Glas

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[223] Glas (das) ist ein aus Kieselerde, feuerbeständigen Alkalien und Metalloxyden zusammengesetzter Körper, der nicht in der Natur vorkommt, sondern nur durch Kunst hergestellt wird, und gehört zu den schönsten und nützlichsten Erfindungen.

Seine große Brauchbarkeit beruht namentlich auf seiner Durchsichtigkeit, auf seiner Unauflöslichkeit und auf dem Umstande, daß es sich in alle möglichen Gestalten bringen läßt. Wegen seiner Durchsichtigkeit verwendet man das Glas zu Fensterscheiben, zu Laternen und zu optischen Instrumenten. (S. Linsen.) Seine Unauflöslichkeit empfiehlt es zu Gefäßen, in denen Flüssigkeiten aufbewahrt werden, denn es gibt nur einen einzigen Stoff, die Flußsäure, der [223] es angreift. Man kann die schärfsten Säuren, z.B. Schwefelsäure, Jahre lang in gläsernen Gefäßen stehen lassen, ohne daß sich auch nur eine Spur von Auflösung des Glases bemerken ließe. Der Erfinder dieses nützlichen Stoffes ist nicht bekannt, vielmehr finden wir schon in den ältesten Zeiten Spuren von Bekanntschaft mit dem Glase. Jedoch wird von den Alten diese Erfindung allgemein den Phöniziern, dem betriebsamsten Handelsvolke im Alterthume, zugeschrieben und man erzählt in dieser Beziehung eine artige Geschichte. Es sollen nämlich phönizische Seeleute in einer sandigen Gegend Syriens gelandet sein, und als sie auf dem Lande keine Steine fanden, um zu Bereitung ihrer Speisen einen passenden Herd zusammenzustellen, hätten sie von ihrer Schiffsladung einige große Stücke Salpeter geholt und zwischen diesen das Feuer angemacht. Da wäre nun ein Theil des Salpeters geschmolzen, hätte sich mit Asche und Sand verbunden und wäre zu Glas erstarrt, das die Phönizier nach dem Erlöschen des Feuers fanden. Hierauf kamen sie dann bald in den Besitz der Glasbereitungskunst, welche die Ägypter später noch mehr vervollkommneten. Um die Zeit von Christi Geburt wurde auch in Italien Glas verfertigt. Doch waren die Alten weit entfernt, daß sie das Glas in solcher Reinheit hergestellt und in so mannichfaltigen Formen verarbeitet hätten wie wir. Die größere Ausbildung der Glasbereitung fällt nur erst in die letzten drei oder vier Jahrhunderte. Früher bediente man sich besonders zu Fenstern des Glases nur höchst selten. Statt dessen nahm man durchscheinendes Horn, Blätter des Marienglases, geöltes Papier u. dgl. Die reichen Römer brachten wol auch dünngeschliffene Achat-oder Marmorplatten an. Als die Glasfenster endlich aufkamen, kannte man lange Zeit nur die kleinen eckigen Glasplatten, welche in Blei gefaßt wurden und gewöhnlich in der Mitte dicker als an den Rändern waren. Man findet solche Fenster noch in alten Gebäuden. Noch im Jahre 1458 rühmte ein Schriftsteller als die höchste Pracht, daß in Wien die meisten Häuser Glasfenster hätten, und noch viel später kam man erst darauf, Spiegelglas in Tafeln zu gießen. Früher hatte man fast gar keine Glasspiegel, sondern nur Metallspiegel. (S. Spiegel.) In neuerer Zeit hat sich besonders England durch große Fortschritte in der Glasmacherkunst ausgezeichnet. Berühmt ist das engl. Flintglas und das Crown- oder Kronglas, welche insbesondere zu Herstellung optischer Instrumente benutzt werden. Jedoch ist man jetzt in Deutschland in der Glasmacherkunst wo nicht weiter, doch ebenso weit wie in England. In Böhmen und Schlesien wird ausgezeichnetes Glas verfertigt und zu Benedictbeurn in Baiern macht man ausgezeichnetes Flintglas und Kronglas.

Die Bereitung des Glases wird in den Glashütten vorgenommen. Die vorzüglichsten zu derselben erfoderlichen Geräthschaften sind: ein eigens eingerichteter Ofen, die Schmelztiegel oder Glashäfen, die eisernen Blaseröhren oder Pfeifen und verschiedene Werkzeuge, welche zum Formen des Glases gebraucht werden. Die Öfen sind theils viereckig, theils rund und müssen inwendig mit einem ungemein feuerfesten Material ausgekleidet sein, denn sie haben eine Hitze bis zu 8000° auszuhalten und werden gewöhnlich über ein Jahr ohne Unterbrechung geheizt. Auch die Schmelzhäfen werden aus feuerbeständigem Thone bereitet; sie haben ungefähr eine Elle in der Tiefe und im Durchmesser. Der Ofen hat Öffnungen, an denen die Arbeiter ihre Geschäfte vornehmen, die sogenannten Arbeitslöcher. Nachdem die Häfen bis zum Weißglühen erhitzt worden, werden diejenigen Materialien, welche das Glas geben, in sie gethan und kommen im Verlauf von etwa 20 Stunden vollkommen in Fluß. Diese Materialien müssen, ehe sie in die Häfen kommen, gereinigt und gepulvert sein, und werden zuweilen schon vorher einem hohen Hitzegrade ausgesetzt, um eine größere Reinigung zu bewirken, welche Vorarbeit das Fritten heißt. Beim Schmelzen in den Häfen sammeln sich noch eine Menge Unreinigkeiten, wie Schaum, auf der fließenden Masse, welche mit eisernen Löffeln abgeschöpft werden und Glasgalle heißen. Diese Glasgalle wird zum Silberlöthen, als Fluß (s. Flüsse), zum Schmelzen strengflüssiger Metalle, unter die Glasur (s.d.), in der Vieharzneikunde u.s.w. gebraucht. Die Bereitung des Tafelglases, welches besonders zu Fensterscheiben benutzt wird, geschieht auf zwei wesentlich verschiedene Arten, als Mondglas und als Walzenglas. Die Bereitung des Mondglases ist die ältere. Der Arbeiter taucht die Pfeife, welche oben einen hölzernen Griff und unten einen kegelförmigen Ansatz hat, mit dem untern Ende in die Glasmasse und gibt dem ausgehobenen Theile der zähen Masse durch Rollen auf einer glatten metallenen Tafel eine regelmäßige Gestalt. (Fig. 1.) Hierauf setzt er das obere Ende des Blaserohres an den Mund und bläst die Masse zu einer birnförmigen Blase auf (Fig. 2), und nachdem diese eine hinlängliche Größe erlangt hat, wird sie vor eine größere Öffnung des Ofens gebracht. Der Arbeiter steht zum Schutze gegen die Hitze hinter einem Gemäuer, auf dem die Pfeife aufliegt. Er dreht die Pfeife schnell um (Fig. 3) und hierdurch, sowie durch die Hitze des Ofens nimmt die Blase eine unten weitere, fast scheibenförmige Gestalt an. In der Mitte dieser kreisförmigen Bodenfläche ist das Glas am dicksten, und hier setzt nun ein zweiter Arbeiter das sogenannte Hefteisen an, welches vorher erhitzt und mit dem untern Ende in die Glasmasse getaucht worden ist (Fig. 4). Die Pfeife mit dem obern Ende der Blase wird nun abgesprengt, die so erhaltene Glasform aber mit dem Hefteisen wieder vor die vorerwähnte Öffnung des Ofens gebracht und in schnell drehende Bewegung gesetzt (Fig. 5). Sie breitet sich immer weiter aus und gibt endlich eine große Scheibe, welche durchgängig ziemlich dieselbe Dicke hat und nur in der Mitte etwas stärker ist. Diese wird in der Nähe des mit dem Schmelzofen gewöhnlich in Verbindung stehenden, etwas weniger heißen Kühlofens, auf ein Lager von heißer Asche gelegt, das Hefteisen abgesprengt und nun endlich die Scheibe mit Hülfe eines gabelförmigen Instruments in den Kühlofen gebracht. Ganz allmälig, oft Wochen lang, kühlt hier die Glasscheibe aus, wird dann herausgenommen und mit Entfernung des mittlern zu dicken Theils, in zwei halbmondförmige Stücken zerschnitten.

