Mensch

[131] Mensch, 1) das höchste organisirte Wesen in der Klasse der Säugthiere, aufrechtgehend, mit Vernunft begabt. Der M. stellt sich als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung in dreifacher Beziehung dar: als Naturwesen, als geistiges u. als sociales, gesellig lebendes Wesen. A) Als Naturwesen, also zunächst von Seiten seiner leiblichen Organisation, theilt der M. mit den Thieren die meisten u. wesentlichsten ihrer Charaktere, gehört also selbst dem Thierreiche an, der vollendetsien Klasse derselben, der der Säugthiere, hier aber eine eigene Gattung (Menschengattung) u. Art bildend, indem er von den ihm seiner Körperorganisation nach am nächsten stehenden Thieren nicht sowohl durch einen hervorstechenden Charakter sich auszeichnet, als vielmehr wegen harmonischen Vereins, in welchem alle, theils einander unterstützend, theils aber auch einander mäßigend, mit einander stehen, wodurch die thierische Natur sich eben zur Menschennatur veredelt, an der Spitze der Thierwelt seinen ihm zukommenden Platz behauptet. Bes. ist der M. an folgende Bedingungen des Thierlebens gebunden: er geht nur aus Erzeugung seiner eignen Art hervor, entwickelt sich als Embryo im mütterlichen Körper, wird nach erlangter Reise (die Geburt) von diesem ausgestoßen, durchläuft, hierdurch zu relativer Selbständigkeit gelangt, eine in bestimmte Grenzen befaßte u. selbst wieder in eigne Lebensepochen zerfallende Lebensperiode, welche der Tod in Folge der unvermeidlichen allmäligen Abnutzung des leiblichen Organismus naturgemäß abschließt, wenn nicht, wie meist, früher noch, unter den vielfachen Hemmungen u. Beeinträchtigungen, welche sein Leben von allen Seiten unabläßlich bedrohen (durch Krankheit od. Unglücksfälle), er demselben entrückt wird. Während dieses seines Lebens ist er an die ihn umgebende Natur, als äußere Bedingung seiner Erhaltung, so gebunden, daß diese ihm unaufhörlich, sowohl bes. mittelst des Athmens u. der Ernährung durch Speise u. Trank, das Material dafür verleihen, als auch dynamisch (durch Licht, Wärme etc.) das Leben immerfort von Neuem anregen muß, wogegen er eben so unausgesetzt ihm untauglich gewordene körperliche Theile an die Außenwelt abgibt, so daß er also nur unter stetem Stoffwechsel u. steter Neugestaltung seines Körpers, in der ihm eigenen Form, sich im Dasein erhält. Außerdem ist er mit der ihn umgebenden Natur noch in einer doppelten Weise in Beziehung, indem er durch eigne ihm dazu verliehene (Sinnes-) Organe Eindrücke von ihr empfängt u. gegenseitig wieder durch andere (Bewegungs-) Organe Eindrücke auf sie selbstthätig zurückwirft. Hierin liegen zum Theil schon die Bedingungen D) seines geistigen Lebens. In dem durch die Sinnes- u. Bewegungsorgane vermittelten Verkehr mit der Außenwelt entsteht ein mannigfaltiger Inhalt des Bewuß seins u. eine innere Reg amkeit, deren niedere Formen (sinnliche Vorstellungen u. sinnliche Triebe) der M. mit den höher organisirten Thieren gemein hat. Zugleich erhebt sich aber der M. über die übrige Thierwel durch eine Menge Eigenheiten, die, obgleich sie höchst bezeichnend die Menschennatur andeuten, doch nur in Verbindung zusammen (durch ihr angemessenes Verhältniß gegen einander) sich als ein Vorzug des Menschen darlegen u. namentlich auf folgende vier Hauptcharaktere zurückgebracht werden können, indem alle übrigen sich zunächst darauf beziehen u. so in Verbindung dem[131] Menschen sein eigentliches Gepräge (Humanität) verleihen. a) Überlegenheit der Gehirnbildung, nicht sowohl gegen den übrigen Körper als Masse, sondern gegen das vom Gehirn ausgehende Rückenmark u. das Nervensystem überhaupt, indem das Gehirn in dieser Beziehung bei dem Menschen größer als bei irgend einem andern Thiere ist, in Verbindung mit einer mehr sphärischen Form u. überhaupt einer vollendeten Ausbildung u. reinern Verhältnissen der einzelnen Gehirntheile. b) Organisation des menschlichen Körpers für aufrechte Haltung u. aufrechten Gang, nicht blos seiner Füße, sondern aller Theile, des Kopfes, bes. in der dem Menschen eigenen Gesichtsbildung, des beweglichen Halses, der ganzen Rückenwirbelsäule in ihrer Verbindung u. Einfügung, der breiten Brust, des geräumigen Beckens etc.; c) Organisation der beiden vor dern Extremitäten zu Armen u. zu den zum Greifen u. Betasten vorzugsweise gebildeten Händen; d) Organisation seiner Luftwege, bes. des Kehlkopfs u. seiner Mundtheile, zur Sprache. Erscheint nun auch der M. körperlich in manchen seiner Eigenheiten von der Natur kümmerlicher als die meisten Thiere ausgestattet, so in der Blöße seiner Haut, in dem Mangel eigner Waffen, in der Hülflosigkeit des Kindesalters u. der langen Dauer desselben; so ist er dafür durch seinen beweglichen u. kunstfertigen Körper, bes. aber durch sein höher ausgebildetes Seelenleben, dafür überreichlich entschädigt. Indem aber das fühlbare Bedürfniß der Hülflosigkeit des einzeln stehenden Menschen ihn C) zum geselligen Leben leitete u. das gemeinschaftliche Streben der Menschen, ihr Leben sich gegenseitig zu sichern u. dessen Genuß zu erhöhen, sehr zeitig zur Erfindung von Kunstmitteln führte, so bietet in deren Besitz der M. weit zuversichtlicher den Beeinträchtigungen seines Lebens Trotz, gegen die ihm die Natur eine sichernde Mitgabe ins Leben versagte. Die Überlegenheit über die ganze Thierwelt, welche der M. behauptet, wird ihm aber in ihrem vollen Maße nur dann einleuchtend, wenn er die Eigenthümlichkeit u. Höhe seines Seelenlebens zum Gegenstand seines Nachdenkens macht. Hier erscheint sich dann der M. in seinem Selbstbewußtsein durchaus als ein Wesen an sich u. in Verbindung mit seinem Körper als eine Welt im Kleinen (Mikrokosmos) in Gegenstellung zu der großen Welt (Makrokosmos). Der M. als Menschengeist steht in vollkommner Ausbildung, wofür er in völlig naturgemäßer Anlage auch körperlich durch die Harmonie seiner Gehirn-, u. überhaupt seiner sensoriellen Körpertheile, organisirt ist, so hoch über jedem Thiergeist, daß dieser selbst nur als ein Analogon von jenem erscheint, ja überhaupt nur durch Analogien von Thätigkeiten, wodurch Thiere sich als Eigenwesen darstellen, mit denen des Menschen, die von dessen Geiste ausgehen, auf das Vorhandensein eines Thiergeistes ein höchst wahrscheinlicher Schluß zulässig ist. Wenn daher der Menschengeist in seiner dreifachen Entfaltung, als Vorstellungsvermögen, od. auf seiner Erkenntnißseite, durch Klarheit, Umfassenheit u. Bestimmtheit, als Gemüth; od. auf seiner Gefühlsseite, durch Innigkeit u. Tiefe, durch Liebe, od. überhaupt lebhaftes Interesse u. als Thatkraft; od. auf seiner Willensseite, durch Energie u. Entbundenheit von sinnlichen Motiven (sittliche Freiheit) sich zu erkennen gibt; so ist in Thiernaturen von diesen Vorzügen nichts wahrzunehmen, u. ihr Seelenleben, in jedem Momente ihres Lebene auch nur von momentanem Bedürfniß beherrscht, gleicht nur dem träumerischen Leben, in welchem der Menschengeist selbst zu Zeiten, unter den Banden seiner Körperlichkeit, befangen ist. Indem die höheren Entwickelungen des geistigen Lebens bei den Menschen ein Reich von Begriffen, Gedanken, Gefühlen u. Willensbestimmungen aufschließen, deren Gehalt u. Richtung durch die Begriffe der Wahrheit, Schönheit u. sittlichen Güter bezeichnet ist, sinkt für ihn die leibliche Seite seines Lebens in den untergeordneten Rang eines Mittels für höhere Zwecke herab, u. er betrachtet sich als ein Wesen, dessen Bestimmung nicht auf sein irdisches Dasein beschränkt ist, sondern über die Grenzen desselben hinaus greift; der M., sterblich als Naturwesen, unsterblich als geistiges Wesen, erscheint dem religiösen Glauben als Glied eines sittlich vernünftigen Reiches, nicht blos als Erdenwesen, sondern als Weltwesen. Die Wissenschaft, welche den leiblichen Organismus des Menschen zu beschreiben u. zu ergründen hat, ist die Physiologie (s.d.); die Wissenschaft von dem geistigen Leben desselben ist die Psychologie (s.d.); der M. als sociales Wesen ist Gegenstand der historischen Wissenschaften; die Bestimmung des Menschen als Weltwesen Gegenstand des religiösen Glaubens u. der Religionsphilosophie. Die Anthropologie (s.d.) benutzt die Resultate dieser verschiedenen Wissenschaften, um ein Gesammtbild der mannigfaltigen Natur- u. Daseinsformen zu gewinnen. Vgl. C. G. Carus, Die Symbolik der menschlichen Gestalt, Lpz. 1853, 2. A. 1857. 2) (Dogm.) Der Abschnitt der Dogmatik, in welchem von der Schöpfung, der Natur, der Würde u. dem Sündenfall der Menschen gehandelt wird, heißt Anthropologie. A) Die Schöpfung des Menschen wird zweimal im 1. Buch Mosis erzählt; erst 1,26: Gott (die Elohim) schuf am sechsten Tage, nachdem er allerhand Thiere geschaffen hatte, den Menschen nach seinem Bilde (Ebenbild), einen Mann u. eine Frau, u. gab ihm die Herrschaft über alles Lebende unter dem Himmel; dann 2,7 ff.: Gott machte einen Menschen (Adam) aus einem Erdenkloß u. blies ihm einen lebendigen Odem (Seele) ein, setzte ihn in das Paradies, wo Alles ohne Arbeit des Menschen von selbst wuchs, lehrte ihn Gutes u. Böses unterscheiden, gestattete ihm von allen Bäumen des Gartens zu essen, aber verbot ihm, von dem Baume der Erkenntniß zu essen, u. machte ihm dann eine Gehülfin, indem er ihm, dem Schlafenden, eine Ribbe aus seiner Seite nahm u. daraus eine Frau (Eva) schuf. Die Ansicht der Kirche (welche indeß in den Symbolischen Büchern nicht vollständig entwickelt worden ist), daß die übrigen Menschen von Einem Menschenpaar abstammen (vgl. Menschenracen), wurde vielfach bestritten, u. es entstand im Gegensatz dazu die Lehre von den Coadamiten, wonach mehre ursprüngliche Menschenarten gewesen wären, von den Präadamiten, wonach es schon vor Adam Menschen gegeben habe (behauptet zuerst von Zaninus de Solcia, im 15. Jahrh., dann von Jordanus Brunus im 16. Jahrh. u. bes. ausgeführt von Isaak Peyrere, Praeadamitae, Amsterd. 1655, vgl. Irving, Versuch über den Ursprung etc., 1781) u. von den Autochthonen (von Strauß vertreten), wonach die Entstehung der M-en aus dem Erdplaneten in seinem Urzustande abgeleitet wird. B) Bei der Natur des Menschen denkt man die eigene Verbindung des Körpers mit dem Geiste, worauf das[132] menschliche Dasein u. Leben beruht. Der Körper war, nach der Schöpfungsgeschichte, von irdischen Bestandtheilen, der Geist war von Gott, darum im Tode der Leib wieder zur Erde werden, der Geist zu Gott gehen soll. Die verschiedenen Ansichten über die Entstehung der Seele u. ihr Schicksal nach dem Tode, s.u. Seele u. Unsterblichkeit, die über die Schicksale des Leibes nach dem Tode, s.u. Auferstehung. C) Die Würde des Menschen setzt die Schöpfungsurkunde bes. in das Ebenbild Gottes u. denkt dabei an die Herrschaft über das Lebende unter dem Himmel, an die Sünd- u. Schuldlosigkeit u. an die Freiheit vom Tode. Doch wurde schon früh in der Kirche die Frage über das Ebenbild Gottes weiter erörtert, u. es gingen die Ansichten der alexandrinischen Theologen des 3. Jahrh, welche zwischen Bild (Eikon) u. Ähnlichkeit (Homöosis) Gottes, zwischen angeborenen u. erworbenen Vorzügen des Menschen unterschieden; die der Manichäer, welche nach ihrem materiellen Pantheismus das göttliche Ebenbild in der ganzen Natur des Menschen erkannten u. denen gegenüber Augustinus u. die Scholastiker die Imago dei, Bild Gottes, in Beziehung auf des Menschen geistlich-sittliche Natur, von den Vestigia dei, Spuren Gottes, worin die Anzeigen der göttlichen Macht u. Güte gefunden wurden, welche in der äußeren Natur erkennbar sind, so wie auch die Similitudo dei, in den Eigenschaften des Willens, u. Imago dei, in den intellectuellen Eigenschaften unterschieden; u. die der Pelagianer, welche die Unsterblichkeit des Menschen längueten u. das Ebenbild Gottes nur in geistige Vorzüge setzten, wesentlich aus einander. Nach der protestantischen Kirchenlehre, welche dies Dogma bei dem von der Erbsünde abhandelt, besteht das Ebenbild Gottes in einer besondern ursprünglichen Vollkommenheit der geistigen u. sittlichen Kräfte, in der natürlichen Kraft, Gott recht zu erkennen, zu lieben u. zu vertrauen, in einer Richtung des Willens auf das Gute, in einer menschlich vollkommenen Weisheit u. Heiligkeit, in einem gewissen Gleichgewicht aller sinnlichen Triebe u. in vollkommner Gesundheit des Leibes; während im katholischen Lehrbegriff der Unterschied zwischen dem Bilde Gottes (Imago dei), welches zum Wesen des Menschen gehört u. nicht verloren gehen kann, u. zwischen der Ähnlichkeit mit Gott (Similitudo dei), welche als ein außerordentliches göttliches Gnadengeschenk erscheint, festgehalten wird. Mit der Lutherischen stimmt die der Reformirten Kirche hierbei genau zusammen. Die Socinianer u. Arminianer führten das Ebenbild Gottes wieder auf die Herrschaft des Menschen über die Erde zurück. Das Ebenbild Gottes verlor der M. durch den D) Sündenfall, indem die Frau auf den Rath der Schlange u. der Mann durch die Frau verführt, von den Früchten des verbotenen Baumes aß. Das war die Sünde, die Menschen verloren so die ursprüngliche Unschuld u. die Freiheit vom Tode, u. daher behaupteten die Gnostiker, daß dadurch der M. das Ebenbild Gottes verloren habe. Der Verlust dieses Ebenbildes durch die Sünde war es bes., was der Lehre von demselben solche Bedeutung gab u. was seine nähere Bestimmung darüber veranlaßte. Die alexandrinischen Theologen ließen nur die Ähnlichkeit Gottes (s. oben) durch den Sündenfall verloren gehen, das Bild aber dem Menschen erhalten. Nach der schwankenden Annahme des Augustinus war bald das Höhere im Ebenbilde verloren od. verdunkelt, bald nur geschwächt u. entstellt. Die Scholastiker u. die Lateinische Kirche glaubten, der Verlust des Ebenbildes bestehe nur in den Eigenschaften der sinnlichen Natur u. wesentlich in der Beraubung des übernatürlichen Gnadengeschenks (Privatio doni supernat ural is); dagegen ist nach der Protestantischen Lehre das Ebenbild Gottes im obigen Sinne durch den Sündenfall verloren gegangen, u. daraus wird die gänzliche Verdorbenheit der gegenwärtigen Menschheit u. der menschlichen Natur überhaupt abgeleitet. Überhaupt steht die Lehre von dem Verluste des Ebenbildes Gottes im Menschen in nahem Bezug zur Lehre von der Erbsünde, s.d. u. vgl. Sünde. Nach den neueren rationalistischen u. philosophischen Dogmatikern besteht das Ebenbild Gottes in der Vernünftigkeit u. sittlichen Freiheit des Menschen, die ihn fähig macht, durch sittliche Vollkommenheit Gott immer ähnlicher zu werden, indem eine anerschaffene Heiligkeit nicht denkbar ist, u. dieses Ebenbild Gottes hat der M. nicht verloren. 3) Alter M., so v.w. Alter Adam; Neuer M., der zu wahrhaft christlichem Sinn wiedergeborene M.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 11. Altenburg 1860, S. 131-133.
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