Getreide

[306] Getreide (Getraide, ein deutsches, von tragen stammendes, im Althochdeutschen getragidi u. im Mittelhochdeutschen getregede lautendes Wort, welches zunächst bedeutet was man trägt, wie Kleidung, Gepäck u. überhaupt bewegliches Gut; dann insbes. was der Erdboden trägt; daher endlich der Inbegriff seiner Sachen, Besitzthum, Lebensmittel, Nahrung), Pflanzen, welche in Ähren, Rispen u. Hülsen mehlreiche Körner tragen. I. Im weitesten Sinne [306] rechnet man zum G. Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Einkorn, Mais, Reis u. Hirse, Haidekorn, Erbsen, Wicken, Linsen, Bohnen, Lupinen; im engeren Sinne aber nur die zu den Gräsern gehörigen Cerealien. Durch die Cultur haben viele Getreidearten ihre einjährige Natur verloren, andere die Eigenschaft angenommen, daß sie abwechselnd über Sommer u. Winter angebaut werden können. Die nährenden Bestandtheile ihrer Körner sind: Kleber, Stärkemehl, Eiweißstoff u. süße schleimige Materie. Die Getreidearten erschöpfen unter allen Feldgewächsen den Boden am meisten, weil sie nur wenig Nahrung aus der Atmosphäre an sich ziehen können u. zur Reise ihrer Samen viel Nahrung bedürfen, die sie einzig aus dem Boden nehmen müssen, auch hinterlassen sie denselben in erhärtetem, ausgetrocknetem, verunkrautetem Zustande, so daß sie für andere Culturpflanzen keine guten Vorfrüchte sind. Nächstdem ist bei dem G. der Samenwechsel sehr wichtig. Zur Veredelung des G-s erfand man in Frankreich den Getreidesamenbau, eine Culturmethode, in Folge deren man das zu Samen bestimmte G. in besonderen Samenschulen (Getreidesamenschulen) cultivirt; dabei erhält man von Unkrautsamen reines, keimkräftiges, vollkommenes G., das, zu Samen verwendet, vielfach den Samenwechsel überflüssig macht. Man kann das G. auch verpflanzen; dadurch wird viel an Saatgut erspart, weil sich verpflanztes G. stark bestockt. Man unterscheidet bei dem Getreidebau Wintergetreide, als Winterroggen, Winterweizen, Wintergerste, Winterspelt, u. Sommergetreide, als Sommerroggen, Sommerweizen, Sommergerste, Sommerspelt, Hafer (s.d. a.). Auch theilt man G., in Beziehung auf die Körner, in hartes (glattes), als Roggen, Weizen, Heidekorn und. Hülsenfrüchte, und in weiches (rauches), als Gerste u. Hafer. Gutes G. muß reif, trocken, rein von Mutterkorn u. Brand, nicht dumpfig, nicht schimmelig od. ausgekeimt, dünnschalig u. mehlig sein u. beim Zerbeißen der Körner auseinander springen, nicht blos sich platt drücken. Zur Reinigung der ausgedroschenen Getreidekörner von Spreu u. Unkrautsamen u. anderen fremdartigen Theilen u. zur Absonderung der guten, schweren Körner von den leichten (Afterkorn) bedient man sich der Getreidereinigungsmaschinen (Getreideputzer), welche künstlichen Wind erzeugen. Die schweren Körner laufen vorn am Fuß, die geringeren Körner u. die Unkrautsamen an der Seite der Maschine heraus, während die Spreu hinten hinaus getrieben wird. Die Sonderung der leichteren Körner u. der Unkrautsamen von den schwereren Körnern wird außerdem noch durch eingehängte engere od. weitere Drahtsiebe, je nach der Körnerart, befördert. Damit der herausgetriebene Staub nicht wieder von dem Winde in die Körner zurückgeweht werden kann, muß der Maschine eine entsprechende Stellung gegeben werden. Es gibt eine große Anzahl Getreidereinigungsmaschinen. Die besten sind die schottische u. die große sächsische, welche in einer Arbeitsstunde bis 40 Berliner Scheffel reinigen. Neuere Getreidereinigungsmaschinen sind: die von Palmer, mit welcher eine Dreschmaschine verbunden ist; die von Ashby; die von Garret, eine Gerstenreinigungsmaschine, dazu bestimmt, die Grannen von der Gerste zu trennen; die von Hornsby, eine Kornfegmaschine, eignet sich bes. zur unmittelbaren Verbindung mit der Dreschmaschine; die von Heiz, eine Maschine zur Reinigung des Weizens von brandigen Körnern; die von v. Moro, eine Kornradenreinigungsmaschine; die von Läderich; die von Huck u.m.a. Die Körner sammt der Spreu werden in den Trichter geschüttet, aus diesem fallen sie, wenn die G. durch das Schwungrad in Bewegung gesetzt wird, auf das Sieb u. durch dieses zu Boden. Heckers Getreidetrockenofen bezweckt, das in feuchten Gegenden gewonnene Getreide, nachdem es auf der Dreschmaschine entkörnt worden, in künstlicher Hitze zu dörren. In den dazu construirten Öfen bewegt sich fortwährend eine dünne Getreideschicht von 11/4 Zoll Dicke in einem Flächenraum von 20–40 Quadratarschinen von oben nach unten. Dadurch wird fortwährend ein starker Strom warmer trockener Luft bis 40° R. getrieben.

II. Die Aufbewahrung der Getreidekörner geschieht auf Böden od. in besonderen Häusern, Speichern, Thürmen u. Gruben. Der Getreideboden (Schüttboden) ist ein Raum unter dem Dache des Hauses; er muß nach Norden u. Westen u. wo möglich nicht über Viehställen angelegt werden. Der Fußboden ist am besten von Gyps od. Estrich, weil derartige Fußböden das Ungeziefer mehr abhalten, als die gedielten. Um frische Luft auf den Getreideböden einzulassen, muß derselbe mit den erforderlichen Fenstern versehen sein, die am besten aus Drahtfenstern bestehen u. mit Läden od. Jalousien versehen sind, um Vögel u. Nässe abzuhalten. Auf den Getreideböden muß das G. fleißig gewendet od. umgestochen werden; dies geschieht so lange, bes. aber fleißig zur Zeit der Baumblüthe, bis das G. völlig ausgetrocknet ist, mit einer hölzernen Schaufel od. Schippe od. mittelst einer besonderen Maschine, der Bodenmaschine, die überall hin transportirt u. aufgestellt werden kann u. von einem Mann bequem gehandhabt wird. Besondere Kornhäuser od. Getreidemagazine müssen freistehend, dem Luftzug zugänglich u. zum Schutz gegen Feuchtigkeit mit hohen Fundamenten auf trockenem Boden angelegt sein. Um fortwährenden Luftzug zu erzielen, werden Luftlöcher in den Umfassungsmauern angebracht, u. zwar so, daß der Luftzug unter dem Boden u. über das G. hinwegstreichen kann; diese Luftlöcher werden, um Vögel abzuhalten, mit Drahtgittern verschlossen u. mit Läden versehen, um die Sonnenstrahlen abzuhalten. Die Balkenlagen der Stockwerke werden der bedeutenden Last wegen, mit durchgehenden Trägern u. diese wieder durch Säulen unterstützt; dabei dürfen die Balken von Mitte zu Mitte nicht weiter als 2 Fuß auseinander liegen. Auf jeden Berliner Scheffel G. rechnet man 1 Quadratfuß Flächenraum, woraus sich die Größe eines Bodens u. des ganzen Kornhauses bestimmen läßt. Getreidethürme, eine Erfindung Sinclairs, sind viereckige Thürme, deren unterer 8 Fuß hoher Theil von Stein ist. Das Einfüllen des G-s geschieht von dem Raume unter dem Dache, wo eine Thür ist u. wohin man auf einer Leiter gelangt, die Getreidesäcke aber mittelst eines Krahus zieht. Quer durch den Boden des Thurmes gehen über das Kreuz gelegte dachförmige Luftzüge, welche von Bretern gebildet werden; nach außen sind diese mit Drahtgittern verschlossen. Der Boden selbst besteht aus Trichtern od. Rinnen, welche in einen größeren münden, welcher[307] unten mit einem Schieber versehen ist, um G. aus dem Thurme nehmen zu können. Weißenburgs Getreidespeicher mit ununterbrochenem Luftzug ist ein Gebäude von 10 Klafter Länge u. 5 Klafter Breite, mit dem Dachboden in 2 Etagen getheilt; es hat an seinen beiden Stirnwänden in das Innere vorspringende Verschalungen, deren jede in 6 Flächen abgetheilt ist; jedes Fach hat wieder einen trichterförmigen Ausgang, der, mit einer Scheibe aus Eisenblech von einer Handhabe unter Schloß versperrt, bestimmt ist, das Getreide in die Metzen abzulassen. Jedes Fach durchziehen Luftkanäle nach Außen u. Innen. Dieser Speicher gewährt vollkommene Sicherheit gegen das Verderben des G-s, indem die Getreideschichten, durch die Luftkanäle locker erhalten, nicht dick auf einander liegen u. von allen Seiten fortwährend Luft erhalten. Bei anhaltend feuchter Witterung genügt es, aus jedem Trichter einige Metzen Körner abzulassen, wodurch sich sämmtliche Körner rühren Luftdichte Getreidespeicher sind große Cylinder unter der Erde, mit tiegelförmigem Boden u. gewölbter Decke, mit einer Luftpumpe versehen, um die Luft ausziehen zu können, u. mit einer archimedischen Schraube, um das G. herauszuschaffen. Wird nasses G. aufgespeichert, so kann auch noch eine Wasserpumpe angewendet werden. Wenn eine Ladung G. in diesem Reservoir eingeschlossen wird, das zum Theil schon keimt, Ratten, Mäuse u. den Kornwurm enthält, so wird der Deckel darauf gesetzt u. verkittet u. die Luftpumpe in Gang gesetzt; in Folge davon hören die Keimung u. die thierischen Functionen ebenfalls auf. Ein Vortheil solcher Speicher ist, daß ihr ganzer Inhalt angefüllt werden kann. Endlich Getreidegruben (Kornkeller, Silos), sind Behälter unter der Erde, bes. für trockene Gegenden passend; sie werden auf einem erhöhten, der Überschwemmung nicht ausgesetzten Platze, in einem nicht zu feuchten Thou- od. Lehmboden od. Felsen angelegt, entweder in Form eines Cylinders od. einer Flasche od. eines abgestumpften Kegels, 18 bis 20 Fuß tief, bei einem Durchmesser von 10 bis 15 Fuß unten. Vor der Einbringung des G-s werden sie erst mit Reißig od. Stroh ausgefeuert u. dann Boden u. Wände mit Stroh belegt; oben über das G. wird auch Stroh gelegt, die Offnung mit Latten eingedämmt u. mit Erde belegt, od. statt dessen ein Dach darüber angebracht. Wo der Boden für gegrabene Silos nicht günstig ist, werden dieselben auch mit Werk- od. Backsteinen ausgemauert, mit Cement bekleidet u. mit Kohlen ausgehitzt. Das G. hält sich in solchen Gruben länger u. besser als in Speichern Solche Getreidegruben kommen schon in ältester Zeit bei den Deutschen u. Thraciern vor, in neuer u. neuester Zeit in der Tatarei, Ägypten, Rußland, Siebenbürgen, Ungarn, Türkei, Griechenland, Sicilien, Frankreich u. Spanien (aus welchem letzten Lande der Name Silos gekommen ist). Eine neue Methode, das G. vor der Luft zu bewahren, erfand Dufaur. Von der Voraussetzung ausgehend, daß die Entwickelung der verschiedenen, die Zerstorung der G. bewirkenden Insecten hauptsächlich durch Wärme, Licht, Luft u. Feuchtigkeit begünstigt wird, trocknet er das G. gleich nach der Ernte ohne Anwendung künstlicher Wärme u. thut es in hölzerne Fässer, die auf dem Speicher in möglichster Dunkelheit aufgestellt u. mit Deckeln belegt werden, die mit Steinen beschwert sind. Auch wendet man zur Conservirung des G-s ein Verfahren an, welches künstlich die natürlichen Bedingungen der südlichen Länder erzielt. Das G. wird in einem luft- u. wasserdicht gemauerten Gewölbe aufgeschüttet u. vermöge eines Gluthbeckens der Wirkung strahlender Wärme ausgesetzt, die so geleitet wird, daß sie eine gleichmäßige Temperatur erzeugt; dann wird gebrannter Kalk über jede Getreideschicht gestreut.

III. Die Getreidekörner dienen zur Ernährung des Menschen, indem man aus ihnen Mehl, Graupen, Grütze, Gries etc. bereitet u. aus dem Mehl Brod bäckt. Ehe man das G. mahlt, ist es vortheilhaft, seinen Hülsen eine gewisse Zähigkeit zu ertheilen, damit sie nicht mitgemahlen werden, weil sonst das Mehl minder schön ausfällt. Deshalb pflegen die Müller das G. mit Wasser anzufeuchten. Howlet u. Walter empfehlen zur besseren Erreichung jenes Zweckes das Getreide dämpfen, d.h. das G. durch einen Raum gehen zu lassen, in welchem es einem Dampfstrom od. Dampfstrahl ausgesetzt wird. Das aus diesem Dampj verdichtete Wasser ertheilt wegen seiner hohen Temperatur u. kräftigen Einwirkung den Hülsen des G-s weit eher die gewünschte Elasticität, u. sie werden zwar zerschlitzt, aber nicht zu Pulver zerrieben. Zur Enthülsung des G-s vor dem Mahlen dient Schrefenstallers Getreideenthülsungsmaschine u. Lachambres Getreideschälmaschine, letztere besteht aus zwei Mühlsteinen von Sandstein, von denen der obere beweglich u. an den unteren Stein befestigt ist. Die Getreidekörner fallen aus einem Trichter auf die concave Fläche des unteren Steins, werden an einem Reiber von Blech angedrückt u. mit diesem enthülst. Ferner dient das G. zu manchen technischen Zwecken, bes. zur Bier-, Branntwein-, Stärke- u. Essigbereitung. Zu diesem Zweck erfand Rietsch den Getreideextract aus allen Getreidearten, der in größere od. kleinere Stücke zerschlagen werden kann u. sich, in gewöhnliche Kisten od. Fässer verpackt, jahrelang unverdorben erhält. Endlich ist das G. auch ein Futtermittel, u. zwar hat es hierzu den Vorzug, daß es in kleinem Umfange die größte Menge nahrhafter Stoffe enthält u. leichter, schneller u. vollkommener als alle anderen Futtermittel verdaut, leicht zerkleinert u. mit allen Gattungen von Futtermitteln gemengt werden kann. Freilich ist es das theuerste Futter, äußert aber auf Vermehrung von Fleisch, Fett, Milch, Wolle, Kraft die größte Wirkung. Am besten verfüttert man das G. in gequelltem od. geschrotenem Zustande.

IV. Der Getreidehandel ist entweder großer, der sich fast einzig mit dem Ankauf des G-s zur Ausfuhr u. nur selten zum Wiederverkauf im Lande befaßt; od. kleiner, welcher den Ein- u. Verkauf im Lande zwischen Producenten u. Consumenten vermittelt. Die Einrichtung der Getreidemärkte ist verschieden; auf manchen wird die Frucht in Säcken aufgestellt, auf anderen, namentlich wo großer Verkehr stattfindet, nur nach Handproben verkauft. Hier u. da bestehen Verbote gegen letzteres Geschäft. Nur wenige Plätze gibt es, welche Getreidehallen haben. Auf den meisten Getreidemärkten wird darüber gewacht, daß vor dem Anfang des Marktes nicht verkauft werden darf; daß da, wo nach Proben verkauft wird, die abzuliefernde Waare auch der Probe völlig gleich sei; daß der Verkäufer das richtige u. volle Maß liefere.[308] In neuester Zeit wird gewöhnlich nicht nach dem Maß, sondern nach dem Gewicht verkauft. Eine eigne, von Weißenbach erfundene Getreidewage besteht in einem flaschenförmigen Gefäß, welches das G. aufnimmt, u. einem daran angebrachten Schwimmer, um zu verhüten, daß beim Eintauchen ins Wasser der Apparat umstürzt; dann in der an der Röhre befestigten Scala, die das Gewicht in einzelnen Zollpfunden bezeichnet. Um diese Getreidewage anzuwenden, füllt man ein Gefäß, das etwas tiefer ist, als die ganze Länge des Apparats u. so weit, daß es die Einsenkung ungehindert gestattet, mit Wasser, das nicht lauwarm u. nicht kalt bis zum Gefrierpunkt abgekühlt ist, setzt den Trichter auf die Röhre des Instruments u. erhält dasselbe durch Nachfüllen möglichst voll. Ist es gefüllt, so nimmt man den Trichter ab, streicht die Oberfläche der Röhre ab u. senkt das Instrument ins Wasser, indem man es mit einem behutsamen Druck der Hand eintaucht. Beim Loslassen erhebt es sich dann von selbst, u. die Wasserfläche an der Scala zeigt die Pfundzahl an. Diesen Versuch des Eintauchens kann man 2–3 Mal wiederholen, um aus diesen Beobachtungen ein Mittel der Pfundzahl zu nehmen. Eine Nachfüllung von G. darf in keinem Falle stattfinden. Die Genauigkeit, mit der die Getreidewage das Gewicht des G-s angibt, ist absolut; nur durch die Füllung u. die Temperaturverschiedenheit des Wassers können Fehler entstehen, die aber nur eine Differenz von 2/3-1 Procent im Gewicht ergeben. Am vorzüglichsten ist es aber, wenn das G. gleichzeitig gemessen u. gewogen wird, wozu Rueff eine besondere Vorrichtung angegeben hat. Wichtig beim großen Getreidehandel sind die Mäkler. In der Regel werden die Mäkler nach einem feststehenden Satz, der sich nach dem üblichen Getreidemaß richtet, entschädigt (in Preußen z.B. mit 1/2 Sgr. pr. Scheffel), welches Mäklerlohn sie oft, gegen die Regel, sowohl von Verkäufern als vom Käufer beziehen. Den größten Einfluß auf den deutschen Getreidehandel u. die deutschen Getreidemärkte übt stets England; denn je nachdem von dort die Nachrichten flau od. animirend kommen, fallen od. steigen auch auf den deutschen Märkten die Preise. Den Hauptimpuls üben sie aber auf den Weizen, von dem dann die anderen Getreidearten allmälig nachgezogen werden. Der Umstand, daß England eigentlich die Getreidepreise in Deutschland bestimmt u. daß, sobald Ausfuhr dorthin stattfindet, diese großartig ist, macht, daß der eigentliche Großhandel im G. nur in den Seeplätzen stattfindet, u. daß von diesen aus das Steigen od. Fallen der Getreidepreise sich über das ganze Land verbreitet. Von dort aus werden die Geschäfte entweder direct von großen Häusern od. indirect durch Ausführung von Consignationen aus England gemacht. Ersteres bringt in günstigen Zeitläufen öfters hohen Gewinn, letzteres ist für die Ausführenden sicherer. Übrigens ist der Getreidehandel im Allgemeinen noch sehr schwankend, denn oft wirken auf die Preise sehr geringfügige Umstände, z.B. etwas mehr Regen od. Trockenheit, als man erwartet, augenblicklich ein. Über den Zusammenhang zwischen dem Ausfall in den Ernten u. den zu erwartenden Getreidepreisen ist von King eine Regel (Kingsche Regel) aufgestellt worden, sie lautet folgendermaßen: fehlen an einer Mittelernte 10, 20, 30, 40, 50 Procent, so steigt der Kornpreis über den Mittelsatz etwa 30, 80, 160, 280, 450 Procent. Ferner wird der Durchschnittspreis des G-s gewöhnlich so berechnet: man nimmt das arithmetische Mittel des höchsten u. niedrigsten an einem bestimmten Markttag u. Marktort vorgekommenen Preises als den Durchschnittspreis des Tages an, das arithmetische Mittel der so ermittelten Durchschnittspreise für die einzelnen auf 1 Monat fallenden Markttage als den Durchschnittspreis des Monats etc. Ein genaueres Resultat wird man noch erhalten, wenn man die Scheffelzahl, die zu einem gewissen Preis verkauft werden, mit letzterem multiplicirt, alle diese Producte addirt u. durch die Summe der Scheffel dividirt. Ähnlich hat man zu verfahren, um den monatlichen u. jährlichen Durchschnittspreis zu finden.

V. Das G. ist wegen seiner Nothwendigkeit zur Ernährung des Volkes das wichtigste Erzeugniß des Staates, u. wenn es fehlt, tritt Getreidemangel u. Getreidetheuerung ein. Theuerung des G-s findet nur dann statt, wenn der Producent so viel für sein G. erhält, daß er zu großen Gewinn bei der Erzeugung hat. Wenn aber in Folge einer Mißernte das G. sehr im Preise steigt, so ist dieser zwar für die Consumenten drückend, aber für den Producenten in der Regel nicht zu hoch, weil er bei der geringen Menge nur wenig verkaufen kann. Die Wohlfeilheit des G-s ist ein solcher Stand des Preises, wobei der Landwirth zu geringen Gewinn od. wohl gar Verlust hat. Theurung u. Wohlfeilheit des G-s sind Abweichungen von einem angemessenen od. billigen Preis, welcher den üblichen Auslagen des Landwirthes u. dem üblichen Gewinn, welchen der Landwirth in Anspruch nehmen kann, entspricht. Daß in Theuerungsjahren kein Mangel an G. entsteht, ist zum großen Theil den höheren Getreidepreisen zu verdanken, durch welche die Zufuhr aus solchen Gegenden, wo die Preise niedriger stehen, bewirkt wird. Da diese Verhältnisse nur Wenigen klar sind, so glauben Viele, daß die Getreidepreise durch die großen Landwirthe u. die Händler willkürlich in die Höhe getrieben werden können, u. dann, daß noch bedeutende Getreidevorräthe vorhanden seien, u. deren Eigenthümer zum sofortigen Verkauf gezwungen werden müßten. Aber man muß nur die Großartigkeit des Verkehrs im Allgemeinen u. die Vortheile des im Großen betriebenen Getreidehandels im Besonderen bedenken. Durch Schifffahrt u. Eisenbahnen ist es leicht geworden, eine große Menge G. über ein Land zu verbreiten, u. zugleich mit einer Schnelligkeit, daß jetzt wirklicher Mangel in ganzen Ländern kaum denkbar ist; denn durch die Einrichtungen des großen Getreidehandels wird es schnell in anderen Gegenden bekannt, wenn irgendwo der Vorrath zu Ende geht. Der Handel concentrirt sich in der Regel auf gewissen Plätzen, die ganze Zufuhr geht auf den Hauptmarktplatz u. von diesem aus vertheilen sich dann die großen Vorräthe in kleineren Partien in die Umgegend. Auf dem Hauptmarkte finden sich die großen Getreidehändler ein; stehen die Preise niedrig, so kaufen sie G., um es nach anderen Marktplätzen zu schaffen, wo höhere Preise sind; stehen die Preise hoch, so führen sie von anderen Märkten, die niedrigere Preise haben, G. zu. Beides gebietet ihnen der eigene Vortheil. Wie die Preise an verschiedenen Marktplätzen gleichzeitig stehen, erfahren[309] sie theils durch die Getreidebörsen, die eben dazu eingerichtet sind, daß durch zuverlässige vereidete Männer (Mäkler) die wahren Durchschnittspreise jeden Markttags ermittelt u. bekannt gemacht werden; theils durch Privatverbindungen, die sie an Orten anknüpfen, wo keine Getreidebörse eingerichtet ist. Posten, Eisenbahnen u. Telegraphen verschaffen ihnen diese Nachrichten mit der größten Schnelligkeit, u. der Verkehr umschließt ganze Länder. Dies beweist der Umstand, daß bei Theuerung fast durch ganz Europa die Getreidepreise verhältnißmäßig auf gleicher Höhe stehen. Also die Getreidehändler können den Preis in einem Lande nicht willkürlich hinaufschrauben od. herabdrücken, denn der Bedarf in seiner Totalsumme ist ein so ungeheuerer, daß das, was der Einzelne, u. wäre er auch noch so reich, liefern od. aufkaufen kann, immer nur ein kleiner Theil bleibt, u. weil der größte Theil des Bedarfs unmittelbar von den Producenten an die Consumenten abgesetzt wird, mithin dem Handel, dem nur die Ausgleichung des Zuviel od. Zuwenig bleibt, nur geringer Einfluß gelassen ist. Wenn sich auch einige größere Händler vereinigen wollten, um in einer Gegend die Preise hinauszutreiben, so würde, sobald der Preis höher stiege, als in anderen Gegenden, dies schnell bekannt werden, u. andere Händler u. größere Producenten würden sofort billigeres G. an denselben Platz schaffen, weil sie daran etwas verdienen könnten. So dient also der Handel dazu, jede Preiserhöhung, die nicht natürlich ist, auszugleichen. Ungerechter noch ist das Vorurtheil gegen die Producenten, das ihnen zum Vorwurf macht, bei Getreidetheuerung Vorräthe aufzubewahren. Einmal sind solche Vorräthe entweder gar nicht vorhanden, od. nicht in solcher Menge, als das Publicum glaubt; dann sind aber auch die etwa aufgespeicherten Vorräthe im Vergleich zum Bedarf eines ganzen Landes so gering, daß ihr sofortiger Verkauf die Lage der Bevölkerung nur verschlimmern würde, denn es würde dies zwar vielleicht augenblickliches Fallen der Preise zur Folge haben, da aber bei der Theuerung die Preise in den Nachbarländern so ziemlich auf gleicher Höhe stehen, so würden die Händler u. Bewohner jener Gegenden, durch die gesunkenen Preise herbeigelockt, sofort das zum Verkauf gebrachte G. aufkaufen u. ausführen, so daß man bald nicht nur wieder höhere Preise hätte, sondern für den Nothfall von allen Vorräthen entblößt wäre u. den nöthigen Bedarf von G. um desto höheren Preis wieder aus dem Auslande holen müßte. Wenn aber auch die inländischen Vorräthe sämmtlich nur im Inland verkauft würden, so wäre damit doch nichts geholfen, der Bedarf wäre nur auf sehr kurze Zeit gedeckt, u. ohne allen Vorrath bis zur nächsten Ernte wäre man allerdings gegen momentane Willkür der Getreidehändler nicht geschützt. Wenn die Grundbesitzer gleich nach der Ernte mit ihren Vorräthen zurückhalten, so führen sie allerdings eine Steigerung der Preise herbei, die aber das Gute hat, daß man die vorhandenen Vorräthe nicht sorglos aufzehrt u. daran denkt, Zuschuß aus dem Auslande sich zu verschaffen, u. zwar zu einer Zeit, wo die Preise noch nirgends auf eine außerordentliche Höhe gestiegen sind. Dadurch wird aber dem möglichen Mangel vorgebeugt. Die Behauptung, daß den hohen Getreidepreisen Kornwucher zu Grunde liege, ist demnach, wenigstens in seiner Allgemeinheit, ungegründet. Als Mittel gegen Getreidemangeln. drückende Theuerung hat man empfohlen: Verbot des Aufkaufs von G. durch Händler, Verbot der Ausfuhr des G-s (was namentlich früher die gewöhnliche Methode war), Verbot des Verkaufs der Früchte auf dem Felde; Freigebung des Gewerbes der Bäcker, um durch größere Concurrenz derselben bessere u. wohlfeilere Waaren zu erzielen; Sparsamkeit, namentlich starkes Ausmahlen des G-s, Benutzung anderer Stoffe zum Backen als G. allein (s. Brod); Ankauf von G. im Ausland durch die Regierungen, Magazinirung etc. Allerdings schützen Getreidemagazine, wenn sie groß genug sind, um den Bedarf für das ganze Land zu fassen, vor Entblößung des nöthigen G-s; indeß vertheuern sie den Preis des G-s durch die nicht gewährten Zinsen während der Zeit der Lagerung, durch Magazinerhaltung, Anstellung von Beamten zur Aufsicht, Schwand, Mäusefraß, Kornwurm etc. Etwas anderes scheint es mit Getreidemagazinen, von Privaten angelegt, die zugleich zum hypothekarischen Institut für geldarme u. getreidereiche Landwirthe dienen sollen, zu sein, doch ist deren Errichtung, die zuerst der Graf Soden (Zwei national-ökonomische Ausführungen, das idealistische Getreidemagazin u. die Nationalhypothekenbank, Lpz. 1813) u. Faust in Bückeburg (Vorschlag zur Einrichtung von Kornvereinen, Kornhäusern u. Kornpapieren, Hannov. 1825) mit einigen Modificationen wieder zur Sprache brachte, nur Idee geblieben. Wohlthätig haben Getreidevereine gewirkt, welche von wohlhabenden Bürgern durch Geldvorschüsse gestiftet wurden, um in theueren Jahren G. aus dem Auslande herbeizuschaffen u. den Armen wohlfeiles Brod zu sichern. Vgl. L. Borcher, Das idealische Getreidemagazin, Altenb. 1813; Soden, Ideen über das Mittel, das Sinken der Getreidepreise zu hemmen, Nürnberg 1825; Scheidtmann, Der sogen. Kornwucher, Düsseld. 1837; J. W. Krause, Abbildungen u. Beschreibungen aller Getreidearten, Lpz. 1837; L. Borcher, Beschreibung neuer Getreidearten, Weißensee 1839; J. W. Krause, Das Getreidebuch, Lpz. 1840; J. Metzger, Landwirthschaftliche Pflanzenkunde, Heidelb. 1840; Funk, Wie ist der Getreidetheuerung abzuhelfen? Frankf 1846; Reuning, Über die Verhinderung des Mangels an G., Heidelb. 1847; Schulze, Über Kornhandel, Jena 1848; Roscher Über Kornhandel u. Theuerungspolitik, 3. Aufl. Stuttgart 1852; Löbe, Die Getreidetheuerung Lpz. 1855.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 306-310.
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