Haar [1]

[813] Haar (Pili, Anthrop. u. Zool.), seines, röhrenförmiges, hornartiges, elastisches Organ, welches im Thierreich ziemlich allgemein verbreitet ist, bes. aber bei den Säugethieren fast die ganze Haut bedeckt. Das untere weiche, weiße, angeschwollene Ende nennt man gewöhnlich die Haar zwiebel od. Haarwurzel. Betrachtet man dasselbe aber genauer unter dem Mikroskop, so findet man, daß es hutförmig ist, seine Streifen von ihm aus bis in den eigentlichen Haarschaft hinausdringen u. es auf einem warzenförmigen, von Nerven u. Blutgefäßen durchzogenen Körper (Haarpapille, Haarkeim) sitzt, der sehr empfindlich ist, weshalb auch das Ausreißen eines Haares so schmerzt. Diese[813] Haarpapille ist von einer Kapsel, dem Haarbalge, umgeben, der tief in der Lederhaut steckt, sich schief auf der äußeren Oberfläche öffnet u. das Haar, welches sich schichtweise von der Haarzwiebel ablagert u. so allmälig emporwächst, durchtreten läßt. Rings um jeden Haarbalg liegt ein Kranz kleiner Talgdrüsen (daher auch Haarbalgdrüsen genannt, s. Haut), welche dem Haarschafte ihr Fett mittheilen. Vom Grunde des Haarbalges aus wächst das Haar dadurch, daß hier ein flüssiger Bildungsstoff aus dem Blute abgeschieden wird, in dem sich Zellen bilden, welche nach oben allmälig zu Markzellen, Haarfasern u. Oberhautschüppchen werden. Man unterscheidet nämlich an jedem Haar die Faser- od. Rindensubstanz mit dem Oberhäutchen u. im Innern die Marksubstanz, welche letztere jedoch zuweilen auch fehlt, wo sie aber vorhanden ist, aus reihenweise an einander gelagerten rundlichen Markzellen besteht, die mit Flüssigkeit od. Luftbläschen erfüllt sind. Die Faser- od. Rindensubstanz ist aus Hornplättchen zusammengesetzt, die nach der Haarwurzel hin immer weicher werden u. endlich in längliche Zellen übergehen. Die Haare wachsen, wenn sie abgeschnitten werden, wieder nach u. werden durch die Flüssigkeiten ernährt, welche aus den Gefäßen des Haarkeimes kommen u. von der Haarwurzel aus in die Höhe steigen. Diese Flüssigkeiten dunsten dann wahrscheinlich an der Oberfläche des Haares wieder aus u. werden immer wieder durch neue ersetzt; das Grauwerden od. Ausfallen der Haare hängt aber wohl immer vom Mangel dieser Ernährungsflüssigkeiten ab. Sind Haare ausgefallen, die aber noch lange stehen bleibenden Bälge u. Papillen vollkommen gesund, so ist es wohl möglich, daß sich in ihnen wieder neue Haare bilden können. Der Nutzen der Haare ist so mannigfaltig, wie ihre Gestalt u. Lage. Als Augenwimpern u. Brauen dienen sie zum Schutze gegen Staub, Insecten, herabrollende Schweißtropfen. Ähnliche Zwecke haben sie am Eingange des Ohres u. der Nase. Auf dem Kopfe bilden sie eine wärmere Bedeckung, welche zugleich das Gesicht verschönert u. Einfluß auf die Kopfausdünstung hat, indem sie als Leiter wässeriger Dünste, die unmittelbare Wärme raubende Verdunstung auf der Haut mildert. Die Haare nehmen nämlich sehr leicht Wasser auf u. geben es wieder ab, sind daher bald trocken u. spröde, bald feucht u. weich, je nachdem die Atmosphäre od. die Haut viel od. wenig Feuchtigkeit enthält. Nach ihrer verschiedenen Anfeuchtung sind sie länger od. kürzer, weshalb sie sich auch vortrefflich zu Hygrometern (s.d.) eignen. Auch sehr elektrisch sind die Haare, d.h. sie haben die Fähigkeit, die Elektricität auf ihrer Oberfläche zu halten u. bei Reibung im Dunkeln zu leuchten. Die Borsten u. Stacheln (s.b.) bei den Säugethieren sind immer Modificationen des Haares.

