China

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[411] China, von den Chinesen Tschonkue, Reich der Mitte genannt, ist der östlichste Theil von Mittelasien, hat auf 61,000 ! M. gegen 150 Mill. Einw. und macht den Hauptbestandtheil des chines. Reichs aus, zu welchem als unterwürfige Länder noch die Mandschurei, die Mongolei, Turfan oder die kleine Bucharei, und als Schutzstaaten Tibet, Butan, Korea und die Lieukien-Inseln gehören.

Der Flächenraum des ganzen Reiches, das an Größe nur dem russ. nachsteht, viel größer als Europa ist und fast den zehnten Theil der bewohnbaren Erde einnimmt, wird auf 248,000 ! M., die Zahl der Einwohner auf 300 Mill. geschätzt. Das eigentliche C. wird im W. von Turfan, Tibet und Butan, im S. von Hinterindien und dem Meerbusen von Tonkin, im O. von dem Meerbusen von Petscheli, dem gelben und dem chines. Meere und im N. von der Mandschurei und Mongolei begrenzt, wo schon 240 v. Chr. gegen die Einfälle der mongol. Nomaden die jetzt theilweise verfallene, berühmte große Mauer erbaut wurde, von der umstehend eine Ansicht folgt. Sie zieht sich von der Stadt Sotschen im W. 300 M. weit über Gebirge, Thäler und Gewässer bis zum Meerbusen von Petscheli, besteht unten aus Granit, oben aus Backsteinen, ist 20 F. hoch, unten 25 F. dick und alle 200 Schritte mit Wachtthürmen versehen, wird aber nicht mehr unterhalten.

Über Boden- und viele andere innere Verhältnisse C.'s fehlt es noch an umfassenden Nachrichten, da dieses Reich den Forschungen der Europäer möglichst verschlossen ist. Es bildet den östl. Abhang der weiten Hochebene von Mittelasien, das sich allmälig nach dem Meere zu verflacht, daher seine nordwestl. Theile noch sehr gebirgig sind und wahre Alpenländer bilden, während die östl. eine von zahllosen Gewässern und Kanälen durchschnittene fruchtbare Niederung, gleich der der Lombardei und Hollands, ausmachen. Auch der S. ist von Gebirgen durchzogen, die sich durch Metallreichthum auszeichnen und deren höchste Gipfel mit ewigem [411] Schnee bedeckt sein sollen. Deshalb und der großen Ausdehnung des Landes wegen herrscht eine ungemeine Verschiedenheit des Klimas, das aber im Ganzen der Gesundheit zuträglich, im N. dem von Mitteleuropa gleicht, im S. aber weniger heiß als in Indien ist, obgleich das Land in die heiße Zone hineinragt, ja der Winter bringt hier in den bergigen Gegenden sogar mitunter Eis und Schnee. Die Hauptflüsse C.'s sind der Yang-tse-kiang oder blaue Strom, einer der größten der Erde, der auf der Hochebene zwischen Turfan und Tibet entspringt und östl. in den großen Ocean mündet, und der Hoang-ho oder gelbe Fluß, welcher von dem Gebirge Küenlün in Turfan herabkommt, da er einen großen Bogen macht, zweimal die chines. Mauer durchbricht und sich in das Hoang-hai oder gelbe Meer ergießt. Überhaupt ist C. reich an schiffbaren Flüssen und andern Gewässern, und wohin die Flüsse nicht kommen, haben die fleißigen Einwohner so viele Kanäle angelegt, daß das ganze Land wie mit einem dichten Wassernetz durchzogen ist und man von Stadt zu Stadt zu Wasser reisen kann. Der größte und bewundernswürdigste ist der Kaiserkanal, der die beiden Hauptstromgebiete verbindet, einen in grader Linie 260 M. langen Wasserweg bildet, zwischen 200–1000 F. breit und bald durch Berge und Felsen, bald auf ungeheuren Brücken von Quadersteinen über Thäler, Flüsse, Seen und Moräste geführt ist. Zahllose Fahrzeuge beschissen ihn fortwährend nach allen Richtungen; überhaupt findet in keinem Lande eine solche Regsamkeit auf dem Wasser statt als in C., wo Hunderttausende fast beständig auf demselben sich befinden und bei der zahlreichen Bevölkerung und Kostbarkeit des Bodens viele Wohnungen sogar auf in den Flüssen schwimmende Flöße gebaut sind, welche Schampanen heißen und manchmal auch Gärtchen tragen. Von den zahlreichen Landseen verdienen vorzüglich der Tai-See in Petscheli, der Scho-Schan, der Wei-Schan und Lu-Ma, durch welche letztern der Kaiserkanal geht, der 62 ! M. große Heugtse und der 112 ! M. einnehmende Tungting Erwähnung.

Das Land ist überall mit großem Fleiße angebaut, erscheint jedoch im Allgemeinen, vorzüglich in den ebenen Gegenden, sehr einförmig, was selbst von den Städten und Ortschaften gilt, deren Häuser in der Regel niedrig und selten mit Fenstern nach der Straße versehen sind. Zu den außerordentlich zahlreichen Landesproducten liefert das Pflanzenreich eine Menge unserer geschätztesten Apothekerwaaren unter andern den Rhabarber und die Ginsengpflanze, Reis als Hauptnahrungsmittel, Bambus, Baumwolle und Seide, deren Vaterland C. ist und aus denen die Chinesen ihre Zeuche machen, und Thee, der nicht nur im Lande verbraucht, sondern auch in ungeheurer Menge nach Europa und Amerika abgesetzt wird. Es gibt in C. fast alle europ. und indische Fruchtbäume und im Acker- und Gartenbau haben es die Chinesen sehr weit gebracht. Jedes urbare Fleckchen wird benutzt und ersterer wird besonders in hohen Ehren gehalten, ja, der Kaiser pflügt in höchsteigner Person jedes Jahr ein Stück Feld, was nach ihm die Prinzen und höchsten Staatsbeamten thun, und der Landmann folgt im Range zunächst den Gelehrten und Kronbeamten. Öl wird aus Oliven und dem Samen der Camellien (s.d.), aus mehren Baumarten herrlicher Firniß bereitet, den die Chinesen zu lackirten Waaren gebrauchen, und der Kampherbaum liefert den Kampher. Weniger bedeutend ist die Viehzucht. Ochsen, Büffel und Esel gebraucht man zum Ackerbau und zur Bewegung der Maschinen, Pferde nur zum Kriegsdienst und zum Luxus, auch wird das Fleisch der Pferde und Esel gegessen. Das gewöhnlichste Hausthier ist [412] das Schwein und dessen Fleisch die alltäglichste Kost; auch Geflügel wird in Menge gehalten, besonders Enten, deren Eier zum Theil in Öfen ausgebrütet werden. Höchst wichtig ist auch der Fischfang, zu dem sich die Chinesen nicht allein der Netze und Reußen, sondern auch abgerichteter Cormoräne (s.d.) bedienen. Tiger, Bären und Leoparden sind in manchen Gegenden häufig, auch gibt es in C. Elefanten, Nashörner, Wölfe, Moschusthiere, Steinböcke u.s.w. Das Mineralreich liefert Gold und Silber, doch wird kein Bergbau darauf getrieben, sondern man begnügt sich mit Dem, was man in den Flüssen findet; in Menge vorhanden sind Eisen, Blei, Kupfer und Zinn, auch kommt Quecksilber vor, und von der höchsten Wichtigkeit sind endlich die beiden Erdarten, aus denen die Chinesen schon seit so lange Porzellan (s.d.) bereiten, daß sie die Zeit der Erfindung selbst nicht mehr anzugeben wissen.

