Farben

Farben

[7] Farben sind die verschiedenen Erscheinungen des Lichts, indem es von den Körpern zurückgeworfen oder durchgelassen wird.

Daß die Farben ihren Ursprung dem Lichte verdanken, sieht man zunächst daraus, daß, wo das Licht fehlt, auch keine Farben weder mit dem Auge noch mit irgend einem der übrigen Sinne wahrgenommen werden. Ein anderer Beweis ist durch einen leicht auszuführenden Versuch gegeben. Wenn man ein Zimmer durch Verschließung der Fensterladen völlig verdunkelt und nur durch eine kleine Öffnung einige Sonnenstrahlen einfallen läßt, so zeigt sich auf einer jener Öffnung gegenüberstehenden Wand (M N) ein kleines Bild der Sonne, ein runder, farblos oder weißleuchtender Fleck (E). Läßt man aber hierauf die Sonnenstrahlen, ehe sie auf jene Wand fallen, durch ein Glasprisma (A B C) (s. Prisma) hindurchgehen, so erscheint nun auf der Wand ein längliches, mit allen Farben des Regenbogens prangendes Bild (Farbenspectrum) der Sonne. Beim Hindurchgehen durch das Glas haben also die weißen Sonnenstrahlen diejenigen Veränderungen erlitten, durch welche sie nun farbig erscheinen. Da das Sonnenbild zu gleich sich verlängert und seinen Ort verändert hat, sodaß nun die Sonnenstrahlen nicht mehr geradlinig bis zur Wand fortgehen, so sagt man: indem die weißen Sonnenstrahlen durch das Prisma gebrochen würden, würden sie zugleich in Farben zerlegt, und der berühmte Physiker Newton (s.d.) stellte zuerst den Satz auf, daß das weiße Sonnenlicht aus den verschiedenfarbigen Lichtstrahlen, namentlich: Roth, Orange, Gelb, Grün, Blau (Indigo), Violett zusammengesetzt sei.

Hieraus erklären sich nun die eigenthümlichen Farben der Körper. Wird alles Licht, sowie es auffällt, zurückgeworfen, so erscheint der Körper weiß, wird nur das blaue Licht zurückgeworfen, während das übrige Licht in den Körper eindringt, so erscheint derselbe blau u.s.w. Wirst ein Körper gar kein Licht zurück, sondern nimmt alles auf ihn fallende Licht in sich auf, so ist er schwarz. Auch die verschiedenen Farbennuancen sind erklärt, wenn man annimmt, daß die verschieden gefärbten Lichtstrahlen in mannichfach verschiedenen Verhältnissen zurückgeworfen werden. Ähnlich erklären sich auch die Farben der durchscheinenden und durchleuchtenden Körper. Sie zeigen diejenige Farbe, welche sie durch sich hindurchlassen, und gewöhnlich ist diese eine andere als die, welche sie zurückwerfen. So lassen einige Körper rothes Licht hindurch und werfen blaues zurück, dann erscheinen sie, hinter dem Lichte betrachtet, blau, vor das Licht gehalten, roth. Die Farben untereinander ergänzen sich zum Weiß. Dies kann man schon aus dem Vorhergehenden abnehmen, hat es aber auch noch durch besondere Versuche dargethan. Weiß wäre hiernach die Mischfarbe aller einfachen Farben, wenn man unter diesen die angegebenen sechs Hauptfarben begreift.

Die oben gegebene Abbildung läßt noch einen Unterschied der verschiedenen Farben sehen, welcher wohl zu beachten ist. Man sieht, wie das weiße Licht von der Öffnung, durch welche das Licht einfällt, geradlinig bis zur gegenüberstehenden Wand fortgeht, während das farbige Licht durch das Prisma gebrochen wird, und zwar wird offenbar das rothe Licht weniger gebrochen als das orange, dies weniger als das gelbe u.s.w., bis zum violetten, welches am stärksten gebrochen wird. Macht man in die Wand oder Tafel, welche das gefärbte Sonnenbild auffängt, da, wo z.B. das Roth hinfällt, eine kleine Öffnung und stellt hinter die erste eine zweite Tafel, so erscheint auf dieser nur ein kleiner rother Fleck, und bringt man zwischen beide Tafeln ein Glasprisma, so wird durch dieses zwar der Ort des rothen Bildes um etwas verändert, aber die Farbe bleibt einfach roth wie vorher. Dreht man hierauf das erste Prisma (A B C) langsam um seine Achse, so verändert das regenbogenfarbige Sonnenbild seine Lage und nacheinander gehen die Farben alle über die Öffnung [7] in der ersten Tafel hinweg und es erscheint auf der zweiten Tafel erst ein rothes, dann ein orangefarbenes, dann ein gelbes u.s.w. einfarbiges Sonnenbild, welches durch das zweite Prisma nicht wieder in Farben zerlegt wird. So überzeugt man sich, daß alle Farben des prismatischen Sonnenbildes nicht weiter zerlegt werden können, mithin mit Recht einfache Farben genannt werden. Um sich aber ferner auch davon zu überzeugen, daß die verschiedenen farbigen Strahlen zusammen weißes Licht geben, lasse man die durch das Prisma hervorgebrachten farbigen Strahlen auf ein hinreichend großes convexes Linsenglas (s. Linsen) fallen. Dann vereinigt dieses bekanntlich alle auf dasselbe fallenden Lichtstrahlen in einem Punkte, der sich in einer bestimmten Entfernung von der Linse befindet. Bringt man nun ein Blatt weißen Papieres nahe vor das Glas, so erscheinen auf demselben erst noch die verschiedenen Farben, entfernt man es aber allmälig, so zeigt sich endlich im Punkte der Vereinigung aller auf die Linse fallenden Strahlen ein helles weißes Sonnenbild; entfernt man das Blatt noch weiter über diesen Punkt hinaus, so gehen die Strahlen wieder auseinander und auf dem Blatte erscheinen wieder die verschiedenen Farben. Hält man durch Zwischenschiebung eines Papierstreifens eine oder mehre Farben ab, die Linse zu treffen, so erscheint auf dem in den Vereinigungspunkt der Strahlen gehaltenen Blatte kein weißes, sondern ein nach Maßgabe der zusammenkommenden Farben gefärbtes Sonnenbild.

Die Physiker haben ferner nachgewiesen, daß sich die einzelnen Farben des prismatischen Sonnenbildes nicht nur durch ihre verschiedene Brechbarkeit, wie bereits bemerkt wurde, sondern auch durch die Größe des Raumes unterscheiden, den eine jede von ihnen einnimmt, sowie ferner durch ihre Lichtstärke (Erleuchtungsvermögen) und Fähigkeit zu erwärmen. Diejenigen Farben, welche man durch Vereinigung zweier oder mehrer Farben erhält, werden Mischfarben genannt. Dieselben gleichen mehr oder weniger den im Sonnenbilde vorkommenden einfachen Farben, unterscheiden sich jedoch dadurch, daß sie wiederum in diejenigen Farben zerlegt werden können, aus denen sie zusammengesetzt sind. Vereinigt man in der angegebenen Weise alle Farben, mit Ausnahme einer, so erhält man eine Mischfarbe, welcher nur noch die weggelassene Farbe fehlt, um Weiß zu geben. Diese Mischfarbe wird also durch die weggelassene Farbe zu Weiß ergänzt, und man nennt daher je zwei Farben, welche einander zu Weiß ergänzen: Ergänzungsfarben oder Complementairfarben; solche sind Blau und Orange, Roth und Grün, Violett und Gelb. Um die Entstehung der Mischfarben darzustellen, hat man auf eine Scheibe zwei oder mehre einfache Farben nebeneinander aufgetragen. Setzt man eine solche Scheibe in eine schnelle, drehende Bewegung, so folgen die Eindrücke, welche das Auge von den verschiedenen Farben erfährt, so schnell aufeinander, daß sie dieselbe Wirkung auf das Auge hervorbringen, als träfen sie das Auge gleichzeitig, und dasselbe erblickt daher nicht mehr die einzelnen Farben nach- und nebeneinander, sondern die Mischfarbe aus jenen einfachen Farben. Hat man in dieser Weise alle Regenbogenfarben in dem gehörigen Verhältnisse oder zwei Ergänzungsfarben auf die Scheibe gebracht, so sieht das Auge ein mehr oder weniger vollkommenes Weiß. Um die Scheibe schnell umdrehen zu können, pflegt man einen Stift durch ihre Mitte zu stecken und erhält so einen, dem bekannten Spielwerke der Kinder ähnlichen Farbenkreisel. Ein ähnliches Instrument, welches einen gleichen Zweck hat, ist die Farbenspindel. Man hat auch die Farben nach ihren Übergängen ineinander durch Mischung in eignen Tafeln, Pyramiden, auf Kugeln u.s.w. dargestellt.

Die den Gegenständen eigenthümlichen, die objectiven (von dem lat. Object, Gegenstand) Farben nennen wir diejenigen, welche ein gesundes Auge an einem vom weißen Sonnenlichte beleuchteten Körper wahrnimmt. Es ist bekannt, daß diese Farben sich ändern, wie die Beleuchtung eine andere wird. Daher kommt es, daß bei Kerzenlicht, welches nicht rein weiß ist, die Gegenstände eine andere Färbung zeigen als bei Tage, und wenn man künstlich ein völlig einfarbiges, z.B. gelbes Licht in einem Zimmer erzeugt, so erscheinen alle Gegenstände, welche sonst die größte Farbenverschiedenheit und Farbenpracht zeigen, einfach gelb gefärbt und unterscheiden sich nur durch die Schattirungen. Solche Gegenstände, die bei Tage alles gelbe Licht verschlucken und blaues Licht zurückwerfen, daher auch blau erscheinen, sind, von gelbem Lichte beleuchtet, dunkel, fast schwarz. Welches der eigentliche Grund sei, warum im weißen Sonnenlichte einige Körper so, andere so gefärbt erscheinen, d.h. gewisses Licht in sich aufnehmen, anderes zurückwerfen, hat mit Bestimmtheit bis jetzt noch nicht ermittelt werden können. Jedoch ist höchst wahrscheinlich, daß das eigenthümliche Gefüge des Stoffes in den kleinsten Theilen, aus denen er besteht, der Grund davon sei. Da man bekanntlich die Körper, um ihnen eine bestimmte Farbe zu ertheilen, mit gewissen Stoffen, Farbestoffen, überzieht, so muß man annehmen, daß diese Stoffe stets ein solches Gefüge ihrer kleinsten Bestandtheile beim Festwerden annehmen, daß sie gewisse Farbenstrahlen des auf sie fallenden weißen Lichts zurückwerfen, andere verschlucken.

Außer den hier betrachteten Farbenerscheinungen kommen nun aber noch gewisse andere vor, welche nicht an den Gegenständen selbst auftreten, daher auch nicht von jedem gefunden Auge an diesen wahrgenommen, sondern nur dann bemerkt werden, wenn sich das Auge des Beobachters zufällig oder durch künstliche Anregung in einem gewissen Zustande befindet. Die auf diese Weise bemerkten Farben werden subjective oder zufällige genannt. Wenn auf einem Blatte Papier ein dunkelschwarzer Gegenstand liegt, so wird man, nachdem man lange und scharf auf diesen Gegenstand hingeblickt hat, denselben wie von einem hellen Scheine umgeben erblicken. Entsprechend sind nun die Farbenerscheinungen, von denen Folgendes ein Beispiel gibt. Man lege auf ein hellweißes Blatt Papier ein recht schön rosenrothes seidenes Band und betrachte dies längere Zeit auf das Genaueste. Nach einiger Zeit wird das Papier zunächst dem Bande nicht mehr weiß, sondern grün erscheinen, und zieht man, ohne aufzublicken, jetzt schnell das rothe Band weg, so erscheint die Stelle, wo es gelegen hatte, schön grün gefärbt. Daß diese Erscheinung nur subjectiv, d.h. nur für den Beobachter da ist, davon überzeugt man sich leicht, denn kein etwa Herbeigerufener wird das Papier nach dem Wegziehen des Bandes grün, sondern Jeder wird es weiß sehen. Von welcher Farbe das Band übrigens auch war, immer wird die wahrgenommene subjective Farbe die Ergänzungsfarbe zur Farbe des Bandes sein. Außer der in dem Vorhergehenden zu [8] Grunde gelegten Newton'schen Farbenlehre sind von andern Physikern andere Erklärungen der Natur der Farbe versucht worden. Einige nehmen nur drei einfache Grundfarben: Roth, Gelb, Blau, an; Andere gar nur zwei, und Göthe hat auf eine geistreiche Weise die Farben aus dem Gegensatze von hell und dunkel zu erklären gesucht.

Eine große Rolle spielen die Farben in der Malerei, wo sie durch die Austragung der Farbestoffe hergestellt werden. Die Farbengebung oder das Colorit in der Malerei hat es nicht allein mit der Zubereitung der Farbe, ihrer Mischung, um gewisse Nuancirungen herzustellen, zu thun, sondern besteht namentlich auch in der Kunst, den Gegenständen diejenige naturgetreue Farbe zu geben, welche sie von einem angenommenen Standpunkte des Anschauens zeigen, und dabei eine Beleuchtung vorauszusetzen, durch welche ein dem Charakter des Gemäldes angemessener Eindruck auf das Auge des Betrachtenden gemacht wird. Die willkürlichen Farben, z.B. der Gewänder, sind dann so zu wählen, daß sie jenen Eindruck nicht stören, sondern fördern. (S. Malerfarben.) Daß die Farben einen eigenthümlichen Eindruck auf das Gemüth des Menschen ausüben, ist gewiß. Der Traurige kleidet sich daher gern einfach, der Heitere liebt bunte Kleider. Wie die Farben zum Ausdrucke gewisser Gemüthsstimmungen angewendet werden, zeigt sich namentlich in der Trauerkleidung, die jedoch bei verschiedenen Völkern verschieden ist. Die Europäer trauern schwarz, die Japanesen weiß, die alten Ägypter trauerten dunkelgelb, die Syrer blau, die Äthiopier grau. Durch den Wechsel der Farben hat man auf das Gefühl auf ähnliche Weise zu wirken gesucht, wie auf das Gehör durch den Wechsel der Töne, und C. P. Castel hat zu diesem Zwecke ein eignes Farbenclavier erfunden. Doch ist die Wirkung der Töne beiweitem tiefer und schneller als die der Farben, und daher eine wirkliche Ausführung einer Farbenmusik nicht möglich.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 7-9.
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