Belichtung der Farben

[681] Belichtung der Farben. Um über die viel und keineswegs immer mit Recht angefochtene Lichtechtheit der Teerfarben vergleichende und zuverlässige Angaben machen zu können, werden in den Farbenfabriken selbst gefärbte oder gedruckte Stoffmuster, die mit den zu untersuchenden Farbstoffen hergestellt sind, der Einwirkung des Sonnenlichts unter Zuhilfenahme besonderer Belichtungsapparate bezw. der Einwirkung des elektrischen Bogenlichts ausgesetzt und mit ähnlichen Farben von bekanntem Echtheitsgrade verglichen.

Der Kallab-Oehlersche Belichtungsapparat (Fig. 1) ist in einem gußeisernen, mit vier Stellschrauben b und zwei Wasserwagen c ausgerüsteten Gestell untergebracht und besteht zunächst aus der unter einem Winkel von ca. 55° geneigten Spindel e e, deren oberer Zapfen in seinem Lager eine Drehbewegung der Spindel mitmacht, die von dem Uhrwerk d ausgeht. Die Drehung der schiefen Spindel folgt mit der Uhr dem Stand der Sonne während des Tages. Mit der Spindel aber ist eine bikonvexe Linse von 200 mm Durchmesser und 420 mm Brennweite in Verbindung gebracht, und zwar ist sie in einen Rahmen k eingespannt, der mit einem Seitenzapfen in der Spindel gelagert und durch eine Schraube mit ihr befestigt ist. Nach Lösung der Schraube kann man dem Rahmen samt der Linse mittels der Monatskala f eine der jeweiligen Jahreszeit entsprechende schiefe Stellung geben. Diese Skala bildet das Mittelstück eines zur Grundfläche oder Mittelebene der Linse senkrechten Armes, an dem ein unterer Zapfen des Rahmens mittels Stellschrauben auf dem Teilstrich des betreffenden Monats festgehalten werden kann. Zugleich wird die Skala gegen die schiefe Spindel so verschoben und eingestellt, daß der gerade Teil des Armes seine senkrechte Stellung zur Mittelebene der Linse beibehält, denn auf das eine Ende[681] dieses Armes wird senkrecht zu ihm, also parallel mit der Mittelebene der Linse, der Rahmen h mit dem gefärbten, teilweise durch Papier verdeckten Farbmuster aufgedeckt, während das andre Ende des Armes mit dem Gegengewicht i beschwert wird. Der ganze Mechanismus ist darauf berechnet, daß infolge der automatischen Drehung der Spindel und der geeigneten Schiesstellung des Rahmens k das Sonnenlicht zu jeder Tages- und Jahreszeit senkrecht auf die Sammellinse fällt, von dieser konzentriert und senkrecht auf das Farbmuster geworfen wird [1]. Die Entfernung des auf dem geraden Teile des Armes verschiebbaren Rahmens von der Linse richtet sich nach der Größe der Fläche, die man auf dem Muster belichten will, und nach der Zeitdauer, die für den Versuch beabsichtigt ist. Je weiter innerhalb der Brennweite der Sammellinse das Muster von letzterer entfernt ist, um so kleiner wird die Belichtungsfläche und um so intensiver und rascher wirkt das konzentrierte Sonnenlicht auf die Farbe des exponierten Musters. Die Wirkung wird durch zeitweiliges Anfeuchten des exponierten Musters mittels eines Wasserzerstäubers erheblich verstärkt; im wesentlichen hängt sie selbstverständlich bis zu einem gewissen Grade von der Jahreszeit ab. Im Hochsommer genügen schon 10 Belichtungsstunden, um sogar auf den lichtechtesten Farben ein teilweises »Verschießen« im Vergleich zu nicht belichteten Proben wahrnehmen zu können, während eine große Zahl der substantiven Baumwollfarbstoffe schon in 1–2 Stunden verblassen. Im Winter bedarf es mehrerer Wochen.

Dépierre und Clouet fanden 1884 [2] übereinstimmend mit Décaun, Fizeau, Foucault und andern Forschern, daß das elektrische Bogenlicht zwar weniger (4–5mal schwächer) wirkt als das Sonnenlicht eines heiteren Sommertages, daß es aber immerhin für Belichtungsverfuche verwendbar ist. Um eine konzentriertere Wirkung des Bogenlichts zu erreichen, hat v. Perger in Wien einen Belichtungsapparat zusammengestellt, bei dem das Licht einer vertikalstehenden Bogenlampe (Hauptstromlampe von Siemens-Halske) bei einer Stromstärke von 12 Ampere unter dem Winkel von 45° zuerst durch eine die Lichtstrahlen parallel richtende, plankonvexe Linse a (Fig. 2) geht, dann in beliebiger Entfernung von ihr durch eine parallelgestellte, bikonvexe Linse b auf das im Rahmen c eingespannte, gefärbte oder gedruckte Stoffmuster fällt [3]. Die Lichtquelle fleht im Brennpunkt der Linse a, das Farbmuster oder der Rahmen c zwischen der Linse b und ihrem Brennpunkt und zwar parallel zu beiden Linsen. Diese sind in Rahmen eingespannt, die gleich dem Musterrahmen auf dem in Zentimeter eingeteilten Maßstab d sich verschieben und festschrauben lassen. Der Metallstab aber ist um eine wagerechte, im Gestell gelagerte Querachse drehbar und wird mit einer Schraube so gestellt, daß er mit der Horizontalen einen Winkel von 45° bildet, den für die Wirkung einer vertikal stehenden Bogenlampe geeignetsten Winkel, wenn die Kohle des elektropositiven Pols sich oben befindet. Zur Fixierung dieser Stellung des Metallstabes dient ein seitlich an der Drehachse angebrachter Zeiger nebst einer am Gestell beteiligten Bogenskala und einer Stellschraube auf jeder Seite der Achse. Bei den Versuchen v. Pergers fiel das Bogenlicht mit einer mittleren Intensität von 1000 Normalkerzen auf die Plankonvexlinse a, und waren die Dimensionen der Linsen sowie die Entfernungen der Lichtquelle, der Linsen und des vollbeleuchteten Farbmusters voneinander so gegeben und gewählt, daß man die Wirkung des Lichts auf die exponierte Farbe in der Stärke von 10000 Kerzen annehmen durfte und daß in den meisten Fällen eine Expositionsdauer von 20 Stunden genügt, um die Lichtempfindlichkeit einer auf einem Gewebe fixierten Farbe zu bestimmen. Es veränderten sich z.B. auf Baumwolle das Mikadobraun M nach 3 Stunden, das Baumwollbraun, Diaminrot und Diaminblau nach 4, Sulfonazurin nach 5 Stunden u.s.w. Baumwollgelbg brauchte auf Baumwolle 20 Stunden, so viel wie z.B. Wollgelb auf Wolle, bis eine Veränderung sich zeigte. Nach 36 Stunden Exposition beginnt direkt auf Wolle gefärbtes Azorcein abzublassen, nach 24 Stunden wird ein in der Hydrosulfitküpe gefärbtes Wollblau deutlich verändert, Türkischrot aber noch nicht angegriffen, v. Pergers elektrischer Belichtungsapparat wird von Mechaniker Kraft in Wien konstruiert und ist von der Höchster sowie von der Elberfelder Farbenfabrik für die Prüfung ihrer Produkte eingeführt worden.


Literatur: [1] Herzfeld, Die Praxis der Färberei, Berlin 1893. – [2] Mitteilungen des k. k. technolog. Gewerbemuseums Wien 1884. – [3] Ebend., Jahrg. 1891.

(Kielmeyer) R. Möhlau.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 1 Stuttgart, Leipzig 1904., S. 681-682.
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681 | 682
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