Die meisten Säugethiere haben Haar (Deckhaar, Stichelhaar) u. Wolle zugleich zu ihrer Bedeckung, aber bald ist mehr das erstere, bald mehr die Wolle überwiegend u. zwar bes. je nach Klima u. anderen Einflüssen, ja bei manchen sind die ganzen Haare zu Wollhaaren geworden, die aber dann so verfitzt sind, daß sie der schützenden Decke entbehren können (so bei den Schafen u. dem Pudel); od. bei anderen sind sie alle nur Deckhaare, wie z.B. bei vielen Hunden (vgl. Wolle) Die chemische Zusammensetzung der Haare ist im Allgemeinen der des Horngewebes gleich. Vauquelin fand in den Haaren zwei Öle, das eine nach der Farbe des Haares verschieden, das andere immer weiß, außerdem Eisenoxyd, phosphor- u. kohlensauren Kalk, Kieselsäure u. Schwefel. Sind bei den Säugethieren die Haare am Nacken u. Halse sehr lang, so bilden sie eine Mähne; lange Haare an Lippen, Kinn u. Wangen bilden einen Bart, oben auf dem Scheitel einen Schopf, in Büscheln unten an den Füßen (wie bei den Pferden) Haarzotten, am Schwanzende eine Quaste, gleich von der Basis des Schwanzes aus (wie beim Pferde) einen Schweif, an beiden Seiten des Schwanzes aber herabhängend (wie bei manchen Hunden) eine Fahne. Bei mehreren, wie z.B. den Eichhörnchen, stehen die Haare des Schwanzes etc. gescheitelt, d.h. nach beiden Seiten hin gerichtet. Manche haben lange Haarbüschel an den Ohren. Lange Borsten hinter den Mundwinkeln heißen Schnurren, Schnurrhaare od. Bartborsten. Nackte, unbehaarte, mit Lederhaut bedeckte Stellen, z.B. am Gefäße, an der Brust, den Knien u. Fußsohlen nennt man Schwielen. Übrigens finden sich schon Haare bei den Thieren der niedrigsten Bildungsstufe u. durch alle Klassen, mit Ausnahme der Amphibien u. Fische; denn auch die Federn der Vögel sind den Haaren zu vergleichen. Oft erscheinen die Haare auch sehr schön gefärbt, od. mit prachtvollem, metallischem Farbenschimmer, wie z.B. beim Goldmaulwurf u. der Seeraupe (s.b.).

Der menschliche Körper ist seiner Bestimmung nach nur an wenig Theilen eigentlich behaart; doch finden sich auch an mehreren, eigentlich unbehaarten Stellen, außer seinen, kurzen, ungefärbten, kaum dem Auge bemerkbaren Haaren (Wollhaaren), die nur an wenigen Stellen, wie in den Hohlhänden u. an den Fußsohlen, ganz fehlen, einzelne längere Haare (Hauthaare), mehr doch beim männlichen Geschlecht im erwachsenen Alter, vornehmlich auf der Brust u. der Bauchseite des Unterleibes, u. auf der Streckseite des Vorderarms u. des Unterschenkels. Nach den, ihrer Ratur nach behaarten Körpertheilen unterscheidet man Kopf- od. Haupthaare, als die vorzüglichsten, sodann die Augenbrauen u. Augenwimpern, den Bart, als Haarbildungen, ferner Ohr-, Nasenlöcher-, Achsel- u. Schamhaare. Die Menschenhaare sind nach dem Alter, Geschlecht, nationellen u. anderen Körpereigenschaften auch sehr verschieden. Der Embryo bekommt schon im 5. Monat einen seinen haarigen Überzug seiner Haut (Milchhaare), welcher aber bald nach der Geburt verschwindet, wogegen erst später, gegen das Eintreten der Mannbarkeit, das gedachte Wollhaar nebst den hin u. wieder an einzelnen nackten Stellen bemerkbar werdenden Hauthaaren sich ausbildet. Mit dem 7. Monate zeigen sich beim Embryo die ersten Spuren der Kopfhaare, welche nach der Geburt mehr od. weniger reichlich, meist weißlich, aber auch dunkelfarbig, nebst ähnlichen Augenbrauen u. Augenwimpern, sich darstellen. Diesesämmtlichen