Basel

[189] Basel, seit 1833 in die Cantone Stadt Basel und Basel-Landschaft getheilt, ist der elfte Canton der schweizerischen Eidgenossenschaft und der nordwestl. Theil Helvetiens. Erwird im N. vom Großherzogthume Baden, im O. vom Canton Aargau, nordwestl. von Frankreich begrenzt, zählt auf 83/4 ! M. 56,200 Einw., meist reformirter Religion, wird von Seitenzweigen des Juragebirges durchzogen und im N. vom Rheine theils begrenzt, theils durchströmt. Das Land ist fruchtbar; in den ebenern Gegenden am Rhein sind Getreide-, Wein- und Obstbau, in den höhern die Viehzucht vorherrschend. Die Fischerei, besonders der Lachsfang im Rheine, ist sehr einträglich; außerdem sind Seidenband- und Baumwollenfabriken fast über den ganzen Canton verbreitet und häufig arbeitet der Landmann während des Winters am Webstuhl für die Fabrikherren. Gerberei, Papierbereitung, einige Eisen- und Kupferhütten beschäftigen auch viele Hände und die Folge dieser Gewerbthätigkeit, verbunden mit der glücklichen Lage zwischen Deutschland und Frankreich am schiffbaren Rheine, ist eine allgemeine Wohlhabenheit.

Ausgezeichnet durch Reichthum ist die alte Hauptstadt Basel mit 16,500 Einw., in einer schönen, von Hügeln durchschnittenen [189] Ebene an beiden Rheinufern, wodurch die Stadt in Groß- und Klein-Basel getheilt wird, die durch eine 715 F. lange, hölzerne Brücke verbunden sind. Zu den merkwürdigsten Gebäuden der Stadt gehören die vom Kaiser Heinrich II. von 1010–19 erbaute Münsterkirche, in der Erasmus von Rotterdam und andere berühmte Personen begraben liegen, deren Äußeres aber ein blutrother Anstrich verdirbt; ferner die Dominikanerkirche, wo sich H. Holbein's (s.d.) berühmter Todtentanz befand, das Rathhaus mit vielen Glasmalereien und altem Schnitzwerk, das geschmackvolle neue Casinogebäude und mehre Privathäuser. B. ist die wichtigste Handelsstadt der Schweiz, hält im Oct. eine Messe, betreibt große Speditions-, Commissions- und Wechselgeschäfte, hat bedeutende Seidenband-, Baumwollen-und Tabackfabriken, acht Papiermühlen, mehre Buchdruckereien und Schriftgießereien. Seit 1459 besteht hier eine Universität, bei der sich eine 50–60,000 Bände starke Bibliothek, ein naturwissenschaftliches Museum, botanischer Garten und mehre wichtige wissenschaftliche Sammlungen befinden. Es gibt ferner in B. mehre Gemäldegalerien, ein vielbesuchtes Seminar für Missionarien mit einer Missionsgesellschaft und mehr als 30 Hülfsvereinen in andern Städten, eine deutsche Bibelgesellschaft, eine 1777 von Iselin gestiftete Gesellschaft zur Beförderung und Aufmunterung des Guten und Gemeinnützigen und andere rühmenswerthe Anstalten.

Die nach Helvetien vordringenden Römer fanden diese Gegend von den Raurakern bewohnt und gründeten 50 v. Chr. auf der Stelle des jetzigen Dorfes Kaiseraugst, zwei Stunden von B. eine Stadt, Augusta Rauracorum, deren Bewohner, als sie 450 von den Hunnen zerstört wurde, sich meist nach B. wendeten, das der röm. Kaiser Julianus, 361–363, zu Ehren seiner Mutter Basilina gegründet haben soll und wohin auch das Bisthum aus der zerstörten Stadt verlegt wurde. B. kam bei der Theilung Lothringens 870 an Deutschland und bildete sich unter dem Schutze des Krummstabs im Mittelalter zu einer ansehnlichen und festen Reichsstadt, bestand im 13. Jahrh. harte Kämpfe mit dem Adel der Umgegend, wurde im 14. Jahrh. zwar von Pest und Erdbeben beinahe zerstört, erholte sich aber schnell und war im 15. und 16. Jahrh. doppelt so volkreich, wie jetzt. Von 1431–43 wurde hier die berühmte Kirchenversammlung gehalten, welche für Verbesserung der kirchlichen Lehre und Zucht viel Eifer bewies, den Hussiten den Gebrauch des Kelchs beim Abendmahl gestattete, Papst Eugen IV. absetzte, allein in Rom nicht anerkannt wurde. Den Eidgenossen längst befreundet, trat B. mit seinem durch Kauf erweiterten Gebiete 1501 ihrem Bunde bei, führte nach einigem Zögern 1527 die Reformation öffentlich ein und wurde darin vom Lande freiwillig nachgeahmt. In neuerer Zeit machten es der 1795 von Preußen und Spanien mit der Republik Frankreich hier geschlossene Friede und 1813 der Rheinübergang der drei gegen Napoleon verbündeten Monarchen merkwürdig. Dicht bei B. liegt das Örtchen St.-Jakob an der Birs, wo am 16. Aug. 1444 1600 Schweizer das 30,000 M. starke franz. Heer unter dem Dauphin, nachherigem König Ludwig XI., angriffen, 8000 Feinde tödteten und bis auf 12 M. den Heldentod starben. Der Tapfern Andenken ehrt ein auf der Wahlstätte errichtetes gußeisernes Denkmal in gothischem Style; auch nennt man in Rücksicht ihrer den in der Nähe wachsenden Rothwein Schweizerblut. Außerdem sind im Canton B. noch zu erwähnen das Dorf Riehen, welches in guten Jahren für 6000 Gulden Kirschen und Kirschwasser verkauft; das Städtchen Liestall mit 2050 Einw., Papier- und Handschuhfabriken; der Flecken Sissach mit 1200 Einw., meist Bandwebern; das in der höchsten Gegend liegende Städtchen Wallenburg mit 600 Einw., die das schönste Vieh im Canton besitzen, und der gutgebaute Flecken Bubendorf mit einem besuchten Mineralbade.

