Wasser

Wasser

[660] Wasser (das) ist der auf und über der Erde am reichlichsten verbreitete Körper, dessen gewöhnlicher Zustand der tropfbarflüssige ist.

Aus diesem geht es in jeder, am meijedoch in höherer Temperatur in die Gestalt von Dampf (s.d.) und Dünsten über, in der es den Dunstkreis (s.d.) erfüllt und fängt bei 80° R. an zu sieden; sinkt die Temperatur auf 0, so wird es zu Eis (s.d.). Doch nicht etwa als dieses hat das Wasser seine größte Dichtigkeit erlangt, sondern besitzt vielmehr dieselbe bei 3° über dem Nullpunkte. Von da an dehnt es sich sowol bei zunehmender Wärme (bis zum 80° R. um 24 Tausendtheile seines frühen Volumens), als auch bei tieferer Abkühlung aus. Auf diesem Umstande beruht die wichtige Erscheinung, daß tiefere Seen und Flüsse in den kalten Erdstrichen in der Tiefe immer bis 3–4° erwärmt bleiben, wenngleich die Oberfläche gefroren ist. Indem nämlich das auf 3° abgekühlte Wasser seine größte Dichtigkeit und Schwere erlangt, sinkt es zu Boden und nachdem alles Wasser eines Sees oder Flusses diese Temperatur angenommen hat, ist zunächst nur dessen Oberfläche größerer Abkühlung unterworfen, weil das kältere wieder leichter als das übrige wird, daher oben schwimmt. Da zugleich das Wasser mit allen tropfbarflüssigen Körpern ein schlechter Leiter der Wärme ist, behält es die seinige auf dem Boden der Gewässer desto eher. Ein preuß. Cubikf. reines Wasser wiegt bei 15° R. 66 preuß. Pf. Zusammendrückbar ist das Wasser nur in sehr geringem Grade; seine Elasticität beweist die Fortpflanzung des Schalles und das Abprallen von Körpern von seiner Oberfläche.

