Wolle [1]

[737] Wolle, das Haar des Schafes, entwickelt sich aus den in der Haut des Tieres liegenden zwiebelartigen Haarwurzeln (Haarzwiebel, Haarknopf) in der Gestalt eines Fadens, der aus Talgdrüsen mit Fett (Wollfett) überzogen wird. Die Substanz der W. stimmt in ihrer chemischen Zusammensetzung mit der des Horns und der Klauen nahe überein und besteht annähernd aus 50 Proz. Kohlenstoff, 7,5 Proz. Wasserstoff, 16 Proz. Stickstoff, 3,5 Proz. Schwefel und 23 Proz. Sauerstoff. Der Schwefelgehalt schwankt zwischen 1,5 und 3,5 Proz., und der Aschengehalt wechselt von 0,5–3,8 Proz. In der Asche herrschen Kieselsäure, Kalk, Kali und Eisen vor. Das spezifische Gewicht reiner, lufttrockener W. ist 1,319. Das Wollhaar ist (Fig. 1) einem runden, massiven Stäbchen von 1/90-1/12 mm Dicke (C) mit Oberhäutchen, Rinden- und Marksubstanz vergleichbar. Das Oberhäutchen besteht aus sehr dünnen, farblosen Schüppchen, die sich dachziegelartig übereinander lagern und unter dem Mikroskop als quer oder schief verlaufende, gezahnte, wellenförmige Streifen erscheinen, deren bei verschiedenen Wollsorten 75–110 auf 1 mm Länge kommen. Die Rindensubstanz besteht aus runden, länglichrunden und spindelförmigen, abgeplatteten Zellen, die um die Längsachse des Haares in konzentrischen Schichten angeordnet sind. Bei weißer W. ist die Rindensubstanz farblos, bei dunkler mehr oder weniger gefärbt. Die Marksubstanz findet sich nur in den großen, schlichten Haaren, aber nicht in der eigentlichen W., die vielmehr beim Auftreten von Marksubstanz ihren Charakter mehr oder weniger einbüßt. Charakteristisch für die W. ist die Kräuselung, der Stapel, die Feinheit, die Länge und die Schnirrfähigkeit.

Fig. 1. A Wollhaar, 200mal vergr., B Kräuselung, C Querschnitt. I normalbogig, II hochbogig, III flachbogig.
Fig. 1. A Wollhaar, 200mal vergr., B Kräuselung, C Querschnitt. I normalbogig, II hochbogig, III flachbogig.

Die Kräuselung tritt in mehr oder weniger kleinen Bogen (Fig. 1, B u. I, normalbogig; II hochbogig; III flachbogig) auf. Die Zahl der Bogen auf einer gewissen Länge wächst mit der Feinheit der W. und beträgt 10–36 auf 25 mm in gewöhnlich sechs Klassen. Je nach dem Grade der Kräuselung verlängert sich das gekräuselte Haar beim Ausstrecken um das 1,20–1,97 fache. Man zählt die Kräuselungen auf schwarzem Papier oder mit Hilfe eines Kräuselungsmessers (Wollklassifikators), einer sechsseitigen Messingblechscheibe, die auf jeder Seite von 25 mm Länge so viel Zähne enthält, als der Bogenzahl einer Klasse entspricht; die Wollhaare, die nach ihrer Feinheit bestimmt werden sollen, werden den verschiedenen Seiten der Platte angepaßt. Diejenige Seite der Scheibe, deren Zähne mit den Wellungen des Strähnchens übereinstimmen, gibt die Klasse der W. an. Die Feinheit, die Dicke des Haares, wird genau mittels des Wollmessers (s. d.) ermittelt und beträgt in Tausendsteln eines Millimeters bei Elektoralwolle 13–31, Negrettiwolle 15–26, böhmischer Meskizenwolle 17–36, ungarischer Zackelwolle 20–28, Leicesterwolle vom Bock und zwar vom Blatt 32–42, vom Hals 24–34, vom Scheitel 19–31, vom Nacken 26–35, vom Rücken 25–36, vom Bauch 25–39, von den Füßen 25–36, von der Schwanzwurzel 31–47.[737] Zwischen Kräuselung und Feinheit besteht ein gewisser Zusammenhang, so daß bei der Klassifizierung im Wollhandel beide Eigenschaften nach folgender Tabelle Berücksichtigung finden:

Tabelle

Die stark gekräuselten seinen Wollsorten stehen auf dem Körper des Tieres in Büscheln (Bündeln) von je 100 und mehr, die sich aneinander lehnen und mit ihren Bogen ineinander greifen. Bleiben dabei die einzelnen Bündel deutlich getrennt, so heißt die W. gesträngt und, wenn die Haare der einzelnen Stränge durch Wollschweiß verklebt sind, zwirnig. Eine Anzahl Bündel erscheint meist zu einem größern Büschel oder Stapel vereinigt; doch braucht man letztern Ausdruck auch zur Bezeichnung des Wollwuchses überhaupt und spricht von hohem oder niedrigem, dichtem, klarem oder verworrenem Stapel. Bei seiner, gleichartiger W. pflegen die Stapel klein, niedrig, rund, geschlossen (aus eng zusammenliegenden Haaren gebildet) und stumpf (nicht pfriemenartig zugespitzt) zu sein. Höchst verschieden nicht nur nach der Schafrasse, sondern in jedem Vlies ist die Länge der W.; sie schwankt zwischen 36 und 550 mm. Die Schnirrfähigkeit zeigt sich in einem Krümmen und Aufrollen unter dem Einfluß von Wärme und trägt wesentlich zur Verfilzungsfähigkeit bei. Ferner kommen bei der W. noch in Betracht: die Gleichmäßigkeit (Ausgeglichenheit, Treue) des einzelnen Haares in seiner ganzen Länge in bezug auf Stärke und Kräuselung; die Geschmeidigkeit, die mit der Sanftheit im Anfühlen in engem Zusammenhange steht, aber nicht eine notwendige Begleiterin der höhern Feinheit ist; die Dehnbarkeit, die nach völligem Ausstrecken bei seiner W. noch 30–40 Proz., bei guter grober W. bisweilen 40–50 Proz. beträgt. W., der es an Dehnbarkeit fehlt, heißt spröde. Die Festigkeit (Stärke, Kraft, Nerv, Haltbarkeit) ist unter Berücksichtigung der Feinheit und der übrigen Eigenschaften zu ermitteln. Ein einfaches Wollhaar erfordert zum Zerreißen je nach Feinheit und Güte ein Gewicht von 3–46 g. Die Elastizität soll einen mittlern Grad erreichen und eine Flocke W. nach dem Zusammendrücken oder Ausdehnen ihre ursprüngliche Gestalt langsam und gleichmäßig wieder annehmen.

W. ist in der Regel weiß, seltener grau, braun, schwarz, gelblich oder rötlich; ihr Glanz pflegt bei mittelfeiner und selbst grober W. am stärksten zu sein, ihre Sanftheit (Seidenartigkeit) ist besonders an der Elektoralwolle ausgebildet, tritt aber oft bei gröberer W. deutlicher hervor als bei mancher seinen W. W. nimmt in einem feuchten Raume 28–33 Proz. Wasser auf, ohne fühlbar feucht zu erscheinen. Man stellt deshalb den Wassergehalt der W. in Konditionieranstalten fest, um dem Wollhandel eine größere Sicherheit zu geben. Gewöhnlich enthält W. 13–17 Proz. Feuchtigkeit, die beim Trocknen an der Luft (im Schatten) auf 7–11 Proz. herabgeht. Die Eigenschaften der W. sind abhängig von der Schafrasse, dem Klima, der Witterung, der Haltung und Ernährung der Schafe und sind demnach sehr verschieden gruppiert. Von dem ganzen Vlies verlangt man, daß es ausgeglichen sei, d. h. daß die einzelnen Hauptteile W. von nicht zu ungleicher Beschaffenheit tragen, daß es nicht mit kurzen, glänzenden, ungekräuselten Stichelhaaren oder ähnlichen langen, groben, falschen (Hunds-, Ziegenhaaren, Bindern) vermischt und von Verunreinigung durch Kletten, Heu- und Strohteilchen (futterigen W.) möglichst frei sei. In nördlichern Gegenden trägt das Schaf Zackelwolle, ein schlichtes Haar, das ziemlich durchscheinend ist und auf der Oberfläche nur Spuren von Schuppen trägt; unter ihm tritt das Flaumhaar auf, das bedeutend seiner und dichter, regelmäßig mit Schuppen besetzt und spiralförmig gekrümmt und gewellt ist. Zwischen Zackelwolle und Flaum steht die eigentliche W., die bei langem Wuchs den Charakter des Zackelhaars in einem Übergangsstadium zum Flaum zeigt. Die W. des gemeinen deutschen Landschafs (Landwolle) ist meist grob, nicht stark gekräuselt, trocken und spröde. Merinowolle ist weit seiner, mit vielen kleinen, regelmäßigen und gleichen Bogen gekräuselt, sanft und fett anzufühlen, elastisch und fest, zu feinern Stoffen geeignet. Man unterscheidet Elektoralschafe mit sehr seiner, sanfter, geschmeidiger, aber weniger dicht stehender W. und die Negretti- oder Infantadoschafe, deren W. meist weniger sein, sanft und geschmeidig ist, aber auf dem Vlies dichter steht. Durch Kreuzungen deutscher Landschafe mit Widdern spanischer Zucht hat man veredelte Schafe erhalten, deren W. der Originalmerinowolle gleich kommt. Alle diese Schafe faßt man wohl als Höhen- oder Landschafe zusammen, deren W. bisweilen nur 36 mm, meist unter 150 mm und höchstens 250 mm lang wird. Ihnen stehen die Niederungsschafe gegenüber, deren W. 170–450 und selbst 550 mm Länge erreicht, meist grob und nie gekräuselt, sondern nur schwach wellenartig gelockt, fast wie eigentliches Haar schlicht und gerade ist. Bei dem Landschaf stehen auf 1 qcm Hautfläche etwa 720, bei Merinos mit dichtem Wollstand bis 8500 Wollhaare.