Haare werden später stärker u. meist dunkler von Farbe. Mit dem Eintreten der Mannbarkeit bilden sich nun in beiden Geschlechtern die Haare an der Schamgegend u. in der Achselhöhle, beim Manne auch auf der Brust u. an dem Kinn der Bart. Das Haarausfallen (Alopecia) erfolgt durch unvollkommene Ernährung der. H. u. Vertrocknung[814] der Haarwurzeln theils naturgemäß, wie bei Kindern im ersten Lebensjahre u. bei Greisen, theils durch krankhafte, bisweilen auch mit Entzündung der Haarwurzeln verbundene Disposition, bei Greisen u. früh alternden Personen mit Ergrauen, sonst auch oft mit Vertrocknung u. Spaltung derselben an der Spitze. Es beginnt bald mehr vom Scheitel (Glatze) u. betrifft vorzüglich das Vorderhaupt (Phalacrosis), od. vom Hinterhaupt u. setzt sich in einem Streifen nach dem Ohr od. der Stirn fort (Ophiasis), seltener wird das Hinterhaupt allein kahl. Das frühzeitige Haarausfallen beruht oft auf erblicher Anlage, Eigenthümlichkeit der Constitution, Neigung zum Fettwerden od. rührt von reizenden Haarmitteln, starken Geistesanstrengungen, Leidenschaften, vorzüglich Kummer, übermäßigem Genuß geistiger Getränke, Ausschweifung in der Liebe etc. her. Außerdem führen Wochenkrankheiten, das Stillen der Kinder, starke Blutflüsse, Zehrfieber, Kopfleiden verschiedener Art, Kopfausschläge, bes. der Kopfgrind, die Rose etc., Hirnentzündungen, schlimme Fieber u.a. erschöpfende Krankheiten, wie Nervenfieber, selten jetzt noch die Lustseuche, dasselbe herbei. Besonders oft tritt es in der Genesungsperiode schlimmer, fieberhafter Krankheiten ein. Das weibliche Geschlecht ist ihm weniger, noch minder sind ihm Verschnittene unterworfen. Das durch Alter, erbliche Anlage u. Ausschweifungen erzeugte Haarausfallen ist meist unheilbar, das nach fieberhaften Leiden entstandene beseitigt meistens die Natur wieder. Als Mittel gegen das Haarausfallen dienen bes. das Rindsklauenfett, das Rindsknochenmark (s. Pomaden) u. vorzüglich milde Öle, das Provencer-, Mandel-, Nußöl; als Zusätze dazu geringe Quantitäten ätherische Öle, die Tinctur von Spanischen Fliegen, Citronensaft etc., als Stärkungsmittel China. Außerdem werden gerühmt die Klettenwurzel in Abkochung od. als Extract in Salben, der Buchsbaum, die Bierwürze, das Bier, der Zwiebelsaft mit Öl u.v.a. Dinge. Oft sind auch innere Mittel u. eine passende Diät erforderlich. Vor Allem befördert den Haarwuchs Reinlichkeit u. jedesmaliges Trocknen des vom Schweiß feuchten Haares; von andern Mitteln zeigten sich wirksam ein Absud von Queckenwurzel mit Braunbier u. Rosengeist, od. Reiben mit einer frisch aufgeschnittenen Zwiebel, od. auch ein Aufguß von Brunnenwasser u. Schmiedehammerschlag od. auch das gewöhnliche Löschwasser der Eisenarbeiter, verschiedene Haarpomaden etc. Haartilgungsmittel (Haarbeizen), welche angewandt werden, um an ungewöhnlichen Stellen, bes. des weiblichen Körpers, z.B. an der Oberlippe u. dem Nacken, die dort wachsenden H. zu entfernen, sind bes. das Rusma der Türken, eine Salbe aus Auripigment, ungelöschtem Kalk u. Honig, od. versüßter Salzgeist auf Löschpapier u. damit überschlagen. In der Regel sind bei dem männlichen Geschlecht die H. stärker u. straffer, selbst ausgebreiteter, als bei dem weiblichen, bei diesem aber die Haupthaare länger, dichter u. dauernder. Blumenbach nimmt folgende Nationalverschiedenheit der menschlichen Kopfhaare an: a) braunes od. nußfarbenes, theils ins Gelbe, selbst ins Rothe, theils ins Schwarze übergehendes, weiches, reichliches, wie Wellen fließendes H.; bei den meisten Nationen des mittleren Europa; b) schwarzes, starres, schlichtes u. dünner stehendes H.; bei den mongolischen u. amerikanischen Völkerschaften; c) schwarzes, weiches, lockiges, dicht u. reichlich stehendes H. der meisten Bewohner der Südseeinseln; d) schwarzes, krauses Wollhaar der äthiopischen Race. Überhaupt unterscheidet man als individuelle Verschiedenheiten des Haarwuchses, namentlich des Kopfhaars: a) der Farbe nach: aa) blondes od. hellfarbiges H., wovon rothes nur die höhere (gewöhnlich mißfällige) Nüance ist, zu welcher gelblich weißes, weißlichgelbes, flachsgelbes, röthlichgelbes die Übergänge macht; bb) u. dukelfarbiges H., welches sich entweder braun, od. in höchster Nüance schwarz darstellt, zu welchem braungelbes, hellbraunes, dunkelbraunes, schwarzbraunes die Übergänge sind; cc) graues u. weißes H., als Andeutungen des Alters od. der Kränklichkeit, zu denen halbgraues den Übergang macht; b) der Form nach, schlichtes, krauses, langes, struppiges od. borstiges, dünnes H.; c) in Hinsicht des Orts, nach dem hin es dem natürlichen Wuchse nach fällt: Vorderhaupts- u. bes. Stirnhaar, Hinterhaupts- od. Kopfhaar (gewöhnlich die längsten), Seiten- od. Lockenhaare. Die H. gehören, wie die Nägel, Hufe, Hörner etc., zu den niedrigen Bildungen des Thierkörpers. Im gefunden Zustande sind sie daher unempfindlich. Sie erzeugen sich nach dem Abschneiden aufs Neue u. wachsen wie die Pflanzen stärker, je mehr der Trieb der Säfte, bes. durch Verschneiden derselben, nach der Haut hin gelockt wird. Gleichwohl werden sie in krankhaftem Zustande, namentlich beim Weichselzopf (s.d.), empfindlich, gerathen in eine Art von Entzündungszustand, bluten u. verhärten sich durch Ausschwitzung gerinnbarer Lymphe zu großen Klumpen.

Wegen des Nutzens der Haare (s. oben) ist auch die Cultur derselben für die Erhaltung der Gesundheit nicht gleichgültig. Durch tägliches Kämmen u. Reinigen mit einer nicht zu scharfen Haarbürste, bei Trockenheit u. Sprödigkeit derselben durch Anwendung einfacher, nicht mit zu reizenden Ingredienzen u. nur in kleiner Quantität versetzten Pomaden, od. noch besser milden Ölen, dem Provencer-, Mandel-, Nußöl, wird die Erhaltung der H. u. ihre Schönheit vorzüglich bewirkt. Das Waschen derselben früh nach dem Aufstehen mit kaltem Wasser ist nicht zu empfehlen. Zu fettige Haare werden mit Mandelfelsenwasser oder Eidotter gereinigt. Das Wachsthum wird befördert durch Bloßtragen, Abschneiden od. Abspitzen. Es bleiben aber alle Künsteleien, das Wachsthum u. die Schönheit der H. zu befördern, od. ihnen wohl gar eine andere, als die der jedesmaligen Individualität entsprechende, naturgemäße Farbe zu geben, bedenklich. Am besten werden bleierne Kämme in dieser Absicht gebraucht. Ungeachtet die H. Erzeugnisse der äußern Körperfläche sind, so bilden sich doch in Krankheitszuständen auch im Innern des Körpers, namentlich in den mehr der Vegetation angehörigen Organen, z.B. den Eierstöcken, Hoden etc., regelwidrige H. Bemerkenswerth ist auch ihre fast gänzliche Unverweslichkeit nach dem Tode; ja selbst ihr Eigenleben erlöscht nicht völlig gleichzeitig mit dem Tode des Körpers, daher unter Umständen sie selbst an Leichen noch eine Zeit lang fortwachsen.

Menschenhaare werden bes. zu Perücken, falschen Haarbedeckungen u. Locken, Halsketten, Armbändern u.a. Flechtwerken gebraucht. Um sie ganz[815] schwarz od. braun zu erhalten, was sie von Natur selten sind, färbt man dieselben, indem man sie mit Silberglätte einreibt u. längere od. kürzere Zeit in Wasser kocht (Haarfärben). H. werden von Lebenden od. Todten genommen u. kommen von allen Farben in den Handel, worunter aber die blonden die theuersten sind. Sie kommen mehr aus nördlichen Ländern, aus Holland, Flandern, Deutschland u. gehen von da nach den südlichen Gegenden. Man verlangt, daß sie wenigstens 24–25 Zoll Länge haben. Meist werden sie in Packeten von 50–100 Pfund versendet. Die Hauptsorten von Thierhaaren sind Pferde-, Rind-, Kälber-, Ziegen-, Reh-, Hafen-, Biberhaare. Sie werden sowohl gekräuselt als gesotten zu Polstern, zu Violinbogen, zu Reußen der Fischer, zu Armbändern, Knöpfen, Halfterstricken, groben Fußdecken, Haarfohlen, Bürsten, Buchdruckerballen, zum Polstern, zu Pinseln, zu Hüten etc. verarbeitet Die einfachste Behandlung der H. ist das Auskämmen u. Bürsten derselben, so daß sie nach der natürlichen Richtung ihres Wuchses von der Wirbelgegend aus sich scheitelnd seitwärts u. als Hinterhauptshaare über den Nacken herabfallen. Da aber das Herabhängen der H. manche Unbequemlichkeiten hat, so pflegt man durch Flechten u. Binden die H. in einen kleinen Raum zu bringen, od. auch die H. ganz od. stellenweise zu verschneiden, od. auch ganz od. meist unter Kopfaufsätzen zu verbergen. Bei den alten Hebräern trugen die Männer das H. als Schmuck u. Zierde; doch ließen sie es nicht allzu lang wachsen, sondern schoren es von Zeit zu Zeit, nur nicht rund, weil dies das Gesetz verbot, u. nicht kahl, weil dies das Zeichen der Trauer u. der Unfreiheit war; nur in Folge eines Gelübdes schor man es nicht, wie es überhaupt bei den Nasiräern (s.d.) Gesetz war. Geschoren wurde das H. von denen, welche als rein vom Aussatz erklärt wurden, u. bei der Weihe als Levit. Ein besonderer Schmuck junger Leute war, das H. lockig zu haben od. in Zöpfe zu flechten (wie Simson), später aber galt dies als ein Zeichen der Weichlichkeit u. als schändlich. Für die Weiber war langes schönes H. eine Zierde; diese flochten u. lockten es u. umwanden es mit Binden u. Schnüren; einer Frau das H. abscheeren, war die größte Beschimpfung u. das Zeichen der Sklaverei. Die Griechen trugen im heroischen Zeitalter ihr Haar lang, u. zwar ließen die Achäer das ganze Haar stehen, die Abanten aber nur am Hinterhaupt. Das Haar schor man nur als Zeichen der Trauer u. gab dem gestorbenen Freunde dasselbe als Ehrengabe in die Hand. Ein langes Haar galt für Frauen für eine Schönheit, ihnen von Aphrodite verliehen; die schönsten wurden den Charitinnen beigelegt, u. mit denselben schöner Haarwuchs der Menschen verglichen. Sie hüllten das Haar am Hinterhaupt in ein Netz. Die Athener trugen das Haar ungeschoren, auf dem Scheitel aufgebunden, mit einem Band gebunden u. mit einer Nadel (Tettix) durchstochen. Diese Frisur, bei den Männern Krobylos, bei den Frauen Korymbos, bei den Knaben Skorpios genannt, war bis zur Zeit des Peloponnesischen Krieges Mode, nachher blieb es nur für junge Leute; ältere, welche sich so trugen, wurden ausgelacht. Wie bei den Persern u. Carthagern, wurden auch schon bei den Griechen von Männern u. Weibern falsche H. als Touren u. Perücken getragen; solche Touren hießen Peritheta u. spätere Schriftsteller unterscheiden dreierlei Art: Entrichon, Prokomion (bes. am Vorderkopf von Weibern zu Schmuck getragen) u. Penike (eine Art Perücke). Auch die Römer trugen das Haar natürlich, erst im 3. Jahrh. v. Chr. wurde es Gebrauch, dasselbe zu kürzen, zu kräuseln u. zu salben; Jünglinge u. Frauen banden es nach dem Hinterhaupt in einen Knoten, u. Ersteren wurde, wenn sie die Toga virilis anlegten, das Haar geschoren u. zum Theil zu Ehren des Apollo verbrannt, zum Theil für Neptunus ins Meer geworfen. Frauenzimmer kräuselten u. legten ihr Haar in Locken; diese Locken ließen sie entweder an den Schläfen herabhängen, od. reiheten sie rund um das Haupt u. hielten die Reihen durch eine zirkelförmige Nadel zusammen. Eine einfachere Tracht war ein breites Band um den Kopf zu binden u. darein das in einen Knoten geschlungene Haar zu legen. Außer dem Salben (mit dem Sapo, s.d.), um das Haar glänzender zu machen, kam in späterer Zeit auch die Sitte auf, dasselbe zu färben u. mit Goldstaub zu bestreuen. Zur Kaiserzeit trug man auch falsche H. in Zöpfen zum Schmuck u. als Perücken (Capillamentum, Galericulum) zur Bedeckung der Glatzen; bes. waren zu ersterem Zweck die röthlichen Haare der Germanen beliebt. Bei den Deutschen verwendeten die Männer große Sorge auf den Putz ihres Haares, Männer salbten dasselbe, seltener die Frauen (s. Deutschland [Ant.]). Bei den Franken war es Anfangs ein Vorrecht der Prinzen vom Geblüt, dann auch der Edeln, das Haar lang zu tragen. Bei der Absetzung eines Königs wurde ihm das Haar verschnitten, u. umgekehrt zog der Verlust des Haares den Verlust des Thrones nach sich. Die alten Gallier trugen ihr H. meist kurz; aus Gallien kam die beste Haarsalbe nach Rom. Unter den Christen eiferten Apostel u. Kirchenlehrer gegen den übertriebenen Haarputz der Weiber. Auch für Männer wurde es für anständiger erachtet, das H. abgestutzt zu tragen, daher es auch bald unter Geistlichen dahin kam, ihr Haupthaar verschnitten, ja zum Theil geschoren zu tragen (vgl. Tonsur). Zur Zeit Franz' I. trug man in Frankreich bei Hofe allgemein langes Haar, dieser König aber stutzte wegen einer Wunde am Kopf, welche er gern zeigen wollte, nach der Italiener u. Schweizer Weise, zuerst die H., welche Mode bald allgemein wurde. Erst unter Ludwig XIII. lebte die Mode wieder auf, langes Haar u. lockig zu tragen, welches zu allgemeiner Einführung der Perücken führte. Zu gleicher Zeit kam der Puder auf. Der Haarputz der Frauen wechselte in neuerer Zeit oft; bald wurden die H. kurz verschnitten u. nur mit Blumen, Steinen od. Perlen verziert, bald hoch aufgethürmt, od. in Nacken rückwärts geschlagen, od. in Zöpfe verflochten u. in Locken gelegt, mit Nadeln u. Kämmen befestigt etc. Außereuropäische Nationen zeigen im Allgemeinen in der Art das Haar zu tragen eine große Beständigkeit, s. die einzelnen ethnographischen Artikel. In Wappen erscheinen die menschlichen Bilder, die Mohren ausgenommen, gewöhnlich mit langem Haupthaar; hängt es vorn über die Schultern, so sagt man: mit abhängenden, hängt es hinterwärts: mit zu Felde geschlagenen Haaren. Vgl. Hadr. Junius, De coma; Fr. Nicolai, Über den Gebrauch der falschen H. u. Perücken, Berl. 1801.[816]

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 813-817.
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