Die Bereitung des Walzenglases erklärt sich aus Fig. 6. Mit Hülfe der Pfeife wird zuerst eine längliche Blase (Fig. 7) geblasen, diese dann unten geöffnet (Fig. 8), zu einer glockenförmigen Gestalt erweitert (Fig. 9), der Länge nach aufgeschnitten (Fig. 10), in Gestalt einer Walze gebracht (Fig. 11) und endlich auf einer metallenen Tafel ausgebreitet (Fig. 12), wo sie sich bald durch ihre eigne Schwere zur Tafel formt.

[224] Das Hohlglas, d.h. dasjenige Glas, welches zu allen Arten von Gefäßen verarbeitet wird, erfodert bei. der Verarbeitung wegen der großen Mannichfaltigkeit der Gegenstände eine lange Übung und die Kenntniß vieler Kunstgriffe. Größtentheils wird es geblasen, doch gießt man es auch in Formen, und kann ihm auf diese Weise das Ansehen geschliffenen Glases ertheilen. Zu den feinern Glaswaaren nimmt man vorzüglich Krystallglas, welches sich durch Reinheit, Weiße und Durchsichtigkeit auszeichnet, einen Zusatz von Blei hat und daher schwerer und weicher als Tafelglas ist.

Das Spiegelglas muß besonders rein und weiß sein, und wird entweder wie das Tafelglas bereitet oder gegossen. Dieses Gießen geschieht auf dem umstehend abgebildeten Apparate. Man sieht eine glatte metallene Platte, auf welcher der Guß vorgenommen werden soll. Metallene Leisten zu beiden Seiten dienen, um das Herabfließen des glühenden Glases zu verhindern. Ihre Höhe bestimmt die Dicke der zu gießenden Glasscheibe; auf ihnen ruht die Rolle, welche über das glühende Glas hingeführt wird. Auch erkennt man den Abwischer, ein mit Leinwand umwickeltes Stück Holz, mit dem die Gießplatte von Staub gereinigt wird. An einem (nicht abgebildeten) Krahn hängt der Gießhafen mit der glühenden Masse, man sieht die Arme zu beiden Seiten des Hafens, mit deren Hülfe dieser allmälig ausgegossen werden kann, worauf die Rolle die Masse ausbreitet, ebnet und nachdem sie über die ganze Tafel weggelaufen, endlich in den vorn stehenden Bock fällt. Die Spiegelplatten werden ebenfalls in den Kühlofen zur allmäligen Abkühlung gebracht.

Wenn das Glas nicht allmälig, sondern schnell abgekühlt wird, so erhält es eine ungemeine Sprödigkeit, welche es zum Gebrauch untauglich macht. Auf dieser Erfahrung beruht die Bereitung der Glastropfen (Glasthränen oder Springgläser). Läßt man nämlich von der flüssigen Masse einen Tropfen in kaltes Wasser fallen, so erstarrt [225] derselbe sogleich zu einem ovalen Körper mit langem dünnen Schwanz. Bricht man nachher diesen ab, so zerspringt der ganze Glastropfen in seinen Staub. Dagegen kann man den dicken Theil klopfen und abschleifen, ohne daß ein solches Zerspringen eintritt. Die Bologneserflaschen oder Springkolben sind ziemlich dicke Glasfläschchen, welche auf gewöhnliche Art geblasen, dann aber schnell abgekühlt werden. Man kann sie von außen schlagen, ohne daß sie zerspringen, aber ein kleines Sandkörnchen oder noch besser ein Stückchen Feuerstein (welcher sehr scharfe Kanten hat), das in sie hineingeworfen wird, zersprengt sie augenblicklich in Stücken. Erhitzt man ein solches Fläschchen auf glühenden Kohlen und läßt es dann langsam abkühlen, so hat es seine wunderbare Eigenschaft verloren.

Durch Zusatz metallischer Substanzen kann man dem Glase verschiedene, zum Theil sehr schöne, Farben ertheilen. Hierauf beruht die Herstellung der sogenannten Glasflüsse, von denen man die harten zu unechten Edelsteinen, die weichen und leichtflüssigen zu Abdrücken geschnittener Steine, sogenannten Glaspasten, verwendet. Zu den falschen Edelsteinen nimmt man als Grundlage ein besonders helles, reines und hartes Krystallglas, das nach seinem Erfinder Straß genannt wird. Die meisten und schönsten Glasflüsse kommen aus Venedig und aus Turnau in Böhmen. Auf der Kunst, das Glas zu färben, beruht auch die Glasmalerei, genauer Glasschmelzmalerei, deren Kunstwerke sich durch einen Glanz und eine Farbenpracht auszeichnen, die in keiner andern Art von Malerei zu erreichen ist, weil bei den Kunstwerken der Glasmalerei das Tageslicht selbst durch das Gemälde hindurchleuchtet. Dieselbe war besonders im Mittelalter ausgebildet, nachher aber fast ganz untergegangen. In neuester Zeit ist diese Kunst jedoch wieder aufgenommen und zu großer Vollkommenheit gebracht worden, sodaß sie nur in wenigen Stücken der alten Glasmalerei noch nachsteht.

Bekanntlich zeichnet sich das Glas durch Sprödigkeit aus, sodaß es sehr leicht springt. Das Schneiden des Glases geschieht daher, indem man mit einer Demantspitze einkratzt und dann das Glas bricht; es springt dann stets da, wo der Demant eingeschnitten hatte. Dennoch ist das Glas auch außerordentlich elastisch. Man bemerkt seine große Elasticität besonders an dünnen Glasfäden, diese lassen sich biegen und springen, losgelassen, stets wieder in ihre vorige Lage zurück. Da das Glas im glühenden Zustande außerordentlich zähe ist, so kann man es sogar zu langen ununterbrochenen Fäden spinnen, und aus diesem gesponnenen Glase dann verschiedene Gewebe fertigen.

Man braucht das Glas nur einer starken Hitze auszusetzen, um es wieder glühend und weich zu machen, und man kann dieses um so leichter, da das Glas die Hitze nur sehr langsam fortpflanzt, man daher ein nur wenige Zoll langes Stück Glas, z.B. eine Glasröhre, noch an beiden Enden mit den bloßen Fingern halten kann, während es in der Mitte glüht. Namentlich in der Physik und Chemie macht man von diesem Mittel, das Glas zu bearbeiten, Gebrauch, z.B. bei der Anfertigung der Barometer (s.d.) und Thermometer (s.d.), um Röhren in verschiedenen Winkeln zu biegen u.s.w. Dabei bedient man sich zur Hervorbringung der nöthigen Hitze des Löthrohrs, durch das gegen eine Öllampe geblasen wird, oder auch eines sogenannten Glasblasetisches, bei welchem das Blasen des Löthrohrs durch einen Blasebalg geschieht. (S. Gebläse.)

Um fertigen Glasgeräthschaften eine geschmackvolle Gestalt zu geben und allerlei Verzierungen theils in erhabener, theils in vertiefter Arbeit anzubringen, bedient man sich der Kunst des Glasschleifens. Das vorzüglichste Werkzeug des Glasschleifers ist der Werktisch oder die Glasschleifmühle. Durch Rad und Schnure wird ähnlich wie beim Spinnrade eine Spindel in drehende Bewegung gesetzt, auf welche eiserne und kupferne Räder von mannichfach verschiedener Gestalt und Größe aufgeschoben werden. Beim schnellen Umdrehen greifen die Rädchen das Glas an, welches, nachdem jene mit Schmirgel und Baumöl bestrichen worden sind, gegen sie gehalten wird, bald gegen den scharfen [226] Rand, bald gegen die flache Seite. Das Glas wird hierbei matt und muß daher noch mit bleiernen und zinnernen Rädern, welche man mit feuchtem Trippel, Zinnasche oder Bimsstein bestreicht, polirt werden. Um Zeichnungen auf das Glas zu bringen, kann man sich auch der Flußsäure bedienen.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 223-227.
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