Frankreich (Musik)

[221] Frankreich (Musik). (Musik.) Wie überall, so auch in Frankreich, trägt die Musik den Charakter der Nation. Jedes Volk hat seine Musik, vielleicht jeder Mensch seine besondere Melodie.[221] Wenn der tiefsinnige Deutsche Ernst und Würde, kühne Modulationen, sinnvolle Charakterzeichnung und eine metaphysisch-poetische Romantik liebt; wenn der genußsüchtige Italiener die Musik als einen willkommnen Appendix zu seinem Dolce far niente ansieht, und sich gern auf den Wellen der Melodie wiegt, so ist sie dem Franzosen eine liebe Begleiterin bei seinen rauschenden Vergnügungen in den Salons. Namentlich an der französischen Gesangmethode, die so nahe an Declamation grenzt, sieht man, wie ungern dieses Volk zu sprechen aufhört, und sich zum Singen entschließt. Durch seinen recitirenden Charakter tritt der französische Gesang am meisten dem italienischen entgegen. Selbst die Sprache mit ihren verschluckten Endsylben und dem tonlosen Flüstern zeigt sich der Musik feindlich. Trotz dem war Frankreichs Hauptstadt seit langer Zeit der Sammelplatz der größten Componisten und Virtuosen, deren Wirken den Geschmack an der Musik beförderte. Indem wir hier die weniger interessante frühere Geschichte der französischen Musik übergehen, wenden wir uns aus dem Gebiete ihrer Kindheit sogleich zu Lully, dem Schöpfer des Nationalgeschmacks. Dieser große Meister war zwar in Italien zu Florenz (1633) geboren; doch kam er schon in seinem 12. Jahre nach Paris, wo er, von Ludwig XIV. unterstützt, seine musikalische Bildung vollendete, und bis zu seinem Tode blieb. Dort componirte er Opern, welche die französische Nation ein halbes Jahrhundert hindurch entzückten, und viele andere klassische Tonstücke. Er führte zuerst in seine Instrumentalmusik die Fuge ein, erweiterte die Harmonie, indem er durch Dissonanzen die überraschendsten Wirkungen hervorbrachte. Erhaben sind seine Chöre und seine Recitative galten für Muster, welche die meisten Componisten Europa's anerkannten. Indem er der Wahrheit, Einfachheit und Natur huldigte, begründete er den noch jetzt bei den Franzosen herrschenden rhythmisch-declamatorischen Musikstil. Die kurz nach Lully auftretenden Componisten brachten die Kunst nicht weiter. Rameau, 1683[222] zu Dijon geb., erwarb sich den meisten Ruhm als Erfinder eines neuen Tonsystems, das er in seinem »Traité de l'harmonie« (Paris, 1722) entwickelte. Auch er schrieb über 30 Opern, unter denen sich »Kastor und Pollux« und »Pygmalion« auszeichnen. Er versuchte einen neuen Stil und brachte reichere Begleitungen an; doch bei vielem Feuer und gründlicher musikalischer Kenntniß mangelte ihm ein tieferes Gefühl, und so verirrte er sich häufig zu Uebertreibungen, Unnatürlichkeiten und Geschmacklosigkeiten. Genug, es gelang ihm nicht, seinen großen Vorgänger Lully, und noch weniger, seine Nachfolger Gluck und Piccini zu verdunkeln. Einen der heftigsten Gegner fand er an Rousseau, der in seinen Briefen »über französische Musik« die Unvollkommenheit derselben zeigte. Rousseau wurde wegen dieser Schrift so verfolgt, daß er nach Genf entfliehen mußte; er componirte selbst eine Oper: »Le devin du village« und viele Romanzen, gewann aber durch seine musikalischen Werke keinen Einfluß. Auch als musikal. Schriftsteller zeigte er sich einseitig, indem er die Harmonie anfeindete. Mehr ist er als Schöpfer des »Melodrams« zu bemerken, das er durch seinen »Pygmalion« begründete. Rousseau's Schriften mochten dazu beigetragen haben, daß jetzt der italienische Geschmack in Paris Wurzel zu fassen begann. Man führte Leo's, Jomelli's und Pergolesi's Werke auf; Monsigny und Philidor componirten im Geist der italienischen Richtung für die Opéra comique. Aber mit der Ankunft des Ritters Gluck entstand eine große musikalische Revolution. Schon 60 Jahr alt erschien er 1774 in Paris, wo er nach manchen Hindernissen zuerst seine »Iphigenia in Aulis« zur Aufführung brachte. Der Erfolg war außerordentlich; schon die Ouvertüre mußte wiederholt werden, und mit jedem Musikstücke stieg der Enthusiasmus des Publikums. In den ersten zwei Jahren wurde sie 170 Mal gegeben. Auch seine folgenden Opern machten gleich gewaltigen Eindruck. Eine so echt dramatische Durchführung, solche Tiefe und Wahrheit, solche Erhabenheit des Stils, eine solche Allmacht[223] der Tonsprache bei so viel Einfachheit, war noch nicht erschienen. Natürlich geriethen nun die deutsche und italienische Schule, an deren Spitze sich der melodiöse Piccini gestellt hatte, in Conflict; ganz Paris nahm Partei, entweder für Gluck oder Piccini, ja, die Gluckisten und Piccinisten feindeten einander fast so heftig an, wie später die Royalisten und Jakobiner. Längst hatten sich die beiden Componisten mit einander versöhnt, als ihre Parteigänger immer noch stritten. Doch weder Piccini, noch Gluck gelang es, den Geschmack der Franzosen für die Dauer zu verändern. Sie konnten sich nicht mit dem grandioseren Gesang- und Kirchenstil befreunden. In ihrer Oper herrschten Declamation und Charakteristik vor. In den oft abgebrochenen Melodiesätzen, in frappanten Uebergängen und stark contrastirten Forte's und Piano's zeigt sich ihre Liebe zu dem Ueberraschenden und Auffallenden. Nach Gluck erschien Gretry, 1741 zu Lüttich geb., der zwar Gluck an Tiefe nicht erreichte, aber durch Wahrheit der Tonsprache und gefälligen Gesang zu den Herzen sprach. Doch gelang es ihm nicht, sich in das großartigere tragische Gebiet emporzuschwingen. Dalayrac nahm sich Gretry zum Muster; besitzt aber weniger Komik als dieser und weniger Originalität als Monsigny; an Naivetät, Grazie und zarter Empfindung steht er seinem Vorbild gleich. Méhul, ein Schüler Gluck's, strebte nach Wahrheit und Charakteristik, und zeigte sich reich an schonen und originellen Ideen; seine Werke fanden Eingang in ganz Europa. Boyeldieu gehört nicht minder zu den beliebtesten französischen Operncomponisten. Er führte zuerst den öftern Gebrauch der Romanze bei der Oper ein. Sein Gesang fließt natürlich und gefällig, seine Instrumentirung ist glänzend, seine Melodien haben eine lebendige, heitere Farbe. Nicolo Isouard, auf der Insel Malta 1777 geb., bildete sich in Paris, wo er 1810 durch die Oper »Cendrillon« seinen Ruhm begründete. Er suchte den französischen Geschmack mit dem italienischen zu verweben, und zeichnet sich besonders in der leichtern Operngattung[224] durch blühende Phantasie und liebliche Melodien aus. Einer der größten franz. Kirchencomponisten ist Le Sueur, der auch mehrere theoretische Werke verfaßte. Cherubini, der Geburt nach ein Italiener, seinem Aufenthalte nach ein Franzose, ist seiner Kunst nach ein Deutscher, der sich zu der Höhe seiner Vorbilder, Gluck, Haydn und Mozart emporzuschwingen wußte. Auber zu Paris, um 1780 geb., genoß Cherubini's Unterricht, bildete sich aber dann mehr nach Rossini. In seinen bekannten Opern findet sich bei einem großen Reichthum an gefälligen Melodien doch viel Bizarres und Manierirtes. Indem wir hier die Reihe der französischen Componisten schließen, gedenken wir noch des großen, während der Revolution 1793 gestifteten »Conservatoriums der Musik« zu Paris, einer Anstalt, die durch großartige Musikaufführungen, so wie durch Unterricht, auf das Gedeihen der Musik in Frankreich einen sehr bedeutenden Einfluß hatte, und viele große Virtuosen bildete.

E. O

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 221-225.
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