China [2]

[12] China (Gesch.). I. Mythische Zeit. A) Die 3 Kaiser bis 2940 v. Chr. Der geschichtliche Mythus beginnt mit Tian-Hoang, Ti-Hoang, Yin-Hoang, dem himmlischen, dem irdischen, dem menschlichen Kaiser; sie lebten lange u. zeugten eine große Menge Söhne u. Töchter. B) Die 5 Kaiser (Wu-ti), 2650–2207 v. Chr. (nach And. 2198). Für den Gründer des Chines. Reichs gilt Fohi, ein vaterloser Sohn der Hoa-stü, der das Volk in der Viehzuchtunterrichtete, die Kua's u. die Bilderschrift erfand, das Jahr in Jahreszeiten theilte, die Ehe u. eine ordentliche Regierungsverfassung einführte u. das Reich nach den 4 Himmelsgegenden in 4 Theile theilte. Er st. 200 Jahre alt, nachdem er 115 (164) Jahre regiert hatte. Sein Nachfolger Schinnung führte den Ackerbau ein u. erfand die Heilkunde. Die letzte Zeit seiner 140 jährigen Regierung wurde durch einen Krieg gestört, den ein Prinz aus der kaiserlichen Familie erregte; der Friede wurde hergestellt von dem Prinzen Hien-yuen, der nachher als Hoang-ti (der gelbe Kaiser) Herrscher wurde; er mußte sich mit Waffengewalt behaupten, dann schickte er Colonien aus, baute Städte u. Dörfer, führte den Cyklus von 60 Jahren ein, erfand Waffen, Wagen, Schiffe, Uhren, musikalische Instrumente, führte geprägte Münzen u. ordentliche Gewichte u. Maße ein u. st. nach 100jähriger Regierung. Die Periode dieser 3 ersten der Kaiser heißt San-Hoang-Ti. Auf Hoangti folgte zunächst sein Sohn Schaohao; er ließ zuerst Vögel auf die Kleider der Mandarinen sticken; Tschuen-hiü, welcher den Kalender verbesserte, Ti-ku, welcher Schulen gründete u. zuerst mehrere Weiber nahm. Sein ältester Sohn Ti-tschi wurde entthront, u. an seiner Stelle sein Bruder Yao 2357 Kaiser, von dessen Regierung an die ältesten Urkunden (Schuking) gehen. Er war ein Muster aller Tugenden, er machte jährlich Reisen durch sein Reich, ließ durch die Astronomen Hi u. Ho den Kalender verbessern (Schaltmonate einfügen), Wälder lichten, schädliche Thiere vertilgen, das Land, welches unter ihm von furchtbaren Wasserfluthenüberschwemmt wurde, durch Kanäle austrocknen, führte Steuern ein, sammelte das Gesetzbuch, schaffte grausame Strafen ab etc. Nachdem er 99 Jahre regiert hatte, starb er 2258, 118 Jahr alt; ihm folgte Schun, welchen Yao schon vor 28 Jahren zu seinem Mitregenten ernannt hatte. Er regierte ganz in dem Geiste Yvos fort, setzte einen Priester des Tian ein u. st. in Ming-tiao auf einer Untersuchungsreise 2208 v. Chr. Die kaiserliche Residenz war damals in Ki-tschu. Obgleich die nun folgende Periode des Chinesischen Reichs in der Darstellung der einheimischen Chronisten keinen eigentlich mythischen Charakter trägt, so sind die Thatsachen, mit denen sie ausgefüllt wird, doch im höchsten Grade unzuverlässig, u. erst mit der dritten Dynastie der Tsche-u beginnt die chinesische Geschichtserzählung mehr das Gepräge der Wahrheit an sich zu tragen.

II. Alte Geschichte 2207 v. Chr. bis 263 n. Chr. A) Die Dynastie Hia, 2207–1767 v. Chr. Der Stifter dieser Dynastie Yu, der schon 93 Jahre alt den Thron bestieg, regierte im Geiste seiner Vorfahren fort u. erhielt den Beinamen Ta (der Große). Er ließ das Reich in 9 Theile theilen u. eine eherne Landkarte darüber anfertigen u. verband zuerst das Amt eines Hohenpriesters mit der kaiserlichen Würde. Ihm folgte 2197 sein Sohn Ti-ki, von Volk u. Mandarinen wegen seiner Weisheit einstimmig gewählt; gegen den Fürsten Yiu-schi, der sich weigerte ihn anzuerkennen, machte er einen siegreichen Feldzug. Nach ihm regierte zuerst seit 2188 sein ältester Sohn Tai-kang; da dieser aber durch seine Jagdliebhaberei die Ländereien seiner Unterthanen verwüstete, stießen sie ihn vom Throne u. erhoben seinen Bruder Tschung-kang, welcher nach jenes Tode 2159 den kaiserlichen Titel annahm. Sein Sohn Ti-siang (seit 2146), ein schwacher Fürst, wurde ermordet; Schao-kang bemächtigte sich 2097 der Regierung, aber Ti-siangs nach seinem Tode geborener Sohn Tischu wurde 2057 durch eine Partei auf den Thron gehoben. Er war ein trefflicher Fürst, der vergebens die entartete Nation wieder zu bessern suchte; auch seinen Nachfolgern 2040–1818, Ti-hoei, Ti-mang, Ti-sie, Tipu-kiang, Ti-kiung, Ti-kin, Ti-kungkia, Ti-kao, Ti-sa gelang dies nicht; 1818 bestieg der ausschweifende Ki den Thron; Tsching-tang, ein Fürst in Schang, zog gegen den Kaiser, um ihn für sein lasterhaftes Lehen zu strafen, der Kaiser floh 1767 u. st. 1766 im Exil; sein Sohn Schan-wei, der letzte Sprößling der Hia-Dynastie, zog sich in die nördliche Wüste zurück, wo er starb. B) Die Dynastie Schang, 1766–1122 v. Chr. Tschingtang bestieg nun den Thron u. mit ihm die Dynastie Schang. Unter ihm war eine 7jährige Mißernte, doch hatte er Getreide in Magazinen aufgehäuft, daß keine Hungersnoth war; er verminderte auch die Steuern. Seine Nachfolger waren: 1753 sein Sohn Tai-kia; 1721 Wutink, 1691 Tai-keng, 1666 Siao-kia, 1649 Yung-ki, Tai-wu u. Tschung-tang (1562–48), unter welchem die Nachbarvölker Einfälle in China machten, 1548 Wai-shin, 1534 Ho-tan-kia, 1525 Tsu-yi, 1506 Tsu-sin, 1490 Wukia, 1465 Tsu-ting, 1433 Nan-keng, 1408 Yang-kia, Puan-keng (1401–1373), welcher die Residenz in den District Yin verlegte u. darnach den Namen der Dynastie in Yin änderte. Seine Nachfolger: [12] Siao-sin (1373–52) u. Siao-yi (1352–24), waren lasterhaft u. ausschweifend; Wu-ting (Kao-tiung) überließ seinem Minister Fu-yue die Regierung, durch dessen weise Maßregeln Land u. Kaiser glücklich waren. Die Dynastie Schang verlor immer mehr durch die folgenden schwachen u. lasterhaften Kaiser an Ansehen, sie waren: Tsu-kang (1255–58), sein Bruder Tsu-ka (bis 1225), Lin-sin (bis 1219) u. Kang-ting (bis 1198), Wu-yi (bis 1194), unter welchem Viele aus China nach Japan auswanderten; Tai-ting (bis 1191) u. Ti-yi (bis 1154). Der Letzte dieser Dynastie, Scheu-sin, wird als ein Ausbund von Lasterhaftigkeit u. Bosheit geschildert, er ließ sich von seiner Kebsfrau Tan-ki leiten, welche die grausamsten Strafen einführte u. die schamlosesten Orgien feierte. Oft ausbrechende Empörungen der Unterthanen unterdrückte der Feldherr Wu-wang. Endlich aber verband sich Wuwang selbst mit den Empörern gegen den Kaiser u. marschirte 1122 gegen die Residenz. Scheu-sin schickte ein Heer gegen ihn, u. da dies besiegt wurde, verbrannte er sich in seinem Palast. Tan-ki wurde gefangen u. hingerichtet. C) Die Dynastie Tsche-u 1122–249 v. Chr. Nun bestieg Wu-wang den Thron, mit ihm die Dynastie Tsche-u; alle zu dieser Dynastie gehörigen Kaiser führen den Namen Wang (d. i. König), Wu-wang ist als der eigentliche Gesetzgeber Chinas u. als der Wiederhersteller u. Begründer einer festen staatlichen Ordnung anzusehen. Er vertheilte die in Scheu-sins Palaste gefundenen Schätze unter die Soldaten, schickte die unzähligen Weiber zu ihren Familien zurück, verlegte die Residenz nach Hao in Schensi, stiftete u. erneuerte die 5 Klassen des Adels, deren Gliedern er große Länderstrecken gab, u. machte seine u. seines Vorfahren Verwandte zu Statthaltern in den Provinzen des Reichs. Dadurch aber rief er Unzufriedenheit bei den Beeinträchtigten hervor, u. diese erregten Empörungen, unter denen das Land viel zu leiden hatte. Sein Sohn Tsching-wang folgte ihm 1115 sehr jung, unter der Leitung seines Oheims Tschao-kung; er war glücklich gegen die oft rebellirenden Anhänger der Schangdynastie u. führte das Metallgeld ein. Seine Nachfolger waren sein Sohn Kang-wang (1078–52), der im Geist seines Vaters regierte'; dessen Sohn Tschao-wang bedrückte die Nation u. vernachlässigte die Regierung über seiner Liebe zur Jagd, er ertrank 1001; Mu-wang, unter welchem die Tataren der Kleinen Bucharei in China einfielen; Kung-wang, seit 946, Y-wang (934–909), Hiao-wang, dessen Bruder (909–894), u. Ye-wang, dessen Sohn (894–878), unter welchen Kaisern die Fürsten sich oft empörten, Li-wang (seit 878), habsüchtig u. grausam, wurde von dem Volke vertrieben. Bis zu seinem Tode regierten 2 Minister, dann sein Sohn Siuen-wang, der mit abwechselndem Glück gegen die von Neuem einbrechenden Tataren kämpfte, er st. 781; sein Nachfolger Yeu-wang wurde 770 von den Tataren erschlagen u. dessen Sohn Ping-wang ist der letzte vom Schuking erwähnte Kaiser. Seine Regierung (bis 720) war wie die seiner Nachfolger Hoang-wang (bis 696), Tschuang-wang (bis 681), Hi-wang (bis 676), Hoei-wang (bis 651) u. Siang-wang (bis 618) schwach, u. die Kämpfe der Statthalter in den Provinzen unter einander u. des Reichs mit den Tataren dauerten fort.

Auch der beliebte King-wang (618–612) u. der an Regententugenden reiche Kuang-wang (612–607) vermochten die innerlichen Fehden nicht zu unterdrücken; erst unter Ting-wang (606–585) verbanden sich 11 Fürsten, welche die Rebellen unterdrückten u. die Ruhe wieder herstellten. Doch schon unter Kien-wang (585–571) begannen diese Kriege wieder; unter Ling-wangs Regierung (571–544) ward 552 Kong-fu-tse (Confucius) geboren; unter King-wang (544–519 u. 519–475), Yuen-wang (bis 468), Tschingting-wang (bis 440), Kao-wang (bis 425), Wei-lie-wang (bis 401) u. Ngan-wang (bis 375) dauerten die inneren Kriege fort, u. das Reich drohte sich allmälig in einzelne unabhängige Staaten aufzulösen. Einige der mächtigen Vasallen trachteten indeß nicht nur nach gänzlicher Unabhängigkeit, sondern auch nach der kaiserlichen Würde; unter Lie-wang (375–368) wurde Meng-tse (s.d.), ein Schüler des Kong-fu-tse geboren. Die letzten Kaiser dieser Dynastie waren: Hien-wang (368–320), welcher die eherne Reichstafel (s. oben A), an deren Besitz die kaiserliche Würde gebunden war, in einen See warf, damit sie kein anderer erhielt; Schin-tsing-wang (320–314) u. Nan-wang (314–255). Unter dem Letzteren warf sich Tschao-siang, Fürst von Tsin, zum Kaiser auf; die Usurpation geschah dadurch, daß er das Amt des Hobenpriesters verrichtete u. dem Schang-ti opferte Vermochte ihn der Kaiser nicht daran zu hindern, so hielt man dies für ein Zeichen, daß der Kaiser des Thrones unwürdig sei. So gelang es auch dem Tschao-siang den Nan-wang zu besiegen. Indessen hatte dieser noch immer eine starke Partei für sich Namentlich wollten die Einwohner von Tseu den aus Tsin nicht als Herrn anerkennen, sondern flohen u. verbanden sich mit dem tapferen Tscheu-kiun in Honan. Mit den Vorbereitungen zu einem Kriege gegen die ihm widerstrebenden Fürsten beschäftigt, starb Tschao-siang 249. Die bis dahin tributpflichtigen Staaten (die meisten schrieben ihre Entstehung von 1122 v. Chr. her) waren: Lu, welches 250 v. Chr. von denen zu Tsu unterworfen ward; Tse bis 379, worauf es die Familie Ten-tse bis 221 v. Chr. beherrschte; Tsai, fiel 447 unter den von Tsu; Tschin bis 478; Pen, lange mächtig, dauerte bis 222 v. Chr.; Tsin in Schansi, welches 1/5 des ganzen Reichs ausmachte, dessen Fürst 255 die neue Kaiserdynastie Tsin gründete (s. unten); Tsu bis 223; Ke bis 445; Tsao bis 487; Wei dauerte am längsten unter allen, bis 209 v. Chr.; Sung dauerte bis 286 v. Chr. Später entstanden: 806–375 Tsching; 424–230 Han, kam später auf den Thron (s. unten); 408–222 v. Chr. Tschao, von Tsin gestürzt. D) Die Dynastie Tsin, 249–206 v. Chr., hatte, ehe sie sich befestigen konnte, noch lange Zeit mit den Vasallen des Reiches zu kämpfen u. führte, indem sie die Feudalherrschaften des Reiches vernichtete, eine neue einheitliche Organisation des Staates herbei. a) Die eigentliche Dynastie Tsin, 249–246; wenige Tage nach Tschaosiang starb sein Sohn Hiao-wan-wang, u. es folgte sein Enkel E-yin unter dem Namen Tschuang-siang-wang; nach mehrerenglücklichen Kriegen gegen Han, Tschao u. Tsu wurde er von 5 verbündeten Fürsten geschlagen u. st. 246. Sein natürlicher Sohn u. Nachfolger Tschiugwang[13] war der Gründer b) der Dynastie Heutsin 246–206. Dessen erstes Werk war, sein Reich im Norden gegen die räuberischen Einfälle der Nachbarvölker zu schützen, indem er die große 1000 Meilen lange Mauer an der Grenze erbauen ließ. Die sonst im Norden nothwendigen Streitkräfte zog er nun zusammen, um sich zum Herrn des ganzen Landes zu machen. Er unterwarf die übrigen Fürsten u. nahm nun den Titel Hoang (d. i. Kaiser) an u. nannte sich Schi (der Anfangende), so daß er nun den Namen Tsin-Schi-Hoangti führte. Er änderte die kaiserliche Farbe in Schwarz, führte ein despotisches, aber energisches Regiment, so daß Ruhe u. Ordnung im Reiche zurückkehrte. Auf den Rath seines Ministers Li-ße 215 ließ er viele Bücher verbrennen, weil aus ihnen der alte, von Vielen zurückgewünschte Zustand des Reiches erkannt wurde. Auch soll er viele Gelehrte, weil sie an der Staatsordnung festhielten, zum Tode verdammt haben. Er st. 210, u. ihm folgte sein Sohn Ul-schi, der in sinnlicher Luft schwelgend die Regierung vernachlässigte. Unter solchen Umständen erhoben sich die Anhänger der Staatseinrichtungen, welche Schi-hoangti abgeschafft hatte, u. der Führer eines aufrührerischen Haufens, Lieu-pang war bald mächtig genug, um den Kaiser in seinem Palaste einzuschließen. Dieser erstach sich 207 u. mit Lieu-pang kam E) die Dynastie Han 206 v. Chr. bis 220 n. Chr. u. zwar a) die Si-han (d. i. westliche Han) bis 25 n. Chr. zur Regierung. Nach einem Interregnum von 5 Jahren, welches die Kämpfe Lieupangs mit Hiang-ju, dem Feldherrn des Schattenkaisers Iti, ausfüllten, wurde der erstere unter dem Namen Kao-tsu u. Kao-hoang-ti als Kaiser anerkannt. Er begünstigte als solcher die Lehre Kongfutse's, welche sich unter ihm u. seinen Nachfolgern über alle Theile des Reiches verbreitete. Seine Kriege mit den Hiung-nu waren nicht glücklich, u. da seine Feldherren sogar zu den Feinden übergingen, mußte er einen schmählichen Frieden erkaufen, der die Feinde bald wieder in das Land zog. Er führte ein neues Gesetzbuch ein u. st. 195 b. Chr.; ihm folgte sein ältester Sohn Hoei-ti; während dieser sich der Wollust ergab, führten seine Minister u. seine Mutter Liu-hei eine glückliche Regierung; der Kaiser st. 188, u. die Kaiserinmutter regierte fort für einen angeblichen Enkel; sie st. 180 u. war die erste Frau, welche in Ch. die Regierung führte. Wen-ti, ein Nachkomme Kao-tsu's, wurde ihr Nachfolger; er beförderte den Ackerbau u. stellte die alte Literatur wieder her; um die Einfälle der Hiung-nu zu hindern, versetzte er viele Chinesen an die Grenzen des Reichs. Seit seiner Zeit erhielt die Regierung jedes Kaisers einen besonderen Namen (Nien-hao), welcher Anfangs öfter, später selten geändert wurde u. welcher auch des Kaisers Regierungsname war, aber erst nach seinem Tode in die Reichsannalen kam. Sein Nachfolger wurde 157 King-ti, welcher die Kinder der Statthalter in der Residenz erziehen ließ; ihm folgte 141 Wu-ti; dieser war ein Freund u. Beförderer der Wissenschaften (unter ihm lebte der große Historiker Sse-ma-tsian) u. verschaffte durch öftere Siege über die Hiung-nu dem Reiche eine langjährige Sicherheit gegen äußere Feinde. Dagegen drohte die sich immer mehr vergrößernde Tao-secte Mißstimmung gegen den Kaiser zu erregen, welcher die Anhänger derselben deshalb streng verfolgen liest. Sein Sohn u. Nachfolger (86–74 v. Chr.) Tschao-ti war ein Schwächling, nach dessen Tode regierte sein Oheim bis 73, wo der jugendliche Siuen-ti Kaiser wurde. Unter ihm wurden die Tataren, die unter seinen Vorfahren ungestraft das Land beunruhigt hatten, bis an das Kaspische Meer hin unterworfen. Er beförderte das Studium der klassischen Bücher u. ließ Commentare über dieselben schreiben, auch das Gesetzbuch abkürzen u. erläutern. In der Liebe zur Literatur war ihm sein Nachfolger Yuen-ti (48 bis 32 v. Chr.) ähnlich, doch begannen unter diesem auch die Kriege mit den Tataren wieder. Sein Sohn Tsching-ti (32–8) lebte ausschweifend, u. Ngai-ti, sein Neffe (8–1 v. Chr.), vermochte bei aller Strenge die Kabalen der Höflinge nicht zu unterdrücken. Yuen-ti's Enkel, Ying-ti, wurde, erst 9 Jahr alt, Kaiser; die Regentschaft führte Wang-mang, u. nachdem dieser sich durch einfaches Leben u. Sorge für das Volk die allgemeine Liebe erworben hatte, vergiftete er den jungen Kaiser 5 n. Chr., wurde zunächst für den unmündigen Schü-tsi-ying Reichsverweser u. setzte sich dann 8 n. Chr. selbst auf den Thron. Wang-mang konnte aber seine Herrschaft nicht befestigen; die Anhänger der Han rebellirten gegen ihn, singen ihn u. schnitten ihm 23 n. Chr. den Kopf ab. Nach ihm wurde Yang-wang auf den Thron gehoben, aber er vermochte nicht der über das Reich hereingebrochenen Anarchie zu steuern. Nach ihm kam die Seitenlinie b) Tay-han (östliche Han) 25–220 n. Chr. mit Koang-wu-ti (25–58 n. Chr.) zur Regierung. Dieser hatte mit Cochinchina, wo sich 2 Fürstinnen gegen die chinesische Herrschaft erklärt hatten, einen gefährlichen, aber endlich siegreichen Kampf zu bestehen; die Macht der Tataren an den Westgrenzen des Reichs schwächte er dadurch, daß er die Bewohner der Bucharei gegen sie erregte. Unter seinem Sohne Ming-ti (58–76) ging eine Deputation Mandarinen nach Hindostan, mit denen der Buddhapriester Hoschang nach Ch. kam. Der Kaiser ließ die mitgebrachten buddhistischen Schriften ins Chinesische übersetzen u. gestattete den Buddhisten freie Religionsübung. Vielleicht hängt damit die Sage der Syrischen Christen zusammen, daß der Apostel Thomas bis nach Peking gekommen sei u. daselbst das Christenthum gepredigt habe. Übrigens beförderte Ming-ti das Erziehungswesen u. errichtete viele Schulen, mußte aber das Reich oft von den Tataren verwüstet sehen. Ihm folgten Tschang-ti (76–89) u. Ho-ti (89–106); unter Letzterm erlitten die Tataren eine große Niederlage. Die Eroberungen, welche der kühne Feldherr Pan-tscheo bei dieser Gelegenheit machte, gingen zwar wieder verloren, hatten aber eine Bereicherung Ch-s mit fremden Culturgewächsen, namentlich mit dem Weinstock, zur Folge u. führten zu Verbesserungen des landwirthschaftlichen Betriebs. 106 folgte Schang-ti als Kind, u. als er schon 107 st., setzte dessen Mutter ihren Neffen Ngan-ti ein, sie selbst führte die Regentschaft. Die Ruhe des Landes wurde durch Räuberbanden gestört, u. die Tataren fielen von Neuem ein; nachdem Ngan-ti noch 4 Jahre selbständig regiert hatte, st. er 125, u. ihm folgte Schun-ti, diesem Tschung-ti auf 1 Monat, worauf der jugendliche Tsch-ti gewählt, aber schon in demselben Jahre vergiftet wurde. Unter Huan-ti (147 bis 168) wanderten 153 über 100,000 Familien wegen mehrjähriger Mißernte aus Ki-tschu aus,[14] auch kamen damals die ersten Fremden aus Arabien (Ta-tsin) u. Hindostan zur See nach Ch. u. trieben zu Canton Handel. Ling-ti (168–189) ließ seine Minister regieren, gegen welche öfter Verschwörungen angezettelt wurden; nach des Kaisers Tode brachen die Verschwornen los u. ermordeten die Minister, die Kaiserin u. den Prinzen. Auf den Thron wurde 190 Hian-ti, ein Kind, gehoben, u. Tung-tsche, der Anführer jener Rebellen, riß alle Macht an sich, wurde aber seiner Grausamkeit wegen bald ermordet; doch rächten seine Anhänger den Mord u. tyrannisirten nun das Reich, welches einer völligen Anarchie anheimfiel. Um diese Zeit soll auch eine römische Gesandtschaft nach Ch. (Serica) gekommen sein. Endlich nahm der Feldherr Tsao-tsao den kaiserlichen Titel an, u. da er 220 starb, so übergab der Kaiser Hian-ti dessen Sohne, Tschao-pi, den Thron. Aber es war noch ein Nachkomme der Han-Dynastie vorhanden, der jetzt als Tschao-lie sich auf den Thron schwang; dieser bildet mit seinem Nachfolger Heu-ti (regierte 223–260) a) die Heu-han- od. Schuhan-Dynastie; die chinesischen Historiker erkennen diese als die legitimen Kaiser an. Neben den Schu-han behauptete sich noch b) die Wei-Dynastie in dem größten Theile des nördlichen Ch., die in Lu-yang residirte u. nach Tschao-pi (st. 226) noch 4 Kaiser hatte: Ming-ti bis 240, Tschu-fang bis 254, Tschu-mad bis 260 u. Yuan-ti bis 264; u. c) die Wu-Dynastie, auch im nördlichen Ch., gestiftet von Sung-kin, residirte zu Nan-king; Kaiser waren ferner: Ta-ti 222–252, Tschu-liang bis 258; King-ti bis 265; Tschu-kao bis 277. Diese Periode heißt in der chinesischen Geschichte die 3 Staaten (San-kue); die Geschichte derselben, wie sie von chinesischen Schriftstellern aufbewahrt ist, entbehrt aller Glaubwürdigkeit; die Bedeutung, welche das Chinesische Reich unter der Herrschaft der Han erreicht hatte, sank unter den folgenden Dynastien mehr u. mehr herab.

