Ludwig XVIII.

[777] Ludwig XVIII. (Stanislaus Xaver), König von Frankreich 1814–24, geb. 1755, war der jüngere Bruder Ludwig XVI. (s.d.) und führte anfangs den Titel eines Grafen von Provence, dann nach seines Bruders Thronbesteigung Monsieur, endlich nach jenes Tode Regent von Frankreich. Ludwig XVI. hatte ihn vor seinem Tode zum Reichsverweser bestimmt und nachdem Ludwig XVII. 1795 gestorben war, erklärte er sich als Ludwig XVIII. zum König von Frankreich und Navarra. Erst nach der Einnahme von Paris am 31. März 1814 erkannten ihn die europ. Mächte als König an, und L. übernahm die Regierung durch seine Bekanntmachung aus St.-Ouen vom 2. Mai 1814. L. hatte sich in seiner Jugend durch geistige Regsamkeit ausgezeichnet, an dem üppigen Hofleben wenig Antheil genommen und durch die Art seiner Theilnahme an der ersten Versammlung der Notabeln 1787 die Liebe des Volkes gewonnen. Er verweilte in Paris, obschon auch er sich bald von der Revolution bedroht sah und die meisten Prinzen des königl. Hauses schon geflohen waren, und begab sich erst mit dem Könige am 21. Jun. 1791 auf die Flucht, schlug aber einen andern Weg ein und gelangte glücklich nach Brüssel. Nachdem er von Koblenz aus gegen die Beschlüsse der Nationalversammlung protestirt, auch des Königs Auffoderung zur Rückkehr nebst den andern Prinzen zurückgewiesen und die Constitution ein Werk der Empörung genannt hatte, wurde er am 16. Jun. 1792 von der gesetzgebenden Versammlung des Rechtes zur Regentschaft verlustig erklärt. L. schloß sich nun mit seinem Bruder, dem Grafen von Artois, nachmaligem König Karl X., und mit 6000 M. Cavalerie dem preuß. Heere an, verlegte nach Ludwig XVI. Tode seine Residenz von Hamm in Westfalen unter dem Namen Graf von Lille nach Verona und wurde hier 1795 von seinen Anhängern zum König ausgerufen. Im folgenden [777] Jahre mußte er Verona verlassen. Er lebte nun, besonders von England unterstützt, an verschiedenen Orten und ertrug das Unglück seines Hauses mit Würde und ohne seinen Ansprüchen zu entsagen. Der Friede von Tilsit nöthigte ihn 1807 nach England zu gehen. Er kaufte 1809 das Schloß zu Hartwell in Buckinghamshire und lebte daselbst im Umgange mit den Wissenschaften bis 1814, wo er durch den Senatsbeschluß und nach dem Constitutionsentwurfe vom 5. Apr. auf den Thron berufen wurde. Am 26. Apr. betrat L. zu Calais den franz. Boden, empfing in St.-Ouen die Deputationen der Behörden von Paris und erklärte am 5. Apr., daß er den Constitutionsentwurf dem Wesentlichen nach annähme, aber das Ganze der Constitution durch eine Commission des Senats und der gesetzgebenden Versammlung näher geprüft und bearbeitet werden sollte. Bei seinem am 3. Mai erfolgenden Einzuge in Paris gelobte L. Vergessenheit aller Vergehungen Frankreichs gegen sein Regentenhaus. Er selbst war mäßig und weise, aber sein aus eifrigen Anhängern des alten Königthums bestehendes Ministerium war nicht geeignet, die Gemüther zu befriedigen und zu versöhnen. Als daher Napoleon von der Insel Elba nach Frankreich zurückkehrte, fiel ihm das Volk und das Heer in Masse zu und L. floh am 20. März 1815 aus Paris nach Gent. Zum zweiten Male kehrte er mit den Heeren der Verbündeten nach Frankreich zurück, erklärte in der Proclamation von Cambray am 25. Jun. Vergebung des neuen Abfalls mit Ausnahme der Verräther, Befestigung der Constitution und zeitgemäße Veränderung des Regierungssystems. Nachdem L. am 9. Jul. wieder in Paris eingezogen war, ergriff er kräftige Maßregeln zur Befestigung seines Thrones, von denen die durchgreifendste die Organisation eines neuen Heers war. Hierauf wurde über Diejenigen, welche als Verräther bezeichnet wurden, ein strenges Gericht gehalten. Ney, Mouton-Duvernet und Labédoyère wurden erschossen, Andere hatten sich durch die Flucht gerettet, Viele wurden verbannt, allen Verwandten Napoleon's bei Todesstrafe das Land untersagt; auch Die, welche für den Tod Ludwig XVI. gestimmt, wurden verwiesen. Eine Zeit lang schien die an der veralteten Form hängende Partei der Königlichgesinnten wieder ganz die Oberhand zu gewinnen; doch die Regierung und L. selbst sahen bald ein, daß man dem Neuen Concessionen machen müsse, und so gelang es ihnen, die Volksstimmung seit 1819 für sich zu gewinnen. Aber schon im folgenden Jahre gab die Ermordung des Herzogs von Berri der Partei wieder Einfluß und Gewalt, welche später nochmals die Bourbons in das Verderben zog. L. selbst wurde von dieser Partei als zu wenig Royalist betrachtet. Nachdem L. noch 1823 die schnelle und siegreiche Beendigung des Krieges mit Spanien erlebt hatte, starb er 1824. Karl X. (s.d.) war sein Nachfolger.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 777-778.
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