Der Canton B. wurde bis 1798, wo man die alte Verfassung aufhob, von der Stadtbürgerschaft als Souverain beherrscht und theilte dann im Allgemeinen die Schicksale der Schweiz. Im Oct. 1830 sprachen aber viele Landgemeinden den Wunsch nach Abänderung der die Volkswahlen beschränkenden Verfassung von 1814 und Herstellung der Rechtsgleichheit von 1798 in einer dem Amtsbürgermeister übergebenen Petition aus. Als diese nicht im verlangten Umfange berücksichtigt zu werden schien, errichtete die Landschaft am 6. Jan. 1831 in Liestall eine Art provisorischer Regierung und wollte die Stadt durch Einschließen zum Nachgeben zwingen. Die baseler Söldner und Milizen eroberten aber Liestall, verjagten die revolutionnaire Behörde und nun wurde die von der Stadt revidirte, allerdings Erweiterung der Vertretung und des Wahlrechts zugestehende Verfassung vom Lande mit Stimmenmehrheit am 28. Febr. angenommen, obgleich sie den gestellten Foderungen nicht entsprach und die Mitglieder der liestaller Regierung dagegen protestirten. Der Landfriede blieb deshalb bei den einander schroff gegenüberstehenden Parteien nicht ungestört und schon im August floß wieder Blut, sodaß die Tagsatzung sich genöthigt sah, 4000 M. Truppen zur Herstellung der Ordnung in die unruhigen Gegenden und Commissaire abzusenden, welche zunächst die in Liestall neugebildete Regierung auflösen, dann aber auch den großen Rath in B. zu einer vollständigen Amnestie bewegen sollten. Dieser sprach, dem entgegen, am 22. Febr. 1832 die Trennung der Stadt von der Landschaft in der Erwartung aus, letztere werde von selbst um Erneuerung der alten Verhältnisse bitten, allein die Mehrheit der Landgemeinden constituirte sich, von der Tagsatzung zwar noch nicht anerkannt, doch geduldet, als Basel-Landschaft. Neckereien von Seiten der Stadtbehörden führten aber zu wiederholten blutigen Kämpfen mit den Landgemeinden und die Basler erlitten am 3. Aug. 1833, wo sie mit 1600 M. ausrückten, um einen Hauptschlag zu thun, eine völlige Niederlage. Jetzt verordnete die Tagsatzung die sofortige Besetzung der Stadt und Landschaft B. mit 10,000 M. eidgenössischer Truppen zur Herstellung des Landfriedens, sandte drei Commissarien dahin ab und sprach am 26. Aug. die Regulirung der Verhältnisse des Cantons dahin aus, daß derselbe dem Bunde gegenüber wie zeither nur einen Staatskörper bilden, seine öffentliche Verwaltung aber aus zwei getrennten Gemeinwesen bestehen solle, deren eines als Canton Stadt Basel die Stadt, ihr Weichbild und die am rechten Rheinufer gelegenen Gemeinden, das andere als Canton Basel Landschaft die gesammten übrigen Gebiete begreifen und von denen jedes seine eigne Verfassung haben werde; das ganze Staatsgut sammt Kirchen- und Schulfonds sollten beide auf eine billige Weise unter sich theilen. Diese Anordnung fand vorzüglich in Hinsicht des Universitätsvermögens vielen Widerspruch, indessen unterwarf sich die Stadt, und nachdem sie die Kosten der [190] militairischen Besetzung mit einer Million Schweizerfrancs durch eine Anleihe aufgebracht und bezahlt, verließen im Oct. 1833 die eidgenössischen Truppen den Canton.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 189-191.
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