III. Mittlere Geschichte 260–1279 n. Chr. A) Die Dynastie Tsin 260–420. a) Si-tsin 260–318. Se-ma-yen, ein Fürst von Tsin, riß 265 die Herrschaft in Han an sich; er erhielt als Kaiser den Namen Wu-ti u. unterwarf Wei, später auch Wu. 290 folgte ihm Hoei-ti; unter ihm fielen die Tataren, die bisher in Frieden mit Ch. gelebt hatten u. sogar ihre jungen Fürsten in Ch. studiren ließen, wieder ins Land; auch im Innern brachen Unruhen aus. Sein Nachfolger Huai-ti (seit 307) versuchte vergebens die Ruhe herzustellen; er wurde sogar von dem König von Han, Liu-tschung, gefangen u. 313 ermordet; so erging es auch seinem Nachfolger Min-ti, der sich dem Liu-tschung unterwerfen mußte u. 318, als sich eine Empörung gegen Liu-tschung u. zur Befreiung Min-ti's bildete, hingerichtet wurde. Sein Nachfolger Yuen-ti stiftete b) die Dynastie der Tay-tsin 318–420. Er war ein gelehrter Fürst, aber ohne Energie mußte er zusehen, wie die Han schreckliche Rache an den Mördern Liu-tschungs nahmen; er st. 322. Seine Nachfolger waren: Ming-ti bis 325, Tsching-ti (325–342), Kang-ti (bis 344), Mu-ti (bis 362), welche sämmtlich als Kinder auf den Thron kamen; unter Letzterm wurde eine Horde Tataren in kaiserliche Dienste genommen u. ihnen ein District an der Grenze angewiesen; dann folgten: Ngai-ti (362–365), für welchen seine Mutter regierte; sein Bruder Yi-ti (366–371) unterwarf Yen; Kian-wen-ti bis 373; Hiao-wu-ti, der seit 376 selbständig regierte, wurde 396 von seiner Gemahlin erdrosselt. Unter ihm wurde der größte Theil des Reichs unterworfen; doch singen nachher die Feldherren an, sich unter einander zu bekämpfen; den Ngan-ti (396–419) ließ der mächtige Feldherr Liu-yu erwürgen u. setzte dann dessen Bruder Kung-ti auf den Thron. Liu-yu, zum Fürsten von Sung ernannt, sah mit Mißfallen die klugen Maßregeln, welche Kung-ti ergriff, um die zerrüttete Ordnung herzustellen; er griff deshalb mit Gewalt den Kaiser an, u. dieser bequemte sich 420 zur Abdankung u. übergab das Reich dem Liu-yu. B) Darauf erfolgte die Theilung des Reichs in das südliche u. nördliche (Nan-pe-tschao 420–590); in dem südlichen Theile herrschte a) die Dynastie Sung 420–479, deren Stifter, Liu-yu, als Kao-tsu-wu-ti den Thron bestieg; nachdem er den Exkaiser vergiftet hatte, st. er selbst bald darauf 422; seinen Sohn Schao-ti setzten die Fürsten 424 ab u. erhoben seinen Bruder Wen-ti. Dieser besiegte die nördlichen Fürsten, gab Gesetze gegen den ausgebreiteten Buddhismus, that viel für den Unterricht u. unterstützte die Gelehrten. Er wurde 454 von seinem Sohne Liu-tschao ermordet, u. ihm folgte sein 2. Sohn Hiao-wu-ti, der ein ausschweifendes Leben führte u. 465 st.; sein grausamer Sohn Fi-ti wurde 466 erschlagen, der eben so grausame Ming-ti st. 472; Liu-yu od. Tsangngu-wang, bis zur Tollheit ausschweifend, wurde 477 ermordet; gleiches Schicksal hatte 479 sein Nachfolger Schun-ti, ein Adoptivsohn Ming-ti's. Ihm folgte Kao-ti, früher Feldherr, der Fürst von Tsi, welcher Stifter b) der Dynastie Tsi 480–502 wurde; er war ein trefflicher Kaiser, st. aber schon 482; sein Sohn Wu-ti, ein eifriger Buddhist, st. 493. Ihm sollte sein Enkel folgen, aber der Präsident des höchsten Tribunals, Ming-ti, usurpirte den Thron, deshalb wurde er von dem nördlichen Kaiser bekriegt u. st. 499; sein Sohn Tung-hoan-heu wurde 501 entthront, u. Hu-ti auf den Thron gehoben; dieser mußte schon 502 dem Siao-yen weichen, welcher Fürst von Liang geworden war, u. nun Stifter c) der Dynastie Liang, 502–557, wurde u. den Thron als Liang-wu-ti bestieg. Er war ein tapferer u. dabei auch wissenschaftsliebender Herr; später ging er in ein buddhistisches Kloster, u. nur mit Mühe zogen die Minister den Kaiser wieder zu seinen Regentenpflichten. 550 folgte ihm sein 3. Sohn Kian-wen-ti, u. als dieser von einem aufrührerischen Feldherrn Haoking, der sich schon gegen Wu-ti empört hatt-, 552 ermordet worden war, wurde ein Liang als Yuen-ti Kaiser; diesen erschlugen 555 die eingefallenen Tataren. Von dem nach der Hauptstadt zurückkehrenden Feldherrn wurde King-ti, der Sohn Yuen-ti's, zum Kaiser ausgerufen, verzichtete aber 557 auf den Thron zu Gunsten Tschin-pa-sians, der die Regierung bisher geführt hatte; dieser wurde als Kao-tsu od. Wu-ti Gründer d) der Dynastie Tschin 557–589. Als Feind alles äußern Glanzes schaffte er selbst die Musik ab, welche von vielen der alten Kaiser als sittenmildernd gepflegt worden war. Er ließ 559 den Thron seinem Neffen Wen-ti; dieser obwohl ein weiser Fürst, konnte doch eine ausbrechende Empörung nicht unterdrücken, sein Sohn [15] Ling-hai-wang, der ihm 566 folgte, wurde von seinem Oheim Siuen-ti 568 abgesetzt; ihm folgte 582–590 sein weichlicher Sohn Heu-tschu. C) Nach der Wiedervereinigung des Reichs 590–1367. Die nördlichen Reiche, wo die von Tataren gestiftete Dynastie Wei seit 386 blühete, um diese Zeit die östliche Wei (seit 534), die nördliche Tsi (Pe-tsi seit 550) u. die Tscheu seit 557, hatte sich Yang-kian, seit 581 Fürst von Sui, nach u. nach unterworfen; er zog auch jetzt gegen das südliche Reich herab, nahm 589 Nanking, entthronte Heu-tschu u. vereinigte so die seit 420 getrennten Theile von Neuem zu Einem Reiche; er wurde Stifter der Dynastie Sui 590–618 u. hieß als Kaiser Wen-ti. Er gab, um die häufigen Einfälle der Tataren abzuwenden, einem ihrer Häuptlinge eine seiner Töchter zur Gemahlin, unterwarf den König von Korea, der sich unabhängig von Ch. machen wollte, wieder, beförderte die Wissenschaften u. st. 604. Sein Sohn Yang-ti ließ Kanäle graben, um eine Communication mit den entferntesten Theilen des Reichs herzustellen, u. unterwarf die abermals ungehorsamen Koreaner; er wurde 617 ermordet; seinen Sohn Kung-ti nöthigte Li-yuen 619 abzudanken, der nun als Kao-tsu den Thron bestieg u. D) die Dynastie Tang (Thang), 619–907, gründete; er legte 626 zu Gunsten seines Sohnes Li-chi-min die Herrschaft nieder. Dieser, als Tai-tsung Kaiser, beschützte Künste u. Wissenschaften, gründete mehrere Schulen, ließ die Gesetzbücher revidiren, theilte das Reich in 6 Provinzen mit natürlichen Grenzen, zog gegen die empörten Koreaner, konnte aber deren Hauptstadt nicht erobern u. st. 649. Unter ihm soll 636 der Nestorianer Olopwen nach Ch. gekommen sein u. die Erlaubniß zur Gründung einer Kirche erhalten haben. Sein Sohn Kao-tsung unterwarf die Tao-fan u. dehnte seine Eroberungen bis Persien aus; als er 684 st., folgte sein Sohn Tschung-tsung, der erst unter der Leitung seiner Mutter Wu-hei, dann seiner Gemahlin Wei-hi stand, welche Letztere ihn 710 vergiftete. Auf Tschung-tsung folgte sein Bruder Schui-tsung, welcher aber den Thron schon 713 seinem Neffen Hiuan-tsung überließ. Dieser regierte lange in Ruhe, beförderte die Wissenschaften u. ließ die Buddhisten u. Christen aus dem Lande treiben; 755 mußte er in Folge einer Empörung fliehen. Sein Sohn Schu-tsung regierte unter fortwährenden Kriegen gegen die Tao-fan u. gegen seine rebellischen Unterthanen; ihm folgte 762 sein Sohn Tait-sung, 780 Te-tsung, 805 Schun-tsung, 806 Hian-tsung, dieser überließ die Regierung den Verschnittenen, während er sich mit chemischen Untersuchungen beschäftigte. Die Eunuchenherrschaft dauerte noch fort unter Mu-tsung (821–825), King-tsung (bis 827), Wen-tsung, (bis 840) u. Wu-tsung (bis 847), wurde zwar kurze Zeit durch die energische Regierung Siuan-tsungs (847–860) unterbrochen, begann aber unter Y-tsung (860–874) u. Hi-tsung (874–890) von Neuem. Um immer das Staatsruder in der Hand zu behalten, wählten sie unfähige Männer zu Kaisern u. brachten dadurch die kaiserliche Würde um alles Ansehen, das Volk aber bedrückten sie auf alle Weise. Als Tschao-tsung 890 den. Thron bestieg, dang er sogleich eine Räuberbande zur Vernichtung der Eunuchen, wodurch Ch. von einer langjährigen Pein befreit wurde. Aber auch die Dynastie Tang endigte kurze Zeit darauf mit der Ermordung Tschao-tsung's durch den Fürsten Tschuwan (905) von Liang u. nachdem dessen von Tschu-wan auf den Thron gesetzter Sohn Tschao-siuan-ti 907 zu Gunsten Tschu-wans resignirt hatte. Er erhielt ein kleines Fürstenthum. E) Die 5 folgenden Dynastien heißen in der chinesischen Geschichte zusammen Heu-wu-tai, d. i. die 5 späteren Dynastien, weil sie mit früheren gleiche Namen haben: a) Heu-liang 907–923. Nach Tschao-siuan-ti's Absetzung bestieg 907 Tschu-wan als Tai-tsu den chinesischen Thron; ihn erschlug sein Sohn 913 u. der Regierung bemächtigte sich sein Bruder Mu-ti (Tschu-tian), der aber nach 11 jährigem Kriege von dem Fürsten von Tsin, einem Vertheidiger der Tang, 923 abgesetzt wurde. Der Fürst von Tsin stiftete b) die Dynastie Heu-tang 923–936; er hieß als Kaiser Tschuan-tsung, dämpfte mehrere Empörungen u. wurde endlich von einem der Komödianten, welche seinen vertrauten Umgang ausmachten, 926 ermordet. Ihm folgten: sein Adoptivsohn Ming-tsung, ein Tatar von Geburt, unter dessen weiser Regierung das Land wieder zu blühen anfing, u. welcher auch die Tataren ruhig an den Grenzen hielt; 934 dessen Sohn Min-ti welcher nach wenig Tagen ab- u. durch seinen Bruder Lu-wang ersetzt wurde. Nachdem dieser seinen Bruder mit dessen ganzer Familie ermordet hatte, wurde er von Schi-ki-tang angegriffen, u. da er keine Hülfe fand, verbrannte er sich 936 mit seiner Familie. Schiki-tang, ein Mann von niederer Herkunft, wurde als Kao-tsu Kaiser u. Stifter c) der Dynastie Heu-tsin 936–947. Er trat den Tataren, welche ihm auf den Thron geholfen hatten, ein Gebiet ab; da die östlichen Tataren den Tsi-wang, welcher 943 folgte, angriffen, so machte Lin-tschi-yuen, Fürst von Heu, der gegen sie geschickt worden war, gemeinschaftliche Sache mit ihnen u. wurde durch ihre Unterstützung 947 auf den Thron gehoben. Er gründete als Kao-tsu d) die Dynastie Heu-han, 947–950; er st. schon 948, u. sein Sohn Yen-ti wurde 950 bei einem Aufruhr ermordet. Zwar hatte der Kaiser einen Adoptivsohn Liupin, doch ernannte die Kaiserinmutter den Feldherrn Ku-wei zum Kaiser, u. dieser wurde als Tai-tsu Stifter e) der Dynastie Heu-tscheu 950 bis 960. Sein Nachfolger Schi-tsung (954 bis 960) war streng gegen die Provinzverwalter u. Mandarinen, zerstörte viele Klöster, ließ die Götzenbilder einschmelzen, um Münzen daraus zu prägen, u. war ein Freund der Wissenschaften. Sein Sohn Kung-ti war bei seinem Tode noch ein Kind, u. da die Tataren einzufallen drohten, so wurde Kung-ti abgesetzt u. der Minister Tschao-kuang-yin zum Kaiser gewählt. Damals gehörten zu Ch. nur noch die 2 Provinzen Honan u. Schan-tung, alle übrigen Theile standen unter einzelnen Fürsten, die ihre Unabhängigkeit gegen den Kaiser vertheidigten. Tschao-kuang-yin wurde als Tait-su Kaiser u. Stifter F) der Dynastie Sung 960–1279. Sein hauptsächliches Augenmerk war darauf gerichtet, die alten Grenzen des Reiches wieder herzustellen, die abgefallenen Fürsten zur Anerkennung der kaiserlichen Oberhoheit zu zwingen u. das Ansehen der kaiserlichen Macht wieder zu kräftigen. Es gelang ihm dies vollkommen,[16] indem er nach einander die Districte Tschu, Han, Hiang-nan u. mehrere andere Provinzen dem Reiche unterwarf. Sein Bruder Tai-tsung (977–997) versuchte vergebens, die Khitan- (Liao)-Tataren aus den Grenzen Ch-s zu vertreiben, u. sein Sohn Tschin-tsung (998–1022) mußte sogar den Tataren einen jährlichen Tribut zahlen, damit sie ihre Einfälle unterließen. 1014 ließ er eine Volkszählung vornehmen u. fand an 10 Mill. Familien im Reiche. Unter ihm erlangten auch die Eunuchen wieder Eingang u. Einfluß auf die Regierung. Für Chin-tsung (1023–1063) regierte Anfangs seine Mutter; die Tataren machten neue Einfälle u. erzwangen mehr Tribut. Auch bildete sich in NW. des Chinesischen Reiches eine neue Dynastie Hia, die abwechselnd mit dem Kaiserhause u. mit den Tataren gemeinschaftliche Sache machte u. erst von Dschingis-Khan vernichtet wurde. Der Kaiser st. kinderlos, u. ihm folgte sein Neffe Ying-tsung (1064–1066); diesem Chin-tsung (1066–1085), u. dessen Sohn Tsche-tsung (1085–1100). Zu dieser Zeit lebten berühmte Dichter, Erklärer des Kong-su-tse u. Historiker (bes. Ssema-kuang). Um den immer kühner werdenden Angriffen der Khitan ernstlich zu begegnen, verband sich Hoei-tsung (1100–1125) mit den Niütschi-Tataren, mit deren Hülfe auch die Khitan aufgerieben wurden; der Rest zog in die westliche Tatarei. Aber die Freundschaft mit den Niütschi dauerte nicht lange; diese nahmen nicht nur das Land der Khitan für sich, sondern überschwemmten auch die Provinzen Petschili u. Schensi u. nahmen den Kaiser bei einem Congreß gefangen; Gleiches thaten sie mit des Kaisers Sohn u. Nachfolger Kin-tsung 1127; sein Bruder Kao-tsung (1127–1162) zog vor den ihn verfolgenden Tataren, die unterdeß in Ch. den Namen Kin angenommen hatten, nach Nanking, aber auch von da mußte er noch südlicher nach Han-tscheu in Tschekiang flüchten. Die letzten Kaiser dieser Dynastie waren Hiao-tsung (1162–1190), unter welchem der berühmte Commentator Tschu-hi lebte; Kuang-tsung (bis 1195); Ning-tsung (bis 1225) rief 1208 die Mongolen zu Hülfe gegen die Kin; diese kamen unter Dschingis-Khan u. besiegten die Kin, blieben aber in dem befreiten Lande. Auf Ningtsung folgte Li-tsung (1225–1265); diesem bot Oktai ein Bündniß zum Vernichtungskriege gegen die Kin an; das Unternehmen gelang 1235. Aber nun entstand Streit zwischen den Mongolen u. Chinesen über die Theilung des eroberten Landes. Nach Oktais Tode (1241) setzte dessen Nachfolger Kublai die Feindseligkeiten gegen den Kaiser Tu-tsung (1265–1275) fort; dessen Sohn Kung-tsung wurde 1276 gefangen u. sein Bruder Tuan-tsung von einer mongolischen Flotte belagert; er st. 1278, u. sein Bruder Ti-ping, der letzte Sprößling der Sung, stürzte sich nach dem Verluste der Schlacht gegen die Mongolen mit der kaiserlichen Familie in das Wasser. So endigte die Dynastie Sung; nach ihr bestieg die Dynastie Yuan, die erste fremde, den chinesischen Thron.

IV. China unter den Mongolen, Dynastie der Yuan 1279–1368. Kublai (od. chinesisch Schi-tsu) wurde Kaiser über ganz Ch., welches nach langer Zeit wieder Einem Herrscher unterthan war. Er änderte nichts in Verfassung, Religion u. Sitten der Chinesen, sondern schloß sich im Gegentheil ganz an dieselben an; zu seiner Residenz wählte er Peking. Er machte erfolglose Eroberungszüge gegen Japan, dann gegen Siam u. Java; Birma, Cochinchina u. Tonkin unterwarf er; er beförderte auch Künste, ließ neue astronomische Instrumente verfertigen u. Kanäle (bes. den Kaiserkanal) bauen; als strenger Buddhist ließ er die Bücher der Tao-sse verbrennen; den durch Erdbeben (1290) u. Überschwemmungen beschädigten Einw. in Canton erließ er die Steuern. Dennoch hatte er mit unaufhörlichen Meutereien zu kämpfen, die er durch Waffengewalt unterdrücken mußte. Unter ihm kam Marco Polo, der erste Europäer, nach Ch. Er st. 1294; sein Nachfolger war sein Enkel Oldscheitu od. Timur-Khan (chinesisch Tschingtsung), welcher die Noth des Volkes durch Getreidevertheilungen linderte, das Land von Räubern säuberte u. die rebellirenden Mongolenhäuptlinge unterwarf; er besteuerte auch die Buddha- u. Taopriester. Unter ihm kamen 1294, vom Papst Nikolaus IV. gesendet, die ersten katholischen Christen mit dem Minoriten Montecorvino nach Peking, gegen welche jedoch die Nestorianischen Christen dem Kaiser Verdacht einflößten u. welche daher große Hindernisse fanden. Da nach seinem Tode 1307 die Kaiserin, in Ermangelung legitimen Nachkommen, die Herrschaft fortsetzen wollte, kam Chaissan nach Canton u. wurde als Wu-tsung (mongolisch Külük-Khan) Kaiser, st. aber schon 1311; sein Bruder Aiyuli Palipata folgte ihm als Schin-tsung (mongolisch Bujantu-Khan). Er ließ die Schriften des Kong-su-tse in das Mongolische übersetzen, stiftete Schulen, entließ die unwissenden u. unfähigen Beamten, meist Ausländer, u. stellte eine gleiche Anzahl mongolischer u. chinesischer Mandarinen an; er war auf jede Art auf das Wohl seiner Unterthanen bedacht, doch vermochte er die, meist durch die Bedrückungen der muhammedanischen Mandarinen hervorgerufenen Räubereien nicht ganz zu unterdrücken. Seit 1320 folgten in der Regierung rasch nach einander: sein Sohn Ying-tsung (mongolisch Gegen-Khan), der 1323 ermordet wurde; Taiting bis 1328, sein Sohn Ming-tsung st. 1329, dessen Bruder Wen-tsung bis 1332; der an dessen Stelle regierende Prinz Yentemur tyrannisirte das Volk so, daß eine Empörung ausbrach. Die Ruhe des Reiches u. die Sicherheit der Dynastie schwand immer mehr unter den jugendlichen Kaisern Ning-tsung (mongolisch Rintschenpal, st. 1332) u. Schun-ti (mongolisch Tagon Tomur Uchagain-Khan). Des Letzteren Günstlinge u. Minister bedrückten das Volk mit Auflagen u. öffentlichen Arbeiten, wodurch der äußerste Unwille erregt wurde, bis endlich bei einer Hungersnoth, die 1342 über 13 Millionen Menschen hinweggerafft haben soll, das ganze Land in eine Empörung ausbrach u., ungeachtet des kaiserlichen Befehles, daß die Chinesen weder Pferde noch Waffen haben sollten, im Jahr 1350 unter Waffen stand. Zum Untergange der Yuan wirkte noch, daß der Kaiser den Feldherrn Tato entließ u. die ganze Reichsverwaltung 2 Eunuchen anvertraute. Der Chinese Tschuyuan-tschang, ein buddhistischer Mönch, stellte sich 1355 an die Spitze der Empörer in Kiangnan, siegte über die unter sich uneinigen chinesischen Rebellenführer u. über die Mongolenhäuptlinge, die in zwischen den Kaiser abgesetzt hatten, nahm Peking ein.[17] gewann die Zuneigung vieler Großen durch Klugheit u. Mäßigung, u. nachdem 1368 die Mongolen unter Bisurdar, einem Sohne Togoutemur-Khans, wieder nach der Tatarei gezogen waren (wo sie das mongolische Reich der Kalkas gründeten), setzte er sich selbst auf den Thron u. wurde Stifter der Dynastie Ming.

V. Ch. unterder Dynastie Ming 1386 bis 1644. Tschu nahm als Kaiser den Namen Tai-tsong an u. wählte Nanking zu seiner Residenz. Er sorgte für die Wittwen u. Waisen der gebliebenen Krieger, führte ein neues Gesetzbuch ein, verbot, daß je wieder Eunuchen Staatsämter bekleiden sollten, u. unterwarf sich nach u. nach die übrigen chinesischen Fürsten u. die mongolischen Häuptlinge; mehrere mongolische Stämme begaben sich freiwillig unter seine Botmäßigkeit u. bildeten einen Damm im Westen gegen die ferneren Angriffe der Tataren; unter ihm begannen auch die Einfälle der Japanesen. Viel Einfluß auf den Kaiser hatte seine Gemahlin Ma-schi. Ihm folgte 1398 sein Enkel Kian-wen-ti. Dieser begann seine Regierung damit, daß er dem Volke einen Theil der Steuern erließ. Seine Oheime, denen Tai-tsu einzelne Fürstenthümer ertheilt hatte, wollten den jungen Kaiser nicht als Oberherrn anerkennen; aber mit schnellem Entschluß kam er einer Vereinigung derselben voraus u. entsetzte die von Min, Siang, Tse u. Tai; Tschu-tai, Fürst von Yen, aber zog mit einer Armee gegen die Hauptstadt u. verlangte die Wiedereinsetzung seiner Brüder. Da dies vom Kaiser abgeschlagen wurde, begann ein Krieg, in welchem die kaiserlichen Truppen unglücklich waren; die entscheidende Schlacht wurde 1403 verloren, u. der Kaiser machte seinem Oheim Tschu-tai den Vorschlag, mit ihm das Reich zu theilen. Tschu-tai nahm den Vorschlag nicht an, sondern auf seinen früheren Forderungen bestehend, marschirte er auf Nanking los u. bekam diese Stadt durch Verrath in seine Hände. Der Kaiser ging in ein Kloster; der Sieger aber wüthete gegen Diejenigen, welche um die Unterdrückung seiner Familie gewußt hatten, ließ Kian-wen-ti's Namen aus den Annalen streichen u. dafür den seinigen einsetzen. Er selbst nahm den Namen Yung-lo an (in der Ahnentafel heißt er Tsching-tsu) u. verlegte die Residenz nach Peking. Er führte glückliche Kriege gegen die Tataren, unterwarf Tunkin u. Cochinchina dem Chinesischen Reiche, begünstigte die Wissenschaften u. erneuerte die Gesetze gegen die Buddhisten. Er st. 1425, u. ihm folgte sein Sohn Yin-tsung; dieser ließ die Anhänger des Kian-wen-ti wieder einsetzen, was ihn sehr beliebt machte; seinen Sohn Tschu-kao-tschi machte er zum Gouverneur der südlichen Provinzen, u. dieser folgte ihm 1426 als Siuen-tsung auf dem Throne. Für dessen unmündigen Sohn Ying-tsung führte seit 1436 seine Mutter, u. nach deren Tode 1443 sein Lehrer, ein Eunuch, die Regierung. Unter ihm fielen die Tataren, welche ihre Angriffe auf Ch. allmälig erneuert hatten, wiederum verheerend in das Land; der Eunuch mit 500,000 Soldaten u. dem jungen Kaiser zog den Feinden entgegen, wurde aber 1450 geschlagen; 100,000 Mann, unter ihnen der Eunuch, blieben u. der Kaiser wurde gefangen. An seiner Stelle bestieg sein Bruder King-ti den Thron; dieser schickte den gegen Peking ziehenden Tataren eine Armee entgegen, welche dieselben schlug u. den gefangenen Kaiser befreite. Dieser ließ zwar die Regierung seinem Bruder, aber 1457 verlangte das Volk dessen Rückkehr auf den Thron, den er dann noch bis zu seinem Tode 1465 besaß. Sein Sohn Hiao-tsung (1465–1487), mißtrauisch u. schwachsinnig, errichtete in der Hauptstadt ein Inquisitionstribunal von Eunuchen, welches alle Verdächtigen ohne Untersuchung bestrafen durfte; unter seinem Sohne Hiao-tsang (1487–1505) wurde ein neuer Gesetzcodex entworfen, u. die Zählung der Reichsunterthanen ergab jetzt 53 Millionen. Sein Sohn Wu-tsung (1505–1521) wurde genöthigt, das Tribunal der Eunuchen aufzulösen. Unter ihm begannen wieder die Empörungen der Fürsten, bes. des Fürsten von Ning, der jedoch in einem großen Schiffsgefecht geschlagen wurde. Unter seinem Nachfolger Schi-tsung (1522–1567), einem Dichterfreunde, machten die Mandschu ihre ersten Angriffe auf Ch., wurden aber zurückgeschlagen; Cochinchina revolvirte darauf u. machte sich unabhängig; auch die Japanesen erneuerten ihre Einfälle in die Seeprovinzen, weil ihrem Handel die chinesischen Häfen verschlossen worden waren. Der Kapuziner Gaspar de Cruz, welcher damals das Christenthum in Ch. zu predigen begann, wurde vertrieben. 1522 begannen die Portugiesen in Ch. u. auf den nahen Inseln Handel zu treiben. Schi-tsung ließ den Thron seinem Sohne Mu-tsung, der bis 1572 regierte, wo ihm sein Sohn Schin-tsung folgte. Dieser befriedigte 1586 den Tatarenhäuptling Yenta durch Abtretung eines Gebietes in Schen-si auf längere Zeit. 1583 kam der italienische Jesuit Matthias Ricci nach Ch.; er war der erste Europäer, welchem der Eintritt in Ch. verstattet wurde u. welcher das Christenthum in Ch. zu verbreiten begann; er schloß sich Anfangs in seinem Unterrichte an das System des Kong-futse an, u. sogar Mandarinen bekannten sich zu der neuen Lehre. Um 1600 kam Ricci auch an den Hof, doch wurden seine Geschenke an Reliquien von dem Kaiser abgewiesen. Um diese Zeit kamen auch Spanier, nachdem sie sich 1572 der Philippinen bemächtigt hatten, nach Ch. u. nahmen den Portugiesen Macao ab, welches diese seit 1557 besessen hatten. 1592 machten die Japanesen einen Angriff auf Korea; der König von Korea konnte sich nicht halten, sondern floh nach Ch. u. bot dem Kaiser sein Land an; die chinesische Armee schlug die Japanesen u. eine Flotte schnitt ihnen die Rückkehr nach ihren Inseln ab. Sie schickten eine Gesandtschaft nach Peking, um Frieden zu schließen; der Kaiser bestand auf Räumung Koreas, u. nachdem über den Unterhandlungen lange Zeit hingegangen war, rückte eine japanische Armee 1597 wieder auf Korea, welche zwar die Chinesen schlug, sich aber nicht im Lande halten konnte. Unter Schin-tsung kamen 1604 die Holländer mit 3 Schiffen nach Ch., wurden aber mit ihren Handelswünschen abgewiesen. Inzwischen hatte die Regierung den Mandschukhan, der mächtig zu werden anfing, verrätherisch ermorden lassen. Unter Taitsu, dem Sohne des Ermordeten, brachen die Mandschu auf, um den Tod ihres Fürsten zu rächen, eroberten seit 1616 ganz Liao-tung u. ließen sich hier nieder. Der Sitz des Khans war Schinyang, von wo aus sie durch häufige Einfälle das Reich im Inneren bedrohten. Der Kaiser nahm Anfangs das Anerbieten der 1615 aus Peking vertriebenen[18] u. nach Nanking verwiesenen Christen, welche Hülfstruppen u. Artillerie aus Macao zu Hülfe gegen die Tataren holen wollten, an, schickte sie aber, ohne ihre Hülfe zu gebrauchen, wieder zurück. Doch hatten einige Jesuiten diese Gelegenheit ergriffen, sich in der kaiserlichen Gunst festzusetzen. Kuantsung war 1620 nur eine ephemere Erscheinung auf dem Throne von Ch.; er st. noch in demselben Jahre, u. ihm folgte sein Sohn Hi-tsung (1620 bis 1627). Unter ihm erlitten 1622 die Holländer unter Kaisersohn, welcher den Handel mit Ch. gewaltsam erzwingen sollte, durch die eifersüchtigen Portugiesen in Macao eine Niederlage, ließen sich aber, obgleich Anfangs von den Chinesen sehr beunruhigt, auf einer der Ponga-Inseln nieder, wofür sie später Formosa erhielten. Unter Hi-tsungs Bruder u. Nachfolger Hoai-tsung (1627–1644) machten die Mandschu unter ihrem Khan Tai-tsung 1635 einen neuen Zug gegen Ch.; zum Unglück waren im Lande selbst Empörungen ausgebrochen, welche eine kräftige Zurückweisung des Angriffs der Mandschu verhinderten. Räuber plünderten das Land, sammelten Armeen, boten dem Kaiser Trotz u. theilten das Reich unter sich. Die berühmtesten jener Bandenführer waren Schang- u. Le-tse-tsching; jener nahm die Provinzen Sse-tschuen u. Ho-kuang ein; Le wollte Ho-nan erobern, wurde aber durch die Belagerung der Hauptstadt Kai-sung abgehalten, die sich tapfer hielt u. endlich durch ein kaiserliches Heer entsetzt wurde. Aber durch die künstliche Überschwemmung aus dem Hoang-ho, wodurch der Feind vertrieben wurde, kamen 1642 auch an 200,000 Menschen in Kaisung um. Bald kehrte Le-tse-tsching aus den Bergen zurück, nahm die Provinzen Ho-nan u. Schen-si, tödtete alle Mandarinen u. erwarb sich dadurch, daß er dem Volke die Steuern erließ, die Zuneigung desselben; er wurde zum Kaiser ausgerufen, eroberte u. zerstörte Tai-yuen, nahm alle Festungen bis Peking u. erhielt 1644 diese Hauptstadt selbst durch Verrath eines Eunuchen. Der Kaiser Hoai-tsung, von Allen verlassen, erdrosselte sich selbst; mit ihm endigte die Dynastie Ming. Zu Nanking wurde zwar noch ein Ming, Tschuyn-tsung, Enkel Schin-tsungs, zum Kaiser gewählt, doch war sein Reich nur von kurzer Dauer. Während Le-tse-tsching Peking nahm u. den Kaiser stürzte, hatten die Mandschu ihre Macht immer weiter ausgedehnt, mehrere mongolische Stämme u. Korea unterworfen u. standen drohend an Ch-s Nordgrenze. Mit ihnen verband sich der chinesische Feldher Wu-san-kuei gegen Le-tse-tsching u. besiegte denselben in 2 entscheidenden Schlachten. Le verließ Peking, nachdem er den kaiserlichen Palast angezündet hatte, u. zog sich nach Schan-si zurück. Wu wollte nun die Mandschu wieder zurückschicken, mit dem Versprechen, ihnen einen Tribut zu zahlen; diese aber wollten bleiben u. das Reich gegen fernere Angriffe schützen; daher wurde eine Anzahl derselben nach Peking detachirt, wo sie als die Retter des Landes bewillkommt wurden. Aber kaum dort angekommen, riefen sie ihres Fürsten Taitsung 9 Sohn Schun-schi als Kaiser aus, welcher der Stifter der Dynastie Ta-tsing wurde.

