Opĭum

[315] Opĭum, der eingetrocknete Saft der Kapseln des weißen Mohnes (Papaver somniferum), welcher vorzugsweise im Orient als narkotisches Berauschungsmittel gebraucht wird u. auch in der Medicin wichtige Anwendung findet. Die Perser nennen das O. Afioun, die Araber Asioum, woher auch unser deutsches Wort O. kommt. Man gewinnt das O., indem man in die Mohnköpfe, wenn sie ihrer Reise nahe sind, Einschnitte macht, den aus denselben hervorquellenden Milchsaft an den Kapseln eintrocknen läßt u. dann abschabt. Die Einschnitte werden der Länge nach, von oben nach unten u. nur durch die äußere Haut gemacht, wobei man sich eines Messers (Nashtur) bedient, welches drei od. vier eng aneinanderliegende Schärfen hat. Das O. kommt in den Handel in Form von rundlichen, etwa faustgroßen Klumpen, in Blätter eingewickelt. Das beste O. ist eine weiche, schmierige Masse von rothbrauner od. dunkelbrauner Farbe, wachsartigem Glanz, eigenthümlichem Geruch u. scharfem, bitterem Geschmack. Es wird hauptsächlich in Persien, Ostindien u. der Asiatischen Türkei gewonnen; im europäischen Handel ist das aus Smyrna kommende O. am meisten geschätzt, während im östlichen Asien vorzugsweise ostindisches O. verbraucht wird. Durchschnittlich gewinnt man vom Acker 20 bis 25 Pfund O., in Ostindien steigt der Ertrag zuweilen auf 41 Pfund. Auch in Frankreich, Italien u. Griechenland hat man angefangen, Mohn zur Gewinnung von O. anzubauen. Man unterscheidet im Handel mehre Sorten: A) Levantisches O.: a) O. von Smyrna (O. levanticum, turcicum, smyrnaeum), in verschiedenen Varietäten. Das beste kommt in rundlichen, 11/2 Unze schweren Broden vor, welche, in Mohnblätter eingehüllt u. hin u. wieder mit den Samen von Rumex orientalis bestreut, außen härter, innen weicher sind u. beim Durchschneiden viele kleine glänzende, hellbraun gelbliche Körner, die vertrockneten Thränen des Milchsaftes, bemerkbar lassen. b) Constantinopolitanisches O., wird in Anatolien erzeugt, u. Depots davon sowohl in Smyrna als in Constantinopel unterhalten; kommt theils in 1/2 bis 21/2 Unzen schweren, außen unebenen, in Samen von Rumex gehüllten, weichen, rothbraunen, innen fast goldgelben Broden, von sehr starkem Opiumgeruch u. sehr bitterem Geschmack, ohne Thränen, theils in kleinen, platten, 1 bis 4 Unzen schweren, in Mohnblätter gehüllten Broden vor u. ist von vorzüglicher Güte. c) Persisches O. (Trapezuntopium), in dünnen, cylindrischen, od. durch den Druck viereckigen, in Papier gewickelten Stangen, riecht widerlich narkotisch-schimmlich, ist oft mit Reismehl verfälscht u. enthält wenig Morphium. d) Ägyptisches O. (Thebaisches O.), sonst für das beste gehalten, ist außen u. innen gleich trocken, von muscheligem, fett- od. wachsglänzendem [315] Bruch, in ein Mohnblatt gehüllt, theils in kreisförmigen platten, fast pfundschweren, theils in kleinen Broden; wird, wie das Constantinopolitanische, in Blechkisten zu 100–150 Pfund versendet. B) Ostindische Opiumsorten. Die Cultur des O-s in dem englischen Indien ist auf die Provinzen Malva, Bahar u. Benares beschränkt, u. das gewonnene O. muß an die Beamten der Ostindischen Compagnie zu festgesetzten Preisen abgeliefert werden. Es ist theils rothbraun u. weich, theils mehr od. minder dunkel- bis schwarzbraun u. wie eine steife Pillenmasse fest. Es wird in, außen mit Thierfellen u. grobem Zeug beschlagenen, inwendig in Fächer getheilten Kisten, deren jede bis 40,3 bis 4 Pfund schwere, dick mit Mohnblättern umwickelte u. mit Mohnblättern od. Spreu von Mohnsamen fest eingepackte Kuchen enthält, bes. nach China versendet. Man unterscheidet: Patna-, Benares-, Malva- u. Damannopium. Auch Java liefert O., aber von verschiedener Güte.

Das O. enthält ungefähr acht verschiedene organische Basen, welche darin an Meconsäure u.a. organische, zum Theil auch an unorganische Säuren gebunden sind u. denen das O. seine eigenthümlichen narkotischen Eigenschaften verdankt. Diese Alkoloide, welche man Opiumbasen nennt, sind: Morphium, Narcotin, Codem, Pseudomorphin, Narcein, Opianin, Thebain, Papaverin u. vielleicht Porphyroxin (s.d.a.). Sie scheinen sich zum Theil aus einander zu bilden od. in verschiedenen Vegetationsperioden der Pflanze in einander überzugehen. Ihre Menge wechselt in den verschiedenen Opiumsorten bedeutend; nicht nur der Stand der Pflanze, der Grad der Reise beim Abschnitt, die Witterung etc. sind von wesentlichem Einfluß, sondern auch das Verfahren beim Trocknen u. die Zubereitung zum Verkauf. Die Zusammensetzung verschiedener Smyrnaer Opiumsorten ist folgende: 100 Theile O. enthalten: Morphium 2 bis 10, Narcotin 6 bis 9, Codem 0,6 biss, 0,8 Narecïn 6 bis 13, Meconsäure 5 bis 7, Kautschuk 3 bis 6, Arabin 22 bis 25, Bassorin 17 bis 21 Theile; außerdem geringe Mengen der anderen oben genannten Alkaloide, Farbstoffe, Harze, Cellulose, Salze u. Wasser. Der Verbrauch an O. ist bei den verschiedenen Völkern Asiens, bes. in Ostindien, Persien u. China, sehr bedeutend. Aus Ostindien gelangen jährlich gegen 61/2 Million Pfund O. durch den Handel ins Ausland, zu deren Erzeugung ein Flächenraum von mindestens 500,000 Morgen erforderlich ist. Dieser Handel bringt der Regierung einen Reinertrag von etwa 24 Mill. Thaler ein. In China beträgt der Gesammtverbrauch, trotzdem das O. dort streng verboten ist, jährlich ungefähr 4 bis 5 Mill. Pfund, im Werth von ebensoviel Pfund Sterling. In Europa ist der Verbrauch an O. wesentlich geringer, aber doch in immerwährender Zunahme begriffen. In Großbritannien betrug die Einfuhr an O. im Jahr 1839 41,000 Pfund, 1852 aber schon 114,000 Pfd.

Das O. ist eines der ältesten, so wie der kräftigsten Arzneimittel; doch ist seine Wirkung schwer auf gewisse Grundsätze zurückzuführen. Es wurde bald unter die Klasse der reizenden, bald die der narkotischen gestellt, da es mitbeiden Eigenschaften gemein hat. Im Allgemeinen regt es daran Ungewohnte auf, ähnlich wie Wein. Die Muhammedaner bedienen sich daher desselben häufig, um den ihnen verbotenen Wein zu ersetzen; bes. nehmen sie es zu Anfachung des Muths vor Gefechten, zur Verscheuchung der Grillen, schwärmerisch Religiöse, um in Entzückungen zu gerathen u. Visionen zu bekommen, Dichter, um ihre Phantasie zu beleben, Wollüstlinge, um zum Lebensgenuß sich zu stärken etc. Die Opiumesser (Theriaki) sind im Orient sehr gewöhnlich, rühmen das im Augenblick des Rausches empfundene Vergnügen als überschwenglich, sind aber bei den Türken verachtet. Der Opiumgenuß zum Zweck narkotischer Betäubung beschränkt sich aber keineswegs auf Asien; in England sind Opiumesser nicht selten, namentlich unter den niederen Volkoklassen; so befanden sich nach statistischen Angaben im Jahr 1843 in der Fabrikstadt Preston mehr als 1600 opiumessende Familien. Der Opiumgenuß ist deshalb schädlich, weil die dadurch erregte Exaltation nicht nur einen Schwächezustand hinterläßt u. Weist u. Sinne abstumpft, sondern auch durch Übermaß der Gabe, od. zu häufige u. schnelle Wiederholung direct zu Schwäche, namentlich zu Betäubung, führt u. in sehr großen Dosen einen apoplektischen Zustand zur Folge hat, der, mit Sinnenverwirrung verbunden u. von Convulsionen begleitet ist u. leicht tödtlich werden kann. In mäßiger Dose bewirkt O. Abstumpfung von Schmerzgefühl u. Schlaf u. wird deshalb häufig als symptomatisches Mittel benutzt, eben so auch zu Stillung von Durchfällen, od. auch in Krampfzuständen, wo es die Reizbarkeit vermindert, wogegen es aus gleichen Ursachen, od. auch durch specifische Anregung, die Hautausdünstung fördert. Eine gewöhnliche Dose ist zu 1 Gran in Substanz; doch reicht auch oft schon eine geringere Gabe hin. Übrigens gewöhnt sich der Körper leicht an das O., so daß es bis zu 1 Quentchen u. mehr vertragen wird. Man hat vielfach versucht, durch Verbindung mit andern Mitteln seine nachtheiligen Wirkungen zu entfernen u. verordnet es auch jetzt noch selten ganz einfach in Substanz, sondern meist in allerhand Formen, die man im Allgemeinen als Opiate bezeichnet, zu denen unter andern das Dowersche Pulver (s.d.) gehört. Vgl. Mithridat u. Theriak, auch Philonium. Um den Namen O. in ärztlichen Verordnungen zu vermeiden, ist in späterer Zeit das Wort Laudanum (zuerst von Theophr. Paracelsus gebraucht) statt desselben üblich worden; vgl. Opiumtincturen unter Opiumpräparate. Auch äußerlich wird O. nicht ohne Nutzen angewendet, als Pflaster, Salbe, Umschlag, in Klystieren, Einspritzungen. Auch schon der Geruch ist nicht ohne Wirkung. Gegenmittel gegen O. in Vergiftungsfällen sind: vegetabilische Säuren, Naphten, Campher, Ammonium, Kaffee, Ipecacuanha u.a. Vgl. Sachs, Das O., Königsb. 1836; Hirzel, Das O., Lpz. 1851.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 12. Altenburg 1861, S. 315-316.
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