Wolle

Wolle

[750] Wolle. Man versteht darunter im Allgemeinen kurzes, mehr und weniger aneinander hängendes, weiches und mitunter krauses Haar, wie es äußerlich an manchen Pflanzen und ihren Früchten oder in den Samenkapseln derselben (s. Baumwolle), sowie als Hautbekleidung mehrer Säugthiere vorkommt.

Bei manchen derselben besteht nur ein von längern und steifern Haaren (Stichelhaaren) bedeckter Theil des Pelzes aus Wolle, wie beim Hafen und Kaninchen und heißt dann auch wol Flaum; dagegen ist namentlich die Haarbekleidung des Schafes fast ganz wollig und im engern Sinne wird auch unter Wolle schlechthin allemal Schafwolle verstanden. Diese gibt als der Grundstoff vieler in Menge verlangter Zeuche und Fabrikate einen wichtigen Gegenstand der Production und des Handels, ist theils grade und schlicht, theils mehr und weniger gekräuselt und sein, lang und weich. Ihre Farbe ist meist weiß, aber auch gelblich und selbst braun; ihre Verschiedenheit aber hängt im Allgemeinen von der Abstammung der Heerden (s. Schaf), vom Klima, der Ernährung und Lebensweise, sowie vom Alter der Schafe ab. Bei diesen besonders bildet die Wollbedeckung jedes Thiers ein mehr oder minder dicht zusammenhängendes Gewebe, das Vließ, welches wieder einzelne, vorzüglich dicht zusammenstehende Partien, die Stapeln, enthält, deren parallel nebeneinander liegende kleine Bündelchen Wollhaare die Stränge genannt werden. Je gleichartiger aus den Strängen die Stapel gebildet und diese wieder zum Vließe vereinigt sind, je mehr rühmt der Wollhändler die sogenannte Klarheit oder Treue einer Wolle, im Gegentheile aber wird sie von ihm als unklar bezeichnet. Übrigens trägt jedes Schaf, wenn es auch zur edelsten Race gehört, auf den als die edlern Theile seines Körpers anerkannten Seiten des Bauchs und Halses eine feinere oder wenigstens vorzüglicher gebildete Wolle, als auf den minder edlern, d.h. dem Kopfe, obern Halse, Kreuz und Rücken, dem Widerriste und an Bauch, Wamme und Beinen. Die Schafzucht bestrebt sich, diese Verschiedenheit der Wolle der einzelnen Thiere möglichst zu beseitigen und man hat es darin sehr weit gebracht; Thiere mit möglichst gleicher tadelfreier Wolle heißen davon ausgeglichen, in einer ausgeglichenen Heerde aber kommt die Wolle der einzelnen Thiere sehr miteinander überein. Die Wolle von Böcken und Hammeln pflegt in der Regel der von Mutterschafen nachzustehen. Gewöhnlich werden die Schafe jährlich um Pfingsten geschoren, wodurch man sogenannte Winterwolle erhält; mitunter findet aber um Michaelis eine zweite Schur statt, von der die Herbstwolle kommt. Lammwolle ist immer zart; untergeordnete Sorten sind die Schlacht- oder Blutwolle; sie kommt von den außer der Schurzeit geschlachteten Thieren, wie die Gerberwolle von den durch Weiß- und Sämischgerber verarbeiteten Fellen und die Sterblingswolle von kranken und gefallenen Schafen. Für die Verarbeitung unterscheidet man hauptsächlich Kammwolle und Krämpelwolle. [750] Jene ist selten stark gekräuselt und länger und wird vor dem Spinnen mit heißen eisernen Kämmen gekämmt, um sie noch mehr zu schlichten, die längern von kürzern Wollhaaren zu trennen und ihr vor dem Spinnen die Walkfähigkeit zu nehmen. Diese ist nicht bei jeder Art Wolle dieselbe und der Grund davon erhellt aus der vergrößerten Darstellung von drei Fäden verschiedener Sorten, von welchen die lange engl. (A) viel weniger Kerben oder Zacken hat als die sächs. (B) und span. (C). Aus der Kammwolle werden die glatten Wollzeuche, Merinos, Bombasins, Thibets, Kamelots, Shawls, Westenzeuche u.a.m. verfertigt. Die kürzere, mehr gekräuselte und zusammenhängende Krämpelwolle wird dagegen vor dem Spinnen kalt gekrämpelt (s. Krämpeln) und verfilzt, um ihre Walkfähigkeit zu erhöhen, und ihre Wollfäden dürfen ausgespannt nicht über 4 Zoll lang sein. Aus ihr werden die gewalkten Wollzeuche, Tuch, Kasimir, Fries, Flanell u. dergl. verfertigt.

Bei der Beurtheilung der Güte der Wolle kommt außer der vor allen wichtigen Feinheit des Haars, vorzüglich noch die Gleichmäßigkeit, geschmeidige Dehnbarkeit, die Festigkeit (Nerv oder Kraft), Elasticität, Kräuselungsform, Sanftheit und Länge in Betracht. Die große Verschiedenheit, welche in dieser Hinsicht stattfindet, und da aus ungleichartiger Wolle kein gutes Fabrikat hergestellt werden kann, macht daher das Sortiren, d.h. Auswahlen der gleichartigen Wolle schon im rohen Zustande nöthig. Man verfährt dabei nach verschiedenen Grundsätzen und die span. Wolle, welche lange Zeit die feinste war, wird z.B. in vier Sorten: Resina, Prima, Secunda, Tercera in den Handel gebracht. Die deutschen und besonders die sächs. Wollhändler verfahren noch sorgfältiger und bilden weit mehr Sorten; gewöhnlich Superelecta, Electa, Prima, Secunda, Tertia und Quarta, Quinta und Sexta, Stücke und Locken. – Seitdem man anfing, die Schafzucht und Wollkunde nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu betreiben, hat man auch Instrumente zur Beurtheilung der Feinheit der Wolle hergestellt, welche Wollmesser oder Eirometer genannt werden. Das erste ward von dem berühmten engl. Mechaniker Dollond angegeben und mit ihm wird das einzelne Wollhaar unter dem Vergrößerungsglase gemessen. Der Köhler'sche Wollmesser ist die Erfindung eines sächs. Wollhändlers und es wird damit ein Resultat an 100 Haaren zugleich gefunden, die in eine dazu am Instrumente befindliche kleine Vertiefung eingelegt und hier mit einem Drucke von etwa 3 Pfund zusammengepreßt werden, wonach das Instrument das Ergebniß an einem Gradbogen in 60 Mal vergrößertem Maßstabe angibt. Der neuere Grawert'sche Wollmesser, dessen Erfinder der Uhrmacher Grawert zu Wriezen an der Oder ist, zeigt die Stärke der zwischen die Lippen eines Schraubstocks gebrachten Wollhaare an, der so weit geschlossen wird, daß sie sich nicht mehr verschieben lassen. Keins dieser Instrumente macht jedoch die Beurtheilung durchs Auge entbehrlich, sondern sie unterstützen dieselbe nur. Andere Instrumente sind zur Prüfung der Festigkeit der Wolle (daher Wollenfestigkeitsmesser) bestimmt. Die Wolle wird zwar theils kurz vor der Schur auf den Schafen (Pelzwäsche), wie in Deutschland, oder nachher, wie zum Theil in Spanien, gewaschen, enthält aber dann immer noch den sogenannten Schweiß, einen fettigen Stoff, welcher sie gegen Motten schützt. Er wird erst durch die Fabrikwäsche vor der Verarbeitung der Wolle durch warmes Seifenwasser oder Urin und Spülen mit Wasser vollends entfernt. Je seiner die Wolle ist, desto mehr enthält sie Schweiß, welcher bei den feinsten Sorten die Hälfte ihres Gewichts und darüber beträgt. – Überaus wichtig ist der Wollhandel jetzt für Deutschland, nachdem er es schon vor 1000 Jahren in England war, von wo bis 1700 noch wehr Wolle aus-als eingeführt wurde. Die Zunahme der Einfuhr veranlaßte dort das Verbot der Ausfuhr und da jetzt die Niederländer ihren Bedarf aus Spanien holten, aus der feinern span. Wolle aber auch weit besseres Tuch machten, so suchten Engländer und Franzosen ebenfalls span. Wolle zu bekommen. Die Verbesserung der deutschen Schafzucht, wozu das Beispiel von Sachsen gegeben wurde, wo auch die erste große Wollhandlung entstand, bewirkte endlich eine solche Veredelung der deutschen Wolle, daß sie von England, den Niederlanden und Frankreich der span: vorgezogen wurde und im 19. Jahrh. der deutsche Wollhandel den jedes andern Landes überflügelt hat. Zur Beförderung desselben wurden große Wollmärkte eingerichtet, zuerst in Breslau, nachher in Berlin, Stettin, Magdeburg, Dresden, Leipzig, Weimar, Nürnberg und andern Orten, welche von Engländern, Niederländern und Franzosen besucht werden. Das südl. Rußland, noch weit mehr aber die engl. Ansiedelungen in Australien bedrohen jedoch durch ihre außerordentlich zunehmende Erzeugung von Wolle diesen Geschäftszweig mit einer wichtigen Concurrenz, welche der zunehmende Verbrauch später kaum ausgleichen dürfte.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 750-751.
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