VI. China unter der Mandsch-Dynastie od. der Dynastie Tai-tsing 1645 bis jetzt. A) Bis zu den Händeln mit England, 1645–1828. Schun-tschi war damals erst 7 Jahre alt; sein Oheim u. Vormund Amawang suchte ihm die Chinesen zu gewinnen, indem er mild regierte, sich meist nach chinesischen Gebräuchen richtete u. die einheimischen Mandarinen in ihren Ämtern ließ. Immer mehr Mandschu strömten nach Ch., daß sich ihre Armeen mehrten, u. so schien es der neuen Dynastie leicht, sich alle Provinzen des Reiches nach u. nach zu unterwerfen u. sich von seinen Nebenbuhlern zu befreien. Aber obgleich Letse-tsching auf der Flucht ermordet worden war u. der feige Tschu-yu-sung beim Anrücken der Mandschu gegen Nanking die Flucht ergriffen u. endlich sich ertränkt hatte, u. auch Lugan, ein Prinz der Dynastie Ming, in der Provinz Tsche-kiang in seiner Hauptstadt Hang-tschu erschlagen wurde, u. Tang, ein Prinz von derselben Dynastie in Fu-kian abdiciri hatte: so hatte Schun-tschi doch noch einen heißen Kampf vor sich, denn die südlichen u. westlichen Provinzen leisteten ihm hartnäkigen Widerstand. Am meisten erbitterte die Chinesen der Befehl, daß sie auf tatarische Weise das Haar scheeren u. sich kleiden sollten; das Volk empörte sich dagegen, u. die Großen nahmen an dieser Emporung Theil, weil sie einen Kaiser aus ihrem Volke haben wollten. 1653 baten die Holländer wieder, in Canton Handel treiben zu dürfen was ihnen jedoch abermals abgeschlagen wurde. Dagegen erhielten die Russen unter sehr vortheilhaften Bedingungen die Erlaubniß, jährlich eine Handelskaravane nach Peking zu schicken u. den Handel zum Nutzen beider Nationen zu betreiben. Doch benutzten die Russen diese Erlaubniß zur weiteren Ausdehnung ihrer Grenzen nach dem Chinesischen Reiche zu, so daß die Chinesen unter Kang-hi, 1670, mehrere Festungen längs der Grenze aufführten. 1651 übernahm Schun-tschi nach dem Tode Amawangs die Regierung selbst; er liebte die Gelehrsameit u. genoß den Unterricht des deutschen Jesuiten Adam Schall, welcher Präsident des Tribunals der Mathematik, aber in der That des Kaisers erster Minister war. Eine russische Gesandtschaft, welche damals in Peking erschien, aber nicht das übliche Ceremoniell befolgen wollte, wurde zurückgeschickt. Schuntschi starb 1661; ihm folgte sein Sohn Kang-hi (eigentlich Schin-tsu). Die Mandarinen setzten eine, aus 4 Mitgliedern aus ihrer Mitte bestehende Regentschaft ein, deren erstes Werk war, die Verschnittenen sogleich vom Hofe zu vertreiben u. ein Gesetz zu erlassen, daß Verschnittene nie mehr zu Staatsdiensten gelassen würden. Im Lande herrschte jetzt Friede; nur die Küstenstaaten wurden immer von Seeräubern beunruhigt u. ausgeplündert. Um dem zu begegnen, gab die Regentschaft den abenteuerlichen Befehl, daß sich alle Küstenbewohner ins Innere des Landes zurückziehen sollten. Nebenbei wurden die Europäer, bes. die Missionäre, von der Regentschaft hart behandelt u. sogar ins Gefängniß geworfen. Als der Kaiser selbst die Regierung übernahm, wurden die Europäer frei gegeben. Er unterdrückte eine Empörung der südlichen Provinzen u. führte einen glücklichen Krieg gegen die Mongolen u. die Eleuten. Ein Erdbeben zerstörte Peking u. verschlang 400,000 Menschen; den Handel mit Ausländern verbot er. 1683 unterwarf sich Formosa dem Chinesischen Reiche; 1689 wurde Frieden mit den Russen geschlossen, mit denen die Chinesen seit 1684 wegen Grenzstreitigkeiten Krieg geführt hatten; 1721 wurden die Eleuten u. Kalkas[19] gänzlich vernichtet u. Tibet unterworfen. Kang-hi bereiste oft seine Provinzen u. ließ dieselben von Europäern aufnehmen u. Karten entwerfen; er verringerte die Abgaben u. verbesserte die Finanzen, er liebte die Wissenschaften u. schrieb selbst eine Abhandlung in der Mandschusprache über Geometrie; die unwissenden Mandarinen verwies er aus dem Hanlin; er gründete Collegien u. Schulen, beförderte die Sprachstudien, ließ ein chinesisches u. ein Mandschu-Wörterbuch, unter Beihülfe der Jesuiten Werke über Anatomie, Medicin, Physik, Philosophie etc. herausgeben, in Peking ein Laboratorium anlegen u. das Observatorium besser einrichten; am meisten Vergnügen fand er in dem Umgange mit den Franzosen Gerbillon u. Bouvet. Bereits 1671 gab er den christlichen Missionären ihre Kirchen zurück. 1720 kam auch ein französischer Handelsagent nach Canton; er erhielt zwar Erlaubniß, sich daselbst niederzulassen, allein viel Schwierigkeiten, welche ihm in den Weg gelegt wurden, hinderten den Aufschwung des Etablissements. Auch die Briten hatten sich unter Kang-hi an der Küste festgesetzt. Kang-hi st. 1722. Die erste Regierungshandlung seines Sohnes u. Nachfolgers Yung-tsching (Schi-tsung) war die Vertreibung der christlichen Missionäre, wegen des unter ihnen ausgebrochenen Streites, aus allen Schulen des Reiches, nur einige behielt er am Hofe. Yung-tsching war ein guter Fürst, er unterstützte die von Mißwachs heimgesuchten südlichen Provinzen u. die durch ein Erdbeben beschädigten Einwohner von Petschili, beförderte den Ackerbau u. begünstigte gelehrte Mandarinen. Seinen Ruhm befleckte er jedoch durch grausame Verfolgung eines Zweiges seiner Familie; er st. schon 1735; kein Krieg u. keine Rebellion hatte seine Regierung beunruhigt. Ihm folgte 1736 der älteste seiner illegitimen Söhne, Kien-lung (Kao-tsung). Da dieser ein Beobachtungsheer, welches sein Vorgänger gegen die Eleuten unterhalten hatte, zurückrief, singen die Häuptlinge der Kalmücken an, sich der Suprematie Ch-s zu entziehen. Kien-lung schickte ein Heer gegen sie u. unterwarf sie nach langen Kämpfen 1757, so daß seit dieser Zeit Mittelasien bis zu den Burrut-Kirghisen hin zum Chinesischen Reiche gehörte. Auch in der Kleinen Bucharei unterwarf der Kaiser 2 muhammedanische Fürsten. Dagegen endigten 2 Züge gegen Birma 1767 unglücklich, u. die Chinesen verloren dadurch die Herrschaft über die Stämme an der Grenze von Birma. Lange war mit tibetanischen Häuptlingen ein erfolgloser Krieg geführt worden; 1758 hatten diese die Offensive ergriffen u. waren in das chinesische Gebiet eingefallen, bis 1772 der Feldherr Akuei mehrere Festungen der Tibetaner eroberte. Seine Grausamkeit erregte eine Verschwörung, die mit Gewalt unterdrückt wurde. Auch die Christen wurden damals hart verfolgt, weil sie im Verdachte standen, Theil an der Verschwörung genommen zu haben. Überhaupt ergingen 1746–1773 schwere Christenverfolgungen, die indeß zuletzt nur auf die Bischöfe beschränkt wurden. Auch die Verschwörung der Pi-lien-kiao (Secte der Wasserlilie) wurde entdeckt. Nach Cochinchina schickte Kien-lung 1789 eine Armee gegen den Usurpator Longnhung, die aber von demselben vernichtet wurde (s. Annam, Gesch.). 1788 empörte sich Formosa, wo jedoch die Ruhe wieder hergestellt wurde. 1792 wurden die Nepaulesen, die in Tibet eingefallen waren, zurückgetrieben, u. Tibet kam in noch größere Abhängigheit von Ch. 1797 wurde auch mit den Miaotße, einem Volke in den Gebirgen an der Grenze von Sse-tschuen u. Ho-nan, welche Einfälle in das Reich machten u. unbesiegbar waren, Friede geschlossen. 1793 kamen Engländer (Lord Macartney u. Sir Georg Staunton) u. Holländer (van Braam), um den Kaiser wegen seiner langen Regierung zu beglückwünschen; so sehr sich Kien-lung dadurch geschmeichelt fühlte, so bewilligte er den Fremden doch keins von den erbetenen Privilegien für den Handel. Unter ihm wurde auch 1798 endlich ein Vertrag mit den Russen abgeschlossen, wodurch der Befehl von 1764, daß aller Verkehr mit den Russen in Kiachta, wohin schon vor einiger Zeit der russische Handel von Peking verlegt worden war, untersagt sein sollte, aufgehoben wurde. Doch hörten die Streitigkeiten nicht auf, u. da 1806 noch einmal ein starkes Verbot von Peking gegen die Russen erging, so unterblieb der russische Handel mit Canton, während der Verkehr mit Peking aufrecht erhalten wurde. Kien-lung besuchte nur selten die Provinzen u. verließ Peking nur, um zu jagen; auch am Kriege nahm er nie persönlich Antheil; er war gerecht, aber auch grausam; schrieb in Versen u. in Prosa, beförderte die Literatur u. legte 4 schätzbare Bibliotheken an; auch gab er mehrere ältere Bücher von Neuem heraus. Nachdem er 60 Jahre regiert hatte, legte er 1796 zu Gunsten seines 5. Sohnes Kia-king die Regierung nieder u. st. 1799 im 88. Lebensjahre. Kia-king besaß alle Fehler, aber keine einzige Tugend seines Vaters; um das Reich u. die Regierung kümmerte er sich gar nicht, sondern führte ein ausschweifendes Leben u. ein grausames despotisches Regiment. 1803 wurde eine Verschwörung gegen ihn entdeckt. In demselben Jahre wurde die Kuhpockenimpfung durch die Spanier von Manilla aus in Ch. eingeführt. Die Unzufriedenheit der Unterthanen mit Kia-king wurde immer größer, während statt der früheren gesetzlichen Ordnung im Lande Anarchie zu herrschen anfing. Die Seeräuber trieben ihr Wesen ärger als je; sie hatten in Hainan u. Formosa feste Plätze, in Canton ihre Agenten; ihr Anführer war Tsching-yi u. nach dessen Tode seine Gemahlin u. ein Fischer, Pao, welche gemeinsam das Commando führten. Keine kaiserliche Flotte, selbst mit europäischer Hülfe, konnte diesen Seeräubern etwas anhaben, bis sie endlich unter einander uneinig wurden u. mit der Regierung, welche den einzelnen Führern der Bande Seeoffiziersstellen versprach, Frieden schlossen. Noch vor Beendigung des Seeräuberkrieges zogen große Räuberbanden verheerend durch Petschili, Honan u. Canton, die auch gelegentlich Peking angreifen, den Palast plündern u. den Kaiser entthronen wollten. 1815 erfolgte die gänzliche Verbannungder Katholiken (Tien-tschu-kiao), die schon seit 1811 verfolgt worden waren, aus Ch. u. ihre Kirchen wurden geschlossen. Unter Kia-king kam 1807 Morrison, der erste protestantische Missionär, nach Canton, der auch zuerst die Bibel ins Chinesische übersetzte, u. welchem 1817 Milne nach Ch. folgte, der mit Morrison das Anglo-chinesische Collegium in Malacca gründete, worin junge Chinesen u. Engländer in den gegenseitigen Sprachen unterrichtet wurden. Kia-king starb nach einer unruhigen Regierung 1820, u. ihm folgte 1821 sein 2. Sohn Tao-kuang,[20] ein friedliebender Mann, welcher die Regierung seinen Beamten überließ. Der Aufruhr im Innern wüthete lange fort: Unruhen unter den muhammedanischen Stämmen wurden gedämpft; eine andere Revolution brach in Formosa aus, die Miaotße (s. ob.) erhoben sich ebenfalls wieder, auch wurde das Reich unter ihm durch Überschwemmungen, Erdbeben u. Mißwachs heimgesucht. Das Christenthum machte nach wie vor wenig Fortschritte in Ch.; denn die Schüler der Missionäre setzten sich harten Verfolgungen aus.

B) Die Händel mit England. Die Engländer, die schon 1596 eine, indeß verunglückte Expedition nach Ch. sendeten, konnten erst gegen Ende des 17. Jahrh. festen Fuß mit ihrem Handel fassen. Die Gesandtschaft 1793 (s. oben) stimmte wenigstens den Hof zu Peking freundlicher gegen sie. Da aber die Opiumeinfuhr aus Ostindien auf eine bedenkliche Weise zunahm, so erließ der Kaiser strenge Verbote dagegen. 1808 besetzten die Briten Macao, mußten aber die Stadt bald wieder räumen. Der Kaiser Kia-king gewährte auch den Engländern kein Gehör, deren Handel mehr u. mehr in Canton gehindert wurde, u. eine Gesandtschaftunter Lord Amherst, 1816 nach Peking geschickt, wurde nicht vor den Kaiser gelassen. Seit 1823 wurde zwar der Opiumhandel erneuert, doch erließ der Vicekönig von Canton 1828 ein strenges Verbot gegen den gesundheits- u. sittengefährlichen Opiumgenuß, u. der Handel wurde von den Engländern aus Mangel an Absatz eine Zeitlang eingestellt. Gewaltthätigkeiten gegen die englische Factorei in Canton u. gegen solche Chinesen, die mit den Engländern in Verbindung standen, veranlaßten die Engländer, die Hülfe der Ostindischen Compagnie anzurufen. 1831 kamen auch mehrere Kriegsschiffe nach Canton, segelten aber unverrichteter Sache ab. Der Kaiser befahl damals, die Ausländer gerecht zu behandeln, um ihnen jeden Vorwand zu benehmen, sich mit ihrem Handel nach anderen chinesischen Häfen zu wenden. Ein neuer Streit entstand 1834, wo Lord Napier als erster Bevollmächtigter Englands nach Canton ging u. sich daselbst niederlassen wollte, ohne dazu vom Kaiser od. vom Vicekönig die Erlaubniß zu haben. Alle Chinesen mußten ihre englischen Herren verlassen u. der Handel wurde gesperrt. Da erschienen einige englische Fregatten vor Canton; doch schüchterte dies die Chinesen nicht ein, u. Lord Napier mußte abziehen. Die Engländer betrieben unterdessen den Opiumhandel von Neuem, ja sie bewaffneten Schmugglerschiffe mit Geschütz, um sich gegen die chinesischen Regierungsschiffe zur Wehr zu setzen. Die chinesische Regierung schärfte die Strafen, u. gegen Ende 1838 wurde binnen einem Jahre das Opiumrauchen bei Brandmarken, beim 2. Mal bei Auspeitschen u. Landesverweisung, beim 3. Mal bei Enthauptung verboten. Dazu wurden die Boote auf dem Strome durchsucht, u. mehrere englische u. amerikanische Kaufleute, die mit Opium handelten, aus Canton verwiesen. Anfangs 1839 wurde Lin, Gouverneur von Hu-kuang, mit außerordentlicher Vollmacht nach Canton geschickt u. erließ daselbst am 13. März 1839 ein Edict, daß alle Opiumkisten ohne Weiteres ausgeliefert werden sollten. Zugleich wurden Truppen in Canton zusammengezogen u. zahlreiche Boote im Tigris stationirt, so daß die Fremden in der Factorei eingeschlossen waren. Damals war Capitän Elliot Bevollmächtigter der englischen Regierung zu Macao u. Admiral Elliot Befehlshaber der Flotte. Der Erstere kam am 24. März selbst nach Canton u. protestirte gegen das Edict; die Maßregeln der Chinesen gegen die Fremden wurden verschärft, u. Elliot sah sich in so mißliche Lage versetzt, daß er den 27. März dieenglischen Kaufleute aufforderte, ihr sämmtliches Opium an die chinesischen Behörden auszuliefern, u. sie wegen des Verlustes an die englische Regierung wies. Außerdem sollten sich die Engländer alles Handels mit den Chinesen enthalten bis zum Austrag der Sache. 20,283 Kisten Opium wurden ausgeliefert, u. das ganze Quantum (gegen 4 Mill. Pfd. St. werth), in einen Wasserbehälter geschüttet u., um den Genuß ganz unmöglich zu machen, mit Salz u. Kalk vermengt. Da Elliot die ausgeladenen Handelsschiffe als Kriegsschiffe benutzen wollte, so hatte er sie an der chinesischen Küste behalten, u. dies hatte einen neuen Unfall zur Folge. Matrosen von einem der Schiffe hatten in Hong-kong bei einer Schlägerei am 7. Juli einen Chinesen getödtet; die Behörde forderte die Auslieferung des Mörders, u. da Elliot dieselbe verweigerte, so wurde verboten, den Engländern Lebensmittel zukommen zu lassen. Gleicher Befehl wurde auch am 15. Aug. in Macao erlassen, u. da noch dazu ein Heer nach Macao gezogen wurde, so wanderten alle Engländer am 19.–21. Aug. aus Macao u. gingen auf die Schiffe vor Hongkong. In der Bai von Haoling, wo Elliot Lebensmittel einnehmen wollte, kam es am 4. Septbr. zu Feindseligkeiten, in deren Folge Lin allen Eingeborenen befahl, sich zu bewaffnen u. die Engländer zu vernichten. Elliot suchte zwar wieder Unterhandlungen anzuknüpfen, da er aber auf die gestellten Bedingungen (daß alle Schiffe vor dem Einlaufen in den Strom eine Erklärung des Capitäns vorzeigen sollten, daß sie kein Opium führten, fände sich aber bei der Untersuchung dennoch Opium, daß dasselbe confiscirt u. der Schuldige nach dem Gesetz hingerichtet werden sollte), nicht einging, so führten die Verhandlungen zu keinem Ziele. Inzwischen suchten die Chinesen Rache wegen jenes Mordes zu nehmen, u. als am 7. Sept. Elliot nach der Mündung des Stromes fuhr, um dem chinesischen Admiral Kuan ein Schreiben an Lin zu übergeben, ließ Kuan 29 Kriegsdschonken auslaufen, welche sich der englischen Kriegsschiffe bemächtigen sollten. Doch wurden die Chinesen bei Tschuenpi mit einem Verlust von 6 Dschonken zurückgeschlagen, u. errichteten nun eine Flotte, um sich gegen die, auf der Rhede vor Hong-kong liegenden englischen Schiffe zu wenden. Zugleich verbot Lin allen Handel, der bisher noch durch Neutrale, bes. Amerikaner, geführt worden war. Im Decbr. versuchte Elliot wieder mit Lin zu verhandeln u. bat um die Erlaubniß, daß die Engländer nach Macao zurückkehren dürften u. daß der freundliche Verkehr wieder hergestellt würde. Aber am 1. Febr. 1840 erschien ein Decret des chinesischen Kriegsobersten Yih, in welchem er seinen Marsch nach Macao anzeigte, um dort Elliot u. Morrison u. andere Europäer, die aus dem Lande gewiesen waren u. sich dort aufhielten, aufzuheben. Am 28. Febr. geschah ein nächtlicher Angriff auf die englische Flotte mit Brandern, der aber bis auf die Beschädigung zweier englische: Schiffe mißglückte.

Inzwischen hatte England an Ch. den Krieg [21] erklärt, u. am 28. Juni langte eine englische Flotte vor Canton an u. begann sofort mit 3 Schiffen die Blockade des Flusses. Macao wurde für neutral erklärt. Am 5. Juli wurde die Insel Tschusan von Capitän Bremer genommen u. am 6. Juli die Hauptstadt derselben, Ting-hi, besetzt; Elliot beschoß Amoyn. vernichtete die Festungswerke des Hauptortes der Insel, segelte dann nach dem Golf von Petschili u. fuhr am 11. August in den Pekingfluß ein, um in die Nähe der Hauptstadt zu kommen u. die Übergabe seiner Depeschen an den Kaiser zu erzwingen. Es gelang, u. der Kaiser beorderte 3 Mandarinen, um mit den Engländern Unterhandlungen zu eröffnen (welche auch vom 27. Aug. bis 15. Sept. gepflogen wurden), versprach auch einen Abgeordneten nach Canton zu senden, welcher dort mit Elliot verhandeln sollte. Den 29. Nov. kam der Obercommissär Keschan nach Canton. Zuvor aber war Admiral Elliot von seinem Posten abberufen u. Commodore Bremer zum Befehlshaber der Flotte ernannt. Da die Chinesen die Unterhandlungen in die Länge zogen, so wurden am 9. Jan. 1841 die Forts an der Bocca Tigris beschossen u. genommen u. der chinesischen Flotte großer Schaden zugefügt. Am 10. Jan. wurden von chinesischer Seite die Feindseligkeiten eingestellt u. am 20. Jan. ein Präliminarfriede abgeschlossen, wornach der Handel wieder hergestellt u. der Hafen von Canton 10 Tage nach dem chinesischen neuen Jahr wieder eröffnet werden sollte; den Engländern sollte ferner gegen Räumung von Tschusan u. des Forts Tschuenpi die Insel Hong-kong abgetreten werden, aber die Erhebung der Zölle u. Abgaben daselbst für die chinesische Staatskasse fortdauern; der Kaiser versprach 6 Mill. Dollars Entschädigung u. zwar 1 Mill. sogleich u. die 5 anderen in gleichen Raten bis Ende 1846; die officiellen Beziehungen zwischen der chinesischen u. englischen Staatsregierung sollten auf den Fuß gänzlicher Gleichheit gestellt werden. Darnach verließ die Flotte die Bocca u. ein Theil derselben nahm von Hong-kong Besitz. Aber weder entsprach jener Vertrag den Erwartungen der britischen Handelswelt, bes. der Ostindischen Compagnie (welcher für ihren Opiumhandel keine Sicherheit u. keine Erleichterung bedungen war), noch war es den Chinesen Ernst, den Vertrag zu halten, u. da die Ratification desselben bis zum 24. Febr. nicht erfolgt war, so begannen am 25. Febr. die Feindseligkeiten wieder. Die Engländer nahmen die Forts der Bocca Tigris u. zerstörten die chinesische Flotille; 500 Chinesen blieben, 1300 wurden gefangen. Am 18. März wurde, weil die Chinesen auf eine, an den kaiserlichen Commissär abgeschickte Stillstandsflagge geschossen hatten, gegen Canton vorgerückt u. die Factoreien u. die Vorstadt (Kaufmannsstadt) von Canton durch Capitän Herbert genommen. Am 20. März wurde ein Waffenstillstand abgeschlossen, wonach der Handel offen u. den Briten u. andern Kaufleuten Schutz zugesichert sein sollte. Der Kaiser, der seit Wiederbeginn der Feindseligkeiten in seinen Edicten die drohendste u. feindseligste Sprache gegen die Engländer führte, schickte unausgesetzt Truppenverstärkungen nach Canton, wodurch das chinesische Heer auf 45,000 M, gebracht wurde, über die sein Bruder Yinsang u. der Minister Hu das Commando führten. Keschan wurde, weil er von den Engländern bestochen, die Factoreien von Canton verloren habe, zum Tode verurtheilt. Als Capitän Elliot merkte, daß die Chinesen Anstalt machten, die englische Flotte durch Branderflöße anzuzünden, beschloß er, nachdem er die Fremden die Stadt zu verlassen u. auf die Schiffe zu kommen aufgefordert hatte, am 24. Mai einen neuen entscheidenden Angriff auf Canton. Etwa 360 Mann Briten unter dem Major Pratt nahmen, um eine Diversion zu machen, die Factoreien, welche theilweise schon geplündert waren, die Hauptcolonne aber, etwa 2500 Mann, landete oberhalb der Stadt, u. rückte den 25. Mai gegen die Hügelreihe, auf welcher Canton liegt u. welche mit 4 Forts gekrönt ist, vor, beschoß u. nahm dieselben, schaffte das leichte Geschütz auf die Höhen u. rüstete sich den 26. eben zum Sturm auf die Mauern von Canton selbst: als die Chinesen eine Stillstandsflagge aufsteckten, worauf Capitän Elliot die Feindseligkeiten einstellte. Am 27. Mai wurde den chinesischen Truppen außerhalb des Bezirks von Canton freier Abzug gestattet, während unterdessen unterhalb der Stadt die englischen Schiffe die größte Verwüstung angerichtet, 2 Forts vernichtet u. über 100 chinesische Kriegsschiffe verbrannt hatten. Nach der durch den chinesischen Minister Hu abgeschlossenen Convention versprachen die Chinesen 6 Mill. Dollars, die sich im Nichtzahlungsfalle Tag für Tag steigern sollten, zu zahlen u. die tatarischen Truppen 12 geographische Meilen von Canton zurückzuziehen; die Engländer dagegen, die genommenen Forts zu räumen, während der Hafen von Hongkong ihrem Handel offen bleiben sollte. Die Zahlung der ersten 5 Mill. Dollars war bis Anfangs Juni erfolgt, von da an begannen aber die Chinesen Schwierigkeiten zu machen u. wieder zu rüsten. Die Convention hatte aber den Beifall der englischen Regierung nicht, sondern die Fortsetzung des Krieges wurde beschlossen, u. um den Krieg energischer zu führen, kamen am 10. Aug. 1841 William Parker als Commandant der Flotte u. Henry Pottinger als Agent in Macao an u. begannen alsbald die Operationen gegen die Ostküste des Landes, um sich Peking zu nähern u. dort einen vortheilhaften Frieden zu erzwingen. Am 26. Aug. wurde Amoy genommen, u. nachdem in Kulangsu, welches den Hafen von Amoy beherrscht, eine Besatzung zurückgelassen worden war, ging es weiter nördlich, zunächst gegen Tschusan, welche Insel nach der Einnahme der Hauptstadt Ting-hai, am 1. Oct., zum zweiten Male von den Engländern besetzt wurde; darauf wurde am 9. Oct. Ningpo zu Lande, von Hugh Gough, u. zu Wasser angegriffen u. genommen, bei welcher Gelegenheit die Mehrzahl der chinesischen Besatzung, um nicht in die Gefangenschaft der Engländer zu gerathen, sich in den Fluß stürzte u. umkam. Unter dem vergeblichen Warten auf Truppenverstärkung aus Ostindien u. Europa verstrich den Engländern der Winter, welche Zeit dazu verwendet wurde, um Angriffe auf die Ningpo benachbarten Städte zu machen. Am 10. März 1842. machten die Chinesen aus Ningpo einen Überfall auf die Engländer, wurden aber zurückgeschlagen; ebenso auch die 8000 Mann Mandschutruppen, die in einem befestigten Lager bei Tseki standen. Die Provinzen, in welchen bisher der Krieg geführt worden war, befanden sich in einer trostlosen Lage: nicht nur, daß die Sperrung der Flüsse durch die [22] Engländer allen Handel lähmte, u. daß die Ausbringung der Contributionen auf ihnen lastete, sondern sie mußten auch die ganzen Kriegskosten bezehlen. Nachdem die Engländer die Hülfe der geheimen Gesellschaften zum Sturze der Mandschugenossen abgewiesen hatten, waren inzwischen auf Tschusan die Verstärkungstruppen angekommen, so daß das englische Heer jetzt 7000 Mann betrug. Der neue Feldzug war gegen die Provinz Kiangnan gerichtet, um durch die Sperrung des Yang-tse-kiang u. Hoang-ho die nördlichsten Provinzen mit der Residenz Peking in Verlegenheit zu setzen. Am 13. Mai 1842 von Tschusan abgezogen, nahmen die Engländer zuerst am 17. Mai Tschapu, einen Haupthafen jenes Küstenstrichs, ebenso nach hartnäckigem Kampfe, welcher auch den Engländern viele Leute kostete, am 16. Juni die Fortification am Wusong-kiang, wo sie 252 Kanonen erbeuteten, u. am 19. Juni Schanghai, einen der Haupthandelsplätze von Kiangnan. Die raschen Fortschritte der Engländer u. die Noth, in welche das Land durch die Occupation u. die fast gänzliche Vernichtung des Handels gerieth, machte endlich auf den Kaiser Eindruck; schon nach dem Falle Tschapu's hatte er 2 Unterhändler, die Mandarinen Ilipu u. Keying abgeschickt, aber Pottinger hatte sie abgewiesen, namentlich da sie ohne kaiserliche Vollmacht gekommen waren. Am 6. Juli segelte die Flotte, 70 Fahrzeuge stark, von Schanghai nach dem Yang-tse kiang u. erschien am 16. Juli bei der Festung Tschin-kiang, die am 21. von Schödde u. Gough angegriffen, nach heftiger Gegenwehr genommen, aber wegen der, durch das Fieber u. die Cholera vergrößerten Gefahr für die Gesundheit der Truppen wieder aufgegeben wurde Am 9. Aug erschien die englische Flotte vor Nanking; schon Tags darauf sollte die Stadt gestürmt werden; da erschienen Ilipu u. Keying, nun auch mit kaiserlichen Vollmachten versehen, um die Friedensunterhandlungen wieder anzuknüpfen. Pottinger nahm das Anerbieten an, u. am 29. August wurde der Friedensvertrag auf dem englischen Schiffe Cornwallis im Hafen von Nanking unterzeichnet; die Bedingungen des Friedens von Nanking vom 29. Aug. 1842 waren: Briten u. Chinesen verhandeln künftig auf dem Fuße völliger Gleichheit; außer Canton werden noch die Häfen von Amoy (Emuy), Futschen, Ningpo u. Schanghai geöffnet; der Handel daselbst ist für alle Nationen frei u. ebenso werden dort fremde Consuln zugelassen; der Tarif für Ein- u. Ausfuhr, so wie für die Binnenzölle wird noch festgesetzt; außerdem zahlt Ch. 21 Mill. Dollars, theils als Kriegskosten, theils als Entschädigung für die früheren Verluste der englischen Kaufleute, alle gefangenen Briten werden freigegeben u. die Insel Hongkong auf ewige Zeiten an Großbritannien abgetreten, dagegen Tschusan nur so lange besetzt, bis die Chinesen alle Friedensbedingungen erfüllt haben. Dieser Vertrag, am 1. Sept. vom Kaiser ratificirt, kam am 15. Sept. in Nanking an, u. nachdem die englische Flotte Ende September den Yang-tse-kiang verlassen hatte, traf sie Mitte November in Hongkong ein. Schon am 7. Dec. 1842 brach zu Canton wieder ein Volksaufstand aus, in welchem die englische Factorei zerstört wurde; der Aufstand war indeß schon den 9. Dec. gedämpft, u. am 25. Jan. 1843 publicirte Ilipu den Abschluß des Friedens mit den Engländdern. Ein am 9. Oct. 1843 unterzeichneter u. am 18. publicirter Ergänzungsvertrag mit Großbritannien, gewährte den Kaufleuten Erlaubniß, in den 5 Hafenstädten Grundstücke zu pachten, um Häuser darauf zu bauen, setzte fest, daß kein Fremder über eine gewisse Grenze landeinwärts gehen dürfe etc. Nach der Beendigung dieser Angelegenheit kehrte H. Pottinger im Juni 1844 nach England zurück u. an seiner Stelle wurde Sir John Francis Davis englischer Gouverneur auf Hongkong.

C) Vom Frieden zu Nanking bis zum Ausbruch der inneren Unruhen, 1843–1848. Nachdem in Folge des Friedens von Nanking im Juli 1843 das neue Handelssystem in Kraft getreten war, wonach der Handel allen Nationen in den 5 genannten Häfen freigegeben wurde, schlossen zuerst am 3. Juli 1844 die Vereinigten Staaten von Nordamerika zu Wanghia einen Handelsvertrag mit ch., welcher den Amerikanern noch mehr Vortheile gewährte als den Engländern, namentlich rücksichtlich der Einfuhr von Blei; einen gleichen auch Frankreich am 24. Oct. 1844 durch Lagrenée, der am 25. Aug. 1845 ratificirt wurde. Darin bedang sich Frankreich, als Schutzmacht der Christen in Ch. auftretend, sowohl Straflosigkeit der zum Christenthum übergetreteten Chinesen, als auch überhaupt Duldung des Christenthums u. Gestattung der Erbauung von Kirchen. Indeß entsprach das Toleranzedict den mündlichen Zusagen nicht, u. erst bei einer neuen Zusammenkunft des französischen u. chinesischen Bevollmächtigten wurde festgesetzt, daß die Kreuz- u. Bilderverehrung der Christen, die Veröffentlichung christlicher Bücher, die öffentliche Predigt der christlichen Lehre, die Erbauung von Anbetungsorten (der Name Kirche konnte nicht erlangt werden) gestattet u. die inzwischen verhafteten Christen freigegeben werden sollten. Übrigens beschränkte sich diese Duldung blos auf die 5 Hafenstädte. 1846 brachen wieder Unruhen aus, bes. am 15. Jan. zu Canton, wo der chinesische Pöbel das Haus des Polizeimeisters wegen fortwährender Grausamkeiten anzündete u. Gleiches den amerikanischen u. britischen Factoreien drohete; dann zu Tunghwa, unweit Ningpo, wo das einschreitende Militär zurückgeschlagen wurde; Ningpo selbst wurde durch ein dort angekommenes englisches Schiff geschützt. Am meisten waren diese Aufstände gegen die Fremden gerichtet, so mehrere im Juni u. Juli 1846 zu Canton, wobei endlich das chinesische Militär u. europäische Schiffsmannschaft einschreiten mußte. Ein gleicher Angriff auf die Fremden hatte auch zu Futschéusu Statt, wo die Regierung auf Antrag des Gouverneurs Davis Entschädigung zahlte. Nachdem endlich vom Kaiser noch nachträglich die Erlaubniß wegen Eintritts der Fremden in das Innere der 5 Hafenstädte ertheilt u. auch schon Anfang des Jahres der Rest der Kriegs- u. Entschädigungsgelder gezahlt worden war: räumten die Engländer im August 1846 die Insel Tschusan. Ungeachtet des kaiserlichen Duldungsbefehls blieb aber der alte Haß der Chinesen gegen die Fremden ungeschwächt, weshalb die Fremden in Canton stets drohende Überfälle der Chinesen zu befürchten hatten. Einen besonderen Grund zur Unzufriedenheit der Chinesen gab die in Folge der Erhebung Macaos zum Freihafen Anfangs[23] 1846 von den Portugiesen aufgelegte Steuer von 1 Thlr. monatlich für die zwischen Macao, Hongkong u. Canton fahrenden Handelsboote. Die chinesischen Schiffer machten im October wegen dieser Auflage einen Angriff auf Macao, wurden aber durch das Feuer des Forts zurückgetrieben. Daß übrigens selbst die Regierung in Peking nicht ernstlich die den Fremden zugestandenen Rechte schützen wollte, ergab sich daraus, daß 1847 der den Fremden günstige chinesische Gouverneur von Canton, Huang, abberufen wurde. Nach dessen Abgang forderten die Engländer ernstlich den in dem Vertrag von Nanking stipulirten Zutritt nach Canton, u. als darauf fortwährend ausweichende Antworten gegeben wurden, gingen am 2. April der Gouverneur Davis mit 3 britischen Kriegsschiffen den Tigris hinauf, nahmen binnen 36 Stunden alle chinesischen Forts an der Bocca Tigris u. drohten mit der Beschießung der Stadt. Da erfolgte am 6. April die Bewilligung der englischen Forderungen, daß binnen 2 Jahren die Engländer freien Zutritt in Canton u. Erlaubniß zu Ausflügen auf 24 Stunden in das Land haben, daß der Fluß frei von Booten vor den Factoreien gehalten werden, daß die Engländer einen Platz zur Erbauung eines Gotteshauses u. einen Begräbnißplatz in Whampoa erhalten sollten. Diese Expedition u. ihre Ergebnisse erhielten zwar die Billigung der britischen Regierung, aber nicht die der Engländer in Canton, da damit für Letztere wenig gewonnen war, wohl aber die Stimmung der Chinesen nur noch verbitterter wurde. Der Pöbel Cantons bedrohte nicht blos die Engländer, sondern auch Keying, wenn er die den Fremden gemachte Zusage wegen der Bodenabtretung halten würde; auf dem, den Engländern überlassenen u. wieder genommenen Boden wurde ein chinesisches Fort errichtet, die andern wieder hergestellt, auf Jeden, der auf dem Fluß hinausfuhr, geschossen etc. Daher wurden auch für den Fall wiederausbrechender Feindseligkeiten englisches Militär in Hongkong versammelt gehalten, das jedoch im November nach Indien zurückkehrte. Schon am 6. Dec. wurden 6 Engländer, die den Fluß hinausgefahren waren, bei dem oberhalb Canton liegenden Dorfe Wongtschu-kih ermordet, worauf sich Davis sogleich mit Truppen nach Canton begab; Keying ließ 4 bes. gravirte Chinesen hinrichten. In Folge dieser That erhielt Keying seine Entlassung, u. der englische Gouverneur Davis wurde abberufen; der Nachfolger des Erstern war Seu, der des Letztern Samuel George Bonham, welcher im März 1848 in Hongkong ankam. Bonhams energisches Auftreten machte die Chinesen vorsichtiger u. die Behörden strenger; zugleich wurde in jedem der 5 Häfen, zum Schutz der Engländer, ein Kriegsschiff stationirt. Im October 1848 schloß auch der Papst, durch einen Gesandten unter Vermittelung des französischen Geschäftsträgers, einen Vertrag mit Ch. Um die schon seit längerer Zeit die. Ostküste beunruhigenden u. selbst Canton bedrohenden chinesischen Seeräuber zu vernichten, machten die englischen Schiffe oft Jagd auf dieselben u. brachten ihnen namentlich im September 1849 in der Nähe von Canton eine große Niederlage bei, auch die 40 Schiffe starke Flotte des berüchtigten Shap'ng-tsei wurde am 21. u. 22. October bei Hainan vernichtet. Als 1849 von den Engländern die Öffnung der Thore Cantons in Folge des Vertrags vom 6. April 1847 (s. oben) gefordert wurde, erfolgte von Peking eine abschlägliche Antwort, weil die Behörden in Canton Beleidigungen gegen die Fremden nicht verhindern könnten; weshalb der Gouverneur von Maßregeln gegen die Stadt vor der Hand abstehen sollte. Auch mit den Portugiesen kamen die Chinesen in Conflict, indem einige Chinesen den portugiesischen Gouverneur von Macao, Amaral, ermordeten, ohne daß von dem Commissär Seu eine Genugthuung dafür gegeben wurde. Amarals Nachfolger war Cunha, der im Mai in Macao ankam. Am 24. Februar 1850 starb der Kaiser Tao-kuang im 69. Lebens- u. 30. Regierungsjahre an den Folgen eines Schreckes über eine Feuersbrunst in Peking, u. ihm folgte sein 19jähriger Sohn Inschu, unter dem Titel Hieng-fong, sein Vormund wurde der vormalige Gouverneur von Canton, Keying, auf den die Engländer viel Hoffnung setzten. Indeß berechtigte der erste Regierungsact des Herrschers keineswegs zu solchen Hoffnungen, denn er hielt es für nöthig zu erklären, daß er den Himmel u. die Nation um Vergebung bitte wegen der Schande, die unter der Regierung seines Vaters durch die den Fremden eingeräumten Vortheile dem Reiche zugefügt worden sei.

D) Die Unruhen im Innern des Reiches. Inzwischen waren im Innern des Landes theils durch Hungersnoth, theils durch den Haß eingefleischter Chinesen gegen die herrschende Mandschudynastie herbeigeführte Unruhen ausgebrochen, welche mehr u. mehr den Charakter einer politischen Revolution annahmen. Zahlreiche u. kecke Räuberbanden durchzogen die Provinzen Kuang-si u. Kuang-tong, u. mehr als 1500 Verbrecher wurden in Canton in den Jahren 1848 u. 1849 hingerichtet, u. Seeräuberflotten beunruhigten das Reich im Süden u. Südosten. Anfangs war die Plünderung der Einwohner u. Staatskassen der einzige Zweck dieser Räuberhorden, staatsgefährlich wurde das Unwesen erst, als im August 1850 der Geheimbund der Dreifaltigkeitsmänner den Augenblick benutzte u. einen Aufstand zum Ausbruch brachte, dessen erklärter Zweck war, die mandschurische Dynastie Tai-tsing zu stürzen u. das Haupt des Bundes, einen Mann, der sich für den Abkömmling der letzten echtchinesischen Fürsten der Mingdynastie ausgab, unter dem Herrschernamen Tien-teh zum Kaiser von Ch. zu machen. Die Aufständischen kündigten sich überall als Befreier des Vaterlandes vom Joche der Mandschu (Tataren) an, auf deren Lasten u. Tyrannei sie in ihren Proclamationen besonderen Nachdruck legten, u. da der Wunsch, eine chinesische Dynastie zu haben, von Vielen getheilt wurde, so fanden sie öffentlich u. geheim großen Anhang u. bekamen eine Masse freiwillige u. erzwungene Kriegsgelder, welche sie in den Stand setzten, ihr Heer täglich zu vergrößern. Der alte Glanz des Chinesischen Reiches sollte von ihnen wieder hergestellt werden; die Schriftzeichen Taiping, d.h. allgemeiner Frieden, standen auf ihren Fahnen, die Häuptlinge gaben sich selbst diese Namen. Sprüche u. Kriegslieder wurden in diesem Sinne verbreitet, worin die Aufständischen verkündigten, sie wollten Ch. befreien, aber die nördlichen Länder, die Heimath der Mandschu, zertreten. Außerdem sollten die Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft, ähnlich[24] wie in Europa, nach den Ideen der Communisten u. Socialisten, vollständig umgestaltet werden. Damit Hand in Hand ging ihr religiöses Glaubensbekenntniß, was sich zunächst darin zeigte, daß sie überall, wohin sie kamen, die Götzentempel zerstörten, die vom Volke verehrten Götterbilder vernichteten u. auch die Klöster der chinesischen Mönche u. Nonnen (Bonzen) plünderten u. verwüsteten. Sie traten selbst als Begründer einer neuen Religion auf, die sie Schang-ti-huoï (die Schang-Ti-Religion) nannten. Mit Schang-ti wollten sie aber Gott bezeichnen. Mit diesem Wort benannten vor 4000 Jahren die Chinesen wirklich das höchste Wesen; nachdem aber die in Ch. jetzt herrschenden Religionen eingeführt worden waren, bediente sich desselben ausschließlich als eines technischen Ausdrucks die Secte der göttlichen Vernunft, d.h. die chinesischen reinen Deisten. Als nun später die Jesuiten in Ch. der Römisch-Katholischen Confession Eingang zu verschaffen suchten, verbot ihnen Papst Benedict IV. den Ausdruck Schang-ti u. befahl ihnen, um sich von den Deisten zu unterscheiden, den Gebrauch des Wortes Tien-tschu, d.h. Herr des Himmels (woran auch heutzutage noch die Chinesen erkannt werden, welche sich zur Römisch-Katholischen Kirche bekennen, s. oben A), wogegen die protestantischen Missionen das Wort Gott entweder mit Schen-ti od. Schang-ti übersetzen. Indem also die Aufständischen den letzteren Ausdruck wählten, erwarben sie nicht nur den Beifall ihrer einheimischen philosophischen Religionsparteien, sondern schieden sich auch von den wenig zahlreichen, verachteten, verfolgten Anhängern des Tien-tschu, wie sie auf der andern Seite sich den mächtigen u. gefürchteten Engländern u. Nordamerikanern dadurch näherten. In der That wurde dies der Punkt, woran die Missionäre der Engländer u. Amerikaner die Hoffnung knüpften, daß die Aufständischen eine Art protestantischer Christen sein würden; ihre Staatsmänner die Muthmaßung, daß sie in ihnen eine chinesische Reformpartei vor sich hätten, deren Lehren auch einem christlichen Moralisten zur Ehre gereichten, u. vermittelst deren man, wie man in Nordamerika glaubte, das chinesische Binnenland nach allen Richtungen hin eröffnen könnte; ihre Abenteurer den Glauben, daß die Anhänger des Tien-teh ein Junges Ch. seien, welche die Revolution durch ihre Reise um die Welt in Ch. durchführen würden. In vieler Beziehung entsprachen auch die chinesischen Neuerer dieser Ansicht schon im Äußern: sie schnitten zum Zeichen ihrer Befreiung von den Mandschu die Zöpfe ab, ließen sich, wie die alten Chinesen, lange Haare wachsen, legten den tatarischen Leibrock u. Kegelhut ab u. trugen vorn offen stehende, grellfarbige Röcke u. Mützen mit 2 Klappen, die wagerecht als Schutzdach über den Ohren standen. Missionäre besuchten sie, der englische u. amerikanische Gesandte reisten zu ihnen, u. Engländer u. Amerikaner, selbst fahnenflüchtige Franzosen, traten in ihre Dienste. Die Kaufleute der Engländer u. Amerikaner ließen sich die Sache um so mehr gefallen, als in der allgemeinen Verwirrung die verhaßten kaiserlichen Zollstätten fielen, u. ein schwunghafter u. gewinnreicher Schmuggelhandel ins Innere dabei in Aussicht stand. Unter solchen Umständen u. da das Kriegswesen der Chinesen noch in der Kindheit liegt, mußten die vom Fanatismus erhitzten u. von Europäern in der Kriegsführung unterstützten Aufständischen den Kaiserlichen wohl überlegen sein. Durch die Fahrlässigkeit der Mandarinen waren sie schon im Jahre 1850 zu einer Stärke von 15,000 Mann herangewachsen. Indessen so lange die Insurgenten in Kuangsi u. Kuangton als Räuber zu betrachten waren, scheint die Lage der Dinge daselbst die kaiserliche Regierung nicht sehr beunruhigt zu haben. Die Hauptleitung gegen den Aufstand war noch den Provinzialbehörden überlassen; sobald aber die Regierung in Peking die Nachricht erhielt, daß sich unter dem Namen der Gesellschaft der Gottesverehrer in Kuangsi eine neue zahlreiche politische religiöse Secte gebildet habe (eine Folge des Umgangs mit den Europäern u. der Bekanntschaft mit den christlichen Religionsurkunden), welche dem Aufstand gutgeschulte Heerschaaren zuführten, ergriff sie ernstere Maßregeln. Lin-tsik-siu, ein den Europäern als Antiopiumcommissär bekannter Beamter, wurde als unmittelbarer kaiserlicher Commissär nach Kuangsi gesendet, starb aber unterwegs. Hierauf gingen zwei ehemalige Generalgouverneure (Regierungspräsidenten von Provinzen) als kaiserliche Commissäre in die Provinzen, worin die Insurgenten hausten, u. als auch diese nichts ausrichteten, trat an ihre Stelle der Mandschu Wu-lan-tai, Generallieutenant der Mandschugarnison in Canton. Im Juli 1851 begab sich der erste Minister des Reiches, Sai-schangah, ebenfalls ein Mandschu, als oberster kaiserlicher Commissar dahin, von einem großen Stabe von mandschurischen u. mongolischen Offizieren u. einer Leibwache von 200 Mandschusoldaten begleitet. Am 1. Juli 1852 hatte der Aufstand dem kaiserlichen Schatze schon 228 Millionen gekostet, die der Kaiser aus dem zu Mukden in der Mandschurei aufbewahrten Privatschatz nahm. Die Aufrührer wurden in Yong-ngau von den kaiserlichen Truppen eingeschlossen u. mußten sich, wenn sie nicht verhungern wollten, durchschlagen. Zwei Abtheilungen gelang es, die dritte wurde aufgerieben u. Tien-teh selbst dabei gefangen, nach Peking geführt u. hingerichtet. Nach diesem Siege entzweiten sich die kaiserlichen Befehlshaber; Sai-schang-ah wurde abgesetzt u. der bisher unter ihm commandirende General Siukuang-tsiu, ein Nationalchinese, erhielt den Oberbefehl allein; er verlor aber bald wieder die errungenen Vortheile. Der Oberbefehl über die Aufständischen, die damals nur 12,000 Mann stark gewesen sein sollen, wurde immer noch im Namen Tien-teh's geführt u. seine Sänfte mit gelben Vorhängen u. kaiserlichen Drachenbildern von 16 Offizieren dem Heere nachgetragen, aber sie blieb verschlossen, u. an seine Stelle hatte ein Mann von großer Befähigung, Hong-siu-tsiuen, die Leitung übernommen.

Von dieser Zeit an treten die geheimen Gesellschaften bei diesem Aufstand immer mehr in den Hintergrund u. die erste Rolle übernimmt die Secte der Gottesverehrer, deren eigentlicher Stifter Hongsiu-tsiuen war. Dieser, 1813 in einem kleinen Dorfe des Districtes Hua, nicht weit nordöstlich von der Stadt Canton, geboren, hatte sich in seiner Jugend zum Schullehrer gebildet, als er 1833 in Canton einen getauften Chinesen u. protestantischen Prediger, Liang-a-sah, kennen lernte, von dem er eine Sammlung chinesisch geschriebener Schriften, betitelt: Gute Worte zur Ermahnung des Alters, erhielt, theils christliche Abhandlungen u. Predigten von Liang-a-sah selbst, theils Capitel aus dem[25] Alten u. Neuen Testament nach der Übersetzung von Morrison. Nach dem Kriege mit den Engländern u. dem Frieden von 1843 hatte die chinesische Regierung den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren u. die europäische Macht u. Bildung bedeutend an Achtung gewonnen Hong-siu studirte nun eifrig die früher unbeachteten Schriften Liang-a-sah's u. glaubte in dem Gott der Bibel den Gott der altchinesischen Zeit wiederzufinden, welchen der erste Monarch der ruhmvollen Tschaudynastie bei seiner Thronbesteigung feierlich angerufen hatte. Es setzte sich in ihm die Überzeugung fest, daß er von Gott ausersehen sei, die Welt, d.h. China, zur Verehrung des wahren Gottes zurückzuführen. Es gelang ihm mehrere Schullehrer zu seiner Lehre zu bekehren, aber nicht er, sondern einer seiner eifrigsten Jünger, Funy-yun-san, gründete in Kuangsi unter dem Namen der Gottesverehrer die neue Secte, welche sich zu seiner Lehre bekannte. Im Sommer 1847 studirte Hong-siu das Alte u. Neue Testament im Institute des nordamerikanischen Missionärs Roberts in Canton u. wollte sich taufen lassen, was ihm jedoch Roberts abschlug, weil er zugleich eine monatliche Unterstützung verlangt hatte. Nach Kuangsi zurückgekehrt, trat er an die Spitze der von seinem Jünger gegründeten Secte, welche bald von Seiten der Regierung Verfolgungen zu erdulden hatte u. sich ebendeshalb im Jahre 1850 dem von den geheimen Gesellschaften ausgehenden Aufstande anschloß. Nachdem das Haupt der geheimen Gesellschaften, Tien-teh, in die Hände der Regierung gefallen war, erklärte Hong-siu, er sei nie Mitglied der Dreifaltigkeitsgesellschaft gewesen, habe aber oft sagen hören, ihr Zweck sei die Mandschudynastie zu stürzen u. die altchinesische Mingdynastie wieder herzustellen; dies möge vor 200 Jahren gut gewesen sein, passe aber nicht mehr für die jetzige Zeit, sondern es müsse eine neue Dynastie eingesetzt werden. Er zog alle Truppen zusammen u. brandschatzte die Departementsstadt Han-yang u. die benachbarte große Stadt Han-keu, den Handelsmittelpunkt der 18 Provinzen des Reiches, am 23. December 1852. Die kaiserlichen Truppen warfen sich in die Festung Utschang, Hauptstadt der Provinz Hu-pe od. Hu-quang, der Stadt Hanken gegenüber auf dem jenseitigen Ufer gelegen. Unter den Augen der kaiserlichen Truppen mietheten die Aufständischen die Tausende von Dichonken, womit der Yang-tse-kiang bedeckt ist, um ihre Soldaten u. ihre Kriegsvorräthe nach Nanking, dem alten Sitze der chinesischen Kaiser, zu schaffen, welchen Hong-siu zunächst zu erobern beschlossen hatte. An allen Orten, die Hong-siu einnahm, ließ er verkünden: Gott, dessen Allmacht Himmel u. Erde in sechs Tagen erschaffen, welcher der Sündfluth seine Rache an den Menschen anvertraut, der die fünf Städte des Landes Sodom durch Feuer vom Himmel gezüchtigt, es ist derselbige Gott, der uns den Auftrag gegeben hat, die Sünden der Chinesen zu strafen u. seinen Gottesdienst unter ihnen wieder herzustellen. Dieser Gottesdienst ist derjenige, den unsere alten chinesischen Vorvorderen kannten, u. welchen die folgenden Dynastien, welche Ch. zur Vielgötterei verleiteten, verließen. Darum gestatten wir nur die Verehrung des Einen wahren Gottes, des Schöpfers des Himmels u. der Erden, u. befehlen, daß überall die Götzenbilder zerstört, die Tempel umgestürzt u. die ihrem Dienste geweihten Bonzen umgebracht werden. Unversehens überfiel er Utschang u. nahm es am 12. Jan. 1853 mit Sturm. Hier leisteten die kaiserlichen Truppen größeren Widerstand als sonst, u. der Kampf war beiderseits erbittert. Der kaiserliche Commandant Siu vergiftete sich in der Verzweiflung. Der Kaiser ließ nunmehr aus der Mandschurei 20,000 Mann tatarische Kerntruppen kommen, die in Verbindung mit einem zweiten von Peking abgeschickten Heere zur Wiedereroberung von Hu-quang aufbrachen. Während aber eine Abtheilung der Aufständischen den Yang-tse-kiang hinunter nach Nanking fuhr, ging eine zweite den Pekinger Truppen u. Tataren entgegen u. begegnete ihnen in der Provinz Hunan bei der Stadt Yun-hing; eine dritte blieb als Besatzung in Utschang. Tschangscha, die Hauptstadt der Provinz Hunan, war in den Händen der Kaiserlichen geblieben. Die Lage der Aufständischen war glänzend; die drei großen Städte Hanken, Utschang u. Hanyang liegen sich gegenüber an beiden Ufern des Yang-tse-kiang, wo er, noch 500 Meilen von seiner Mündung entfernt, durch den Fluß Hom bis zu einer Breite von einer Stunde erweitert, Fregatten von 50 Kanonen trägt. Inmitten dieser Städte liegen stets eine Menge von Schiffen, selten unter 10,000, während kleine Barken das freie Fahrwasser bedecken. Unaufhaltsam rückten sie von hier nach Nanking vor, welche Stadtbereits am 20. März 1853 in den Händen der Aufständischen war. Am 1. April 1853 kam die Stromflotte der Insurgenten von Nanking herab, näherte sich der Stadt Tschinkiang, dem Hafen von Nanking, u. besetzte sie ohne erheblichen Widerstand; ebenso am 2. April Kna-tschau u. die große Stadt Yangtschau am nördlichen Ufer des Yang-tse-kiang, wodurch sie Herren des großen Kaiser- od. Getreidefrachtkanals wurden Der kaiserliche General Hiangyung beschränkte sich auf Aufstellung eines Beobachtungsheeres in der Nähe von Nanking u. einer kleinen Flotte zwei Meilen oberhalb der Stadt. Rach zuverlässigen Angaben mochten um diese Zeit in den vier genannten Städten 30–40,000 fanatische Anhänger dieser Sache sich befinden, meist Leute aus Kuangsi, Kuangton u. Hunan, außerdem noch gegen 40,000 freiwillig Zugelaufene u. gegen 100,000 gezwungene Arbeiter u. Handwerker. Eine Aufforderung des chinesischen Unterstatthalters von Kiangsu, die er durch den Bezirksdirector von Schanghai an die europäischen Consuln hatte ergehen lassen, hatte die Bitte an alle Europäer enthalten, alle ihre Kriegsschiffe zu vereinigen, schnell nach Nanking hinauszufahren, die Rebellen zu vernichten u. Handel u. Wandel wieder ins alte Gleis zu bringen. Allein der englische Gesandte Bonham lehnte das Gesuch ab. Auch die Bitte, das von den Rebellen bedrohte Schanghai zu schützen, wurde von den Europäern zurückgewiesen u. am 7. April 1853 sogar die abschlägige Antwort Bonhams durch Anschlag in Schanghai öffentlich bekannt gemacht. Durch den Erfolg Hong-siu's wurden auch andere Abenteuerer zu ähnlichen Unternehmungen ermuthigt u. einer von diesen eroberte die Insel Amoy.

Urheber dieses Unternehmens war die geheime Gesellschaft zum kurzen Messer, u. der Mann, der an der Spitze stand, Dolmetscher bei dem englischen Consul in Amoy gewesen. Im Mai fuhr Bonham nach Nanking, um sich von dem Stande der Dinge persönlich zu überzeugen u. zugleich die angebliche Neutraliät[26] seiner Regierung festzustellen. Sein Gesuch, dem Kaiser Tien-teh, den er noch für lebend hielt, vorgestellt zu werden, blieb unbeantwortet, worauf er in einem Schreiben an die aufständische Regierung den Wunsch aussprach, von den Absichten in Kenntniß gesetzt zu werden, welche Tien-teh während des Krieges gegen die Mandschudynastie in Bezug auf die englische Nation u. deren Interessen hege. Hong-sin gab eine beruhigende Antwort. Die Religionsbücher der neuen Secte enthielten sehr frei ins Chinesische übersetzte u. veränderte Stellen aus dem Alten u. Neuen Testament. Die Zahl der Truppen der Insurgenten war in Nanking unbedeutend. Die Offiziere trugen Schärpen, die Gemeinen keine Uniform, Alle langes Haar. Diese Gesandtschaftsreise selbst u. in Folge derselben weiter stattfindende Erkundigungen brachten mancherlei Aufschluß. Hong-siu-tsiuen hatte den Titel eines himmlischen od. göttlichen Fürsten u. eines Wiederherstellers des Friedens (Taï-ping-wang) angenommen; unter ihm standen vier Könige, nach den Himmelsgegenden genannt, u. ein Hülfskönig. Die wiederholten Erfolge hatten die Überzeugung von der wirklich göttlichen Sendung des himmlischen Fürsten in seinen Anhängern befestigt, welche gegen Stellung einnahmen, die sich in folgender Proclamation ausspricht: Unser himmlischer Fürst hat den göttlichen Auftrag erhalten, die Mandschu, Männer, Weiber u. Kinder, ferner alle Götzendiener überhaupt auszurotten u. das Reich als sein wahrer Herrscher in Besitz zu nehmen. Dieses u. Alles, was in ihm ist, ist sein, seine Berge u. Flüsse, seine Ländereien u. öffentlichen Kassen, ihr u. Alles, was ihr habt, eure Familien, Männer u. Weiber, vom ältesten bis zum jüngsten Kinde, u. eure Habe, Kinder Armen. Wir verlangen die Dienste Aller u. nehmen Alles. Alle, die uns Widerstand leisten, sind Rebellen u. Götzenanbeter, u. wir tödten sie ohne Schonung; aber wer unseren himmlischen König anerkennt u. in unserem Dienste thätig ist, soll volle Belohnung haben, gebührende Ehren u. Ämter im Heere u. am Hofe der himmlischen Dynastie. Hong-siu ließ ein neuchinesisches Evangelium ausarbeiten, worin er sich selbst den herabgesandten Sohn des himmlischen Vaters nennt. Ende April 1853 bereits ließ er seinen früheren Lehrer Roberts amtlich einladen, nach Nanking zu kommen u. noch andere Missionäre mitzubringen. Er gab den Aufständischen deshalb möglichst die Färbung protestantischer Christen, um Engländer u. Nordamerikaner daß der französische Consul in Schanghai sich dahin äußerte, daß puritanische Quäker u. ihre Dienerschaft Ch. mit dem großen Elende des Umsturzes überzogen hätten; es sei noch in frischer Erinnerung, daß diese Missionäre früher gesagt hätten, nur der Sturz der Mandschu würde ihrem Christenthum in Ch. Bahn brechen. Auch wurden katholische Chinesen von den Aufständischen nicht selten mißhandelt u. die katholischen Kapellen u. Heiligenbilder ebenso wie die chinesischen Tempel u. Götzenbilder von ihnen zertrümmert. Aber diese Christlichkeit war nur Schein, das eigentliche Wesen der neuen Lehre ein phantastisches Prophetenthum u. Vielweiberei. (Hong-siu selbst führte 30 Weiber mit sich), eine Mischung von buddhistischen, konfucischen u. christlichen Elementen. Nur zu sehr wurde die kaiserliche Regierung gerechtfertigt, welche schon seit vielen Jahren die Mitglieder einer Menge geheimer Gesellschaften (zur Dreifaltigkeit, zur Wasserlilie, zum kurzen Messer etc.), sowie die Gesellschaft der Gottesverehrer als Anhänger des Communismus u. staatsgefährliche Volksverführer verfolgt hatte.

In Folge dieser Verhältnisse zeichnete sich die Politik der verschiedenen auswärtigen Mächte deren Interessen mehr od. weniger in Ch. zusammentreffen, immer schärfer ab. England u. Nordamerika erkannten unter der Maske der Neutralität die verschiedenen Gestaltungen des Aufstandes, die zum Theil gar nicht unter einander in Verbindung standen, als eine Macht an, von der sie hofften, daß sie dem ausländischen Handel günstiger sein würde, u. selbst englische u. nordamerikanische Offiziere dienten unter Hong-siu. Das katholische Frankreich, welches bei dem Siege der rechtmäßigen Regierung zu gewinnen hoffte, erklärte sich bald offen gegen die Aufständischen; die russische Regierung hatte aber bereits im October 1852 eine Gesandtschaft nach Peking abgehen lassen, um dem Kaiser von Ch. ihre Hülfe anzubieten. Sie sollte gegen Einräumung gewisser Zugeständnisse u. Abtretungen in Mittelasien gewährt werden. Indessen mußte doch gegen die Aufständischen eine Erwägung den englischen Staatsmännern schwer ins Gewicht fallen, die Frage nämlich, was aus dem Staatensysteme der asiatischen Mächte werden würde, wenn die von den Chinesen sogenannten Außenländer, welche durch die Mandschudynastie gegenwärtig mit Ch. verbunden sind, in Folge des Sieges der Aufständischen von Ch. sich trennten? Es sind dies die Mandschurei, die Mongolei, Turkestan (od. die Kleine Bucharei) u. Tibet, sämmtlich Länder, die von mandschurischen Garnisonen besetzt sind u. von chinesischen Beamten verwaltet werden. Es würde da wohl die Herrschaft des benachbarten Rußland in Aussicht stehen. Hätte Rußland aber erst Hlassa u. ein großes, nach dem Bengalischen Golf abdachendes Strombett, wie das des Zangbo (Sambo) od. des oberen Burremputer dann besäße es eine bessere Straße nach Britisch-Indien, als die durch die felsigen Wüstenpässe. Auf der einen Seite kamen zwei Abgesandte der aufständischen Regierung von Nanking nach Schanghai zu einer Unterredung mit Bonham u. den übrigen dort sich aufhaltenden europäischen Consuln; das Ergebniß wurde als ein befriedigendes bezeichnet, u. einer der beiden Abgesandten sollte in besonderer Sendung nach Europa gehen; auch war der nordamerikanische Missionär Roberts wirklich zu Hongsiu nach Nanking abgereist; auf der anderen Seite berichtete der apostolische Vicar von Nanking aus Schanghai den 8. Juni 1853 von grausamen Verfolgungen, denen die chinesischen Katholiken in Nanking u. sonst von Seiten der Aufständischen unterworfen worden waren. Von 600 Katholiken in Nanking, Yantschen, Tschinkiang waren 50 verbrannt od. getödtet, viele gepeitscht, mißhandelt u. die meisten in Gefängnisse geworfen worden Die Aufständischen hatten auch alle Crucifixe zerbrochen u. das Knieen beim Beten verboten. Im Septbr. 1853 brach ein neuer Aufstand in Schanghai unter einem früheren Zuckermäkler aus Canton, unterstützt von Europäern, aus. Die rechtmäßigen Behörden entflohen, nur Ein Beamter wurde ermordet, u. am 7. Septbr war die Stadt in den [27] Händen der siegreichen Rebellen, die übrigens zum Kurzmesserbunde gehörten, u. von denen in Nanking sich durch ihr Äußeres (sie behielten die Tatarentracht bei) u. durch religiöse Toleranz auszeichneten. Nach der Eroberung Nankings dachte Hong-siu ernstlich an die Eroberung Pekings u. entsandte zu diesem Zwecke im Mai 1853 ein Heer nordwärts. Es landete am 12. Mai am nördlichen Ufer des Yangtse-kiang u. schlug die Kaiserlichen. Am Abend des 28. Mai nahmen die Rebellen die Departementsstadt Fung-yang u. rückten nach Kaisung, der Hauptstadt der Provinz Honan, vor, wo sie am 19. Juni erschienen u. vergeblich stürmten. Sie wandten sich hierauf gegen Hoa-king, 20 Meilen westlich, u. verbrachten hier zwei Monate in einer erfolglosen Belagerung dieser Stadt, wo sie selbst während des zweiten Monates den Angriffen der kaiserlichen Truppen im offenen Felde ausgesetzt waren. Es trat ein Wendepunkt ein, nach welchem der Aufstand sich seinem Ende zuzuneigen schien. In den ersten Tagen des Novembers 1853 wurde das ganze Heer von den kaiserlichen Truppenmassen, die ihm theils von Hoa-king aus gefolgt, theils von Peking herbeigekommen waren, in ihrer Stellung in Tsinghai u. Tuh-iju eingeschlossen. Die aus Peking abgesendeten Truppen bestanden hauptsächlich aus einem Theil der Mandschugarnison dieser Stadt u. 4500 Mongolen. Bei Empfang der Nachricht von der gefährlichen Lage dieses Heeres ließen die Häupter des Aufstandes ein zweites, welches den Yang-tse-kiang hinausgegangen war, ihm zu Hülfe kommen, sie wurden aber beide auf ihrem Rückmarsche nach Nanking nach hartnäckigem Widerstande im Laufe des Jahres 1854 von den Kaiserlichen gänzlich geschlagen u. aufgerieben, so daß im Herbste 1855 in dem Lande nördlich am Gelben Flusse sich keine Insurgenten mehr befanden. Auch Schanghai wäre um dieselbe Zeit wieder in die Hände der Kaiserlichen gekommen, wenn nicht die dortigen Engländer u. Nordamerikaner am 4. April 1854 im Verein mit den Aufrührern das Lager der Kaiserlichen von Schanghai auseinander gesprengt u. geplündert hätten. Im Juli brachen in der unmittelbaren Nähe Cantons Unruhen aus, die auch von der Seeseite aus durch Seeräuber Unterstützung erhielten. Allein es schien ein bedeutender Umschlag in der Stimmung der besitzenden u. religiösen Bevölkerung zu Gunsten der rechtmäßigen Regierung eingetreten zu sein, denn nicht nur daß die um Canton gelegenen 96 Ortschaften u. Dörfer den Insurgenten, die übrigens ebenfalls nichts mit der Regierung Hong-siu's gemein hatten, einen zähen Widerstand entgegensetzten, auch die Bevölkerung Cantons war mit dem glücklichsten Erfolge in demselben Sinne thätig. Die kaiserlichen Behörden hatten wieder Selbstvertrauen gewonnen, denn der englische Gesandte Bonham wurde mit seinem Gesuche, in Canton eingelassen zu werden, um mit dem Statthalter von Canton über die Bedingungen zu verhandeln, unter denen England gegen die Aufrührer Hülfe leisten werde, abgewiesen, u. als der englische Gesandte in Begleitung des nordamerikanischen im Novbr. 1854 nach Peking abreisten, um mit der kaiserlichen Regierung in gleichem Sinne zu unterhandeln, wurden sie mitten auf der Reise angehalten u. von der kaiserlichen Regierung nach Schanghai mit dem Bedeuten zurückbefehligt, daß sie im Sommer 1855 in Canton kaiserliche Commissäre antreffen würden, um über die weitere Ausführung der früher abgeschlossenen Verträge zu unterhandeln. Im Winter von 1854–55 wurden die Aufständischen in Nanking immer schweigsamer; dagegen Canton zu Lande u. von der See aus hart bedrängt, aber die kräftige Einmischung des französischen Admirals Laguerre vor Schanghai gab endlich der Sache eine entscheidende Wendung. Die Franzosen, als Katholiken, waren nämlich von den Aufständischen in Schanghai, bei denen Engländer, Nordamerikaner u. fahnenflüchtige Franzosen im Kriegsdienste standen, mit der entschiedensten Ungunst u. Parteilichkeit behandelt worden. Admiral Laguerre arbeitete daher darauf hin, daß die Aufständischen mit freiem Abzuge die Stadt räumen u. den kaiserlichen Behörden übergeben sollten. Zu dem Ende langte am 3. Jan. 1855 der französische Bischof Moulz in Peking unmittelbar aus Peking im Fremdenquartier in Schanghai an, um zwischen den Franzosen u. den Chinesen, sowohl den kaiserlichen als aufständischen, als Dolmetscher zu dienen. Nachdem aber bei den, von englischen u. nordamerikanischen Kaufleuten aufgereizten Aussländischen alle gütlichen Versuche fruchtlos waren u. auch die bereits am 15. Decbr. 1854 vom Admiral Laguerre gegen Schanghai erklärte Blockade nichts half, griff dieser im Verein mit den kaiserlich chinesischen Truppen Schanghai an, wurde aber mit empfindlichem Verluste zurückgeschlagen (6. Jan. 1855). Kurz vorher hatte der nordamerikanische Gesandte seine Landsleute mit Verweisung auf die nach den Verträgen drohende Todesstrafe von der Theilnahme am Aufstande durch eine Kundmachung öffentlich gewarnt. Eine ähnliche Bekanntmachung war auch vom englischen Gesandten schon früher zur Aufrechthaltung strenger Neutralität erlassen worden. Noch ein Angriff durch die französische Flotte wurde durch die Aufständischen in Schanghai zurückgeschlagen; als aber endlich die Engländer u. Nordamerikaner sich herbeiließen, den kaiserlich chinesischen Truppen gegen Entschädigung diejenigen Gebäude zu überlassen, die zur Führung der Belagerung nothwendig waren, was bisher hartnäckig verweigert worden war, räumten die Aufständischen am 17. Febr. 1855 Schanghai. Die Haupträdelsführer flüchteten nach Hongkong unter englischen Schutz. Auf ähnliche Weise war schon früher auch Amoy wieder in die Hände der rechtmäßigen Regierung gelangt. Unter diesen Umständen hielten es die Aufständischen vor u. um Canton gerathener, ihr Unternehmen aufzugeben, bes. da sie bei der Bevölkerung nicht den mindesten Anklang gefunden hatten. Bereits am 14. März 1855 war Canton u. die Umgegend von ihnen befreit, u. zugleich wurde von da zu dieser Zeit gemeldet, daß die Aufstände in Nord- u. Südchina als vollständig beseitigt u. bewältigt anzusehen wären. Allein die Aufständischen unter Hong-sin hatten immer noch Nanking u. waren Herren des Yang-tse von Tschinkiang im Osten bis Yotschen im Westen, sowie eines auf beiden Seiten des Flusses 10–20 Meilen weit sich erstreckenden Gebietes u. endlich der beiden großen Seen Tungting u. Poyang mit ihren Ufern u. schiffbaren Nebenflüssen. Nur die wichtigen Städte Nantschang, Tschangscha u. Kingtschen waren noch in den Händen der Kaiserlichen. In den Jahren 1854 u. 1855 hatten die kaiserlichen Heere u. Mandarinen einen vollkommenen Ring um die Aufständischen[28] geschlossen u. verhinderten auf alle Weise, daß den Europäern Nachrichten darüber zukämen. Im Sommer 1856 hatten aber die Insurgenten wieder den Kreis in der Richtung nach Schanghai durchbrochen, so daß sich die Kaiserlichen bis in die Nähe der Stadt Su-tscheu, eines der wichtigsten Handelsplätze des ganzen Reiches zwischen Nanking u. Schanghai, zurückziehen mußten. Um den Eifer der so zahlreichen Feinde der regierenden Dynastie anzuspornen, hielt es Hong-siu für gerathen, sich wieder den Geheimbünden zu nähern u. zu erklären, daß an der Spitze des Aufstandes der letzte unmittelbare Sprößling der Mingdynastie stehe. In Folge dessen betheiligten sich die geheimen Gesellschaften wieder thätiger an dem Aufstande. In einer Proclamation, welche der Insurgentengeneral nach der Besitznahme von Schanghai erließ, heißt es: Ich, Si-tu, erster Generaladjutant, Leiter der Kriegsangelegenheiten, im Namen meines Chefs an die Stelle des entflohenen Beamten zum Großbeamten von Schanghai ernannt, veröffentliche diese Proclamation zu dem Behufe, um den völligen Sturz der Tataren u. die Wiederherstellung der glorreichen Mingdynastie, welcher das Land 17 unsterbliche Regierungen verdankt, zu verkünden. Im Winter 1856–57 brachen Zwistigkeiten inmitten der Aufrührer aus; der Fürst des Ostens wurde vom Fürsten des Nordens sammt seinem ganzen Anhang auf Befehl Hong-siu's ermordet. In Folge dessen entbrannte ein zweimonatlicher Kampf, worin der Fürst des Nordens mit seinem ganzen Anhang unterlag, schließlich aber Hong-siu doch in Nanking die Oberhand behielt.

E) Die neuesten Ereignisse 1856 u. 1857. Es zeigte sich immer mehr, daß die chinesische Regierung weder die Kraft besaß, noch den Willen hatte, den Beschwerden der Europäer gerecht zu werden; so daß nach Abschluß des Pariser Friedens vom März 1856 der Gedanke einer gemeinschaftlichen Friedensstiftung durch England u. Frankreich auftauchte. Indessen zog es England, welches in den chinesischen Gewässern 11 Kriegsschiffe mit 282 Kanonen hielt, hier vor, auf eigene Hand vorzugehen; es wurde dazu durch handelspolitische Interessen gewissermaßen genöthigt. Die chinesischen Producte, für England Bedürfniß geworden, leiteten das Silber in Masse nach Ch., während die chinesische Regierung europäischen Producten keinen Eingang gestattete. Die Engländer hatten durch die Einführung des Opiums das Silber wieder herausziehen wollen, aber die chinesische Regierung u. die Insurgenten zeigten den Fremden gegenüber in dieser Beziehung die gleiche Gesinnung. Es blieb nichts übrig, als den englischen Waaren mit den Waffen in der Hand Eingang zu verschaffen, wie anderwärts. Eine Veranlassung war leicht gefunden; am 8. Octbr. 1856 hatten die chinesischen Behörden in Canton die Besatzung einer vor Canton unter britischer Flagge ankernden Barke festgenommen, wobei der englische Consul Parkes verhöhnt worden war. Der chinesische Generalgouverneur Yeh hatte das Verlangen nach Genugthuung zurückgewiesen, worauf der englische Admiral Seymour durch ein dreimaliges Bombardement am 24., 27. u. 29. Oct. 1856 die Regierungsgebäude Cantons zerstörte u. entsetzliche Verwüstungen anrichtete. Sofort nach Ankunft der Nachricht dieser Beschießung wurde auch von der französischen Regierung ein starkes Geschwader in die chinesischen Gewässer befehligt, um die dort bereits stehende französische Seemacht zu verstärken. Die Repressalien von Seiten der chinesischen Regierung gegen die Engländer ließen nicht lange auf sich warten; der Pekinger Hof ertheilte an die Gouverneure der fünf Häfen strenge Weisungen, von denen folgende die hauptsächlichsten Bestimmungen sind: bis auf Weiteres ist allen Chinesen verboten, mit den Engländern Handel zu treiben; die eröffneten Opiummärkte sind vorläufig geschlossen; um die fünf den Europäern eröffneten Häfen soll ein Truppencordon gestellt werden, um die Fremden zu hindern, ins Land zu dringen; alle europäischen Waaren sind verboten u. der Schmuggel wird mit dem Tode bestraft; die Verträge mit den Engländern sind außer Kraft gesetzt u. die Engländer zu Land u. zu Wasser als Feinde zu behandeln; die Bestimmungen dieser Verordnung gelten nicht für die Märkte auf der Landseite an der sibirischen Grenze. Die Engländer wurden von den chinesischen Behörden für vogelfrei erklärt, auf ihre Köpfe Preise ausgesetzt u. Gift u. Meuchelmord gegen sie in Anwendung gebracht. Unterdessen hatten die Feindseligkeiten bei Canton fortgedauert, wobei die Chinesen mehrmals einen unerwarteten Muth u. Kriegsübung zeigten. Ihre Erbitterung gegen die Fremden stieg immer mehr wegen der Ausfuhr des Silbers u. des großartigen Schmuggelhandels. Am 14. Decbr. 1856 brannten sämmtliche europäische Gebäude in Canton nieder, so daß die Europäer sich zu Schiff nach Macao u. Hongkong zurückziehen mußten, wohin auch die englische Kriegsmacht, zu schwach, etwas Entscheidendes vor Canton auszurichten, sich begab. Die Regierung der Nordamerikanischen Union hatte anfänglich gegen die von England begonnenen Feindseligkeiten zum Schutz des amerikanischen Handels mit Ch. Verwahrung eingelegt; da die Chinesen aber auch die Nordamerikaner angriffen, so beschoß eine amerikanische Corvette am 20., 21. u. 22. Nov. einige chinesische Festungswerke u. zerstörte sie. Die englische Regierung beschloß, vom Kaiser von Ch. die Mißbilligung des von Yeh gegen die Europäer beobachteten Verfahrens, die Erneuerung der Verträge u. eine befriedigende Regelung des völkerrechtlichen Verkehrs zu verlangen. Lord Elgin wurde als außerordentlicher Commissär hingesandt u. eine ausreichende Truppenmacht sollte ihn begleiten, die jedoch, ehe sie den Ort ihrer Bestimmung erreichte, gegen den Aufstand in Ostindien verwendet werden mußte. Frankreich u. Nordamerika verständigten sich mit England zu gemeinschaftlichem Handeln gegen Ch. u. sandten ebenfalls außerordentliche Commissäre mit Verstärkungen ihrer Kriegsmacht in den chinesischen Gewässern. Am 27. Mai u. 1. Juni 1857 zerstörten die Engländer eine kleine chinesische Kriegsflotte in der Bai von Fakschao u. nahmen auch da wieder wahr, daß die Chinesen seit 1842 in der Kriegsführung bedeutende Fortschritte gemacht hatten. Man fand bei ihnen vortreffliche Kanonen u. weittragende europäische Fliuten. Nach Ankunft des englischen Kriegscommissärs in Honkong im Juli wurden die Gewässer bei Canton in Blockadezustand erklärt. Die Regierung in Peking billigte das Verfahren Yeh's ausdrücklich, so daß also der Krieg zwischen Ch. u. England nicht ausbleiben konnte. Am 30. Aug. langte in Schanghai der russische Admiral[29] Putiatine mit einem russischen Dampfschiffe vom Amur an, der von Petersburg durch Sibirien nach den russischen Amurcolonien gereist war. Am 12. Sept. erklärte endlich die chinesische Regierung den Engländern den Krieg.

Die Lage der chinesischen Regierung schien durchaus nicht so verzweifelt, als es manche Nachrichten darstellten. Die kaiserlichen Truppen waren siegreich in der Provinz Kiangsu u. schlugen die Rebellen, deren Lager sie in Brand steckten. Geld war selten, aber nicht aus Mangel an Silber, sondern weil die Regierung befohlen hatte, die Unmasse von Silber, welche in den letzten Jahren für Thee u. Seide eingegangen war, einzuschmelzen, um es im Lande zu behalten. Das Gebiet, auf welches sich der Aufstand Hong-siu's beschränkte, ist ein verhältnißmäßig gegen den Umfang Ch-s unbedeutendes u. ganz dasselbe, dessen Bevölkerung eigentlich stets gegen die Mandschuherrschaft eingenommen gewesen ist. Als die gegenwärtige Dynastie den Thron bestieg, gelang ihr erst nach einem andauernden 50jährigen Kampfe die Unterwerfung des südöstlichen Ch-s. Nach Allem, was wir von Ch. wissen, ist es kaum ein Reich, welches sich bes. zur Einführung neuer gesellschaftlicher Zustände u. einer ganz neuen Religion eignet. Die viel besprochene chinesische Revolution scheint eine von den Krisen zu sein, welche in der Geschichte aller großen Reiche vorkommen u. dieselben ein paar Jahre hindurch erschüttern, ohne sie umzustürzen, wie denn auch die Geschichte Ch-s dergleichen mehrere bereits aufzuweisen hat. Eine viel nachhaltigere Erscheinung dürfte die massenhafte Auswanderung der Chinesen sein, die seit einigen Jahren in viel größerem Maßstabe als früher nach Australien u. allen Theilen Amerikas, bes. Californien u. Westindien, stattgefunden hat, wohin sie theils als Kaufleute, theils als Handwerker u. Tagearbeiter, theils als Colonisten gehen. Engländer u. Nordamerikaner haben sich hauptsächlich des Geschäftes bemächtigt, diese Leute, wenn es Arbeiter sind, unter dem Namen chinesische Kulis über die See zu führen, bes. an Orte, wo sonst Negersklaven gearbeitet haben Diese Wanderungen der Chinesen sind nicht neu; sie haben sich schon seit Jahrhunderten theils über die benachbarten asiatischen Länder, theils über die Inselwelt ergossen, die von Sumatra bis nach Australien u. zu den Philippinen reicht; in größeren Massen aber erst seit dem Erscheinen der europäischen Seemächte in ihren Gewässern. Wo chinesische Einwanderer einmal Fuß gefaßt haben, vermehren sie sich in starker Progression u. sind geneigt, nach u. nach die einheimischen Volker zu unterjochen. In der Mongolei sind sie die Herren des fruchtbaren Landes u. eines großen Theils der zahlreichen Heerden der Nomaden; in Siam waren sie vor nicht langer Zeit vorherrschend; man rechnete ihre Anzahl aus dem asiatischen Festlande u. im Archipel auf wenigstens 3 Millionen Seelen. In den Jahren 1820 u. den folgenden begann die Auswanderung nach Brasilien; seit 1848 ziehen die Bewohner der südöstlichen Provinzen in großen Schaaren nach Californien u. Oregon, um sich durch Ackerbau u. Krämerei Vermögen zu erwerben; nur Wenige arbeiten in den Goldwäschen. Eine große Anzahl von amerikanischen Schiffen beschäftigte sich mit dem Transport chinesischer Auswanderer, deren Zahl nicht abnahm, obwohl die Nordamerikaner anfingen, wegen der chinesischen Einwanderung Besorgnisse zu hegen Was die Verhältnisse Ch-s zu anderen u. insbesondere zu den europäischen Staaten anlangt, so fürchtet die chinesische Regierung zumeist die Engländer, als die größte asiatische Macht nach Ch., auf einer weiten Strecke an chinesisches Vasallenland angrenzend, alle Meere, auch das Chinesische, beherrschend u. auf der Insel Hongkong mit Schiffen u. Truppen stets in der nächsten Nähe. Bei der bedeutenden Seemacht, welche England in den asiatischen Gewässern unterhält, bei der Schnelligkeit womit Truppen zur See fortgeschafft werden können, ist es die einzige Macht, vor welcher dem Chinesischen Reich wirklich Gefahr droht, vorausgesetzt, daß Großbritannien im unbestrittenen Besitze von Ostindien ist. Ganz anders ist das Verhältniß Rußland gegenüber, welches in Asien zwar sehr viel Land, aber ungemein wenig Menschen hat, so daß die ungeheueren Strecken im Norden zwischen Ch. u. dem Europäischen Rußland Ch. gegenüber nicht seine Stärke, sondern seine Schwäche sind. Haben nun auch die Russen seit dem fünften Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts von Ostsibirien aus in der östlichen Mandschurei, im Stromgebiete des Amur, wieder große Landstrecken in Besitz genommen u. Niederlassungen den Amur hinunter bis an die Tatarische Meerenge gegründet, so ist dies, wie wenigstens von russischer Seite behauptet u. von chinesischer nicht widersprochen worden ist, auf Grund eines gegenseitigen Einverständnisses geschehen ohne daß die chinesische Regierung eine Gefahr darin erblickt hätte. Die Abtretung eines kleinen streitigen Gebietes der Mandschurei an der russisch-chinesischen Grenze, welche im Jahre 1855 von Seiten der chinesischen Regierung an Rußland erfolgt ist, hat bei der großen Ausdehnung beider Reiche kaum eine andere Bedeutung, als die einer Grenzberichtigung. Immer mehr nimmt der Einfluß zu, den die bedeutende Handelsmacht der Nordamerikanischen Union von Californien aus auf Ch. übt. Frankreich hat in Ch. nicht die Interessen einer asiatischen Machtstellung od. eines ausgebreiteten Handels zu vertreten, dagegen sind die meisten der römisch-katholischen Missionäre in Ch. Franzosen.

VII. Literatur. Die einheimischen Quellen s. u. Chinesische Literatur; außerdem Mailla, Hist. génerale de la Chine, Par. 1777–83, 12 Bde. (vgl. Chinesische Literatur); Gützlaff, Geschichte von Ch., englisch Canton 1833, deutsch von Bauer, Quedlinb. 1836, 2 Bde., herausgegeben u. fortgesetzt von Neumann, Stuttg. 1847; Plath, Die Völker der Mandschurei, Gött. 1830; Thornton, A history of China, Lond. 1844 ff.; C. Richard, Über den englisch-chinesischen Krieg, Aachen 1843; Cullney u. Ivan, Der Aufstand in Ch. von seiner Entstehung bis zur Einnahme von Nanking, deutsch von Otto, Braunschw. 1854; Thomas Taylor Meadows, The Chinese and their rebellions, viewed in connexion with their national philosophy, ethics, legislation and administration, Lond. 1856, deutsch bearbeitet von J. Neumark, Berl. 1857.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 4. Altenburg 1858, S. 12-30.
Lizenz:
Faksimiles:
12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30
Kategorien:

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Gespenstersonate

Gespenstersonate

Kammerspiel in drei Akten. Der Student Arkenholz und der Greis Hummel nehmen an den Gespenstersoirees eines Oberst teil und werden Zeuge und Protagonist brisanter Enthüllungen. Strindberg setzt die verzerrten Traumdimensionen seiner Figuren in steten Konflikt mit szenisch realen Bildern. Fließende Übergänge vom alltäglich Trivialem in absurde Traumebenen entlarven Fiktionen des bürgerlich-aristokratischen Milieus.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon