Seide

[155] Seide (die) ist das Gespinnst der Seidenraupe. Diese, als Schmetterling Seidenspinner genannt, ist ein zur Gattung der Spinner gehöriger Nachtfalter. Derselbe hat schmuzig- oder gelblichweiße Flügel mit blaßbraunen Streifen und einem mondförmigen, oft kaum sichtbaren Flecken. Die Vorderflügel sind ausgerundet. Das Weibchen pflegt einige Tage hintereinander 3–400 Eier zu legen, welche ungefähr so groß wie Mohnkörner sind, erst gelblich, dann bräunlich und zuletzt blaugrau aussehen und in 4–8 Tagen auskriechen, wenn man sie in eine Wärme von 18–20° R. bringt. Die Raupen, welche anfangs sehr klein sind, nehmen sehr schnell zu und leben von den Blättern des weißen Maulbeerbaums. Ihr Ansehen ist häßlich, indem sie nackt sind, eine schmuzigweiße oder bräunliche Farbe, einen kleinen Kopf und auf dem Schwanz ein kleines Horn haben. Auf dem dritten Ringe des Leibes sieht man zwei braune halbmondförmige Flecken. Sie häuten sich nach 5–7 Tagen zum ersten Male, nach einer gleichen Frist zum zweiten Male, nach 7–8 Tagen zum dritten Male, und endlich nach fünf Tagen zum vierten Male. Nun vergehen noch 5–6 Tage, bis sie sich einzuspinnen beginnen. Ehe dies geschieht, hören sie auf zu fressen, laufen unruhig umher, indem sie sich mit dem Halse aufrichten und Fäden im Maule tragen, bis sie einen Ort gefunden, an welchem sie die Fäden befestigen können. Man gibt ihnen dazu die Ruthen oder Büschel von Birken- und andern Reisern. Die Raupe klebt zwei seine Tröpfchen eines zähen Saftes an die Ruthen, bewegt den Kopf hin und her und spinnt zugleich zwei überaus dünne Fäden aus den Öffnungen. Mit den beiden Vorderfüßen verbindet sie beide Fäden zu einem. Anfangs ist das Gewebe unordentlich und unzusammenhängend. Am zweiten Tage beginnt sie die Fäden um sich herumzuziehen, und bildet den eigentlichen Cocon, in dessen Innerm sie sich verbirgt und zur Puppe umwandelt. Dieser Cocon besteht aus einem einzigen Faden, welcher 900–1200 F. lang ist. Es währt nun etwa drei Wochen bis der Schmetterling aus der nackten dunkelbraunen Puppe hervorbricht; um durch den Cocon durchzudringen, feuchtet er diesen mit einem röthlichen Saft an und durchbohrt ihn dann an der erweichten Stelle. Die Seidenraupe ist wahrscheinlich in allen denjenigen Ländern Asiens heimisch, in welchen der weiße Maulbeerbaum wildwachsend vorkommt. Die Verarbeitung des Gespinnstes des Seidenwurmes ist aber zuerst in China vorgenommen worden, und noch jetzt liefert China die meisten Seidenwaaren. Man kannte die seidenen Stoffe längst, ehe man wußte, wie dieselben gewonnen würden. Zwei Mönche, die als Missionare weite Reisen in den Orient unternommen hatten, brachten endlich um 560 n. Chr. die Kunde von dem Ursprung und der Behandlung der Seide, und nach einer zweiten Reise auf Veranlassung des Kaisers Justinian auch Eier der Seidenraupe nach Europa. Es gelang, diese Eier auszubrüten. Gleichzeitig hatte man auch den Maulbeerbaum nach Europa übergesiedelt, und bald breitete sich der Seidenbau über ganz Griechenland aus. Erst um 1146 kam er von hier nach Sicilien, und von Sicilien aus wieder nach Italien und Spanien. Im Anfange des 16. Jahrh. fing man in Frankreich an, Seide zu bauen; in England, Deutschland (besonders in Preußen), Nordamerika und andern nördlicher gelegenen Gegenden hat man wiederholte Versuche zur Einführung des Seidenbaus gemacht, aber ohne sich, wegen der Rauheit des Klimas, eines günstigen Erfolgs zu erfreuen; die Verarbeitung der Seide zu Geweben hat jedoch auch hier, namentlich in England, Aufnahme gefunden.

Die Cocons sind bald größer, bald kleiner, weiß, schwefelgelb, dottergelb, oder röthlich. Sie werden zunächst von dem äußersten unregelmäßigen Gespinnste, der äußern Flockseide, gereinigt, welche man besonders sammelt, dann aber nach der Güte sortirt, sodaß man die gelben und die weißen, die festen und, lockern, die doppelten, atlasartigen, fleckigen und löcherigen scheidet. Die löcherigen sind nur noch zur Flockseide brauchbar. Die besten Cocons werden zur Fortzucht aufbewahrt; man nimmt dazu gern die doppelten. Die zur Gewinnung des Seidenfadens bestimmten Cocons setzt man heißen Wasserdämpfen oder der Ofenwärme aus, um das Thier in ihnen zu tödten und das Durchbeißen des Cocons zu hindern, denn durch dasselbe wird der Zusammenhang des Fadens unterbrochen. Die natürliche Seide ist mit einem Farbstoff und mit einem Gummistoff durchdrungen. Der letztere macht sie hart und rauh und muß in der Regel fortgeschafft werden, um sie zur Verarbeitung geschickt zu machen. Man löst den Farbstoff mit einem Gemisch von Weingeist und [155] Salzsäure, und den Gummistoff durch Wasser und Seife. Der Seidenfaden wird durch das Abwinden oder Abhaspeln gewonnen, und es muß auf diese Operation besondere Sorgfalt gewendet werden. Man bedient sich gewöhnlich dazu des schon 1272 zu Boulogne erfundenen, seitdem vielfach verbesserten Seidenhaspels. Die Cocons werden in einen flachen mit heißem Quell- oder Regenwasser gefüllten Kessel gebracht, damit sich das Gummi auflöst, welches die Fäden zusammenklebt. Mit abgestumpften Ruthenbeschen werden in dem Kessel die Cocons so lange gepeitscht, bis sich die äußere Flockseide abgelöst hat und sich die Fäden des seinen Seidengespinnstes an die Ruthen anhängen. Hierauf nimmt man mit einem kupfernen Schaumlöffel die Cocons aus dem Kessel und bringt sie in hölzerne mit Wasser gefüllte Gefäße, welche durch eine Dampfröhre in mittlerer Temperatur erhalten werden. Die Fäden von 4–20 Cocons werden nun, je nachdem man schwächere oder stärkere Seide haben will, zusammengenommen und abgehaspelt. Je schneller die Haspel gedreht wird, desto besser pflegt im Allgemeinen die Seide zu werden. Nachdem die gewünschte Menge Seide aufgewunden worden, reinigt man sie mit den Fingern von allen lose anhangenden Fäden, begießt sie mit Wasser, drückt sie aus und stellt sie mit dem Haspel an einen schattigen und lustigen Ort, um zu trocknen. Hierauf wird sie von dem Haspel genommen, sortirt und in einem wohlverschlossenen Kasten aufbewahrt. Diejenige Seide, welche keinen langen gleichförmigen Faden gibt und die beim Abhaspeln abfallende heißt Strazza (d.h. Abfall), Flockseide oder Floretmaterial. Man kann im Allgemeinen vier Arten der Floretseide unterscheiden. Die erste ist diejenige, welche die Seidenraupe selbst zur Befestigung der Cocons an die Reiser spinnt, ehe sie den Coconfaden beginnt. Sie sieht wollenförmig aus und kann mit Stöcken geschlagen und gereinigt als Wattseide und zum Verspinnen auf Wollrädern verbraucht werden. Besser ist schon zweitens das die Cocons von außen umgebende Gewebe, das beim Abhaspeln abgelöst wird. Man spinnt diese Seide und benutzt sie zum Einschlag, zum Stricken und zu groben Geweben. Die durchlöcherten Cocons geben die dritte und beste Art, welche zum Einschlag bei verschiedenen Zeuchen, in Strickereien u.s.w. verbraucht wird. Die vierte Art endlich geben die pergamentartigen Häuschen, welche beim Abhaspeln zurückbleiben und die Puppe zunächst umschließen. Dieselben bestehen nämlich auch aus Fäden, sind aber außerordentlich stark geleimt, sodaß man sie sehr lange einweichen, mehrmals klopfen und kartätschen muß, um ein Gespinnst zu erhalten. Man machte sonst ital. Blumen oder Wattseide daraus. Die von den Cocons in der angegebenen Weise abgehaspelte Seide heißt rohe oder Grezseide, und ist nach der Farbe der Cocons theils weiß, theils gelb. Um sie zur weitern Verarbeitung geschickt zu machen, pflegt man sie nun zunächst zu spuhlen, d.h. mit einem Rade auf Spuhlen (Bobinen) aufzuwickeln, dann zu dupliren, d.h. 2–10 Fäden von den Spuhlen zu einem Faden zusammenzudrehen. Hierauf kann man die Seide auf der Seidenzwirnmühle oder dem Filatorium zwirnen (Filiren) und zwar entweder locker zu Tramseide oder Einschlag, oder fester zu Organsinseide oder Kettenseide. Bei der letzten dreht man die Fäden erst einzeln und dann mehre zusammen, wickelt sie nochmals auf Spuhlen, duplirt sie und zwirnt sie nochmals. Außer den eben genannten hat man nun aber noch mehre Arten. Die Nähseide ist aus 3–22 Fäden gedreht; die Strickseide enthält drei bis vier oder mehr Fäden; die Cusirino ist wie die Nähseide duplirt, aber seiner und für Spitzenmacher bestimmt. Die beste von allen in den Handel kommenden Seiden ist noch immer die chinesische, besonders in den feinern Sorten. Auch Persien gibt zum Theil ausgezeichnete Seide. Von den ital. Sorten ist die piemontes. die beste; die weiße genueser Seide ist höchst ausgezeichnet; die bengal. ist die beste aus Ostindien kommende Seide.

Die Seide wird auf einem Stuhle gewebt, welcher im Allgemeinen wie der gewöhnliche Webstuhl eingerichtet ist Zu den glatten Seidenzeuchen gehört: Taffet und die Florence genannte Art desselben, Gros de Tours, Bast und Terzenelle; zu den geköperten: seidene Serge, Levantin, Atlas, welcher sich durch Glanz auszeichnet, den er durch die weiche zum Einschuß und zur Kette genommene Seide erhält; zu den façonnirten: a) Fußarbeit: Brillanttaffet, welcher mit lauter Quadraten gezeichnet ist, Spiegeltaffet, welcher mit Oblongen gezeichnet ist, Zeuche mit Gerstenkernmuster; b) Zugarbeit, die auf den Kegel- oder Zampelstuhle gewebt ist; gezogene Gros de Tours oder Peruviennen, mit zweierlei farbigen Fäden in der Kette; einfacher Droguet mit farbiger Figur, Droguet-Liseré mit mehrfarbigen Figuren, geblümter Taffet, gestreifter Taffet, geblümter Atlas, Damast, geblümter Moir mit Gros de Tours-Grund und Atlasblumen. Hierzu kommen noch Stoffe, welche durch Broschiren (s.d.) große und vielfarbige Blumen erhalten haben und auf dem Zampelstuhle gewebt sind. Reich mit Gold und Silber durchwebte Gold- und Silberstoffe heißen Brocate. Der Sammet ist ein dichtes und seines Seidenzeuch, auf dessen Oberfläche seine Fäden (Flor) wie Haar in die Höhe stehen, zu denen die feinste Seide genommen wird. Besteht der Flor aus kleinen Schlingen, so heißt der Sammet ungerissen, besteht er aus bürstenartig zusammenstehenden Fäden, gerissen. Man hat ferner gemusterten oder façonnirten, gepreßten, gemalten und Doppelsammet; der letztere ist auf beiden Seiten mit Flor besetzt. Bei den Gazen und Floren stehen die Fäden so weit voneinander, daß der Zeuch netzartig erscheint. Zu denselben gehören: Marlé mit groben Löchern, glatter Flor oder Filet, Flor und Filet mit Taffetstreifen, façonnirter Flor und Filet mit Leingrund und verschiedenen Mustern, damastartige Gaze, Krepp, welcher aus ganz roher Seide gewebt ist. Halbseidene Zeuche fertigt man, indem man leinene, baumwollene und wollene Fäden auf die vielfachste Art mit seidenen verbindet. Um die fertigen Zeuche von allen kleinen Fasern zu reinigen, bedient man sich der Calandermaschine. Dieselbe besteht aus einer hölzernen und metallenen Walze, zwischen denen das Zeuch durchgezogen wird, theils kalt, theils warm, trocken oder feucht. Die weitere Appretur erhalten die Seidenzeuche durch Glätten, Bestreichen mit aufgelöster Hausenblase. Gummi Tragant u. dergl. und schnelles Abtrocknen durch Kohlenfeuer.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 155-156.
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