Lange Zeit hat das Wasser für einen einfachen Stoff oder ein Element (s.d.) gegolten, bis man davon zurückkam und 1781 der Engländer Cavendish zuerst seine Zusammensetzung nachwies. Den genauern Bestimmungen der neuesten Naturforscher zufolge besteht reines Wasser dem Gewicht nach in 100 aus 11 Theilen Wasser- und 89 Sauerstoff (genauer 11,09 Theilen) Wasserstoff (Hydrogen) und 88,91 Theilen Sauerstoff (Oxygen), dem Umfange nach aus zwei Volum Wasserstoffgas und einem Volum Sauerstoffgas. Verbindungen des Wassers mit andern Körpern heißen Hydrate und sind sehr häufig, da die meisten Körper chemisch gebundenes Wasser mit enthalten. Unter reinem Wasser wird völlig klares, geruch-und geschmackloses verstanden, welches gegen alle chemischen Reagentien unempfindlich sich verhält und keiner Fäulniß unterworfen ist, weil diese nur von im Wasser aufgelösten, fremdartigen, organischen Theilen herrührt. Dem reinen am nächsten kommt das Regenwasser, wenn es vorsichtig und nicht zu Anfang des Regens aufgefangen wird, weil es dann am meisten von den in der Luft schwebenden Staubtheilen aufnimmt; in dem während eines Gewitters gesammelten hat man Spuren von Salpetersäure gefunden. Brunnen- und Quellwasser enthalten außer atmosphärischer Luft noch Kohlensäure und durch deren Anwesenheit in Wasser aufgelöst erhaltene (sonst nicht darin lösbare) kohlensaure Salze, wie kohlensauren Kalk, Magnesia und Eisenoxydul; außerdem Gyps, Kochsalz und aufgelöste organische Theile. Wird die Kohlensäure durch Kochen oder durch Aussetzen des Wassers an die Luft aus demselben entbunden, so scheiden sich auch die vorhandenen kohlensauren Salze ab und schlagen sich in den Kochgeschirren als sogenannter Topfstein, Pfannenstein, in Wasserleitungsröhren als feste Krusten nieder. Beinahe ganz frei von Kohlensäure und kohlensauren Salzen ist das Flußwasser, weil es der Luft beständig ausgesetzt bleibt, enthält aber etwas Kochsalz, schwefel saure Magnesia und Kalk. Das von kohlensauren Stoffer[660] freie Wasser (der Flüsse, das Regen-, Schnee- und Eiswasser) wird weiches, damit geschwängertes (wie das meiste Quell- und Brunnenwasser) hartes Wasser genannt. Letzteres ist zum Waschen, Bleichen, Kochen, Färben weniger gut, weil es die Seife zersetzt, die zu kochenden Speisen langsamer erweicht, die Farben verändert und die Ausziehung der Farbestoffe erschwert. Diese Nachtheile werden vermindert, wenn man es der Luft aussetzt oder abkocht. Wo es daher auf sorgfältige Erreichung chemischer Zwecke ankommt, wird das Wasser zur Vertreibung aller Kohlensäure erst abgekocht und dann aus einer sorgfältig gereinigten Abziehblase mit zinnernem Helm und Kühlrohr auf 2/3 langsam abdestillirt. Eine besondere Classe der harten Wasser machen die Mineralwasser aus. (S. Mineralquellen.) Unter Meteorwasser wird das in Dunstform in die höhern Luftregionen geführte verstanden, welches nach erfolgter Verdichtung als Regen, Schnee, Hagel, Nebel, Reif und Thau zur Erde zurückkehrt, von dieser eingesogen wird oder auf ihr in den Gewässern u.s.w. sich sammelt und nun tellurisches Wasser ist. Indem es dann wieder verdunstet und wieder niedergeschlagen wird, befindet sich das Wasser in einem wunderbaren Kreislaufe, welcher es trotz seines aller Berechnung sich entziehenden Verbrauchs, der ganzen Natur immer von neuem in den angemessensten Formen zuführt. Außerordentlich mannichfaltig ist auch die vom Menschen ermittelte Benutzung des Wassers, z.B. zur Schiffahrt, zur künstlichen Bewässerung (s.d.), als Getränk und zur Bereitung von Getränken, zu Waschungen, zu Bädern (s.d.) und zu den bei Wassercuren (s.d.) verfolgten Heilzwecken, im Hauswesen und in Gewerben und Künsten, sowie als wirkende Kraft für Mühlwerke, Pressen und endlich in Gestalt von Dampf (s.d.) bei den wichtigsten Maschinen der Gegenwart. Die Benutzung der Gewässer, die Anlegung von Brunnen, Wasserleitungen, Mühlwerken, Bewässerungskanälen u.s.w. ist daher von Alters her Gegenstand der Beaufsichtigung des Staats gewesen und auf gewisse, nach der Örtlichkeit verschiedene rechtliche Grundsätze zurückgeführt worden, welche man zusammen auch unter dem Namen des Wasserrechts begreift und nach denen das Hoheitsrecht des Staats über die Gewässer (Wasserhoheit), d.h. die Oberaufsicht über alle Nutzungen der öffentlichen Seen und Flüsse, die Befugniß, die Abtretung von Privateigenthum gegen Bezahlung des gemeinen Werthes zum Behuf öffentlicher Anlagen zu fodern, sowie die Policei über die Gewässer ausgeübt werden. Nicht damit zu verwechseln ist das sogenannte Wasserregal, das vom Staat angesprochene Recht, jeden Gebrauch fließender und stehender Gewässer im Lande blos unter seiner Bewilligung sowie meist nur gegen eine Bezahlung dafür, einen Wasserzins, zu gestatten. Wo es angenommen wird, was im größten Theile von Deutschland noch der Fall ist, begreift es das Recht auf Benutzung des Wassers zu Schiffahrt, Anlegung von Kanälen, Schleußen, Fähren, Flößen, Mühlen und ähnlichen Werken, auf in und unter dem Wasser befindliche Dinge, wie Fische, Bernstein, Perlen, Sand, Steine und den das Wasserbett bildenden Grund und Boden, etwaige Inseln, Leinpfade, Dämme, Häfen u.a.m. – Wasserfall, nach dem Griechischen Katarakt, nach dem Französischen Cascade, wird eine Stelle genannt, wo ein Gewässer von der Höhe plötzlich in die Tiefe hinabstürzt. Großartige, natürliche Wasserfälle der Art bildet der Rhein bei Schaffhausen (s.d.), der Niagara in Canada (s.d.), der Parana in Paraguay in Südamerika, der Nil in Ägypten. – Die Wasserbaukunst beschäftigt sich mit Errichtung und Erhaltung [661] von Kanälen, Schleußen, Dämmen, Brücken, Kaien, Wasserleitungen, Anlegung von Mühlwerken und bedarf dazu der Hydraulik (s.d.) und Hydrostatik. – Wasserleitung, nach dem Lateinischen Aquäduct, wird jede Vorrichtung genannt, durch welche namentlich Trinkwasser von einem Orte zum andern geleitet wird, um den Wasserbedarf daselbst zu befriedigen. Die Nothwendigkeit rief in den frühesten Zeiten schon dergleichen Einrichtungen bei Babyloniern, Persern, Ägyptern ins Leben, die berühmtesten sind aber die der Römer, deren Überreste in Italien, in Frankreich, z.B. der Pont de Gard bei Nimes (s.d.), in Spanien, in Konstantinopel noch die größte Bewunderung erregen und zum Theil noch benutzt werden. Sie waren gewöhnlich aus Quadersteinen gebildete Kanäle und Gerinne, welche durch Berge und auf Wasserleitungsbrücken von mehr als 100 F. Höhe und zwei und drei Bogenreihen übereinander, über Thäler und Ebenen hingingen. Eine der berühmtesten in Spanien ist die vorstehend abgebildete bei Segovia, welche über hundert, zum Theil dreifach übereinanderstehende Bogen zählt, das Wasser 2500 F. von einem Berge zum andern führt und vom Kaiser Trajan erbaut ist. (S. auch Tarragona.) Ähnliche sind noch in neuerer Zeit, z.B. 1732 von Sultan Mahmud I. im Thal von Bujukdere am Bosporus, bei Lissabon 1729–48 vom König Joao V. mit außerordentlicher Verschwendung erbaut worden. Wasserleitungen durch Röhren nennt man auch eine Röhrenfahrt. – Wasserkunst heißt eine Anstalt, wo mittels Druckpumpen und anderer hydraulischer Maschinen Wasser aus der Tiefe emporgehoben wird, um es entweder nur fortzuschaffen, wie z.B. die Grubenwasser beim Bergbau, oder um es auf eine bestimmte Höhe zu treiben, von welcher es an wasserbedürftige Orte weitergeleitet oder zur Speisung von Springbrunnen und ähnlichen Wasserwerken verwendet wird. – Wasserdicht heißt, was von Wasser gar nicht oder doch nur sehr schwer durchdrungen wird. Man gibt vielen Gegenständen diese Eigenschaft durch Verkleben der Fugen mit wasserbeständigem Kitt und durch Anstriche von Fett, Öl, Pech, und in der neuesten Zeit durch Kautschukauflösungen, die besonders zur Herstellung lust- und wasserdichter Zeuche angewendet werden. (S. Federharz.)

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 660-662.
Lizenz:
Faksimiles:
660 | 661 | 662
Kategorien:

Buchempfehlung

Anonym

Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishaden. Indische Philosophie Band 5

Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishaden. Indische Philosophie Band 5

Die ältesten Texte der indischen Literatur aus dem zweiten bis siebten vorchristlichen Jahrhundert erregten großes Aufsehen als sie 1879 von Paul Deussen ins Deutsche übersetzt erschienen.

158 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon