Wind

Wind

[736] Wind heißt die Bewegung oder Strömung der Luft im Dunstkreise der Erde und je nach der Richtung oder Himmelsgegend, aus welcher sie stattfindet, wird sie als Morgen-Mittag-, Nordwind u.s.w. näher bezeichnet.

Wo es auf größere Genauigkeit deshalb ankommt, wie z.B. bei der Schiffahrt, werden die vier Haupthimmelsgegenden und noch 28 dazwischen liegende Nebenrichtungen angenommen, deren sternförmige Aufzeichnung eine sogenannte Windrose bildet, wie sie gewöhnlich auf dem Boden der Compasse (s.d.) angebracht ist. Jede der 32 Spitzen wird ein Windstrich genannt und die Entfernung von einem zum andern noch in vier Theile (Viertelstriche) getheilt. Ein als N. g. W. 1/2W. bezeichneter Wind würde demnach aus der Richtung 1/2 Striches von Nord gen West, ein NW. aus der Richtung des vierten, ein NWW. aus der des sechsten Striches von N. gen W. herwehen. Aber auch nach dem Grade der Heftigkeit der Winde, welche mit der Schnelligkeit derselben zusammenfallen und von andern Eigenschaften derselben führen sie verschiedene Namen. So bezeichnet man die sanfteste Luftströmung als ein Lüftchen, die Seefahrer aber nennen es noch einen sanften Wind, wenn er gegen 10 F. in der Secunde durcheilt. Legt er 16 F. in der Secunde zurück, so heißt er ein mäßiger, bei 24 F. Geschwindigkeit ein steifer, bei 35 F. ein harter Wind. Ein kleiner Sturm macht 42 F. in der Secunde, ein mäßiger Sturm 50 F., ein starker mehr als 54 und steigt er bis 60 F. Geschwindigkeit, so wird er in Europa ein Orkan genannt, bei welchem die Luft auf jeden ! F Fläche einen Druck von 8 Pfund ausübt. Weit gewaltiger sind die Orkane aus S. und W., welche häufig in Westindien wüthen, aber auch das amerikan. Festland zuweilen heimsuchen, wie z.B. am 23. Sept. 1815, wo an der Küste von Nordamerika allein 70 Kauffahrteischiffe zertrümmert wurden. Schon bei 123 F. Geschwindigkeit wirkt ein solcher Orkan gegen einen 150 hohen, 30 F. breiten Thurm mit einer Gewalt von 9 Mill. Pfund. Die Geschwindigkeit dieser Stürme steigt aber bis 150 F. in der Secunde und sie drücken dann mit weit über 30 Pfund Kraft auf den ! F. Oberfläche, daher sie an Gebäuden, Bäumen und Pflanzungen die furchtbarste Verwüstung anrichten. So wurden z.B. auf der nur 11/2 ! M. großen, von 1600 Einw. bewohnten schwed. Insel St.-Barthelemi im Herbste 1819 von einem Orkane über 150 Häuser, darunter eine Caserne zerstört, 12 Menschen getödtet, das Meerwasser selbst in 70–80 F. hoch gelegene Wasserbehälter getrieben, 46 Schiffe so mitgenommen, daß nur 17 ausbesserungsfähig waren und der Strand so mit todten Fischen überschüttet, daß sie fortgeschafft werden mußten, um einer Verpestung der Luft vorzubeugen. Ähnliche, an den südl. Küsten des atlantischen Meeres plötzlich sich erhebende, von Gewittern und Regengüssen begleitete Orkane werden besonders in der Nähe des Cap der guten Hoffnung Travados genannt und bei vorausgehender Windstille durch ein einzelnes am Horizonte aufsteigendes weißes Wölkchen angekündigt. Ebenso verheerende Wirkungen, nur meist auf einen kleinern Raum beschränkt, äußern mitunter die Wirbelwinde, welche aus einer oft mit großer Gewalt um sich selbst bewegten und dabei fortschreitenden Luftsäule bestehen [736] und zuweilen die Wasserhosen (s.d.) begleiten. Der Schiffahrt höchst gefährlich sind die vornehmlich in dem japanischen und chines. Meeren plötzlich entstehenden Stoßwinde und Stürme, Typhon (s.d.) genannt. Andere wegen ihrer Nachtheile gefürchtete Winde sind die Bora (s.d.), der Chamsin, Solano, Sirocco, Smum oder Samum (s.d.); der Tornado an der Westküste von Afrika, welcher, den heftigen Regengüssen vorausgehend, eine niederdrückende und siech machende Schwüle erzeugt und dann mit verheerender Gewalt weht. Nach der Weltgegend, aus welcher der Wind kommt und der Beschaffenheit des Theiles der Erdoberfläche, über welche er dabei hinstreicht, bedingen sich auch manche seiner Eigenschaften und ob er kalt, warm, feucht, trocken ist. Bei uns in Deutschland pflegt der Morgenwind trockenes, kühles Wetter, der Abendwind und Südwind bewölkten Himmel, Regen, Wärme, Gewitter, der Nordwind Kälte zu bringen. Aber auch in Hinsicht der Zeit, wo sie wehen, theilt man die Winde in regelmäßige und beständige, in unregelmäßige und veränderliche ein. Letztere sind in den kalten und gemäßigten Erdstrichen die herrschenden und bei uns treten z.B. nur die heftigen Winde um die Zeit der Tag- und Nachtgleiche (s. Äquinoctium) und die trockenkalten Ost-und Nordostwinde im März und April mit einer gewissen Regelmäßigkeit ein. Die Lage der Länder macht aber dabei noch manchen Unterschied und in Holland fehlen Ostwinde z.B. fast ganz, näher am Nordpole wird nördlicher, am Südpole südlicher Wind vorherrschend. Große Regelmäßigkeit ist den vorzüglich im ind. Meere herrschenden Monsoons, etesischen Winden oder Moussons (s.d.) und den Passatwinden eigen, welche letztere das ganze Jahr hindurch zwischen den Wendekreisen in einerlei Richtung wehen. Sie legen nicht über 10 F. in der Secunde zurück und nördl. vom Äquator wehen sie nordöstl., südl. davon aus Südost; übrigens herrschen sie blos auf dem Meere, und an den Küsten wie auf dem Lande selbst wehen andere Winde. Die Ursachen der Passatwinde sind in der großen Wärme der Tropenländer und der von W. nach O. stattfindenden Umdrehung der Erde zu suchen. Die erstere bewirkt ein rasches Emporsteigen der erhitzten Luft, wofür von den Polen her in den untern Schichten kühlere Luft zuströmt. Diese bedarf aber einiger Zeit, ehe sie in die zwischen den Wendekreisen stattfindende Schnelligkeit des, Umschwungs der Erde und ihres Dunstkreises übergeht, und so lange das nicht der Fall ist, müssen alle Gegenstände an der Oberfläche der Erde diesen Luftstrom in der Richtung von W. nach O. durchschneiden, was dieselbe Wirkung hervorbringt, als wehete ein östl. Wind. Mit gleicher Regelmäßigkeit wehen an den Küsten der heißen Länder täglich Land- und Seewinde, letztere am Tage, während des Nachts die Luftströmung vom Lande aus seewärts geht; doch reichen sie nicht über eine St. weit ins Land oder ins Meer. Ähnliche Erscheinungen kommen auch an den Küsten des mittelländ. Meers vor und beruhen auf der am Tage stärkern Erhitzung der über dem Lande schwebenden Luft, welche deshalb emporsteigt und den Andrang der kühlern Seeluft zur Folge hat, während des Nachts die schneller abkühlende Landluft die dann wärmere Seeluft zu verdrängen strebt. – Was die Ursachen der Winde im Allgemeinen anlangt, so gehören dazu allerdings die örtliche Erwärmung und damit bewirkte Verdünnung der Luft, was den Andrang der dichtern aus kältern Gegenden nach sich zieht, die Umdrehung der Erde die Einwirkung von Gewässern und Gebirgen und der Elektricität; aber es ist bisher nur im Einzelnen gelungen, so genügende Erklärungen für die Strömungen der atmosphärischen Last, wie z.B. für die Passatwinde, aufzustellen. Im Haushalt der Natur sind die Winde übrigens von der größten Wichtigkeit, trocknen aus und zertheilen schädliche Dünste, führen Wolken und befruchtenden Regen in bedürftige Gegenden und helfen die Spannung im Dunstkreise erhalten. Für menschliche Zwecke dienstbar gemacht, wird die Kraft der Winde bei der Schiffahrt benutzt und war vor Anwendung der Dampfkraft das einzige Mittel zur Fortbewegung der großen Seeschiffe; außerdem wird der Wind zur Bewegung von Mühlwerken gebraucht. – Bei Windstille wird die Luft gar nicht bewegt, Segelschiffe kommen dann fast gar nicht von der Stelle und sie ist zur See häufig Vorbote von Sturm oder Gewitter. – Windmesser oder Anemometer heißen Instrumente zur Bestimmung der Geschwindigkeit oder Stärke des Windes. Man hat welche, an denen der Wind auf eine ihm entgegengerichtete Fläche, z.B. ein Bret von 1 ! F. oder eine Blechtafel wirkt, die unten geschmeidig in einem Gelenke geht und an der oben eine Schnur befestigt und gegen den Wind über eine Rolle geführt ist und hier eine Wagschale trägt, auf der so viel Gewicht gebracht wird als erfoderlich ist, die Fläche unbewegt zu erhalten, was dann der Kraft gleichkommt, mit welcher der Wind gegen dieselbe drückt. Eine andere Art zur Bestimmung der Schnelligkeit besteht in einer höchst beweglichen, leichten stählernen Welle, die wagerecht in einem Gestelle ruht und an dem einen Ende mit leichten Flügeln versehen ist, deren Schwerpunkt den Umfang eines Kreises von 10 F. beschreibt, wenn sie gegen den Wind gestellt und von ihm umgedreht werden. Die Einrichtung ist der Art, daß man annehmen kann, die Flügel drehen sich mit der Geschwindigkeit des Windes, daher die Zahl ihrer Umdrehungen in einer bestimmten Zeit angibt, wie viel Mal 10 F. der Wind in derselben zurücklegt. – Windbüchsen sind Schießgewehre, aus denen die Kugel nicht durch abgebranntes Schießpulver, sondern durch verdichtete Luft fortgetrieben wird. Sie sollen nach Einigen zu Nürnberg im 15. Jahrh. von Guter, nach Andern erst im 15. Jahrh. von Hans Lobsinger erfunden worden sein, und im 17. Jahrh. wurden dort welche von solcher Größe verfertigt, daß sie eine Kugel von 4 Pf. auf 400 Schritt durch ein 2 Zoll starkes Bret trieben. Der eigenthümliche Theil dieses Schießgewehrs ist der Behälter, in welchen die zum Schusse nothwendige Luft zusammengepreßt wird. Er besteht entweder aus einer Kugel von starkem Kupferblech, welche vor dem Bügel unter dem Rohre angeschraubt wird und mit dem Innern durch einen luftdichten Kanal in Verbindung steht, oder der dann aus Metall getriebene Kolben dient als Luftbehälter, oder es ist dazu neben dem Kugellaufe ein ähnlicher Raum angebracht, wie bei der hier abgebildeten Art. Bei jenen müssen die Luftbehälter abgeschraubt und mittels einer Luftverdichtungs- oder Compressionspumpe mit verdichteter Luft gefüllt werden, der ein stark beledertes, mit der Grundfläche nach innen gewendetes Ventil den Ausweg versperrt. An dieser wird mittels der im Kolben befindlichen [737] Pumpe M S Luft nach C S getrieben und dann von dem Ventile zurückgehalten. Mit diesem steht der Drücker am Schlosse in solcher Verbindung, daß es, wird er angezogen, sich auf einen Augenblick öffnet, wo dann ein Theil der in C S zusammengepreßten Luft in den Lauf hinter die Kugel stürzt und diese mit großer Gewalt forttreibt. Da nicht alle Luft aus dem hinreichend geladenen Behälter entweicht, so kann mehrmals nacheinander geschossen werden, doch fällt natürlich jeder Schuß schwächer aus. Der Gebrauch dieser Gewehre verlangt ganz besondere Sachkenntniß und Vorsicht und sie sind ihrer Gefährlichkeit und des davon zu besorgenden Misbrauchs wegen sogar in manchen Staaten verboten. Namentlich darf man nie einen Luftbehälter überladen, und auch ohne überladen zu sein, sind schon oft welche blos deshalb gesprungen und haben Unglück angerichtet, weil sie aus einer kalten in eine wärmere Temperatur gebracht wurden, wodurch die Elasticität der darin enthaltenen Luft zu sehr erhöht ward. Beim Füllen ist nöthig, nach je 30 Stößen mit der Pumpe einige Zeit inne zu halten, damit diese nicht heiß werde.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 736-738.
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