Arten, technische Behandlung

In der Technik unterscheidet man Streich- und Kammwolle. Streichwolle (Kratzwolle, Tuchwolle, kurze W.) zur Darstellung tuchartiger Gewebe, die in der Walke eine tuchartige Decke erlangen, umfaßt alle entschieden gekräuselten Wollen von weniger als 100 mm Länge (im ausgestreckten Zustande). Die natürliche Kräuselung der W. befördert die Filzbildung, und je kürzer und seiner die einzelnen Haare sind, um so mehr Haarenden und -Spitzen kommen in einem gleichen Gewichte des Garnes vor. Kammwolle (lange W.) dient zur Verfertigung glatter Wollenzeuge, bei denen die Fäden von keiner Filzdecke versteckt werden, und zu Strickgarnen. Sie hat eine Länge von 120–240 mm und schwache oder gar keine Kräuselung. – Rohe W. ist sehr unrein; sie enthält (nach zwei Analysen):

Tabelle

Abgesehen von Staub etc., besteht die wesentlichste Verunreinigung der W. aus Wollfett und den eingetrockneten Hautabsonderungen der Schafe, dem Wollschweiß (s. d.); sie bildet eine zähe, fette Schmiere mit Kali- und Kalksalzen, Cholesterin und ähnlichen Körpern und ist zum Teil in Wasser löslich. Zur Reinigung wird in Deutschland die W. in der Regel zunächst[738] auf dem Rücken der Tiere gewaschen (Pelzwäsche, Rückenwäsche), wobei man das Schwemmen (Schwimmen der Schafe in Fluß oder Teich), die Handwäsche, Sturzwäsche (Spülen der gewaschenen Schafe unter einem Strahl) und Spritzwäsche (Waschen der eingepferchten Schafe mittels einer Feuerspritze) unterscheidet. Sehr vorteilhaft wäscht man zuerst mit reinem Wasser von 32–34°, dann mit Seifenwurzelabkochung von 37–44° und erzielt dadurch ausgezeichnete Weiße mit Glanz und Geschmeidigkeit. Rohe W. verliert durch die Pelzwäsche mit kaltem Wasser 20–70, meist 40–60 Proz. am Gewicht. Ist die W. wieder getrocknet, so wird sie, etwa am dritten Tage, mit den Schafscheren glatt vom Körper abgeschnitten, wobei man das Vlies möglichst zusammenzuhalten sucht. Die W. von den Füßen, Backen und Schwanz bleibt gesondert und bildet die Stücke; die groben Teile heißen Locken. In der Regel werden die Schafe jährlich einmal (Mitte Mai bis Anfang Juli) geschoren (einschürige W., Einschur); in manchen Gegenden aber schert man langwollige Schafe im Frühjahr und Herbst (zweischürige W., Zweischur); noch nicht ein Jahr alte Tiere geben die weiche, seidenartige Lammwolle.

Fig. 2. Leviathan-Wollwaschmaschine.
Fig. 2. Leviathan-Wollwaschmaschine.

Alle von lebenden Tieren gewonnene W. heißt Schurwolle im Gegensatz zur W. gefallener Tiere (Sterblingswolle), die weniger fest und elastisch ist und sich schlecht färbt. Gerberwolle (Raufwolle) ist die in den Weißgerbereien und Saffianfabriken mittels Kalks von den Fellen gewonnene W., die zum Spinnen, besonders wenn sie mit langer W. gemischt wird, ganz brauchbar ist. Die Pelzwäsche läßt sehr viel Wollschweiß zurück, der durch die Fabrikwäsche (Entschweißen, Entfetten) entfernt werden muß. Sie wird in Wollwäschereien entweder mit Wasser von 50–75°, oder besser mit schwachem Seifenwasser (5–15 kg Seife auf 100 kg Wasser), schwacher Lösung von Pottasche, Soda oder kohlensaurem Ammoniak, oder verdünntem, gesamtem (daher kohlensaures Ammoniak enthaltendem) Harn durch Hand- oder Maschinenarbeit ausgeführt. Die gewaschene W. wird gespült und am besten im nicht erwärmten Luftstrom getrocknet. Neuerdings benutzt man nur Maschinen, in denen das Fett verseist oder emulsioniert und dann ausgewaschen, zuletzt aber die W. getrocknet wird. Sies muß ununterbrochen, mit vollkommener Schonung der W., namentlich mit Vermeidung jeglicher Verfilzung, ausgeführt werden. Die erste Maschine dieser Art, die wegen ihrer Leistungsfähigkeit den Namen Leviathan erhielt, wurde 1863 von Melen in Verviers konstruiert und ist das Vorbild für alle spätern Waschmaschinen geblieben. Die Anordnung einer neuesten Ausführung zeigt Fig. 2. Eine große Waschkufe A, die mit Waschwasser gefüllt ist, erhält durch ein Zuführtuch a die W., die von der drehenden Kupfertrommel b sofort untergetaucht und fortgeschoben wird. Eine von Kurbeln c bewegte, mit zahlreichen Zinken versehene Gabel d sticht von oben in die W., taucht sie wieder unter und schiebt sie der zweiten Gabel e zu, welche dieselbe Bewegung wiederholt, um die W. dem dreiarmigen Drehkreuz f zu übergeben, das mit schwebendem Rechen g die W. auf das Abführtuch h schiebt, das sie an die Walzenpresse i abliefert. Diese befreit die W. vom Waschwasser, das nach A zurückläuft, während die W., von dem endlosen Tuch k aufgenommen, zum Ausspülen in einen zweiten und gewöhnlich noch in einen dritten Leviathan gelangt. Von der letzten Maschine wird sie entweder von Körben oder von einer drehenden Lattentrommel aufgenommen, in der sie durch einen warmen Luftstrom getrocknet wird. Über die Verarbeitung der W. s. Spinnen. Vgl. außer der im Artikel »Schaf« angeführten Literatur noch Reißner, Beiträge zur Kenntnis der Haare des Menschen und der Säugetiere (Bresl. 1854); Bohm, Wollkunde (Berl. 1873); Sella, Studien über die Wollenindustrie (a. d. Ital., Wien 1876); v. Nathusius-Königsborn, Das Wollhaar des Schafs (Berl. 1866); Settegast, Bildliche Darstellung des Baues und der Eigenschaften der Merinowolle (das. 1869); Burnley, History of wool and woolcombing (Lond. 1889); Heyne, Die technische Verarbeitung der W. (Berl. 1891); Spennrath, Materiallehre für die Textilindustrie (Aachen 1899); Donath und Margosches, Das Wollfett (Stuttg. 1901); Ganswindt, Wollwäscherei und Karbonisation (Leipz. 1905). – Über Produktion und Geschichte s. die Textbeilage zum Artikel »Textilindustrie«, S. II, und Senkel, Wollproduktion und Wollhandel im 19. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung Deutschlands (Tübing. 1901).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 737-739.
Lizenz:
Faksimiles:
737 | 738 | 739
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die geschwätzigen Kleinode oder die Verräter. (Les Bijoux indiscrets)

Die geschwätzigen Kleinode oder die Verräter. (Les Bijoux indiscrets)

Die frivole Erzählung schildert die skandalösen Bekenntnisse der Damen am Hofe des gelangweilten Sultans Mangogul, der sie mit seinem Zauberring zur unfreiwilligen Preisgabe ihrer Liebesabenteuer nötigt.

180 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon