Auge

Auge

[143] Auge (das), mittels dessen wir die sichtbaren Eigenschaften der Körper wahrnehmen, ist sowol hinsichtlich seines Baues, wie seiner ganzen Einrichtung ein höchst bewunderungswürdiges Organ.

Es besteht aus dem sogenannten Augapfel oder dem eigentlichen Auge nebst dem Sehnerven, und andern zu seiner Beschirmung, wie überhaupt zur Unterstützung seiner Verrichtung nöthigen Theilen, nämlich den Augenbrauen, Augenlidern, Augenwimpern, Thränendrüsen und Kanälen, Muskeln u.s.w. Den meisten Schutz gewährt dem Auge ohne Zweifel die Lage in einer knöchernen Höhle, die vorn ganz offen, hinten ebenfalls mit mehren, zum Eintritte von Nerven und Gefäßen bestimmten Öffnungen versehen, mit vielem Fette gleichsam ausgepolstert ist und außer dem Sehnerven und vielen andern Nervenzweigen und Gefäßen die Muskeln und die Thränendrüsen enthält. Jene bewirken die verschiedenen Bewegungen des Augapfels, diese dienen zur Absonderung der Thränen, welche insofern von großer Wichtigkeit für das Auge sind, als sie die Oberfläche des Augapfels stets glatt, feucht und glänzend erhalten und fremde, zwischen die Augenlider und diesen gelangte Körper schnell ausspülen. Außerdem wird der Augapfel von vorn noch geschützt durch die Augenbrauen, Augenlider und Augenwimpern. Die dem Menschen eigenthümlichen, aus Haaren, Haut, einigen Muskeln u.s.w. bestehenden Augenbrauen halten den von der Stirn herabfließenden Schweiß ab. Die Augenlider, deren es zwei, ein oberes größeres und ein unteres kleineres gibt und die durch die Augenlidspalte voneinander getrennt sind, vermögen sich mit Gedankenschnelle zu schließen und verhindern dadurch nicht nur öfters Verletzung des Auges, sondern auch das Eindringen des Staubes, blendenden Lichts u.s.w. und bedecken es im Schlafe vollkommen. Sie werden durch die äußere, hier sehr seine Haut, einen eigenthümlichen Muskel, den sogenannten Schließmuskel des Auges, zwei Faserknorpel und eine Menge Talgdrüsen gebildet und sind an ihrer innern Oberfläche von einer Schleimhaut überzogen, die in die seine, durchsichtige und schleimige Bindehaut übergeht, welche die ganze vordere Oberfläche des Augapfels überzieht und sie mit ihm selbst in unmittelbare Verbindung bringt. Die in ihnen befindlichen Talgdrüsen sondern einen schmierigen Stoff ab, der zu ihrer großen Beweglichkeit auf dem Augapfel beizutragen scheint und sich zuweilen im innern Augenwinkel oder an den Augenwimpern, d.h. den an den Rändern der beiden Augenlider befindlichen Haaren ansammelt, dann fest wird und Augenbutter heißt.

Der so von der Natur wohlgeschützte Augapfel selbst hat bei dem Menschen eine fast kugelrunde Gestalt, die jedoch durch die Wirkung der an ihm befestigten Muskeln (mm) einigermaßen abgeändert werden kann, und ist aus drei übereinanderliegenden Häuten und einer Menge theils halb, theils völlig flüssiger und ganz eigenthümlicher Bestandtheile zusammengesetzt, übrigens sehr reich an Nerven und Gefäßen. (S. die Abbildung, welche ein zur bessern Erkenntniß der einzelnen Theile im vergrößerten Maßstabe gezeichnetes, von oben nach unten und von vorn nach hinten durchschnittenes menschliches Auge darstellt, durch dessen durchsichtige Theile die hier mit Linien bezeichneten, von dem davor abgebildeten Baume kommenden Lichtstrahlen bis zur Netzhaut dringen.) Die äußere Hülle des Augapfels bildet die sogenannte weiße oder harte Haut des Auges (aa), welche ziemlich dick und undurchsichtig ist, an ihrem hintern Umfange von dem Sehnerven (n) durchbohrt, aber nach vorn, wo sie von der schon erwähnten Bindehaut bedeckt ist, dünner wird und in eine andere, durchsichtige, mehr hervorspringende, nach vorn stark gewölbte Haut, die Hornhaut (b) übergeht, durch die alles Licht in das Auge gelangt. Auf diese weiße Haut folgt eine [143] zweite, die Ader- oder Gefäßhaut, welche weit dünner als die erstere, ebenfalls von dem Sehnerven durchbohrt wird, größtentheils aus Gefäßen besteht, nach außen dunkelbraun, an ihrer innern Oberfläche aber schwarz gefärbt ist, wodurch das Innere des Auges verdunkelt werden muß, da die nun folgende dritte, grauweiße, sehr dünne Netznerven oder Markhaut, in welcher sich der Sehnerv ausbreitet, die schwarze Farbe der innern Oberfläche der Gefäßhaut durchscheinen läßt.

Hinter der Hornhaut quer ausgespannt befindet sich die bei den verschiedenen Menschen verschieden gefärbt erscheinende, an ihrer hintern Oberfläche schwärzliche, kreisrunde, aus vielen Nerven, Gefäßen und Muskelfasern bestehende, in ihrem Mittelpunkte mit einer runden Öffnung, dem Sehloche, der Sehe oder Pupille (p) versehene Regenbogenhaut (ee) und hinter ihr die von dem sogenannten Strahlenkörper umgebene Krystalllinse (ff), ein eigenthümlicher, festweicher, aus zwiebelartig übereinanderliegenden Blättern gebildeter, vollkommen durchsichtiger, linsenförmiger Körper, der in seinem ganzen Umfange von einer überall geschlossenen, sehr seinen und ebenfalls durchsichtigen Haut, der Linsenkapsel, umgeben wird. Der Raum zwischen der Hornhaut und der Krystalllinse, der durch die quer ausgespannte Regenbogenhaut in eine größere Hälfte, die überall von einer sehr dünnen, durchsichtigen Haut, ausgekleidete vordere Augenkammer, und eine kleinere, die hintere Augenkammer, die beide durch das Sehloch miteinander in Verbindung stehen, getrennt wird, ist von einer völlig flüssigen und klaren Feuchtigkeit, der wässerigen Feuchtigkeit des Auges, erfüllt. Der dagegen hinter der Krystalllinse befindliche, von den drei übereinanderliegenden, bereits beschriebenen Häuten umschlossene Raum (hh) enthält eine weiche, vollkommen durchsichtige, wie Gallerte zitternde Masse, den Glaskörper oder die Glasfeuchtigkeit des Auges, die von einer ausnehmend dünnen, durchsichtigen Haut umgeben und durch Zellen bildende Fortsetzungen derselben durchzogen wird. Dieser Glaskörper ist es vorzüglich, der in Gemeinschaft mit den Häuten, besonders der harten Haut, dem Auge seine Gestalt gibt.

Durch die Hornhaut, die wässerige Feuchtigkeit (das Sehloch), die Krystalllinse und den Glaskörper, als die durchsichtigen, in der eben angeführten Ordnung von vorn nach hinten aufeinander folgenden Theile des Auges, gelangen die in der beigefügten Abbildung mit Linien bezeichneten, von einem leuchtenden oder beleuchteten Körper herkommenden Lichtstrahlen bis zur Netzhaut, nachdem sie von allen den genannten Theilen des Auges mannichfach, jedoch so gebrochen worden sind, daß sie sich auf der Netzhaut wieder vereinigen, wodurch auf dieser ein deutliches Bild des Gegenstandes entsteht, von welchem sie ausströmen; aber ein verkehrtes, da sie sich bei ihrem Durchgange durch das Auge durchkreuzen. Die Nervenhaut nimmt nun den Eindruck des Lichts auf und pflanzt ihn durch den Sehnerven zum Gehirn fort, wo dann die eigentliche Wahrnehmung des sichtbaren Gegenstandes, welche geistiger Art ist, stattfindet. Wie es nun kommt, daß wir die Gegenstände, deren Bilder verkehrt auf die Netzhaut des Auges geworfen werden, dennoch nicht verkehrt, sondern in ihrer wirklichen Lage und Stellung sehen, ist trotz mannichfacher Erklärungsversuche noch nicht ausgemittelt. Alles Licht, das nicht durch die Pupille, die sich bei stärkerm Eindrucke desselben verengert, bei schwächerm erweitert, bis zur Nervenhaut gelangt, kann also nach Obigem zum Sehen nichts beitragen. (S. Gesicht und Licht).

Daß ein so zusammengesetztes und so zartes Gebilde, wie das Auge, leicht verletzt und in seiner Verrichtung gestört werden kann, also häufig erkranken muß, leuchtet von selbst ein. Die Krankheitszustände desselben sind ebenso mannichfaltig als zahlreich, ja es erleidet fast bei allen Krankheiten, sie mögen ihren Sitz haben, wo sie wollen, bedeutendere oder geringere Beeinträchtigungen seines eigenthümlichen gefunden Lebens. Letztere können aber deshalb noch nicht Augenkrankheiten genannt werden, da man unter diesen, streng genommen, nur solche verstehen darf, die ihren Sitz in irgend einem der zum Auge gehörigen Organtheile haben. Unter denselben verdient besondere Erwähnung die Entzündung, weil sie am häufigsten vorkommt. alle Theile des Auges befallen kann und zu einer Menge eigenthümlicher Augenübel Veranlassung gibt, zuweilen nicht nur Verminderung des Sehvermögens, oder Blindheit, sondern sogar völligen Verlust des ganzen Organs zur Folge hat. Verletzungen des Auges, besonders wenn sie bis in das Innere des Augapfels dringen, sind stets gefährlich. Langsamere oder schnellere Erblindung bewirken der sogenannte graue und schwarze Staar (s.d.). Beeinträchtigungen des Sehvermögens, an denen Millionen von Menschen leiden, sind Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit und wirkliche Augenschwäche, [144] zum großen Theil durch fehlerhaften Gebrauch der Augen, entkräftende Krankheiten und Ausschweifungen herbeigeführt.

Wer an Augenschwäche leidet und überhaupt Jeder, der ein ungeschwächtes Sehvermögen sich möglichst lange zu erhalten wünscht, muß sich vor allen Dingen eine zweckmäßige Augenpflege angelegen sein lassen. Da nun das Licht als Reiz auf die Nerven des Auges wirkt, ein zu starkes, grelles Licht aber leicht Überreizung verursacht, welche immer Schwäche zur Folge hat, ja zuweilen völlige Lähmung der Nervenkraft bewirken kann, so vermeide man, oft und längere Zeit in die Sonne oder auch in hellflackernde Feuer, auf glänzende Metallflächen, auf weiß, gelb oder roth angestrichene, von der Sonne beschienene Wände u.s.w. zu blicken und wähle zu seinen Geschäften, wenn deren Ausführung mit Anstrengung für das Auge verbunden ist, am liebsten das milde Licht des Tages. Ist man jedoch genöthigt, auch Abends bei künstlicher Beleuchtung die Augen anstrengende Arbeiten zu verrichten, selbst nur zu lesen oder zu schreiben, so bediene man sich eines die Augen möglichst deckenden grünen Schirmes und wähle eine Lampe mit breitem Dochte statt der Wachs- und Unschlittlichter, weil besonders letztere beständig flackern und das öftere Putzen derselben das Auge zu oft nöthigt, in die Flamme selbst zu blicken. Diejenigen, die sich indessen dem Eindrucke eines sehr starken Lichtes aussetzen müssen, wie z.B. Arbeiter in Glashütten, die fortwährend den Schmelztiegel mit der glühenden Glasmasse vor Augen haben, werden wohl thun, wenn sie ihre Augen durch den Gebrauch grüner Augengläser zu schützen suchen. Ganz besonders hüte man sich auch, zur Zeit der Dämmerung Etwas vorzunehmen, wobei deutliche Unterscheidung kleiner Gegenstände nöthig ist, weil dann das Auge gezwungen wird, mit großer Anstrengung die einzelnen Lichtstrahlen zu sammeln. Viele Menschen bringen sich einzig und allein dadurch, daß sie bei Dämmerlicht lesen, schreiben, sticken, nähen u.s.w., um ihr bisher vielleicht gutes und scharfes Gesicht. Ist nun aber einmal das Sehvermögen auf die eine oder andre Art geschwächt worden, so wirkt oft der Gebrauch einer der noch vorhandenen Sehkraft des Auges angepaßten Brille äußerst wohlthätig, und man hat viele Beispiele, daß schon sehr geschwächte Augen durch die Wirkung zweckgemäßer Augengläser so weit wieder gestärkt worden sind, daß sie später derselben nicht mehr bedurften. Dagegen kann man nicht genug vor dem unnöthigen, blos durch die Mode gebotenen Tragen der Brillen warnen, zumal wenn sie sehr scharf sind, da gesunde Augen unendlich dadurch leiden und der Schade oft nicht wieder gut zu machen ist. Geschieht die Verminderung der Sehkraft in Folge des Blutandrangs oder geschwächter Nervenkraft, so ist es sehr zuträglich, die Augen mehrmals des Tages, besonders vor Schlafengehen, mit kaltem Wasser, keineswegs aber mit Branntwein, zu waschen; auch kann man in kühlende Augenwasser getauchte Leinwandbäuschchen, faule oder gebratene und wieder kalt gewordene, etwas ausgehöhlte Äpfel und dergleichen auflegen.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 143-145.
Lizenz:
Faksimiles:
143 | 144 | 145
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Anders als in seinen früheren, naturalistischen Stücken, widmet sich Schnitzler in seinem einsamen Weg dem sozialpsychologischen Problem menschlicher Kommunikation. Die Schicksale der Familie des Kunstprofessors Wegrat, des alten Malers Julian Fichtner und des sterbenskranken Dichters Stephan von Sala sind in Wien um 1900 tragisch miteinander verwoben und enden schließlich alle in der Einsamkeit.

70 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon