. Es gelang ihm, die kön. Gewalt unabhängig zu machen; die Großen wurden durch Hinrichtungen selbst solcher, die sich gegen Richelieu verschworen, gedemüthigt und eingeschüchtert, die Reichsstände alles Einflusses beraubt und nicht mehr versammelt, und die Parlamente, die unter den letztvorhergehenden Regierungen sich in die Verwaltung gemischt hatten, in ihre Schranken zurückgewiesen. Um das Haus Östreich zu schwächen, ließ sich Richelieu während des dreißigjährigen Kriegs mit Schweden und den andern Gegnern des Kaisers in Verbindung ein, und seitdem erkühnte sich F, in allen Angelegenheiten Deutschlands mitzusprechen. [87] Durch Richelieu's Nachfolger, Mazarin (s.d.) wurde während der Minderjährigkeit Ludwig XIV. (s.d.), 1643–1715, die Verwirrung noch größer. Zwar wollten der Minister und die Königin Mutter, Anna von Östreich, im Geiste Richelieu's fortregieren; da ihnen aber dieses Mannes Geistesüberlegenheit fehlte, so erhoben sich mehre Große, der Prinz von Condé an der Spitze, bildeten eine mächtige Partei, die Fronde (s.d.), und beunruhighten F. zehn Jahre lang. Selbst in den Straßen von Paris wurde Blut vergossen. Dennoch behauptete sich Mazarin bis an seinen Tod 1661, wo er F. innerlich beruhigt und von außen gefürchtet, dem jungen, ehrgeizigen, herrschsüchtigen, glanzliebenden Könige zurückließ, der mit glücklichem Blick tüchtige Männer zu Ausführung seiner Pläne aufzufinden verstand. Der große Minister Colbert ordnete die Finanzen, hob die Gewerbe und den Handel, und wußte dadurch die Summen herbeizuschaffen, die der König zu Ausführung kostbarer Bauten, eines glänzenden Hofstaats und seiner Kriege bedurfte, während der Kriegsminister Louvois die franz. Heere furchtbar machte. Auch Künste und Wissenschaften hoben sich unter mächtiger Begünstigung des Königs. Aber theils hatte das unsittliche Leben des Königs auf den Verfall der Sittlichkeit der Franzosen den nachtheiligsten Einfluß, theils erschöpften die fünf Kriege, welche Ludwig mit Spanien, den Niederlanden, England, Deutschland und Östreich führte, die Kräfte des Landes, und endlich geriethen nach Colbert's Tode (1683) die Finanzen in großen Verfall. Zwar vergrößerte Ludwig sein Land durch jeden seiner Kriege, aber in dem letzten derselben, dem span. Erbfolgekriege, 1701–13, gerieth er in solche Noth, daß er bereit war, alle Eroberungen herauszugeben, wenn man ihm den Frieden hätte bewilligen wollen, und nur durch eine glückliche Veränderung der Umstände gelang es ihm, sich nicht nur aus der Verlegenheit zu befreien, sondern sogar seinen Enkel Philipp von Anjou auf den span. Thron zu bringen und die franz. Grenzen zu erweitern. Dennoch hinterließ er das Reich in einem erschöpften Zustande: der innere Wohlstand war dahin, die Unterthanen seufzten unter der Last der Abgaben und der Willkür der Beamten, jede Spur von Freiheit und Volksvertretung war verschwunden und die Staatsschuld zu einer solchen Höhe gestiegen, daß zu ihrer Erledigung wenig Hoffnung war. Dazu kam, daß Ludwig durch die Aufhebung des Edicts von Nantes (1685), zu welcher ihn sein Beichtvater und die Marquise von Maintenon verleitet hatten, und durch die Verfolgung der Reformirten viele Tausend fleißiger Familien zur Auswanderung gezwungen hatte. Handel und Wandel waren ins Stocken gerathen, und die franz. Seemacht war 1692 durch die Engländer auf lange Zeit zerstört worden.
Ludwig XIV. Urenkel, Ludwig XV., 1715–1774, erfüllte nicht die Hoffnungen, die man sich von seiner Gutartigkeit gemacht hatte. Die ersten acht Jahre führte der Herzog von Orleans die Regentschaft, dessen unverschämte Unsittlichkeit die franz. Sitten noch mehr vergiftete. Es schien besser werden zu wollen, nachdem der König die Regierung selbst übernommen hatte und der Regent in demselben Jahre gestorben war. Auch ließ die Wahl des siebzigjährigen Fleury (s.d.) zum ersten Minister, welche Stelle derselbe 17 Jahre lang behauptete, Gutes hoffen. Ludwig lebte anfangs streng-sittlich und glücklich, bis er verleitet wurde, sich eine Maitresse zu nehmen. Von da an versank er nicht nur in große Unsittlichkeit, sondern verlor auch allen Geschmack an den Regierungsgeschäften, die er seinem Minister allein überließ. Nachdem mehre Maitressen nacheinander den schwachen König geleitet hatten, bemächtigte sich seiner die schlaue Marquise de Pompadour, die ihn von 1744 bis an ihren Tod 19 Jahre lang beherrschte. Nachdem F. sich ohne Noth in den östr. Erbfolgekrieg, 1740–48, gemischt und hier zwar zu Lande viele Vortheile, zur See aber namhafte Verluste erlitten hatte, trat es im Frieden von Aachen ohne Landesgewinn zurück. Die Fortschritte, welche die Franzosen theils in Ostindien, noch mehr aber in Nordamerika am Lorenzo, Ohio und Missisippi machten, verwickelten sie sieben Jahre später, 1755–62, in einen siebenjährigen Seekrieg mit England, der ihnen bedeutende Verluste, namentlich den von Canada in Amerika, im Frieden von Fontainebleau 1763 zuzogen. Zu derselben Zeit ließ sich Ludwig auf Betrieb der Pompadour in den siebenjährigen Krieg, 1756–63, in Deutschland ein. Ludwig verband sich mit Östreich, auf dessen Macht F. unter den frühern Regierungen eifersüchtig gewesen war, gegen Friedrich den Großen, der den Franzosen mehre empfindliche Niederlagen beibrachte. Zugleich wurde die Schuldenlast ins Ungeheure vermehrt. F. ging mit Riesenschritten seinem Verfalle entgegen. Das Beispiel des Hofes wirkte nachtheilig auf die Sitten, und die Religion, welche allein deren Verfall hätte aufhalten können, wurde durch die Schriften Voltaire's, Diderot's, d'Alembert's, Rousseau's u. A. herabgezogen. Endlich starb der allgemein verachtete Ludwig XV. 1774 und hinterließ seinem Enkel, Ludwig XVI., eine Schuldenlast von 4000 Mill. Livres.
So redlich auch der Wille des jungen Königs war, so war doch dem gesunkenen Staate nicht durch gelinde Mittel, sondern nur durch eine gänzliche Umänderung der bestehenden Verfassung zu helfen; denn die drückenden Abgaben lasteten nur auf dem Volke, während der hohe Adel und die Geistlichkeit frei davon waren. Alle einträglichen Stellen wurden nur den bevorrechteten Familien übertragen oder an den Meistbietenden verkauft; die Abgaben waren zu solcher Höhe gestiegen, daß sie nicht mehr gesteigert werden konnten. Das gemeine Volk war leichtsinnig und sittenlos und konnte von unruhigen Köpfen leicht zu Unordnungen gemisbraucht werden, während sich im Mittelstande, wo die größte Bildung zu finden war, durch das Beispiel der Nordamerikaner, an deren Losreißung von England F. lebhaften Antheil genommen hatte, Ideen von bürgerlicher Freiheit und Gleichheit verbreitet hatten. Politische Schriftsteller trugen nicht wenig dazu bei, diese Ideen zu verbreiten und die Gährung in den Gemüthern zu vermehren. Die Großen waren lasterhaft, und man hatte sich unter Ludwig XV. gewöhnt, die kön. Würde zu verachten. So einfach auch Ludwig XVI. selbst war, so dauerte doch die Verschwendung bei Hofe fort, wodurch die Schuldenlast noch vermehrt wurde. Das Volk fing an zu murren, allgemein sehnte man sich nach einer Veränderung der Dinge und der Finanzminister war nicht mehr im Stande, Rath zu schaffen. In dieser Noth wurden, seit 163 Jahren zum ersten Mal, die Notabeln 1787 versammelt. Da sie aber eine allgemeine Grundsteuer verwarfen, die allein hätte retten können, so dienten sie nur dazu, die Gebrechen des Staats noch mehr aufzudecken. [88] Das Verlangen nach Berufung der Reichsstände, die seit 1614 nicht versammelt gewesen waren, wurde nun immer größer. Noch widerstand der König; da aber das Parlament sich weigerte, die verlangten neuen Steuern zu genehmigen und keiner der schnell aufeinander folgenden Minister helfen konnte, so fügte sich endlich der König auf den Rath des Ministers Necker in deren Versammlung.
Am 5. Mai 1789 versammelten sich die Reichsstände in Versailles. Durch den Beschluß, den der dritte Stand durchsetzte, daß nach Köpfen gestimmt werden sollte, wurde das Übergewicht desselben über die Geistlichkeit und den Adel entschieden, besonders da der größere Theil der erstern zu dem Bürgerstande übertrat. Vergebens befahl der König, daß nach Ständen gestimmt werden und daß jeder Stand sich besonders versammeln sollte. Auf Graf Mirabeau's Vorschlag erklärte der dritte Stand, er werde nicht gehorchen, und da nun auch mehre vom Adel, der Herzog von Orleans an der Spitze, übertraten, erklärte sich der dritte Stand zur Nationalversammlung am 17. Jun. 1789, und der erschrockene König gab nach. Mit rascher, kecker Hand riß diese Nationalversammlung das alte, morsche Gebäude der bisherigen Verfassung ein; waren es auch Misbräuche, die man angriff und verwarf, so war doch die stürmische Eile, mit der man verfuhr, nicht weise. Die Nation zerfiel nun in zwei Parteien; die eine suchte möglichst viel vom Alten zu erhalten (die Aristokraten), die andere, die Freunde der Revolution, alles Alte über den Haufen zu werfen. Der König zog 20,000 M. in der Nähe von Paris zusammen, vielleicht nur, um den Ausbruch von Unruhen zu verhindern, beschleunigte aber denselben eben dadurch. Ein fürchterlicher Aufstand brach in Paris los, die zum Staatsgefängniß benutzte Bastille wurde erobert und geschleift und der König genöthigt, die Truppen zu entfernen. Es wurde eine Nationalgarde unter Lafayette errichtet. Die Entfernung der Soldaten beruhigte endlich das Volk, und der Besuch, den der König am 17. Jul. auf dem Rathhause in Paris abstattete, schien Volk und Hof ausgesöhnt zu haben. Doch der Geist der Widersetzlichkeit, des gegenseitigen Mistrauens, des Hasses der untern Stände gegen die höhern war einmal aufgeregt und ließ sich nicht bannen, und die Unordnung breitete sich über ganz F. aus. Die Bekanntmachung der Menschen- und Bürgerrechte durch die Nationalversammlung ließ viel Gutes hoffen; aber die übelverstandenen Worte: Gleichheit und Freiheit und die Bemühungen des übelgesinnten Herzogs von Orleans vermehrten die Verwirrung. Dieser und andere Böswillige erregten einen neuen, noch gefährlichern Tumult am 5. und 6. Oct. 1789. Zwei bewaffnete Haufen zogen nach Versailles, begingen Mordthaten und zwangen die kön. Familie, ihren Wohnsitz in Paris zu nehmen, wohin die Nationalversammlung bald folgte. Der hier anfangs herrschende gute Geist verschlimmerte sich bald wieder. Die exaltirten Neuerer erhielten nach und nach das Übergewicht; sie bildeten den berüchtigten Jakobinerclub. Alle mit der Geburt zusammenhängenden Vorrechte, auch der Adel, wurden aufgehoben, dem König bei der Gesetzgebung nur eine beschränkt verneinende Stimme (das Veto) vergönnt, die Kirchengüter und ein großer Theil der Krondomainen wurden eingezogen und, da es an Geld fehlte, eine ungeheure Menge von Papiergeld, die Assignaten, die späterhin allen Werth verloren, geschaffen. Diesen Verfügungen folgte die Aufhebung aller geistlichen Stiftungen und Klöster, der Parlamente, die Einführung der Geschwornengerichte, die Emancipation der Juden, die Abschaffung aller Titel und Wappen, die Eintheilung des Reichs in 83 Departements, der Beschluß, daß 747 zu wählende Deputirte die Nationalrepräsentation bilden sollten u.s.w. Wenn auch diese Beschlüsse zum Theil Bedenken erregten, so schien doch das Bundesfest, das man am Jahrestag der Zerstörung der Bastille, am 14. Jul. 1790, auf dem Marsfelde in Paris mit allgemeiner Begeisterung feierte, eine Versöhnung der verschiedenen Parteien herbeigeführt zu haben. Aber schnell zerging der schöne Traum; die Aristokraten konnten die »gute alte Zeit« nicht verschmerzen und dachten auf Wiederherstellung derselben, viele Geistliche weigerten sich, die neue Verfassung zu beschwören, und auf der andern Seite ruhten die Freunde der Revolution nicht, die Bande des Gehorsams immer mehr zu lösen und den Pöbel gegen die Gesetze aufzuwiegeln. Schon waren der Graf von Artois, nachmaliger König Karl X., und andere Glieder des kön. Hauses aus F. geflohen; ihnen folgten bald viele Edelleute und Geistliche (Emigranten), und der König erkannte, als der Pöbel ihm die Spazierfahrt nach St.-Cloud am 18. Apr. 1791 wehrte, daß er nur noch ein Gefangener sei. Dieser peinlichen Lage wollte er sich durch die Flucht entziehen. In der Nacht vom 20. Jul. reiste er mit seiner Familie heimlich nach Montmedy ab, wurde aber unterwegs in Varennes erkannt und nach Paris zurückgeführt. Nur sein Bruder, Graf von Provence, war entkommen. Die Revolution nahm indessen einen immer gefährlichern Charakter an. Zwar stiftete Lafayette aus der Partei der Gemäßigten den Club der Feuillants, aber dagegen erhob sich aus der Mitte der Jakobiner der Club der Cordeliers, theils aus Bösewichtern, wie Marat und Robespierre, theils aus exaltirten Republikanern bestehend. Der Pöbel, durch diese Partei aufgeregt, fing an zu herrschen und der Name Sansculotte (Ohnehosen) wurde ein Ehrenname.
Am 30. Sept. 1791 ging nach Vollendung der neuen Verfassung die erste (constituirende) Nationalversammlung auseinander und am folgenden Tage trat die gesetzgebende Versammlung zusammen. Durch die Ränke der Jakobiner waren größtentheils republikanisch gesinnte, überspannte Köpfe, zum Theil Bösewichter, die nur zur Vergrößerung der Verwirrung beitragen wollten, gewählt worden, und sogleich erhob sich der Parteienkampf. Die Versammlung der Emigrirten unter dem Grafen von Artois in Koblenz und die Bemühungen derselben, die europ. Mächte zu einem Kriege gegen F. zu vermögen, gaben den Feinden des Königs einen Vorwand, die Absichten desselben zu verdächtigen und das Königthum verhaßt zu machen. Die einflußreichsten Stellen in Paris wurden mit Jakobinern besetzt, die Majestät des Königs herabgewürdigt, und da er sich weigerte, die Gesetze gegen die Ausgewanderten und gegen die den Eid verweigernden Priester zu bestätigen, brach am 20. Jun. 1792 ein Aufstand aus. Das Volk drang in das Schloß der Tuilerien, beleidigte den König und die Königin, und wenig fehlte, daß sie von dem rasenden Haufen ermordet wurden. Von nun an war jede Scheu vor der Majestät des Königthums verschwunden, und da um diese Zeit der Krieg des deutschen Kaisers und des Königs von Preußen gegen F. ausgesprochen und ein preuß. Heer unter dem Herzoge von Braunschweig in