Säugethiere

[2] Säugethiere (Mammalia), sind Wirbelthiere mit warmem, rothem Blute, welche durch Lungen Athem holen u. lebendige Junge gebären u. dieselben säugen. Sie stehen auf der höchsten Stufe der Bildung vor allen übrigen Thieren, u. gewöhnlich wird in diese erste Klasse der Wirbelthiere auch der Mensch gezählt. Die meisten sind mit Haaren bekleidet, welche bei einigen zu Borsten od. Stacheln umgewandelt sind (Igel u. Stachelschwein); einige sind nackt (Wallfische), andere mit Schuppen od. Schildpanzern bedeckt (Schuppenthier, Gürtelthier). Die Bewegungswerkzeuge sind meistens 4 Füße, nur bei den wallfischartigen Thieren fehlen die Hinterbeine, dafür endigt sich aber der Körper in einen breiten, wagrechten Flossenschwanz, welcher in der Form dem der Fische gleicht. Bei einigen (den Flatterthieren) sind die Füße durch eine Haut (Flughaut) verbunden, durch welche sie fliegen, od. doch ihre Sprünge von einem Baume herab od. zum andern erleichtern können. Bei allen findet sich die Anlage zu 5 Zehen, doch sind sie bei einigen verkümmert (als Warzen od. Stummel vorhanden, z.B. bei Mäusen), bei andern verwachsen zu einem Hufe (Pferd); bei einigen sind sie durch Schwimmhaut verbunden (Biber). Einige treten nur mit den Spitzen der Zehen auf (Zehengänger), andere mit der ganzen Sohle (Sohlengänger, wie Bären). Man unterscheidet Pfoten (wo der Daumen verkümmert ist od. gar fehlt), Tatzen (wo der Daumen zwar da ist, aber den übrigen Zehen nicht gegenüber steht) u. Hände (wo der Daumen den übrigen Zehen gegenübersteht, wie bei Affen). Die Zehen sind mit Nägeln, Krallen, Klauen versehen, welche theils zur Bewaffnung, theils zur Erreichung von Lebensbedürfnissen (Graben, Klettern u. dgl.) dienlich sind. Der Bau des Kopfes u. des Halses ist bei dieser Klasse vorzüglich entwickelt; die Oberkinnlade sitzt am Schädel fest, die Unterkinnlade hat 2 Knochen u. bewegt sich mit einem Gelenkkopf an einem festsitzenden Schlafbein; der Kopf selbst bewegt sich mit zwei Gelenkknöpfen auf dem ersten Halswirbel u. besteht aus einem dreifachen Knochengürtel. Die Zahl der Halswirbel ist (nur bei dem Faulthier nicht) 7, die Rückenwirbel wechseln von 11–23; an ihnen sind die die Brusthöhle umschließenden Rippen; der Lendenwirbel sind meist 7, der Kreuzwirbel gewöhnlich 3, die Schwanzwirbel fehlen beim Vampyr ganz, sind beim Orang Utang (u. beim Menschen) 4 u. steigen bei mehreren Thieren, ja bei einem Ameisenfresser bis auf 40; durch sie ist der Schwanz gebildet, welcher zwar bei einigen fehlt, bei andern aber als Wickelschwanz beim Klettern, als Schleuderschwanz beim Springen dient, bei andern, zumal fleischfressenden Thieren Ausdruck ihrer Leidenschaften wird, bei vielen ohne besondere Bedeutung zu sein u. nur zur Bedeckung, vielleicht auch Wärmung des Afters zu dienen scheint. Das Gehirn der S. ist nach Verhältniß des Körpers beträchtlicher als bei anderen Thieren u. hat vollkommenere Ausbildung. Die Sinneswerkzeuge des Hauptes haben auch vorzüglicheren u. ausgezeichneten Bau; das nach Verhältniß des Hirns kleine Auge hat ein oberes u. ein unteres Augenlid, bei manchen im Wasser lebenden auch eine Nickhaut, u. übrigens immer stärkere Muskeln; das Ohr hat verschiedene Knöchelchen u. (meist) eine äußere Muschel; die Zunge zeichnet sich durch Breite u. meist durch Beweglichkeit aus. Selbst die äußere Bekleidung der Schädelknochen (Haut u. zum Theil Fleisch) wird gefälliger. Die Brusthöhle umschließt eine zweiflügelige, zellenreiche, unangewachsene Lunge; durch sie wird das Einathmen der Luft im Verhältniß zu anderen Thierklassen, bes. zu den Vögeln, ein gemäßigtes, dadurch das S. vornehmlich zum Gehen u. zum Laufen auf der Erde bestimmt u. eingerichtet, obschon einige Mittel zum Flug, andere zum Schwimmen erhalten haben. Der Kehlkopf läßt in der Regel eine große Abwechslung u. Lieblichkeit der Stimme nicht zu, doch macht z.B. der Mensch hier eine Ausnahme. Von mehr Bedeutung u. Umfang, als bei allen anderen Thierklassen, ist dei den S-n das Zahnsystem. Der Zähne unterscheidet man dreierlei, Vorder-, Eck- u. Backzähne; erstere sind gewöhnlich scharf u. breit (daher Schneidezähne, wenn sie gebogen u. ihrer nur 2 sind, Nagezähne); die Backenzähne sind breit u. mehr od. weniger höckerig, schmelzfaltig, od. aus Lamellen zusammengesetzt; alle sind nach dem Bedürfniß der Nahrung eingerichtet, so daß man aus dem Zahnbau auf den Fraß schließen kann; sie stehen stets in Zahnhöhlen der Kieferknochen. Die Begattung der S. ist eine innige. Die Frucht wird kürzere od. längere Zeit innerlich von der Mutter getragen, kommt dann lebendig zur Welt u. erhält an den Zitzen (Brüsten, wenn sie sehr dick sind, Enter) der Mutter die erste Nahrung. Zitzen haben die S. wenigstens ein, gewöhnlich 6 Paar, oft beträgt die Zahl derselben so viel Paare, als die Mutter Junge bringt; ihre Lage ist in den Weichen am Bauche, od. an der Brust, bei einigen von einem Beutel umschlossen (Beutelthiere). Das Auffüttern der Jungen gibt bei den größern zu einer innigern Liebe zu den Jungen Veranlassung. Der Fraß der S. sind theils andere Thiere, theils Pflanzen, theils beides; zur Erlangung desselben haben sie Zähne, Klauen, Krallen, Hände etc., ferner Geschwindigkeit, List od. andere Eigenschaften, so wie zu ihrer Vertheidigung Hörner, Geweihe, Hufe, Zähne, Stacheln, Panzer u. andere Waffen erhalten, Giftig ist kein gesundes S., wohl aber wirkt im krankhaften Zustande der Speichel oft giftig (Tollwuth), auch kann durch eine übermäßige Anstrengung der Thiere ihr Fleisch der Gesundheit sehr nachtheilig werden (gehetztes Wild, getriebene Kälber). Der Aufenthalt der S. ist theils auf dem Erdboden, theils in demselben (Maulwurf), theils auf den Bäumen (Eichhorn), theils im Wasser (beständig die Wallfische, abwechselnd Seehund, Eisbär, Biber). Verhältnißmäßig nur wenige Arten unternehmen mit dem einbrechenden Winter regelmäßige Wanderungen nach wärmeren Gegenden (verschiedene Hirscharten im Norden u. Antilopen im Süden), od. unregelmäßige, meist durch zu[1] große Vermehrung bewirkte Züge (Mäuse, Wanderratte, Lemming). Im Ganzen sind die heißen Länder die Wohnorte der größten u. meisten Thiere; die in den nördlichsten Gegenden sind Vorzüglich auf thierische Nahrung gewiesen, bes. die nicht wandernden; die Verschiedenheit der Zonen wirkt auf die Dichtigkeit u. Färbung der Haare (im Norden Pelzthiere, im Süden schön gefärbte). Kleinere ringen meist zahlreichere Nachkommenschaft, die größeren haben ein längeres Alter voraus. Hinsichtlich der Kunsttriebe stehen sie mehreren Thierklassen nach; ihre Wohnungen sind meist einfache gruben, Lager od. Nester; die Lagerplätze werden oft verändert; dafür zeichnen sie sich durch eine Art von Intelligenz vor andern aus. Der Zahl der unterschiedenen Arten nach ist diese Klasse eine der schwächsten im ganzen Thierreiche, u. man kennt jetzt an 1700 lebende u. über 500 fossile Arten. Für den Haushalt der Menschen sind sie sehr wichtig; durch sie wird zum Theil die Kultur des Bodens, ja der Menschen selbst bestimmt; an Rennthiere u. Seehunde, zum Theil an Wallfische knüpft sich fast das ganze Leben einzelner Völker. Außerdem weiß der Mensch ihre Stärke, Gelehrigkeit, Naturanlagen u.a. zu seinem Vortheil anzuwenden, u. manche G. sind nunmehr unzertrennlich mit ihm verbunden (Hund, Schaf, Pferd). Zu seiner Nahrung bedient er sich einer großen Menge derselben, auch benutzt er Milch, Fett, Blut etc., zur Kleidung nicht allein die ganzen Felle mancher S. (Wolf, Zobel, Fuchs, ja selbst Löwen, Tiger, Eisbäre), sondern auch einzelne Theile (Wolle, Leder, Haare); zur Bequemlichkeit die Stärke des Pferdes, Kameels, Esels, Maulthiers u.a., zur leichteren Gewinnung der Lebensbedürfnisse u. zur Sicherheit den Hund, zu Geräthen die Haare, Därme, Geweihe, Hörner, Knochen, Zähne, Hufe etc.; ferner bereitet er daraus Farben (Berliner Blau, Beinschwarz), Arznei (Bisam, Hirschhorn, Milch etc.), Brennmaterialien (Thran, Unschlitt), ja selbst den Unrath derselben benutzt er noch zur Düngung, zur Feuerung, zur Bereitung des Salmiaks etc. Viele können aber auch seinem Leben gefährlich werden (die größeren Raubthiere); andere vertilgen die ihm nutzbaren Thiere (z. V. Marder, Wolf, Fuchs); noch andere bringen seinen Pflanzenanlagen Schaden (Assen, Mäuse, Elephant, Nashorn etc.), od. verzehren keine Vorräthe (Mäuse, Fledermäuse, Ratten); durch verschiedene Krankheiten werden ihm vorzüglich Thiere aus dem Hunde- u. Katzengeschlecht schädlich. Doch ist unter allen Umständen der Nutzen bei weitem überwiegend.

Die S. sind verschiedentlich eingetheilt worden. Linné theilte sie in Primates (dazu die Gattungen: Homo, Simia, Lemur, Vespertilio), Bruta (Myrmecophaga, Elephas, Rhinoceros, Manis u. a) Ferae (die verschiedenen fleischfressenden Thiere), Glires (die Nagethiere), Pecora (die wiederkäuenden Thiere), Belluae (Pferd, Schwein) u. Cetacea (die Seesäugethiere). Blumenbach, welcher im Ganzen das Linnéische System beibehielt, ordnet sie in folgender Weise: I. Digitata, Zehenthiere: 1. Ordn. Bimana, Zweihänder od. Menschen; 2. Ordn. Quadrumana, Vierhänder od. Affen: 1. Familie eigentliche Affen (Simiae) u. zwar Affen der alten Welt, 2. Affen der neuen Welt, 2. Fam. Krallenaffen, Arctopitheci (Hapale, Midas etc.), 3. Fam. Halbaffen (Prosimii); 3. Ordn. Chiroptera, Handflügler od. Flatterthiere: 1. Fam. Pelzflatterer (Galeopithecus), 2. Fam. Fledermäuse (Vespertilionea); 4. Ordn. Carnivora, Raubthiere: A) Insectivora, Insectenfresser, 1. Fam. Igel (Erinacei), 2. Fam. Spitzmäuse (Soricina), 3. Fam. Maulwürfe (Talpina), B) Ferae, reißende Raubthiere; Pflanzen- u. Fleischfresser od. Sohlengänger (Plantigrada), 4. Fam. Bären (Ursina), 5. Fam. Hunde (Canina), 6. Fam. Katzen (Felina), 7. Fam. Marder (Mustelina). 8. Fam. Robben od. Ruderfüßer (Carn. pinnipedia); 5. Ordn. Beutelthiere (Marsupialia): 1. Fam. Monotremata (Schnabelthiere), sonst zu den Fehlzähnern (Edentata) gezählt, 2. Fam. raubthierartige Beutelthiere (Mars. carnivora), 3. Fam. fruchtfressende Beutelthiere (Frugivora), 4. Fam. Nage-Beutelthiere (Mars. rosores); 6. Ordn. Glires s. Rosores, Nagethiere: 1. Fam. Eichhörnchen (Sciurina), 2. Fam. Mäuse (Murina), u. zwar Wühlmäuse u. eigentliche Mäuse, 3. Fam. Grab- od. Maulwurfsmäuse (Cunicularia s. Georychi), 4. Fam. Kuppennägler od. Halbhufner (Subungulata), 5. Fam. Schwimmfüßer Palmipedia), 6. Fam. Hafen (Leporina), 7. Fam. Hasenmäuse od. Wollhasen (Lagostomi), 7. Fam. Stachelschweine (Aculeata); 7. Ordn. Edentata, Zahnlose od. Fehlzähner (Sichelkraller): 1. Fam. Faulthiere (Bradypoda s. Tardigrada), 2. Fam. Gürtelthiere (Cingulata), 3. Fam. Wurmzüngler (Vermilinguia). II. Ungulata, Hufthiere: 8. Ordn. Pachydermatus, Multungula, Vielhufer: 1. Fam. Rüsselthiere (Proboscidea), 2. Fam. eigentliche Dickhäuter (Pachyermata), 3. Fam. Borstenschweine, Schweine (Setigera); 9. Ordn. Solidungula, Einhufer, nur eine Familie u. Gattung; 10. Ordn. Ruminantia s. Bisulca, Wiederkäuer od. Zweihufer: 1. Fam. Schwielensohler (Tylopoda); 2. Fam. Abschüssige od. Giraffen (Devexa), 3. Fam. Hirsche (Cervina), 4. Fam. Hornthiere od. Hohlhörner (Cavicornia). III. Pinnipedia, Flossenthiere: 11. Ordn. Cetacea, Fisch od. Flossensäugethiere: 1. Fam. Sirenen od. Seekühe (Sirena), 2. Fam. Delphine (Delphinodea), 3. Fam. Wallfische (Balaenodea). Cuvier ordnet sie: Bimana (der Mensch), Quadrumana (Affen u. Maki), Ferae (Raubthiere, mit den Familien: Chiroptera [Fledermäuse], Insectivora Insektenfressers, Carnivora [Fleischfressers], diese letzteren dann mit den Unterabtheilungen: Plantigrada od. Sohlengänger, Digitigrada od. Zehengänger u. Amphibia od. Amphibiensäugethiere), Marsupialia (Beutelthiere), Rosorses (Nagethiere), Edentata (Zahnlose, mit den Unterabtheilungen: Tardigrada [Faulthiere], Edentata u. Monotremata), Pachydermata Dickhäutler, mit den Abtheilungen: Proboscidea [Rüsselthiere], Pachydermata u. Solipeda [Einhufer], Ruminantia (Wiederkäuer) u. Cetacea (Wallfische, mit den Abtheilungen: Herbivora od. Grasfresser u. Carnivora od. Fleischfresser). Vgl. Schreber, Die S. in Abbildungen, fortgesetzt von Goldfuß u. Wagner, Erl. 1775–1846, 7 Bde., Suppl. in 4 Theilen 1840–46; Schinz, Systematisches Verzeichniß aller bis jetzt bekannten S., Solothurn 1844 f., 2 Bde.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 15. Altenburg 1862, S. 1-2.
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