Der größte Theil der Bevölkerung C.'s sind Chinesen, denen die Grundzüge der mongolischen Race: braungelbe Haut, breites, flaches Gesicht, vorstehende Backenknochen, platte Nase mit weiten Nasenlöchern, kleine, schrägliegende, feingeschlitzte Augen, schwarze Haare, dünner Bart, breite Ohren, eigen sind. Sie haben mittle Größe, einen zarten Gliederbau und besonders kleine Hände und Füße, welche letztere bei den Frauen hohen Standes, weil man den Mädchen die Zehen unter die Fußsohlen bindet und metallene Schuhe anzieht, kaum vier, fünf Zoll lang sind, wodurch aber das Gehen beschwerlich wird. Von Charakter sind die Chinesen höflich, sanft, äußerlich anständig, ehrerbietig gegen Ältern und Vorgesetzte, religiös, hangen mit großer Vorliebe an alten Sitten und Gebräuchen und tragen geduldig körperliche Leiden; auch besitzen sie viel Talent für mechanische Arbeiten, sind unerschütterlich ausdauernd bei einmal begonnenen Werken, eifrig betriebsam und im Handel und Wandel sehr gewandt. Die Ausbildung der höhern Geisteskräfte geht ihnen aber gänzlich ab und ihre Bestrebungen sind nur auf irdische Zwecke gerichtet. Dabei sind sie schmuzig eigennützig und selbstsüchtig, verachten alle andern Nationen, lügen und betrügen aufs Unverschämteste, sind zudringlich und kriechend, wenn es ihr Vortheil erheischt. Gleichwol hatten die Chinesen, zu einer Zeit, als das Abendland noch in Unwissenheit und Barbarei lag, eine hohe Bildungsstufe erlangt und das Schießpulver, die Buchdruckerkunst, der Compaß waren damals schon von ihnen erfunden; aber aus Haß gegen alle Neuerungen und aus Verachtung der Ausländer sind sie stehen und daher gegen die Europäer in Kunst und Wissen weit zurückgeblieben. Der gemeine Chinese ist nachsichtig in der Wahl der Speisen und verzehrt, was ihm vorkommt, selbst Ratten, Mäuse, Maulwürfe, faule Fische und Hunde; allein desto leckerer ist der Vornehme, dem keine Leckerbissen zu kostbar sind. Wein wird nicht bereitet, dagegen ein geistiges Getränk aus Hirse und Reis destillirt, das man warm genießt; gewöhnliche Getränke sind Wasser und Thee. Statt Gabel und Messer bedienen sie sich zweier kleiner spitziger Stäbchen und die Stelle der Servietten vertritt Papier; Taback wird allgemein geraucht. Den Kopf trägt der Chinese kahl geschoren; nur auf der Mitte bleibt ein Haarbüschel stehen, der in einer langen Flechte hinten herabhängt. Kleidermoden gibt es auch für die Vornehmen nicht; ihre seidenen Hemden werden nicht eher gewechselt, bis sie in Stücke fallen, und von den darüber getragenen mehren Kleidern hat das oberste weite Ärmel, die bis auf die Fingerspitzen gehen. An dem Gürtel, der das zweite Gewand festhält, hängen Scheiden für Messer und Eßstäbchen, die Uhr und der Schnupftabacksbeutel. Der übrige Anzug besteht in langen und weiten, meist seidenen Beinkleidern, in einer trichterförmigen Mütze für den Sommer, in einer Pelzmütze für den Winter, in Strümpfen von Nanking oder Seide, Stiefeln von Atlas oder geblümtem Kattun, und nur auf Reisen werden lederne, mit in die Höhe gekrümmten Schnäbeln getragen; auch hat Jeder einen Fächer. Einfacher kleiden sich die gemeinen Leute. Die Tracht der Frauen weicht von der der Männer wenig ab, und sie sind fast nur am Kopfputz zu erkennen, indem sie die Haare nicht abscheeren und in jedem Alter verschieden aufgewickelt tragen; außerdem schminken sie das ganze Gesicht mit Weiß und Roth und malen die Augenbrauen schwarz. Die Frauen werden besser behandelt als bei den übrigen Morgenländern und in der Regel hat jeder Mann nur eine Frau, doch machen die Vornehmen darin wol Ausnahmen, deren Weiber übrigens wieder schlimmer daran sind als die der geringern Leute, indem sie eingesperrt gehalten werden, und weder mit ihrem Mann speisen, noch in seinem Zimmer sitzen dürfen, sodaß sie sich nur mit der Toilette und der Tabackspfeife die Zeit vertreiben können; denn Beschäftigung mit Seidenwirkerei und Blumenstickerei ist nur selten. Das gesellige Leben der Chinesen ist langweilig und freudenlos; sie haben keinen Sonntag, an dem sie von der Arbeit sich erholen, ein Tag verläuft wie der andere und das Neujahrsfest ist die einzige Zeit, wo die arbeitende Classe ausruht. Ebenso fehlen alle gemeinschaftliche Erholungen in Kaffeehäusern oder ähnlichen Gesellschaften. Hazardspiele mit Würfeln und Karten sind jedoch sehr beliebt, ferner eine Art Schachspiel, und Hahnen-, Wachteln-, Nachtigallen- und selbst Heuschreckenzweikämpfe. Obgleich die Chinesen bei großen Gastereien mehre Stunden bei Tafel sitzen und einander zutrinken und essen, verscheucht die kalte Etikette doch jeden Frohsinn. Denn mit eiserner Festigkeit halten die Chinesen aufs Ceremoniel und im Umgange ist jede Kleinigkeit bestimmt; die Tiefe und die Zahl der Verbeugungen wird genau abgemessen nach dem Amte und Stande der sich verbeugenden Personen, und die darüber geltenden Regeln sind für die jungen Chinesen ein völliges Studium. Um Verstorbene, deren Särge man zuweilen Monate lang im Hause behält, wird 27 Monate bis drei Jahre in weißer Farbe getrauert und während dieser Zeit darf man kein öffentliches Amt versehen, sondern muß still und einsam leben.

Die Wohnungen der Bauern bestehen aus leichtgebauten Hütten von Holz- oder Bambuspfosten, deren Zwischenräume mit beym ausgefüllt werden; das Dach ist mit Reisstroh gedeckt, und die Gemächer sind durch Matten voneinander geschieden. Daneben befindet sich ein Schuppen für die Vorräthe, ein Düngerhaufen und ein kleiner Garten. In den mittlern und südl. Provinzen, wo das Wasser im Winter nicht zufriert, wohnt ein großer Theil der Bevölkerung auf den schon erwähnten Schampanen oder Flößen. Auch die Bürgerwohnungen sind eng und unansehnlich und bestehen nur aus einem Erdgeschoß. Das Eigenthümlichste eines chines. Hauses ist das Dach, auf welches viele Sorgfalt verwendet wird. Es ist ausgeschweift[413] und gerippt, meist mit Hohlziegeln gedeckt und mit allerhand grotesken Zierathen, Schlangen- und Drachenköpfen u.s.w. versehen. Die Backsteine, aus denen die Mauern bestehen, pflegen mehre Farben zu haben, und da man ihnen auch wol noch einen seinen Überzug von Papier mit Kalk vermischt gibt, so haben die Häuser ein recht elegantes Ansehen. Die Fenster sind selten von Glas, meist von durchsichtigem Papier und mit Jalousien versehen. Ofen gibt es nicht, und statt ihrer hat man in den nördl. Provinzen Kamine und Kohlenpfannen. Nach derselben Art sind auch die Häuser der Vornehmen gebaut; nur sind die Verzierungen häufiger und kostbarer, die Zahl der Gemächer ist größer, die Hausthüre geschnitzt und polirt, die Mauern sind mit Lack und Firniß überzogen. Die Zimmer sind, mit Ausnahme des Speisesaals, klein, aber nett und reinlich, mit Tapeten geschmückt, Tische, Stühle, Schränke von schönem, mit Lack überzogenem Holze, die Wände mit Verzierungen von Gold, Silber oder Atlas, die Schenktische mit Porzellangefäßen besetzt. Die Betten bestehen aus Matratzen, mit Baumwolle gestopft und haben seidene Gardinen und Überhänge von Gaze, die Mücken abzuhalten. Sehr eigenthümlich sind Sprache und Schrift der Chinesen und erstere besteht im Vergleich mit andern aus wenigen, meist einsylbigen Worten, die aber durch Betonung und Stellung und durch Zusammensetzung verschiedene Bedeutungen erhalten; auch wird in C. Mandschuisch und Mongolisch gesprochen. Die chines. Schrift bilden nicht einzelne Buchstaben, sondern ihre Zeichen gelten gleich für ganze Sylben und Begriffe, daher aber auch die Zahl derselben sehr groß ist und auf 20–30,000 berechnet wird; die Kenntniß von einigen Tausend reicht aber hin, um das Meiste zu verstehen. Ein Theil derselben mag ursprünglich Bilderschrift gewesen sein, wie man aus den früher für viele Begriffe üblichen Zeichen schließt, was z.B. auch die obigen seit den ältesten bis auf die neuesten Zeiten nach und nach in Gebrauch gekommenen Schriftzeichen für Ma, das Pferd, zu bestätigen scheinen. Es gibt in C. drei Religionen: die des Fo oder Buddha (s.d.), zu der sich der Hof und die Mehrzahl des Volkes bekennt, und die des Kon-fu-tse (Confucius), der nicht für einen Gott, aber für einen Weisen gehalten wird, ein höchstes Wesen lehrte und von seinen Bekennern verlangte, daß sie der Vernunft und dem Verstande folgen sollten. Zu diesem Glauben bekennen sich nur die Gelehrten, verehren das höchste Wesen ohne Altäre, haben keine Priester und sollen durch Heiligkeit Gott ähnlich zu werden suchen; dem Kon-fu-tse aber errichten sie Tempel und Altäre und beten zu ihm um Erleuchtung, gleichen aber in Allem ihren Landsleuten. Endlich gibt es noch die Sekte der Tao-sse oder Verehrer der Vernunft, deren Stifter, Lao-tseu, 600 v. Chr. lebte und dessen Anhänger sich rühmen, die Kunst zu besitzen, ihre Leidenschaften zu mäßigen, dabei doch das Leben zu genießen und den Trank der Unsterblichkeit bereiten zu können. Sie beten eine Menge Schutzgötter und Dämonen an und die Priester leben ehelos in Klöstern und beschäftigen sich mit Zauberkünsten. Auch das Christenthum, hier die Religion des Herrn des Himmels genannt, weil das Chinesische für Gott kein Wort besitzt, hat in C. seit dem 16. Jahrh. seine Bekenner und es gibt daselbst drei von den Königen von Portugal dotirte Bisthümer. Da die Jesuiten, welche als Missionare hierher kamen, sich bei den Chinesen durch ihre Bildung, besonders durch die Kenntniß des Geschützwesens, beliebt machten, so duldeten die Kaiser die Verbreitung der christlichen Lehre und sogar die Anstellung von Bischöfen; als jene aber ihren Beruf als Religionslehrer überschritten und sich in die Politik mischten, vertrieb die Regierung 1724 die Missionare und fing an, die Christen hart zu verfolgen, was aber seit 1815 sich wieder geändert hat.

Die Regierung ist unumschränkt monarchisch und in der männlichen Linie erblich, doch nicht immer an den Erstgeborenen gebunden, sondern es entscheidet hierin die Bestimmung des Kaisers. Seit 1644 regiert eine Tungusenfamilie vom Stamme der Mandschu, die sich durch großen, kräftigen Körperbau und kriegerische Haltung auszeichnen und den größten Theil des über eine Mill. starken Heers ausmachen. Der Kaiser hat nur eine rechtmäßige Gemahlin, kann aber so viel Beischläferinnen halten, wie ihm beliebt. Er zeigt sich nur selten öffentlich, allein dann mit großem Gepränge; die Straßen, durch die er zieht, darf dann Niemand betreten, Thüren und Fenster müssen verhängt, die Seitengassen gesperrt werden, und vor jede Hausthür kommt eine Schildwache. Erbliche Vorzüge genießen in C. blos die Verwandten des Kaisers und die Nachkommen des Kon-fu-tse, außerdem gelten nur Amt und Stand als Maßstab des Ranges. Die vornehmsten Reichsbeamten sind Civil-Mandarinen, und es gibt deren neun Classen, die sich durch die Farbe der Knöpfe auf ihren Mützen und das Brustbild und die Gürtel unterscheiden, welche sie tragen. Die 18,000 Kriegs-Mandarinen bilden fünf, die übrigen Bewohner die sechs Classen der Krieger, Gelehrten, Geistlichen, Landleute, Künstler und Handwerker, und Kaufleute. Die Gelehrten sind meist sehr arm, bis es ihnen gelingt, Mandarine zu werden, wo sie sich durch Ungerechtigkeiten und Betrügereien zu bereichern suchen. Geistliche, Tao-sses und Lamas gibt es sehr viele; ihre reichen Güter, von denen sie im Überfluß leben, gehören den Tempeln, sodaß sie nur den Nießbrauch haben. Die meisten Landleute haben ihr Auskommen, und es geht ihnen in C. besser als in andern Ländern Asiens. Weniger gut haben es die Künstler und Handwerker; denn der Preis jeder Arbeit ist festgesetzt, und da der geschicktere Arbeiter also nicht mehr erhält als der ungeschickte, so arbeitet jeder nur so schnell als möglich. Dennoch können sie auch bei der größten Anstrengung sich nur mühsam ernähren, weil alle Gewerbszweige mit Menschen überfüllt sind. Am wenigsten geachtet sind die Kaufleute, welche aber oft große Reichthümer, jedoch selten auf die ehrlichste Weise, erwerben. In den Wissenschaften sind die Chinesen selbst in den Fächern weit zurück, welche, wie die Mathematik, von Wichtigkeit für die Gewerbsthätigkeit sind. Ihre Musik entbehrt aller Harmonie und der Zustand von Bildhauerei und Malerei verräth gänzlichen Mangel an Geschmack. [414] Dagegen haben sie es in manchen Zweigen des Fabrikwesens, in Verfertigung des Papiers, künstlicher Blumen, der Seiden- und Baumwollenwaaren sehr weit gebracht und ihre Färbereien sind berühmt.

C. könnte nach seiner Lage und nach dem Reichthume seiner natürlichen und Industrieerzeugnisse einen sehr ausgebreiteten Handel führen, wenn es nicht den Verkehr mit dem Auslande vermiede und z.B. den Europäern eine gewaltige Ehre zu erzeigen glaubte, daß es ihnen einigen Handel mit C. erlaubt. Fast aller Seehandel mit den Europäern ist auf den Hafen von Kanton beschränkt. Außerdem stehen sie mit Japan durch einen und mit dem indischen Archipel durch zwei Seehäfen in Verbindung. Ihre Seeschiffe heißen Junken, haben ein von unsern Fahrzeugen sehr abweichendes Ansehen, Segel aus Bambusmatten, die wie Fächer zusammengelegt werden, und sind sehr schwerfällig. Die meisten der nach Kanton und der benachbarten, den Portugiesen gehörenden Halbinsel Macao kommenden europ. Schiffe gehören den Engländern, und der Handel mit ihnen wird durch eine ausschließlich dazu berechtigte Gesellschaft chines. Kaufleute getrieben, welche Hong genannt wird. Trotz dem hohen. Zoll, den die Europäer zahlen müssen, und der häufigen Betrügereien der Hongkaufleute und der Beamten ungeachtet, veranlaßt der große Gewinn am chines. Handel dennoch das Zunehmen der Unternehmungen dahin. Ausfuhrartikel sind vorzüglich Thee, rohe Seide, Nanking, Perlmutter, Schildpatt, Porzellan, Apothekerwaaren; eingeführt werden Opium, das zwar in C. verboten ist, aber eingeschmuggelt und eifrig gekauft wird, und mancherlei Fabrikate. Außerdem treibt C. durch Karavanen Landhandel nach den benachbarten Ländern, wovon allein der mit Rußland für Europa von Wichtigkeit ist und in Maimatschin an der russischen Grenze stattfindet.

Die Geschichte C.'s oder des »himmlischen Reiches des Weltalls«, wie die Chinesen es nennen, ist in den ältesten Zeiten ein undurchdringliches Gewebe von Fabeln und von den neueren berichtet sie meist nur den häufigen Wechsel von einigen 20 Regentenfamilien in dem den Einfällen nördl. Völker oft ausgesetzten Reiche, das jedoch zuerst 1260 durch die Mongolen unter Kublai Khan ganz erobert wurde. Dieser ward Stifter des bis 1368 regierenden Hauses Tang, das um diese Zeit von den Chinesen unter Anführung ihres Befreiers Schu gestürzt ward, der nun die Dynastie Wing stiftete, welche aber 1644 wieder durch die Mandschutataren überwunden und vertrieben ward, wodurch die jetzige Herrscherfamilie Tai-tsching oder Tsing zum Throne gelangte. Die häufigen innern Unruhen, mit denen die Regierung in der neuesten Zeit zu kämpfen hat, bereiten vielleicht einen abermaligen Wechsel des regierenden Hauses vor.

C. wird in 18 Provinzen getheilt; die Haupt- und Residenzstadt Peking, d.h. Hof des Nordens, mit 1,700,000 Einw., liegt in einer kahlen Ebene und besteht außer den 12 großen Vorstädten aus zwei durch eine hohe Mauer getrennten Stadttheilen, von denen der eine die Thronstadt heißt und die Festung mit dem kais. Schlosse enthält. Peking hat lange grade und meist 100 Schritt breite, aber ungepflasterte Straßen, viele Tempel und Klöster, in deren einem, dem Mönchskloster der Choschauen, die berühmte 876 Ctr. schwere Glocke hängt; auch ist hier der Sitz eines katholischen Bischofs, eines griech. Archimandriten und es befinden sich daselbst zwei katholische, eine griech. Kirche, eine Moschee und eine Akademie der Wissenschaften; die dort bestehende Handelsbank besitzt ein Capital von 631/2Mill. Pf. Sterl. Die zweite Hauptstadt C.'s ist Nanking, d.i. Hof des Südens, mit 514,000 Einw., am südl. Ufer des Yang-tse-kiang gelegen, der Sitz eines katholischen Bischofs und ein Hauptsitz chines. Wissenschaft. Seit den 100 Jahren, daß sie aufgehört hat, Residenz zu sein, hat sie jedoch außerordentlich verloren, der kais. Palast und viele Gebäude liegen in Trümmern und von ältern merkwürdigen Gebäuden steht nur noch der 200 F. hohe achteckige sogenannte Porzellanthurm. Es befinden sich hier große Seiden- und Baumwollenfabriken und der Nanking hat von ihr den Namen. Als Mittelpunkt des europ. Seehandels mit C. ist die Hafenstadt Kanton mit 846,000 Einw. wichtig; sie liegt am Flusse Si-kiang, der sich an der Mündung zu einem Meerbusen erweitert, welchen die Europäer Bocca Tigris oder Tigerrachen nennen, hat drei Citadellen, 400 Pagoden, allein enge Gassen. In der südl. Vorstadt befinden sich die Factoreien der Europäer, welche diesen Stadttheil jedoch nicht verlassen dürfen; die europ. Schiffe müssen aber wegen Seichtigkeit des Flusses drei M. unterhalb der Stadt, bei der kleinen Insel Wampu, vor Anker gehen. Westl. vom Eingange des Meerbusens von Kanton liegt die Halbinsel Macao, 11/2 ! M. groß, welche seit dem 16. Jahrh. den Portugiesen für gegen die Seeräuber geleisteten Beistand überlassen, allein durch eine von den Chinesen erbaute Mauer mit einem streng bewachten Thore vom Lande abgeschnitten ist. Auf der Südspitze derselben liegt die für den Handel mit C. wichtige portug. Stadt Macao mit 12,000 Einw., einer Kathedrale und mehren Klöstern, der Sitz eines Bischofs und eines Gouverneurs. In einem Garten vor der Stadt wird noch die Grotte gezeigt, in welcher Camoens (s.d.) einen Theil seiner »Lusiaden« gedichtet haben soll.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 411-415.
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